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Die De- und Rekonstruktion der Heteronormativität im Social Web: Herausforderungen für eine geschlechtssensible Medienpädagogik

Bachelorarbeit 2011 54 Seiten

Geschlechterstudien / Gender Studies

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Fragestellungen und Vorgehen

3 Theoretische Ansätze
3.1 Grundlegende theoretische Zugänge
3.2 Medienpädagogischer Ansatz
3.2.1 Handlungsorientierte Medienpädagogik
3.2.2 Medienkompetenz
3.3 Gendertheorien
3.3.1 Erläuterung zu den Begriffen Sex, Gender und Sexualität
3.3.2 Heteronormativität und das Kontinuum sexueller Identitäten
3.3.3 Kommunikationswissenschaftliche Geschlechterforschung
3.3.3.1 Gleichheitsansatz
3.3.3.2 Differenzansatz
3.3.3.3 Dekonstruktivismus
3.3.4 Genderkompetenz
3.4 Sozialisationstheoretische Ansätze
3.4.1 Sozialisation
3.4.2 Mediensozialisation
3.4.3 Sexuelle und geschlechtsspezifische Sozialisation
3.5 Medienbezogene Genderkompetenz
3.6 Internetbasierte Kommunikationsräume

4 Stand der Forschung
4.1 Untersuchungsgegenstand und Erkenntnisinteresse wissenschaftlicher Arbeiten
4.2 „Spielräume des Geschlechtlichen – Sex und Gender im Internet“
4.3 „Going online, doing gender. Alltagspraktiken rund um das Internet in Deutschland und Australien“
4.4 Aussagen zur Dekonstruktion und Reproduktion der Heteronormativität im Social Web
4.4.1 Aussagen zur Dekonstruktion des binären Systems
4.4.2 Aussagen zur Reproduktion des binären Systems
4.4.3 Relativierende Äußerungen zur Dekonstruktion und Reproduktion des binären Systems

5 Zusammenfassung und Schlussfolgerung
5.1 Ergebnisdarstellung
5.2 Ausblick für die Theorie und Praxis

6 Quellenverzeichnis

1 Einleitung

In der gegenwärtigen gesellschaftlichen Ordnung der Bundesrepublik Deutschland dominiert ein grundsätzliches Verständnis von binären Kodierungen in Bezug auf Geschlecht bzw. Geschlechtsidentität und Sexualität. Heteronormativität als vorherrschendes Prinzip ist institutionell und kulturell verankert und wird stets reproduziert, indem die Mitglieder der Gesellschaft von Geburt an anhand vermeintlich bipolarer körperlicher Merkmale in zwei vorgegebene, sich gegenseitig begehrende Geschlechtsklassen eingeteilt werden. Bei dieser sozialen Konstruktion der Zweigeschlechtlichkeit wird eine grundlegende Teilung in „weibliche“ und „männliche“ Subjekte vorgenommen. Es wird davon ausgegangen, „Frauen“ und „Männer“ seien eindeutig zu identifizieren und voneinander zu unterscheiden, etwa durch zugeschriebene Unterschiede in ihrer Physis, ihren seelischen Eigenschaften oder ihrer Wesensart (vgl. Dorer 2001: 44; vgl. Eggeling 2010: 23; vgl. Moser 2006: 55; vgl. Stein-Hilbers/ Wrede 2000: 10). Durch die Dichotomie der scheinbar ontologischen Kategorie Geschlecht wird ein binäres Denken über Geschlechtsidentität bestimmt. Mit anderen Worten, die binären Zuordnungen – hergeleitet von zwei vermeintlich existierenden anatomischen Geschlechtern – sind im Laufe der gesellschaftlichen Entwicklungen zum Bestandteil der geschlechtlichen Identität[1] geworden. Es wird als selbstverständlich erachtet, dass Menschen ihre kulturell aufgezwungene Geschlechtszugehörigkeit entsprechend verkörpern (vgl. Ahrens 2009: 62; vgl. Butler 1991: 8, 39; vgl. Stein-Hilbers/ Wrede 2000: 10). Das heißt also, von einem „Mann“ wird per se ein anderes Denken, Fühlen und Verhalten erwartet als von einer „Frau“. Gleichzeitig beinhaltet die heteronormative Sichtweise auf Menschen die Vorstellung, das jeweils „andere“ Geschlecht müsse begehrt werden. Die als Normalität aufgefasste Maxime der sozialen Bindung ist idealerweise ein monogames[2], heterosexuelles Paar, das für die Gesellschaft neue Nachkommen produziert (vgl. Eggeling 2010: 23). Überspitzt kann formuliert werden: „Heterosexuelle Beziehungen sind Standard, das Höchste dabei ist die Ehe, die durch Kinder gekrönt wird“ (Eggeling 2010: 20).

In der Konsequenz werden jegliche Alternativen zu einem monogamen, heterosexuell ausgerichteten System der Zweigeschlechtlichkeit – auch wenn diese heutzutage aufgrund von Entkriminalisierungen sowie liberalisierenden und emanzipatorischen Prozessen bis zu einem gewissen Grad geduldet, toleriert oder sogar akzeptiert werden – als Abweichungen von Normen[3] aufgefasst (vgl. hierzu Aussagen von Gammerl 2010: 13, Steffens 2010: 15ff. und Steffens/ Wagner 2009: 243). Und obwohl es den Anschein hat, dass gegenwärtige gesellschaftliche Diskurse zu alternativen Lebensentwürfen inzwischen immer liberaler geführt werden, sind diese doch nach wie vor auf binären Strukturen gegründet (vgl. Butler 1991: 27). Andere Lebens- und Begehrensformen werden den individuellen Akteuren aufgrund der Dominanz des sich ständig reproduzierenden binären Systems kaum bewusst gemacht. Was von den vorgegebenen Kategorien abweicht, also etwas Nicht-Eindeutiges darstellt, wird als unnormal registriert und marginalisiert, in den Bereich des Exotischen verdrängt oder offen bekämpft. Devianz wird vornehmlich in mehr oder weniger kleinen sozialen Zusammenhängen ausgelebt, etwa verborgen im Privaten oder im Schutz einer Subkultur (vgl. Budde 2003: 13; vgl. Eggeling 2010: 23). Die Vorstellung einer Heteronormativität, die zwischen dem „weiblichen“ und „männlichen“ Pol keine „graduellen Abstufungen“ (Eggeling 2010: 23) kennt, wird von den gesellschaftlichen Subjekten von klein auf internalisiert und schränkt sie in ihrer sexuellen Selbstbestimmung ein. Dieses Dilemma wird u. a. deutlich, sobald sich Menschen mit der ihnen zugeschriebenen Geschlechtskategorie nicht identifizieren können, das „andere“ Geschlecht nicht oder nicht ausschließlich begehren oder nicht monogame Beziehungsstrukturen bevorzugen.

Der Autor dieser Arbeit distanziert sich von der heteronormativen Denkweise und geht von einem Kontinuum an Geschlechtern, Geschlechtsidentitäten und Sexualitäten aus. Er vertritt die Auffassung, dass geschlechtliches und damit sexuelles Erleben und Verhalten – in Abhängigkeit von der zugeschriebenen Geschlechtskategorie – auch (jedoch nicht ausschließlich) gewissen Normen unterliegt und in gewisser Weise ansozialisiert wird. Heteronormativität ist keineswegs ein starres Konstrukt, sondern verändert sich kulturell-historisch (vgl. Stein-Hilbers/ Wrede 2000: 12). In Anlehnung an handlungsorientierte pädagogische Konzepte wird konstatiert, dass menschliche Subjekte die gesellschaftlichen Strukturen als solche durchaus erkennen und durch aktive, gestaltende Auseinandersetzung an deren Entstehung und Veränderung partizipieren können. Ferner wird angenommen, dass sie das heteronormative System als soziales Gebilde dekonstruieren, sich also von den kulturellen Zwängen befreien können.[4] Weichen sie jedoch für andere erkennbar von dem normativen binären Prinzip ab, haben sie in ihrem realen Lebensumfeld mit sozialen Sanktionen zu rechnen.

Was aber geschieht, wenn deviantes Denken, Fühlen und Verhalten nicht in der unmittelbaren Umgebung, sondern unter veränderten gesellschaftlichen Bedingungen im so genannten „Social Web“ demonstriert wird? In internetbasierten Kommunikationsräumen[5] kann vor allem aus Gründen eines (vermeintlich) anonymen, nicht physischen Auftretens und sozialer Entkontextualisierung Devianz gefördert werden. Werden im Internet – als medialer Erprobungsraum für die virtuelle Selbstfindung – Verstöße gegen geschlechtsbezogene Verhaltensregeln[6] gezeigt, bleibt die eigene Person in der „Offline-Realität“ vor Konsequenzen geschützt (vgl. Burda/ Helfferich 2006: 147f.; vgl. Funken 2002: 158; vgl. Kammerl 2005: 300f.). Gleichzeitig bieten internetbasierte Kommunikationsräume durch ihre vielfältigen Handlungsmöglichkeiten die Chance auf Partizipation an öffentlichen Diskursen, also auf die Mitgestaltung von sozialer Realität (vgl. Geulen 2003: 135, 138f.). Das Internet ist besonders unter Heranwachsenden, die vor allem Soziale Online-Netzwerke präferieren[7], flächendeckend verbreitet. Daher wird in dieser Arbeit untersucht, inwieweit sich Publikationen aus der Kommunikations- und Medienwissenschaft, insbesondere aus der Medienpädagogik, mit Heteronormativität und deren Auswirkung auf Geschlechtsidentitäten in internetbasierten Kommunikationsräumen auseinandergesetzt haben. Betrachtet man dazu einige geschlechtsspezifisch konzipierte Studien, bestätigt sich eine dichotome Erwartungshaltung der Gesellschaft an „männliche“ und „weibliche“ Heranwachsende – und dies nicht nur im Hinblick auf die erforschten Subjekte, sondern auch im Hinblick auf die Forschenden. Wie sehr ist Kommunikations- und Medienwissenschaft also selbst an der Reproduktion des binären Systems beteiligt? Welchen Beitrag leistet sie zu dessen Dekonstruktion? Welche Aussagen werden in Bezug auf die Existenz heteronormativer Zwänge im Social Web getroffen? Und welche Konsequenzen ergeben sich daraus für eine geschlechtssensible Medienpädagogik? Im folgenden Abschnitt werden diese Fragestellungen und das Vorgehen in dieser Arbeit eingehend dargelegt.

In Bezug auf die hier verwendete Sprache sei angemerkt, dass im Sinne des dekonstruktivis­tischen Ansatzes der Geschlechterforschung (siehe Punkt 3.3.3.3) generell kein Unterschied bei der Bezeichnung von „männlichen“ und „weiblichen“ Individuen gemacht werden dürfte. So wäre es etwa konsequent, auf eine binäre Verwendung von „maskulinen“ und „femininen“ Anreden, Pronomen, Artikeln und entsprechenden Deklinationen ganz zu verzichten. Allerdings muss dabei bedacht werden, dass sich menschliche Subjekte – so auch die hier zitierten Autoren – stets selbst einer Geschlechtskategorie zuordnen. Ihre Selbstverortung als geschlechtliches Wesen muss – verfolgt man einen subjektorientierten Ansatz (siehe Punkt 3.2.1) – akzeptiert werden. Einen Kompromiss stellt der Gebrauch des Plurals dar. Der Verfasser dieser Arbeit hat sich dazu entschieden, bei der Bezeichnung mehrerer Individuen ausschließlich die „maskuline“ Form zu verwenden und die Leser an dieser Stelle darauf hinzuweisen, dass es sich hierbei um von zugeschriebenen Geschlechtern unabhängige Zuordnungen handelt.

2 Fragestellungen und Vorgehen

Die Fragestellungen und das Vorgehen in dieser Arbeit leiten sich aus der folgenden Leitthese ab: Vor allem aufgrund eines (vermeintlich) anonymen, nicht physischen Auftretens und sozialer Entkontextualisierung kann in internetbasierten Kommunikationsräumen Devianz gefördert werden. Das Internet stellt einen medialen Erprobungsraum für die virtuelle Selbstfindung dar, in dem bei Verstößen gegen geschlechtsbezogene Verhaltensregeln die eigene Person vor Konsequenzen in der „Offline-Realität“ geschützt bleibt. Zusätzlich bieten internetbasierte Kommunikationsräume die Chance auf Partizipation an öffentlichen Diskursen, sodass es möglich wird, Heteronormativität zu dekonstruieren.

Der Begriff Devianz bezieht sich hierbei auf ein Kontinuum von Geschlechtsidentitäten, die nicht von binären Geschlechtskategorien abgeleitet werden. Heteronormativität wird entsprechend des handlungsorientierten medienpädagogischen Ansatzes (siehe Punkt 3.2.1) und des dekonstruktivistischen Ansatzes der Geschlechterforschung (siehe Punkt 3.3.3.3), die vom Autor dieser Arbeit vertreten werden, als problematisch angesehen. Als deren gemeinsame Zielvorstellung gilt, dass sich das (sexuell) selbstbestimmte, handlungs- und gestaltungsfähige Individuum von kulturellen Zwangsordnungen emanzipieren muss. Um soziale Realität adäquat zu erfassen, kritisch zu reflektieren und sich an deren Veränderung zu beteiligen, müssen die Mitglieder der Gesellschaft für das heteronormative System, das sie in ihrer sexuellen Selbstbestimmung einschränkt, sensibilisiert werden.

Es wird daher untersucht, inwieweit sich Publikationen der Kommunikations- und Medienwissenschaft, besonders medienpädagogische Arbeiten, mit den kulturellen Zwängen der Heteronormativität und deren Auswirkung auf Geschlechtsidentitäten in internetbasierten Kommunikationsräumen befasst haben. Ziel ist es, einen Überblick über den gegenwärtigen Forschungsstand zu erhalten und weiteren Forschungsbedarf aufzuzeigen: Welche Fragen sind in Bezug auf Konzepte sexueller Identitäten im Social Web gestellt worden? Gibt es geschlechtssensible wissenschaftliche Arbeiten, die im Hinblick auf den dekonstruktivistischen Ansatz der Geschlechterforschung ein bestehendes Kontinuum sexueller Identitäten analysiert haben? Oder haben geschlechtsspezifisch konzipierte Studien die binäre Kodierung selbst reproduziert? Welche Aussagen sind darüber getroffen worden, dass Social Web die Dekonstruktion des binären Systems begünstigen kann? Und welche Aussagen verheißen das Gegenteil? Welche Konsequenzen und konkrete Aufgaben ergeben sich daraus für eine geschlechtssensible Medienpädagogik?

Um diese Fragestellungen fundiert beantworten zu können, bedarf es eines theoretischen Gerüsts. Wird Heteronormativität in internetbasierten Kommunikationsräumen thematisiert, müssen drei miteinander zusammenhängende theoretische Zugänge betrachtet werden. So werden der handlungsorientierte medienpädagogische Ansatz u. a. nach Schorb (2008) und Hüther/ Podehl (2005), der dekonstruktivistische Ansatz der Geschlechterforschung u. a. nach Butler (1991) sowie allgemeine und spezifische sozialisationstheoretische Ansätze u. a. nach Hurrelmann (2002), Geulen (2003), Schorb (2005c) und Stein-Hilbers/ Wrede (2000) erläutert (siehe Kapitel 3 „Theoretische Ansätze“).

Bei der Betrachtung der handlungsorientierten Medienpädagogik wird die Handlungs- und Teilnehmerorientierung der gesellschaftlichen Subjekte verdeutlicht und auf die Vermittlung von Medienkompetenz als pädagogische Zielstellung eingegangen. Diese stelle einen Schlüsselbegriff für die Partizipation von Individuen im Social Web dar (siehe Punkt 3.2).

Die Auseinandersetzung mit Gendertheorien umfasst zunächst Erläuterungen zu den Begriffen Sex, Gender und Sexualität. Daraufhin werden die heteronormative Geschlechterordnung von einem Kontinuum sexueller Identitäten abgegrenzt und drei Ansätze der kommunikationswissenschaftlichen Geschlechterforschung nach Elisabeth Klaus, die zwischen Gleichheits-, Differenz- und dekonstruktivistischem Ansatz unterschieden hat, nachgezeichnet. Insbesondere wird dabei der Dekonstruktivismus analysiert, der darauf abziele, innerhalb der binären gesellschaftlichen Struktur eine deviante Geschlechterordnung zu ermöglichen. Im Zusammenhang damit steht die Vermittlung von Genderkompetenz als Fähigkeit, Geschlecht und Geschlechtsidentität zu gestalten (siehe Punkt 3.3).

Schließlich werden sozialisationstheoretische Ansätze vorgestellt. Zunächst soll Sozialisation allgemein definiert und dann speziell auf Mediensozialisation sowie sexuelle und geschlechtsspezifische Sozialisation eingegangen werden. Dabei wird aufgezeigt, dass stets bestimmte Sozialisationsinstanzen Einfluss auf den Medienumgang und das sexuelle Erleben und Verhalten nehmen (siehe Punkt 3.4).

Die Verknüpfung zwischen den genannten theoretischen Zugängen wird im Begriff der medienbezogenen Genderkompetenz nach Burda/ Helfferich (2006) und Stauber/ Kaschuba (2006) deutlich. Dieser beschreibt die Fähigkeit zur Gestaltung von Geschlechterbeziehungen in und mit Medien in sozialen Situationen, u. a. in virtuellen Erfahrungsräumen, um mit geschlechtsbezogenen Themen umzugehen und den Variationsraum Geschlecht auszuloten (siehe Punkt 3.5). Abschließend wird im Theorieteil definiert, was unter internetbasierten Kommunikationsräumen zu verstehen ist (siehe Punkt 3.6)

Im darauf folgenden Kapitel wird ein Überblick über den gegenwärtigen Forschungsstand zum Thema dieser Arbeit gegeben.[8] Maßgabe ist die Auseinandersetzung kommunikations- und medienwissenschaftlicher Publikationen mit den kulturellen Zwängen der Heteronormativität und deren Auswirkung auf Geschlechtsidentitäten in internetbasierten Kommunikationsräumen gewesen. Aufgrund der Tatsache, dass es bisher nur wenige solcher geschlechtssensiblen Veröffentlichungen gibt, ist es sinnvoll erschienen, die rezipierte Literatur thematisch etwas weiter zu fassen und auch solche Werke zu berücksichtigen, in denen Heteronormativität im Internet zumindest ein Teilaspekt der Analysen gewesen ist. Um mehr Aufschluss darüber zu geben, wie einige Kommunikations- und Medienwissenschaftler vorgegangen sind, um durch die Interpretation ihrer Ergebnisse zu entsprechenden Erkenntnissen zu gelangen, sollen zwei Arbeiten exemplarisch näher betrachtet werden: zum einen der Beitrag „Spielräume des Geschlechtlichen – Sex und Gender im Internet“ von Birgit Althans und Nino Ferrin aus dem Jahr 2008 und zum anderen der Forschungsbericht „Going online, doing gender. Alltagspraktiken rund um das Internet in Deutschland und Australien“ von Julia Ahrens aus dem Jahr 2009. Aus allen hier untersuchten Publikationen werden sodann Aussagen zur Dekonstruktion und Reproduktion der binären Geschlechterordnung im Social Web heraus­gearbeitet (siehe Kapitel 4 „Stand der Forschung“).

In der anschließenden Ergebnisdarstellung wird mit Bezug auf die Fragestellungen dieser Arbeit zusammengefasst, ob und wie man sich in der gegenwärtigen Forschung mit dem Thema der Heteronormativität im Social Web auseinandergesetzt hat. Von der rezipierten theoretischen und empirischen Literatur wird abgeleitet, ob die zuvor formulierte Leitthese bestätigt werden kann bzw. relativiert oder verworfen werden muss. Davon ausgehend wird ein Ausblick für eine geschlechts­sensible medienpädagogische Theorie und Praxis gegeben. Der Forschung sollen Anhaltspunkte geliefert werden, welche erkenntnistheoretischen Lücken bestehen und ob bzw. wie internetbasierte Kommunikationsmöglichkeiten besser nutzbar gemacht werden könnten (siehe Kapitel 5 „Zusammenfassung und Schlussfolgerung“).

Im nun folgenden Theorieteil werden die grundlegenden theoretischen Ansätze dieser Arbeit darlegt. Es wird aufgezeigt, dass diese bei der Thematisierung von Heteronormativität in internetbasierten Kommunikationsräumen miteinander zusammenhängen. Zudem werden zentrale Begriffe erklärt, um bei der Abbildung des derzeitigen Forschungsstands die Ausführungen der verschiedenen Autoren nachvollziehbar zu machen.

3 Theoretische Ansätze

3.1 Grundlegende theoretische Zugänge

Die Untersuchung der kulturellen Zwänge von Heteronormativität und deren Auswirkung auf Geschlechtsidentitäten in internetbasierten Kommunikationsräumen umfasst drei theoretische Zugänge. Sowohl Gendertheorien, zu deren Untersuchungsgegenstand Geschlecht, Geschlechtsidentität, Sexualität und nicht zuletzt das heteronormative System gehören, als auch handlungsorientierte Medienpädagogik mit ihrer Orientierung an handelnden gestaltungsfähigen Subjekten in der mediatisierten Gesellschaft und sozialisationstheoretische Ansätze sind miteinander verknüpft. Als Besonderheit des letztgenannten theoretischen Zugangs lassen sich Medien- sowie sexuelle bzw. geschlechtsspezifische Sozialisation nennen. Deren prinzipielle Untrennbarkeit wird durch den Sexualpädagogen Lukas Geiser deutlich:

„Jugendliche müssen lernen, wie sie sich im jeweiligen sexuellen Kontext zu verhalten haben. Medien beeinflussen diese sexuelle Sozialisation. Wer ist nun für das Sozialverhalten von Jugendlichen verantwortlich? Neben korrekter Wissensvermittlung über Medien und von Erwachsenen ist entscheidend, dass Jugendliche ein Selbstkonzept und eine Selbstwirksamkeitserfahrung entwickeln können sowie soziale Resonanz von anderen Jugendlichen und Erwachsenen erhalten“ (Geiser 2010: 32).

Hier zeigt sich, dass sexuelles Erleben und Verhalten einerseits Normen unterliege, die von Sozialisationsinstanzen wie Erwachsenen, Peers und Medien vermittelt werden. Andererseits gebe es ein aktives Moment der Subjekte, die sich ein Selbstkonzept entwerfen und dafür auch Medien instrumentell in Anspruch nehmen können.

Die Verbundenheit der theoretischen Zugänge zeigt sich auch an anderer Stelle. Die Kommunikationswissenschaftlerin Elisabeth Klaus konstatiert, Geschlechterforschung sei sogar als eigenständiger Teilbereich der Kommunikations- und Medienwissenschaft aufzufassen (vgl. Klaus 2001: 21). Diese Zusammengehörigkeit zeigt sich etwa in der gemeinsamen Zielvorstellung der handlungsorientierten Medienpädagogik und des dekonstruktivistischen Ansatzes – der medienbezogenen Genderkompetenz (siehe Punkt 3.5). In diesem Kapitel werden die drei theoretischen Ansätze nun erläutert und Zusammenhänge hergestellt.

3.2 Medienpädagogischer Ansatz

3.2.1 Handlungsorientierte Medienpädagogik

In den Konzepten einer handlungsorientierten Medienpädagogik nach Bernd Schorb, Jürgen Hüther sowie Bernd Podehl werden Subjekte, Medien und Gesellschaft miteinander in Beziehung gesetzt. Im Zentrum der Analyse stehen aktiv handelnde gesellschaftliche Subjekte, die sich Medien alltäglich aneignen[9] und sie zu ihrem individuellen Medienalltag arrangieren. Medienaneignung wird dabei im jeweiligen gesellschaftlichen Kontext der Subjekte betrachtet, da Medienhandeln grundsätzlich soziales Handeln darstelle und immer nach einbettenden, lebensweltlichen Bedingungen gefragt werden müsse. Medien als Träger gesellschaftlicher Kommunikation seien Bestandteil sozialer Realität, in der Individuen reale Erfahrungen machen, die zu unterschiedlichen Interessen und Bedürfnissen führen (vgl. Hüther/ Podehl 2005: 125; vgl. Schorb 2005a: 253f.; vgl. Schorb 2008: 76ff.). Es wird davon ausgegangen, dass die Subjekte letztere „im täglichen Umgang mit den Medien […] artikulieren“ (Hüther/ Podehl 2005: 125) und dass dies „im Rahmen eines reflektierten Prozesses“ (Hüther/ Podehl 2005: 126) geschehe. Demnach seien Menschen dazu in der Lage, Medien produktiv zu nutzen und sie als Kommunikations- und Gestaltungsmittel zur aktiven Auseinandersetzung mit ihrer Lebenswelt in Anspruch zu nehmen. Dies machen sie entweder eigenständig oder in Kooperation mit anderen. Als Basis der Reflexion müsse Medienpädagogik Wissen um Inhalte und Strukturen der Mediengesellschaft vermitteln und die gesellschaftlichen Subjekte zu emanzipatorischem Handeln leiten (vgl. Schorb 2008: 75ff.). Damit werde diesen nicht nur die Fähigkeit eingeräumt, sich an der Veränderung von sozialer Realität – und damit auch an der heteronormativen Gesellschaftsordnung – zu beteiligen, sondern auch, sich von entsprechenden kulturellen Zwängen zu befreien. In diesem Zusammenhang wird Beteiligung als Partizipation „im Sinne von Verstehen, von Eingreifen in und Mitgestalten von gesellschaftlichen Prozessen“ (Schorb 2008: 78) definiert. Das pädagogische Ziel, „den passiven Medienkonsumenten […] zu einem aktiven Mitgestalter des öffentlichen Mediengeschehens [zu] machen“ (Hüther/ Podehl 2005: 126), werde durch die Vermittlung von Medienkompetenz zu erreichen versucht.

3.2.2 Medienkompetenz

Wie der Medienpädagoge Bernd Schorb konstatiert, muss selbstständiges und kritisch reflektiertes Handeln von Individuen „in einer Zeit, in der gesellschaftliche Kommunikation primär mit und über Medien geschieht, die Fähigkeit umfassen, sich der verfügbaren Medien kompetent und nach Maßgabe der eigenen Interessen zu bedienen, um (korrigierenden) Einfluss auf Zustände und Prozesse zu nehmen (vgl. Hüther/ Podehl 2005: 126; vgl. Schorb 2008: 76). Diesem Tatbestand trägt die Vermittlung aktiver und selbsttätiger Nutzung von Medien in pädagogischen Prozessen Rechnung“ (Schorb 2008: 78). Der Begriff der Medienkompetenz als geforderte Qualifikation von Individuen ist von Schorb folgendermaßen definiert worden:

„Medienkompetenz ist die Fähigkeit auf der Basis strukturierten zusammenschauenden Wissens und einer ethisch fundierten Bewertung der medialen Erscheinungsformen und Inhalte, sich Medien anzueignen, mit ihnen kritisch, genussvoll und reflexiv umzugehen und sie nach eigenen inhaltlichen und ästhetischen Vorstellungen, in sozialer Verantwortung sowie in kreativem und kollektivem Handeln zu gestalten“ (Schorb 2005b: 262).

Medienkompetenz beschreibt also eine Bündelung der Fähigkeiten gesellschaftlicher Subjekte. Nach Schorb bestehe sie aus den drei Hauptkategorien Medienwissen (Funktionswissen, Strukturwissen, Orientierungswissen), Medienbewertung (kritische Reflexion, ethisch und kognitiv basierte Qualifizierung) und Medienhandeln (Medienaneignung[10], Mediennutzung, Medienpartizipation und Mediengestaltung). Über die Fertigkeit hinaus, Medien technisch bedienen zu können, sollen alle vernetzten sozialen und medialen Umgebungen bzw. Realitäten kritisch reflektiert und aktiv gestaltet werden. Die individuelle und gesellschaftliche Handlungsfähigkeit sei mit einer gezielten Aneignung und Nutzung von Medien verbunden. Im Sinne einer Eingrenzung auf das kommunikative Handeln mit Medien – als menschliche Fähigkeit, sich mittels Austausch von Symbolen zu verständigen – solle öffentliche Kommunikation als veröffentlicht durchschaut werden. Ziel sei es, sich mit gleicher Chance in der zunehmend durch Medien bestimmten gesellschaftlichen Kommunikation mitzuteilen und aktiv zu partizipieren (vgl. Fromme 2002: 158f.; vgl. Schorb 2005b: 257ff.).

Johannes Fromme schlussfolgert, dass sich der Medienkompetenzbegriff an der „Befähigung zur Partizipation an gesellschaftlichen Kommunikationsprozessen“ (Fromme 2002: 159) orientiere und damit ein deutlicher Schwerpunkt bei den internetbasierten Kommunikationsräumen gesetzt werde. Im Zusammenhang mit der Aneignung von Medienkompetenz bezeichnet der Medienpädagoge Social Web als virtuellen Handlungsraum, in dem gefahrlos mit verschiedenen Rollen und Optionen gespielt werden könne. Die Nutzer können in Zeichenwelten eingreifen, da diese interaktiv seien (vgl. Fromme 2002: 160ff.). Damit wird ein Hinweis darauf gegeben, dass Medienkompetenz Voraussetzung zur Dekonstruktion von Heteronormativität in internetbasierten Kommunikationsräumen ist.

3.3 Gendertheorien

3.3.1 Erläuterung zu den Begriffen Sex, Gender und Sexualität

Neben handlungsorientierter Medienpädagogik bilden auch Gendertheorien den theoretischen Rahmen dieser Arbeit. Letztere beschäftigen sich „intensiv mit Kultur als geschlechtergebundenem Ort der alltäglichen Aneignung gesellschaftlicher Strukturen“ (Klaus 2005: 24). Wie der Name bereits vermuten lässt, basiert Geschlechterforschung auf der sozialen Kategorie Geschlecht, die „eines der wichtigsten Ordnungsprinzipien für die Entwicklung und Ausgestaltung von Individuen und Sozialitäten“ (Stein-Hilbers/ Wrede 2000: 12) darstelle und in unserem Kulturkreis zur Unterscheidung von Menschen binär kodiert werde (vgl. Stein-Hilbers/ Wrede 2000: 53). In verschiedenen theoretischen Ansätzen der Gender Studies wird eine Trennung des Geschlechtsbegriffs in Sex und Gender vorgenommen. Während Sex als vermeintlich biologisches Geschlecht definiert wird, ist mit der Bezeichnung Gender Geschlechtsidentität[11] gemeint, also alles, was als sozial zugeschrieben verstanden wird – wie etwa die Übernahme von Geschlechterrollen im Rahmen eines interaktiven Aushandlungsprozesses (vgl. Stein-Hilbers/ Wrede 2000: 36). Geschlechterforscher wie Judith Butler gehen noch einen Schritt weiter. Sie argumentieren, das biologische Geschlecht selbst sei kulturell hervorgebracht:

„Diese Produktion des Geschlechts als vordiskursive Gegebenheit muß umgekehrt als Effekt jenes kulturellen Konstruktionsapparats verstanden werden, den der Begriff ‚Geschlechtsidentität‘ (gender) bezeichnet“ (Butler 1991: 24, Hervorhebungen im Original).

Da also Sex bereits als soziales Konstrukt verstanden wird, könne Gender demnach nicht als kulturelles Resultat eines tatsächlichen Geschlechts gedeutet werden. In der Konsequenz dürfe es keine begriffliche Unterscheidung zwischen Sex und Gender geben, da sie gleichermaßen als kulturelle Interpretationen aufgefasst werden (vgl. Butler 1991: 24). Eher sei Sex ein Teil von Gender (vgl. Stein-Hilbers/ Wrede 2000: 57).

Mit der Zuordnung einer Geschlechtskategorie werden kulturell verschiedene Inszenierungen und Sinngehalte von Geschlecht und damit auch von Sexualität verbunden (vgl. Stein-Hilbers/ Wrede 2000: 53). Sexualität wird definiert als „historische Konstruktion, die eine Reihe unterschiedlicher biologischer und mentaler Möglichkeiten – wie Geschlechtsidentität, biologische Differenzen, reproduktives Vermögen, Bedürfnisse, Begehren und Phantasien – miteinander verknüpft, die nicht notwendigerweise miteinander verbunden sind und es in anderen Kulturen auch nicht sind“ (Weeks 2000: 15). Der Begriff geht also über die sexuelle Praxis weit hinaus und ist stets mit Geschlechtskategorien und Geschlechts- bzw. sexueller Identität konnotiert.

3.3.2 Heteronormativität und das Kontinuum sexueller Identitäten

Auf der Grundlage der Begriffe Sex, Gender und Sexualität haben sich gewisse Vertreter gegenwärtiger Gendertheorien auch mit Heteronormativität auseinandergesetzt. Weil dieses institutionell und kulturell dominierende Ordnungsprinzip bereits in der Einleitung dieser Arbeit eingehend beschrieben worden ist, soll es an dieser Stelle nur kurz Erwähnung finden und begrifflich von einem Kontinuum sexueller Identitäten abgegrenzt werden.

Zusammenfassend bezeichne die heteronormative Geschlechterordnung den binären Entwurf zweier exklusiver, eindeutig voneinander unterscheidbarer Geschlechter als das Gegensatzpaar „Mann“ und „Frau“. Was „weiblich“ besetzt sei, könne daher nicht „männlich“ sein und umgekehrt. Jedoch seien beide, hierarchisch unterschiedlich angesiedelte Geschlechter sexuell aufeinander bezogen, wodurch sie sich in ihrer Verschiedenheit zur Vollkommenheit – als Idealbild gelte eine heterosexuelle, monogame Kleinfamilie – ergänzen. Es werde erwartet, dass Individuen die kulturell aufgezwungene Geschlechtszugehörigkeit mitsamt eingeschriebener Eigenschaften und Fähigkeiten entsprechend verkörpern und sich „weiblich“ oder „männlich“ entwickeln, erleben und verhalten (vgl. Budde 2003: 13f.; vgl. Eggeling 2010: 21; vgl. Stein-Hilbers/ Wrede 2000: 10ff., 37).

Da einer Gesellschaft die binären Kodierungen als Grundmuster eingeschrieben seien, werden die Geschlechterverhältnisse als soziales Arrangement in verschiedenen Kontexten immer wieder reproduziert bzw. bestätigt (vgl. Dorer 2001: 244; vgl. Moser 2006: 55). Die Geschlechterordnung werde damit zu einer unhinterfragten, vertrauten und selbstverständlichen Norm (vgl. Eggeling 2010: 23). Demzufolge gelten Lebensweisen, die den heteronormativen Rahmen durchbrechen, als abweichend, werden als fremd oder bedrohlich wahrgenommen und in entsprechender Weise gesellschaftlich sanktioniert (vgl. Stein-Hilbers/ Wrede 2000: 122). Trotz liberalisierender und emanzipatorischer Prozesse in den vergangenen Jahren bestehen so nach wie vor Ungleichbehandlungen, etwa bei der rechtlichen Gleichstellung homosexueller Paare (vgl. hierzu Aussagen von Gammerl 2010: 13, Steffens 2010: 15ff. und Steffens/ Wagner 2009: 243).

Von einer heteronormativen Denkweise grenzt sich die Vorstellung eines Kontinuums sexueller Identitäten ab. Die Geschlechterforscherin Judith Butler konstatiert, dass aus dem sexuell bestimmten Körper einer „Frau“ oder eines „Mannes“ nicht zwangsweise eine kulturell bedingte „weibliche“ oder „männliche“ Geschlechtsidentität folgen müsse. Weder Sex noch Gender seien starre kulturelle Konstruktionen. Da es sich bei Geschlechtsidentitäten bzw. den damit konnotierten sexuellen Identitäten stets um Interpretationen handle, seien unendlich viele davon denkbar (vgl. Butler 1991: 22f.). Als Abgrenzung von Heteronormativität gilt dementsprechend, was von der eingeschränkten Sichtweise auf die heterosexuell ausgerichtete, monogame Zweigeschlechtlichkeit abweicht.

[...]


[1] Identität wird nach Keupp et al. (2006) subjektiv konstruiert. Diese Konstruktion wird als lebenslanger, permanenter und selbstreflexiver Prozess der eigenen Lebensgestaltung von Subjekten verstanden. Individuen nehmen Bezug auf soziale, lebensweltliche Anforderungen, Lebenserfahrungen sowie individuelle Selbstverwirklichungsentwürfe. Sie handeln dabei auftretende Konflikte mit der gesellschaftlichen Umwelt aus und leisten Ressourcen- und Narrationsarbeit (vgl. Keupp et al. 2006: 63, 189ff., 197f., 215f.).

[2] Monogamie bezeichnet hier die Vorstellung, dass immer genau zwei Individuen eine Partnerschaft eingehen.

[3] Neben Sitten- betrifft dies auch Rechtsnormen. Um nur wenige Beispiele aus der deutschen Rechtsordnung zu nennen, dürfen nicht mehr als zwei Personen heiraten, im Personalausweis muss entweder das „weibliche“ oder das „männliche“ Geschlecht angegeben werden und ein homosexuelles Paar kann nicht gemeinsam Kinder adoptieren.

[4] Hier wird Bezug auf Konzepte handlungsorientierter Medienpädagogik nach Schorb (2008) und Hüther/ Podehl (2005) genommen. Bei ihnen wird das selbstbestimmte, handlungs- und gestaltungsfähige Individuum in Beziehung zu Gesellschaft und Medien gesetzt, da die mediatisierte Gesellschaft unweigerlich mit Medien verbunden sei. Das emanzipatorisch handelnde Subjekt könne sich prinzipiell selbst von seinen Zwängen befreien. Es sei mündig, soziale Strukturen, Normen und Werte zu erkennen, zu hinterfragen und zu beurteilen (ausführlich siehe Punkt 3.2.1).

[5] Im Folgenden werden die Begriffe internetbasierte Kommunikationsräume und Social Web synonym verwendet.

[6] Wie die Medienpädagogin Helga Theunert konstatiert, stellen geschlechtsspezifische Umgangsweisen in internetbasierten Kommunikationsräumen eine Reproduktion der Heteronormativität dar (vgl. Theunert 2005: 12).

[7] In den quantitativ erhobenen Daten der JIM-Studie 2010 ist beispielsweise festgestellt worden, dass Haushalte, in denen Jugendliche heute aufwachsen, nahezu vollständig (98 %) mit Internetanschlüssen ausgestattet seien. Soziale Online-Netzwerke werden alltäglich genutzt und am stärksten präferiert (vgl. MPFS 2010: 25, 29).

[8] Es handelt sich hierbei lediglich um eine exemplarische Auswahl kommunikations- und medienwissenschaftlicher Arbeiten, um einen Überblick über das Forschungsfeld zu erhalten. Eine vollständige Abbildung der wissenschaftlichen Publikationen – etwa über den deutschsprachigen Raum hinaus – ist im Rahmen dieser Untersuchung nicht möglich gewesen.

[9] Medienaneignung wird verstanden als „das aktive Handeln des Menschen, das sich manifestiert in der Wahrnehmung eines medialen Inhalts und in dessen Verarbeitung und Umsetzung in das eigene Verhaltens- und Handelnsrepertoire“ (Schorb 2005a: 253).

[10] Medienaneignung impliziert bereits die Begriffe Mediennutzung und Medienbewertung. Zu diesem komplexen Prozess gehören zudem die Wahrnehmung und Verarbeitung von Medien aus Sicht der Subjekte unter Einbezug ihrer (medialen) Lebenskontexte (vgl. Schorb/ Theunert 2000: 35).

[11] Geschlechtsidentität basiere auf den stabilisierenden Konzepten Sex, Gender und Sexualität. In unserem Kulturkreis beinhalte sie die Verkörperung und Realisierung „männlich“ und „weiblich“ definierter Eigenschaften (vgl. Butler 1991: 38; vgl. Stein-Hilbers/ Wrede 2000: 36). In diesem Zusammenhang stelle die Bezeichnung queer eine Kritik am Identitätsbegriff dar. Diese ziele auf die Destabilisierung von und das Spiel mit der binären Geschlechtsidentität ab (vgl. Gammerl 2010: 13).

Details

Seiten
54
Erscheinungsform
Erstausgabe
Jahr
2011
ISBN (eBook)
9783863418502
Dateigröße
295 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v296747
Institution / Hochschule
Universität Leipzig
Note
1
Schlagworte
Genderkompetenz Dekonstruktivismus sexuelle Identität Medienwissenschaft Kommunikationswissenschaft

Autor

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Titel: Die De- und Rekonstruktion der Heteronormativität im Social Web: Herausforderungen für eine geschlechtssensible Medienpädagogik