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Nacktprotest als politisches Kommunikationsinstrument: Zwischen grenzenloser Protestbereitschaft und sexueller Selbstinszenierung

Bachelorarbeit 2012 49 Seiten

Soziologie - Familie, Frauen, Männer, Sexualität, Geschlechter

Leseprobe

2.2 Historische Frauenbewegungen

Den Anfang der Frauenbewegung bildet der Aufbruch der Frauen in der Französischen Revolution. Erstmals wurden die traditionellen Geschlechterbeziehungen öffentlich in Frage gestellt und in einem politischen Raum gleichsam von Männern und Frauen aller Volksschichten diskutiert. Bereits bei der ersten Massendemonstration am 5. Oktober 1789, in der sich die Bürger für die Abschaffung des Feudalsystems und für die Anerkennung der allgemeinen Menschenrechte einsetzten, machten die Frauen mit dem Marsch der Pariserinnen von Paris nach Versailles Gebrauch von ihrem Recht der Teilhabe am öffentlichen Leben. Das Auftreten der Frauen an diesem „Tag der Weiber“, die hemmungslos, bewaffnet und in Männerkleidern jegliche Regeln und Formen missachteten, hat bis heute bei weiblicher Partizipation in der Gesellschaft einen gewissen Beigeschmack verursacht. Das Ende dieser ersten Revolution wurde mit den Hinrichtungen zahlreicher Verfechterinnen zum Ende des 18. Jahrhunderts eingeleitet (vgl. Gerhard, 2009, S. 15ff.).

2.2.1 Die erste Welle oder auch die „klassische“ Frauenbewegung

Beginnend in Paris im Februar 1848 breitete sich der Aufbruch der Freiheit in Europa aus und brachte vermehrt Frauen hervor, die sich an der Herstellung der neuen politischen Öffentlichkeit beteiligen wollten (vgl. ebd., S. 28f.). Als Ursache der ersten Frauenbewegung kann die fortschreitende Industrialisierung gesehen werden, die die Frauen veranlasste, sich gegen die Ungleichheiten hinsichtlich bürgerlicher sowie politischer Rechte zwischen Männern und Frauen einzusetzen. Frauen in Europa wurden Männern untergeordnet, in die häuslichen Sphären verwiesen, auf ihre Rolle als Hausfrau und Mutter reduziert und von bürgerlichen Rechten und gesellschaftlicher Partizipation ausgeschlossen (vgl. Lenz, 2010, S. 867ff.). Proletarische Frauen mussten arbeiten, um die Familie versorgen zu können, litten aber aufgrund des verfestigten Rollenmodells, welches den Mann primär als Familienernährer etablierte, unter schlechter Bezahlung. Folglich forderten sie unter anderem gleichen Lohn für gleiche Arbeit und bessere Arbeitsbedingungen (vgl. Poll, 2010, S. 1ff.). Zu dieser Zeit besetzte der Mann üblicherweise den Raum der Öffentlichkeit, der Politik und des Rechts. Die Forderungen der ersten Frauenbewegung sollten demnach die Frau als gleichberechtigte Bürgerin innerhalb der Nation situieren, sie aus der häuslichen Ein- und Unterordnung befreien und ihr weit verbreitetes Bild als geringfügiges Geschlechterwesen destruieren. Auch der Wunsch nach selbstbestimmter Liebe und Sexualität fand durch die Forderung der ‚freien Ehe‘ und Subjektwerdung der Frau bereits in der ersten Welle ihre Thematisierung. Migrantinnen, Kolonisierte und im 19. Jahrhundert auch Arbeiter und Arbeiterinnen erfuhren eine exklusive Ausgrenzung, da sie nicht als Mitglieder der Nation angesehen wurden und ihnen somit kein Gebrauch von Bürgerrechten zustand (vgl. Lenz, 2010, S. 869f.).

Der häusliche Feminismus des 19. Jahrhunderts zeichnet sich vor allem durch Absentismus und Sabotage aus. Durch ihre unterdrückte Stellung in der Gesellschaft nutzen die Frauen als Widerstandsform die Unterlassung, welche zum einen die Selbstzerstörung als Flucht in eine Krankheit, zum anderen auch die indirekte Schaffung größerer Freiräume durch weniger Geburten implizierte. Dabei stützen sie sich auf ihre sexuelle Triebschwäche und verlangten von ihren Männern Enthaltsamkeit (vgl. Heintz & Honegger, 1981, S. 100).

2.2.2 Die zweite Welle oder auch die „neue“ Frauenbewegung

Der Ausgangspunkt der zweiten Welle lässt sich auf die Jahre 1967/68 ansetzten und geht auf die Vereinigten Staaten zurück, wodurch er als Befreiungsversuch in einem internationalen Kontext zu bewerten ist (vgl. Frei Gerlach, 1998, S. 25). Demnach ging das Women’s Liberation Movement zum einen aus den Studentenbewegungen der sechziger Jahre hervor, die als antiautoritäre, antiimperialistische und antikapitalistische Bewegung auftrat und einen allgemeinen gesellschaftlichen Umbruch forderte. Zudem verlangte die anwachsende Frustration werkstätiger Frauen, die noch immer schlechten Arbeitsbedingungen ausgesetzt waren, sowie Frauen allgemein, die eine Existenzberechtigung allein durch ihre Rolle als Hausfrau und Mutter nicht länger akzeptierten, nach einer gesellschaftlichen Veränderung (vgl. ebd., S. 25). Im Gegensatz zur klassischen Frauenbewegung wurde die zweite Welle durch internationale Kommunikation geprägt und war durch Provokation gekennzeichnet, die sich in Gruppennamen wie Bitch (Luder) oder Witch (Hexe) ausdrückte (vgl. Bock, 2000, S. 317).

Die Besonderheit bestand in dem übergreifenden und internationalen Motto „Das Persönliche ist politisch“, welches vor allem gesellschaftliche Tabuthemen in die Öffentlichkeit transportieren sollte. Vor allem die Forderung nach sexueller Selbstbestimmung hatte international nach der Abschaffung des Abtreibungsverbots verlangt und zur Massenbewegung von Frauen und Männern geführt, aber auch die Tabuisierung und faktische Straflosigkeit sexueller Gewalt in Beziehungen stand auf der Agenda (vgl. Lenz, 2010, S. 870f.). Um 1988 protestierten erstmals auch Afroamerikanerinnen gegen die Dominanz weißer Frauen, was die Bevölkerung weltweit für nationale, ethische und religiöse Unterschiede bezüglich weiblicher Bedürfnisse sensibilisierte und eine neue Geschlechterdebatte hervorbrachte, an der erstmals alle Bürgerinnen und Bürger teilnehmen konnten. In ihrer Gesamtheit gesehen war auch die neue Frauenbewegung geprägt durch heterogene Inhalte und Vorgehensweisen. Unterschiedliche und teilweise gegensätzliche Prioritäten wurden verfolgt und es sollte zum einen für alle Frauen gesprochen werden, zum anderen aber waren die Individualisierung, die Subjektivität und Raum zur Selbstentfaltung ein zentrales Anliegen (vgl. Bock, 2000, S. 323).

2.2.3 Die dritte Welle

Nachdem die Feministinnen selbst vom Ende der Frauenbewegung sprachen und der Ansicht waren, alle Ziele erreicht zu haben, kam es zunächst zu einer Stagnation der Frauenbewegungen (vgl. Somersan, 2011, S. 86). Die dritte Frauenbewegung findet ihren Ursprung nach der „Ruhephase“ Mitte der 90er Jahre in den USA als sogenannte Third Wave. Zum einen rückten zunehmend die Geschlechterunterschiede in den Vordergrund, aber auch die Unterschiede zwischen den Frauen selbst fanden Berücksichtigung. Transnational wird auch heute noch auf ein gemeinsames Anliegen nach Freiheit und Gleichheit verwiesen, unabhängig von religiösen, ethnischen, sozialen oder beruflichen Differenzen, was die Individualität der einzelnen Frau in den Vordergrund rückt (vgl. Schmitz & Meyer, 2007, S. 8ff.).

Die große Anzahl neuer Teilnehmerinnen dieser Welle ist nicht zuletzt auf den Aspekt der Betroffenheit und Parteilichkeit zurückzuführen. Neben der persönlichen Betroffenheit kann auch die sogenannte kategoriale Betroffenheit als Auslöser gesehen werden. Dies beinhaltet die Teilnahme durch Zugehörigkeit am weiblichen Geschlecht. Parteilichkeit meint, dass Frauen sich für andere Frauen einsetzen, nicht aufgrund objektiver Bewertungen, sondern wegen patriarchalen Machtstrukturen, die es zu durchbrechen gilt, um bestehende Diskriminierungen zu beseitigen (vgl. Cordes, 1996. S. 107f.). Ein charakteristisches Merkmal der dritten Welle ist die unkonventionelle Partizipation, durch die sich anhand von Bürgerinitiativen, Demonstrationen oder zivilen Ungehorsam öffentlich Aufmerksamkeit zu sichern versucht wird. Empirische Untersuchungen betonen, dass Frauen der Wirksamkeit konventioneller Partizipationsformen eher kritisch gegenüberstehen (vgl. ebd., S. 58f.). Daher steht die aktuelle Frauenbewegung einer Reihe grundlegender Probleme gegenüber, die unter anderem auch die Herstellung der Öffentlichkeit und die damit verbundene Wirkung auf die globale und nationale Öffentlichkeit beinhalten (vgl. Lenz, 2010, S. 876). Neu ist auch, dass heute nicht mehr kollektiv die Thematisierung von Frauenbewegung erfolgt, sondern Einzelpersonen als Repräsentanten in einem Individualisierungsprozess die Meinung einer ganzen Bewegung vertreten und publizieren (vgl. Flicker, 2008, S. 135), was die anfänglich aufgeführte Definition von Frauenbewegung veraltet erscheinen lässt und eine Distanzierung bezüglich alter Ansichtsweisen erkennbar macht.

Die Globalisierung ermöglicht der Frauenbewegung grenzenlose Kommunikation sowie die Thematisierung internationaler Menschenrechtsverletzungen, gerade in den Bereichen Sexualität und Körper (vgl. Lenz, 2010, S. 875). Es soll auf die in vielen modernen Ländern noch immer allgegenwärtig patriarchalen Gesellschaftsstrukturen aufmerksam gemacht werden, welche hierarchische Gesellschaftsverhältnisse verursachen, in denen Männer über direkte, beziehungsweise indirekte Gewaltausübung die Herrschaft über Frauen haben (vgl. Cordes, 1996, S. 15ff.). Im europäischen Vergleich sticht besonders die Türkei durch eine tief verwurzelte hegemoniale Männlichkeit hervor (vgl. Somersan, 2011, S. 124), was in einem kurzen Exkurs erläutert werden soll.

3. Der Exkurs Türkei

Da sich der methodische Teil dieser Arbeit – die Bildinterpretation – auf einen Protest in Istanbul bezieht, wird kurz auf die Frauenbewegung in der Türkei eingegangen, wobei das Augenmerk speziell auf die Themen der häuslichen Gewalt und Gleichberechtigung von Frauen gelenkt wird. Anschließend erfolgt eine knappe Erläuterung hinsichtlich charakteristischer Merkmale der türkischen Gesellschaft. Dabei steht die Stellung der Frau im Mittelpunkt, um die Bedeutung der Protestaktion besser verstehen zu können und eine spätere Einordnung des Bildes in einen gesamtgesellschaftlichen Kontext zu ermöglichen.

3.1 Die türkische Frauenbewegung

Auch in der Türkei lassen sich drei verschiedene Wellen der Frauenbewegung unterscheiden. Ihr historischer Ursprung geht zurück auf das osmanische Reich in der Mitte des 19. Jahrhunderts (vgl. Koç, 2009). Verglichen mit den Frauenbewegungen der westlichen Hemisphäre besteht der einzige nennenswerte Unterschied der ersten Welle darin, dass die Türkei die wichtigsten Schritte mit einigen Jahren Verspätung vollzog. Auch die zweite Welle der türkischen Frauenbewegung trat im Vergleich zu europäisch-westlichen Frauenbewegungen mit etwa fünf bis zehn Jahren Verspätung auf und durchlief auch hier ähnliche Phasen (vgl. Tekeli, 1997, S. 79f.). Die Gründerinnen waren intellektuelle Frauen aus urbanen Gebieten, die sich in privaten Wohnungen trafen, um ein neues feministischen Bewusstsein zu entwickeln und vorherrschende Ansichten kritisch zu hinterfragen (vgl. Koç, 2009). Dass häusliche Gewalt bereits früh als immenses gesellschaftliches Problem erkannt wurde, beweist die erste legale feministische Straßendemonstration gegen häusliche Gewalt vom 17.05.1987, aus der sich eine ausgedehnte Kampagne entwickelte (vgl. Tekeli, 1997, S. 78). Da der Ursprung der zweiten Welle auf urbane Gebiete zurückzuführen ist, lässt sich ein Gefälle hinsichtlich ländlicher und städtischer Bevölkerung erkennen, welches bis heute Auswirkungen hat und im weiteren Verlauf Beachtung findet. Feministinnen der ersten und zweiten Welle standen mit Akteuren der westlichen Frauenbewegungen in Verbindung und wurden von deren Ideologie beeinflusst. Allerdings differenzierten sie sich in ihrer Vorgehensweise bewusst durch einen reservierten und damenhaften Kampfstil (vgl. ebd., S. 85).

Seit 1990 versucht die dritte Welle der türkischen Frauenbewegung verstärkt auf die patriarchal-hegemonialen Herrschaftsverhältnisse in ihrem Land aufmerksam zu machen und sieht die Familie noch immer als primären Ort des Zwangs und der Unterdrückung für die Frau (vgl. Somersan, 2011, S. 86f.). Ein charakteristisches Merkmal der Türkei ist die Heterogenität der Gesellschaft, die unterschiedlichen ethnischen und religiösen Gruppierungen und Sichtweisen, welche sich maßgeblich auch auf die Frauenbewegungen auswirken. „ Gruppen wie Radikalfeministinnen, Anarchafeministinnen, sozialistische Feministinnen, muslimische, kemalistische, kurdische oder armenische Feministinnen oder Frauenbewegungen beziehen sich auf unterschiedliche Identitäten und Differenzen, die aus den Polarisierungen um ethnische Fragestellungen sowie um religiöse und sozioökonomische Fragestellungen entstanden sind“ (Bora & Günal, 2002 zit. in Koç, 2009). Zwei wichtige Polarisierungen zeigen die Diskrepanzen unter den Feministinnen auf. Die kemalistischen Frauen, zusammengesetzt aus Frauen der oberen Mittelschicht mit meist westlicher Ausbildung, fordern unter anderem eine rechtliche und gesellschaftliche Gleichstellung unter kemalistischer Reform nach westlichem Vorbild. Dem stehen die autonomen Feministinnen gegenüber, die sich gegen staatliche Sphären richten und sich aus sozialistischen, radikalen und kurdischen Feministinnen zusammensetzen (vgl. Somersan, 2011, S. 100).

Nicht selten verhindern dabei unterschiedliche Ansichten ein angepasstes Leben an westliche Standards, sowohl im politischen als auch im gesellschaftlichen Bereich. Der traditionelle Islam sieht die Frau primär als Ablenkungsgefahr für die Männerwelt. Verursacht durch ihre sexuellen Reize lenkt sie den Mann von seinen Pflichten gegenüber Gott und der Gemeinschaft ab, was gesellschaftliche Konflikte fördert. Demnach müssen die weiblichen Reize durch Separierung und Verhüllung kontrolliert werden, was unter anderem durch die Zuordnung der Frau in die private Sphäre geschieht. Die Staatsideologie des Kemalismus hingegen hat einen Großteil zur Beseitigung rechtlicher Ungleichheiten beigetragen, indem die Bildung von Frauen vorangetrieben und Wege aus der häuslichen Sphäre geschaffen wurden. Separierung und Verschleierung werden als partizipa­torische Hindernisse definiert und zurückgedrängt (vgl. Braun, 2000, S. 84ff.). Wichtig ist, dass eine Zersplitterung innerhalb der Frauenbewegung zunächst ein gemeinsames Vorgehen stark einschränkt, vor allem wenn es um religiöse und die damit verbundene weibliche Identitätsfrage geht (vgl. Koç, 2009). Seit 2000 ist eine vermehrte Kooperationsbereitschaft und Solidarität der verschiedenen Gruppierungen zu erkennen mit dem Wunsch nach einer neuen gesamtfeministischen Solidaritätsbewegung (vgl. Somersan, 2011, S. 118f.). Auch die Beitrittsverhandlungen der Türkei mit der EU sowie die Ernennung zum Beitrittskandidat haben in den letzten Jahren eine nicht zu vernachlässigende Demokratisierungswelle veranlasst (vgl. ebd., S. 91). Allerdings dominiert in manchen Gebieten noch immer eine antifeministische Überzeugung, die von traditionalistisch orientierten Männern wie Frauen vertreten wird (vgl. Tekeli, 1997, S. 90). Problematisch bleibt zudem der Rückstand ländlicher Gebiete, die bis heute kaum von modernen Erneuerungen profitieren konnten.

Der feministische Aktivismus und die feministische Politik haben bis heute viele Änderungen zur Gleichberechtigung in der türkischen Gesellschaft erkämpft. Noch bis vor einigen Jahren herrschte die weit verbreitete gesellschaftliche Überzeugung, dass der Körper der Frau Besitz des Mannes sei. Bedauerlicherweise hat das Fortbestehen solcher Normen bis ins 21. Jahrhundert hinein dazu beigetragen, dass manche Werte in der Gesellschaft auch heute noch tief verwurzelt sind. Bis zum Jahr 2007 wurden insgesamt 35 Artikel geändert, die die sexuelle Autonomie türkischer Bürgerinnen betreffen und das patriarchale Konstrukt wie Keuschheit, Moral, Schande, öffentliche Sitten und Würde aufrecht erhalten hatten, was nicht zuletzt als große Errungenschaft der Frauenbewegung gesehen werden kann (vgl. ESI, 2007). Aktuelle Schlagzeilen wie „Aus dem Kreis der 47 Europaländer sitzt wie im Vorjahr die Türkei an erster Stelle auf der Anklagebank des Europäischen Gerichtshofes für Menschenrechte (EGMR)“ (vgl. dpa, 2011) unterstreichen allerdings die noch immer als problematisch einzustufende Stellung der Türkei.

3.2 Die türkische Gesellschaft und das Bild der Frau

Charakteristisch für die Türkei ist und bleibt eine hegemoniale Männlichkeit, welche sowohl auf ein kulturelles Ideal als auch auf institutionelle Macht zurückzuführen ist. Weite Teile der Gesellschaft sind noch immer geprägt durch ein geschlechterhierarchisches Gewaltverhältnis in der Familie und im Privaten, wodurch Frauen Demütigung und Unterdrückung erleiden. Institutionen wie beispielsweise das Parlament, mit einem männlichen Anteil von über 90 Prozent, sowie der militärische Apparat und auch die Medien tragen ihren Teil dazu bei (vgl. Somersan, 2011, 124f.).

Besonders der Militarismus gilt als einer der Hauptgründe für türkische Männergewalt, das Patriarchat und die hegemoniale Männlichkeit. Bereits in der Grundschulausbildung werden Jungen zu einem Pflichtbewusstsein gegenüber ihrer Nation und auch Familie erzogen, die es um jeden Preis zu beschützen gilt. Durch die stetige Fortführung dieser Tradition fühlen sich Frauen nicht selten sicher und beschützt in den ihnen bekannten patriarchalen Gesellschaftsstrukturen (vgl. ebd., 140ff.). Eventuell lässt sich hier auch ein Grund für die immer noch existierende Befürwortung mancher Frauen finden, die sich offen als Verfechterinnen hegemonialer Männlichkeit aussprechen, diese beibehalten möchten und dem feministischen Aktivismus keinen Sinn aberkennen können.

Bezüglich der Geschlechtergleichheit in Schul- und Ausbildung zeichnet sich noch immer eine enorme Kluft ab, die zusammen mit dem wirtschaftlichen Status von Frauen einen mangelnden Entwicklungsstand unterstreichen. 2007 betrug der Anteil berufstätiger Frauen lediglich zwölf Prozent, was der Türkei trotz ansteigender Urbanisierung den niedrigsten Anteil erwerbstätiger Frauen europaweit einräumt. Migrantinnen, die aus den ländlichen Gebieten in die Stadt ziehen, haben aufgrund fehlender oder schlechter Ausbildung kaum Aussichten auf Erwerbstätigkeit. Studien aus dem Jahr 2007 belegen zudem, dass die Türkei noch immer den niedrigsten Frauenanteil unter Parlamentariern in Europa hat (vgl. ESI, 2007). Die Ursachen der geringen politischen Partizipation liegen in der gesellschaftlich zugewiesenen Rolle der Frau als Mutter und Hausfrau, dem Bildungsmangel und der geringen Erwerbstätigkeit, was das Vertrauen der männlichen Mitbürger gegenüber weiblicher Politikfähigkeiten enorm begrenzt. Zurzeit können Frauen häufig nur politisch aktiv werden, wenn sie die männlichen Überzeugungen und deren Vorstellungen von hegemonialer Politik unterstützen (vgl. Somersan, 2011, S. 153ff.).

Seit Jahren erfährt die sexuelle Selbstbestimmung der Frau eine starke Einschränkung durch die türkische Gesellschaft. Sexuelle Reinheit von Frauen in der türkischen Kultur ist sowohl nach traditionell islamischer Auffassung als auch im kemalistischen Paradigma von äußerster Wichtigkeit (vgl. Braun, 2000, S. 107f.). Auch Nacktheit an sich ist in weiten Teilen der Türkei ein Tabuthema und steht in starkem Kontrast zur zunehmenden Verschleierung. „Schon ‚westliche‘ Kleidung stößt bei vielen gläubigen Muslimen auf Ablehnung, Nacktheit wird als unmoralisch und als Affront gegen den, die Denkweisen der Menschen prägenden, Islam gewertet und immer aggressiver abgelehnt“ (vgl. Kaya, 2011). Häusliche Gewalt ist auch heute noch Teil der türkischen Realität. „Jeder vierte Mann in der Türkei schlägt entweder seine Mutter, Ehefrau, Tochter, Schwester oder andere weibliche Verwandte“ (Somersan, 2011, S. 126). Schlechte Transportwege und Kommunikationsmittel in ländlichen Gebieten verhindern teilweise, dass Einzelfälle in die Öffentlichkeit dringen. Juristisch und staatlich werden oftmals gerade modernisierte Reformen nicht umgesetzt. Auch steht häufig noch immer die Familie als fundamental wertvollste Kategorie der Gesellschaft im Mittelpunkt und nicht das Individuum (vgl. ebd., S. 128f.).

Eine Vereinheitlichung des türkischen Frauenbildes ist aufgrund der facettenreichen kulturellen, ethnischen, und sozialen Vielfalt, aus der sich die Gesellschaft zusammensetzt, nicht möglich, da je nachdem welche Bereiche betrachtet werden, verschiedene Entwicklungsebenen aufzufinden sind.

In der Oberschicht treffen wir die moderne gebildete Frau in angesehenen Positionen, die in ihrem Kleidungsstil europäische Moderne verkörpert. Gleichzeitig treffen wir auf dem Land und in der Unterschicht in den Metropolen die traditionelle, eher islamisch ausgerichtete Türkin an. Wieder anders präsentiert sich die Kurdin. (Çakir-Ceylan, 2011, S. 55)

Die auffälligen Diskrepanzen innerhalb des Landes hinsichtlich Alphabetisierung und Erwerbstätigkeit unter Frauen, Haushaltsgröße sowie häusliche Gewalt finden ihre Ursachen in einem großen Stadt-Land-Gefälle. Demnach weisen wohlhabendere Gebiete wie Kadiköy im Jahr 2007 beispielsweise eine Analphabetenrate von lediglich fünf Prozent auf. In anderen Gegenden wie Van, was geographisch, kulturell und ökonomisch von Kadiköy weit entfernt ist, herrschen konträre Zustände. Dort gaben 82 Prozent der Frauen 2005 an, oft oder sehr oft Gewalt ausgesetzt zu sein, was die Unterentwicklung in einer der ärmsten Provinzen unterstreicht. Zwar zeichnet sich bereits seit dem Jahr 2000 ein positiver Trend in vielen Bereichen ab, jedoch lässt ein Urbanisierungsanteil von 65 Prozent auch aktuell eine große Kluft zwischen Stadt- und Landgebieten vermuten (vgl. ESI, 2007).

Inwieweit der– verglichen mit anderen EU-Ländern – eher zurückhaltende damenhafte und reservierte Kampfstil vorangegangener Frauenbewegungen einen revolutionären Wandel zugunsten der Frau verlangsamt oder ganz verhindert hat, bleibt offen.

4. Femen – eine neue Bewegung etabliert sich

Anders als das Vorgehen türkischer Feministinnen reagiert die im Jahr 2008 gegründete neue Frauenbewegung junger Ukrainerinnen auf aktuelle Missstände. Bekannt als „Femen“, abgeleitet vom lateinischen femina – Frau, protestierten diese zu Beginn in Bikinis für warmes Wasser in ihrem Wohnheim. Später entwickelte sich eine barbusige Bewegung, die sich bis heute auf dreißig topless activists und hunderte Angezogene erweitert hat und auch Männer miteinschließt. Femen sieht sich als Gruppe neuer Feministen unserer Zeit, deren Mitglieder auf Protestaktionen immer wieder verhaftet und eingesperrt werden . Selbst das oftmals robuste Eingreifen von Seiten der Staatsgewalt während einiger Protestaktionen konnte Femen nicht stoppen. Erst kürzlich wurde die 23 Jahre alte Mitbegründerin Inna Shevchenko mit einigen anderen Aktivistinnen nach einer Protestaktion in Weißrussland vom Geheimdienst verschleppt. „Sie haben ihr und zwei anderen Frauen die Augen verbunden, sie mit Öl übergossen und gedroht, wir zünden euch an, wir vergewaltigen euch“ (vgl. Stelzer, 2012, S. 19). Erklärungsversuche deuten darauf hin, dass die zunehmend gewalttätige Vorgehensweise gegen einzelne Aktivistinnen, die vor allem in letzter Zeit vermehrt für Schlagzeilen gesorgt haben, mit der allmählichen Anerkennung von Femen als ernste Protestbewegung einhergeht.

Als eigentliche Gründerin gilt die 26 Jährige Anna Hutsol, die, wie viele ihrer Anhängerinnen, in der postsowjetischen Ukraine aufgewachsen ist und sowohl von sozialen Ungleichheiten im eigenen Land als auch von den Freiheiten der Nachbarländer geprägt wurde. Anna sieht in Femen eine Bewegung junger und moderner Frauen, die anfangs gegen Korruption und Sextourismus im eigenen patriarchalen Land protestierten und sich zunehmend international orientieren. Eigenen Angaben zufolge hat die Gruppe heute um die 30.000 Unterstützer. Bisher konnte die Politik im Land nicht viel zur Gleichberechtigung der Frau beitragen. Immer noch assoziieren viele vor allem Sextourismus mit der Ukraine, was Femen aus der gesellschaftlichen Denkweise zu streichen versucht. Gesetze, die Prostitution an sich verbieten, jedoch nicht deren Nutzung, unterstreichen auch aktuell noch die Unterdrückung der Frau. Prostitution wird nach Meinung der Femen von der Regierung als „Wirtschaftszweig“ für männliche Gelüste immer weiter ausgebaut und auf Kosten der Frauen unterstützt. Seit Februar diesen Jahres sind Femen nun auch unter FEMEN Germany speziell für deutsche Interessenten auf der sozialen Plattform Facebook zu finden, was der voranschreitenden Internationalisierung entgegenkommt (vgl. Draschan, 2011).

Femen sieht sich selbst als kleine, aber starke Armee, die blanke Brüste als Waffen definieren, um politisch-soziale Probleme international zu thematisieren (vgl. Femeninfo, 2012). Bewusst setzen die Frauen dafür ihre Körper in Szene und präsentieren der „Fast-Food-Gesellschaft“ kleine Informationshappen, die nicht selten provozieren sollen.

Wir wollen, dass Frauen in einer patriarchal denkenden Gesellschaft endlich als Besitzerinnen ihrer Körper wahrgenommen werden. Der Körper ist sozusagen meine eigene Ware, mit der ich machen kann, was ich will – das heißt auch, den Körper für die eigenen politischen Ziele einsetzen zu können. (Pfoser, 2012)

Femen will europaweit ihre Idee des neuen Feminismus verbreiten, in der ein radikaler Weg für Frauen beschritten und alles zur Verfügung stehende genutzt wird (vgl. Neumann, 2012). Mit ihrem Motto „Our god is woman, our mission is protest, our weapon are bear breasts“ verfolgen sie als oberste Ziel die Konstruktion eines kollektiv nationalen feministischen Bewusstseins, welches auf den Entwicklungen vorangegangener europäischer Frauenbewegungen basiert. Ihr neuer Weg der Selbstverwirklichung gründet vor allem auf Mut, Kreativität und Schock. Femen will beweisen, dass Bürgerbewegungen auch heute noch Einfluss auf die öffentliche Meinung und die Politik nehmen können. Sie planen, die größte und einflussreichste Frauenbewegung Europas zu werden, die als Grundidee auf gegenseitiger Unterstützung und sozialer Verantwortung aufbaut und in der jedes einzelne Mitglied sich frei verwirklichen kann (vgl. Femeninfo, 2012).

Die Frauen setzen sich für Feminismus in ihrem Land ein, da dieser nach eigenen Aussagen dort nicht existiert. Femen finanziert sich in erster Linie über den Verkauf eigener Fanartikel. Zwar beziehen die Frauen zusätzlich Spenden von Gönnern, dennoch steht der Versuch, unabhängig zu bleiben, im Mittelpunkt (vgl. Neumann, 2012). Ihr Ziel ist es, durch Erregung öffentlicher Aufmerksamkeit auf aktuelle Missstände hinzuweisen, die durch gesellschaftliche Sensibilisierung abgeschafft oder verändert werden könnten. Dafür sind sie auf die Medien angewiesen, um die Reichweite auf internationaler Ebene auszuweiten und die Verbreitung der Themen zu maximieren. Sie bezeichnen sich selbst als „medienbewusst“ und versuchen, mithilfe sexueller Reize und bunter Farben von Bändern und Blumenkränzen, ein provokantes und spektakuläres Bild zu inszenieren (vgl. Treichler, 2012).

Nacktheit hat bereits in vorangegangenen Frauenbewegungen immer wieder für Meinungsspaltungen gesorgt und teilt auch heute feministische Ansichtsweisen in zwei Gruppen. Wohingegen einige Vertreterinnen in der Nacktheit einen vorbildlichen Aspekt durch die Befreiung von gesellschaftlichen Konventionen sehen und ein selbstbewusstes und selbstbestimmtes Auftreten befürworten, empfinden Gegner es als verwerflich. Für sie besteht darin eine Unterwerfung, die eine patriarchale Gesellschaftsstruktur verfestigt und dem Mann erlaubt, in einer Frau zu sehen was er will (vgl. Kollmar, 2012, S. 26). Inwieweit die Nacktheit von Femen die Kommunikation politischer Themen fördert, soll anhand einer Bildinterpretation erläutert werden.

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Details

Seiten
49
Erscheinungsform
Erstausgabe
Jahr
2012
ISBN (eBook)
9783955495350
Dateigröße
2.5 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v296934
Institution / Hochschule
Universität Passau
Note
1
Schlagworte
Frauenbewegung Nacktheit Feminismus FEMEN Bildinterpretation

Autor

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