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Die Entwicklung des modernen Welt-Systems

Bachelorarbeit 2009 62 Seiten

VWL - Geschichte

Leseprobe

INHALTSVERZEICHNIS

ABBILDUNGSVERZEICHNIS

TABELLENVERZEICHNIS

I. Einleitung

II. Haupteinteilung
1. Über Immanuel Wallerstein
2. Die Welt-Systemtheorie nach Immanuel Wallerstein
2.1. Arten sozialer Systeme
2.2. Die Entstehung der kapitalistischen Weltwirtschaft
2.2.1. 1. Stadium: 1450-1640
2.2.2. 2. Stadium: 1640-1815
2.2.3. 3. Stadium: 1815-1917
2.3. Das moderne Welt-System: Die kapitalistische Weltwirtschaft
2.3.1. Logik des modernen Welt-Systems
2.3.2. Rahmenbedingungen des modernen Welt-Systems
2.3.3. Mechanismen des modernen Welt-Systems
2.3.3.1. Der ungleiche Tausch
2.3.3.2. Die Arbeitsorganisation
2.3.3.3. Die Ideologien
2.3.3.4. Die säkularen Trends
2.4. Der Niedergang der kapitalistischen Weltwirtschaft
2.5. Kritische Betrachtung
3. Die Bedeutung der Welt-Systemtheorie für das Management in der modernen Gesellschaft

III. Schlussbetrachtung

LITERATURVERZEICHNIS

ABBILDUNGSVERZEICHNIS

Abbildung 1: Die kapitalistische Weltwirtschaft

Abbildung 2: Die Entwicklung der Armut (1981-2015)

Abbildung 3: Argumentationskette zur Bedeutung der Welt-Systemtheorie für das Management in der modernen Gesellschaft

TABELLENVERZEICHNIS

Tabelle 1: Paradigmenwandel zur Erklärung der Unterentwicklung ab 1945

Tabelle 2: Kriterien der Hierarchiebildung

Tabelle 3: Argumente dafür und dagegen

I. Einleitung

Die Vereinigten Staaten von Amerika haben ihr „Triple-A-Rating“ verloren. Europa befindet sich in einer Schuldenkrise mit unvorhersehbaren Folgen. Gold- und Aktienkurse schwanken erheblich. Die Menschen haben Angst vor Extremszenarien: vor Inflation, vor einer Währungsreform, vor Bankenzusammenbrüchen, vor kriegerischen Auseinandersetzungen. Sind diese realistisch oder nur unverantwortliche Horrorszenarien? Jedenfalls rufen sie Erinnerungen an den 15. September 2008 wach, als die amerikanische Investmentbank Lehman Brothers im Zuge der Finanzkrise Insolvenz anmelden musste. Der Dow-Jones-Index brach daraufhin um mehr als 500 Punkte ein, weitere Bankenzusammenbrüche durch enorme Kreditausfälle folgten, die Güternachfrage sank dramatisch, Unternehmen kollabierten, Menschen wurden entlassen oder gingen in Kurzarbeit, es herrschte Unsicherheit und Misstrauen.

Fortan wurde und wird oft die Frage thematisiert, ob nicht der Kapitalismus der Universalschlüssel aller Probleme sei: Ist der Kapitalismus der Übeltäter, der Gier und Eigennutz belohnt, die Reichen reicher und die Armen ärmer macht anstatt den Wohlstand aller zu steigern?[1]Öffnete sich die Schere zwischen Arm und Reich in Folge der Lehren der Chicago Schule und der Reagan-Thatcher Ära, die Ungleichheit als Vorraussetzung für Arbeits- und Bildungsanreize sahen, um Wachstum und Wohlstand zu sichern, wovon letztendlich auch die Ärmeren profitieren würden?[2]Überstrapazieren die westlich-pluralistischen Gesellschaften die Wachstumsspirale, indem sie ökonomische und menschliche Ressourcen bis an ihre Grenzen ausbeuten[3]und so letztendlich an den inneren Widersprüchen des Systems zusammenbrechen?[4]Eskaliert als Folge die weltweite Widerstandsbereitschaft? Weisen Insolvenzwellen, Spekulationsblasen und Klimakatastrophen auf den Untergang des Kapitalismus hin? Doch was überhaupt meint Kapitalismus? Diese Frage stellten sich auch Experten in Hongkong, über die die Financial Times am 4. Mai 1986 berichtete.[5]Sie mussten ihre Besprechung abbrechen, da niemand den Kapitalismus definieren konnte.[6]Es gab jedoch einige, die eine begriffliche Einordnung wagten, wie beispielsweise Karl Marx, Rosa Luxemburg, Joseph Alois Schumpeter, Immanuel Wallerstein und andere.

Immanuel Wallerstein sucht die Antwort in der Wirtschaftshistorie und beantwortet diese Frage, indem er in drei (von vier) bisher erschienenen Bänden ein Denkmodell entwickelt, das den Kapitalismus als historisches Sozialsystem anhand der Entwicklung der kapitalistischen Weltwirtschaft mit ihren Mechanismen, Abhängigkeiten und Wechselwirkungen darstellt. Die vorliegende Arbeit befasst sich mit genau dieser Theorie - der Welt-Systemtheorie Immanuel Wallersteins - und zeigt ihre Bedeutung für das Management in der modernen Gesellschaft auf.

II. Haupteinteilung

1. Über Immanuel Wallerstein

Als Kind deutsch-jüdischer Einwanderer wurde Immanuel Wallerstein am 28. September 1930 in New York geboren.[7]Nach seiner Promotion im Jahre 1959 an der Columbia University, blieb er dort als Lehrer tätig und forschte einige Jahre zur Kolonialgeschichte Afrikas,[8]weshalb er sich bald als historisch orientierter Wirtschaftssoziologe und Kolonialhistoriker Afrikas etablierte[9]. Infolge seiner Solidarität für Studentenunruhen an der Columbia University wechselte er 1971 an die McGill University in Montreal.[10]Im Jahre 1976 übernahm Wallerstein dann eine Professur an der State University of New York in Binghamton[11], wo er das "Fernand Braudel Center for the Study of Economics, Historical Systems, and Civilizations" gründete[12]und bis 2005 als Direktor leitete[13]. Spätestens seit dem der erste Band von Wallersteins auf vier Bänden angelegten Theorie "The Modern World-System" im Jahre 1974 veröffentlicht wurde, wird über die globale, kapitalistische Entwicklung der Vergangenheit und der Gegenwart und die durch sie verursachten Ungleichheiten debattiert.[14]Sein Eintreten für antisystemische Bewegungen zeichnet ihn als Globalisierungs- und Kapitalismuskritiker aus.[15]Um internationale Diskussionen über die Welt-Systemtheorie aufrechtzuerhalten, engagiert sich Wallerstein als Mitherausgeber mehrerer Zeitschriften (u.a. „Africa Today“ und „Review“).[16]Gewürdigt wurden seine Leistungen unter anderem durch die Wahl zum Präsidenten der Weltvereinigung der Soziologinnen und Soziologen für die Amtsperiode 1994 bis 1998.[17]In Deutschland findet Wallersteins Theorie Aktivisten im Verein für Geschichte des Welt-Systems um Prof. Dr. Hans-Heinrich Nolte[18]und bei den Bielefelder Feministinnen um die Soziologin Maria Mies.[19]

2. Die Welt-Systemtheorie nach Immanuel Wallerstein

Gemäß Bornschier (2008) hat der Welt-Systemansatz „bisher keine geschlossene Theorie hervorgebracht“[20], sondern vielmehr verschiedene Theorievorschläge, die entweder die ökonomische, politische oder kulturelle Dimension betonen[21]. Von diesen hat die Wallersteinschule, „wohl die meiste Publizität erfahren“[22].

Wallersteins Konzept folgt dabei einem holistischen Ansatz[23]. Anhand einer polit-ökonomischen, historisch angelegten Makrotheorie[24]versucht er in grundlegender Weise die Rahmenbedingungen und Mechanismen des modernen Welt-Systems historiographisch beschreibend seit der Wende vom 15. zum 16. Jahrhundert zu erfassen.[25]Historisch existieren dabei zwei Arten von Welt-Systemen: Weltreiche und Weltwirtschaften. Während Weltreiche eine sowohl wirtschaftliche wie politische globale Ordnung aufweisen, sind Weltwirtschaften zwar ökonomisch, nicht aber politisch integriert. Diese strukturelle Ordnung bedingt die Stärke des modernen Welt-Systems, dessen Logik die maximale Kapitalakkumulation darstellt. Die Größe einer Weltwirtschaft ist dabei abhängig vom herrschenden Stand der Technik und von den Transport- und Kommunikationsmöglichkeiten.[26]So umfasst die kapitalistische Weltwirtschaft erst seit dem 19. Jahrhundert den gesamten Erdglobus. Als das moderne Welt-System beschreibt Wallerstein damit die kapitalistische Weltwirtschaft, wobei das System Kapitalismus nur innerhalb der Rahmenbedingungen der Weltwirtschaft existieren kann. Das Wesen des Kapitalismus basiert auf einer über ungleichen Tausch vermittelten, weltweiten, funktionalen sowie geographischen Arbeitsteilung. Diese zergliedert den „transnationalen sozialen Raum“[27]funktional in drei im Wettbewerb zueinander stehende Zonen (Zentrum, Peripherie und Semiperipherie), deren jeweilige Entwicklungsmöglichkeiten sich eben gerade aus ihrem Status in der kapitalistischen Weltwirtschaft ergeben. Das entstehende Muster räumlich-globaler Ungleichheiten führte und führt laut Wallerstein zu verschiedenen Formen sozialer Ungleichheit, da die Unterentwicklung einiger Weltteile die Entwicklung anderer gemäß einer Nullsumme bedingt[28]und somit Ausbeutung der einen Seite Wertschöpfung für die andere bedeutet[29]. Dabei wird das System in zyklischer, krisenhafter Abfolge von hegemonialen Staaten beherrscht und von technologischen Zyklen geprägt.[30]Ein Übergang aus der Peripherie über die Semiperipherie ins Zentrum ist einzelnen Ländern möglich, wobei auch das absolute Entwicklungsniveau der Peripherie steigen kann.[31]Das spät-kapitalistische Welt-System des 21. Jahrhunderts befindet sich aufgrund seiner inneren Widersprüche und Entwicklungsgrenzen in einer Übergangsphase - einer Krise - an deren Ende es sich zu einem anderen System wandeln wird, dessen Struktur noch unvorhersehbar ist.[32]Ein sozialistisches Welt-System wäre denkbar.[33]

Die Methodik Wallersteins

Wallersteins Theorie fußt auf der analytischen Kapazität der Sozialwissenschaften, wobei er primär Sozialsysteme erforscht.[34]Um seine Methodik zu verstehen, seien zunächst die etablierten Sozialwissenschaften kaputtzudenken, um keiner theoretischen Separierung in strikt getrennte Bereiche wie die der Anthropologie, der Wirtschaftswissenschaft, der Politologie, der Soziologie und der Geschichte zu unterliegen.[35]Vielmehr handele es sich hierbei um Abteilungen, die transdisziplinär[36]zu erforschen seien. Um den sich über einen langen Zeitraum entwickelnden Prozess des sozialen Wandels und der strukturellen Veränderungen des modernen Welt-Systems analysieren zu können, sei eine einzige bereichsübergreifende Schlüsselkategorie: das moderne Welt-System in den Mittelpunkt der Disziplinen zu stellen und auf einem Abstraktionsniveau zu betrachten.[37]Ausgehend von der Kosmologie (astronomische Erforschung der Funktionsweise des Gesamtsystems) betrachtet Wallerstein also die Strukturen eines einzigen Gesamtsystems, womit die Veränderung der kleineren Einheiten (der souveränen Staaten) erklärt werden kann.[38]Die Darstellung der Entwicklung des Welt-Systems soll dazu dienen, zukünftig eine „Welt mit mehr Gleichheit und mehr Freiheit“[39]zu schaffen, wobei Wallerstein vor allem den „stärker unterdrückten Teile[n] der Weltbevölkerung“[40]einen großen Nutzengewinn vorhersagt.[41]Das Abstraktionsniveau, auf dem er sich bewegt, legitimiert er indem er schreibt: „Die Beschreibung einzelner Ereignisse interessierte mich dabei nur dort, wo sie als typische Beispiele für einen bestimmten Mechanismus Licht auf das System warfen oder bei wichtigen institutionellen Veränderungen die entscheidenden Wendepunkte bildeten“[42].

Intellektuelle Wurzeln von Wallersteins Welt-Systemtheorie

Während sich im Verlauf der 1960er Jahre eine kritische Distanz gegenüber den seit 1945 vorherrschenden Modernisierungstheorien zugunsten dependenztheoretischer Vorstellungen abzeichnete, häuften sich seit dem Jahre 1975 die Beiträge zur Welt-Systemanalyse (vgl. Tabelle 1), wobei Wallersteins Welt-Systemtheorie besondere Beachtung fand.[43]Wallersteins Theoriegebäude gründet sich vor allem auf den intellektuellen Einflüssen des Marxismus, der Annales- Schule und derDependenztheorien,[44]wobei die Arbeiten der lateinamerikanischen Dependenztheoretiker (span.: dependencia= Abhängigkeit) wohl den wichtigsten der drei Eckpfeiler darstellen.[45]Ihre Vertreter (u.a. Fernando Henrique Cardoso und Raúl Prebisch) behaupten, dass die Unterentwicklung von Weltteilen nicht kulturell-historisch bedingt sei, sondern vielmehr exogen aus der Entwicklung anderer struktureller Zonen genese.[46]Dabei führte die Autonomie der Industrienationen zu deren hohem Entwicklungsniveau, weshalb diese wiederum die Entwicklungsmöglichkeiten der durch Import abhängigen Staaten mit peripherem Status beschränken konnten und so deren soziale Strukturen deformierten und schwächten.[47]Die Beobachtung, dass einige Entwicklungsländer dennoch hohe Wachstumsraten aufweisen, ist mit den Dependenztheorien nicht erklärbar, weshalb Welt-Systemansätze an Bedeutung gewannen. Außerdem greift Wallerstein auf dieMarx'sche Kapitalismusanalysezurück, stellt aber (anders als Marx) verschiedene Arbeitsformen und weltweite Austauschbeziehungen in den Mittelpunkt, wobei die Produktionsverhältnisse an sich weniger bedeutend sind.[48]Wallersteins Fokus auf Makrosysteme geht auf den dritten Grundpfeiler - diefranzösische Annales-Schule- vor allem auf den französischen Historiker Fernand Braudel zurück,[49]dem er auch den zweiten Band seiner Theorie widmete.[50]Braudels Betrachtung der Entwicklung marktwirtschaftlicher Strukturen, die er anhand der Dynamik historischer Wirtschaftsnetzwerke beschrieb, beeinflusste Wallerstein maßgeblich.[51]Laut Bornschier (2008) kam es ab 1990 aufgrund fehlender schlüssiger Theorien zu einer Theoriekrise, welche heutzutage durch Globalisierungsdebatten verdeckt wird.[52]Der Ansicht etwa von Ulrich Beck folgend ist es eine „zweite Moderne“, die sich nun globalisiert, wobei Globalisierung Prozesse darstellt, durch welche transnationale Akteure die Souveränität von Nationalstaaten zu unterlaufen versuchen, was zu radikalen Veränderungen führe.[53]Für Wallerstein gilt laut Beck der Kapitalismus als treibende Kraft der Globalisierung, wobei Wallerstein selbst Globalisierung als „a misleading concept, since what it describes as globalization has been happening for 500 years“[54]beschreibt. Damit setzt Wallerstein Globalisierung der „dem Kapitalismus innewohnende[n] Tendenz zur räumlichen und sozialen Expansion“[55]gleich; einem Prozess, der vor mindestens 500 Jahren begann.[56]

Tabelle 1: Paradigmenwandel zur Erklärung der Unterentwicklung ab 1945

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Quelle: Eigene Darstellung nach Bornschier (2008), S.57.

2.1. Arten sozialer Systeme

Aus historischer Perspektive existier(t)en laut Wallerstein verschiedene Arten sozialer Systeme, nämlich reziproke Mini-Systeme sowie zwei Formen von Welt-Systemen: Weltreiche und Weltwirtschaften.[57]Mini-Systeme gelten als prämoderne Systeme, die in der Frühgeschichte dominierten.[58]Sie wiesen eine vollständige Arbeitsteilung auf und waren in kultureller wie politischer Hinsicht homogene Einheiten.[59]Mini-Systeme waren autonome Subsistenzwirtschaften (Agrar- oder Jäger- und Sammlergesellschaften) ohne globale Reichweite, da sie „nicht Teil eines regelmäßig Tribut fordernden Systems“[60]waren.[61]Sie gelten als in ihrer räumlichen und zeitlichen Ausdehnung relativ kleine Systeme, die auf reziprokem Tausch basierten.[62]Mini-Systeme verloren ihre Eigenständigkeit aufgrund der geographischen Expansion der Weltreiche,[63]da sie durch Tributzahlungen (im Sinne von Protektionskosten) an ein Imperium gebunden wurden und so zu redistributiven Ökonomien wurden[64]. Heute existieren keine Mini-Systeme mehr.[65]Welt-Systeme sind eine weitere Form von Sozialsystemen. Bei der definitorischen Bestimmung des Begriffes „Welt-System“ ist zu beachten, dass Wallerstein im englischen Original wohlbedacht einen Bindestrich setzt: „world-system“. Damit möchte er andeuten, dass das System als theoretisches Konstrukt - welches der physikalischen Wissenschaft[66]folgend geboren wird, ein langes Leben nach einigen Regeln lebt, in eine Krise gerät und sich letztendlich in ein anderes System verwandelt[67]- eine Welt des integrierten sozialen und wirtschaftlichen Handelns darstellt. Aufgrund dieser Erkenntnis wird auch in der vorliegenden Arbeit - obwohl abweichend von der deutschen Übersetzung der drei Bände und vielen wissenschaftlichen Arbeiten - ein Bindestrich gesetzt.

Wallerstein selbst definiert ein Welt-System als: „ein soziales System, das Grenzen, Strukturen, Mitgliedsgruppen, Legitimationsgesetze und Kohärenz hat. Es besteht aus widerstreitenden Kräften, die es durch Spannung zusammenhalten und auseinander zerren, da jede Gruppe fortwährend danach strebt, es zu ihrem Vorteil umzugestalten“[68]. Er versteht das Welt-System damit nicht als ein statisches, sondern ein dynamisches, dessen Grenzen sich verschieben lassen. Es weist somit auch sich verändernde Merkmale auf, hat eine begrenzte Lebenszeit und damit auch ein Ende.[69]Eingebaute Mechanismen sollen ein Gleichgewicht sicherstellen, indem sie die herrschenden Strukturen schwächen oder stärken.[70]Die Auseinandersetzung mit im System auftretenden Widersprüchen resultiert in säkularen Trends.[71]Historisch existier(t)en zwei Arten solcher Welt-Systeme, nämlich redistributive Weltreiche (mit gemeinsamer politischen Struktur) und Weltwirtschaften (ohne gemeinsame politisches Struktur).[72]Vormoderne Weltreiche (Imperien) - über 5000 Jahre ein "durchgängiger Bestandteil der Weltgeschichte"[73]- waren politisch und ökonomisch integrierte Gebilde mit vielfältigen Kulturen, die durch einen zentralisierten bürokratisch-militärischen Apparat auf Basis von Tributzahlungen und Besteuerung zusammengehalten wurden. Durch Monopolisierung führte dies einerseits zu Handelsvorteilen, welche die Wirtschaftsströme von der Peripherie ins Zentrum garantierten, andererseits jedoch zu einem hohen bürokratischen Aufwand, weshalb sie nur eine geringe Dynamik entfalteten:[74]"Der imperiale Rahmen begründete politische Beschränkungen, die die Ausbreitung des Kapitalismus verhinderten, das Wirtschaftswachstum begrenzten und die Saat der Stagnation und / oder Desintegration enthielten"[75]. Wallerstein bezeichnet sie daher als „primitives Instrument ökonomischer Herrschaft“[76], die durch ihre politische Instabilität schnell zerfielen.[77]Weltwirtschaften definieren sich über die ökonomische Beziehung zwischen den Regionen des Welt-Systems und der sich hieraus ergebenden ungleichen Mehrwertabschöpfung.[78]Sie existierten schon in vorkapitalistischen Perioden wurden jedoch in Reiche umgewandelt oder zerfielen, da sie unbeständige Strukturen aufwiesen, welche sie vergänglich und instabil machten.[79]Unser modernes Welt-System gilt laut Wallerstein seit dem langen 16. Jahrhundert zwischen 1450 und 1640[80]als eine kapitalistische Weltwirtschaft, die jedoch erst seit gut 100 Jahren globale Auswüchse zeichnet.[81]Das dieses kapitalistische System mehr als 500 Jahre überdauert hat, ohne in ein Weltreich verwandelt worden zu sein, misst Wallerstein vor allem dem strukturellen Rahmen der Weltwirtschaft und den zahlreichen sie stützenden Mechanismen sowie vor allem der Logik des Systems – der grenzenlosen Kapitalakkumulation – bei.[82]Doch, wie hat sich dieses System entwickelt? Dies soll im Folgenden näher betrachtet werden.

2.2. Die Entstehung der kapitalistischen Weltwirtschaft

Als Martin Benhaim 1492 den ersten Erdglobus entwarf[83], Kolumbus vermeintlich und Vasco da Gama 1498 tatsächlich den Seeweg nach Indien fand[84], deuteten diese Ereignisse symbolisch den Beginn der kapitalistischen Weltwirtschaft an, deren Ursprung Wallerstein in Zentral- und Nordwesteuropa (England, Frankreich und Holland) während des langen 16. Jahrhunderts (um ca. 1450-1640) verortet.[85]Dabei vereinigte sich das System des christlichen Mittelmeerraumes mit den oberitalienischen Städten einerseits und dem nord-westeuropäischen flandrisch-hanseatischen Handelsnetz andererseits,[86]wobei die grundlegenden Strukturen des historischen Kapitalismus im Jahre 1650 existierten.[87]Aufgrund eines leichten Vorteils bei der Aneignung von Ressourcen, Natur und Raum hatte Nordwesteuropa einen leichten Vorsprung hinsichtlich der Kapitalakkumulation.[88]Die folgenden Jahrhunderte waren von konstantem technischen Wandel gezeichnet, der eine Expansion über geographische Grenzen hinaus ermöglichte.[89]So führte die innere Dynamik des Systems zu einem Prozess sukzessiver, geographischer Expansion: Von Venedig über Antwerpen, „Genua, Amsterdam, London und zuletzt New York“[90]wurden Regionen und Gesellschaften zunächst als Peripherien inkorporiert, bis das System in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhundert eine geographische Globalität aufwies und seit der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts ein auch die entlegeneren Weltregionen umspannendes System des Austausches und der Arbeitsteilung bildet[91]. Im Folgenden wird der Verlauf der Entstehung des modernen Welt-Systems nach der Aufteilung der bisher erschienen drei Bände in drei Hauptperioden gegliedert dargestellt.

2.2.1. 1. Stadium: 1450-1640

"Als der Traum der Habsburger vom Weltreich ausgeträumt war - und 1557 war er ein für allemal ausgeträumt -, da war die kapitalistische Weltwirtschaft ein etabliertes System, das aus dem Gleichgewicht zu bringen fast unmöglich war"[Matis und Bachinger (2004), S.19].

Im ersten veröffentlichten Band seiner Theorie beschäftigt sich Wallerstein mit den Anfängen des (noch) europäischen Welt-Systems, welches Imperien, Stadtstaaten und Nationalstaaten umfasste.[92]Am Beginn stand die territoriale, kommerzielle und demographische Expansion (unter Führung Portugals) während des westlichen Feudalismus (von ca. 1150 bis 1300), die sich um etwa 1300 bis 1450 zu einer Schrumpfung umkehrte und in einer ökonomischen, politischen und sozialen Krise endete. Klimatologische Ursachen oder zyklische wie ökonomische Trends bieten eine mögliche Erklärung. Vordergründig seien jedoch die gegenseitigen Vernichtungskriege des Adels, die Bauernrevolten und ihre Folgen (u.a. Nahrungsmittelknappheit, höhere Steuern und Naturalabgaben) Ursache dieser Krise, wobei auch die Bevölkerung aufgrund von ausbrechenden Krankheiten, Epidemien und Seuchen abnahm.[93]Als dann der Kampf der Habsburger unter dem römisch-deutschen Kaiser und König Spaniens Karl V. sowie Franz I. von Frankreich sich die sich ausformende europäische Weltwirtschaft ihrem jeweiligen Weltreich einzuverleiben zur Erschöpfung beider führte, brach 1556 im Zuge der herrschenden Finanzkrise das Reich Karl des V. auseinander und auch Frankreich erklärte seinen Bankrott.[94]Gerade diese Vielfalt an Ursachen führte zu einem gewaltigen sozialen Wandel.[95]Den Zusammenbruch Spaniens bezeichnet Wallerstein dabei als Wendepunkt, da die Minderung der spanischen Vorherrschaft und die Ablehnung der Reichsidee der Niederländischen Revolution wichen, was eine allmähliche Konsolidierung der europäischen Weltwirtschaft ermöglichte.[96]Für deren Etablierung waren vor allem drei Punkte wesentlich, nämlich die territoriale Expansion, die Entwicklung von (unterschiedlichen) Arbeitskontrollmechanismen und die Schaffung von unterschiedlich starken Staatsapparaten, wobei der erste Punkt die Folgenden bedingt.[97]Expansion meint dabei ein verbessertes Land-/ Arbeitskräfteverhältnis, welches eine verbesserte Akkumulation von Grundkapital ermöglichte. Diese Expansion basierte auf einer ungleichen Entwicklung und Belohnung, was zu einer Differenzierung in Zentrums- und Peripheriegebiete führte, die ihren Ausdruck auch in einer Vielzahl von sozialen Schichten fand, wobei die Religion als nationales Bindemittel fungierte.[98]Durch zwei wesentliche Schlüsselinstitutionen, nämlich einerseits die weltweite Arbeitsteilung, die durch eine effizientere und erweiterte Produktivität und eine zunehmende Mechanisierung gezeichnet ist und andererseits die Ausbildung starker bürokratischer Staatsapparate, bildeten verschiedene Regionen innerhalb der Weltwirtschaft ungleiche nationale Entwicklungen aus.[99]So konnte sich - angefangen um 1450 in Europa - eine neue Form der Surplusaneignung etablieren, die nicht mehr auf Tributzahlungen oder feudalen Renten basierte und sich im 16. Jahrhundert durch eine kapitalistische Produktionsweise auszeichnete.[100]Der Expansionsdrang im Zentrum war abhängig vom Stand der Technologie und führte zur Systemausdehnung, bis der Verlust den Gewinn überstieg.[101]Die sich entwickelnden, erweiterten bürokratischen Staatsstrukturen waren dabei einerseits Folge des sich ausweitenden kapitalistischen Handels, andererseits können sie als ökonomische Stütze des sich entwickelnden kapitalistischen Systems gesehen werden.[102]Bis 1640 gehörten die Staaten Nordwesteuropas, die des christlichen Mittelmeerraums, Mitteleuropa, der Ostseeraum, einige amerikanische Regionen (Peru, Chile, Brasilien, Antillen, Terraferna), aber auch Inseln im Atlantischen Ozean (nicht jedoch Gebiete am Indischen Ozean, nicht der Ferne Osten, nicht das Osmanische Reich, nicht Russland) zur europäischen Weltwirtschaft.[103]Die Grenzen lassen sich nicht nur durch das Handelsvolumen bestimmen, sondern gerade durch die Unterschiede der Handelsbeziehungen ziehen.[104]

So ordnet Wallerstein um 1640 vor allem Holland und Zeeland, England sowie in gewissem Umfang Nord- und Westfrankreich dem Zentrum der Weltwirtschaft zu, wohingegen Spanien und die norditalienischen Stadtstaaten zur Semiperipherie absanken und Osteuropa (vorrangig Landwirtschaft) und Hispano-Amerika (hauptsächlich Bergbau) zur Peripherie geworden sind.[105]Große Weltregionen wie Afrika, Indien, China und sogar Russland blieben zunächst noch als sogenannte externe Zonen außerhalb der kapitalistischen Weltwirtschaft.[106]

2.2.2. 2. Stadium: 1640-1815

Während des Zeitraums zwischen 1600 und 1650 neigte sich die Phase der Expansion einem Ende zu.[107]Die folgende Periode von 1600 bis 1750 (Zeitalter des Merkantilismus) war durch relative Stagnation hinsichtlich der Entwicklungsgeschwindigkeit (des Gesamtbevölkerungswachstums, der physischen Expansion sowie der Transaktionsgeschwindigkeit) der Weltökonomie sowie einer deflationären Preisentwicklung gezeichnet.[108]Diese Phase der Kontraktion diente der politischen wie kulturellen Stabilisierung und Organisation der kapitalistischen Weltwirtschaft, vor allem aber der Stärkung der herrschenden staatlichen Strukturen.[109]Insbesondere in den Zentralstaaten kam es zu heftigen Überlebenskämpfen, weil ihre Akteure versuchten, die Quellen des potenziellen kapitalistischen Profits zu konzentrieren, wodurch periphere Gebiete zunehmend ausgebeutet wurden. Die Niederlande war zunächst im Bereich der industriellen Produktion (Textilproduktion, Schiffsbau, Zuckerraffination, Rüstungsindustrie) führend, dann im Distributions- und schließlich im Finanzbereich, weshalb sie als erste einen hegemonialen Status erlangte.[110]Diese Stärke ist auf einen sukzessiven Prozess zurückzuführen, wobei zunächst die produktive Stärke der Niederlande eine solide finanzwirtschaftliche Basis schuf. So hatte Amsterdam bzw. „De Wisselbank“ bald die Kontrolle über den internationalen Geldmarkt und konnte seinen Handel weiter ausbauen. Da jedoch die Reallöhne der Mehrheit der Bevölkerung kaum stiegen, formte sich Wohlstand einer kleinen Gruppe, der größere Armut für den Großteil der Arbeiterschaft zur Folge hatte. Als im Jahr 1648 der Dreißigjährige Krieg endete und Spanien die niederländische Unabhängigkeit anerkannte, proklamierte England 1649 den Commonwealth. Im Jahre 1672 fanden sich die Niederlande in zwei separate Kriege verwickelt: England und Frankreich bemühten sich, die niederländische Hegemonie zu beenden, um dann jeweils selbst die Führungsposition zu behaupten. In den siebziger Jahren des 17. Jahrhunderts endete die niederländische Hegemonialphase mit weiteren Rivalitäten zwischen den drei Zentralstaaten.[111]Schließlich verdrängte England nach dem englisch-französischen Krieg (von 1689 bis 1713) Frankreich und konnte 1815 selbst zur Hegemonialmacht aufsteigen.[112]

So zählten Ende 1750 weiterhin England, Frankreich und die Vereinigte Niederlande zum Zentrum, während der karibische Raum (von Nordbrasilien bis Maryland) und Dänemark als periphere Gebiete integriert wurden. Spanien und Portugal verloren an Stärke und stiegen zur Peripherie ab.[113]Schweden, Brandenburg-Preußen, New England und die Mittelatlantik-Kolonien gewannen an Stärke und stiegen zu semiperipheren Gebieten auf.[114]Externe Zonen wurden durch Amerika, Westafrika und Indien gebildet.[115]

2.2.3. 3. Stadium: 1815-1917

Die Periode von 1815 bis 1917 gilt als Zeitalter der Revolutionen (die Industrielle und die Französische Revolution sowie die Unabhängigkeitsbewegungen in den Amerikas), es kommt zu einem qualitativen Wandel des Systems durch die technologischen Innovationen des modernen Industrialismus, an deren Ende die Transformation des Welt-Systems in eine globale Weltökonomie steht.[116]Der Wettbewerbsvorteil Englands gegenüber Frankreich zwischen 1730 und 1840 führte zu einer überproportionalen Surplusaneignung Englands, wo dann in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts die industrielle Revolution begann.[117]Sie hat einerseits eine soziale Transformation (Befreiung von mittelalterlichen Beschränkungen) und andererseits eine ökonomische Transformation (nachhaltigen Anstieg der Wachstumsrate von Gesamt- und Pro-Kopf-Produktion) mit dem Ziel der Profitmaximierung zur Folge.[118]Dies wurde vor allem durch Innovationen (bspw. durch verbesserte Mechanisierung und Organisation) in der Baumwollindustrie und Eisenerzeugung Englands bedingt, die arbeits- und kapitalssparend wirkten und so zu einer weiteren Konzentration von Kapital im Zentrum führten.[119]Um neue Rohstoffquellen zu erschließen, wurden in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts und der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts viele neue Gebiete in die Weltwirtschaft inkorporiert: der indische Subkontinent, das Osmanische Reich (Rumelien, Anatolien, Syrien und Ägypten), das Russische Reich, Westafrika und Asien.[120]Japan, Schottland und Amerika wurden zur Semiperipherie.

Zusammenfassend lässt sich festhalten, dass die Entstehung des kapitalistischen Welt-Systems das Resultat einer Krise des feudalen Systems war.[121]Die historische Lösung dieser Krise gelang vor allem aufgrund von drei wesentlichen Entwicklungen, nämlich aufgrund der territorialen Expansion des Systems, der Entwicklung von unterschiedlichen Arbeitskontrollmechanismen und der Schaffung von unterschiedlich starken Staatsapparaten.[122]Die europäische Weltwirtschaft, die anfangs noch in Konkurrenz zu anderen Welt-Systemen wie dem osmanischen und russischen Weltreich sowie zur Proto-Weltwirtschaft des Indischen Ozeans stand,[123]bildet seit der Wende des 19. zum 20.Jahrhunderts eine kapitalistische Weltwirtschaft, die den gesamten Globus umspannt.[124]So verstärkten sich auch die weltwirtschaftlichen Austauschbeziehungen, wobei die Peripherie Rohstoffe und Agrarprodukte gegen die Fertigerzeugnisse der Zentralstaaten tauscht.[125]Die Merkmale, Funktionsweisen und Logiken dieses weltumspannenden Systems werden im Folgenden näher betrachtet.

2.3. Das moderne Welt-System: Die kapitalistische Weltwirtschaft

Wallersteins Konzept des modernen Welt-Systems wird in Abbildung 1 grafisch umrissen. Der strukturelle Rahmen der Weltwirtschaft wird dabei durch drei Zonen repräsentiert: Zentrum, Peripherie und Semiperipherie. Das umfassende, durchgängig gezeichnete Dreieck stellt einerseits das heutzutage den gesamten Globus umfassende moderne Welt-System dar, und deutet andererseits die globale Reichweite wirtschaftlicher Entscheidungen an. Die Außenarenen werden der Vollständigkeit halber in grau angedeutet, da sie heutzutage bereits im Welt-System integriert sind und ihr Flächenanteil nicht ihrer relativen Häufigkeit entspricht. Zentrumsstaaten nehmen aufgrund ihrer relativen Häufigkeit einen geringeren Flächenanteil am gesamten Dreieck ein, als semiperiphere Gebiete, welche wiederum einen geringeren relativen Flächenanteil als periphere Regionen ausmachen.

Abbildung 1: Die kapitalistische Weltwirtschaft

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Quelle: Eigene Darstellung in Anlehnung an Wallerstein (2004a) sowie Buß (2009).

Dass bestimmte Regionen in gewissen Epochen der Wirtschaftsgeschichte Aufstiegs- und Abstiegsprozessen unterlegen sind, wird durch die gestrichelten Trennlinien und den Pfeil zwischen den Zonen suggeriert. Die spezifische Position eines Staates bzw. einer Region ergibt sich aus dem Grad der Ausbildung spezifischer Merkmale.[126]Wichtig sind auch die kulturellen Säulen der kapitalistischen Weltwirtschaft: Rassismus/ Sexismus, Utilitarismus und Nationalismus, da diese Ideologien Stütz- bzw. Legitimationsmechanismen des Kapitalismus darstellen und somit die Existenz der kapitalistischen Weltwirtschaft gewährleisten. Die kapitalistische Weltwirtschaft basiert auf einer übergreifenden Logik: der maximalen Kapitalakkumulation der Kapitalisten, welche im Folgenden näher dargestellt wird.

2.3.1. Logik des modernen Welt-Systems

„Kapitalisten sind wie weiße Mäuse in einer Tretmühle, die immer schneller laufen, um noch schneller zu laufen“[Wallerstein (1989), S.34].

Ein kapitalistisches System kann ohne die Rahmenbedingungen der Weltwirtschaft nicht bestehen.[127]So ist es laut Wallerstein gerade dem historischen Kapitalismus zuzuschreiben, den homo oeconomicus zum Leben erweckt zu haben, da er das rationale Eigeninteresse der Akteure, welches andere Gruppen benachteilige, bedingt und fördert.[128]Denn Kapitalisten versuchen primär dem Gesetz des Kapitalismus zu folgen, worunter Wallerstein nicht nur die reine Akkumulation von Leistungen und materiellen Gütern versteht, sondern die Akkumulation mit dem rationalen, „unerbittliche[n] und eigenartig eigennützige[n] Ziel“[129]der weiteren (maximalen) Kapitalakkumulation.[130]Entscheidendes Mittel dazu ist die “letztlich universale Kommodifizierung“[131], eine Verwandlung aller Dinge sowie sozialer Prozesse in Waren mit dem Ziel, einen maximalen Profit zu erwirtschaften.[132]Das Wesen des Kapitalismus beruht dabei auf den asymmetrischen Strukturen des Austauschs und der geographischen wie funktionalen Arbeitsteilung innerhalb der Weltwirtschaft. Nur so wird die einseitige Verteilung der Gewinne und damit die strukturell bedingte Handlungsfreiheit der Kapitalisten gewährleistet.[133]Deshalb kommt es zu einer sich stets erweiternden sozialen Differenzierung, zur Bildung von Staatengrenzen überschreitenden Warenketten (commodity chains)[134]wobei vor allem transnational agierende Konzerne des 20. Jahrhunderts eine vertikale Integration möglichst vieler Kettenglieder (Produktionsstufen) anstreben, um sich möglichst viel des erwirtschafteten Profits anzueignen.[135]Ihre Grenzen erfährt die Kapitalakkumulation dabei durch die Verfügbarkeit von Bargeld, materiellen Inputs, Arbeitskräften, Konsumenten, aber auch durch die Rahmenbedingungen des Handels.[136]Vollkommen perfekt freie Märkte würden die endlose Kapitalakkumulation unmöglich machen, weshalb Kapitalisten stets partiell freie Märkte wünschen. Da der Preis laut Wallerstein durch die Stärke der Konkurrenten (auf dem lokalen Markt) determiniert wird, streben Kapitalisten einen hohen Marktanteil oder gar eine quasi-Monopolisierung dieses Marktes an,[137]um ihre Profitrate zu steigern.[138]Hier dienen staatliche Strukturen als Hilfsmittel („unsichtbare Hand“[139]), um bestimmte Handelsbedingungen zu schaffen, aufrechtzuerhalten oder zu beschränken, da diese direkt durch Lizenz- und Patentvergabe oder indirekt durch Einführung einer bestimmten Sprache oder Währung die wirtschaftlichen Optionen der Kapitalisten beeinflusst.[140]Die innere Stabilität des kapitalistischen Systems gründet sich dabei gerade auf den strukturellen Rahmenbedingungen der Weltwirtschaft. Diese werden im Folgenden näher erläutert.

2.3.2. Rahmenbedingungen des modernen Welt-Systems

Wenn das Wesen des Kapitalismus auf den asymmetrischen Strukturen des Austauschs innerhalb der Weltwirtschaft beruht, warum können diese trotz der extremen Ungleichheiten, die sie verursachen, aufrechterhalten werden? Hier spielt vor allem die globale Reichweite wirtschaftlicher Entscheidungen eine große Rolle, da diese nicht durch ein einziges politisches System kontrolliert werden können. Wallersteins Konzept des Welt-Systems weist nämlich keine gemeinsame, systemübergreifende politische Struktur, sondern verschiedene politische Konzeptionen (autoritäre, demokratische, sozialistische wie marktwirtschaftliche Systeme[141]) innerhalb kleinerer, kontrollierbarer Strukturen auf staatlicher Ebene (Nationalstaaten, Stadtstaaten, Imperien) auf.[142]Die innere strukturelle Stabilität des Systems begründet sich darüber hinaus durch das Herrschaftsprinzip der strukturellen Dreiteilung der kapitalistischen Weltwirtschaft.[143]Wallerstein unterscheidet nämlich innerhalb des Welt-Systems drei funktional differenzierte, voneinander abhängige, strukturelle, nach innen und außen eine unterschiedliche Stärke aufweisende und durch eine globale Arbeitsteilung eng verknüpfte sozioökonomische Einheiten: Staaten des Zentrums, der Peripherie und die der Semiperipherie.[144]Staaten als teilautonome Gebilde und Institutionen des Systems bilden einen integralen Bestandteil und sind ein notwendiges Strukturelement des Welt-Systems, weshalb sie nur im Kontext von dessen Entwicklung verstanden werden können.[145]Sie verfügen zwar innerhalb ihrer Grenzen über eine formale Rechtshoheit und können somit die Bedingungen der sozialen Arbeitsteilung, die herrschenden Produktionsprozesse, die Gesetzgebung und Besteuerung mitbestimmen; sie sind jedoch stets ein Teil des Staatensystems und damit an internationales Recht gebunden.[146]Das Ausmaß der Beschränkung wiederum hängt von der Stärke der Staatsmaschinerie ab, weil starke Staaten schwächeren Staaten gewisse Regeln auferlegen können und sie zur Beachtung dieser zwingen können.[147]Doch was meint Wallerstein mit einem starken Staatsapparat? Dieser ist mit Souveränität zu beschreiben, genauer meint er die Stärke gegenüber anderen Staaten, gegenüber politischen Einheiten innerhalb der Staatesgrenzen sowie die Stärke gegenüber einzelnen Gesellschaftsgruppen.[148]Wie lassen sich Zentralstaaten von peripheren Gebieten unterscheiden?

Die Zonen der kapitalistischen Weltwirtschaft

Diese Frage soll im Folgenden geklärt werden, indem die einzelnen Zonen der kapitalistischen Weltwirtschaft und ihre Funktionen sowie die wesentlichen Kriterien, die zu ihrer Unterscheidung führen in Tabelle 2 gegenübergestellt werden. Dabei unterscheiden sich die Zonen bezüglich ihrer Kapital- und Handelsintensität, der Arbeitsorganisation, dem vorherrschenden Umfang an technischem Wissen (Häufigkeit von Innovationen, Know-How), der Produktionsweise und den Lebensverhältnissen sowie dem Umfang an politischer wie militärischer Macht.

Laut Wallerstein hat die Stärke derZentrumsstaaten(Kern- oder Corestaaten) historisch stetig zugenommen.[149]Eine starke Staatsmaschinerie als Merkmal von Zentralstaaten ermöglicht es diesen, über einen ungleichen Tausch die schwächeren Staaten auszubeuten und somit einen größeren Anteil des produzierten Mehrwertes zu erhalten,[150]denn sie weisen eine relativ hohe Verfügungsgewalt über das in commodity chains produzierte Produkt auf und bauen diese zur Steigerung ihres Gewinns aus (vertikale Integration). So nehmen Kernstaaten beispielsweise „Einfluss auf die Gestaltung der Weltmarktpreise“[151]und auf die Verbreitung von politischen Ideologien und Technologien.[152]Gerade in Corestaaten kommt es zu einer kulturellen Homogenisierung (Schaffung einer Nationalkultur), was auch als Integration bezeichnet wird. Die starke Staatsmaschinerie zusammen mit einer ausgeprägten Nationalkultur sind als Mechanismen zu verstehen, welche die entstandenen Disparitäten (Hierarchiebildung) schützen und aufrechterhalten sollen.[153]Im Zentrum besteht ein Trend zur Spezialisierung von Arbeit, wobei die Arbeitsformen der Pacht, der Lohnarbeit und der Selbstständigkeit vorherrschen,[154]was zu einer verstärkten Nachfrage nach hoch qualifizierten Arbeitskräften führt, welche anspruchsvolle, Know-how intensive Tätigkeiten ausführen.[155]Denn die aufwendige, industrielle Herstellung der Produkte erfordert einen hohen Wissenstand, um häufige und regelmäßige Innovationen zu gewährleisten, was langfristig nur durch ein höheres Ausbildungsniveau aufrechterhalten werden kann.[156]Das Zentrum übernimmt daher die Funktion der Akkumulation von Rohstoffen und Arbeitskraft, sichert Monopolrechte und tätigt Forschung und Entwicklung. Seine Staaten zeichnen sich durch einen hohen Kapitalbedarf und eine hohe Kapitalintensität aus. Ihre Existenz resultiert aus der Ausbeutung weniger entwickelter, peripherer Regionen. Heutzutage existieren nur wenige Zentralstaaten, dazu zählen Industriestaaten wie die Vereinigten Staaten von Amerika, „Japan, Frankreich, Großbritannien, Italien, Schweden“[157], die Schweiz sowie Deutschland.

Tabelle 2: Kriterien der Hierarchiebildung

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Quelle: Eigene Darstellung nach Antweiler (1999), S.254.

[...]


[1]Vgl. Schieritz (2009), S.18.

[2]Vgl. a.a.O.

[3]Vgl. Binswanger (2009), S.18.

[4]Vgl. ders., S.115ff.

[5]Vgl. Martin (1990), S.13.

[6]Vgl. a.a.O.

[7]Vgl. Unruh (2000), S.1.

[8]Vgl. Antweiler (1999), S.253.

[9]Vgl. Matis und Bachinger (2004), S.2.

[10]Vgl. a.a.O.

[11]Vgl. Antweiler (1999), S.253.

[12]Vgl. Matis und Bachinger (2004), S.2.

[13]Vgl. Wallerstein (2008), S.117.

[14]Vgl. Buß (2009), S.332.

[15]Vgl. Wallerstein (2003), S.3ff.

[16]Vgl. Unruh (2000), S.1.

[17]Vgl. Bornschier (2008), S.204.

[18]Vgl. O.V (o.J.a).

[19]Vgl. Unruh (2000), S.1ff.

[20]Bornschier (2008), S.203.

[21]Vgl. a.a.O.

[22]A.a.O.

[23]Vgl. Schieder (2006), S.329.

[24]Vgl. Antweiler (1999), S.253.

[25]Vgl. Matis und Bachinger (2004), S.17ff.

[26]Vgl. Fuchs (2002), S.279ff.

[27]Beck (1999), S.63ff.

[28]Vgl. Matis und Bachinger (2004), S.17.

[29]Vgl. Wick (2000), S.36.

[30]Vgl. Scherrer (2005), S.8.

[31]Vgl. a.a.O.

[32]Vgl. Wallerstein (1989), S.36ff.

[33]Vgl. Wallerstein (2004a), S.519ff.

[34]Vgl. ders., S.13ff.

[35]Vgl. Wallerstein (2004a), S.24, Wallerstein (2004c), S.2ff sowie Unruh (2000), S.3.

[36]Vgl. Schieder (2006), S.329.

[37]Vgl. Wallerstein (2004a), S.24ff.

[38]Vgl. ders., S.18.

[39]Ders., S.23.

[40]A.a.O.

[41]Vgl. a.a.O.

[42]Ders., S.20.

[43]Vgl. Bornschier (2008), S.220ff.

[44]Vgl. Antweiler (1999), S.253.

[45]Vgl. Matis und Bachinger (2004), S.17.

[46]Vgl. ders., S.4ff.

[47]Vgl. a.a.O. sowie Wallerstein (2004c), S.12ff.

[48]Vgl. Antweiler (1999), S.253 sowie Wallerstein (2004c), S.20ff.

[49]Vgl. Antweiler (1999), S.253ff.

[50]Vgl. Wallerstein (1998).

[51]Vgl. Antweiler (1999), S.253 sowie Matis und Bachinger (2004), S.17.

[52]Vgl. Bornschier (2008), S.58.

[53]Vgl. Beck (1999), S.28ff.

[54]Bornschier (2008), S.58.

[55]Novy u.a. (1999), S.1.

[56]Vgl. Wallerstein (2004c), S.Xff.

[57]Vgl. Wallerstein (2004a), S.518.

[58]Vgl. Antweiler (1999), S.253.

[59]Vgl. Heintz u.a. (2005), S.99ff.

[60]Wallerstein (2004a), S.518.

[61]Vgl. Matis und Bachinger (2004), S.17ff.

[62]Vgl. Unruh (2000), S.1.

[63]Vgl. Bornschier (2008), S.228.

[64]Vgl. Heintz u.a., (2005), S.26ff.

[65]Vgl. Matis und Bachinger (2004), S.17ff.

[66]Vgl. Wisniewski (2007), S.2.

[67]Vgl. Wallerstein (2008), S.101.

[68]Wallerstein (2004a), S.517.

[69]Vgl. Wallerstein (2008), S.19 sowie Wallerstein (2004a), S.517.

[70]Vgl. Wallerstein (2008), S.19ff.

[71]Vgl. ders., S.20ff.

[72]Vgl. Wallerstein (2004a), S.518.

[73]Ders., S.27.

[74]Vgl. ders., S.27ff.

[75]Matis und Bachinger (2004), S.17.

[76]Wallerstein (2004a), S.28.

[77]Vgl. Unruh (2000), S.1.

[78]Vgl. Heintz u.a. (2005), S.99ff.

[79]Vgl. Wallerstein (2004a), S.28 sowie Wallerstein (2004a), S.518.

[80]Vgl. Antweiler (1999), S.254.

[81]Vgl. Wallerstein (1989), S.14ff.

[82]Vgl. Wallerstein (2004a), S.28, Bargatzky (1997), S.26ff sowie Wallerstein (2004c), S.24ff.

[83]Vgl. Bornschier (2008), S.9.

[84]Vgl. Beier u.a. (2007), S. 1494.

[85]Vgl. Wallerstein (2004a), S.27ff.

[86]Vgl. ders., S.101ff.

[87]Vgl. Wallerstein (1989), S.36ff.

[88]Vgl. Wallerstein (2004a), S.128ff.

[89]Vgl. Wallerstein (2004c), S.2.

[90]Novy u.a. (1999), S.3.

[91]Vgl. Wallerstein (2008), S.17.

[92]Vgl. Wallerstein (2004a), S.27.

[93]Vgl. ders., S.32ff

[94]Vgl. Matis und Bachinger (2004), S.19ff sowie Wallerstein (2004a), S.247ff.

[95]Vgl. Wallerstein (2004a), S.46 sowie Wallerstein (1998), S.34ff.

[96]Vgl. Wallerstein (2004a), S.258.

[97]Vgl. ders., S.47ff.

[98]Vgl. ders., S.101ff.

[99]Vgl. ders., S.379ff.

[100]Vgl. ders., S.71ff sowie S.221ff.

[101]Vgl. ders., S.479ff.

[102]Vgl. ders., S.197ff.

[103]Vgl. ders., S.100ff.

[104]Vgl. ders., S.450ff.

[105]Vgl. ders., S.135ff sowie Wallerstein (1998), S.37ff.

[106]Vgl. Wallerstein (1998), S.16 sowie Matis und Bachinger (2004), S.19ff.

[107]Vgl. Wallerstein (1998), S.25ff.

[108]Vgl. ders., S.283ff.

[109]Vgl. ders., S.27ff.

[110]Vgl. ders., S.38ff.

[111]Vgl. ders., S.56ff.

[112]Vgl. ders., S.314ff.

[113]Vgl. ders., S.194ff.

[114]Vgl. ders., S.205ff.

[115]Vgl. ders., S.284ff.

[116]Vgl. Wallerstein (2004b), S.7ff.

[117]Vgl. ders., S.79ff.

[118]Vgl. ders., S.8ff.

[119]Vgl. ders., S.35ff.

[120]Vgl. ders., S.181ff.

[121]Vgl. Antweiler (1999), S.254.

[122]Vgl. Wallerstein (2004a), S.47.

[123]Vgl. Matis und Bachinger (2004), S.17ff.

[124]Vgl. Wallerstein (2004b), S.184ff.

[125]Vgl. ders., S.197ff.

[126]Vgl. Wallerstein (2004a), S.527.

[127]Vgl. Wallerstein (2004c), S.24.

[128]Vgl. Wallerstein (1989), S.13ff.

[129]Ders., S.9ff.

[130]Vgl. Wallerstein (1989), S.9ff.

[131]Wallerstein (2008), S.17.

[132]Vgl. Unruh (2000), S.1.

[133]Vgl. Wallerstein (2004a), S.519.

[134]Vgl. Wallerstein (1989), S.10ff sowie Wallerstein (2008), S.104.

[135]Vgl. Wallerstein (1989), S.24ff.

[136]Vgl. ders., S.16ff.

[137]Vgl. Wallerstein (2004c), S.24ff.

[138]Vgl. Wallerstein (2008), S.44.

[139]Wallerstein (1989), S.29.

[140]Vgl. Wallerstein (2004a), S.28 sowie Wallerstein (1989), S.16ff.

[141]Vgl. Buß (2009), S.332.

[142]Vgl. Wallerstein (2004a), S.99 sowie Wallerstein (2008), S.18.

[143]Vgl. Wallerstein (2004a), S.119 sowie Unruh (2000), S.2.

[144]Vgl. Wallerstein (2004a), S.119 sowie Matis und Bachinger (2004), S.18ff.

[145]Vgl. Wallerstein (2004a), S.99, sowie Wallerstein (2004c), S.24ff.

[146]Vgl. Wallerstein (1989), S.40ff.

[147]Vgl. ders., S.48ff.

[148]Vgl. Wallerstein (2004a), S.527ff.

[149]Vgl. ders., S.521.

[150]Vgl. Wallerstein (2004a), S.519 sowie Wallerstein (1989), S.47ff.

[151]Buß (2009), S.334.

[152]Vgl. Antweiler (1999), S.254.

[153]Vgl. Wallerstein (2004a), S.529.

[154]Vgl. ders., S.119.

[155]Vgl. ders., S.151ff.

[156]Vgl. Wallerstein (2004a), S.521.

[157]Buß (2009), S.333.

Details

Seiten
62
Erscheinungsform
Erstausgabe
Jahr
2009
ISBN (eBook)
9783863416393
Dateigröße
454 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v296542
Institution / Hochschule
Universität Hohenheim
Note
1
Schlagworte
Welt-System Immanuel Wallerstein moderne Gesellschaft Entwicklung System

Autor

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Titel: Die Entwicklung des modernen Welt-Systems