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Möglichkeiten und Hindernisse geschlechtsspezifischer Offener Jugendarbeit: Mit Blick auf die Arbeit von drei Jugendeinrichtungen in Köln-Mülheim

Bachelorarbeit 2011 65 Seiten

Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Offene Jugendarbeit
2.1 Rechtliche Grundlagen
2.1.1 Gesetzlich festgelegte Schwerpunkte
2.1.2 Zielgruppe
2.2 Institutionelle Strukturcharakteristika
2.3 Aufgaben der Offenen Jugendarbeit – unter besonderer Berücksichtigung der Grundsätze für die Stadt Köln

3. Offene Jugendarbeit mit Jugendlichen mit Migrationshintergrund
3.1 Migration und Migrationshintergrund – Klärung der Begriffe
3.2 Jugendliche mit Migrationshintergrund – eine eigene Zielgruppe in der Offenen Jugendarbeit?
3.2.1 Parallelen zu Jugendlichen ohne Migrationshintergrund
3.2.2 Mehrkulturelle Identitäten
3.2.3 Selbst- und Fremdzuordnung der Jugendlichen
3.2.4 Darstellung weiterer besonderer Merkmale
3.3 Anforderungen an die Fachkräfte – mit besonderem Blick auf interkulturelle Kompetenzen

4. Geschlechtsspezifische Jugendarbeit – Jungenarbeit
4.1 Was ist Jungenarbeit?
4.2 Aspekte im Hinblick auf die Sozialisation von Jungen
4.2.1 Merkmale der Erziehung von Jungen
4.2.2 Entwicklungspsychologische Aspekte
4.3 Kriterien für die Umsetzung von Jungenarbeit:
4.4 Aufgaben des Jungenarbeiters
4.5 Strukturelle Bedingungen

5. Interkulturelle Jungenarbeit
5.1 Ressourcenorientiertes Arbeiten – „Stärken statt Defizite“
5.2 Spezielle Anforderungen an die Jungenarbeiter

6. Zur Praxis geschlechtsspezifischer Offener Jugendarbeit in Köln-Mülheim
6.1 Darstellung des Stadtteils
6.2 Beschreibung der drei Einrichtungen
6.2.1 TeeNTown
6.2.2 August Bebel Haus
6.2.3 Don-Bosco-Club

7. Jungenarbeit im Rahmen Offener Jugendarbeit – Was ist möglich und wo bestehen Hindernisse?
7.1 Möglichkeiten
7.2 Grenzen

8. Fazit

Literaturverzeichnis

Internetquellen

1. Einleitung

Die Entscheidung, meine Bachelorarbeit über das Thema Offene Jugendarbeit zu schreiben wurde insbesondere auch durch mein Praktikum im Rahmen des Praxissemesters bekräftigt. Im August Bebel Haus in Köln-Mülheim kam ich zum ersten Mal mit dem Arbeitsfeld der Offenen Jugendarbeit direkt in Kontakt und merkte schnell, dass mich dieser Bereich der Sozialen Arbeit sehr reizt.

Da der überwiegende Teil der Besucher[1] der Einrichtung männlich ist und einen Migrationshintergrund hat, beschloss ich, diese Jugendlichen im Rahmen meiner Bachelorarbeit genauer zu betrachten. Das Interesse rührte auch daher, dass ich vor dem Praktikum kaum Kontakt zu Jugendlichen mit Migrationshintergrund hatte und folglich nicht viel über sie wusste.

Aufgrund der Tatsache, dass den wenigen weiblichen Besuchern des August Bebel Hauses wöchentlich ein eigener Mädchentag zur Verfügung steht, stellte sich mir die Frage, was Offene Jugendarbeit speziell für die männlichen Jugendlichen – gerade auch mit Migrationshintergrund – leistet bzw. leisten kann und was die Jugendlichen überhaupt benötigen. Diese Frage wollte ich vor allem unter dem Aspekt der geschlechtsspezifischen Arbeit betrachten.

Auf den ersten Blick scheint die Arbeit in Jugendeinrichtungen insgesamt auf männliche Besucher ausgerichtet zu sein. Hier gibt es gängige Beschäftigungsmöglichkeiten wie Billard, Kicker etc. und Angebote wie Fußball, die von den Jungen immer gerne wahrgenommen werden. Bedeutet dies, dass dementsprechend überhaupt keine geschlechtsspezifischen Angebote für Jungen benötigt werden?

Des Weiteren fragte ich mich in Bezug auf die Besucher mit Migrationshintergrund, ob sie in der Offenen Jugendarbeit eine eigene Zielgruppe darstellen bzw. ob es sinnvoll wäre, die Arbeit – im Hinblick auf geschlechtsspezifische Angebote – speziell auf sie auszurichten. Es soll in diesem Zusammenhang auch geklärt werden, ob Jungenarbeit besonders auf diese Gruppe von Jungen ausgerichtet sein müsste, um eventuelle Besonderheiten zu berücksichtigen.

Erst im Verlauf meiner umfangreichen Literaturrecherche kam ich zu der wesentlichen Erkenntnis, dass durch die auf den ersten Blick auf männliche Jugendliche ausgerichteten Angebote von Jugendeinrichtungen noch lange keine geschlechtsspezifische Arbeit stattfindet. Ich erkannte folglich, dass es im August Bebel Haus keine Jungenarbeit gibt.

Da ich mich in meiner Arbeit nicht nur beispielhaft auf eine Einrichtung beziehen wollte, hatte ich mich im Vorfeld dazu entschlossen, zwei weitere Einrichtungen aus Mülheim mit einzubeziehen. Durch Hospitationen in den Häusern und Gespräche mit Mitarbeitern stellte sich im Verlauf jedoch heraus, dass es auch in der Einrichtung TeeNTown keine Angebote im Rahmen von Jungenarbeit gibt. Lediglich im Don-Bosco-Club wird im engeren Sinne geschlechtsspezifisch mit Jungen gearbeitet.

Im Hinblick auf diese Tatsachen werde ich im Rahmen der vorliegenden Arbeit versuchen zu erklären, warum sich Jungenarbeit – ganz im Gegensatz zur Mädchenarbeit – in der Praxis bisher kaum etabliert hat.

In erster Linie soll jedoch herausgearbeitet werden, welche Möglichkeiten sich durch geschlechtsspezifische Arbeit in der Offenen Jugendarbeit, insbesondere auch für Jungen mit Migrationshintergrund, ergeben können.

Aufgrund der Tatsache, dass es in den Beispieleinrichtungen kaum bis keine Jungenarbeit gibt, musste ich mich hinsichtlich der Möglichkeiten hauptsächlich auf Fachliteratur beziehen. Es handelt sich folglich um Chancen, die sich in der Praxis ergeben können. Die drei Einrichtungen dienen in der vorliegenden Arbeit dazu, einen Einblick in die Praxis von Offener Jugendarbeit in Köln-Mülheim zu bekommen und mögliche Grenzen von bzw. Hindernisse für Jungenarbeit in diesem Arbeitsfeld offen zu legen.

Die Auseinandersetzung mit der Thematik der vorliegenden Arbeit sowie die daraus resultierenden Erkenntnisse und Schlussfolgerungen basieren folglich vor allem auf der intensiven Beschäftigung mit der Fachliteratur. Im Anschluss an diese einleitenden Ausführungen wird im folgenden Kapitel zuerst einmal auf die Grundlagen der Offenen Jugendarbeit und – mit Blick auf die drei Einrichtungen – besonders auf die für dieses Arbeitsfeld geltenden Grundsätze der Stadt Köln eingegangen.

Im dritten Abschnitt wird auf die Offene Jugendarbeit mit Jugendlichen mit Migrationshintergrund Bezug genommen. Dabei wird zunächst erläutert, was unter dem Begriff „Migrationshintergrund“ zu verstehen ist und wer als „Person mit Migrationshintergrund“ gilt. Des Weiteren werden in diesem Teil der vorliegenden Arbeit sowohl Gemeinsamkeiten mit „deutschen“[2] Jugendlichen als auch Besonderheiten aufgeführt. In diesem Zusammenhang soll zudem die anfangs gestellte Frage bezüglich der eigenen Zielgruppe beantwortet werden. Ferner werden besondere Anforderungen skizziert, die sich für Fachkräfte der Offenen Jugendarbeit ergeben, die mit Jugendlichen mit Migrationshintergrund arbeiten.

Das vierte Kapitel widmet sich der geschlechtsspezifischen Jugendarbeit mit Jungen. Hier wird erläutert, was unter Jungenarbeit zu verstehen ist und welche Voraussetzungen für eine erfolgreiche geschlechtsbezogene Arbeit bestehen. In diesem Kontext ist es unabdingbar, zudem auf die Jungen selbst einzugehen und Aspekte im Hinblick auf ihre Sozialisation aufzuführen. Daneben wird in diesem Kapitel auch auf die besondere Rolle des Jungenarbeiters eingegangen.

Im Anschluss daran wird im fünften Kapitel – mit Blick auf die Jugendlichen mit Migrationshintergrund – der Fokus speziell auf eine interkulturell ausgerichtete Jungenarbeit und deren Besonderheiten gerichtet.

Das sechste Kapitel umfasst die Darstellung von Offener Jugendarbeit in Köln-Mülheim. Zunächst wird der Stadtteil, mit Blick auf das Thema, hinsichtlich besonderer Merkmale betrachtet. Anschließend werden die drei exemplarisch ausgewählten Einrichtungen kurz vorgestellt. Dabei steht der offene Jugendbereich im Zentrum. In diesem Zusammenhang wird auch auf die Jungengruppe des Don-Bosco-Clubs Bezug genommen.

Schließlich werden im siebten Kapitel unterschiedliche Möglichkeiten aufgeführt, die sich durch (interkulturelle) Jungenarbeit im Rahmen von Offener Jugendarbeit ergeben können. Daneben erfolgt zudem eine Darstellung von Grenzen der Jungenarbeit.

Im Schlussteil werde ich im Rahmen eines Fazits Schlussfolgerungen aus der Auseinandersetzung mit der Thematik der vorliegenden Arbeit ziehen.

Abschließend möchte ich noch darauf hinweisen, dass es aus meiner Sicht notwendig ist, die breitgefächerten Themenbereiche Offene Jugendarbeit und Jungenarbeit recht ausführlich darzulegen. Die daraus resultierenden Erkenntnisse sind meiner Meinung bedeutsam für die Thematik dieser Arbeit.

2. Offene Jugendarbeit

Um die sehr komplexen Möglichkeiten und Bedingungen der Offenen Jugendarbeit zu verdeutlichen, werden im Folgenden zunächst die für diesen Bereich geltenden Grundlagen sowie daraus entwickelte Aufgabenbereiche vorgestellt. Anschließend erfolgt die Darlegung spezifischer struktureller Charakteristika, die Offene Jugendarbeit kennzeichnen. Unter Punkt 2.3 wird auf die Grundsätze Offener Jugendarbeit, unter besonderer Berücksichtigung der Stadt Köln, eingegangen. Dies ist notwendig, da sie wesentlich für die Arbeit in den exemplarisch dargestellten Einrichtungen sind.

2.1 Rechtliche Grundlagen

Die gesetzliche Grundlage der Offenen Jugendarbeit basiert auf dem Paragraphen 11 des 8. Sozialgesetzbuches (SGB VIII) sowie auf dem Kinder- und Jugendfördergesetz (KJFöG) des Landes NRW.[3] Sie gehört nach § 2 SGB VIII zu den Leistungen der Jugendhilfe. Das Recht auf Jugendhilfe legitimiert sich in §1 (1) SGB VIII:

„Jeder junge Mensch hat ein Recht auf Förderung seiner Entwicklung und auf Erziehung zu einer eigenverantwortlichen und gemeinschaftsfähigen Persönlichkeit.“[4]

Im Rahmen von Jugendarbeit sollen Kinder und Jugendliche dahingehend gefördert werden. Dabei gilt es auch, Benachteiligungen jeglicher Art entgegenzuwirken und sie vor Gefahren zu schützen.[5]

Die zur Verfügung gestellten Angebote der Jugendhilfe sollen sich an den Interessen von jungen Menschen orientieren und von ihnen mitentwickelt werden.[6] Das bedeutet, dass die Kinder und Jugendlichen letztendlich dazu befähigt werden sollen, selbstbestimmt zu handeln, gesellschaftliche Mitverantwortung zu übernehmen sowie soziales Engagement zu zeigen.[7]

Deinet und Sturzenhecker bezeichnen Jugendarbeit daher als „ […] ein Lernfeld, das Jugendlichen die Möglichkeit gibt, die Chancen demokratischer Gestaltung zu erfahren.[8]

Diese Ausführungen zeigen, dass es im Rahmen von Jugendarbeit breitgefächerte Grobziele gibt, die sich insgesamt auf eine individuelle und bestmögliche Entwicklung von Kindern und Jugendlichen beziehen. Im Folgenden wird auf die gesetzlich festgelegten Schwerpunkte und Formen, unter besonderer Berücksichtigung der Offenen Jugendarbeit, eingegangen.

2.1.1 Gesetzlich festgelegte Schwerpunkte

Jugendarbeit wird von unterschiedlichsten Trägern angeboten und umfasst die folgenden Schwerpunkte:

„ 1. außerschulische Jugendbildung […],
2. Jugendarbeit in Sport, Spiel und Geselligkeit,
3. arbeitswelt-, schul- und familienbezogene Jugendarbeit,
4. internationale Jugendarbeit,
5. Kinder- und Jugenderholung,
6. Jugendberatung.“[9]

Es wird ersichtlich, dass das Wirkungsfeld der Jugendarbeit umfassend und breit angelegt ist. In §10 des KJFöG finden sich Konkretisierungen und Ergänzungen der Schwerpunkte. Im Hinblick auf die vorliegende Arbeit sind zwei Bereiche besonders relevant:

1. Geschlechterdifferenzierte Mädchen- und Jungenarbeit, deren praktische Umsetzung die Förderung von Chancengerechtigkeit zum Ziel hat und dazu beitragen soll, stereotype Rollenmuster zu überwinden.
2. Interkulturelle Kinder- und Jugendarbeit, in deren Rahmen eine Förderung im Hinblick auf interkulturelle Kompetenz und kulturelles Eigenbewusstsein erfolgen soll.[10]

Im Gegensatz zu anderen Leistungen der Jugendhilfe gibt es, wie bereits dargestellt, nur wenige gesetzliche Vorgaben oder Einschränkungen. Sie gehört daher zu den „weichen“ Pflichtleistungen.[11] So sind zum Beispiel auch keine konkreten Arbeitsweisen für die praktische Umsetzung gesetzlich festgelegt. Der Rahmen (Einrichtungen, Maßnahmen, Projekte) sowie grobe Handlungsfelder (mobile Angebote, Abenteuer- und Spielplatzarbeit etc.) sind für den Bereich Offene Jugendarbeit in § 12 des KJFöG aufgeführt.

Es wird deutlich, dass es in der Jugendarbeit möglich ist, sich sehr flexibel auf ständig wechselnde Bedürfnisse, Situationen und auch Adressatengruppen einzustellen. Dieses ist erforderlich, da sich sowohl Jugend als auch Gesellschaft im Kontext sozialer Wandlungsprozesse verändern. Allerdings müssen Konzeptionen dadurch laufend weiterentwickelt und den Veränderungen angepasst werden.[12] Dadurch kann es in diesem sehr komplexen pädagogischen Handlungsfeld, Deinet und Sturzenhecker zufolge, „ […] keine Einheitstheorie, keinen Masterplan des Handelns[…][13] geben.

Zusammenfassend ist festzustellen, dass die Möglichkeiten dieses Arbeitsfeldes äußerst vielfältig sind und sehr viel Spielraum hinsichtlich einer notwendigerweise flexiblen praktischen Ausgestaltung besteht.

2.1.2 Zielgruppe

Die Angebote der Jugendarbeit richten sich in der Regel an alle jungen Menschen, die das 27. Lebensjahr noch nicht vollendet haben, wobei die Altersgruppe der 12- bis 17-Jährigen meistens zur Kerngruppe der Einrichtungen und Projekte gehört.[14] In der Fachliteratur wird festgestellt, dass gerade „[…] für gesellschaftlich marginalisierte Jugendliche […] Jugendarbeit eine wichtige Ressource und Förderung [ist]. [15]

Auch vom Gesetzgeber wird verlangt, dass insbesondere die Belange von Kindern und Jugendlichen in benachteiligten Lebenswelten sowie die von jungen Menschen mit Migrationshintergrund zu beachten sind.[16]

2.2 Institutionelle Strukturcharakteristika

Neben den rechtlichen Grundlagen gibt es Charakteristika, die für die Offene Jugendarbeit bedeutsam sind. Im Unterschied zur Institution Schule fällt es hier schwerer, die Funktionen und Strukturen klar zu benennen. Doch gerade in dem geringen Grad von Institutionalisierung erkennt Münchmeier die Funktionalität offener Arbeit für die Bildung und Erziehung von Jugendlichen.[17] Flexible Institutionen, die sich direkt an der Lebenswelt der Jugendlichen orientieren, seien besser geeignet die Probleme ihrer Adressaten zu lösen als Institutionen mit starren Funktionen und Strukturen wie die Schule.[18]

Lange ließen sich nach Sturzenhecker die institutionellen Bedingungen der Offenen Jugendarbeit als Offenheit, Diskursivität und Marginalität zusammenfassen.[19] Heute gilt in erster Linie die Freiwilligkeit der Teilnahme als zentrales Charakteristikum.[20]

Des Weiteren zeichnet sich Offene Jugendarbeit durch das Prinzip der Offenheit aus. Darunter ist zu verstehen, dass weder die Zielgruppe noch Zielsetzung und Methoden genauer festgelegt sind.[21] Das heißt vor allem, dass die praktische Arbeit, abhängig von Bedürfnissen und Interessen, zusammen mit den Jugendlichen ausgehandelt und umgesetzt werden muss. Dieses ist allein schon wegen des Prinzips der Freiwilligkeit eine bedeutsame Voraussetzung.

Ein weiteres spezifisches Kennzeichen ist das Fehlen formaler Machtmittel mit denen gezielt Einfluss auf die Jugendlichen genommen werden könnte.[22] Aufgrund der Freiwilligkeit und Machtarmut ist die Arbeit in der Offenen Jugendarbeit grundsätzlich von Diskursivität geprägt. So müssen stets neue Vereinbarungen ausgehandelt werden „[…], wer was wie mit wem wozu machen will. [23] Geschieht dies nicht und entsprechen die Möglichkeiten in dieser Einrichtung nicht den Erwartungen der Jugendlichen, besteht die Gefahr, dass sie die Angebote und letztlich eventuell auch die Einrichtung ignorieren. Anders formuliert: Der „Offene Treff“ verliert gegenüber der Zielgruppe seine Attraktivität und läuft dadurch ins Leere.[24]

All das stellt hohe Anforderungen sowohl an die Adressaten als auch an das pädagogische Personal. Ob das Fehlen jeglicher Machtmittel ein Vor- oder Nachteil der Offenen Jugendarbeit ist, kann und soll im Rahmen dieser Arbeit nicht geklärt werden. Tatsache ist, dass es keine Möglichkeiten gibt, zum Beispiel die Teilnahme der Jugendlichen durchzusetzen.

Ein zusätzliches Charakteristikum ist die Beziehungsabhängigkeit. Durch die unumgängliche Diskursivität ist eine Beziehungsgestaltung zwischen den Beteiligten erforderlich. Sturzenhecker sieht dies als „zentrale Handlungsbedingung“[25] an. Jedoch ist die Beziehung zwischen Mitarbeitern und Besuchern, unter anderem aufgrund nicht vorhandener Machtinstrumente der Pädagogen sowie ihrer Abhängigkeit von den Bedürfnissen der Adressaten, keineswegs eindeutig.

Neben all der Offenheit im Zusammenhang mit dieser pädagogischen Arbeit gibt es außerdem immer noch bestehende Vorgaben wie Zielsetzungen des Trägers, räumliche Gegebenheiten, personelle Ressourcen etc.

Es ist festzuhalten, dass die skizzierten institutionellen Strukturen einen großen Freiraum ermöglichen. Dieser bietet, neben Erschwernissen, auch viele Chancen, (soziale) Prozesse anzuregen, die die Zielsetzung Offener Jugendarbeit unterstützen.

2.3 Aufgaben der Offenen Jugendarbeit – unter besonderer Berücksichtigung der Grundsätze für die Stadt Köln

In der Offenen Jugendarbeit nimmt der Bildungsauftrag einen hohen Stellenwert ein, wobei hier keine schulische Bildung gemeint ist, sondern vielmehr zahllose Angebote und Möglichkeiten der individuellen Selbstentwicklung. Es liegt ein grundlegendes Verständnis von Bildung als Selbstbildung zugrunde, was „ […] eine unverzichtbare Antwort auf die derzeitigen gesellschaftlichen Rahmenbedingungen [ist].“[26]

Die Offene Jugendarbeit steht dabei als Lern- und Bildungsort, fernab von der Institution Schule, der den jungen Menschen ermöglicht ihre persönlichen Ressourcen zu entdecken und auszuprobieren.[27] Die „emanzipatorische Bildung“[28] grenzt sich von der einseitigen, auf Leistungsabschlüsse orientierten, schulischen Ausbildung ab. Sie bezieht sich auf die Lebenswelt und die Interessen der Jugendlichen und lebt zudem von der Freiwilligkeit der Teilnahme.

Für die Stadt Köln wurden aus den gesetzlichen Rahmenbedingungen die Grundsätze der Offenen Jugendarbeit in Köln entwickelt, die in der „Richtlinie zur Förderung der offenen Kinder- und Jugendarbeit“ der Stadt konkretisiert werden.

Die Offene Jugendarbeit stellt demnach einen bedeutsamen Rahmen für außerschulische Freizeit- und Bildungsarbeit dar. Er wird verstanden als „Ressource im Sozialraum“[29]. In diesem Zusammenhang erscheint folgendes wesentlich:

Zentrale Aufgabe ist es, Räume (bzw. Ressourcen) für Kinder und Jugendliche bereitzustellen und Treffmöglichkeiten außerhalb von Schule und Elternhaus zu bieten. Um eigene Identität erfahren zu können, benötigen Jugendliche Räume, in denen Selbstinszenierung und die Erfahrung in der Beziehung mit anderen möglich ist.[30] Besonders benachteiligte Jugendliche brauchen eine solche „sozialräumliche Gelegenheitsstruktur“[31]. Dabei reicht es jedoch nicht, einfach nur Räume zur Verfügung zu stellen. Gemeint ist vor allem auch die Bedeutung von Räumen im übertragenen Sinne, also beispielsweise als Zugangsmöglichkeit zu Kontakten und Kommunikation, wodurch der Begriff in der Jugendarbeit seine eigentliche Bedeutung erlangt.

Die Jugendarbeit muss sich daher insbesondere mit den Zugängen und Aneignungsformen befassen, die Jugendliche in Räumen suchen und auch finden.[32] Im Mittelpunkt stehen die Förderung der selbstverantwortlichen Organisation sowie die Bereitstellung von Angeboten, die auf ihre Lebenslagen und Bedürfnisse angepasst werden.[33] Neben diesem sind für die vorliegende Arbeit folgende Grundsätze der Stadt Köln bedeutsam:

- Interkulturelles Lernen:
Erfahren und Vergleichen kultureller Unterschiede, Auseinandersetzung mit eigenen Normen mit dem Ziel Vorurteile ab- und Akzeptanz aufzubauen
- Geschlechtsbezogene Offene Kinder- und Jugendarbeit:

Durchführung von Aktivitäten in geschlechtshomogenen und -heterogenen Gruppen mit dem Ziel des Herstellens von Geschlechtergerechtigkeit[34]

Die bisherigen Ausführungen legen die Grundlagen der Offenen Jugendarbeit dar. Im Weiteren wird auf Jugendliche mit Migrationshintergrund im Rahmen dieses Arbeitsfeldes eingegangen.

3. Offene Jugendarbeit mit Jugendlichen mit Migrationshintergrund

Für die pädagogische Arbeit mit Jugendlichen, die einen Migrationshintergrund haben ist es notwendig, über Kenntnisse im Hinblick auf diese jungen Menschen zu verfügen. Im Weiteren wird zunächst geklärt, was unter den Begriffen „Migration“ und „Migrationshintergrund“ zu verstehen ist und auf welche Personengruppen sie zutreffen. Anschließend wird auf Gemeinsamkeiten mit Jugendlichen ohne Migrationshintergrund sowie auf spezifische Besonderheiten Bezug genommen, um abschließend auf Anforderungen an die Fachkräfte einzugehen.

3.1 Migration und Migrationshintergrund – Klärung der Begriffe

Sowohl in der Literatur als auch im alltäglichen Sprachgebrauch werden „Personen mit Migrationshintergrund“ häufig zum Beispiel als „Migranten“, „Ausländer“, „Zuwanderer“, „Immigranten“, „Eingewanderte“ oder „ausländische Mitbürger“ bezeichnet.[35] Diese Begriffe sind pauschalisierend und oftmals nicht zutreffend, wie im weiteren Verlauf erläutert wird. Ihre Verwendung rührt auch daher, dass es keine allgemein gültige Definition gibt: „ Der Personenkreis der Menschen mit Migrationshintergrund ist nicht eindeutig definiert und von der Bevölkerung ohne Migrationshintergrund abgegrenzt.[36]

Im Folgenden wird nun durch die Darstellung einiger Definitionsansätze versucht, ein genaueres Bild dieses Begriffs zu erstellen. Der Begriff „Migration“ stammt ursprünglich vom lateinischen migrare ab und bedeutet übersetzt „auswandern“ oder „wandern“. Mit Bezug auf die Übersetzung lässt sich festhalten, dass es sich um „ […] solche Bewegungen von Personen und Personengruppen im Raum […] [handelt], die einen dauerhaften Wohnortwechsel […] bedingen.“[37]

Doch auch die soziokulturellen Aspekte des Wohnortwechsels sind von Bedeutung, wie beispielsweise Eisenstadt betont. Unter Migration versteht er: „ […] the physical transition of an individual or a group from one society to another.“[38]

Auch für Elmers ist Migration der Übertritt von einer soziokulturellen Umgebung in eine andere, wobei eine räumliche Distanz zwischen diesen Umgebungen besteht, die physische Kontakte erschwert.[39] Diesen Aussagen zufolge ist ein notwendiger Bestandteil einer Definition von „Migration“ die Zuwanderung von einem Gebiet in ein anderes, wodurch auch ein Wechsel von einer soziokulturellen Umgebung in eine andere vollzogen wird. Gemeint sind in diesem Zusammenhang in der Regel jedoch Wanderungen über nationale Grenzen hinweg, da nur so davon ausgegangen werden kann, dass auch der Übertritt in eine andere soziokulturelle Umgebung damit einhergeht.[40]

Zusammenfassend kann man also sagen, dass „Personen mit Migrationshintergrund“ ihr Geburtsland aus unterschiedlichen Gründen verlassen haben bzw. aus einem anderen Land abstammen und nun in Deutschland leben. Durch den Teilbegriff „Hintergrund“ wird deutlich, dass man nicht zwangsläufig selbst immigriert sein muss, wie im Weiteren erläutert wird.

Das statistische Bundesamt begann erstmals 2005 im Rahmen des Mikrozensus die Bevölkerung mit und ohne Migrationshintergrund differenziert zu erfassen.[41] Vorausgegangen war der Erlass des Mikrozensusgesetzes, mit dem auf die Defizite der amtlichen Statistiken reagiert wurde. Zu den Menschen mit Migrationshintergrund zählen demnach „[…] ‚alle nach 1949 auf das heutige Gebiet der Bundesrepublik Deutschland Zugewanderten, sowie alle in Deutschland geborenen Ausländer und alle in Deutschland als Deutsche Geborenen mit zumindest einem zugewanderten oder als Ausländer in Deutschland geborenen Elternteil‘. [42]

Das bedeutet, dass auch in Deutschland geborene Menschen einen Migrationshintergrund haben können, so zum Beispiel als Kinder von Spätaussiedlern, ius soli -Kinder ausländischer Elternpaare oder aber auch als Deutsche mit einem einseitigen Migrationshintergrund.[43]

Die festgelegte Differenzierung des Statistischen Bundesamts lautet wie folgt:

„Bevölkerung insgesamt:

1 Deutsche ohne Migrationshintergrund

2 Personen mit Migrationshintergrund im weiteren Sinn insgesamt
2.1 Personen mit nicht durchweg bestimmbaren Migrationsstatus
2.2 Personen mit Migrationshintergrund im engeren Sinn insgesamt
2.2.1 Zugewanderte (Personen mit eigener Migrationserfahrung) insgesamt
2.2.1.1 Ausländer
2.2.1.2 Deutsche
2.2.1.2.1 Deutsche Zuwanderer ohne Einbürgerung
2.2.1.2.2 Eingebürgerte
2.2.2 Nicht Zugewanderte (Personen ohne eigene Migrationserfahrung) insgesamt
2.2.2.1 Ausländer (2. und 3. Generation)
2.2.2.2 Deutsche
2.2.2.2.1 Eingebürgerte
2.2.2.2.2 Deutsche mit mindestens einem zugewanderter oder als Ausländer in Deutschland geborenen Elternteil
2.2.2.2.2.1 mit beidseitigem Migrationshintergrund
2.2.2.2.2.2 mit einseitigem Migrationshintergrund“[44]

Ein wesentlicher Punkt ist, dass für die tatsächlich Zugewanderten der Begriff „Personen mit eigener Migrationserfahrung“ und für die in Deutschland geborenen Personen mit Migrationshintergrund der Begriff „Personen ohne eigene Migrations­erfahrung“ verwendet wird. Die Auflistung macht deutlich, dass die Verwendung der anfangs genannten Begriffe oftmals unzutreffend ist. So setzen Bezeichnungen wie „Migranten“, „Zuwanderer“, „Immigranten“ oder „Eingewanderte“ voraus, dass die betreffende Person selbst eingewandert sein muss. Dadurch werden jedoch die Nachfahren der Menschen ausgeblendet, die ursprünglich einmal eingewandert sind.[45]

Ferner sind auch pauschale Bezeichnungen wie „Ausländer“ oder „ausländische Mitbürger“ unpassend. Zum einen beziehen sie sich lediglich auf einen Rechtsstatus, also das „Nicht-Besitzen“ der deutschen Staatsangehörigkeit und zum anderen macht diese Personengruppe nur einen Teil der Menschen mit Migrationshintergrund aus (siehe oben: 2.2.1.1 und 2.2.2.1).

In der vorliegenden Arbeit wird der Begriff „Jugendliche mit Migrationshintergrund“ verwendet. Gemeint sind hiermit diejenigen, die selbst aus dem Ausland nach Deutschland zugewandert sind sowie alle in Deutschland Geborenen deren Eltern oder Großeltern hierhin immigriert sind.

3.2 Jugendliche mit Migrationshintergrund – eine eigene Zielgruppe in der Offenen Jugendarbeit?

Die Tatsache, dass häufig Jugendliche mit Migrationshintergrund Besucher von Einrichtungen der Offenen Jugendarbeit sind ist unstrittig.[46] Es stellt sich die Frage, ob die Jugendlichen dadurch zwangsläufig eine eigene Zielgruppe darstellen bzw. die Notwendigkeit besteht, sie als solche zu betrachten. Die folgenden Ausführungen sollen zu einer Klärung dieser Frage beitragen.

Zunächst gibt es nicht „den“ Jugendlichen mit Migrationshintergrund. Die vielschichtige Bevölkerungsgruppe der Menschen mit Migrationshintergrund ist keineswegs homogen, sondern vielmehr von großer innerer Heterogenität geprägt.[47] Es gibt unterschiedlichste biografische, sprachliche und kulturelle Hintergründe. Die Jugendlichen sind durch eine eigene Migrationserfahrung geprägt oder wurden in Deutschland geboren, besitzen die deutsche Staatsbürgerschaft oder leben zum Beispiel mit der Ungewissheit einer Duldung.

Die Jugendlichen mit Migrationshintergrund, die Einrichtungen der Offenen Jugendarbeit besuchen, sind allerdings kein repräsentativer Querschnitt dieser Bevölkerungsgruppe. Es handelt sich, wie allgemein bei der Mehrheit aller Besucher Offener Jugendarbeit, hauptsächlich um marginalisierte männliche Jugendliche aus sozial benachteiligten Schichten, die zudem oft nur über eine unzureichende schulische Bildung verfügen.[48]

3.2.1 Parallelen zu Jugendlichen ohne Migrationshintergrund

Allgemein gibt es bei vielen Jugendlichen mit Migrationshintergrund eine Vielzahl von Parallelen zu den Jugendlichen ohne Migrationshintergrund: Ein großer Teil von ihnen ist in Deutschland geboren und hat daher keine eigene Migrationserfahrung. Sie haben das deutsche Bildungssystem durchlaufen und befinden sich oft, ebenso wie die „einheimischen“ Jugendlichen, in einer Situation des Übergangs, die durch viele Unsicherheiten und Ängste geprägt ist. Die „normalen“ Entwicklungsprobleme gelten dementsprechend auch für die Jugendlichen mit Migrationshintergrund.[49]

Zudem spielen, sowohl für männliche Jugendliche mit als auch ohne Migrationshintergrund, altershomogene Gruppen einen besondere Rolle. Ferner ist die Art und Weise der Freizeitgestaltung in beiden Gruppen oft durch gemeinschaftliches „Herumhängen“ gekennzeichnet. Insgesamt kann auch deshalb keineswegs von kulturspezifischem Verhalten die Rede sein.[50]

Aus den eben dargestellten Parallelen ergibt sich zunächst keine Notwendigkeit dafür, Jugendliche mit Migrationshintergrund als eine eigene Zielgruppe zu legitimieren. Im Folgenden sollen Besonderheiten dargestellt werden, die diese Jugendlichen von denen ohne Migrationshintergrund unterscheiden und untersucht werden, ob sie dadurch eventuell doch eine eigene Zielgruppe darstellen.

3.2.2 Mehrkulturelle Identitäten

Eine zentrale Gemeinsamkeit der Jugendlichen mit Migrationshintergrund besteht auf den ersten Blick darin, dass sie einer anderen Kultur „angehören“. Kultur versteht sich in diesem Zusammenhang gewöhnlich als eine Art Sammelbegriff für die verschiedenen Besonderheiten und Eigenarten von sozialen Gruppen, wie beispielsweise Rituale, Ernährungsformen, Glauben, künstlerische Ausdrucksweisen, Sexualität oder Familienstrukturen.[51] Bei näherer Betrachtungsweise wird aber deutlich, dass Jugendliche mit Migrationshintergrund keineswegs nur einer Kultur angehören. Sie wachsen vielmehr in drei verschiedenen Kulturen auf: der Kultur des Herkunftslandes der Familie, der Kultur des Landes in dem sie aufgewachsen sind und leben sowie der Kultur der Gleichaltrigen.[52] Es handelt sich folglich nach Hall eher um „hybride Identitäten“[53], die verschiedenste Elemente aus unterschiedlichen Kulturen und Subkulturen annehmen und deren Selbst- und Weltverständnis insbesondere durch diese Vermischung geprägt wird. Gerade in solchen mehrkulturellen Identitäten sehen Fachleute große Potentiale für die Gesellschaft der Zukunft.[54] In Zeiten von Globalisierung, Massenmedien und den unterschiedlichsten Subkulturen ist demzufolge auch Kultur in einer modernen Gesellschaft generell nicht mehr als etwas in sich Geschlossenes zu verstehen. Eine moderne Gesellschaft ist vielmehr durch eine „unübersichtliche Pluralität“[55] der verschiedensten kulturellen Einflüsse gekennzeichnet. Scherr vertritt sogar die Auffassung, dass in einer solchen Gesellschaft niemand in einer einzigen und geschlossenen Kultur lebt. Daher kann in der Regel auch nicht mehr von zum Beispiel „der türkischen“ oder „der deutschen“ Kultur gesprochen werden.[56] Gleiches gilt für die Jugendarbeit, die in der Praxis nicht mit den Kulturen als solchen zu tun hat, sondern sich immer mit den spezifischen und individuellen Problemstellungen einer konkreten Person auseinandersetzen muss. Sie hat sich in der alltäglichen Arbeit mit einer Vielfalt unterschiedlicher Lebensgeschichten, -situationen und -stilen auseinanderzusetzen.

3.2.3 Selbst- und Fremdzuordnung der Jugendlichen

Im Alltag der Offenen Jugendarbeit fällt auf, dass sich häufig gerade die Jugendlichen selbst auf ihr „Anderssein“ beziehen. Diese Einordnung in nationale und ethnische Kollektive ermöglicht es ihnen, die eigene problembehaftete Situation nicht als individuelles Versagen, sondern vielmehr als kollektive Ungerechtigkeit zu sehen.[57] Erfahrungen von Benachteiligungen oder Diskriminierungen können dadurch aus ihrer Sicht produktiver bewältigt werden. Zudem ermöglicht die Identifikation mit der Herkunftsnation oder -ethnie eine einfach zugängliche Selbstaufwertung, die sich in Form von Stolz, beispielsweise ein „Türke“ oder ein „Deutscher“ zu sein, ausdrückt.[58]

Da Prozesse der Selbst- und Fremdzuordnung häufig mit der Ausgrenzung „anderer“ einhergehen, ist es deshalb Aufgabe der Jugendarbeit, auf derartige „Sortierungsmechanismen“[59] zu reagieren.

3.2.4 Darstellung weiterer besonderer Merkmale

Neben den oben genannten Schwierigkeiten aller Jugendlichen haben diejenigen mit Migrationshintergrund in vielen Fällen aber noch mit zusätzlichen Erschwernissen zu kämpfen.[60] Die spezifischen Belastungen zeigen sich in verschiedenen Lebensbereichen: Bereits in der (Grund-) Schule sind Kinder aus Familien mit einem Migrationshintergrund benachteiligt. Es wurde festgestellt, dass in deutschen Schulen noch immer nur mangelhaft mit (sozialer und ethnischer) Vielfalt umgegangen wird. Noch immer entscheidet Herkunft über Schulabschlüsse und damit über Zukunftsperspektiven.[61] Dies hat zur Folge, dass Jugendliche mit Migrationshintergrund eine allgemeinbildende Schule doppelt so häufig ohne Abschluss verlassen, wie Schülerinnen und Schüler ohne Migrationshintergrund. Zudem sind sie an Haupt- und Förderschulen überrepräsentiert.[62]

Auch in der darauf folgenden Übergangsphase Schule – Beruf werden Jugendliche mit Migrationshintergrund deutlich benachteiligt. Trotz gleicher Eignung kommen sie bei der Vergabe von Ausbildungsplätzen häufig zu kurz.[63] Dies zeigt sich auch daran, dass lediglich 27 % nach dem Beenden der allgemeinbildenden Schule sofort eine betriebliche Ausbildungsstelle bekommen. Daher gestaltet sich diese Phase für sie besonders schwierig und langwierig. Ein Blick auf die Arbeitslosenstatistik zeigt, dass Jugendliche mit Migrationshintergrund auch später auf dem Arbeitsmarkt eindeutig benachteiligt sind.[64]

Neben diesen spezifischen gesellschaftlich-ökonomischen Problemen und den „normalen“ Entwicklungsproblemen machen vielen der Jugendlichen zusätzlich „Integrationskonflikte“[65] zu schaffen. Diese drücken sich Freise zufolge beispielsweise durch Sprachprobleme, Spannungen zwischen familiären Erziehungsvorgaben und den Normen der Einwanderungsgesellschaft sowie eine fehlende gesellschaftliche Anerkennung aus. Darüber hinaus machen Jugendliche mit Migrationshintergrund häufig ausgrenzende und diskriminierende Erfahrungen in ihrer Freizeit (z.B. in Diskotheken, Gaststätten oder mit der Polizei) und haben zudem vielfach schon Gewalterfahrungen in Bezug auf sich selbst, als auch von ihnen ausgehend, gemacht.[66]

Die hier aufgeführten Besonderheiten sind in der pädagogischen Arbeit mit den Jugendlichen zwar durchaus relevant und spielen oft eine bedeutende Rolle, müssen aber stets fallbezogen betrachtet und jeweils in ihrer Bedeutung für die Jugendlichen geklärt werden. Wie auch Bommes anmerkt, dürfen spezifische Merkmale dieser Art jedoch nicht von Beginn an unterstellt werden.[67]

An dieser Stelle ist es notwendig, die Ausgangsfrage aufzugreifen: Aufgrund der oben dargelegten Aspekte macht es keinen Sinn, Jugendliche mit Migrationshintergrund als eine eigene Zielgruppe anzusehen. Zwar gibt es einige wesentliche Besonderheiten, jedoch bilden diese Jugendlichen keine einheitliche Gruppe.

Demzufolge stimme ich Bommes zu, dass es prinzipiell keiner grundlegend differenten Jugendarbeit bedarf.[68] Das bedeutet auch, dass es kein Rezept bzw. keinen Leitfaden für die Arbeit mit Jugendlichen mit Migrationshintergrund gibt und geben kann. Für die pädagogischen Fachkräfte gilt es vielmehr, sich den „ […] Randbedingungen und Folgeprobleme[n] von Migration […][69], mit denen viele der Jugendlichen konfrontiert sind, sach- und fallbezogen anzunehmen. Die jeweilige Bedeutung für den Jugendlichen ist durch die aktive Auseinandersetzung mit ihren speziellen biografischen Gegebenheiten zu erkennen.[70]

3.3 Anforderungen an die Fachkräfte – mit besonderem Blick auf interkulturelle Kompetenzen

Von den Fachkräften einer zeitgemäßen Offenen Jugendarbeit mit Jugendlichen mit Migrationshintergrund wird gefordert, ressourcenorientiert zu arbeiten und nicht lediglich an kulturspezifischen Defiziten anzusetzen.[71] Es geht darum, ihre Stärken in den Vordergrund zu stellen, nicht ihre Schwächen.[72] Das Aufwachsen mit einem Migrationshintergrund geht nicht zwangsläufig und in jedem Fall nur mit Konflikten einher.[73] Auch diese Jugendlichen haben besondere Potentiale, die sich beispielsweise in ihrer Zwei- und Mehrsprachigkeit deutlich machen.[74]

Um professionell mit ihnen arbeiten zu können, wird für die Fachkräfte der Erwerb interkultureller Kompetenzen durch spezifische Aus- und Weiterbildung als erforderlich angesehen.[75] Hinz-Rommel versteht darunter „[…] die Fähigkeit, angemessen und erfolgreich in einer fremdkulturellen Umgebung oder mit Angehörigen anderer Kulturen zu kommunizieren.“[76]

Doch in diesem Kontext stehen nicht Kenntnisse über das „Fremde“ oder „Anders-artige“ im Mittelpunkt. Vielmehr geht es darum, die eigene Kultur mit all ihren Facetten zu entdecken und zu lernen, Elemente daraus kritisch zu betrachten und entweder für sich anzuerkennen oder abzulehnen. Nach Jantz stellt dieses „kulturelle Eigenbewusstsein“[77] eine wesentliche Voraussetzung für interkulturelle Begegnungen dar.[78] Zu den benötigten Schlüsselqualifikationen gehören demnach:

„- Wissen über die hegemoniale Praxis von Einschluss und Ausschluss (z.B. ‚Gastfeindschaft‘),
- eigenkulturelle Bewusstheit, Selbstsicherheit, Fähigkeit zur Identitätsdarstellung,
- Rollendistanz, Empathie, Ambiguitätstoleranz, Interaktionsfreudigkeit,
- Stresstoleranz, Frustrationstoleranz, die Fähigkeit, Widersprüchlichkeiten zu ertragen,
- Kenntnisse über Sprache u.a. Kulturtechniken.“[79]

In erster Linie zeichnet sich interkulturelle Kompetenz also durch Offenheit und das sich Einlassen auf und Aushalten von ungewohnten Situationen aus. Es handelt sich dabei nicht um einmal erworbene Fähigkeiten, die für immer gelten, sondern vielmehr um einen dynamischen Prozess in dem die unterschiedlichsten Veränderungen notwendigerweise berücksichtigt werden.[80] Gaitanides zufolge gelten Personen letztendlich erst dann als interkulturell kompetent, wenn sie in der Lage sind, die kognitiven Kompetenzen (z.B. das Wissen über die Herkunftsgesellschaft und -sprache, Kenntnisse im Hinblick auf die soziale, rechtliche und sozialpsychologische Situation) mit den Handlungskompetenzen (Empathie, Rollendistanz, Ambiguitätstoleranz und kommunikative Kompetenz) zu verbinden.[81]

Da es in der vorliegenden Arbeit um geschlechtsspezifische Arbeit mit Jugendlichen mit Migrationshintergrund geht, wird im Folgenden näher auf das Arbeitsfeld der Jungenarbeit sowie auf wesentliche Aspekte der Sozialisation von Jungen und daraus entstehende Konsequenzen für die Praxis eingegangen.

4. Geschlechtsspezifische Jugendarbeit – Jungenarbeit

Die Notwendigkeit von Jungenarbeit liegt auf der Hand: In Zeiten einer sich kontinuierlich verändernden gesellschaftlichen Situation ist es unabdingbar auch Männlichkeitsbilder und Geschlechterverhältnisse zu verändern. So werden Jungen im Alltag oftmals aufgrund tradierter Rollenbilder daran gehindert, ihre vielfältigen Potentiale nutzen zu können.[82] Hier setzt die Jungenarbeit mit ihren „Experimentierräumen“ und Möglichkeiten an.

4.1 Was ist Jungenarbeit?

Unter dem Begriff Jungenarbeit wird allgemein die geschlechtsbezogene pädagogische Arbeit erwachsener männlicher Fachkräfte mit Jungen verstanden.[83] Jungenarbeit ist zudem im geschlechtsspezifischen Kontext ein Mittel, das eine der wenigen fachlichen Vorgaben des KJHG erfüllen kann: „ […] die unterschiedlichen Lebenslagen von Mädchen und Jungen zu berücksichtigen, Benachteiligungen abzubauen und die Gleichberechtigung von Mädchen und Jungen zu fördern.“[84]

Es gilt, die Angebote und Leistungen darauf auszurichten. Hierbei handelt es sich jedoch nicht um Vorgaben, wie man sich entwickeln bzw. leben soll, sondern eher um die Unterstützung einer freien und individuellen Entwicklung. Im Blickpunkt von Jungenarbeit stehen sowohl die Potentiale des Jungeseins als auch die problematischen Formen männlicher Lebensbewältigung.[85]

Eine spezielle Zielgruppe gibt es zwar nicht, da Themen des Mannwerdens/-seins alle Jungen in irgendeiner Form beschäftigen, jedoch sieht es in der Praxis eher so aus, dass sich Jungenarbeit an problematische und marginalisierte Jugendliche wendet.[86]

Das zentrale Ziel dieser pädagogischen Arbeit ist in erster Linie die Unterstützung der Jungen bei der Entwicklung einer autonomen Geschlechtsidentität. Um dieses zu erreichen, muss der Blick zuvor auf folgende Aspekte gerichtet werden, die Sturzenhecker als weitere allgemeine Ziele bezeichnet. Vogel fasst sie in Stichpunkten folgendermaßen zusammen:

„- Ermöglichung von Reflexion und Bewusstwerdung, wie Mann ist und wie Mann wird,
- Aufdeckung des ‚Mythos Mann‘
- Auseinandersetzung mit den Kosten und dem Nutzen von Modellen herrschender und tradierter Männlichkeit,
- Veränderung des Geschlechterverhältnisses in Richtung Gleichheit und Gerechtigkeit
- Angebot von Erfahrungen alternativer Männlichkeit,
- Erwerb sozialer und kommunikativer Grundkompetenzen,
- Entwicklung von Selbstständigkeit, für sich zu sorgen,
- Jungenarbeit findet statt für Jungen, unter Jungen und auf der Basis der Themen und Interessen von Jungen“[87]

Es wird ersichtlich, dass die Ziele von Jungenarbeit sehr umfangreich sind und dass an die Fachkräfte hohe Ansprüche gestellt werden. Um die Bedeutung dieser pädagogischen Arbeit zu verstehen ist es erforderlich, sich darüber bewusst zu werden, was Jungen unterscheidet, was sie verbindet und welche Probleme sie, insbesondere während ihrer Entwicklung, haben.

[...]


[1] Um eine verbesserte Leserlichkeit zu gewährleisten wird im weiteren Verlauf die männliche Schreibweise verwendet. Es sind jedoch i.d.R. Frauen wie Männer gemeint.

[2] Mit „deutschen“ oder „einheimischen“ Jugendlichen sind im weiteren Verlauf Jugendliche ohne Migrationshintergrund gemeint.

[3] Das SGB VIII wird auch Kinder- und Jugendhilfegesetz (KJHG) genannt.

[4] §1 (1) SGB VIII

[5] Vgl. §1 (3) Nr.1,3 SGB VIII

[6] Vgl. §11 (1) S.2 SGB VIII

[7] Vgl. ebd.

[8] Deinet / Sturzenhecker 2005, S.13

[9] §11 (3) SGB VIII

[10] Vgl. §10 KJFöG

[11] Vgl . Deinet/ Sturzenhecker 1998, S.9

[12] Vgl. Münchmeier 1998, S.20

[13] Deinet/ Sturzenhecker 2005, S.11

[14] Vgl. Amt für Kinder, Jugend und Familie der Stadt Köln 2006, S.2

[15] Deinet/ Sturzenhecker 2005, S.14

[16] Vgl. § 3 (2) KJFöG

[17] Vgl. Sturzenhecker 1998, S.304; vgl. Münchmeier 1992a

[18] Vgl. Sturzenhecker 1998, S.623; vgl. Sturzenhecker 1998, S. 304

[19] Vgl. Sturzenhecker 1998, S.623

[20] Vgl. Sturzenhecker 2007, S.20

[21] Vgl. Sturzenhecker 1998, S.305

[22] Vgl. Sturzenhecker 2007, S.20

[23] Vgl. Sturzenhecker 1998, S.624

[24] Vgl. Sturzenhecker 1998, S.307

[25] Ebd.

[26] Deinet/ Sturzenhecker 2005, S.14

[27] Vgl. Deinet/ Sturzenhecker 2005, S.13

[28] Deinet/ Sturzenhecker 2005, S.14

[29] Amt für Kinder, Jugend und Familie der Stadt Köln 2006, S.3

[30] Vgl. Fülbier/ Münchmeier 2001, S.849

[31] Vgl. ebd.

[32] Vgl. Böhnisch/ Münchmeier 1999, S.91

[33] Vgl . Amt für Kinder, Jugend und Familie der Stadt Köln 2006, S.3

[34] Auf diesen Aspekt wird in Kapitel 4 ausführlich eingegangen.

[35] Vgl. Schramkowski 2006, S.22ff

[36] Statistisches Bundesamt 2006, S.73

[37] Diefenbach 2007, S.22

[38] Ebd.

[39] Vgl. ebd.

[40] Vgl. ebd.

[41] Der Mikrozensus ist die amtliche Repräsentativstatistik über die Bevölkerung und den Arbeitsmarkt in Deutschland

[42] Statistisches Bundesamt 2009, S.6

[43] Vgl. ebd.

[44] Statistisches Bundesamt 2009, S.330

[45] Vgl. Diefenbach 2007, S.20f; vgl. Schramkowski 2007, S.22ff

[46] Vgl. z.B. Scherr 2005, S.180

[47] Vgl. Jantz/ Pecorino 2005, S.40; vgl. Gogolin 2003, S.177; vgl. Kapitel 3.1 dieser Arbeit

[48] Vgl. Freise 2005, S 25; vgl. Scherr 2005, S.181

[49] Vgl. Freise 2005, S.11; siehe hierzu auch Kapitel 4.2

[50] Vgl. Bommes 2005, S.107; vgl. Scherr 2005, S.184

[51] Vgl. Scherr 2005, S.184

[52] Vgl. Atabay 2002, S.17

[53] Hall 1999, S.196

[54] Vgl. Scherr 2005, S.182/185; vgl. Freise 2005, S.29

[55] Scherr 2005, S.185

[56] Vgl. ebd.; vgl. Jantz 2003, S.126

[57] Vgl. Scherr 2005, S.187

Dies kann ebenso im Fall von benachteiligten Jugendlichen ohne Migrationshintergrund gelten.

[58] Vgl. ebd.

[59] Bommes 2005, S.110f

[60] Vgl. hierzu: Bommes 2005, S.107ff; Mertol 2008, S.72ff

[61] Vgl. Die Beauftragte der Bundesregierung für Migration, Flüchtlinge und Integration 2010, S.55

[62] Konsortium Bildungsberichterstattung 2008, S.11

[63] Vgl. Die Beauftragte der Bundesregierung für Migration, Flüchtlinge und Integration 2010, S.72

[64] Vgl. dazu auch: Die Beauftragte der Bundesregierung für Migration, Flüchtlinge und Integration 2010, S.93ff; vgl. Kapitel 6.1

[65] Freise 2005, S.25

[66] Vgl. Gogolin 2003, S.172; vgl. Mertol 2008, S.75-77

[67] Vgl. Bommes 2005, S.108f

[68] Vgl. Bommes 2005, S.111

[69] Ebd.

[70] Vgl. Bommes 2005, S.108

[71] Vgl. u.a. Jantz 2003, S.142; Toprak 2005, S.217; Gogolin 2003, S.177f

[72] Vgl. Kapitel 5.1

[73] Vgl. Gogolin 2003, S.174

[74] Vgl. Boos-Nünning 2001, S.843; vgl. BMFSFJ 2009, S.252

[75] Vgl. hierzu u.a. Freise 2005, S.30; Toprak 2006, S.29

[76] Hinz-Rommel 1996, S.20

[77] Jantz 2003, S.143

[78] Vgl. Jantz 2003, S.142f

[79] Jantz/ Mühling-Versen 2003, S.5

[80] Vgl. Mertol 2008, S.194; vgl. Jantz 2003, S.144

[81] Vgl. Gaitanides 2006, S.223

[82] Selbiges gilt selbstverständlich auch für Mädchen.

[83] Vgl. Sturzenhecker / Winter 2010, S.9

[84] §9 (3) SGB VIII

[85] Vgl. Sturzenhecker / Winter 2010, S.9

[86] Vgl. ebd.

[87] Vogel 2000, S.13

Details

Seiten
65
Erscheinungsform
Erstausgabe
Jahr
2011
ISBN (eBook)
9783863416416
Dateigröße
377 KB
Sprache
Deutsch
Institution / Hochschule
Fachhochschule Münster
Erscheinungsdatum
2013 (Juli)
Note
1,7
Schlagworte
Offene Jugendarbeit geschlechtsspezifische Arbeit Interkulturelle Jungenarbeit Grenzen Möglichkeiten

Autor

Der Autor wurde 1986 in Münster geboren. Nach dem Abitur studierte er von 2008 bis 2011 Soziale Arbeit an der Fachhochschule Münster. Im Zuge des Studiums absolvierte er auch ein Praxissemester in einer Jugendeinrichtung in Köln-Mülheim. Angeregt durch die interessante Arbeit mit den Jugendlichen, die überwiegend einen Migrationshintergrund haben, beschloss er, sich thematisch in diesen Bereich zu vertiefen.
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Titel: Möglichkeiten und Hindernisse geschlechtsspezifischer Offener Jugendarbeit: Mit Blick auf die Arbeit von drei Jugendeinrichtungen in Köln-Mülheim