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Die Regelzäsur: Zur schneidigen Prädeterminante eines erfolgsträchtigen Regelbruchs im betriebswirtschaftlichen Bezugskontext

Bachelorarbeit 2011 53 Seiten

Leseprobe

2.1 Der Begriff der »Regel«

Um einen unscharfen und emergenten Begriff besser verstehen zu können, bedarf es einer, an einer mathematischen Ausdrucksweise anlehnend: Aufstellung dreier Definitionen, welche verglichen werden können, um dann im Mittel die Botschaft aufweisen zu können, welche hier an den Leser adressiert und transportiert werden soll.

Die erste – sehr allgemein gehaltene – Definition wurde aus einem einschlägigen Nachschlagewerk isoliert, wonach eine Regel als eine:

„aus bestimmten Gesetzmäßigkeiten abgeleitete, aus Erfahrungen und Erkenntnissen gewonnene, in Übereinkunft festgelegte, für einen jeweiligen Bereich als verbindlich geltende Richtlinie“[1]

beschrieben wird. Sie soll vorrangig dem Individuum – nach erfolgter Konsolidierung zudem der Gemeinschaft – zugeeignet sein. Die selektierte Definition beschreibt multivalente Aspekte zur Regelbildung, wobei die Entwicklung zum »Gesetz« tendenziell am Ende eines Regelbildungsprozesses angesiedelt werden sollte.[2] Hier wurde jedoch von einer nicht beeinflussbaren omnipräsenten Gesetzmäßigkeit ausgegangen, welche durch eine Wiederholung evident werden soll. Leider ist aus dem ersten Punkt der Aufzählung nicht ersichtlich, ob die Ableitung eine individuelle Reflektion zur Befolgung oder Erstellung einer Regel voraussetzt. Es scheint, dass jener Part die Befolgung impliziert, da gegen Ende der Definition die Verbindlichkeit zum Soll-Sein erhoben wird. Des Weiteren ist eine dipolare Dimension kristallisierbar, da die Erfahrungen und Erkenntnisse auf das Individuum wirken könnten (z.B. in Form einer Situation, welche zu Situationsschemata führen können) und die Übereinkunft sein »regelrechtes« Handeln (welches sich zu Handlungsschemata akkumulieren kann) unterstützten könnte.[3] Das Verhalten eines Einzelnen – in Übereinkunft mit dem selbigen Verhalten anderer – kann sich dann zur »Regel« verdichten.

Ferner lautet eine zweite – detaillierte und präzise – Definition der Regel, welche hier als:

„gemeinhin bekannte Vorschriften [tituliert werden], die von einer Gruppe von Teilnehmern genutzt werden, um wiederholt auftretende Interaktionen zu ordnen. Regeln sind Ergebnis eines impliziten oder expliziten Versuchs einer Gruppe von Individuen, Ordnung beziehungsweise stabile Erwartungen innerhalb wiederkehrender Situationen zu erzielen.“[4]

Beachtenswert ist, dass stets von physisch realen und präsenten Teilnehmern geschrieben wurde, die, zur Gruppe aggregiert, sich in der konvergenten Gruppendynamik ein bestimmtes Verhalten zur Maxime erheben.

In der Literatur wurde noch auf zwei Merkmale hingewiesen. Die erste Anmerkung handelt vom Wort: »gemeinhin«, welches dem betreffenden Individuum keine um­fassende Regelkenntnis unterstellen soll. Es findet eine Differenzierung von privaten Normen und gesellschaftlichen Regeln statt, da ersteres nicht notwendigerweise letzteres teilen muss. Das zweite Merkmal tangiert den Absentismus eines planerischen Entwurfes der Regel. Hier sind dem Individuum lediglich explizite sowie implizite strukturschaffende Versuche unterstellt worden, welche – mittels Geboten oder Verboten – in eine angeordnete, verordnete und begrenzte Handlungsweise forciert werden, die zwanghaft eine Evidenz zur Gemeinsamkeit erhebt. Als Beispiel sei hier die Entwicklung der Sprache erwähnt, welche kein planvoll geschaffenes Konstrukt darstellt.[5]

Kritisch gilt es zu konstatieren, dass das gewählte Zitat nah an dem Terminus der »Regelung« operiert, welches ein aktives Moment oder ein externes Eingreifen impliziert, das sich von der baren Regelbedeutung entfernt.[6]

Nachfolgend ist die am weitesten und in diesem Exzerpt zudem älteste gefasste Definition zum Begriff »Regel« fixiert:

„Einheit der Bedingung, unter der etwas als allgemein gesetzt wird, ist Regel.“[7]

Dieser Satz könnte an Rene Descartes wissenschaftliche Denkweise erinnern, der die Deduktion als einzig anerkennenswerte wissenschaftliche Methode beschrieb. Bei dieser herrschen ursächliche und grundlegende Bedingungen, die, mittels einer ein­fachen logischen und stringenten Konsequenz, eine sich an Komplexität steigernde Erkenntnis fabriziert, welche neue Bedingungen generiert.[8] In der Tat wurde im oben aufgeführten Zitat eine Grund-Folge-Beziehung für möglich gehalten. Hier soll in aller Deutlichkeit festgehalten werden, dass eine Regel ein putatives Verhältnis beschreibt, nachdem ein bestimmter Grund eine Folge nach sich ziehen könnte und nicht muss. Allein die Möglichkeit, dass ein solches Verhältnis bestehen könnte reicht aus, um von einer Regel zu sprechen. Damit trifft Kant jenen transzendenten Kern, welcher bisher keiner anderen oben benannte Definition anheim zu stellen ist. Des Weiteren wird durch Kant der Begriff »Gesetz« durch die Notwendigkeit eines Grund-Folge-Verhältnisses scharf vom Begriff der »Regel« unterschieden.[9]

Schließlich soll eine etymologische Betrachtung dieses Kapitel abrunden. So leitet sich das heutige Wort »Regel« von »regele, regel (mhd.); regula (ahd./lat.); regere (lat.)« ab, welches »Richtschnur, Vorschrift, Gewohnheit, Riegel, Maßstab, gerade richten, lenken, leiten« bedeuten kann.[10] Als Merkmal der etymologischen Extraktion wird evident, dass alle Translationen einen aktiven/ passiven präsenten Impuls (aktionale Beeinflussung durch die Person selbst/ auf die Person einwirkend) zur bewussten Steuerung beschreiben, bei dem subtil die Strafe (beim Bruch) mitschwingt.[11]

2.2 Der Begriff der »Norm«

In folgendem Abschnitt soll, unter der Zuhilfenahme einer sozialwissenschaftlichen und organisationstheoretischen Definition, ein markanter Unterschied zwischen den Wörtern »Regel« und »Norm« dediziert werden. Bedingt durch die Tatsache, dass jede Organisation oder Unternehmung Menschen als treibende und eskalierende Kraft inne hat, ist es an diesem Punkt zwingend notwendig eine sozialwissenschaftliche Definition voranzustellen.

Leider besteht bei jeder Definition, welche einen unscharfen und inkonsistenten Begriff zu Grunde hat, ein Problem der multivariablen Verwendung. Um eine – für dieses Exzerpt – dienliche Abgrenzung zu schaffen, ist es das Alpha und das Omega eine komplexitätsmindernde und sequenzierende Aufstellung zu wählen, welche als zutreffend und informativ zu beschreiben ist.[12] So wird unter einer sozialwissenschaftlichen »Norm« eine:

„von Individuen geäußerte Erwartung der Art verstanden, daß etwas der Fall sein soll oder muß oder nicht der Fall sein soll oder muß.“[13]

Da keine nähere Spezifikation zur Äußerungsart erwähnt wurde, darf angenommen wer­den, dass die geäußerten Erwartungen verbal und nonverbal artikuliert werden können.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 1: Mögliche Definitionsmerkmale des Normbegriffs

Quelle: Opp (1983, S. 8)

Die Grafik 1 – welche an ein proportioniertes Venn- Diagramm erinnert – zeigt eine ähnliche Art der Definition, bei der die Sanktion als strafendes Medium akzentuiert wurde. Auf diesen Fakt wurde hier sowie in der Literatur bewusst verzichtet, da dies die Definition einengen und in eine Normentstehungstheorie überführen würde. Doch welche Erwartungen tangieren eine sozialwissenschaftliche »Norm«? Um dieser geistigen Vivisektion einen fruchtbaren Stand zu ebnen, ist das individuelle menschliche Verhalten als determinierbare postaktionale Variable zu benennen, welche im Extremum eine dichotome oder divalente Prägung (Befolgung der Norm/Ablehnung und Gegenaktionismus oder positive/negative Äußerung) besitzt oder einen quantitativen Ausdruck ermöglicht. Letztere Thematik inkludiert trivialerweise den Wert Null, da die gemessene »Anzahl an Morddelikten« Null betragen kann. Zur Operationalisierung des individuellen Verhaltens ist in der vorliegenden Literatur die Likert-Skala empfohlen.[14] Dass diese Bewertungsmethode eine Panazee zur behavioralen Evidenzgenerierung von »Normen« manifestiert oder ein Stimulus-Organismus-Reaktions Modell (S-O-R) zur Bestimmung von Käuferverhalten operationalisieren und objektivieren könnte, kommt einem inferioren Wunschdenken gleich. So formuliert ein gegenstimmiges Postulat, dass zu mannigfaltige umfeldabhängige Verhältnisse oder Gegebenheiten (z.B. Angst, Zuspruch, Motivation, Mitgefühl, etc.) auf das Individuum immitiert werden könnten, wonach es möglicherweise eine verzerrte und verfälschte Sicht emittiert.[15]

Nachdem im ersten Schritt die Mikroebene, welche sich sozialwissenschaftlich auf das einzelne Individuum bezieht, betrachtet wurde, gilt es sich nunmehr gegenüber der Makroebene, die sich auf eine organisationstheoretische Basis stützt, zu positionieren. So lautet jene Definition:

„Werte und Normen sowie mit ihnen verbundene Verhaltenserwartungen sind an bestimmte Typen von Akteuren gerichtet, d.h., einzelne Werte und Normen beziehen sich auf die ganze Organisation oder alle Mitglieder einer Organisation,[…]. In Organisationen werden diese Verhaltenserwartungen häufig formalisiert und als Rechte, Aufgaben und Verantwortlichkeiten eines Stelleninhabers in Stellenbeschreibungen festgelegt.“[16]

Auch in dieser Definition wird von Verhaltenserwartungen ausgegangen, die von einer diametralen Sichtweise auf den betreffenden Akteur projiziert und direkt transponiert werden. Dem Akteur wird eine Rolle beziehungsweise ein bestimmtes Rollenverhalten vorgegeben und erwartet, dass er dieses verfolgt. Das Aufzeigen der Erwartungen wird ausschließlich über schriftlich festgehaltene allgemeine Beschreibungen zu seiner Stellung im Unternehmen realisiert, die lediglich ein geringes Residual zur informellen Normenbildung zulassen. Sollte dieses eben benannte Residual ein aktives Moment von Seiten des Akteurs besitzen, d.h. er lebt seine Rolle und stellt intrinsisch eigene Normen und Erwartungshaltungen auf, so wird die Eigenheit unter den Begriff »normativ bedingte Isomorphie« subsumiert. Dieser innere Wandel ist zudem Wegbereiter zur Einhaltung von Normen.[17]

Zusammenfassend lässt sich konstatieren, dass subtile und feine Unterschiede in der Bedeutung sowie im täglichen prosaischen Gebrauch beider Termini (»Regel«, siehe Kapitel 2.1 und »Norm«, siehe Kapitel 2.2) elaborierbar sind. Eine »Norm« impliziert zumeist ein Gebot oder eine Vorgabe, welche mit einem Befehlscharakter einhergeht. Die »Norm« evoziert, um es als Hyperbel zu formulieren, einen gebieterischen Grundcharakter, da jene nur zur Erhebung und Einführung bestimmter Ver­haltensschemata stimuliert wird, wenn favorisierte und beabsichtigte Handlungsmuster nicht eingehalten werden.[18] Diese sublime Differenzierung trifft leider nicht den allgemeinen völkischen Konsens, der unter Amalgamierungswut, Torsionsgebaren und Unschärfemanie leidet. Als Antivergleich und Beleg dieser These, sollen hierzu folgende Quellen mit ausgewählten Zitaten dienen:

„Eine Norm ist eine spezielle Richtlinie, eine Regel, die aussagt, wie man sich in bestimmten Situationen verhalten soll.“[19]

„Soziale Normen sind teilweise in feste Regeln oder auch Gesetze ‚gegossen’, andererseits können sie auch deutlich variieren.“[20]

„Der Umstand, dass eine Norm in einer Gruppe bzw. einer Gesellschaft gilt und das Verhalten der Mitglieder im Sinne einer Verhaltensregel oder -vorschrift beeinflusst, ist das entscheidende Moment, nicht die reine Existenz einer Norm.“[21]

Möge sich der geneigte Leser an dieser Stelle exponiert vergegenwärtigen, dass die Abfolge der Zitate per se ein beweisendes Analogon zur oben gewählten Aufzählung repräsentiert.

2.3 Der Begriff des »Bruchs« im Vergleich zur »Zäsur«

Nachdem im vorhergehenden Kapitel erste grundlegende definitorische Stellungen klar bezogen und festgehalten wurden, kann nunmehr der Begriff des »Bruchs« beziehungsweise der »Zäsur« einer eingehenden Betrachtung und Abgrenzung unterzogen werden. So soll innerhalb dieses Kapitels die Frage geklärt werden: In welcher Kaskade unterscheidet sich der »Bruch« von der »Zäsur«?

Hierzu ist es dienlich eine erste Definition heranzuziehen:

„Bruch, in der alten Rechtssprache ein Vergehen sowie die darauf gesetzte Strafe“[22]

Diese allgemeine Erklärung eines Konversationslexikons zeigt in einfacher Art und Weise auf, dass ein rechtlicher Bruch (also ein Bruch, der sich gegen bestehendes Gesetz oder vereinbarte Normen richtet) mit einer Strafe, einer negativen Auswirkung für das Individuum oder Einschränkung der Freiheitsgrade einhergeht. Ferner ist hier eine Endgültigkeit, ein Schon-Geschehen implizit. Der Bruch stellt somit eine definitive Trennung von gedanklichen und scriptal fixierten Normen, Methoden und Verfahren dar. Paradox ist, dass Regelbrecher – so scheint es – eine Strafe, im Wissen eines potentiellen Erfolges in Kauf nehmen und Kontinuität in der Diskontinuität verfolgen. Sodann ist ein Bruch als lukrativ deklarierbar, sobald die zu erwartende Strafe geringer ist, als der zu erreichende Erfolg ausfällt.[23] Gewissermaßen bildet dieser Bruch einen Bifurkationspunkt (siehe Kapitel 3), welcher sich lediglich in zwei Richtungen ausbreiten kann: Erfolg oder Strafe.

Ferner heißt eine aktuelle Definition, welche die grundlegendste und adäquateste Erklärung zum Verständnis des »Bruchs« in dieser Arbeit beiträgt:

„das Nichteinhalten einer Abmachung o. Ä. […oder…] das Abbrechen einer Verbindung, Beziehung“[24]

Abermals wurden bewusst diese sozialwissenschaftlichen Definitionen gewählt, da im unternehmerischen Umfeld stets Menschen »Entscheidungen« treffen. Die Nichteinhaltung ist auf einen zweigeteilten Boden gestellt, wobei selbst die Enthaltung einer Zustimmung eine Nichteinhaltung darstellen kann, da von einem Status Quo der positiven Erstverpflichtung ausgegangen werden muss. Das heißt, dass die Erwartungen an das Einhalten von Abmachungen – was natürlich auch Normen impliziert (siehe Kapitel 2.2) – als a priorische Verpflichtungen zu sehen sind. Demnach repräsentiert die Nichteinhaltung ein Abweichen eines vorgegebenen Soll-Zustandes und eine Nichtverfolgung eines vormals einheitlichen Kontextes. Inwieweit sich die Abstufung und Detaillierung der Nichteinhaltung formt, ist hier nicht analysierbar. So muss von der Dipolarität ausgegangen werden.

Schließlich symbolisiert das »Abbrechen« – leider wurde hier das Substantiv mit seinem präfixierten substantiviertem Verb erklärt – die vollständige Trennung der Eintracht. Die subtil mitschwingende Endgültigkeit einer Entzweiung sollte nicht vernachlässigt werden, weil hieraus eine Irreversibilität entstehen kann, die dem Bruch einen weiteren Teil seiner Bedeutung zusprechen und als Strafe in Betracht kommen kann. Ergo könnte sich jedoch die Strafe posteriori, mittels des Neuanfangs – den der Bruch ja stets inne hat – in Erfolg transformieren, sofern das Fraktal nicht verkannt wird.[25]

Nachdem die Stand- und Fixationspunkte zum Bruch dargelegt wurden, ist es an dieser Stelle passend, näher auf die »Zäsur« einzugehen. Hierzu liefert – da es an einer themenbezogenen Definition ermangelt – der Duden einen ersten und einzigen Einstieg, wonach der benannte Terminus den lateinischen Wendungen »caesura, caesum, caedere« entlehnt wurde, welche »das Hauen, der Hieb oder der Schnitt« als Übersetzung aufweisen.[26] Als opportun semantischer Ausdruck gilt der „(bildungssprachlich[e]) Einschnitt […];[sowie ein] markanter Punkt“[27]

als gesetzt. In erster Linie fällt auf, dass eine »Zäsur«, im Vergleich zum »Bruch«, keine Andeutungen oder Anzeichen von einer Trennung, Entzweiung oder putativen Dipolarität aufweist. Der Schnitt oder Einschnitt zerstört oder entzweit nicht die vormals konsistente Einheit eines Verfahrens. Eine Konversion der Zäsur – die als Einschnitt, Betonung, Wortende oder Pause aus der individuellen Metrik von Gedichten hervorgeht[28] – zur analogen Verwendung innerhalb dieser Denkschrift liegt nah, weil die Einheit des Gedichtes (ähnlich dem betriebswirtschaftlichen Operationsgebiet) nicht gespalten wird, sondern durch diese kleinen Einschnitte und Veränderungen die berühmten Worte: „…nicht was, sondern wie…“ [29] tangieren. Hier wird also nicht gefragt: Was soll umgesetzt werden? – da dieser Bereich zumeist bereits besteht (z.B. Verkauf von Waren oder Angebot von Dienstleistungen), sondern: Wie soll dieser Akt umgesetzt werden? – denn nur so lassen sich vorhandene Ressourcen effektiver einsetzen.

Die reliable Erkennung dieses Einschnittes ist zumeist wenigen einzelnen Experten vorbehalten, welche sich systematisch tief mit einem sich im Wandel befindenden Themenkomplex befassen.[30]

Leider lassen sich aus diesen Erklärungen keine Anhaltspunkte oder Merkmale entnehmen, ob einem Bruch oder einer Zäsur eine Kenntnis der Verfahrensweise (welche es zu brechen gilt) vorausgeht. Ebenso wenig ist die sanktionierende Strafe ohne Intensitätsgrade festgelegt, sodass ein Abschätzen der Strafe als Schwierigkeit angesehen werden muss.

Zusammenfassend ist zu konstatieren, dass ein Bruch jedweder Art, eine komplette Teilung, eine irreversible Diversität beziehungsweise eine Pluralität aus der Ganzheitlichkeit darstellt. Diese Brucheigenheit ist ein Malus, den die Zäsur nicht besitzt. Hier wird ein etabliertes Regelsystem nur partiell verletzt[31], sodass der Systemcharakter gewahrt wird. Einzig die Notwendigkeit der engen Verquickung des Marktakteurs mit dem zu verletzenden Systems stellt einen Negativpunkt dar.

2.4 Der Begriff des »Erfolgs«

Es wurde vorangehend die »Regel«, die »Norm«, der »Bruch« und die »Zäsur« definiert und voneinander unterschieden. Auffallend ist nunmehr, dass in der Literatur ein Regelbruch stets als »Erfolg versprechend« deklariert wird. Doch wie ist Erfolg zu definieren? Zum wiederholten Male setzen die Autoren solcher vermeintlich aufklärenden Werke[32] ein allgemeines Verständnis von Erfolg voraus. Im Modus operandi singularisiert sich die Denkweise in der Annahme, dass es nur einen oder den Erfolg geben kann.

Um diesem Irrgang entgegenzuwirken, sollen die nachfolgenden drei Definitionen als Prüfkriterien gelten, um von Erfolg sprechen zu können.

So wird in der ersten Definition „…das Erreichen der selbst gesetzten Ziele Erfolg [genannt], unabhängig davon, worauf sich diese Ziele richten.“[33] De facto ist zu bemerken, dass diese sehr allgemein gehaltene Definition Ziele als Referenzwert vorschlägt, die selbst festgelegt worden sind. Es manifestiert sich das Ziel in Bezug auf die Mikroebene jeder Organisation (der Mensch) und nicht auf eine operationalisierbare Metaebene. Eine zweite konsolidierte Definition geht schon erheblich weiter und tangiert drei Dimensionen (Sachebene, Sozialebene und Individualebene): „Sachliche Maßstäbe möglichst gut erfüllen![…]Besser sein als andere![...]Besser sein als bisher!“[34], trotzdem bleiben alle drei Diskriminierungsversuche unscharf, aber zweckmäßig! Es werden nicht mehr die eigenen Ziele im Fokus behalten, sondern Ziele, die von externen Entitäten ausgehend, erkannt wurden und eine Internalisierung erfahren haben. Dass die Ausrichtung an externen Maßgebern des gleichen Operationsbereiches nicht immer Erfolg versprechend sein muss, zeigt ein umschriebenes Beispiel (siehe Kapitel 3.1). Jedoch sollte hier notabene festgehalten werden, dass der Komparativ: »besser« den ersten Grad einer Steigerung ausdrückt, der in Zielrichtung tendiert. Die Erfüllung eines Zieles stellt – ausgehend von einem Ausgangszustand – eine Veränderung dar. Um diese Veränderungen erfassen zu können, bedarf es eines Mediums, welches einen bewertenden Charakter sowie eine stetige Verteilung besitzt. Summa summarum ist die Einführung eines Preises unumgänglich. Denn erst mit der Implikation der Omnipotenz aller Preisfunktionen, z.B. der:

- Koordinationsfunktion,
- Allokationsfunktion,
- Selektionsfunktion,
- Innovationsfunktion,
- Bewertungsfunktion,
- Anreizfunktion,
- Informationsfunktion und
- Lenkungsfunktion[35]

kann eine neutrale vergleichende Instanz generiert werden. Diese Denkart sollte die Inkludierung einer buchhalterischen Definition substanziieren. Demnach ist der „Erfolg, [eine] Führungsgröße, die sich aus dem Saldo einer positiven und negativen Erfolgsgröße ergibt.“[36] Abermals ist die selektierte Definition nicht eindeutig, aber zweckmäßig! Die semantische Mächtigkeit des Wortes »Erfolgsgröße« lässt Spielraum für Deutungen und Annahmen offen. So kann beispielsweise der Gewinn, das strategisches Verhalten, die Kundenloyalität, das Firmenimage und sogar die Bewertung des Wissens von Mitarbeitern (das so genannte: »Humankapital«) unter den Begriff subsumiert werden.[37] Unterstützend kommt hinzu, dass der Erfolg stets als Saldo von positiven und negativen Einflüssen kalkuliert ist, sodass keine stringent positive Richtung – weil Ziele nicht immer erreicht werden können – gegeben ist. Dennoch sollte der Erfolgsgrößensaldo positiv sein, um einen Erfolg konstatieren zu können.

Zusammenfassend lässt sich das Wort »Erfolg«, welches eine erste Symbolisierung durch die Steigerung von »gut« (besser) erfahren hat, als eine dynamische und positiv zielgerichtete Erweiterung von geldlich bewerteten, physischen und metaphysischen Existenzialien bestimmen, die ähnlich den positiven Grenzraten des technologischen Fortschritts einer Volkswirtschaft, einen Mehrwert generieren, der die Bildung von Investitionszyklen unterstützen kann.[38]

[...]


[1] Duden (2003, Stichwort: Regel)

[2] Vgl. Garz (2008, S. 65)

[3] Vgl. Krause/Müller (1984, S. 742)

[4] Voigt (2009, S. 27)

[5] Vgl. Voigt (2009, S. 27 f.)

[6] Vgl. Gabler (2000, S. 2608); Vgl. Köbler (1995, S. 335)

[7] Prien (2006, S. 35)

Anmerkung des Verfassers: Die originäre lateinische Wendung, welche in der Kantischen Reflektion 5751 niedergeschrieben ist, heißt: »Propositis enuntians determinationem rationi conformem est NORMA, immo LATIUS, repraesentatio determinationis rationi conformis.« Leider ist an keiner Stelle bemerkt, ob es der Buchautor übersetzte oder einer anderen Quelle entnommen hat.

[8] Vgl. Perler (2006, S. 52)

[9] Vgl. Prien (2006, S. 35 f.)

[10] Vgl. Köbler (1995, S. 334)

[11] Anmerkung des Verfassers: Die Tatsache, dass in dem etymologischen Wörterbuch das Wort »Regelstrafe« örtlich nah am Wort »Regel« definiert wurde, kann die oben geäußerte subjektive Intuition unterstützen.

[12] Vgl. Opp (1983, S. 19 f.)

[13] Opp (1983, S. 4)

[14] Vgl. Opp (1983, S. 5 ff.)

[15] Vgl. Bicchieri (2006, S. 9 ff.)

[16] Walgenbach/Meyer (2008, S. 59)

[17] Vgl. Walgenbach/Meyer (2008, S. 59)

[18] Vgl. Domasch (2007, S. 34); Vgl. Wimmer (1983, S. 7 ff.)

[19] Joas (2007, S. 85)

[20] Fröhlich-Gildhoff (2007, S. 15)

[21] Hallscheidt (2005, S. 85) nach Vgl. Vanberg (1984, S. 124)

[22] Meyers (1905, S. 473 f.)

[23] Vgl. Göbel (2002, S. 11)

[24] Duden (2003, Stichwort: Bruch)

[25] Vgl. Grau (2001, S. 447 f.) Anmerkung des Verfassers: Am Beispiel des Ministerpräsidenten Kurt Eisner soll verdeutlicht werden, dass Mut zum Bruch, Kreativität oder Innovationsbereitschaft nicht immer Erfolg bedeuten muss. Wenn sich ein innovativ Agierender innerhalb einer aktionslastigen Interaktionskette oder eines sozialen Gefüges befindet (wovon stets ausgegangen werden muss), ist er auf die positive Rückkopplung der betreffenden oder beteiligten Personen angewiesen. Sollten sich hier Widerstände oder Auffassungsasymmetrien von marginalem Ausmaß bilden, so wird das Scheitern der Innovationsimplementierung die Folge sein.

[26] Vgl. Duden (2003, Stichwort: Zäsur)

[27] Duden (2003, Stichwort: Zäsur)

[28] Vgl. Frey (1996, S. 24)

[29] Kiesewetter (1791, S. 84); Figl/Klein (2002, S. 177); Hartmann (2008, S. 37)

[30] Vgl. Piper (2009, S. 66 ff.)

Anmerkung des Verfassers: Auch hier soll unter Zuhilfenahme des Beispiels von Edward Gramlich, der 2005 Vorstandsmitglied des »Board of Governors of the Federal Reserve« war, die erhobene Hypothese gestützt werden. Er (allein) warnte vor der damals herrschenden Spekulationsblase und damit bevorstehenden Subprime- Hypothekenkrise auf dem amerikanischen Kreditgebungsmarkt. Als bemerkenswert zu deklarieren ist, dass der Einschnitt beim Erkennen noch nicht vorlag, sondern gefordert wurde. Zum Bruch mit den Vergabeverfahren hätte es kommen können, wenn Alan Greenspan – zu jenem Zeitpunkt auch Vorstandsmitglied der Federal Reserve – die Warnung beherzigt und in die Gremien der Federal Reserve getragen hätte.

[31] Anmerkung des Verfassers: Paul Feyerabend beschrieb in seinem Buch »Erkenntnis für freie Menschen«, der metaphorische Motor der Wissenschaft sei das Regeln verletzen und nicht das Regeln brechen! Vgl. Feyerabend (1979, S. 14)

[32] Vgl. Winter (2008, S. 30 ff. / S. 62 ff.); Vgl. Bickhoff (2009, S. 19 ff.); Vgl. Bagusat (2004, S. 80)

[33] Martens/Kuhl (2009, S. 35)

[34] Kühn/Platte/Wottawa (2006, S. 164)

[35] Vgl. Rothenberger (2005, S. 102 f.)

[36] Becker/Lutz (2007, S. 67)

[37] Vgl. Steffenhagen (2008, S. 63); Vgl. Kappe (2007, S. 1 f.); Vgl. Edingloh (2004, S.17 f.); Vgl. Hüttl (2005, S. 83); Vgl. Weser (2011, S. 46 ff.)

[38] Vgl. Weder (1999, S. 77 f.)

Zusammenfassung

Nicht jeder Regelbruch ist ein Bruch im wahren Sinne des Wortes. Unstrittig ist, dass ein Regelbruch nur von einem Wesen, einem konstruierenden Gehirn hochkomplexer neuronaler Vernetzungen, versehen mit Mut, List, Egoismus und einer Portion schöpferischer Zerstörung, erdacht werden kann. Sobald ein Computer eine Regel bräche, würde es einer künstlichen Intelligenz gleichen, da Computer nur beschriebenen und diktierten Befehlen bzw. in bestimmten Situationen einem festgelegten Ablauf folgen.
An dieser Stelle besann sich der Autor und tat es dem Erstbenannten gleich, welches zu folgendem Ergebnis führte:
Nach der Eröffnung durch die Begriffsbestimmungen (‚Regel’, ‚Norm’, ‚Bruch’, ‚Zäsur’ und ‚Erfolg’) folgen im Verlauf der Studie Beispiele, die beträchtlich zur Faktenkonstatierung der Idiosynkrasie (oder Eigentümlichkeit) beitrugen. Zwei Beispiele für Zäsuren sind hierbei die easyApotheke und Carglass, welche Regeleinschnitte oder Regelverletzungen darstellen, die die konsistente Einheit der Regel jedoch nicht neutralisiert. Ein Beispiel (Wunderloop) ist ein klassischer Bruch, wie er in jedem Standardwerk über Regelbrüche nachgelesen werden kann.
Als primus inter pares ist die minder ausgeprägte Strafenintensität zu nennen, welche sogar bis zum gänzlichen Fehlen reicht (siehe Kapitel 4.3).
Im finalen Schritt wurden die Erfolgsmerkmale ‚individuelle Einheitlichkeit’, ‚Awareness’, ‚Franchise’, ‚Lean-Management’, ‚Intermediarität’ und ‚Strafenbewusstsein’ festgehalten.
Diese Arbeit zeigt demnach, dass nicht jeder Regelbruch ein Bruch im wahrsten Sinne des Wortes ist.

Details

Seiten
53
Erscheinungsform
Erstausgabe
Jahr
2011
ISBN (eBook)
9783863417246
ISBN (Buch)
9783863412241
Dateigröße
397 KB
Sprache
Deutsch
Institution / Hochschule
Fachhochschule Lausitz
Erscheinungsdatum
2013 (Juli)
Note
1
Schlagworte
Regelbruch Betriebswirtschaftslehre Erfolg Carglass easyApotheke Unternehmensführung

Autor

Steven Tandler, geboren 1985 in der Oberlausitz, begann 2008 ein Bachelorstudium der Betriebswirtschaftslehre an der Hochschule Lausitz (FH) in Senftenberg/Cottbus, welches er 2011 erfolgreich abschloss. Derzeit absolviert der Autor ein Masterstudium der Betriebswirtschaftslehre mit Schwerpunkt „Management and Organisation Studies“ an der TU Chemnitz.
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Titel: Die Regelzäsur: Zur schneidigen Prädeterminante eines erfolgsträchtigen Regelbruchs im betriebswirtschaftlichen Bezugskontext