Lade Inhalt...

Leben auf der Straße - Scheitern oder aktive Bewältigung? Eine geschlechtersensible Analyse von Ursachen, Bewältigungsstrategien und Belastungen wohnungsloser Jugendlicher und junger Erwachsener

Bachelorarbeit 2012 51 Seiten

Soziale Arbeit / Sozialarbeit

Leseprobe

2.4. Rechtliche Situation

Das Hilfesystem für wohnungslose Jugendliche und junge Erwachsene kann in zwei Säulen dargestellt werden: Hilfe zum Wohnen im Rahmen der Jugendhilfe für unter 18-Jährige und der Wohnungslosenhilfe, welche die volljährigen Menschen erreichen soll.

Die Jugendhilfe legt den Schwerpunkt hauptsächlich auf die individuelle Förderung zur eigenständigen Persönlichkeitsentwicklung. Die Wohnungslosenhilfe reagiert auf situative Ursachen und legt ihren Fokus auf die Hilfen zur Sicherung der Wohnung und des Lebensunterhaltes, mit dem Ziel der gesellschaftlichen Partizipation (vgl. Kolb/Braun in Rosenke 2006: 142).

Minderjährige Jugendliche, die ohne festen Wohnsitz auf der »Straße« oder in anderen Zusammenhängen leben, führen rein rechtlich eine illegale Existenz. Nach dem Bürger-lichen Gesetzbuch (BGB) muss ein Kind den Wohnsitz mit seinen Eltern teilen und darf seinen Aufenthalt nicht selbst bestimmen (s. § 11 BGB). Wenn minderjährige Jugendliche aber Hilfe suchen und um Inobhutnahme bitten, sind die Jugendämter nach § 42 Sozial-gesetzbuch (SGB) VIII verpflichtet, sie vorübergehend aufzunehmen. Zu diesem Zweck gibt es Jugendschutzstellen, Kinder-, Mädchen- und Jugendnotdienste. Ihre Aufgaben bestehen darin, die Klient_innen mit dem Lebensnotwendigen zu versorgen, sie zu beraten, ihnen einen Schlafplatz anzubieten und längerfristige Perspektiven mit ihnen auszuarbeiten (vgl. Bodenmüller/Piepel 2003: 40).

Der Kern der professionellen Wohnungslosenhilfe ist die Hilfe nach §§ 67ff SGB XII – Hilfe zur Überwindung besonderer sozialer Schwierigkeiten. Ergänzend wird die Hilfe für Volljährige in SGB II bzw. SGB XII geregelt. In den Kommunen (Amt für Arbeit und Soziales, Sozialamt etc.) stehen finanzielle Mittel des Arbeitslosengeldes II und der Grundsicherung zur Verfügung. Ausgezahlt wird das Geld meist für den Lebensunterhalt, wenn die bürokratischen Hürden für die wohnungslosen Menschen nicht zu hoch sind (vgl. Malyssek/Störch 2009: 22).

3. Wege auf die »Straße«: Differenzen bei den Geschlechtern?

Um die Probleme und Bewältigungsstrategien der Jugendlichen auf der »Straße« analysieren zu können, sollten vorerst die Ursachen für den Weg in diese prekäre Lage beleuchtet werden.

Der Weg in die »Straßenszene« führt meist über „Konflikte in und Verluste von sozialen Beziehungen wie Trennungen, Scheidungen, Verstoßungen sowie Todesfälle oder die Unterbringung (…) in Heimen oder Pflegefamilien“ (Sellach/Enders-Dragässer in Reuschke 2010: 200). Des Weiteren kann ein hohes Maß an Gewalterfahrungen der Auslöser für den Beginn einer »Straßenkarriere«[1] sein.

Das Ausbrechen aus den traditionellen Lebensbezügen wird dadurch begünstigt, dass die Pluralisierung von Werten und Normen, ebenso wie die Erosion sozialer und kultureller Traditionen eine Destandardisierung der Jugendphase bedingt (vgl. Bozenhardt/Lindenthal 2002: 11). Die veränderten, härteren Gangarten in der Gesellschaft und die Fragilität familiärer Strukturen – die die fortschreitende Modernisierung und Flexibilisierung mit sich gebracht hat – fördert eine Orientierungslosigkeit (vgl. Malyssek/Störch 2009: 23), die in der »Straßenszene« münden kann.[2] Demnach können diese Faktoren in letzter Konsequenz Wohnungslosigkeit verursachen, „weil dem Einzelnen normorientiertes Verhalten nicht möglich ist“ (ebd.: 32).

3.1. Familienflucht & Verstoßung aus der Familie

Probleme und Krisen zwischen den Eltern, Drogen- und Alkoholabhängigkeiten, psy-chische Probleme wie Depressionen, Krankheit und Tod von Familienangehörigen gehören zu den alltäglichen Belastungen, die für die/den Heranwachsende_n eine einschneidende bis traumatische Bedeutung haben (vgl. Thomas 2010: 54) und zur Familienflucht bzw. Verstoßung aus dem Familiensystem führen können.

Vernachlässigung und Gewalt innerhalb der Familie sind dann ausschlaggebende Fluchtgründe (vgl. Sand 2001: 38; Schruth in Müller/Schulz/Thien 2010: 289), „dabei berichten die Jugendlichen nicht von gelegentlichen Ohrfeigen, sondern von brutalen Schlägen“ (Bodenmüller/Piepel 2003: 17). Innerhalb der Familie wird die Gewalt häufig nicht als Norm- oder Regelverletzung bewertet, „ sondern konstituiert normale Verhältnisse“ (Steckelberg in BAG W 2010c: 60). Infolge dessen können sich Dauerkonflikte in verbalen Entgleisungen, psychischen Erniedrigungen, unverhältnismäßigen Sanktionen, Verboten und Hausarresten, körperlichen Bestrafungen, bis hin zu sadistischer Gewaltanwendung und sexuellem Missbrauch manifestieren (vgl. Thomas 2010: 54). Insbesondere Mädchen und junge Frauen sind verstärkt körperlicher und seelischer Gewalt in sozialen Nahräumen ausgesetzt. Sie haben keine sichere Privat- und Intimsphäre, sondern erleben genau dort Grenzüberschreitungen (vgl. Wesselmann 2009: 25). Bspw. in Form von sexuellem Missbrauch, wobei die engsten Familienangehörigen im Zuge dieser Übergriffe Mädchen in „die Rolle der Sexualpartnerin“ (Weber in Retza/Weber 2001: 53; vgl. auch Bodenmüller/Piepel 2003: 21) drängen. Diese Missbrauchserfahrungen gehen einher mit Isolation, deshalb unternehmen die Mädchen meist Schlichtungsversuche innerhalb der Familie. Schlagen diese fehl und sind andere Widerstandsformen nicht verfügbar (vgl. Trauernicht 1992: 157ff; Bozenhardt/Lindenthal 2002: 110), bleibt ihnen nur die Flucht aus dem Familiensystem.[3]

Konfliktverschärfend kann sich das Zusammenleben mit einem Stiefvater oder Freund der Mutter auswirken, wenn dieser versucht in die Erziehung mit einzugreifen und über das Mädchen oder den Jungen Bestimmungsrechte geltend macht. Damit können sexuelle Übergriffe einhergehen, was sich in der Praxis als ein kaum lösbares Problem darstellt: Die Jugendlichen lehnen das Zusammenleben mit dem Stiefvater oder dem neuen Partner ab, möchten aber zugleich bei der Mutter leben. Während Jungen eher in Rivalitäten mit dem Stiefvater verwickelt werden, müssen Mädchen vorwiegend darunter leiden, dass dieser ihre Eigenständigkeit nicht akzeptiert, Vorschriften macht und strenge Erziehungsmaßnahmen ergreift. Insbesondere wenn das Gebot der sexuellen Enthaltsamkeit für Mädchen noch eine Rolle spielt und durch den Stiefvater oder neuen Partner der Mutter vertreten wird. Diese Konstellation ist für die Jugendlichen auf Dauer nicht zu ertragen und sie flüchten in die »Straßenszene« (vgl. Bodenmüller/Pieper 2003: 18f; Trauernicht 1992: 55, 146f).

Ausbildungsabbrüche sind nach Bodenmüller und Piepel ein weiterer Auslöser dafür, dass die Jugendlichen aus der Familie verstoßen werden (vgl. 2003: 17). Insbesondere das Schul- und Ausbildungsverhalten bei Jungen ist ein Konfliktthema mit den Eltern (vgl. Permien/Zink 1998: 161; Weber in Retza/Weber 2001: 53).

Ein weiterer Belastungsfaktor sind Suchtprobleme der Eltern(-teile)[4], wenn diese die Verantwortung für den Lebensalltag nicht mehr übernehmen (können). Insbesondere Mädchen werden infolgedessen mit der gesamten Haushaltsführung, der Beaufsichtigung jüngerer Geschwister oder dem Zuverdienst zum Lebensunterhalt durch Arbeit belastet und somit in Erwachsenenrollen gedrängt (vgl. Weber in Retza/Weber 2001: 53; Bodenmüller/Piepel 2003: 21).

Bozenhardt und Lindenthal beobachteten in ihrer Freiburger Studie, „dass sich die weiblichen Befragten mehrheitlich in der Gruppe derjenigen befinden, die das Erziehungs-verhältnis aktiv beenden, wohingegen die männlichen Jugendlichen eher von ihren Eltern an andere Erziehungsinstanzen überwiesen werden“ (2002: 109). Im Zuge dessen lässt sich vermuten, dass die Reaktionsmuster von Jungen „innerhalb häuslicher Konflikte mit den Eltern eher als unerträglich und nicht kontrollierbar erlebt“ (ebd.: 110) werden und die Eltern die Jungen früher und häufiger in Jugendhilfeeinrichtungen unterbringen (vgl. auch Schruth in Müller/Schulz/Thien 2010: 289).

Daraus ergibt sich die Geschlechterverteilung (vgl. Kapitel 2.3.), dass Mädchen eher auf die »Straße« flüchten und das Geschlechterverhältnis in jungen Jahren noch relativ aus-geglichen ist, wohingegen Jungen erst nach dem Scheitern der Jugendhilfemaßnahmen den Weg in die »Straßenszene« einschlagen.

Mit der Flucht aus der ursprünglichen Lebenswelt wollen sich die Jugendlichen primär einer unhaltbaren Belastungssituation entziehen, was als „aktives Handeln zur Bewältigung bzw. Vermeidung von vielfältigen Mangelerfahrungen zu interpretieren“ (Bozenhardt/Lindenthal 2002: 132) ist. Sie hoffen auf diese Art eine Veränderung in der Familie herbeizuführen und Aufmerksamkeit sowie Verständnis zu erhalten. Erst in Folge mehrerer Fluchten realisieren sie, dass die Aussicht auf Veränderung gering ist (vgl. Permien/Zink 1998: 165f).

Dazu kommt bei vielen die »Hiobsbotschaft«, dass die Eltern „auf erste Fluchten häufig nicht emotional betroffen und nachdenklich reagieren, sondern vielmehr gleichgültig oder aggressiv. Dies wird besonders deutlich daran, ob die Eltern Vermißtenmeldungen aufgeben oder nicht“ (ebd.). Die Erziehungsberechtigten sind so intensiv mit ihren eigenen Problemen beschäftigt und mit der Erziehung überfordert, „dass sie das Interesse an ihrem Kind verlieren“ (Bodenmüller/Piepel 2003: 17).[5]

3.2. Ausbruch aus Erziehungseinrichtungen & Abbruch von Jugendhilfemaßnahme

Ein nicht zu unterschätzender Faktor, der eine »Straßenkarriere« begünstigen kann, ist die Ausgrenzung von Mädchen und Jungen aus Jugendhilfeeinrichtungen.

Kommen Jugendliche nach einer längeren Periode des absoluten Selbstbestimmtsein auf der »Straße« in eine Einrichtung, können sie sich kaum in die bestehenden Konzepte einfügen, da diese wenig Raum für die erworbene Autonomie bieten. Interessenkollisionen sind in der Regel vorprogrammiert und stehen an erster Stelle der Abbruchursachen (vgl. Bozenhardt/Lindenthal 2002: 113f). Insbesondere Mädchen, die „auf Grund von Einschränkungen und Bevormundungen ausgerissen sind“ (Bodenmüller/Piepel 2003: 20f) fällt es schwer „sich an neue Regeln und Grenzen in Hilfeeinrichtungen zu halten“ (ebd.).

Nicht selten wird von Seiten der Eltern der Wunsch an die Jugendhilfe herangetragen, die Mädchen weit außerhalb des Innenstadtbereichs unterzubringen, um den Kontakt zur Szene zu erschweren (vgl. ebd.: 38). Verschärfend kommt hinzu, wenn die Mädchen einen männlichen Partner innerhalb der Szene haben. Dieser wird von der Jugendhilfe oftmals als »Störfaktor« angesehen und von dem Mädchen oder der jungen Frau wird die Trennung erwartet (vgl. ebd.: 267). Doch ist die Szene oder der/die feste Partner_in für die Mädchen, nach den erlebten Enttäuschungen, der einzige »Halt«. Es kommt zur Flucht, noch bevor sich die Mädchen in ihrer neuen Umgebung einleben können.

Geschlechteranhängige Ursachen für einen Ab- oder Ausbruch aus Jugendhilfeeinrichtungen/-maßnahmen von männlichen »Straßenjugendlichen« konnten in der Literaturrecherche nicht ermittelt werden.

Ziehen die Mädchen und Jungen das »freie« Leben auf der »Straße« den »Schutzstellen« vor, wissen sie noch weniger als Familienausreißer_innen wohin sie gehen sollen, da ihre sozialen Beziehungen sich häufig ausschließlich im »Heim« abspielen. Als Fluchtort bleibt nur die Ankopplung an die »Straßenszene« (vgl. Bodenmüller 2010: 39).

3.3. Subkulturelle Orientierung

Dass sich Jugendliche der »Straßenszene« zuwenden, wird in der „Sogwirkung der Szenen“ (Röhnsch 2003: 12) selbst gesehen. Die Jugendszenen können vor allem auf sozial benachteiligte Jugendliche eine – zum Teil medial vermittelte – Anziehungskraft ausüben und als eine attraktive und spannende »Gegenwelt« zu bisherigen Sozialisationskontexten erscheinen. Die »Straßenkarrieren« werden demnach primär durch die Faszination von Jugendkulturen ausgelöst, welche erst sekundär Probleme mit den Eltern oder Jugendhilfeeinrichtungen erzeugen (bspw. bei dem Lebensstil der Punkszene). Der neue Lebensstil der Kinder entspricht nicht den Vorstellungen der Eltern bzw. sprengt deren Toleranzspielraum. Häufig können die Erziehungsberechtigten der Attraktivität der »Straßenszene« nichts entgegensetzen (vgl. Permien/Zink 1998: 154ff; Flick/Röhnsch 2008: 43). „Vor dem Hintergrund ihrer bisherigen, von unterschiedlichen Entbehrungen gekennzeichneten Lebenssituation sind die Jugendlichen hierzulande (zunächst) meist davon überzeugt, es ,auf der Straße‘ in der Gemeinschaft der Gleichbetroffenen, besser zu haben“ (Flick/Röhnsch 2008: 43).

Viele Jugendliche halten sich nur zeitweise in der »Straßenszene« auf und verlassen ihr Zuhause im Elternhaus nicht. Eine Voraussetzung ist jedoch, dass die Freiräume in der Szene von der Familie akzeptiert werden (vgl. Bodenmüller/Piepel 2003: 36).

Spätestens mit der Pubertät erfahren Mädchen geschlechtsspezifische Reaktionsweisen auf ein intensives Verkehren in der »Straßenszene« (vgl. Permien/Zink 1998: 206; Weber in Retza/Weber 2001: 55). „Die Selbstverständlichkeit, mit der sich Jungen in (…) Außenräumen bewegen und mit der sie diese Räume für sich vereinnahmen, können Mädchen weder entwickeln noch umsetzen“ (Bodenmüller 2010: 31). Während viele Jungen noch mit einem Bein Zuhause leben und parallel dazu ihren Lebensmittelpunkt in die Szene verlagern, ist dies bei vielen Mädchen nicht möglich. Der Umgang mit der Szene wird bei ihnen viel seltener geduldet. Bei Jungen hingegen tolerieren die Eltern den Aufenthalt in der »Straßenszene« als »Experimentierphase« (vgl. Permien/Zink 1998: 206; Bodenmüller/Piepel 2003: 20ff). Aus Angst um die körperliche Integrität von Mädchen werden ihnen mehr Beschränkungen und erhöhte Kontrollen auferlegt. Weber begründet diese Einschränkungen damit, dass „Mädchen, die Kontakte zur Straßen- und Bahnhofsszenen halten, (..) gegen normative Rollenerwartungen [verstoßen]. Auf ihre Angst und/oder auf die Mechanismen sozialer Kontrolle reagieren die Herkunftsfamilien, (…) bei Mädchen oft dramatischer und schneller als bei Jungen“ (in Retza/Weber 2001: 55). Konflikte münden früher darin, „dass Mädchen vor die Zwangsalternative Familie oder Straßenszene gestellt werden“ (ebd.). Sie sind hin- und hergerissen zwischen der familiären und subkulturellen Welt, welche unterschiedliche Rollenerwartungen an sie stellen. Gibt keiner der beiden Bezugssysteme nach, steigt der Druck für die Mädchen, was zu einem „Bruch mit der Familie und dem gesamten Herkunftsmilieu“ (ebd.) führen kann.

Für manche Eltern scheint der Aufenthalt in der Szene als »Spitze des Eisberges« von Problemen geradewegs willkommen, „um das kompliziert gewordene Mädchen loszuwerden“ (Bodenmüller in Retza/Weber 2001: 85).

3.4. Fazit

Viele der Mädchen und Jungen reagieren bis zum Beginn der Pubertät mit »Stillhalte-« oder anderen Bewältigungsstrategien auf das belastende Familienklima, bzw. auf die Probleme in Jugendhilfeeinrichtungen (vgl. Permien/Zink 1998: 145). Mit zunehmenden Schwierigkeiten in diesem Alter wird die Alternative Flucht attraktiver. Dabei gibt es keine „pauschale Einstiegsschleuse“ (Bodenmüller 2010: 44) in die »Straßenszene«. Die aufgeführten Ursachen müssen vielmehr als multifaktoriell angesehen werden. Dem liegt ein Zusammenspiel verschiedener Faktoren zu Grunde: physische und psychische Gewalt (vgl. weiterführend Böhnisch 2010: 152ff), ökonomische Benachteiligung, fehlende Zukunftsperspektiven, sozialisatorische Mängel und eingeschränkte individuelle Ressourcen sowie diskontinuierliche Beziehungen und wechselnde Lebensorte, welche eine Familienflucht, Flucht aus Institutionen, subkulturelle Orientierung und Ausstoßungsprozesse begünstigen können (vgl. weiterführend Bodenmüller/Piepel 2003: 21; Röhnsch 2003: 6; Thomas 2005: 138f). Weitestgehend stimmen die ursächlichen Problemkonstellationen bei beiden Geschlechtern überein.

Vordergründig kann eine Differenz festgestellt werden, wobei sich Konflikte bei Jungen tendenziell stärker an Schul- und Ausbildungsproblemen entzünden. Für die soziale Kontrolle resultiert die Reputation eines jungen Mannes nach Seus eher aus der Erfüllung von Arbeitsanforderungen bzw. seinen Schul-/Arbeitsleistungen (vgl. zit. n. Silkenbreumer in Dollinger/Schmidt-Semisch 2010: 324). Dass sie diesen Anforderungen nicht entsprechen ist insbesondere auf ihre Sozialisation zurückzuführen. Viele Jungen leiden unter Orientierungslosigkeit (vgl. weiterführend Böhnisch 2010: 130ff). Ihnen wird in der Gesellschaft nach Malyssek und Störch keine authentische Verhaltenssicherheit mehr vermittelt, was Krisen, verbunden mit Entwicklungsstörungen, wachsenden Suizidraten, vermehrten Schul-/Ausbildungsabbrüchen, Gewalt und Jugendkriminalitätsraten auslöst (vgl. 2009: 124). Dem begegnen Eltern damit, dass sie die Jungen häufiger und schneller in Jugend-hilfeeinrichtungen unterbringen, um eine Wende »zum Besseren« herbeizuführen.

Gerade wenn Mädchen in der Pubertät ihren Aktionsradius und ihre Autonomie erweitern möchten, stehen bei ihnen eher die Fragen der Sexualität und Freizügigkeit im Vordergrund. Nicht selten wird eine Geschlechterrolle abverlangt, die keine Autonomie und Sexualität zulässt. Sie werden stärker in die Organisation vom Haushalt und den Gelderwerb zum Lebensunterhalt eingebunden. Entscheiden sie sich für Autonomie und Freizügigkeit, ist dies für die Eltern ein Bruch mit der abverlangten Geschlechterrolle und sie kündigen wesentlich schneller das Verhältnis zur Tochter als zum Sohn. Die Mädchen flüchten letzten Endes in die »Straßenszene«. Dieser Schritt wird von ihnen aktiv gewählt – als Bewältigungsstrategie – um den belastenden Zuständen und der abverlangten unzumutbaren Geschlechterrolle in ihrer ursprünglichen Lebenswelt zu entkommen.

Die Flucht oder Ausstoßung – am Ende einer Ursachenkette, in der personale, biografische und gesellschaftliche Faktoren zusammen spielen – ist nicht zwangsläufig der Beginn von Wohnungslosigkeit, aber gewiss dann, wenn die Jungen und Mädchen keine Anlaufstelle haben, wo sie Unterstützung finden.

Doch wie sieht das Leben auf der »Straße« aus, welchen Belastungen sind die Mädchen und Jungen ausgesetzt und wie bewältigen sie ihren Alltag? Im Folgenden Kapitel soll versucht werden, diese Fragen in einigen Punkten unter dem Geschlechteraspekt zu beantworten.[6]

4. Annäherung an die Lebenswelt auf der »Straße«: Belastungen & Bewältigungsstrategien

Die Flucht in die »Straßenszene« wird für die Jugendlichen zum Lösungsversuch bzw. zur Bewältigungsstrategie, die sie als gegenwärtig günstigere Alternative zur ursprünglichen Lebenslage sehen. Dies bedeutet auch, dass viele Jungen und Mädchen in der Regel andere Lebensperspektiven und Wünsche haben, als eine langfristige »Straßenexistenz«. Jedoch ist eine Abgrenzung mit der Zeit schwierig, da die »Straßenszene« als wesentliche Sozialisationsinstanz an Bedeutung gewinnt und nicht selten die einzig verbliebende »Welt« ist, in der die Jugendlichen Integration und Zugehörigkeit erfahren (vgl. Bodenmüller/Piepel 2003: 13).

Die »Straße« ist ein Lebensort der extremen Gefährdung und drohenden Verelendung, in dem kräftezehrende Bemühungen um das alltägliche Überleben die Möglichkeit für ein besseres Leben verhindern. Während die Betroffenen bereits als mehrfachbenachteiligt im Hinblick auf ihre Biografie angesehen werden können, stellt die gegenwärtige Situation ein Leben ohne Schutzraum und finanzielle Absicherung dar. Zudem sind die Jugendlichen einer Reihe von Gesundheitsgefahren ausgesetzt. Diese Belastungsfaktoren sind zugleich Risikofaktoren für symptomatische Reaktionen wie Alkohol-/Drogenkonsum oder den Verdienst des Lebensunterhaltes durch Prostitution. Solche Verhaltensweisen – Überlebensstrategien – bewirken zwar eine Adaption an die gegebenen Anforderungen der »Straßenszene«, verhindern aber eine gesellschaftliche Sozialisation, so dass die Jugendlichen weiter marginalisiert werden (vgl. Pfennig 1996: 14; Röhnsch 2003: 17; Steckelberg in Müller/Schulz/Thien 2010b: 279).

Die »Straße« ist aber auch ein Lern- und Erfahrungsort, in dem es Freiheiten, Selbstbestimmung, jede Menge Raum und Zeit gibt, über die frei verfügt werden kann. Diese Aspekte deuten den wichtigsten Vorteil der Jugendlichen gegenüber ihrem bisherigen Leben an (Steckelberg in Müller/Schulz/Thien 2010b: 279).

Derweil sind in jeder größeren Kommune »Straßenjugendliche« sichtbar, welche bloß die »Spitze des Eisberges« sind. Ungleich mehr Jugendliche leben verdeckt auf der »Straße« (vgl. Schruth in Müller/Schulz/Thien 2010: 289). Denn der überwiegende Teil der Jugendlichen ist „darum bemüht, durch ihre Kleidung und ihr Verhalten nicht auf den ersten Blick als solche erkennbar zu sein“ (Permien/Zink 1998: 222). Diese Strategie dient des Weiteren dazu, sich vor dem Zugriff der Polizei und privaten Sicherheitsdiensten zu schützen. Ferner schütz Unauffälligkeit vor Stigmatisierung und Etikettierung. Die Jugendlichen wollen keinesfalls als arm oder bemitleidenswert gelten (vgl. ebd.: 223).

Im folgenden Kapitel werden ausgewählte Belastungen der Jugendlichen auf der »Straße« und ihre daraus resultierenden Bewältigungsstrategien dargestellt.

4.1. Organisation von Schlafplätzen

Kein Dach über dem Kopf zu haben, bedeutet den Verlust grundlegender menschlicher Bedürfnisse wie Privatsphäre, Intimität, Eigentum und ist an extreme Armut gekoppelt. Somit können in dieser existenziellen Notlage oftmals keine physiologischen Grundbedürfnisse (essen, schlafen, Hygiene) ausreichend befriedigt werden, da sie Geld kosten, insofern man keine alternative Bewältigungsstrategie »zur Hand« hat. Die Bedürfnisse sind elementar und für die Jugendlichen ist es umso wichtiger eine Unterkunft für die Nacht zu finden, die ihnen diese Bedürfnisse erfüllen kann.

In Abhängigkeit von der Jahreszeit, den Witterungsverhältnissen, der Vertrautheit mit straßennahen Überlebensstrategien, der Verfügbarkeit von Einnahmequellen und sozialen Ressourcen, entwickeln sich die Folgen und Gefahren in Bezug auf die nächste Übernachtungsmöglichkeit sehr unterschiedlich (vgl. Thomas 2010: 113). „So macht es einen großen Unterschied, ob man in einem Abbruchhaus, auf einem Dachboden übernachtet, sich ein kleines Zeltlager in Stadtnähe errichtet oder jedes Engagement fallengelassen hat, sodass nur noch das nächtliche Pendeln in der S-Bahn, (…) der Hauseingang, die Straße oder die Parkbank bleiben“ (ebd.). Die Übernachtungsoptionen im Freien sind eher die Ausnahme, da das Kampieren unter freiem Himmel lediglich wenige Wochen im Jahr möglich ist. Tritt der Ausnahmefall ein, sind insbesondere Mädchen, die alleine unter freiem Himmel schlafen, der allgegenwärtigen Angst vor Vergewaltigung, Überfällen und sexueller Belästigung ausgesetzt. Wenn Jugendliche trotz der Gefahren in exponierter Lage quartieren, sind sie meist zu betrunken, mit Drogen »zugedröhnt« oder mit den Strategien der Schlafplatzorganisation noch nicht ausreichend vertraut. Somit ist die »Straße« in der Regel ein Aufenthaltsort für die Phasen des Wachseins (vgl. Bodenmüller/Piepel 2003: 28f; S. 224; Thomas 2010: 112f).

Es verlangt von den Mädchen und Jungen ein hohes Maß an sozialen Kompetenzen und kreativen Strategien sich täglich einen Schlafplatz und Nahrung zu organisieren (vgl. Romahn 2000: 75).

Die meisten Jugendlichen verbringen die ein oder andere Nacht bei ihren Eltern, haben eine Bleibe im Betreuten Wohnen (vgl. Thomas 2010: 115) oder greifen auf speziell für ihre Altersgruppe konzipierte Notschlafstellen zurück, die alternative Unterbringungsmöglichkeiten für eine gewisse Anzahl von Nächten im Monat anbieten. Dort können Voll- und Minderjährige die Nächte anonym verbringen, ohne dass von ihnen Verbindlichkeiten in Richtung einer Änderung der Lebensweise erwartet werden (vgl. Permien/Zink 1998: 224; Böhnisch/Funk 2002: 285; Röhnsch 2003: 56f).

Das vorübergehende Unterkommen bei Freunden oder Bekannten bietet die Möglichkeit den eigenen Grundbedürfnisse nachzugehen und gleichzeitig ein Dach über dem Kopf zu haben, ohne sich der mit einer öffentlichen Hilfe verbundenden Etikettierung auszusetzen. Die Freunde, die eine Bleibe haben, stehen aber oftmals selbst am Rande der Wohnungs-losigkeit, wenn sie Szenemitgliedern helfen wollen und ihnen einen Schlafplatz anbieten. Somit ist es sehr schwierig eine gesicherte Unterbringung zu finden, insbesondere, wenn freundschaftliches Zusammenwohnen fließend in verdeckte Prostitution übergeht (vgl. Schlottmann in Henschel 1994: 43; Thomas 2005: 142; Bodenmüller 2010: 43).

Einige der Jugendlichen kommen bei älteren Männern unter, die teilweise zum weiten Umfeld der »Straßenszene« gezählt werden können. In dieser Konstellation erwarten viele Männer als Gegenleistung den Austausch von Zuneigung und Geschlechtsverkehr. Insbesondere junge Männer, die in der Schwulenszene »anschaffen gehen«, greifen auf das Angebot von Freiern zurück, bei ihnen unterzukommen (vgl. Thomas 2010: 115). Was auf den ersten Blick wie eine eigennützige Intention wirkt, kann sich auch um ein Geschäft handeln, welches auf Gegenseitigkeit beruht (vgl. ebd.: 142).

Am häufigsten betrifft verdeckte Prostitution Mädchen die bei Bekannten unterkommen. Von ihnen wird nicht selten eine sexuelle Gegenleistung erwartet, andernfalls wird ihnen Gewalt oder der Rauswurf angedroht. Die Mädchen schließen infolgedessen den »Kompromiss«, ihren Körper für einen Schlafplatz zu verkaufen (vgl. Bodenmüller/Piepel 2003: 24ff).

Um sich vor Übergriffen innerhalb und außerhalb der Szene zu schützen, werden Mädchen nicht selten genötigt eine Zwangspartnerschaft einzugehen. Diese Beziehungen bieten zwar Schutz und ein Dach über dem Kopf, verhindern derweil ein Selbstständigwerden und bedeuten vielfach sexuelle Gefügigkeit, Unterordnung und Anpassung bezüglich der Rollenerwartung als Frau (vgl. Kapitel 4.3.). Gleichzeitig ist es für die Mädchen dem entgegen die einzige Chance, den existenziellen Bedürfnissen nachzugehen (vgl. Böhnisch/Funk 2002: 288; Bodenmüller 2010: 95) und den Anschein der weiblichen »Normalität« aufrecht erhalten zu können.

In der Quintessenz lässt sich feststellen, dass insbesondere Mädchen erhöhten Risiken bei der Schlafplatzorganisation ausgesetzt sind. Gewalt, sexueller Missbrauch, Unterdrückung und das Risiko in eine Abhängigkeitsbeziehung zu geraten, sind Gefahren, die weibliche »Straßenjugendliche« quantitativ öfter betreffen als Jungen. Jüngere Mädchen haben hingegen den Vorteil gegenüber gleichaltrigen Jungen bereitwilliger von älteren Szeneangehörigen aufgenommen zu werden (vgl. Kapitel 4.3.). Größeren Nutzen können Jungen aus den Wohnungslosenhilfenetzwerken ziehen, da viele eher am männlichen Geschlecht orientiert sind (vgl. Kapitel 5.1.).

Egal auf welche Problemlösungsstrategie am Ende des Tages auf der »Straße« zurückgegriffen wird, die »Straßenjugendlichen« müssen immer ein »Ass im Ärmel« haben, falls eine Schlafplatzoption kurzfristig ausfällt und sie die Nacht nicht unter freiem Himmel verbringen möchten. Dabei entwickeln sie von Tag zu Tag außerordentliche Strategien, die Kreativität, soziale Kompetenzen, Ressourcen und ein hohes Maß an Überlebenswillen abverlangen.

[...]


[1] Der Begriff »Straßenkarriere« soll den Fokus nicht nur auf die gegenwärtige Situation der Jugendlichen lenken, sondern auch die Vergangenheit und Zukunft mit einbeziehen. Demnach werden Wechselwirkungen mit der Vorgeschichte der Jugendlichen, ihre biografischen Entwicklungen und der Aspekt, dass sie die »Straße« wieder verlassen können mit berücksichtigt (vgl. Permien/Zink 1998: 11).

[2] Weitere Ursachen können ökonomische Gründe sein (vgl. ebd.), die Wohnungslosigkeit resultiert aber eher selten in der Jugendphase – im Gegensatz zur Erwachsenenproblematik – aus Wohnungsverlust durch Arbeitslosigkeit, Mietschulden etc., sondern begründet sich meist in Problemen in der Herkunftsfamilie (vgl. Bodenmüller/Piepel 2003: 11).

[3] Belastend kommt hinzu, dass oftmals nicht die Täter_innen den Familienverband verlassen müssen, sondern die Opfer, um sich vor den Übergriffen und Konflikten zu schützen (vgl. Permien/Zink 1998: 152). Viele Jungen und Mädchen, die Missbrauch erleben, machen die Erfahrung, dass ihnen nicht geglaubt wird, insbesondere wenn sich der Missbrauch innerhalb des Familienverbands zuträgt. Dies erschüttert das Vertrauen in die Elternteile zutiefst (vgl. Bodenmüller/Piepel 2003: 17; Napolitano 2005: 55).

[4] Nach einer Studie von Sand war etwa bei der Hälfte der befragten Jugendlichen zumindest ein Elternteil alkoholabhängig (vgl. 2001: 38).

[5] Es ist zu vermuten, dass den Ausstoßungsprozessen ähnliche Konfliktlagen und Verschärfungszusammenhänge zugrunde liegen wie beim Ausreißen. „Die Übergänge zwischen Ausreißen gegen den Willen der Eltern, Weglaufen mit stiller Duldung der Eltern und „Hinausgeworfenwerden“ sind fließend. Zugrunde liegt jeweils eine konfliktträchtige, für eine/n oder alle InteraktionspartnerInnen unerträglich gewordene Situation“ (Bodenmüller 2010: 38).

[6] Einen genormten »Straßenjugendlichen« mit identischen Merkmalen, Bewältigungsstrategien und Belastungen existiert nicht. Um der Heterogenität der Lebensverhältnisse von diesen Jugendlichen und jungen Erwachsenen Rechnung zu tragen, beinhaltet die Überschrift dieses Kapitels Bewusst den Terminus »Annäherung«.

Details

Seiten
51
Erscheinungsform
Erstausgabe
Jahr
2012
ISBN (eBook)
9783863419882
Dateigröße
304 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v296886
Institution / Hochschule
Katholische Hochschule für Sozialwesen Berlin
Note
1
Schlagworte
Straßenkind Straßenjugendlicher Gender Streetwork marginalisiert

Autor

Zurück

Titel: Leben auf der Straße - Scheitern oder aktive Bewältigung? Eine geschlechtersensible Analyse von Ursachen, Bewältigungsstrategien und Belastungen wohnungsloser Jugendlicher und junger Erwachsener