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Therapeutische Heilungsprozesse in diakonischen Einrichtungen an Beispielen aus Chile

Masterarbeit 2012 63 Seiten

Zusammenfassung

Die vorliegende Arbeit beschäftigt sich mit den Ausprägungen und Facetten der Diakonie, wie sie in einigen chilenischen Einrichtungen gelebt wird. Der Grund dafür liegt in den wenig erforschten Auffassungen und Formen der diakonischen Tätigkeit in Chile. Das diakonische Handeln, realisiert durch das Modell der therapeutischen Hausgemeinschaft für Suchtkranke, bildet somit die Basis, auf welcher die vorliegende Studie beruht. Die Hausgemeinschaften thematisieren Heilung in der Beziehungskonstellation zwischen Gott und den Menschen und der Beziehung von Menschen untereinander. Einen Schwerpunkt des Buches bilden daher die therapeutischen Aspekte des Themas Heilung. Die daraus abgeleitete und zu prüfende Hypothese lautet: Heilung, wie sie im Neuen Testament gezeigt und in Chile praktiziert wird, geht über die von Buber und Rogers vorgestellten Heilungsprozesse hinaus.
Im europäischen Kontext und nach dem dortigen Verständnis von Therapie sind christliche Einrichtungen mit einer kompetenten Fachberatung und mit finanziellen Ressourcen aufgebaut worden. Im Gegensatz dazu müssen die diakonischen Gemeinschaften in Chile meist ohne ständige Unterstützung von Fachpersonal auskommen und haben oft mit finanziellen Problemen zu kämpfen. Innerhalb der freien christlichen Gemeinschaft, die etwa 15 Prozent der bekennenden Christen innerhalb der Bevölkerung Chiles ausmacht, sind Hausgemeinschaften als Antwort auf die Existenz- und Lebensproblematik der Menschen entstanden. Diese versuchen Menschen zu helfen, die infolge von Suchtproblemen am Rande der Gesellschaft leben. In der vorliegenden Studie werden einige Aspekte der Heilung durch Beziehung im Neuen Testament berücksichtigt und dargestellt. „Heilung“ beschreibt hier einen Prozess, der eine neue Denkweise verlangt. Die Konstellation der Heilung in den Evangelien ist der Ausgangspunkt, auf den sich das Wirken in den verschiedenen Hausgemeinschaften gründet. Hierbei werden die Heilungen betrachtet, die Jesus zu seiner Zeit bewirkte, unter Einbeziehung des Themas „Heilung“ bei Gerd Theißen.

Leseprobe

1.3.1 Zentrum: „Siquem: Centro de restauración familiar“

Diese Einrichtung befindet sich in Isla de Maipo, eine Stunde von Santiago de Chile entfernt, und kann bis zu 15 drogen- und alkoholabhängige Frauen aufnehmen. Das Projekt „ Siquem: Centro de restauración familiar“[1] ist ein Projekt, das sich zum Ziel gesetzt hat, süchtigen Frauen, die mindestens 18 Jahre alt sind und die aus eigenem Willen in das Zentrum kommen, zu helfen. Die Heilungsaussichten liegen bei etwa 50 %. Es ist auch als eine kirchliche Einrichtung vor Ort anerkannt. Die Arbeit wird kaum von öffentlichen Trägern finanziert, sondern lebt vorrangig von den Mitteln der konfessionellen freien Kirchen und von privaten Spenden.

Das Zentrum wird von einer Frau – Ximena Salinas - geleitet, die in Verbindung mit einer christlichen Gemeinde steht. Die regelmäßigen Gottesdienste werden in einer nahe gelegenen Gemeinde gefeiert. Ein zusätzliches Problem dieser Einrichtung ist, dass die Frauen meistens ein oder zwei Kinder haben, die für die Zeit der Therapie möglichst in einer Familie betreut werden müssen. Nach Möglichkeit werden die Frauen und deren Kinder von dieser Familie unterstützt. Dadurch gelingt die Reintegration in die Gesellschaft.

Dieses Zentrum betreibt seit September 2011 eine Bäckerei, die das Bindeglied zwischen den Menschen in der Einrichtung und den Menschen der Kirchengemeinde ist. Die Mitarbeiterinnen arbeiten ehrenamtlich. Da sie ab und zu ausfallen, muss die Leiterin ein hohes Maß an Flexibilität haben und oft selbst die anfallende Arbeit übernehmen. In der Einrichtung wird nicht nur ein kostenloses Gesundheitssystem angeboten, sondern auch ein wöchentliches Therapiegespräch mit einem Psychologen. Dazu kommt eine körperliche Tätigkeit: zweimal in der Woche Gymnastik.

Das Leben findet in festen Ritualen statt und soll damit den jungen Frauen ermöglichen, klare Strukturen in ihr Leben zu bringen. Es gibt klare Regeln für das Telefonieren oder den Ausgang. Feste Bestandteile des Tagesablaufs sind gemeinsame Mahlzeiten, Bibelarbeit und das Übernehmen von Tätigkeiten im Haushalt und in der Bäckerei. Die Einrichtung würde gern die Bäckerei erweitern und weitere Projekte angehen, wie zum Beispiel Blumenzucht im Gewächshaus; dies scheiterte bisher aber an der fehlenden finanziellen Unterstützung.

Das Frauenzentrum Siquem in Chile ist ein Ort solcher Beziehungen, an dem man durch die tägliche Arbeit in der Hausgemeinschaft die Voraussetzungen, den Nächsten zu lieben und zu akzeptieren, erlebt. Die Bäckerei in Siquem als Hilfe zur Selbsthilfe sorgt für finanzielle Unterstützung. Dadurch, dass sich die Gesellschaft in einem ständigen Wandel befindet, wird von Gruppen wie Siquem in Chile eine große Dynamik und Flexibilität verlangt. Diese Flexibilität erfordert eine kulturelle Anpassung an die gesellschaftliche und rechtliche Situation eines Landes.

1.3.2 Zentrum: „ Crehad : Rehabilitationszentrum für Männer“

Diese Therapieeinrichtung für drogen- und alkoholabhängige Männer befindet sich in Los Andes, einem Ort in der Nähe von Santiago de Chile. Maximal 30 Rehabilitanden können aufgenommen werden. Das Zentrum hat einen offenen Ansatz. Nach dem Aufenthalt können 70% der Abhängigen wieder erfolgreich in die Gesellschaft integriert werden. Voraussetzung für die Aufnahme ist, dass sie freiwillig erfolgt und dass die Klienten bereit sind, die Regeln der Einrichtung zu akzeptieren und zu befolgen. Die Aufnahme erfolgt ohne schriftlichen Vertrag.

Der reguläre Aufenthalt dauert neun Monate. In den ersten 15 Tagen dürfen keine Besucher empfangen werden. Nach drei Monaten dürfen die Klienten zum ersten Mal Ausgang in Begleitung haben; wobei der Begleiter/die Begleiterin auch ein Bekannter oder die Ehefrau sein kann. Nach sechs Monaten in der Einrichtung wird versucht, die Klienten in einen Arbeitsprozess einzugliedern - entweder in der Einrichtung selbst oder außerhalb des Zentrums.

Die Menschen, die vor ihrer Aufnahme in das Zentrum Medikamente verschrieben bekamen, nehmen diese auch weiterhin bei ihrem Aufenthalt ein. Eine Fachkraft (Psychologe) kommt einmal in der Woche in die Einrichtung. Ein Pastor leitet das Zentrum und organisiert den geistlichen Teil, wie Andachten, Gottesdienste, sowie die ganze Verwaltung.

Der Tagesablauf besteht aus einem gemeinsamen Frühstück, , ,, danach finden ein Gesprächskreis und die Bibelarbeit statt. Im Laufe des Tages gehen die Rehabilitanden handwerklichem Arbeiten nach. Zum regulären Tagesablauf gehören Mittagessen, Siesta und Arbeiten im Haushalt, die in der Gruppe demokratisch verteilt werden. Nach dem Abendessen treffen sie mit den entsprechenden Mitarbeitern zusammen, um Probleme in der Gruppe bzw. Probleme der Einzelnen zu besprechen. Zweimal in der Woche findet ein Gottesdienst statt. Hinzu kommen Treffen mit Angehörigen, die den Rehabilitanden in emotioneller und finanzieller Sicht beistehen.

Die Produkte, die in den Hausgemeinschaften hergestellt werden, werden verkauft und tragen damit zur Finanzierung der Einrichtung bei. Besondere Bedeutung hat dabei die Bäckerei, die zum einen der Selbstversorgung dient und zum anderen durch den Verkauf von 300 Broten täglich eine wichtige Einnahmequelle darstellt.

1.3.3 Zentrum: „Hogar Casa del Alfarero“

Das Zentrum “Hogar Casa del Alfarero” ist 1996 in Calera de Tango[2] gegründet worden, um Menschen zu helfen, die in eine Abhängigkeit von Drogen und/oder Alkohol geraten sind. Die Hausgemeinschaft begleitet den Prozess der Rehabilitation der Menschen, damit dieser erfolgreich abgeschlossen und der Weg in ein menschenwürdiges Leben beschritten werden kann. Das Leitbild ist dem christlichen Glauben verpflichtet, und die therapeutischen Methoden, die im Zentrum angewendet werden, sind von dieser Vision geprägt: „Nuestra Visión es ser un modelo de Hogar e Iglesia "Integral" que Dios use para traer Sanidad a la Sociedad a través de los Principios y Valores del Reino de Dios.”[3] Einer der Verantwortlichen, Daniel González, erklärt, ein wichtiger Anhaltspunkt sei die Wiederherstellung der Menschen in spiritueller, emotionaler, sozialer und psychischer Hinsicht. Um dies zu erreichen, sind ritualisierte Tagesabläufe ein wichtiger Bestandteil der Arbeit im Zentrum. Das Programm des Zentrums „Hogar Casa del Alfarero“ umfasst einen Aufenthalt von neuen Monaten, während dem ein langer Prozess mit unterschiedlicher therapeutischer Gruppendynamik und verschiedenen Ritualen stattfindet.

Die etwa 37 Männer, die das Zentrum bewohnen, bilden eine Gemeinschaft, die nach außen einen positiven Einfluss auf die Gesellschaft bewirkt. Von Anfang an werden die Mitbewohner „Schüler“ bzw. „Studenten“ genannt, die nach einem neuen Monat „Ausbildung“ (Therapiezeit) bereit sind, sozial eingegliedert zu werden. Die neun Monate symbolisieren die Zeit, während der sich ein Baby im Mutterleib heranbildet. Beruflich gesehen werden die „Schüler“ durch produktive und kreative Workshops ausgebildet in Handwerksberufen wie Schuhmacher, Bäcker, Koch; auch in den Bereichen Schweißtechnik, Elektrotechnik, Bauwesen, Herstellung von Musikinstrumenten, Theater und Computer werden Ausbildungen angeboten.

Die Rituale strukturieren den Tagesablauf deutlich und bestimmen die Zeiten des Aufstehens und des Zu-Bett-Gehens, wie Daniel González erzählt. Es gibt gemeinsame praktische Arbeitsfelder, die nach dem Frühstück zusammen abgesprochen werden. Nach dem Mittagessen folgen die verschiedenen Tätigkeiten bis ca. 17:30 Uhr. Danach steht Zeit zur freien Verfügung. Die Mitarbeiter des Zentrums nennen die Arbeitsmethoden Gruppentherapie, Spieltherapie, Arbeitstherapie. Sie bekommen von Zeit zu Zeit eine fachliche psychologische Orientierung, wobei sie in Gesprächskreisen die verschiedenen Konflikte und Probleme der Männer bearbeiten.

Von Zeit zu Zeit organisiert die diakonische Einrichtung „Hogar Casa del Alfarero“ Gesprächsrunden mit Schülern, um auf die Gefahr von Drogen aufmerksam zu machen. Sie laden verschiedene Schulklassen zu sich ein, um Gespräche innerhalb der Gebäude des Zentrums zu führen. Aus diesem Grund hat sich das „Hogar“[4] auch in der Gemeinde außerhalb der Einrichtung eine Vorbildfunktion erworben.

Die Familien der Bewohner sollen beim Prozess des Auflösens der Abhängigkeit von Alkohol und Drogen miteinbezogen werden, weil das parallele Arbeiten mit den Familien als hilfreich empfunden wird. Daher unterstützt die Hausgemeinschaft die Zusammenarbeit mit den Familien, die als Teil der Heilung wirken und die Gefahr von erneutem Suchtverhalten abwenden können.

1.3.4 Zentrum: „Crehad: Comunidad Terapéutica La Cisterna“

Jesu Hinwendung zu Zöllnern und Sündern zeigt, wie positiv Jesus Menschen gegenübersteht, die gesellschaftlich am Rande stehen. In Jesu Wundern – Krankenheilungen – realisiert sich zeichenhaft das Kommen des Reichs Gottes. Die „ Crehad: Comunidad terapéutica” in La Cisterna, einem Stadtteil von Santiago de Chile, ist eine diakonische Einrichtung, in der zurzeit sieben Personen wohnen. Das Männerwohnheim fungiert als Modelltherapie-Zentrum, in dem Männer im Alter von 20 bis 35 Jahren 9 Monate zusammen ihr Leben gestalten.

Die Hausgemeinschaft unterscheidet sich von den anderen, weil sie finanzielle Hilfe von der chilenischen Regierung erhält. Viele andere Einrichtungen haben keinen Anspruch auf staatliche Gelder, weil sie eine mangelhafte Infrastruktur aufweisen. Dadurch ist die Einrichtung in La Cisterna fachlich besser ausgestattet und die Bewohner bekommen verschiedene Arten von Therapien, die aus der Gesprächstherapie entstanden sind. Psychologen werden nicht durch Spenden bezahlt, sondern von den finanziellen Ressourcen, die zur Verfügung stehen. Zusätzlich gibt es ausgebildete Rehabilitationstechniker, die die Bewohner in den verschiedenen Workshops begleiten. Sport, gemeinsames Essen, Gruppentherapien, gemeinsame Gottesdienste und pastorale Seelsorge sind wichtige Bestandteile des Heilungsprozesses. Eine Nachbetreuung erfolgt neun Monate lang, und die Eingliederung in den Arbeitsmarkt wird persönlich durch den Therapeuten begleitet. Diese Form der Hausgemeinschaft regelt den Tagesablauf und vermittelt Sicherheit durch Rituale. Die Therapeuten analysieren und bewerten die Veränderung bei den Bewohnern, die auf Dauer sichtbar wird.

Seit 25 Jahren wirkt die „ Crehad: Comunidad Terapéutica“ im Stadtteil La Cisterna. Durch das therapeutische Modell der Hausgemeinschaft konnte der größte Teil der Bewohner geheilt werden. Die Leitung, ein evangelischer Pastor, berichtet: “un porcentaje importante se ha rehabilitado e insertado nuevamente a la sociedad”[5]

Hausgemeinschaften helfen Menschen die eigene Identität zu finden und wirksam in der Familie und Gesellschaft zu agieren. Dies deutet auf die Zugehörigkeitsidentität jenes menschlichen Wesens hin: „Wie sozialpsychologische Forschungen zeigen, sind individuelle Identität und gemeinschaftliche Identität untrennbar miteinander verbunden. Menschen bestimmen, wer sie sind, indem sie sich vergewissern, zu wem sie gehören.“[6] In diesem Zusammenhang übernehmen die Mitarbeiter einer Hausgemeinschaft eine Verantwortung gegenüber anderen Menschen, im Einzelne und in der Gruppe. Der natürlichen Vernunft des Menschen entspricht es, die Rechte des Anderen ebenso zu achten und zu respektieren wie die eigenen. Eine noch geltende Theorie muss fallengelassen oder abgeändert werden, wenn sie nicht wahr ist; ebenfalls müssen noch so gut funktionierende Gesetze und Institutionen abgeändert oder abgeschafft werden, wenn sie ungerecht sind. Jeder Mensch besitzt eine aus der Gerechtigkeit entspringende Unverletzlichkeit, die auch im Namen des Wohles der ganzen Gesellschaft nicht aufgehoben werden kann.[7]

1.3.5 Zentrum: „Centro de Rehabilitación Yireh“

Die Yireh [8] Reha-Einrichtung befindet sich in Maipú in einem Ort in der Region Metropolitana (Kreis Santiago). Der zuständige Verantwortliche, Leonardo Parada, erklärt, dass sich das Fundament des Rehabilitationsprozesses nur auf der biblischen Grundlage befindet.

Die Hausgemeinschaft Yireh folgt einem strukturierten Tagesablauf mit gemeinsamem Essen und Gottesdiensten. Die Klienten müssen sich nicht außerhalb des Hauses begeben, um einen Therapeuten zu besuchen, weil dieser regelmäßig kommt und Workshops in Form von Gruppenarbeit durchführt. Der Psychologe bringt den Bewohnern bei, wie man mit der eigenen Problematik umgehen kann. (Alle Therapeuten sind Psychologen, die ein entsprechendes Studium an der Universität abgeschlossen haben.) Die Bezeichnung als Hausgemeinschaft wurde von mir eingeführt, um den Sinn der Arbeit besser nachvollziehen zu können. Meines Erachtens werden Strukturierung und Arbeit besser erklärt und sinnbildlich dargestellt.

Der Aufenthalt kann zwischen 6 und 9 Monaten dauern und die Bewohner treten frei­willig ein. Dabei gibt es eine Art der persönlichen Betreuung, bei der sich eine emotionelle Verbindung aufbaut. Der Verantwortliche L. Parada erzählt, dass die meisten Mitarbeiter – er selbst inklusive – aus dem Sucht-Bereich kommen. Demzufolge sind sie in der Lage, verständnisvoll mit der Problematik umzugehen. Zum Zeitpunkt dieses Interviews befanden sich etwa 10 Bewohner in der Einrichtung. Die Kosten des Aufenthalts werden durch Spenden der Familien oder andere getragen. Nach dem Aufenthalt können 50% der Abhängigen wieder erfolgreich in die Gesellschaft integriert werden. Der Direktor L. Parada nennt die Arbeitsmethoden: Arbeitstherapie, Manuelle Therapie, Gruppentherapie, Einzelgespräche und, wie sie es selbst nennen, spirituelle Therapie.

1.4 Hintergrund zum Verständnis der diakonischen Hausgemeinschaft

Im Folgenden werden die Formen der Diakonie in Bezug auf Leitbilder und auf finan­zielle und fachliche Ressourcen erörtert.

1.4.1 Das Leitbild der Diakonie in Chile und Deutschland

Das Leitbild der diakonischen Arbeit in Chile beruht auf dem Glauben an Gott, der sich in Jesus offenbart, und auf der Tatsache, dass alle Menschen auf die Liebe Gottes angewiesen sind. Dabei umfasst die vorliegende Arbeit ein begrenztes Spektrum der Hilfe für alle Menschen, die in Not sind und sich in sozial ungerechten Verhältnissen befinden. Die diakonische Arbeit in Chile versucht, die Ursachen dieser Notlagen zu beheben und den Menschen den Glauben an Gott zu vermitteln. Die diakonische Arbeit ist nicht einheitlich durch einen einzigen christlichen Bund, wie in Deutschland, gestaltet. Dennoch entstehen einige Einrichtungen für Menschen, die in Alkohol- und Drogenabhängigkeit leben. Die Diakonische Arbeit in Chile wird am meisten durch die „Iglesias evangélicas“[9] geleistet. Das Verständnis von Diakonie wird unter anderem mit dem Begriff “Misericordia”[10] dargestellt und gestaltet.[11]

Vergleichsweise hat das Diakonische Werk der EKD[12] als große Organisation das Leitbild der Diakonie wie folgt beschrieben. Die Diakonie bezeichnet sich selbst als „die soziale Arbeit der evangelischen Kirchen. Weil der Glaube an Jesus Christus und praktizierte Nächstenliebe zusammen gehören, leisten diakonische Einrichtungen vielfältige Dienste am Menschen.“[13] Infolgedessen expliziert sich die Diakonie in Deutschland wie folgt: „Zusammengefasst könnte man die Diakonie als evangelische Sozialarbeit bezeichnen. Aber dies ist nur ein Teil von ihr. Den Vätern und Müttern der heutigen Diakonie ging es neben der Hilfe, Unterstützung, Betreuung und Begleitung von Menschen am Rande der Gesellschaft auch um ein zweites: Sie wollten ihnen das Evangelium bringen, ihnen von Jesus Christus erzählen. Ihr Glaube an Jesus leitete sie in ihrem Tun und Handeln.“[14] Die vielfältige Tätigkeit der Diakonie umfasst den Bereich der Kinder- und Jugendarbeit ebenso wie die Arbeit mit Senioren. Während in Deutschland ein interdisziplinäres Team von Menschen die diakonische Arbeit landesweit leistet, sind diakonische Projekte in Chile weniger umfangreich und umfassen in der Regel Projekte, die im Rahmen einer christlichen Gemeinde stattfinden.

1.4.2 Finanziellen Ressourcen

Nach den Interviews mit den diakonischen Zentren in Chile kann festgehalten werden, dass die finanziellen Ressourcen, um fachlich qualifiziertes Personal wie Therapeuten und Sozialpädagogen einzustellen, eher gering sind. Demzufolge bleiben in einigen Fällen als provisorische Lösung die Überweisung an Psychologen und damit der Einsatz therapeutischer Methoden. Falls staatliche Unterstützung vorhanden ist, haben die Bewohner des Hauses die Möglichkeit, an den therapeutischen Maßnahmen teilzunehmen. Ein großer Teil der Arbeit wird durch ehrenamtliche Mitarbeiter geleistet. Anschließend werden die Menschen, die den Reha-Prozess erfolgreich hinter sich haben, selbst Mitarbeiter in der Hausgemeinschaft. Im Vergleich zu Chile wird in Deutschland fast jedes diakonisch-soziale Projekt mit Psychologinnen, Sozialpädagoginnen und Sozialarbeiterinnen besetzt. In Deutschland findet die Reflexion über das Handeln sowie über die Teilnahme an Fortbildungen, Fachtagungen und Kongressen statt. Es gibt auch Unterstützung von Honorar-Mitarbeiterinnen (Psychologinnen, Gestalt- Therapeutinnen, Kunst-Therapeutinnen) bei der Durchführung von therapeutischen und anderen Gruppenangeboten.

Aber der finanzielle Bereich beinhaltet viel mehr als nur die Einstellung von Fachpersonal. Durch die Gestaltung einer Homepage können der Öffentlichkeit die diakonischen Aktivitäten bekannt gemacht werden. Solches bleibt bei den Hausgemeinschaften in Chile oft ein unerfüllter Wunsch. In Deutschland bedeutet die Homepage einer Einrichtung einen Weg der Kommunikation mit der Welt. Manche deutschen Einrichtungen nutzen die Online-Sucht-Beratung, die auch ein Projekt für Anfragen rund um das Thema "Sucht und Drogen" beinhaltet und die von Menschen und deren Angehörigen genutzt werden kann.

Diakonie ist in der gegenwärtigen Zeit sehr vielschichtig und findet auf unterschiedlichen Ebenen statt. In Deutschland gibt es einen großen Bereich der Einrichtungsdiakonie, die staatliche Aufgaben übernimmt. Die Diakonischen Werke der Kirche übernehmen Projekte wie Tafeln, Kleiderkammer u.a. An vielen Stellen wird die Option Gottes für die Armen, Unterdrückten und Fremdem in der Bibel konkretisiert. Die Barmherzigkeit wird nicht allein gefordert, sondern das Handeln in Recht und Gerechtigkeit ist ein wichtiger Bestandteil davon.

1.5 Der Aspekt der Rituale im Hausgemeinschaftsmodell

Wie schon in den Ausführungen zur Hausgemeinschaft erwähnt, ist das Zusammensein, also das Teilen von Gemeinsamkeiten und Unterschieden, zentraler Bestandteil des Konzepts. Unter schwierigen Umständen und belastenden Situationen sind Rituale besonders für die schwer Betroffenen „eine wichtige Hilfe, ihr Leben selbst in die Hand zu nehmen und ein Gespür dafür zu entwickeln, dass sie selber leben, statt gelebt zu werden.“[15] Rituale innerhalb der Hausgemeinschaft geben Sicherheit und bilden eine diakonische Kultur, in der die Gemeinschaft und das Zusammensein den Mittelpunkt bilden. Aus therapeutischer Sicht sind die Wohngemeinschaften eine Herausforderung für Menschen, die aus dem Suchtbereich kommen und oftmals in totaler Unordnung versunken sind. Daniel González aus einer der Hausgemeinschaften[16] sagte es mit folgenden Worten: „El día se convierte en noche y la noche se convierte en día“[17] und meinte damit, dass Menschen, welche in einer konstanten Sucht leben, unfähig sind einem Ritual zu folgen.

Deshalb ist die erfahrungsbasierte Aussage von Anselm Grün wichtig. Rituale „können eine heilende und belebende Wirkung haben, und sie geben mir das Gefühl der Sinnhaftigkeit meines Lebens.“[18] Was für einen Mönch wie Anselm Grün ein Leben mit Ritualen bedeutet, kann ein Impuls für ein Leben in Gemeinschaft sein. Rituale können auch Ausdruck persönlicher Freiheit sein. Darum helfen Rituale ein selbstbestimmtes Leben auszuüben und zu gestalten. In diesem Sinne sind Rituale eine Art, diszipliniert und frei von äußerem Druck zu leben.[19] Rituale ordnen den Tagesablauf und strukturieren das Leben, deshalb besitzen sie eine heilende Wirkung auf die Seele.

Im Zusammenhang mit Ritualen gibt es noch kulturelle Faktoren wie Sprache und Werte, die die Persönlichkeit beeinflussen. Demzufolge sind Menschen, die zusammen leben, mit neuen Aufgaben konfrontiert, durch die sie sich aus einem wertlosen Menschenbild zu einem würdigen Menschen entwickeln.

Das neue Interesse an Ritualen ist, nach Ansicht von B. Hofmann und S. Dobiasch, berechtigt, „weil Rituale Menschen beim Verarbeiten existenzieller Lebensereignisse helfen.“[20] Es geht um die Art und Weise, wie Rituale gestaltet werden und welche Werthaltung kommuniziert wird. Solche Rituale sollen bei der Zusammenarbeit in der Gemeinschaft in Zentren wie Siquem, Yireh oder Crehad helfen, einen Wiederherstellungsprozess aufzubauen. Innerhalb einer Unternehmenskultur dienen Rituale der Erhaltung und Verfestigung bestimmter Überzeugungen und finden sich bei der Gestaltung zentraler Ereignisse wie z.B. gemeinsamen Feiern, Teamsitzungen, Andachten usw. wieder. Diese Art von Begebenheiten regeln die Zugehörigkeit zu und den Ausschluss aus dem sozialen System.[21] Im Fall Crehad in Los Andes wirkt das Element der Heilung im Prozess durch die gemeinsamen Treffen, auch „Kreise“ genannt, und die täglichen gemeinsamen Tätigkeiten, die mit dem Haushalt und der eigenen Bäckerei verbunden sind.

Mitbewohner der Hausgemeinschaft können bei der Findung von Ritualen beteiligt sein und so zu einer Restrukturierung der ungeordneten Persönlichkeit beitragen. Rituale können einen Raum inmitten einer Krise schaffen und – nach Ansicht von Anselm Grün – helfen sie den Menschen, den „Kleinmut zu überwinden und Schritte zu unternehmen“[22], die ihnen in dunkeln Zeiten weiterhelfen. Rituale bringen nicht nur die notwendige Strukturierung, sondern können auch Ausdruck der persönlichen Freiheit sein und helfen, ein selbst bestimmtes Leben zu führen und zu gestalten.

Rituale können helfen, einen Aufbau von Werten anzustoßen. Dazu ist der Integrationsprozess ein wichtiger Aspekt in dem Aufbau der Selbständigkeit. In diesem Zusammenhang sind Gruppenarbeiten und Workshops sinnvoll. Das Feiern von Andachten und Gottesdiensten strukturiert das Verhältnis der Bewohner des Hauses zu Gott. Der Glauben der Menschen an einen Gott, der für ihre Würde eintritt, schenkt Sicherheit. Gott tritt für die Integrität der Menschen in jeder Lebenslage ein. Das bedeutet, dass Gott für die Würde der Menschen eintreten wird, unabhängig von deren sozialer Situation. Das diakonische Handeln soll die Würde des Menschen bewahren helfen und deshalb für bestimmte Lebensbedingungen sorgen.[23]

Rituale sind Elemente einer diakonischen Unternehmenskultur, die auch die Leitungen von Einrichtungen entlasten. Sie bieten einen geeigneten Rahmen und eine Ordnung für die Erfüllung der Aufgaben einer Gemeinschaft.[24] Beate Hofmann greift in ihrem Aufsatz auf den Anthropologen Arnold van Gennep zurück, der die Funktion der Rituale in Übergängen und Schwellensituationen berücksichtigt. Dabei werden drei wichtige Elemente der Rituale erwähnt: Trennung, Übergang und Eingliederung. Wenn von einem Status zum anderen ein Übergangsprozess entsteht, werden die Aspekte entsprechend dem Ritual unterschiedlich betont.[25] Jede Einrichtung erlebt die Einführung bzw. Eingliederung neuer Mitarbeiter, aber auch Trennungssituationen bei den Bewohnern, die nach den neun Monaten die Hausgemeinschaft verlassen, verbunden mit der Hoffnung, dass diese nun die Fähigkeiten besitzen, sich in der Gesellschaft neu zu orientieren. Das Drei-Etappen-Modell berücksichtigt im Gegensatz zum herkömmlichen Modell von Eingliederung und späterer Trennung eine Zwischenphase, die als Vorbereitung auf das Neue notwendig ist. Nach der Vorbereitungszeit kann eine neue Phase der Integration beginnen. Nach Ansicht von Paul Hanselmann gibt es verschiedene Kategorien von Ritualen wie christliche Rituale, alltägliche Rituale, festliche Rituale und solche, die mit organisatorischen Tätigkeiten zusammenhängen.[26]

Rituale sind nicht gleich Routine, „Rituale unterscheiden sich von Routine durch ihren transzendenten Bezug. Sie strukturieren nicht einfach nur einen bestimmten Prozess, sondern sie bringen dabei gleichzeitig eine andere, existentielle Bedeutung zum Ausdruck“[27]. Dies bedeutet, dass jede Hausgemeinschaft in Chile ihr eigenes „Gesicht“ durch die Gestaltung ihrer Werte bekommt. Dadurch symbolisiert das Ritual den Namen einer diakonischen Einrichtung mit einem Werdegang und mit einem Prozessablauf. In den durchgeführten Interviews tauchte oft der Begriff „Restauración“[28] auf, als ein Symbol des Heilungsprozesses. Außerdem werden die Bewohner der Einrichtung mit dem Begriff „estudiante“[29] bezeichnet.

Anhand von diesen Erlebnissen in einer Hausgemeinschaft, die als Anregungen dienen, kann man erkennen, dass bestimmte Rituale innerhalb einer Gemeinschaft zu einer besseren Strukturierung des Lebens der Menschen beitragen. Solche Strukturierung konsolidiert Gemeinschaften und vermittelt dem Einzelnen eine innere Sicherheit, die das Selbstbewusstsein stärkt. In dieser Hausgemeinschafts-Konstellation ist die Dynamik des Gebens und Nehmens zu finden. Das Leben wird als Gabe und Aufgabe in einem Netz von Beziehungen erlernt.[30] Die diakonische Gruppe entdeckt eine neue Dimension des Verständnisses zwischen den Menschen untereinander. Dadurch entsteht die Bereitschaft, seinen Mitmenschen zu erkennen, und darüber hinaus kann eine neue Entdeckung der Gemeinschaft zwischen dem Menschen und Gott entstehen. Demzufolge besteht die Chance, durch Rituale einem Menschen im gemeinschaftlichen Handeln eine sinnvolle Haltung zu geben. Allerdings ist das Leben in der Gemeinschaft ein Prozess der Herausforderung für sich selbst und für die Gruppe. Rituale machen die Problematik der einzelnen Menschen, die im Zusammenleben heranwachsen, erträglich. Dennoch verhelfen die Rituale dazu, Ort, Raum und Zeit zu finden, wo die eigene Problematik und die der Gruppe durchgearbeitet werden. Doch die Liebe Gottes ist eine Liebe, die den Menschen versteht und die den Einzelnen/jeden dazu bringt, den Nächsten zu lieben. Diese Art von Diakonie erfordert eine Wiederherstellung des ganzen Menschen in einer Dimension der Versöhnung.[31] Im Siquem -Zentrum beginnt der Tag mit einer gemeinsamen Betrachtung, in der Gott als Schöpfer anerkannt wird. Die Frauen werden schrittweise zu Gott hingeführt und lernen Gott als Schöpfer kennen. Sie begeben sich vertrauensvoll in seine Hände und erleben Gott als eigenen Vater, fühlen sich als Töchter des Allmächtigen und entdecken die Barmherzigkeit Gottes und die Chancen zum Neuanfang.

Die ersten drei Monate in der Hausgemeinschaft gelten als die schwersten, in der die Menschen in den Rehabilitationsprozess eingegliedert werden. Gewiss werden Menschen in diesem Abschnitt ihres Lebens von der Gemeinschaft begleitet. Dementsprechend werden sie durch Gottesdienste und Bibelandachten in der Beziehung zu Gott heranwachsen. Prinzipiell formt sich ein neuer Sinn für Beziehungen, die nicht mehr wahrgenommen wurden oder sich nie ergaben. Insofern bedeutet eine Beziehung zu Gott haben, Gott in das eigene Leben einzubeziehen, um geheilt zu werden im Sinne von einer neuen Wahrnehmung des Wohlfühlens und Gesegnet seins. Aus neutestamentlicher Sicht versteht man Heilung als Ausdruck der Zuwendung des Heils, indem es um das Heil für den ganzen Menschen geht.[32] In Chile sind in der diakonischen Arbeit Rituale ein ganz auf das Individuum ausgerichteter Ansatz und dienen dem gemeinschaftlichen Heilungsprozess.

Die Hausgemeinschaft dient als Impuls oder Modell in der Heilung als Geschehen. Dadurch entfaltet sich die Begrifflichkeit der Heilung, die sich durch die Beziehung in-der- Gemeinschaft und durch-die-Gemeinschaft manifestiert. Um die Hausgemeinschaft nachvollziehen zu können, ist es notwendig, den Faktor Glauben zu berücksichtigen.

Teil II Der Heilungsprozess durch den Glauben

Jesu Heilungswirken erschöpft sich nicht in Tun und Sprechen, sondern besteht in seinem innigen, vollständigen Gottesverhältnis. In Jesu Beziehung zu Kranken spiegelt sich das innige Gottesverhältnis. Daraus eröffnet Jesus ihnen einen neuen Zugang zu Gott. Durch diesen Zugang eintreten heißt Glaube. Es gilt die Verheißung: „das Reich Gottes ist nahe. Kehrt um, und glaubt an das Evangelium!" (Mk. 1,15). Glauben im Sinn des Reiches Gottes führt zu einer neuen Art der Wahrnehmung, in der die Welt, die Menschen und das eigene „Ich“ neu zu entdecken sind. Das Angebot Gottes an den Menschen kann von körperlicher und seelischer Heilung begleitet sein. „Heilen ist eine zentrale Intention der Sendung Jesu und so ein konstitutives Postulat der diakonischen Beziehung.“[33] Durch Heilung werden Kranke, Beladene und die Außenseiter der Gesellschaft erreicht. Es ist eine gesellschaftliche Praxis, dass heilende Gotteskraft ausgeübt und verbreitet wird.[34]

Hieraus sind Menschen in der Lage, ihren Glauben praktisch werden zu lassen. Ihre Inspiration bezieht sich auf persönliche Erfahrungen, nach denen jeder von Gott angenommen wird. „Dieser Ursprung macht Diakonie in der Gemeinschaft und in der Begegnung mit anderen Menschen zu einer Lebensform, die dem anderen zugewandt ist.“[35] Diakonisches Handeln kann bildlich in der einladenden Hand, die Jesus Kranken ausgestreckt hat, verstanden werden. Diakonisches Handeln kann nicht nur als einzelne Tat begriffen werden, sondern als handelnde Gemeinschaft. In dieser Gemeinschaft entwickelt sich eine große Vielfalt der Arbeitsformen, durch die diese umso besser auf die verschiedenen Bedürfnisse des Leidenden eingehen kann. Die handelnde Gemeinschaft setzt eine Kraft frei, die sich positiv entwickeln kann und dadurch Heilung bewirkt. Um das Zusammenwirken von Inspiration und Kraft sowie Gemeinschaft und Einzelnen zu präzisieren hilft der Ansatz von Gerd Theißen zur Bedeutung von symbolischen Elementen in der Nachfolge Jesu.

2.1 Annährungen an den Begriff der Heilung bei Gerd Theißen

Nach dem Ansatz von Gerd Theißen, „Symbolisches Heilen in der Nachfolge Jesu“, ist symbolisches Heilen eine Art von therapeutischer Einflussnahme, die durch Worte, rituelle Handlungen und soziale Unterstützung stattfindet. Damit kommt Theißen zu dem Schluss, dass Gebet und Salbung als Akt der Heilung verstanden werden können (Jak 5,14 „…..sie mögen über ihm beten und ihn mit Öl salben im Namen des Herrn.“). Ein weiteres Verfahren, das auf der Kraft der Gemeinschaft beruht, bringt Jakob 5,16 mit dem Zusammenkommen der Gemeinde, in der Vergebung geschieht, in Verbindung.[36]

G. Theißen versteht die Wirksamkeit der symbolischen Heilung durch den Glauben. Glaube gründet sich in der Beziehung zwischen einem kranken Menschen und demjenigen, der als Heiler – Jesus, ein Arzt - wirkt. Dabei wird der Glaube nicht auf die beiden begrenzt, sondern erweitert sich auf den Kreis der Menschen, die den Kranken unterstützen. In antiken Berichten von Heilungen – wie z.B. bei den Griechen - sind andere Formen des Glaubens Inspiration und Hoffnung für viele Menschen geworden. Was Jesus aber entdeckte, ist einzigartig gewesen und wurde so formuliert: „Dein Glauben hat dich gerettet“. Der Begriff „gerettet“ kann hier als „geheilt“ verstanden werden.[37] Das kann auch heißen, dass Menschen die die Kraft des Glaubens berührt haben, die Gelegenheit haben einander zu retten bzw. zu unterstützen.

Die meisten neutestamentlichen Heilungsberichte konzentrieren sich auf Jesus als Wundertäter. Heilung geschieht durch helfende Kraftübertragung: „Daß (sic!) die Berührung im NT vor allem therapeutischen Charakter hat, erhellt nicht nur aus dem bevorzugten Haftpunkt dieses Motiv, aus seiner Nuancierung als helfender, Kraft ausstrahlender Geste, sondern auch aus seiner Motivverbundenheit: Wo Berührung geschieht, wird die Heilung durch Demonstration von Aktivität unter Beweis gestellt.“[38] Die Heilungserzählungen sind nach einem bezeichnenden Formschema gegliedert. Im Fall des Motivgefüges von Mk. 2,1-12 kann man Folgendes beobachten: In der Einleitung kommt der Wundertäter an, eine Menge Menschen mit Kranken treten auf. Danach erscheinen Stellvertreter und es folgen die Hilfsbedürftigen. Daraufhin wird die Krankheit beschrieben. In der zentralen Mitte der Erzählung kommt es zur Heilung bzw. Austreibung (im Fall eines Besessenen). Am Schluss erhebt sich eine Kritik, auf die ein wunderwirkendes Wort folgt. Andere Wundergeschichten haben als Motivgefüge noch den Faktor Berührung (Mk. 1, 41) und in einigen Situationen kommt ein heilendes Mittel hinzu (Mk. 8,23; Joh. 9,6).[39] Die Erzählungen (Mk. 1, 39-45; Mk. 2, 1-12) legen Wert darauf, dass die Heilungen geschehen, ohne dass der Mensch besonders gläubig war. „Nicht die Beseitigung des Unglaubens, sondern die Anerkennung und Vollendung des angesichts unüberwindlicher Not angefochtenen Glaubens ist die Pointe dieser Wundergeschichte“[40]

Trotzdem rechnet Jesus die Wirkung der Heilung den Kranken zu und nicht sich selbst. Dementsprechend sieht Theißen, dass der Mensch die Dynamik des Glaubens selbst aktivieren kann (Mk. 5, 25-34). Glaube ist das Vertrauen an den Gott, der die Auferstehung Jesu bewirkte. Demzufolge wirkt der Glaube an Gott wie die Abbildung eines Lichts in der Dunkelheit.[41] Das Heilungsgeschehen im Glauben ist mit Gott verankert. Dadurch entsteht die Beziehung zu Gott als ein Ort des „Geschehens“, in dem Gott sich als der Heilende offenbart.

Theißen kommt zu folgender Erkenntnis: Die Tätigkeit Jesu „war charismatisches, symbolisches, rituelles und soziales Heilen. Charismatisch und symbolisch sind die psycho-somatischen Aspekte der Heilung, rituell und sozial seine sozio-somatischen Aspekte.“[42] Wenn man auf die Seiten der Wundergeschichten im Neuen Testament geht, sind dort Berichte von konkreten Heilungen, die durch Symbole eintreten. Der Begriff „Wunder“ deutet - nach heutigem Verständnis – auf imposante Ereignisse hin, die die Naturordnung durchbrechen und keine wissenschaftliche Erklärung haben. Demgemäß widerspricht der Wunderbegriff unserem rationalen Denken. Das Weltbild des heutigen Menschen ist sehr anspruchsvoll und lässt keinen Raum offen für Wunderglauben.[43]

Das Leben des Menschen ist durch Beziehungen vernetzt und so ist er in der Lage sich in diesen Beziehungen zu entfalten. Demzufolge ist er in seiner Persönlichkeit auch nicht an den einzelnen Situationen erkennbar, sondern an den Beziehungen, die er aufgebaut hat. „Denn was ein Mensch ist, zeigt sich nicht nur in der Folge verschiedener Lebensstadien, sondern ebenso sehr in seinen zwischenmenschlichen Beziehungen.“[44] Grundlegend ist, dass sich ein Beziehungsprozess auf einer Vertrauensbasis etabliert. Auf diesen Aspekt möchte ich mich im nächsten Abschnitt beziehen.

[...]


[1] Übersetzung: „Siquem: Zentrum für familiäre Wiederherstellung“

[2] in der Nähe von Santiago de Chile

[3] Übersetzung: Unsere Vision soll ein Modell der Familie und Gemeinde darstellen, das Gott verwendete, um der Gesellschaft Gesundheit durch göttliche Werte und Grundprinzipien zu vermitteln.

[4] bezeichnet Haus im familiären Sinn

[5] Übersetzung: ein bedeutender Prozentsatz wurde rehabilitiert und wieder in die Gesellschaft integriert. http://comunidadcrehad.blogspot.de

[6] Vgl. Sandler, Willibald, „Heilung von Gemeinschaft bei Jesus von Nazaret“ , Parag. 75

[7] Vgl. Rawls, John, „ Eine Theorie der Gerechtigkeit“, S. 19

[8] „Yireh“ besitzt einen eigenen rechtlichen Status und bildet ein Netz von Reha- Zentren in verschiedenen Regionen in Santiago.

[9] Übersetzung: evangelischen Gemeinden

[10] Übersetzung: Barmherzigkeit

[11] http://www.lasasambleasdedios.cl/ministerios/

[12] EKD: Evangelische Kirche in Deutschland

[13] http://www.ekd.de/diakonie/45618.html

[14] http://www.diakonie.de/selbstverstaendnis-735.htm

[15] Grün, Anselm, „Geborgenheit finden – Rituale feiern“, S. 41

[16] “Hogar Casa del Alfarero” in Calera de Tango

[17] Übersetzung: „Der Tag wird zur Nacht und die Nacht wird zum Tag“, aufgenommen am 20.04.2012

[18] Grün, Anselm, „Geborgenheit finden – Rituale feiern“, S. 20f.

[19] Vgl. Grün, Anselm, „Geborgenheit finden – Ritualen feiern“, S. 148

[20] Dobiasch, S./ Hofmann, B. , „Rituale“, S. 227

[21] Vgl. Dobiasch, S./ Hofmann, B. , „Rituale“, S. 225, In: „Theologie und Soziale Wirklichkeit“

[22] Grün, Anselm, „Geborgenheit finden – Ritualen feiern“, S. 103

[23] Vgl. Herbert Haslinger, „Diakonie zwischen Mensch, Kirche und Gesellschaft“, S. 702

[24] Vgl. Hofmann, Beate, „Diakonische Unternehmenskultur“, S. 10 f.

[25] Vgl. Hofmann, Beate, „Diakonische Unternehmenskultur“, S. 19

[26] Vgl. Hanselmann, Paul, „Qualitätsentwicklung in der Diakonie: Leitbild, System und Qualitätskultur“, S. 210

[27] Hofmann, Beate, „Diakonische Unternehmenskultur“, S. 20

[28] Auf Deutsch: „Wiederherstellung“

[29] Auf Deutsch: „Schüler“

[30] Vgl. Albert, A. „Helfen als Gabe und Gegenseitigkeit“, S. 268

[31] Vgl. Albert, A. „Helfen als Gabe und Gegenseitigkeit“, S. 269

[32] Vgl. Stricker, Hans-Heinrich, „Krankheit und Heilung“, S.228

[33] Herbert, Haslinger, „Diakonie zwischen Mensch, Kirche und Gesellschaft“, S. 730

[34] Vgl. Schmidt, Heinz, „Gerechtigkeit und Liebe im Dienst der Versöhnung“, S. 57

[35] Gohde, Jürgen, „Diakonie. Keiner lebt für sich allein“, S. 7

[36] Vgl. Theißen, Gerd, „Symbolisches Heilen in der Nachfolge Jesu“, S. 46

[37] Vgl. Theißen , Gerd, „Symbolisches Heilen in der Nachfolge Jesu“, S. 52 f.

[38] Theißen, Gerd, „Urchristliche Wundergeschichten“, S. 101

[39] Vgl. Theißen, G./Merz, A., „Der historische Jesus“, S. 512 f.

[40] Theißen, G./Merz, A., „Der historische Jesus“, S, 514

[41] Vgl. Theissen, Gerd, Die Weisheit des Urchristentums“, S. 20

[42] Theißen, G., „Symbolisches Heilen in der Nachfolge Jesu“, S. 52

[43] Vgl. Theißen, G., „ Symbolisches Heilen in der Nachfolge Jesu“, S.46

[44] Theißen, G./Merz, A., „Der historische Jesus“, S. 216

Details

Seiten
63
Erscheinungsform
Erstausgabe
Jahr
2012
ISBN (PDF)
9783955495268
ISBN (Paperback)
9783955490263
Dateigröße
346 KB
Sprache
Deutsch
Institution / Hochschule
Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg
Erscheinungsdatum
2015 (Februar)
Schlagworte
Diakonie Heilung diakonische Gemeinschaft Therapie Gesundheit

Autor

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Titel: Therapeutische Heilungsprozesse in diakonischen Einrichtungen an Beispielen aus Chile