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Der islamistische Stereotyp in der medialen Berichterstattung bei Terror-Anschlägen: Eine Framing-Analyse medialer Stereotypisierung des Anschlags in Oslo am 22.07.2011

Bachelorarbeit 2012 67 Seiten

Medien / Kommunikation - Medien und Politik, Pol. Kommunikation

Leseprobe

3. Framing

Als Stärke des Framing-Ansatzes wird allgemein angesehen, dass er sowohl Nach­richtenproduktion als auch Medienwirkung erklären kann. Das macht ihn auch für diese Arbeit bedeutend. Das Framing-Konzept lässt sich unter kommunikator- als auch unter wirkungszentrierte Ansätze der Kommunikationswissenschaft einordnen (vgl. Scheufele, 2003, S. 218). Auf den Massen-kommunikationsprozess bezeichnen Scheufele (2001) und Haußecker (2012) die mediale Inszenierung als Framing . Da in diesem Fall ebenso eine journalistische Strukturierung von Ereignissen und Situationen in bedeutungsvolle Einheiten medialer Inhalte erfolgt (vgl. Scheufele, 2001, S. 145; Haußecker, 2012, S. 55).

3.1. Begriffsbestimmung

Wie zuvor beim Terrorismus-Begriff (vgl. 2.1.) gibt es auch bei der Framing-Forschung keine Einigkeit über eine Definition und Operationalisierung von Frames (vgl. z.B. Dahinden, 2006; Entman, 1993; Scheufele, 2003; Haußecker, 2012).

Der Framing-Gedanke tauchte erstmals 1974 in Arbeiten von Goffman auf, als er postulierte, dass Kontext und Ordnung („organization“) von „messages“ Einfluss auf des Rezipienten anschliessende Gedanken und Handlungen über diese Informationen haben (vgl. Rodriguez/Dimitrova, 2011, S. 49). Später schlug mit Entman (vgl. 1991, S. 7) ein weiterer Pionier der Massenkommunikationsforschung vor, dass auf zwei Ebenen “news frames” existieren: (1) als mental gespeicherte Prinzipien der Informationsverarbeitung, bezeichnet als „audience frames” und (2) als Charakteristiken der Nachrichten selbst, den „news frames“.

Frames

„Frames sind als Interpretationsmuster zu verstehen. Ihnen kommt die Funktion zu, Informationen einzuordnen und zu verarbeiten. Framing ist ein Prozess, der beschreibt, wie gewisse Aspekte der Realität betont werden und andere in den Hintergrund treten. Es handelt sich also um einen Selektionsprozess, der bestimmte Bewertungen und Entscheidungen beinhaltet.“

(Entman, 1993, zit. nach Suckfüll et al., 2011, S. 186).

Framing

Framing bezieht sich darauf, dass bestimmte „aspects of perceived reality“ (Entman, 1993, S. 52) betont und andere ignoriert werden (vgl. Scheufele, 2004, S. 30). In der Kommunikationsforschung bezieht sich Framing darauf, dass Medien über ein Thema in verschiedener Art und Weise berichten, womit bestimmte Bewertungen und Sichtweisen eines Themas hervorgehoben und andere vernach­lässigt werden (vgl. Lobinger, 2012, S. 92).

Eine genauere Betrachtung des Framing-Konzeptes im Bereich der Kommunika­tionswissenschaft folgt in Kapitel 3.3. Zuvor werden kurz psychologische Grund­lagen zur schematischen Informationsverarbeitung dargelegt, um nicht nur Voraussetzungen für Framing darzustellen, sondern auch um eine Differenzierung zwischen Frames und Schemata zu erarbeiten, da diese meist analog zueinander definiert werden (z. B. Entman, 1993). Der Frame-Begriff wäre somit aber obsolet, da er nur Konstrukte wie ‚Schema‘ ersetzt (vgl. Scheufele, 2004a, S. 32).

3.2. Psychologische Grundlagen

Die Auseinandersetzung mit der Wirkung von Massenmedien und der ge­wonnenen Erkenntnis, dass Sinn- und Deutungsstrukturen von Rezipienten durch Medien beeinflusst werden, führte in der Kommunikationswissenschaft dazu, sich zunehmendend mit psychologischen und kognitionspsychologischen Forschungs­ansätzen auseinander zu setzen.

Tagtäglich sind Menschen einer Fülle von Nachrichten, Ereignissen, Sinnesreizen und Eindrücken ausgesetzt, die mental bewältigt werden wollen. Im Laufe der Zeit entwickeln Menschen dann gewisse Muster, um den Input und ihre Realität einzuordnen. Der Gedanke, dass die menschliche Informationsverarbeitung im kognitiven Bereich auf "Schemata" oder vereinfachten mentalen Modellen beruht, steht im Kern einer Schema-Theorie. Auf Schemata greift der Mensch immer wieder zurück, wenn neue Informationen aufgenommen und Schlussfolgerungen gezogen werden (vgl. Ziegelmaier, 2009, S. 17). In Kommunikationsprozessen wird das in Schemata gespeicherte Wissen ständig überprüft und gegebenfalls verändert. Die zentrale Funktion von Schemata besteht also darin, die Informa­tionsflut einzudämmen, um eine schnelle und effektive Informations-verarbeitung zu gewährleisten (vgl. ebenda).

3.2.1. Schema-Theorie

Ursprünglich wurde das Konzept der kognitiven Schemata in der Psychologie, als auch in der Sozialpsychologie entwickelt. Aus diesem Bereich gibt es eine Vielzahl von Studien (vgl. dazu Brosius, 1991, S. 286; Schenk, 2007, S. 280), wie denen von Piaget (1926) und Bartlett (1932), aus denen sich eine Theorie entwickelt hat, welche erklärt, wie individuelle Selektion und Verarbeitung von Information vor sich geht, da „der Mensch nur einen Bruchteil der auf ihn einströmenden Informationen aufnehmen und verarbeiten kann“ (Brosius, 1991, S. 286). Um solch eine Informationsflut zu bewältigen, bedarf es „kognitiver Strukturen [...], die die Aufnahme, Verarbeitung und Speicherung von Informationen erlauben“ (Schenk, 2007, S. 276). Scheufele (2004) definiert Schemata als kognitive Modelle, die im Gedächtnis als „assoziatives Netzwerk“ (zit. nach Schenk, 2007, S. 305) strukturiert sind und sich jeweils „auf eine singuläre, spezifische Objektklasse (z.B. auf Politiker; auf den Ablauf einer Vorlesung) bzw. eine singuläre Relation zwischen Objekten (z.B. Ursachen- Schemata) beziehen“ (Scheufele, 2004a, S.32). Einzelne Schemata stellen somit komplexreduzierte, „durch einige kritische Attribute“ (Brosius, 1991, S. 286) festgelegte Prototypen der jeweiligen Bezugsobjekte dar.

Mit dem ‚Basalmodell kognitiver Modelle‘ wird bei Schemata zwischen dem Bezugsobjekt und salienten Erwartungsmerkmalen unterschieden, die dem Objekt innerhalb des Schemas zugeordnet werden (vgl. Scheufele, 2004a, S. 33). Demnach erfolgt die Informationsverarbeitung sowohl stimulus- (‚bottom-up-processing‘) als auch schemageleitet (‚top-down-processing‘). Ein top-down-Prozess kann in der Art verstanden werden, dass verschiedene Schritte des Verstehensprozesses in beliebiger Reihenfolge oder auch gleichzeitig ablaufen können. Weiter wird das durch Schemata aktivierte Vorwissen der weiteren kognitiven Verarbeitung und sogar weiteren medialen Reizen zuvorkommen und kann diese auch leiten (vgl. Matthes, 2007, S. 109). Der bottom-up-Prozess dagegen beginnt mit der Aktivierung des Schemas durch einen Medienstimulus, welcher die weitere Wahrnehmung und kognitive Verarbeitung steuert (vgl. Schenk, 2007, S. 292).

Eine empirische Überprüfung solch schematheoretischer Überlegungen auf Prozesse der Massenkommunikation und die mediale Wirkungsforschung hat Graber (1984) vorgenommen. Im Zuge der Informationsverarbeitung unterscheidet Graber vier Funktionen von Schemata:

– „Schemata geben vor, welche Informationen rezipiert und verarbeitet werden. – Schemata unterstützen die Rezipientin oder den Rezipienten bei der Einordnung von neuem Wissen in vorhandene Wissensstrukturen. – Schemata helfen dabei, fehlende Informationen anhand des Vorwissens zu ergänzen. – Schemata fördern durch die Bereitstellung von potentiellen Lösungsszenarien die Bewältigung von Problemen und Konflikten.“

(vgl. Graber, 1984, zit. nach Brosius, 1991, S. 288)

Die Informationsverarbeitung selbst kann mithilfe von kognitiven Schemata in drei grundlegende Prozesse unterteilt werden (vgl. Schenk, 2007, S.282f.):

Inferenz: Auffüllen, Ergänzen und Erweitern von rezipierter Information mit und durch Wissen aus kognitiven Schemata. – Elaboration: Verbindung von rezipierter Information mit Wissen und Erfahrungen zur persönlich passenden Interpretation der Neuinformation. – Reduktion: Rezipierte Informationseinheiten werden, durch allgemeine Schemata gesteuert, vereinfacht und inhaltlich reduziert verarbeitet.

Scheufele (2004a) unterscheidet Schemata zudem hinsichtlich ihrer „Verfügbar-keit, Zugänglichkeit und Anwendbarkeit“. Verfügbarkeit ist als grundsätzliches Vorhandensein im Langzeitgedächtnis, Anwendbarkeit als die potentielle Über-einstimmung von schemaimmanenten Erwartungsmerkmalen mit Medienstimuli und Zugänglichkeit als die verstärkte und beschleunigte Zugriffswahrscheinlichkeit auf ein Schema, welches sich aufgrund vorheriger Aktivierung noch im Arbeits-speicher des Gehirns befindet, zu verstehen (vgl. Scheufele. 2004a, S. 37).

Es ist wichtig zu wissen, dass eine Person eher dazu neigt, schemakongruente Informationen zu rezipieren und zu verarbeiten. Denn Informationen, für welche keine entsprechenden Schemata auf Abruf bereitstehen, werden meist nur oberflächlich verarbeitet und schnell wieder vergessen (vgl. Schenk, 2007, S. 298f.). Zudem ist zu erwähnen, dass der Grad der Übernahme von nicht schema-konformen Informationen und der damit verbundenen Umwandlung der Schemata von der Intelligenz und dem Interesse des jeweiligen Rezipienten abhängig ist (vgl. ebenda, S. 282).

3.2.2. Schemata und Framing

Mit den zuvor in 3.2.1. beschriebenen Funktionen und Informationsverarbeitungs-prozessen sind Schemata für das Verständnis von Framing-Prozessen essentiell.

Ein zentrales Kriterium des Framing-Ansatzes besteht in der Verknüpfung von mentalen und medialen Mustern. Gerade Schemata und Stereotype werden als kognitive Strukturen aufgefasst und mit dem Framing-Ansatz wird versucht, zu erklären, wie kognitiv repräsentierte Muster sich in medialen Mustern nieder-schlagen und wie diese wiederum kognitive Frames aktivieren, verstärken oder modifizieren können (vgl. Ziegelmaier, 2009, S. 22). Eine Abgrenzung rein kognitiver Modelle wie Schemata zu kognitiv verankerten Frames sieht auch Scheufele (2004a) in dem Ausmaß des ‚Informations- und Sinnhorizontes‘, den der Rahmen umfasst:

„Aus unserer Sicht beziehen sich kognitive Modelle auf eine singuläre, spezifische Objektklasse beziehungsweise auf eine singuläre Relation zwischen den Objekten. Mehrere Schemata […] spannen konsistente Sinnhorizonte beziehungsweise Erwartungsrahmen auf. Diese kognitiven Frames betreffen also ein Bündel an Objektklassen und Relationen, das heißt einen ganzen Realitätsausschnitt.“

(Scheufele, 2004a, S. 32).

Schematische Informationsverarbeitung

Brosius (vgl. 1991, S. 286) räumt ein, dass bei einer schematischen Verarbeitung von Information immer die Gefahr besteht, dass voreingenommen und stereotyp über eine Sache berichtet wird. Einschränkend ist, dass sich längst nicht alle Informationen in Schemata einordnen lassen und somit kann es passieren, dass jemand Informationen, die nicht in bestehende Muster eingeordnet werden können, auch überhaupt nicht verarbeitet werden.

Schema und Einstellung - Verknüpfung von Bewertungen

Innerhalb schematheoretischer Überlegungen gab es auch Diskussionen und Konzeptionen zu werthaltigen Schemata. Doch Scheufele (vgl. 2003, S.16) plädiert dafür solche Konzeptionen abzulehnen, da hierbei Unterschiede zwischen Kognition und Einstellung verwischt werden. Für die Informationsverarbeitung und Urteilsbildung empfiehlt Scheufele (vgl. ebenda) die Annahme separater Instanzen. Denn schon während der Informationsverarbeitung gibt der Mensch Urteile ab. Nach Fiske (vgl. 1982, S. 60; gemäß Scheufele, 2003, S. 16) sind Schemata sogar mit Affekten bzw. Bewertungen verknüpft. In der Folge ruft eine Aktivierung des Schemas eine sofortige Bewertung während der Informations-verarbeitung hervor. Schema und Einstellung können so als zwei 'Knotenpunkte' eines mentalen Netzwerkes verstanden werden und wenn ein Schema aktiviert wird, wird zugleich die damit verknüpfte Einstellung wirksam (vgl. ebenda).

3.3. Framing in der Kommunikationswissenschaft

In der Kommunikationswissenschaft wird Framing oft mit den Medienwirkungs-ansätzen des Agenda Settings [1] und Priming [2] verknüpft. Von Agenda-Setting und Medien-Priming lässt sich Framing jedoch abgrenzen. Denn bei Agenda-Setting und Priming ist die unabhängige Variable das Ausmaß der Berichterstattung über ein Thema, bei Framing hingegen dessen Darstellung. Im Rahmen der Medien­wir­kungsforschung untersucht die Framing-Forschung, wie Medien Objekte bzw. Rela­tionen und Maßstäbe hochspielen und wie sie das Gewicht dieser Elemente in der kognitiven Komponente von Einstellungen verändern (vgl. Scheufele, 2004a, S. 36)

Scheufele beschreibt für den Framing-Ansatz drei Perspektiven (2004b, S. 135):

Aus der Kommunikatorperspektive wird gefragt, wie journalistische Frames die Nachrichtenproduktion beeinflussen. Die öffentlichkeitstheoretische Perspektive untersucht Frames öffentlicher Diskurse und die bewegungstheoretische Perspektive Framing-Strategien sozialer Bewegungen. Diese dritte Perspektive fragt also nach den Effekten von Medien-Framing auf die RezipientInnen.

3.3.1. Medien-Frames

In Bezug auf mediale, bzw. öffentlicher Kommunikation ist die Präsenz und der Einsatz von Frames zur Steuerung und Verarbeitung medialer Kommunikation an vier Positionen zu verorten: Bei KommunikatorInnen, bei JournalistInnen, in der medialen Botschaft und bei RezipientInnen (vgl. Matthes & Kohring, 2004, S. 56). Für Rezipienten stellen Frames kognitive Strukturen zur sinnhaften Verarbeitung von Medieninhalten dar. Dabei können Frames eine „bestimmte Sichtweise eines Problems, kausale Interpretation und Bewertung“ (Schenk, 2007, S. 314) auslösen. Dieses Medien-Framing erlaubt es Journalisten, ihren Medieninhalten Bewer­tungen einzugliedern und damit die Wahrnehmung und Interpretation durch Rezipienten zu beeinflussen.

„Die in den Frames gegebene Problemdefinition, kausale Interpretation, moralische Bewertung, Behandlung oder Empfehlung legen dem Publikum eine bestimmte Interpretation eines Themas, Ereignisses oder Gegenstandes nahe.“ (Schenk, 2007, S. 315). Diesbezüglich benennt Schenk (2007) einige Prototypen von häufig verwendeten Medien-Frames (vgl. ebenda, S. 315f.):

– Betonung gesellschaftlicher, moralischer oder ethnischer Werte – Betonung einer Konfliktsituation – Betonung emotionaler Komponenten – Betonung möglicher Auswirkungen eines Ereignisses – Betonung der Verantwortlichkeit einer Person für ein Problem

Darüberhinaus sind sicher weitere Medien-Frames identifizierbar. Denn schlussendlich können Frames jeden Aspekt eines Themas hervorheben, um damit passende kognitive Schemata der Rezipienten zu aktivieren und modifizieren.

3.3.2. Framing–Effekte

Shanto Iyengar (1987) ist Vorreiter in der Forschung um Framing-Effekte in der Berichterstattung auf die öffentliche Meinung und politische Entscheidungen. Er erklärte erstmals, dass Zuschauer sensibel auf kontextuelle Hinweise sind, wenn sie nationale Angelegenheiten betreffen. Des Zuschauers Erklärungen von Themen wie Terrorismus oder Armut sind entscheidend davon beeinflusst, wie jeweilige Bezugspunkte in medialen Inszenierungen behandelt werden (vgl. London, 1993).

Ausführungen von Iyengar und Kinder (1987) folgen weitere Autoren wie Price & Tewksbury (1997), die formulieren, dass im Framing Merkmale der Medien-botschaft als Schlüsselreize fungierten, die jene Schemata aktivieren, die am ehesten zu diesen ‚ cues ‘ passen (vgl. Scheufele, 2004b, S. 136). Dieses „Fitting“ (Scheufele, 2004b, S. 136) betrifft die Anwendbarkeit („ applicability “) von Schemata. Ein solcher Aktivierungseffekt tritt während oder kurz nach der Rezeption auf und das aktivierte Schema behält ein gewisses Erregungsniveau. Dadurch kann es leicht reaktiviert werden, was als „ accessibility -effect“ zu verstehen ist (vgl. ebenda). Chong und Druckman (vgl. 2007, S. 111) bieten zur Framing-Theorie ein ähnliches Modell mit drei konsekutiven Effektstufen: Zu Beginn muss ein bestimmter Aspekt eines (politischen) Themas bereits beim Rezipienten verfügbar sein („ available “). Im Anschluss muss dieser Aspekt auch zugänglich sein („ accessible “) und zuletzt muss der Rezipient in der Lage sein, diesen Aspekt bewusst gegenüber anderen (nicht-geframten) Aspekten abzuwägen und diesen zustimmend vernehmen, was schließlich im Framing-Effekt resultiert („ applicability “). Das von den Autoren vorgestellte Model ist, in leicht variierenden Formen, in einer Vielzahl von Studien wiederzufinden (gemäß Suckfüll et al., 2011, S. 187: z.B. Lecheler/de Vreese, 2009; Nelson et al., 1997; Scheufele 2003).

Offen bleibt, wie Framing bestehende Rezipienten-Schemata verändert, beziehungsweise neue herausbildet. Weiter bleibt zu überprüfen, weshalb Schema-Aktivierung zu bestimmten Urteilen führen sollen.

Solche Framing-Effekte sind mit Schema-Veränderungen, Netzwerken und mentalen Modellen herauszuarbeiten (vgl. Scheufele, 2003, S.218). Mentale Modelle haben Leerstellen, das quasi-fehlende Wissen des Rezipienten. Diese können mit Informationen aus einer medialen Botschaft besetzt werden, womit Rezipienten ihr Wissen auf den neuesten Stand bringen (vgl. Scheufele, 2004b, S. 136). Bei kumulativem und konsonantem Framing können Rezipienten ihre Schemata zunehmend an die Mediendarstellung und in Richtung des Medien-Frames verändern (Transformations-Effekt). Mitunter verfügen Rezipienten aber noch über kein Schema für neue Sachverhalte und mittel- bis langfristig kann kumulatives, konsonantes Framing dann dazu führen, dass Rezipienten überhaupt erst Vorstellungen für Sachverhalte ausbilden, was als Etablierungs-Effekt bezeichnet wird (vgl. ebenda). Wenn Medien aktuell zum Beispiel über Salafisten berichten, werden Zuschauer zunächst ihr generelles Islam-Schema heranziehen. Erst mit einer wiederholten medialen Rahmung dieser ultrakonservativen Strömung innerhalb des islamischen Glaubens wird sich allmählich ein Sub-Schema für Salafismus entwickeln (Etablierung). Die Wirkung der Medien besteht darin, dass sie bestimmte Aspekte hochspielen und somit deren Relevanz für Rezipienten erhöhen. Um kognitiv-affektive Konsistenz herzustellen, würden Rezipienten an diese Kognitionen ihre Einstellung angleichen (vgl. ebenda).

Neuere Studien schlagen zudem einen weiteren psychologischen Prozess des Framing-Effektes vor, nämlich Lernen. Slothuus (2008) untersuchte Framing-Effekte und stellte fest, dass Frames nicht nur mittels bereits beim Rezipienten vorhandener Informationsbruchstücke funktionieren, sondern dass Medien-Frames durchaus auch neue Informationen vermitteln können, die zum endgültigen Framing-Effekt beitragen (vgl. Suckfüll et. al, 2011, S. 191).

3.3.3. Framing-Forschung

Framing-Studien beziehen sich typischerweise entweder auf „ equivalency “- oder „ emphasis “-Frames (vgl. Suckfüll et. al, 2011, S. 186-187). „Equivalency“-Frames beziehen sich dabei auf Inhalte, die sich logisch gleichen, die aber unterschiedlich präsentiert oder formuliert werden (am bekanntesten ist das „Asian Disease“-Problem[3] von Kahneman/Tversky, 1984). „Emphasis“-Frames sind näher an ‚realer‘ journalistischer Berichterstattung und präsentieren qualitativ unterschiedliche, aber doch füreinander relevante Versionen (vgl. Suckfüll et. al, 2011, S. 187; Lecheler/de Vreese, 2011, S. 961). Die Forschung arbeitet darüberhinaus mit zwei alternativen Operationalisierungen von Frames in Nachrichten, nämlich themen­spezifische und generische Frames. Themenspezifische Frames beziehen sich auf ein bestimmtes Thema, während generische Frames für eine breite Palette von Themen stehen. Der weite Anwendungsbereich und die solide empirische Basis generischer Frames macht es einfacher, Framing-Effekte über Themen hinweg zu vergleichen. Generische Frames werden vorzugsweise für Experimente genutzt, in denen keine eigenen Frames erfasst werden sollen (vgl. ebenda). Es ist zudem zu beachten, dass Nachrichten-Frames die in empirischen Studien verwendet werden, durch eine inhärente Valenz gekennzeichnet sind. Diese Valenz spielt auf eines der grundlegenden Merkmale des politischen Diskurses, nämlich das Eliten versuchen, die Unterstützung für oder die Ablehnung eines Themas durch die Betonung der positiven oder negativen Aspekte des Sachverhaltes zu beeinflussen (vgl. Lecheler & de Vreese, 2011, S. 961).

Der Schwerpunkt bestehender deutscher Forschung zu Framing-Effekten liegt auf inhaltsanalytischer Erfassung von Medien-Frames. Matthes und Kohring (vgl. 2004, S. 57-58) offerieren vier Arten möglicher Frame-Erfassung:

- Der textwissenschaftliche Ansatz, welcher qualitativ und ohne statistische Auswertung der Frames operiert und durch hohe Ausführlichkeit, aber einer geringen Validität gekennzeichnet ist. - Der interpretativ-quantitative Ansatz, bei dem anhand von (aus Teilen des Datenmaterials) generierten Frames eben diese in Folge deskriptiv erfasst werden, wobei jedoch die Qualität der Untersuchung aufgrund der generierenden Interpretation von Frames durch den Forscher sehr stark variieren kann. - Das Frame-Mapping, in Zuge dessen Frames innerhalb sehr hoher Textmengen computerbasierend anhand von Clusteranalysen erfasst werden. - Die deduktive Frame-Analyse, bei welcher zuvor theoretisch (ohne Zugriff auf Datenmaterial) codierte Frames deskriptiv erfasst werden, wobei jedoch Probleme bei der Einordnung von nicht der Codierung entsprechenden Frames auftreten können.

In ihrer Studie zur Berichterstattung der deutschen Zeitungen „Welt“ und „Die Frankfurter Rundschau“ in Hinblick auf die EU-Osterweiterung in den Jahren 2004 und 2007 verfolgt zum Beispiel Engelmann (2009) einen interpretativ-quanti-tativen Ansatz. Matthes und Kohring (2004) wählen das Frame-Mapping als methodisches Mittel zur Frame-Erfassung, wobei sie Frames als Vielzahl einzelner Frame-Elemente (unterschiedliche Attributionen an ein Thema) definieren und diese einzelnen Frame-Elemente statistisch erfassen (vgl. Matthes & Kohring, 2004, S. 61). Matthes und Kohring (2004) betrachten dabei die Gentechnologie-Berichterstattung wichtiger Printmedien aus vier verschiedenen Ländern - Deutschland, Frankreich, England und USA (vgl. ebenda, S. 63). In den Studien konnten mit Hilfe einer Cluster-Analyse eindeutige Medien-Frames generiert werden, die belegen, dass die Berichterstattung in massenmedialen Angeboten sich an gewissen Ereignis-, Norm- und Wertstrukturen orientiert.

3.3.4. Kritische Anmerkungen

Bezüglich der Forschung ist in erster Linie zu bemängeln, dass die meisten Studien Frames nur eindimensional operationalisieren. Scheufele (vgl. 2004b, S. 140) gibt zu bedenken, dass damit die öffentlichkeits- und bewegungstheoretische Framing-Forschung, die mehrere Elemente beziehungsweise Ebenen unterscheidet, völlig ignoriert wird. Er empfiehlt weiter zu prüfen, ob sich Effekte auch nur einstellen, wenn der Medienbeitrag über alle Ebenen ein konsistentes Bild vermittelt, beziehungsweise wann einzelne Elemente wirksamer sind als andere.

Die Wichtigkeit von Framing-Effekten kann erst wirklich oder richtig eingeschätzt werden, wenn zuverlässige Kenntnisse über die Dauer Bestand haben. Die meisten Framing-Experimente finden nur einmalig statt und prüfen die Framing-Effekte direkt nach Einwirkung der Frames. Lecheler und de Vreese (2011) geben zu bedenken, dass ohne Wissenswertes über die Dauer der Framing-Effekte, die Forscher nicht genügend überzeugende Argumente für die Bedeutung ihrer Erkenntnisse für z.B. die Politik haben (vgl. Lecheler/de Vreese, 2011, S. 959–960). Ein weiterer Punkt ist, dass die Mehrheit der Forscher nur experimentelle Studien kreieren. Aber aus den bisherigen Ergebnissen lässt sich ablesen, dass Framing-Experimente die Existenz von Framing-Effekten bestätigen und eine solide Basis für zukünftige Forschung anbieten. Kinder (2007, S. 157, zit. nach Lecheler/de Vreese, 2011, S. 963) kritisiert zum Beispiel die Entwicklung weiterer Experimente für zukünftige Framing-Studien. Vielmehr betont Kinder, „that framing experiments may have exaggerated the power of the media, simply because they ensure that ‘frames reach their intended audiences’, instead of being deflected off a typically uninvolved media user.” (ebenda). Als Abhilfe empfiehlt er “the use of real-life events” um natürliche Experimente zu erschaffen (vgl. ebenda).

3.4. Zusammenfassung

Allgemein sind Frames als den Schemata übergeordnete kognitive Strukturen zu verstehen. Dazu seien noch einmal Scheufele (2004) und Entman (1993) zitiert: „Mehrere Schemata, Scripts usw. für verschiedene Bezüge spannen konsistente Sinnhorizonte bzw. Erwartungsrahmen auf. Die kognitiven Frames betreffen also ein Bündel an Objektklassen und Relationen, d.h. einen ganzen Realtitäts­ausschnitt.“ (Scheufele, 2004, S.32).

Frames sind damit als Strukturen zu verstehen, in denen mehrere Bezugsobjekte in einen sinnhaften Zusammenhang zueinander gesetzt werden und diesen Zusammenhang herausheben. „Frames highlight some bits of information about an item that is the subject of communication, thereby elevating them in salience.“ (Entman, 1993, S. 53).

Der wesentliche Unterschied zwischen Schema und Framing-Konzept liegt darin, dass Schemata intrapsychische Prozesse der Informationsverarbeitung beschreiben, die unter anderem zur Erklärung von Wissenserwerb herangezogen werden könnten. Das Framing-Konzept hingegen beschreibt kognitive, aber auch mediale Deutungsmuster der öffentlichen Kommunikation, die auch auf sozial-psychologische und soziale Prozesse zurückzuführen sind (vgl. Ziegelmaier, 2009, S. 20–21).

4. Visuelle Kommunikation & Framing

In der Massenkommunikation kommt gerade Visualität und damit Bildern die sehr spezifische Funktion zu, Bedeutungsinhalte zu transportieren, welche beim Rezipienten einen Dekodierungsprozess in Gang setzen. In diesem werden mentale Vorstellungsbilder aktiviert. Materialisierte Bilder wie TV-Aufnahmen oder auch Zeitungsfotos stehen so in Korrelation mit ‚mentalen‘ Bildern von Medienmachern und Rezipienten (vgl. Ziegelmaier, 2009, S. 32–33).

Im Zusammenhang mit Massenmedien können Bilder in der Art beschrieben werden, als dass sie mit Unterstützung von technischen Apparaten aufgenommene visuelle Repräsentationen von Ereignissen oder Menschen sind. In materieller Form stellen sie den Zweck einer Bedeutungs-, Informations- und Emotions-übermittlung in den Massenmedien dar. In der Forschung lässt sich seit einigen Jahren eine deutliche Zunahme an Aktivitäten beobachten, gerade vor dem Hintergrund der zunehmenden Relevanz und Etablierung Visueller Kommunikationsforschung. Besonders dem Phänomen des „Visual Framing“, d. h. des Framing durch visuelle Informationen, widmen sich viele Autoren (vgl. Lobinger, 2012b, S. 1). Coleman (2010) beschreibt Framing sogar als eine Lebenslinie der Visuellen Kommunikationsforschung (vgl. ebenda).

Die Verknüpfung von Bildern, vermittelten Konzepten und Darstellungen die Bestandteile unseres kulturellen Archivs sind, fasst Bisanz (2010, S. 75) so in Worte:

„Anders als mit einem Apparat wie die Kamera werden die durch das Auge wahrgenommenen Bilder bereits bei dem Anblick als Formen und Farben erfasst. Schon mit dem Aufschlagen des Auges werden sie zugleich als Vorstellung und Darstellung von Konzepten begriffen, die jenseits der bildhaften Erscheinung und des Anblicks feste Bestandteile unseres kulturellen Archivs sind. Denn Formen und Farben als Bewusstseinsträger sind vor allem Zeichen, das heißt, kulturell kodierte Entitäten.“

4.1. Das Bild in der Berichterstattung

In der Medienberichterstattung werden Bilder nicht (hauptsächlich) für künstlerisch-ästhetische Ansprüche verwendet. Vielmehr dient das Bild als Quelle für Information in einem größeren Informationskontext. Ein Geschehen, eine Situation oder eine Person wird dabei zum Zweck einer informativen Wiedergabe mit technischen Mitteln festgehalten, dann meist in einen textlichen und verbalen Zusammenhang womöglich als Pressefoto oder Filmbeitrag gestellt und eben über ein Massenmedium an das Publikum verbreitet.

Innerhalb der Kommunikationsforschung werden den von Massenmedien übertragenen Bildern unterschiedliche Funktionen zugeschrieben. Repräsentativ dazu wird folgend eine Typologie zu Bildfunktionen in Nachrichten von Brosius (1998) vorgestellt. Der Autor geht davon aus, dass sich die Informationsleistung von Texten und Bildern in der Nachrichtenberichterstattung grundlegend unterscheidet. Dabei können Bilder und Texte komplementär, konträr oder ohne inhaltlichen Bezug zueinander stehen. Folgende Bildfunktionen lassen sich Brosius zu Folge differenzieren (gemäß Ziegelmaier, 2009, S. 39–40):

– Die Hauptfunktion visueller Illustration besteht darin, die Verarbeitung des Nachrichtentextes zu fördern.
– Bilder suggerieren Authenzität, indem sie dem Zuschauer den Eindruck vermitteln, direkt am Geschehen teilzunehmen und sich selbst ein Bild von der Realität vor Ort verschaffen zu können.
– Bilder suggerieren Aktualität, sie vermitteln also die Illusion, zeitnah bei einem Ereignis dabei zu sein und quasi durch das Visier der Kameralinse des Journalisten unmittelbar ohne temporäre Distanz am Geschehen teil zu haben. (Die Aktualitätsillusion ist jedoch ein Kriterium, das vorwiegend bei audiovisuellen Nachrichten Relevanz gewinnt.)
– Bilder wecken Interesse und bieten visuelle Reize, die Aufmerksamkeit steigern. (Ein vergleichbarer Effekt wird in der Kommunikations- und Werbepsychologie auch mit ‚Eye-Catcher‘-Effekt beschrieben.)
– Im Bezug auf ihre Symbolhaftigkeit können Bilder kulturell konsistent verwendet werden, also bestimmte codierte Hinweisreize vermitteln und somit einen Bedeutungszusammenhang erschließen.

Relevanz des Visuellen Framing

Gegenüber dem grundsätzlich an Sachlichkeit und Fakten orientierten Wort-journalismus, kennzeichnet das besondere Potenzial der Bildberichterstattung die Stärke, Effekte zu erzielen. Durch informative, rührende, erschütternde oder belustigende Bildmotive werden leicht kognitive und affektive Wirkungseffekte hervorgerufen. Bilder unterscheiden sich in der Medienberichterstattung in ihrer ‚Wertigkeit‘ für den Zuschauer. Journalisten verwenden daher oft extreme Bilder (in Foto- und Videobeiträgen), um mit solchen Bildern Neugier oder Betroffenheit zu erzeugen (vgl. Ziegelmaier, 2009, S. 40). Gleichwohl setzen einige Bilder ein hohes Maß an Konventionalisierung voraus, wie es beispielsweise bei häufig reproduzierten Bildern von gesellschaftlichen Schlüsselereignissen wie dem Flugzeugangriff auf das World Trade Center bei den Terroranschlägen am 11. September 2001 zu beobachten war. Für das Visuelle Framing gilt es zu ergründen, inwieweit Journalisten in ihren Darstellungen auf eher konventionalisierte oder auf eher ungewöhnliche Bildmotive zurückgreifen und/oder sich dazu emotionalisie-render Muster bedienen (vgl. ebenda).

[...]


[1] Unter Agenda-Setting wird allgemein die Thematisierungsfunktion der Medien verstanden (vgl. Bonfadelli, 2004, S. 248).

[2] Als Priming ist dabei die wiederholte Aktivierung derselben kognitiven Schemata durch mediale Stimuli zu verstehen (vgl. Scheufele, 2004a, S. 37).

[3] vgl. dazu Kahnemann, 2002, S. 456-457

Details

Seiten
67
Erscheinungsform
Erstausgabe
Jahr
2012
ISBN (eBook)
9783863419608
Dateigröße
1.4 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v296861
Institution / Hochschule
Friedrich-Schiller-Universität Jena
Note
1,5
Schlagworte
Schema-Theorie visuelle Kommunikation Framing Live-Berichterstattung Terror Anschlag Breivik

Autor

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Titel: Der islamistische Stereotyp in der medialen Berichterstattung bei Terror-Anschlägen: Eine Framing-Analyse medialer Stereotypisierung des Anschlags in Oslo am 22.07.2011