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Das Modellprojekt "Coole Schule - Lust statt Frust am Lernen": Eine wirksame Antwort auf Schulverweigerung?

Bachelorarbeit 2013 55 Seiten

Pädagogik - Schulpädagogik

Leseprobe

4. Ursachen von Schulverweigerung

Um die Gründe von Schulverweigerung herauszufinden, ist es notwendig sich mit den Ursachen hierfür auseinanderzusetzen. Nach Mutke ist schulverweigerndes Verhalten nicht linear auf eine oder wenigen Ursachen zurückzuführen, sondern es gibt vielmehr ein Bündel von Ursachenfaktoren, die sich gegenseitig beeinflussen und die zu Schulverweigerung führen können.[1] Aus diesem Grund sollen in diesem Kapitel die zentralen Ursachen von Schulverweigerung dargestellt werden, wobei Gründe für schulverweigerndes Verhalten innerhalb der Schule als auch außerhalb der Schule dafür thematisiert werden sollen.

4.1 Schulische Faktoren

Die häufigsten Gründe für schulverweigerndes Verhalten hängen vor allem mit den beteiligten Akteuren in der Schule zusammen (Mitschüler, Lehrer etc.). Die Qualität des Unterrichts sowie das Schul- bzw. Klassenklima zählen zu den zentralen schulischen Ursachenfaktoren möglicher Schulverweigerungstendenzen, weshalb diese im folgenden Unterkapitel näherer betrachtet werden.

4.1.1 Qualität des Unterrichts

Thimm zählt die Qualität des Unterrichts zu den schulischen Bedingungsfaktoren, die zur Schulverweigerung beitragen.[2] Denn ein Unterricht, dessen Inhalte weit weg von der Lebensrealität der Schüler liegt und keine Beziehung zwischen dem Gelernten und dem Anwendbaren zulässt, kann dazu führen, dass Schüler diesem Unterricht fernbleiben oder ihm unmotiviert beiwohnen.[3] Auch Michel meint, dass schulverweigerndes Verhalten als Folge „innerschulischer Prozesse und Strukturen“ angesehen werden kann, während hierin der Unterricht einen wichtigen Bedingungsfaktor hierfür darstellt. Nach der Autorin sind nämlich „Schule und Unterricht weder attraktiv noch kompatibel mit den Lebensbedingungen“[4] vieler Schüler. Doch das ist insbesondere für Schüler mit schulverweigernder Haltung wichtig, dass sich die Lerninhalte auf die Lebensinhalte der Kinder beziehen, da sonst die Gefahr besteht, dass sie dann dem Unterricht fernbleiben und sich von der Schule entfernen.[5] Das Fehlen im Unterricht oder das starke Desinteresse dieser Schüler aufgrund einseitiger inhaltlicher Fokussierung des Unterrichts kann wiederum zu weiteren schulischen Misserfolgserlebnissen führen (z. B. schlechte Noten etc.), die bis hin zur Entwicklung von Leistungs- und Versagungsängsten führen können.[6] Vor diesem Hintergrund scheint es wichtig, dass ein guter Unterricht sich dadurch auszeichnet, dass er vielfältig durch seine Methoden ist, er eine klare Zielorientierung aufweist und das die Schüler am Unterrichtsgeschehen beteiligt werden.[7] Dies beinhaltet auch die Schaffung einer Leistungs- bzw. motivationsförderlichen Lernumgebung wie ein positives und schülerzugewandtes Auftreten der Lehrkraft, um Schulverweigerung präventiv begegnen zu können.[8] Befragungen zum Verhalten der Lehrkraft durch das Deutsche Jugendinstitut haben ergeben, dass „fast zwei Drittel der Jugendlichen als Gründe für ihren Ausstieg aus der Schule Probleme mit Lehrkräften angaben“.[9]

4.1.2 Schul- und Klassenklima

Neben der Qualität des Unterrichts kann auch das Schul- und Unterrichtsklima für das schulverweigernde Verhalten der Schüler verantwortlich sein. Zahlreiche Studien haben nämlich die Wirkung eines positiven Klassenklimas auf die Schüler untersucht und dabei festgestellt, dass Schüler in einer Klasse mit positiven Klassenklima u. a. bessere Leistungen, mehr Schulzufriedenheit, weniger Belastungen und Schulangst entwickeln sowie eine höhere Leistungsbereitschaft zeigen, was somit Schulverweigerung vorbeugen kann.[10]

Umgekehrt bedeutet dies, dass ein schlechtes Klassenklima die Konkurrenzsituation der Schüler untereinander verschärfen kann, Formen aggressiven Verhaltens sowie Schul- und Prüfungsangst bei den Schülern verstärkt und damit Schulverweigerung begünstigt.[11] Mehr denn je ist deshalb in diesem Zusammenhang das gesamte Schulpersonal (Lehrkräfte, Sozialarbeiter etc.) aufgefordert durch gezielte Maßnahmen Einfluss auf das Schul- und Unterrichtsklima zu nehmen und Bedingungen zu schaffen, die die Kommunikation zwischen Lehrern und Schülern und unter den Schülern verbessert.[12] Alle beteiligten Personen (Lehrer, Schüler, Schulleiter, Eltern) sollten im Sinne der Prävention von Schulverweigerung dabei mitwirken, eine vertrauensvolle Atmosphäre zu schaffen (als Schulkultur), indem jeder Einzelne angemessen wahrgenommen und verstanden wird, sowohl als Mensch als auch als Person.[13] Denn Ergebnisse aus Schülerinterviews im Rahmen der Studie von Schumann haben ergeben, dass negative Lehrerbeziehungen, Konflikte mit Mitschülern, Lernprobleme sowie ein schlechtes Unterrichts- und Schulklima von Schülern als schulische Belastungsfaktoren angesehen werden, welche Schulverweigerung begünstigen können.[14]

4.2 Außerschulische Faktoren

Neben den schulischen Bedingungsfaktoren zu Schulverweigerung tragen auch die außerschulischen Bedingungsfaktoren zur Schulverweigerung bei. Deshalb sollen in den folgenden Unterpunkten dieses Kapitels die familiären, die Persönlichkeitsmerkmale sowie die gesellschaftlichen Bedingungsfaktoren für schulverweigerndes Verhalten näher betrachtet werden.

4.2.1 Familiäre Faktoren

Ein erster außerschulischer Ursachenzusammenhang von Schulverweigerung wird in der Herkunftsfamilie des Schülers gesehen.[15] So wird davon ausgegangen, dass Probleme im Elternhaus die Schulprobleme der Kinder begünstigen können, was wiederum eine Abkehr des Kindes von der Schule befördern kann. Familiäre Faktoren wie der „Erziehungsstil der Eltern, das Familienklima, die Erfahrungen von familiärer Gewalt, aber auch Wohnverhältnisse oder belastete Stadtteile“[16] können Ursachen eines schulverweigernden Verhaltens von Schülern sein. Zudem können sich aber auch Einstellungen der Familie in Bezug auf die Schule selbst, also eigenes schuldistanziertes Verhalten der Eltern, sich negativ auf das schulische Leistungsvermögen und auf den regelmäßigen Schulbesuch der Kinder auswirken.[17]

„Schwerpunkte“ der von Schulverweigerung betroffenen Personenkreise sind nach Ricking vor allem Schüler, die aus sozial schwachen Familien kommen (aufgrund von Arbeitslosigkeit, ohne Berufsausbildung, geringes Einkommen etc.), Alleinerziehende (aufgrund des möglichen verstärkten Alleinsein von Kindern) und Schüler, die aus Zuwandererfamilien kommen mit gravierenden Sprachproblemen, die ein entscheidendes Kriterium für eine gelungene Bildungslaufbahn darstellt (Sprachbeherrschung).[18] Die vielschichtigen Ursachen verdeutlichen, wie komplex diese Thematik zum Teil ist (familiäre Faktoren und Schulverweigerung). Sie machen aber zugleich deutlich, dass Schulverweigerung immer auch aufgrund familiär bedingter Lebensschwierigkeiten verursacht werden kann und wie wichtig in diesem Zusammenhang die Kommunikation zwischen den Erziehungsberechtigten und der Schule ist.

4.2.2 Gesellschaftliche Faktoren

Gründe für schulverweigerndes Verhalten bei Schülern lassen sich auch auf gesellschaftliche Faktoren zurückführen. So wird davon ausgegangen, dass die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen (Arbeitsmarktlage, Lebensbedingungen, Erwerbschancen, Einfluss der Medien etc.) indirekt Einfluss auf das Denken und Handeln der Menschen haben.[19] Beispielsweise können Veränderungen am Arbeitsmarkt zu einer plötzlichen Arbeitslosigkeit der Eltern oder eines Elternteils führen, mit der Folge, dass diese in Regionen ziehen, wo es Arbeit gibt um der Arbeitslosigkeit zu entkommen. Für die Kinder aber würde ein Umzug der Eltern mit einem Schul- und Wohnortwechsel verbunden sein, was bedeutet, dass sich diese Kinder erst wieder in die neue Umgebung einleben müssen und alte Beziehungen zu Freunden und Schulkameraden zurücklassen.[20] Der Abbruch von bestehenden Sozialbeziehungen zu Mitschülern und der Aufbau neuer in einem anderen Klassenverband gelingt nicht jedem Schüler gleich gut.[21] Kommt es dazu, dass Schüler den Klassenverband durch einen häufigen Wohnortumzug wechseln müssen, kann sich dies negativ auf die Persönlichkeit und auf die Schullaufbahn eines Schülers auswirken und somit letztendlich zu schulverweigernden Verhalten beitragen.[22] Solche Schüler erleben gleichwohl in diesem Zusammenhang die soziale Wirklichkeit ihrer Eltern mit, nämlich wie unsicher heutige Beschäftigungsverhältnisse sind, so dass bei ihnen Zukunftsängste, fehlende Perspektiven, unsichere Ausbildungs- und Beschäftigungschancen das Selbstempfinden und die Selbsteinschätzung der betroffenen Schüler negativ beeinträchtigen können.[23] Denn Schüler sind heutzutage durchaus in der Lage zu beurteilen, dass eine gute Schulausbildung noch lange keine Garantie für einen Ausbildungs- oder Arbeitsplatz darstellt. In Zeiten wo die Ausbildungs- und Arbeitsplätze knapp sind, befürchten insbesondere Schüler aus unteren Bildungsgängen (Haupt- und Sonderschulen), dass sie nach ihrer Schulzeit keine Ausbildung bekommen werden, was sich negativ-motivierend auf den Schulbesuch dieser Schüler auswirken kann.[24]

4.2.3 Persönlichkeitsmerkmale

Die Gründe für schulverweigerndes Verhalten sind nicht nur auf schulische, familiäre oder gesellschaftliche Bedingungsfaktoren zurückzuführen, sondern sie hängen auch von den personellen Ressourcen und den sozialen Kompetenzen eines Schülers ab. Denn Schüler mit schulverweigernder Haltung zeichnen sich häufig dadurch aus, dass ihre personellen Ressourcen und ihre sozialen Kompetenzen schwach ausgeprägt sind.[25] So haben diese Schwierigkeiten, mit belastenden Situationen umzugehen, sei es aufgrund von Kontaktschwierigkeiten zu anderen Schülern, durch eine mangelnde Frustrationstoleranz, durch (Versagens-)Ängste (u. a. verursacht durch Notendruck, elterliche Erwartungshaltungen) oder aufgrund von Minderwertigkeitsproblemen.[26] Schwierigkeiten und Probleme die in der Schule bei Schülern mit schulverweigerndem Verhalten entstehen, können dazu führen, dass diese dem Unterricht und der Schule fernbleiben, weil sie damit eine Möglichkeit sehen, ihre Probleme „lösen“ zu können.[27] Dabei zeigen sich nach Ricking geschlechtsspezifische Verhaltensauffälligkeiten bei Schulverweigerern. Während Mädchen sich eher unauffällig, sensibel, angepasst und zurückgezogen im Unterricht bzw. in der Schule bewegen, äußert sich das Verhalten bei Jungen eher nach außen gerichtet, z. B. durch „aktive Störungen des Unterrichts, starken Aggressionen (verbal und körperlich) und permanente Disziplinverstöße“.[28] Letztere Verhaltensweisen (das bei Jungen typische) können vor allem zu einer Belastung des Lehrer-Schüler-Verhältnisses führen, während das bei Mädchen „typische Verhalten“ bei Schulverweigerern insbesondere den Aufbau von Sozialkontakten zu Mitschülern behindern kann, die eigentlich wichtig sind für das emotionale und körperliche Wohlbefinden der Schüler.[29] Aufgabe der Lehrer ist es deshalb, schon möglichst frühzeitig Signale für schulverweigerndes Verhalten bei Schülern zu erkennen und bei Problemen, die Schulverweigerer haben, in Kooperation mit den Eltern, den Schulsozialarbeitern sowie mit der Schulleitung Abhilfe zu leisten.

5. Folgen von Schulverweigerung

Schulverweigerung kann insgesamt als problemvermeidendes Verhalten sowie auch als aktives Bewältigungsverhalten verstanden werden. Als problemvermeidendes Verhalten ist jenes Verhalten von Schulverweigerern zu verstehen, die der Schule fernbleiben, um schulische Anstrengungen und Schwierigkeiten mit Lehrern und Mitschülern zu vermeiden, um auszuschlafen, sich mit „Freunden“ zu treffen, „mehr Freizeit zu haben“ und weil sie „Null-Bock“ auf Schule haben.[30] Schulverweigerung als aktive Bewältigungsstrategie hingegen wird als „bewusstes, aktives Verändern schulischer Probleme“[31] verstanden. Schüler mit schulverweigernden Verhalten wenden sich hier von der Schule ab, um auf sich aufmerksam zu machen.[32]

Dabei hat schulverweigerndes Verhalten in der Gesamtbetrachtung gesehen nicht nur Auswirkungen für die betroffenen Schüler selbst, sondern auf längere Sicht auch Folgen für die Gesellschaft. Für die Schüler bedeutet ein längeres Fernbleiben, dass sie sich zunehmend im Klassenverband isolieren, in ihren schulischen Leistungen abfallen und somit Probleme haben, einen Schulabschluss zu erwerben; verbunden mit verschlechterten Ausbildungs- und Berufschancen.[33] Zudem spielt sich ein (längeres) unentschuldigtes Fernbleiben vor dem Hintergrund einer Verletzung der allgemeinen Schulpflicht ab. So kann Schulverweigerung für den betroffenen Schüler außerdem zu einem „ordnungsrechtlichen Problem und mit Bußgeldern, polizeilicher Abholung bis hin zum Jugendarrest geahndet werden“.[34] Die Schulpflicht des Landes Hessen regelt die Schulpflicht in den §§ 58 bis 61 des hessischen Schulgesetzes (Schulgesetz – HSchG).[35] Dabei regelt der § 68 des HSchG, dass Schüler, die ihrer Schulpflicht nicht nachkommen, der Schule auch zwangsweise zugeführt werden können, „wenn andere pädagogische Mittel, insbesondere persönliche Beratung, Hinweise an die Eltern, die Kinder- und Jugendhilfe […] erfolglos geblieben sind“.[36] Dabei trifft die Entscheidung über die zwangsweise Zuführung des Schülers der Schulleiter gemeinsam mit dem Staatlichen Schulamt.[37]

Die Schulen in Deutschland haben den „Auftrag“, einen Beitrag zur materiellen und kulturellen Reproduktion sowie zur sozialen Integration der Schüler in die Gesellschaft zu leisten. Das bedeutet, das Schulen bzw. schulische Bildung nicht nur individuelle Ziele verfolgen (z. B. Mündigkeit der Schüler), sondern es sind wichtige Orte, indem Bildung zur Reproduktion der Sozialstruktur und des ökonomischen Systems der Gesellschaft beiträgt.[38] Zu dem schulischen „Auftrag“ zählt aber auch der Erziehungsauftrag der Schule, was bedeutet, das Schulen nicht nur einen Bildungsauftrag zu erfüllen haben, sondern sie fördern die Schüler u. a. auch in ihren sozialen Kompetenzen, die wichtig sind, damit Schüler positive Sozialbeziehungen in der Schule aufbauen können, damit ein schulisches Miteinander gelingen kann.[39] Schulverweigerer fällt es aufgrund ihrer längeren Abwesenheit von der Schule aber deutlich schwerer als anderen nicht schulverweigernden Schülern, stabile soziale Beziehungen aufzubauen und sich in einen Klassenverband zu integrieren. Die Sozialkompetenzen bei schulverweigernden Kindern und Jugendlichen sind somit weniger ausgeprägt und es ergeben sich für diese Schüler neben dem schulischen Leistungsabfall, schlechteren Zeugnisnoten und mangelnden Zukunftsperspektiven auch Schwierigkeiten, die eventuell später im Umgang mit Arbeitskollegen im Rahmen ihrer späteren Berufstätigkeit auftreten können. Problematisch erweisen sich auch die gesellschaftlichen Folgekosten (Arbeitslosengeld II), wenn man bedenkt, dass nach den PISA Ergebnissen aus dem Jahr 2004 in Deutschland 8,3 Prozent „aller Absolventen eine allgemeinbildende Schule ohne Schulabschluss verlassen“[40] haben und unter diesen Schulabgängern nicht wenige als Schulverweigerer eingestuft werden können. Zudem stellt Schulverweigerung auch ein Risikofaktor dar für die Entwicklung eines kriminellen Verhaltens[41] oder für psychische Auffälligkeiten. Einerseits ergaben Studien von Tyrer und Tyrer (1974), dass ehemalige Schulverweigerer im Gegensatz zu regelmäßigen Schulbesuchern häufiger psychisch erkrankten[42], während andererseits Heising die real erlebte Perspektivenlosigkeit von Schulverweigerern als Folge von fehlender Bildung als eine entscheidende Ursache für Jugendkriminalität ansieht.[43]

Die aufgezählten Folgen von Schulverweigerung verdeutlichen in persönlicher Hinsicht für den betroffenen Schüler als auch in gesellschaftlicher Hinsicht, dass Schulverweigerung nachhaltige Konsequenzen mit sich bringt und eine Herausforderung für die Schule, die Schulsozialarbeit und die Gesellschaft insgesamt ist.

6. Herausforderungen und Schwierigkeiten im Umgang mit Schulverweigerung für Schule und Jugendhilfe

Die Ursachen und Folgen von Schulverweigerung wurden in den vorherigen Kapiteln ausführlich beschrieben. Hier ist deutlich geworden, dass die auslösenden Faktoren für schulverweigerndes Verhalten vielschichtig sind und dass die Folgen nicht nur verheerende Auswirkungen für die betroffenen Schüler haben können, sondern auch für die gesamte Gesellschaft. Gleichzeitig stellt sich in diesem Zusammenhang die Frage, inwiefern die Institutionen Schule und Jugendhilfe sich dem Problem der Schulverweigerung zuwenden, da schulverweigerndes Verhalten durch schulische und außerschulische Bedingungsfaktoren verursacht wird. Wie in dieser Arbeit bereits beschrieben wurde, vollzieht sich Schulverweigerung als ein Prozess, welches in der Regel mit einem „harmlosen“ Schulschwänzen von Schulstunden beginnt und in einer längerfristigen Abwesenheit von der Institution Schule enden kann. Für die Lehrkräfte, den Schulsozialarbeitern der Jugendhilfe aber auch für die Eltern bedeutet dies, dass es aufgrund dieser prozesshaftigen Entwicklung von schulverweigernden Verhalten durchaus Zeit gibt für Interventionsmöglichkeiten.[44] So gibt es auf dem Gebiet der Jugendhilfe Möglichkeiten (z. B. durch schulische- u. außerschulische Beratungs- und Unterstützungsangebote), die es schulfernen Kindern und Jugendlichen ermöglichen sollen, sich „wieder an einen geregelten, strukturierten Alltag zu gewöhnen und sie zu befähigen, sich den schulischen und lebenspraktischen Anforderungen zu stellen und ihr Leben wieder selbstbestimmt zu meistern“[45] (bspw. das Aufholen schulischer Defizite, Erfüllung der Vollzeitschul-pflicht im Projekt etc.). Um Schulverweigerung wirksam begegnen zu können, reichen reine schulische Maßnahmen wie die Einleitung von Bußgeldbescheiden oder polizeiliche Maßnahmen nicht aus. Denn solche Maßnahmen sind abschreckend und sie berücksichtigen die Problemlagen der betroffenen Schüler mit schulverweigernder Haltung nicht genügend.[46] Zudem dauert ein Verfahren zur Durchsetzung der Schulpflicht zu lange und es belastet obendrein das Verhältnis zwischen der Schule, dem Schüler und dessen Familie.[47] Dementsprechend scheint es wichtig, dass nach Ricking ein Verständnis in den Schulen geweckt werden muss, um Schulverweigerung nicht ausschließlich als juristisches Problem zu verstehen, sondern als ein vorrangig pädagogisches.[48] In diesem Zusammenhang müssen Schulen ein Aufgabenverständnis entwickeln, welches es ermöglicht, neue Wege zur Verhinderung (Prävention) und zur wirksamen Begegnung von Schulverweigerung zu finden.[49] Ansätze, wie dieses funktionieren könnte, liegen in der Schule selbst und in der Arbeit der Jugendhilfe durch Schulsozialarbeiter. Zum einen ist es wichtig, dass Lehrkräfte und Schulleitungen schon frühzeitig Anzeichen von schulverweigerndes Verhalten erkennen, für deren Problemlagen sensibilisiert werden und schnellstmöglich intervenieren, z. B. durch das Hinzuziehen des Lehrerkollegiums, der Schulleitung sowie der Eltern des betreffenden Schülers.[50] Zum anderen bedürfen Lehrkräfte Informationen, auf welche Hilfeangebote und Hilfsmaßnahmen sie bei Schulverweigerung zurückgreifen können und an welchen Einrichtungen der betroffene Schüler ggf. vermittelt werden kann (z. B. medizinische Dienste, psychosoziale Fachkräfte).[51] Außerdem ist es für Lehrkräfte wichtig, ihren Unterricht lebensnah und praktisch zu gestalten, so dass die Schüler dem Unterricht interessiert folgen und motiviert bei der Sache sind.[52] Dazu gehört auch, dass es leistungsschwachen Schülern ermöglicht wird, Erfolgserlebnisse zu haben, um schulverweigerndem Verhalten vorbeugen zu können.[53] Voraussetzung dafür ist, dass die Lehrkräfte genügend Informationen und Kenntnisse über das Thema Schulverweigerung besitzen und sie ein großes Engagement und Einsatzbereitschaft dafür aufbringen. Doch nach Schreiber-Kittl zeigt sich in der Praxis, dass es vor allem älteren Lehrkräften schwerfällt und sie auch weniger motiviert sind, sich für junge Schüler einzusetzen oder sich in deren Lage zu versetzen.[54] Weiterhin ist die Motivation gerade älterer Lehrkräfte an Fortbildungsveranstaltungen teilzunehmen sehr gering ausgeprägt, so dass dann auch bei diesen Lehrern Kenntnisse und Informationen über das Thema Schulverweigerung nicht ausreichend sind, um sich z. B. in die Lebenssituation von schulverweigernden Kindern und Jugendlichen hineinversetzen zu können oder um ggf. Hilfen zu initiieren. Außerdem klagen nicht wenige Lehrer über Probleme bei der Kooperation mit Eltern, die fehlende kollegiale Unterstützung, die schlechte Interaktion und Kommunikation mit der Schulleitung, der hohe Pflichtstundenanteil, die hohen Klassenfrequenzen und über einen hohen Verwaltungsaufwand.[55]

Die oben aufgeführten schulischen Rahmenbedingungen können für Lehrkräfte entscheidend sein, um gefährdete Schüler überhaupt zu erkennen oder um Schulverweigerung wirksam begegnen zu können. In solchen Situationen kann das Unterstützungspotenzial der Jugendhilfe im Rahmen der Schulsozialarbeit zur Geltung kommen. So bietet die Schulsozialarbeit u. a. professionelle Möglichkeiten an, um schulmüde Schüler bei Problemen in der Schule oder im außerschulischen Bereich (z. B. in der Familie) zu helfen. Sozialarbeiter können zudem die Lehrkräfte in der Erfüllung ihres schulischen Erziehungsauftrages unterstützen, was vor allem bei verhaltensauffälligen Schülern nützlich ist.[56] Voraussetzung dafür ist allerdings die Notwendigkeit der Kooperation von Schule und Jugendhilfe. Diese gestaltet sich allerdings in der Praxis nicht immer einfach, wenn man bedenkt, dass „in der Arbeit mit schulverweigernden Kindern und Jugendlichen auf institutioneller Ebene oft Reibungsverluste festzustellen sind, die vor allem mit dem Autonomieverständnis der Systeme Schule und Jugendhilfe zu tun haben“.[57] Zudem ist die Arbeit zwischen der Schule und Jugendhilfe nicht selten von Vorurteilen und unrealistischen Erwartungshaltungen geprägt. Beispielsweise wird die Jugendhilfe einerseits nicht selten von den Lehrkräften als Möglichkeit angesehen, schulische Problemfälle zu entsorgen, während andererseits die Jugendhilfe sich oft mit dem Vorwurf auseinander setzen muss, die kritische Distanz zu ihrem Klientel nicht wahren zu können.[58] Aus diesen und anderen Gründen kommt es häufig vor, dass zwar die Lehrkräfte sich dem Problem der Schulverweigerung zuwenden, aber häufig Insellösungen präsentieren, „die vom hohen Engagement einzelner Lehrer/innen leben und vom übrigen Schulbetrieb abgeschottet bleiben“.[59] Dementsprechend sprechen Braun und Reißig davon, dass nur in einem sehr geringen Umfang im Rahmen einer kooperativen Zusammenarbeit zwischen der Schule und der Jugendhilfe frühzeitig Risikofälle ermittelt und Problemlösungen dafür entwickelt werden.[60]

Mit dem Ziel, die Zusammenarbeit zwischen der Jugendhilfe und der Schule miteinander zu vernetzen und neue Lösungsstrategien zu entwickeln, um Schüler mit schulverweigernden Verhalten in den Schulalltag zu (re-)integrieren, stellte sich das von 2002 bis 2004 laufende Praxisforschungsprojekt „Coole Schule: Lust statt Frust am Lernen“. Im folgenden siebten Kapitel wird sich deshalb ausführlich mit diesem Projekt auseinandergesetzt werden.

[...]


[1] vgl. ebd., S. 65.

[2] vgl. Geßner, Thomas: Berufsvorbereitende Maßnahmen als Sozialisationsinstanz, Zur beruflichen Sozialisation benachteiligter Jugendlicher im Übergang in die Arbeitswelt, Pädagogische Beiträge zur sozialen und kulturellen Entwicklung, LIT-Verlag, Münster, Hamburg und London 2003, S. 83.

[3] vgl. Schreiber, Elke: Schulverweigerung. In: Fleischer u. a., 2007, S. 290.

[4] ebd., S. 291.

[5] vgl. ebd.

[6] vgl. ebd.

[7] vgl. Gerecht, Marius: Schul- u. Unterrichtsqualität und ihre erzieherischen Wirkungen, Eine Sekundäranalyse auf der Grundlage der pädagogischen Entwicklungsbilanzen, Waxmann Verlag, Münster 2010, S. 115.

[8] vgl. ebd.

[9] Schreiber, Elke: Schulverweigerung. In: Fleischer u. a., 2007, S. 291.

[10] vgl. Grewe, Norbert: Schul- und Klassenklima aktiv gestalten. In: Fleischer u. a., 2007, S. 231.

[11] vgl. Raufelder, Diana: Soziale Beziehungen in der Schule – Luxus oder Notwendigkeit?. In: Ittel, Angela / Merkens, Hans / Stecher, Ludwig / Zinnecker, Jürgen (Hrsg.): Jahrbuch Jugendforschung, 8. Ausgabe 2008/09, VS Verlag für Sozialwissenschaften, Wiesbaden 2010, S. 195.

[12] vgl. ebd.

[13] vgl. ebd.

[14] vgl. Schumann, Brigitte: „Ich schäme mich ja so!“, Die Sonderschule für Lernbehinderte als „Schonraumfalle“, Julius Klinkhardt Verlag, Berlin 2007, S. 121.

[15] vgl. Schreiber, Elke: Schulverweigerung. In: Fleischer u. a., 2007, S. 288f.

[16] Plückhan, Stephanie: Schulschwänzer – Aus den Augen aus dem Sinn (der Schule)?. In: Preuss-Lausitz, Ulf (Hrsg.): Schwierige Kinder – Schwierige Schule, Konzepte und Praxisprojekte zur integrativen Förderung verhaltensauffälliger Schülerinnen und Schüler, Beltz Verlag, Weinheim, Basel und Berlin 2004, S. 196.

[17] vgl. ebd.

[18] vgl. Schreiber, Elke: Schulverweigerung. In: Fleischer u. a., 2007, S. 288f.

[19] vgl. Plückhan, 2004, S. 197.

[20] vgl. Idilbi, Thomas / Singer, Diana: Problemanalyse: Das Risikopotenzial in der primären und Sekundären Sozialisation. In: Warzecha, Birgit (Hrsg.): Kids, die kommen und gehen, Plädoyer für eine Beziehungspädagogik, Konflikt – Krise - Sozialisation, Bd. 12, LIT-Verlag, Hamburg 2001, S. 46.

[21] vgl. ebd.

[22] vgl. Goodmann, Robert / Scott, Steven / Rothenberger, Aribert: Kinderpsychiatrie Kompakt, Steinkopff Verlag, Darmstadt 2000, S. 109.

[23] vgl. Schreiber, Elke: Schulverweigerung. In: Fleischer u. a., 2007, S. 290.

[24] vgl. Idilbi und Singer, 2001, S. 46.

[25] vgl. Schreiber, Elke: Schulverweigerung. In: Fleischer u. a., 2007, S. 290.

[26] vgl. ebd.

[27] vgl. Plückhan, 2004, S. 196.

[28] Schreiber, Elke: Schulverweigerung. In: Fleischer u. a., 2007, S. 290.

[29] vgl. ebd.

[30] vgl. Badel, Steffi: „Später kommen, früher gehen“ – Schulabsentismus als Risikofaktor in Bildungslaufbahnen. In: Buer, Jürgen van / Wagner, Cornelia (Hrsg.): Qualität von Schule, Ein kritisches Handbuch, Internationaler Verlag der Wissenschaften, 2. durchgesehene Auflage, Frankfurt am Main 2009, S. 466.

[31] ebd.

[32] vgl. ebd.

[33] vgl. Fuchs, Marek / Lamnek, Siegfried / Luedtke, Jens / Baur, Nina: Gewalt an Schulen, 1994 – 1999 – 2004, 2., überarbeitete und aktualisierte Auflage, VS Verlag für Sozialwissenschaften, Wiesbaden 2009, S. 286.

[34] Lehner, Ilse M. / Ringler, Dominik: Handbuch Qualitätsmanagement, Schulwerkstatt „fit for life“, SIS Berlin e.V. (Hrsg.), Eigenverlag, Berlin 2005. Online im Internet: http://caritas-mecklenburg.de/ s/projekte/handbuch_qualitaetsmanagement_fitforlife.pdf [PDF-Datei], S.33 (Stand: 08.09.2012).

[35] vgl. Hessisches Schulgesetz (Schulgesetz – HSchG): Fassung vom 14. Juni 2005 (GVBl. I S. 442). Online im Internet: URL: http://www.hessisches-amtsblatt.de/download/pdf_2010/login_user/Hess_ Schulgesetz_Inhalt.pdf [PDF-Datei], S. 26 – 27 (Stand: 18.08.2012).

[36] ebd., S. 28.

[37] vgl. ebd.

[38] vgl. Becker, Günter: Soziale, moralische und demokratische Kompetenzen fördern, Ein Überblick über schulische Förderkonzepte, Beltz Verlag, Weinheim und Basel 2008, S. 28.

[39] vgl. ebd., S. 29.

[40] Klös, Hans-Peter / Plünnecke, Axel: Bildungsfinanzierung und Bildungsregulierung in Deutschland. In: Heller, Kurt A. / Ziegler, Albert (Hrsg.): Begabt sein in Deutschland, LIT-Verlag, Münster 2007, S. 51.

[41] In einer Übersicht bei Mollik zu den Risikofaktoren von Kriminalität wird auch Schulverweigerung aufgezählt.; vgl. Mollik, Rainer (Hrsg.): Jugendstrafrecht, Jugendhilferecht, Kriminologie, So gelingt Jugendhilfe im Strafverfahren, Handbuch für die Praxis Sozialer Arbeit, Walhalla Fachverlag, Regensburg 2012, S. 246.

[42] vgl. Ricking, Heinrich: Wenn Schüler dem Unterricht fern bleiben, Schulabsentismus als pädagogische Herausforderung, Klinkhardt Verlag, Bad Heilbrunn 2006, S. 62.

[43] vgl. Boeger, Annette: Einführung. In: Boeger, Annette: Jugendliche Intensivtäter, Interdisziplinäre Perspektiven, VS Verlag für Sozialwissenschaften, Wiesbaden 2011, S. 14.

[44] vgl. Schreiber-Kittl, 2001, S. 46.

[45] Schreiber, Elke: Schulverweigerung. In: Fleischer u. a., 2007, S. 294.

[46] vgl. Lehner und Ringler, 2005, S. 33.

[47] vgl. ebd.

[48] vgl. Schreiber, Elke: Schulverweigerung. In: Fleischer u. a., 2007, S. 297.

[49] vgl. ebd.

[50] vgl. ebd.

[51] vgl. ebd.

[52] vgl. ebd., S. 298.

[53] vgl. ebd.

[54] vgl. Schreiber-Kittl, 2001, S. 39.

[55] vgl. Hundeloh, Heinz: Gesundheitsmanagement. Qualitäts- und gesundheitsorientiertes Schul-leitungshandeln. In: Paulus, Peter (Hrsg.): Bildungsförderung durch Gesundheit, Juventa Verlag, Weinheim und München 2010, S. 233.

[56] vgl. Schreiber, Elke: Schulverweigerung. In: Fleischer u. a., 2007, S. 298.

[57] Geiling, Wolfgang: Zu Dynamiken und Praxisstrategien in der Arbeit mit Schulverweigerung. In: Faltermeier, 2009, S. 125.

[58] vgl. Reißig, Birgit: Schulverweigerung – ein Phänomen macht Karriere, Ergebnisse einer bundesweiten Erhebung bei Schulverweigern, Werkstattbericht, 2. überarbeitete Auflage, Arbeitspapier, 5/2001, Arbeitspapiere aus dem Forschungsschwerpunkt, Übergänge in Arbeit, Deutsches Jugendinstitut, München 2002, S. 13.

[59] Braun, Frank / Reißig, Birgit: Wenn Kinder nicht zur Schule gehen – Schulverweigerung als Herausforderung für Jugendhilfe und Schule, Deutsches Jugendinstitut, München, Leipzig 2001. Online im Internet: URL: http://www.eundc.de/pdf/02327.pdf [PDF-Datei], S. 16 (Stand 12.09.2012).

[60] vgl. ebd.

Details

Seiten
55
Erscheinungsform
Erstausgabe
Jahr
2013
ISBN (eBook)
9783956845734
Dateigröße
3.5 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v297470
Institution / Hochschule
Universität Kassel
Note
1,5
Schlagworte
Schulverweigerung Sozialpädagogik Sozialarbeit Schulpolitik Bildungspolitik schulverweigerndes Verhalten

Autor

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