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Warum sind manche Länder korrupter als andere? Wie sich die Einflussfaktoren messen lassen und was die Politik daraus lernen kann

Bachelorarbeit 2012 46 Seiten

Zusammenfassung

Die in den tagesaktuellen Nachrichten behandelten Situationen in arabischen oder südeuropäischen Ländern thematisieren, trotz ihrer grundlegenden Verschiedenheit, oftmals auch die Bestechlichkeit und Ineffizienz der politischen und organisatorischen Systeme. Dabei üben diese häufig korrumpierten Strukturen starke Einflüsse auf Gesellschaft, Politik und Wirtschaft aus. Um Korruption im Gesamten verstehen und einordnen zu können, werden in dieser Arbeit deren Aktualität, Folgen, Geschichte und Internationalität näher erläutert. Anschließend zeigt ein Ausblick die ökonometrischen Lösungsansätze, in denen aufgezeigt wird, warum manche Länder korrupter sind als andere.
Der Schwerpunkt dieser Arbeit beleuchtet dabei die folgenden korruptionsbeeinflussenden Faktoren: Unterschiede in der Pressefreiheit, verschiedene Wahlsysteme, Dezentralisierung und Wettbewerb im privaten- und öffentlichen Sektor. Darüber hinaus wird auch der Einfluss von ethnischen Strukturen, einer kolonialen Vergangenheit, Ressourcenreichtum, unterschiedlichen Religionen und wirtschaftlicher Entwicklung untersucht.
Von diesen Faktoren lassen sich zur Minimierung von Korruption zahlreiche Politikempfehlungen ableiten. Wenn Politiker wissen, welche Faktoren die Korruption in einem System negativ bzw. positiv beeinflussen, können diese korruptionsvermeidende Entscheidungen treffen. Auch die nachträgliche Bewertung einer Entscheidung bezüglich ihrer Korruptionsfolgen ist möglich. Hierzu bildet diese Arbeit einen Überblick über die wichtigsten korruptionsbeeinflussenden Faktoren, die von der Fachliteratur in den letzten drei Jahrzehnten untersucht wurden.

Leseprobe

1.2.2 These zum Wahlsystem

Unterschiede in der Ausgestaltung von Wahlen, beispielsweise in Form von Mehrheits- oder Verhältniswahlen, könnten Handlungen von Politikern vor und nach der Wahl beeinflussen. Die Verantwortlichkeit für die Handlungen und Entscheidungen eines Politikers ist im Wahlsystem nicht immer erzwungen. Ob unter anderem flexible Kandidatenlisten und niedrige Eintrittsbarrieren für neue Politiker den Druck auf bestehende Politiker ausreichend erhöhen, um Korruption zu minimieren, wird in Kapitel 3.2 erläutert. Dabei wird besonders auf die Auswirkung unterschiedlicher Gestaltungen des Wahlzettels, der Größe des Wahlkreises und der Wahlformel eingegangen.

1.2.3 These zur Dezentralisation

Dezentralisierung von Regierungsaufgaben könnte zu einer geringeren Korruption führen. So lässt sich vermuten, dass Politiker unter einem föderalen System stärker für ihre Handlungen verantwortlich gemacht werden können. Außerdem wären diese Aktivitäten auch leichter nachprüfbar. Diese möglicherweise negativ auf Korruption wirkenden Folgen von Dezentralisation steht die erschwerte Kommunikation zwischen Bürokraten gegenüber. In letzterem Falle wäre es den involvierten Bürokraten eventuell einfacher möglich, höhere Renten[1] zu extrahieren, ohne dafür belangt zu werden. Inwiefern sich eine ausgeprägte Dezentralisierung senkend auf die Korruption auswirkt, wird in Kapitel 3.3 besprochen.

1.2.4 These zum Wettbewerb

Eine geringere Korruption durch Wettbewerb ist denkbar, da Bestechungen in einem System mit vollständigem Wettbewerb schwieriger aufrechtzuerhalten sind. Dabei fokussiert Kapitel 3.4 die industrielle Organisation des „Bestechungsmarktes“ und zeigt, wie diese das Korruptionsgleichgewicht beeinflusst. Ein geringeres Maß an Wettbewerb lässt die Rente der Unternehmen steigen. Organe der Bürokratie, wie beispielsweise Steuerfahnder, werden einen höheren Anreiz haben korrupte Entscheidungen zu treffen, da sie selbst einen Teil der unternehmerischen Renten extrahieren können. Dem steht gegenüber, dass die Öffentlichkeit durch die angewachsenen Unternehmer-Renten ein gesteigertes Interesse an der korrekten Umsetzung der Gesetze und Vorschriften besitzt. In dem Kapitel zu Renten und Wettbewerb wird demnach näher erläutert, ob eine Senkung des Wettbewerbs eine positive oder eine negative Auswirkung auf die Korruption mit sich bringt.

1.2.5 Weitere Determinanten nach Treisman (2000)

Um die Frage, wieso manche Länder korrupter sind als andere, umfassend beantworten zu kön­nen, werden in Kapitel 3.5 weitere Determinanten vorgestellt. Die fünf zusätzlichen Faktoren verdeutlichen den großen Umfang unterschiedlichster Einflüsse auf korrupte Strukturen.

2 Datenquellen zur Korruptionsmessung

In der empirischen Forschung ist die Qualität der erhobenen Daten ausschlaggebend für die Aussagefähigkeit der späteren Ergebnisse. Um die Einflüsse auf Korruption bewerten zu können, muss daher ein geeigneter Index für Bestechlichkeit gefunden werden. Da jedoch korrumpierte Entscheidungsträger in einer Umfrage kaum zugeben würden, dass sie korrupt sind, ist eine solche Messung nicht einfach. Mitglieder korrupter Strukturen könnten zudem auch aktiv versuchen, die Messung externer Organisationen zu verhindern oder zumindest zu verfälschen. Wegen drohender Strafen besteht dementsprechend ein systematisches Interesse, die eigene Korruption gegenüber solchen Messungen zu verschleiern. Neben den abweichenden Definitionen von Korruption haben Brunetti und Weder (2003) außerdem die unterschiedlichen Ausprägungen von Korruption als Schwierigkeit bei ihrer Messung angesprochen. Den Autoren zur Folge gibt es von schlichten „Trinkgeldern“ bis hin zu komplexen Bevorteilungs-Abmachungen viele Arten von Korruption.

2.1 Die Korruptions-Indizes im Überblick

Die Datenquelle ist bei der Analyse von Determinanten auf Korruption also ganz besonders wichtig. Die Autoren der in diesem Aufsatz behandelten Schwerpunkte haben dabei acht unterschiedliche Erhebungen und Indizes ausgewertet.

1. BI: Der Business International Korruptionsindex wurde auch bereits in dem Papier von Mauro (1995) über den Zusammenhang zwischen niedrigerem Wachstum und Korruption verwendet. Die BI-Ratings für 68 Länder wurden unter Auswertung der Befragung eines differenzierten Netzwerkes in den erfassten Ländern gesammelt.
2. CPI: Der Corruption Perceptions Index stammt von der Organisation Transparency International. Dabei bezieht sich der Index auf den öffentlichen Sektor, oder auf Geschäfte, in denen Staatsbedienstete oder Politiker involviert sind. Ermittelt werden die Daten mit Hilfe von Auswertungen von Risikoagenturen, sowie der Befragung von ortsansässigen oder auswärtigen Geschäftspersonen. Hierzu gehören Fragen im Zusammenhang mit dem Missbrauch öffentlicher Macht. Dabei konzentrieren sich die Fragen auf die Bestechung von Amtsträgern, auf die behördlichen Anstrengungen, Korruption zu bekämpfen und auf mögliche Schmiergelder im öffentlichen Beschaffungswesen. Mit unterschiedlicher Gewichtung werden die verteilten Bewertungen der Staaten anschließend zur ausschlaggebenden Punktezahl aggregiert.
3. FWI: Die Ideenfabrik Freedom House stellt jährlich seinen Freedom in the World Index, oder auch Gastil-Index[2], zur Verfügung. Dabei werden von der Experten-kommission Staaten in den beiden Kategorien bürgerliche Freiheit und politische Rechte bewertet.
4. GCI: Beim German Exporter Corruption Index wird der Anteil der deutschen Exporte mit Schmiergeldern mit denen ohne Bestechung verglichen. Auch dieser Proxy basiert auf einer Umfrage: Es werden im Durchschnitt 10 Personen je Im- bzw. Exportland befragt.
5. GCS: Der Global Competitiveness Survey ist das Ergebnis von Meinungsforschungen von etwa 3000 Top-Managern über ihre Einschätzungen zu Business-Lizenzen, Devisenkontrollen, Polizeischutz, Kreditanträgen oder Steuereinschätzungen betreffend des eigenen Landes. Die Umfrage wird vom World Economic Forum durchgeführt.
6. ICRG: Der International Country Risk Guide analysiert und fasst 22 Variablen bezüglich politischem, finanziellem und wirtschaftlichem Risiko zusammen. Er wird von Political Risk Services (The PRS Group) veröffentlicht. Das Ziel des politischen Risiko-Ratings ist es, die politische Stabilität der untersuchten Länder zu beurteilen. Das Wirtschafts-Risiko-Rating ordnet das ökonomische Risiko hoch ein, wenn die wirtschaftlichen Schwächen eines Staates die Stärken überwiegen. Das finanzielle Risiko-Rating ist ein Mittel zur Bewertung der Fähigkeit eines Landes, seinen Schuldverpflichtungen nachzukommen. Der Index basiert auf den Beurteilungen eines Pools von Länderanalysten. Er bietet auch Zeitreihen an, wodurch die Identifikation von kausalen Effekten möglich ist. Die dadurch ermöglichte Panelforschung kann unabhängig von der Querschnittsanalyse dynamische Zusammenhänge herausfinden.
7. WCR: Im World Competitiveness Report wird vom Institute for Management Development mittels einer Umfrage gemessen, inwieweit Bestechung und andere missbräuchliche Praktiken im öffentlichen Sektor auftauchen.
8. WGI: Für die Worldwide Governance Indicators wird von der Weltbank eine große Zahl von Bürgern, Unternehmen und Experten unter anderem zur Effektivität des Staates, zur politischen Stabilität und zur Korruptionskontrolle befragt.

Folgende Tabelle soll als Übersicht über die verwendeten Korruptionsmessungen dienen:

Tabelle 1: Die von den jeweiligen Autoren verwendeten Datenquellen für Korruption

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Nicht alle hier angegebenen Indizes wurden auch in der von dieser Arbeit behandelten Ergebnisse verwendet. Die Autoren haben aber bei alternativen Regressionen oder der Überprüfung der Robustheit häufig die zuvor nicht verwendeten Indizes genutzt. *Weitere mögliche Einflüsse auf Korruption (Kapitel 3.5).

Die Übersicht zeigt, dass der Corruption Perceptions Index, sowie der International Country Risk Guide besonders häufig ausgewertet wurden. Dies liegt vornehmlich an der umfangreichen Datendichte und der Verfügbarkeit von Informationen über einen breiten Zeitraum. Der GCI sowie der GCS werden lediglich von Fisman und Gatti (2002) genutzt.

2.2 Kritische Auseinandersetzung mit der Datenerhebung

Auffallend ist, dass unter den verwendeten Indizes lediglich für den FWI und ICRG ausschließlich Experten um eine Länderanalyse gebeten werden. Die anderen Messungen beruhen auf allgemeineren Umfragen. Hierbei ist jedoch fraglich, ob befragte Personen das Niveau an Korruption immer korrekt einschätzen können oder dies auch wollen. Der Zweifel tritt vor allem vor dem von Brunetti und Weder (2003) angesprochenen Hintergrund der oftmals sehr komplexen Korruptions-Vereinbarungen auf.

Auch die Resultate der Umfrage bei Geschäftsleuten und Top-Managern müssen nicht immer der Wahrheit entsprechen. Schließlich sprach Rose-Ackerman (2003) ihre Bedenken aus, dass Unternehmensmanager mit ganz ähnlichen Anreizen konfrontiert werden wie etwa die Mitarbeiter im öffentlichen Sektor. Korrumpierte Mitarbeiter sind demzufolge nicht immer zwingend Staatsangestellte. Außerdem können, der Autorin zufolge, durch die Privatisierung ehemaliger Staatsunternehmen einige Formen von Korruption in den privaten Sektor verlagert werden.

Vor allem weil alle Autoren der im Folgenden behandelten wissenschaftlichen Aufsätze bei der Verwendung verschiedener Indizes stets gleichwertige Ergebnisse erhalten haben, werden die Bedenken weitestgehend entkräftet. Beispielsweise für den hier mehrfach genutzten CPI von Transparency International hat eine zusätzliche Untersuchung von Wilhelm (2002) eine sehr starke signifikante Korrelation zwischen dem CPI und zwei weiteren Proxys festgestellt. Als Proxys für Korruption wurden dabei Aktivitäten auf dem Schwarzmarkt und der Umfang von Regulationen verwendet. Trotz der genannten Zweifel stellen die verwendeten Indizes also valide Messungen bereit und scheinen sich damit gut als Datengrundlage für die Analyse von Determinanten auf Korruption zu eignen.

3 Empirische Determinanten

3.1 Freie Presse

Wie bereits beschrieben, haben Brunetti und Weder (2003) auf die Schwierigkeit durch die unterschiedlichen Ausprägungen von Korruption hingewiesen. Um diese unterschiedlichen Formen differenzieren zu können, haben die Autoren drei Arten von Mechanismen zur Beeinflussung von Korruption definiert:

1. Interne Mechanismen stellen die Korruptionskontrolle aus dem System heraus dar, wie beispielsweise effiziente Kontrollorgane. In diesem Zusammenhang wird auch davon ausgegangen, dass die Neigung von Bürokraten, Bestechungen anzunehmen, nicht zuletzt auch davon abhängig ist, wie sich das Gehalts-Niveau der Staatsdiener gegenüber dem Niveau im privaten Sektor darstellt.
2. Als externe Mechanismen verstehen die Autoren eine unabhängige Justiz, alternative Beschwerdestellen für Bürger oder einen investigativen Journalismus.
3. Indirekte Faktoren, wie kulturelle Gegebenheiten oder elitäre Bürokraten bilden die dritte Kategorie.

Da sich Brunetti und Weder in ihrem wissenschaftlichen Aufsatz auf die Pressefreiheit fokussiert haben, wird im folgenden Kapitel also ein externer Faktor, die freie Presse, analysiert. Eine freie Presse scheint ein besonders effektiver externer Faktor zur Verhinderung und Aufdeckung von Korruptionsvorgängen zu sein. Denn er könnte aufdeckend gegen erpressende und verabredende Korruption wirken.

Von erpressender Korruption spricht man, wenn der Entscheider die Möglichkeit hat (und diese auch nutzt), die Bearbeitungszeit eines Auftrages anzutreiben oder zu verzögern. Ein korrumpierter Mitarbeiter könnte gegen Schmiergeld einen Antrag beschleunigen, oder eine höhere Gebühr propagieren, diese aber gegen eine Bestechung dann wieder verringern. Dieses erpresserische System lässt sich aber nur dann aufrechterhalten, wenn die Kosten für die Korruptionsbekämpfung höher sind als der Bestechungsbetrag. Mediale Berichte über Korruption können Unternehmen und die Regierung veranlassen, interne Kontroll-mechanismen auf / auszubauen. Ein investigativer Journalismus könnte bei der Bekämpfung dieser Bestechlichkeit helfen, da er durch Enthüllungen von Bestechungsskandalen und Offenlegung von kriminellen Strukturen die Kosten dieses Kampfes senken kann.

Die verabredende Korruption stellt eine Abmachung zwischen zwei Interessenspartnern dar. Denkbar ist dabei, dass ein Steuerbeamter gegen eine Schmiergeldzahlung die Abgaben des Unternehmens herabsenkt. Auch bei diesem System profitieren beide involvierten Parteien. Sie haben somit ein erhebliches gemeinsames Interesse, diese Abmachung zu verheimlichen. Auch nach der Aufdeckung einer Korruption behindert dieser beidseitige Wille zur Verschleierung eine tiefgreifende und umfassende Aufklärung der Vorgänge. Eine freie Presse wäre ein gewichtiger Garant dafür, diese Korruptionsform einzudämmen. Die Pressefreiheit bietet engagierten Journalisten monetäre bzw. prestigeträchtige Anreize, Bestechlichkeit aufzudecken. Das eingangs beschriebene Beispiel des Handelsblattes über die Schmiergeldzahlungen bei Daimler veranschaulicht auch die kostensenkende Wirkung dieser Berichterstattung. Denn eine vorangegangene mediale Thematisierung kann es der staatlichen wie privaten Unternehmung erleichtern, diese Machenschaften aufzudecken. Innerbetriebliche und behördliche Melde-Systeme[3] zur Korruptionsbekämpfung sind daher aus Gründen der Imagepflege und Effizienzsteigerung keine Seltenheit mehr.

Dabei wird die Freiheit der Presse dadurch gemessen, dass man die journalistische Verfolgung und andere Formen von Zensur betrachtet. Die Bewertung von vier Dimensionen, die das Nachrichtensystem als Ganzes einordnet, beruht auf folgendem Punktesystem:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Die Maximalpunktzahl stellt dabei den höchsten Grad der Verletzung dar und ist damit der schlechteste zu erreichende Score. Da diese vier Dimensionen anhand Print- und Rundfunkmedien gesondert beurteilt werden, reicht das Intervall von 0 (totale Pressefreiheit) bis 100 (höchstmögliche Unterdrückung freier Presse)[4]. Einschränkend ist zu sagen dass eine denkbare Korrumpierung der gesamten Presse bei absoluter Pressefreiheit unwahrscheinlich ist. Für diesen Fall müsste jeder Journalist „gekauft“ werden.

3.1.1 Empirische Strategie

Neben den bereits in Kapitel 2 beschriebenen Daten zur Messung von Korruption haben Brunetti und Weder vornehmlich Informationen zur Pressefreiheit von Freedom House verwendet. Dabei ist der Index, der die Pressefreiheit bewertet, ein anderer als der, der für die Bestechlichkeit genutzt wurde – trotz des gleichen Herausgebers. Mit dem Index Freedom of the Press sind seit 1996 Daten über 145 Staaten verfügbar. Freedom of the Press basiert auf Expertenmeinungen, Befunden von internationalen Menschenrechts- und Presseorganisationen und Analysen von Nachrichtendiensten.

Der Hypothese, dass eine freie Presse senkend auf die Korruption wirkt, wird mit folgender linearen Regression nachgegangen:

Wie sich aus der Regression erkennen lässt, sind vor allem das Vorzeichen und die Signifikanz von von Interesse. gibt nämlich den Grad der eingeschränkten Pressefreiheit in Land i an. Je größer , desto niedriger die Pressefreiheit. Da ein hoher Wert von niedrige Korruption darstellt, sollte sein, um die Annahme in dieser Regression zu bestätigen. Die Daten zu den beiden Variablen und stammen vom ICRG und geben die Qualität der Bürokratie, bzw. die Form externer Kontrollen (bspw. starke Gerichtsbarkeit) an. misst das Pro-Kopf-BIP[5] und misst den Bildungsstand. ist ein Proxy für die Einwirkung des Außenhandels auf ein Land und wird als Summe von Im- und Exporten im Verhältnis zum BIP definiert. Dass ein hoher Außenhandel die Korruption senken sollte, ist darauf zurückzuführen, dass offene Volkswirtschaften einem größeren Wettbewerbsdruck unterstehen. Laut Adres und Di Tella (1999) wirkt dieser Wettbewerb reduzierend auf Korruption[6]. Der Proxy soll - als Marktprämie auf dem Schwarzmarkt für Devisen - den von der Regierung hervorgerufenen Grad der Verzerrung in einer Wirtschaft erklären. Der Proxy steht für die Kultur eines Staates und misst die ethnische Diversität. stellt abschließend den Fehlerterm dar.

Durch die Möglichkeit, wonach besonders korrupte Regime die Pressefreiheit aktiv bekämpfen, könnte ein Simultanitätsproblem (invertierte Kausalität) entstehen. Mit anderen Worten: Die Korruption bestimmt die Pressefreiheit und vice versa. Unter dieser Endogenität versteht man in der Empirie, dass eine erklärende Variable (hier: ) mit dem Fehlerterm ( korreliert ist und dadurch die OLS1-Annahme[7]: verletzt ist. Die Autoren nehmen an, dass dieser Effekt nur relevant ist, wenn systematische Korruption besteht. Dies trifft demzufolge nur dann zu, wenn entweder Journalisten Teil des korrupten Systems sind, oder wenn das Regime eine extreme Unterdrückung durchsetzt. Ansonsten beeinflusst Pressefreiheit Korruption und nicht umgekehrt, so die Autoren. Um diese Verzerrung und Inkonsistenz des OLS-Schätzers auszuschließen, wurden zuvor drei Methoden angewendet:

1. die stark repressiven Regime werden aus der Stichprobe herausgenommen,
2. es werden verschiedene Instrumente für Pressefreiheit und
3. die Zeitreihen Dimension von alternativen Daten über Pressefreiheit genutzt.

Das Simultanitätsproblem kann damit zwar nicht komplett ausgeschlossen werden, aber eine Schätzung mit einer Stichprobe ohne autoritäre Regime, aber mit alternativen Instrumenten, führte zu den gleichen Ergebnissen wie in Kapitel 3.1.2 beschrieben. Nichts anderes ergibt die Restriktion des Samples auf mittel und kaum korrupte Staaten. Die Kausalität scheint also von der Pressefreiheit auf die Korruption gerichtet zu sein, und nicht in die umgekehrte Richtung.

Die Autoren geben Ergebnisse für zwei verschiedene Analysen an. Da bei den Paneldaten jedoch nicht so viele Kontrollvariablen[8] verfügbar sind, wie es bei der Querschnittstudie der Fall ist, besteht die Gefahr einer Verzerrung durch ausgelassene Variablen. Dieser Omitted-variable bias (OVB) kommt daher, dass das Modell fälschlicherweise einen Teil des Effektes, der eigentlich von der ausgelassenen Variable ausgeht, der Pressefreiheit zurechnet. Dieses Endogenitätsproblem liegt vor, wenn eine unbeobachtete Variable mit Regressoren, beispielsweise mit PRESS, korreliert ist und CORR erklärt. Die Schätzung wäre dann verzerrt. Um diese Verzerrung auszuschließen, haben die Autoren auf die Erste-Differenzen-Schätzung zurückgegriffen. Bei dieser Fixed-Effects-Regression werden zwei Regressionen mit Daten aus zwei verschiedenen Zeitpunkten voneinander abgezogen. Dadurch verschwinden zeitkonstante Effekte und damit auch die ausgelassenen (zeitkonstanten) Variablen. Wenn sich der Einfluss der unbeobachteten Variablen über die Zeit nicht verändert, ist so keine Verzerrung durch Endogenität gegeben. Der Nachteil ist, dass auch sämtliche andere Effekte, die über die Zeit konstant sind, verloren gehen.

3.1.2 Ergebnisse der Querschnittstudie

Bei der Querschnitt-Analyse werden zu einem einzigen Zeitpunkt erhobene Daten vieler Länder ausgewertet.

In Tabelle 2 werden Ergebnisse die unter Berücksichtigung der Querschnittsdaten dargestellt. Dabei bildet der durchschnittliche Korruptionslevel zwischen 1994 und 1998 die abhängige Variable.

Tabelle 2: Einfluss der erklärenden Variablen auf CORR[9]

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

*** Signifikant zum 1%-Niveau, ** Signifikant zum 5%-Niveau, * Signifikant zum 10%-Niveau

Das Vorzeichen von PRESS ist wie erwartet negativ und bestätigt damit die These, dass eingeschränkte Pressefreiheit die Korruptionsbekämpfung hemmt. Das positive Vorzeichen von BUREAU und RULE verdeutlicht, dass Korruption im Mittel immer dort geringer ist, wo die Qualität der Bürokratie hoch ist und wo rechtsstaatliche Strukturen bzw. eine starke Justiz vorherrschen. Während GDP im Gegensatz zu HUMCAP das erwartete Vorzeichen besitzt, sind beide nicht signifikant. Der wettbewerbliche Einfluss des Außenhandels zeigt seine korruptionssenkende Wirkung (positiver Koeffizient von TRADE). Der Koeffizient von BLACK besitzt hingegen ein unerwartetes Vorzeichen. So wäre zu erwarten gewesen, dass eine Verzerrung in der Wirtschaft einen steigernden Einfluss auf Korruption besitzt. Der Koeffizient für den Proxy der ethnischen Differenziertheit ETHNIC hat zwar, wie erwartet, ein negatives Vorzeichen, ist aber nicht signifikant von Null verschieden.

R² ist dabei mit über 0,74 relativ nah am Zielwert von 1. Damit klärt die Regression die gesamte Streuung gut auf. Bei einer weiteren Regression, die zusätzlich noch Variablen für Kontinente, die nicht in den erklärenden Variablen aus der vorherigen Regression aufgenommen waren, hinzunimmt, wird R² auf 0,77 erhöht.

Bei einer Regression, die nur wenig entwickelte Länder (nicht-OECD-Länder) enthält, sind die Koeffizienten von PRESS und BUREAU signifikant mit unverändertem Vorzeichen. Lediglich der Koeffizient RULE ist in dieser Schätzung nicht signifikant. Dieses Ergebnis legt nahe, dass die signifikante Beziehung zwischen Pressefreiheit und Korruption nicht von den Unterschieden zwischen entwickelten und nicht entwickelten Ländern getrieben wird.

Für die Querschnittsanalyse hat sich die Vermutung, dass sich eine höhere Pressefreiheit negativ auf die Korruption auswirkt, folglich bewahrheitet. Die Werte lassen sich so deuten, dass eine Verbesserung des Korruptionsrankings um 46 Punkte (also 46 Punkte weniger) die Korruption um etwa 1% sinken lassen könnte.

Im anschließenden Abschnitt wird geprüft, ob sich dieses Ergebnis auch bei der Analyse von Zeitreihen bestätigt.

[...]


[1] Politische/Ökonomische Rente ist als zusätzlicher Vorteil der Person, bzw. des Systems, zu verstehen. Dieser Vorteil kann neben Bestechungsgeldern beispielsweise auch Diskriminierung von Wettbewerbern oder einen indirekten staatlichen Transfer umfassen.

[2] Die Index-Bezeichnung „Gastil“ verwendeten vor allem Persson, Tabellini und Trebbi (2003) sowie Ades und Tella (1999). Die erste Erhebung stammt von Raymond Gastil aus dem Jahr 1973.

[3] Bspw. über ein „Whistleblower System“ (wie bei Daimler) können Mitarbeitern anonyme Hinweise über Verfehlungen abgeben. Die Kosten der internen Aufdeckung werden durch journalistische Enthüllung gesenkt.

[4] Norwegen hat 1997 beispielsweise ein Rating von 5 erhalten und war damit das Land mit der freiesten Presse. Nordkorea und Irak waren zu diesem Zeitpunkt bei einem Wert von 100. Brunetti und Weder (2003), Seite 1807.

[5] Berechnet wurde das Niveau des Bruttoinlandsproduktes pro Kopf im Jahr 1995 nach der Kaufkraftparität.

[6] Die Vermutung, dass Wettbewerb die zu extrahierenden Renten minimiert, also Korruption senkt (Adres und Di Tella (1999)), wird in Kapitel 3.4 näher erklärt und aufgelöst.

[7] Es handelt sich um die M1-Annahme des multiplen linearen Regressionsmodells. Alternativ lässt sich die Annahme so umschreiben, dass für ihre Erfüllung auch für den auf die erklärende Variable bedingten Erwartungswert der Störterme gelten müsste:

[8] Da hier nicht für jeden Staat zu jedem Zeitpunkt und für jede Variable Daten vorliegen, handelt es sich um ein “Unbalanced Panel”. Wenn Daten jedoch zufällig fehlen, stellt dies kein Problem für die Konsistenz der Koeffizienten dar. Sollten Länder systematisch aus der Panelerhebung herausfallen („Attrition“) könnten keine konsistenten Ergebnisse gewonnen werden. Dies wäre der Fall, wenn Staaten mit hoher Korruption systematisch zu einem Zeitpunkt die Datenerhebung verhindern.

[9] Brunetti und Weder (2003), Tabelle 1, Seite 1812

Details

Seiten
46
Erscheinungsform
Erstausgabe
Jahr
2012
ISBN (PDF)
9783863419851
ISBN (Paperback)
9783863414856
Dateigröße
281 KB
Sprache
Deutsch
Institution / Hochschule
Ludwig-Maximilians-Universität München
Erscheinungsdatum
2015 (Februar)
Note
2
Schlagworte
Korruptionsforschung Wirtschaft Transparency International Pressefreiheit Wahlsystem

Autor

Sebastian Bieder wurde 1988 in München geboren. Während seiner Schulzeit schrieb er bereits mehrere Kolumnen für den Richard Pflaum Verlag. Nach seinem Abitur entschied er sich, seine im Unternehmen gesammelten Erfahrungen, in einem Ökonomie-Studium zu vertiefen. Das Studium der Volkswirtschaftslehre schloss er im Jahre 2012 an der Ludwig-Maximilians-Universität zu München ab. Zurzeit befindet sich Sebastian Bieder, unter anderem an der Leopold-Franzens-Universität Innsbruck, in dem Masterstudium der angewandten Ökonomik.
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