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Talent- und Kompetenzentwicklung im Fußball: Der Vergleich zwischen Deutschland und Brasilien

Bachelorarbeit 2011 53 Seiten

Leseprobe

2.2 Definition Kompetenzentwicklung

Der Begriff der Kompetenz kann viele Bedeutungen haben. In Bezug auf die Kompetenz­entwicklung eines Fußballers ist die Definition der Kompetenz in der Pädagogik am besten geeignet, denn in der pädagogischen Definition der Kompetenz wird die Problem­lösefähigkeit eines Menschen thematisiert. Der Mensch steht in einer ständigen Interaktion mit seiner Umwelt. Je besser die Umwelt und der Mensch harmonieren, umso kompetenter erscheint der Mensch in seinem Handeln.

Kompetenz ist nach Erpenbeck und Heyse die selbstorganisierte Fähigkeit, die von anderen Menschen zugeschrieben wird, um ein Problem oder eine Aufgabe zu lösen. Da Kompeten­zen je nach Perspektive unterschiedlich zugeschrieben werden und nicht absolut wirken, spricht man von relationalen Kompetenzen.[1]

„Kompetenzentwicklung entsteht aus der Auseinandersetzung des Individuums mit seiner Umwelt. Es ist die Suche nach Lösungen aus dem Repertoire der vorhandenen Muster des Gelernten, wobei je nach Kompetenzgrad neue Verknüpfungen von Mustern entstehen.“[2]

Die Kompetenzentwicklung eines Menschen definiert sich als die Weiterentwicklung seiner Persönlichkeit in Verbindung mit der Anpassung an die Umwelt. Es ist ein langwieriger Prozess, bei dem der Akteur seine Stärken, Schwächen und Talente kennenlernen und einschätzen muss. Der Prozess unterliegt folgenden 3 Phänomenen:

- Die früh abgeschlossene Gehirnentwicklung
- Die Tendenz jedes Individuums, sich die passende Umwelt auszusuchen, was Bestärkungen der eigenen Erlebniswirklichkeit auslöst.
- Das Bemühen des Individuums, eine gewisse Verlässlichkeit auszubilden, um sozial­fähig zu wirken.[3]

2.3 Definition Fußball

Abbildung 3 Spielfeld im Fußball[4]

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Fußball ist eine Ballsportart, in der 2 Mannschaften a 11 Spieler gegeneinander spielen. Der Ball darf mit dem Fuß, dem Kopf und allen anderen Körperteilen außer der Hand und dem Arm berührt werden. Jede Mannschaft stellt einen Torwart, der im Strafraum den Ball mit der Hand abwehren darf, und 10 weitere Feldspieler, die entsprechend ihrer zugeteilten Positionen von Abwehr bis Angriff aufgestellt werden. Beide Mannschaften duellieren sich in 2 mal 45 Minuten Spielzeit mit der Intention, den Ball ins gegnerische Tor zu befördern. Ziel ist es, mindestens ein Tor mehr zu schießen als der Gegner, damit das Spiel mit einem Sieg beendet wird. Aus Gründen der Fairness leitet ein unparteiischer Schiedsrichter und 2 seiner Assistenten, die als Linienrichter fungieren, das Spiel und unterbricht dieses bei Regel­verstößen der Mannschaften.

Abbildung 4 das erste Fußball-WM-Finale: Uruguay vs. Argentinien 4:2, in Montevideo, Uruguay am 30 Juli 1930[5]

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

3. Theorien der Talententwicklung

3.1 Expertisenforschung und Hochbegabtenforschung

Die Modelle der Talententwicklung sind Ergebnisse der über Jahrzehnte praktizierten Expertisenforschung einiger Wissenschaftler. Eine Vielzahl an empirischen Untersuchungs­beispielen verschiedenster Sportarten und der Musik ermöglichte es, Hypothesen über die Talentwicklung aufzustellen.

Die Expertiseforscher analysieren das bereits gegebene Datenmaterial, in diesem Fall das Untersuchungsbeispiel, und werten es dann aus (retrospektiv). Die Hochbegabtenforscher arbeiten prospektiv, in dem sie die zu überprüfende Hypothese im Untersuchungsbeispiel anwenden und an Hand dessen zu Ergebnissen kommen. In der Expertisenforschung versucht der Wissenschaftler, die von ihm untersuchten Fallbeispiele im Sport oder der Musik, zu beschreiben, zu erklären und zu fördern. Das Ziel des Wissenschaftlers ist die Ursache der außergewöhnlichen Leistungen zu erforschen. Deshalb werden nur bestimmte Untersuchungsbeispiele aus dem Hochleistungsbereich gewählt.

Die Theorien der modernen Talententwicklung gehen auf die Expertiseforscher de Groot (1965), Simon und Chase (1973), Chase und Ericsson (1981), Ericsson und Smith (1991) und Williams und Ericsson (2005) zurück. Die Basis der Expertisenforschung bildete De Groot (1965), der sich mit professionellen Schachspielern beschäftigte. Simon und Chase (1973) erweiterten die Thesen de Groots (1965) um eine Bedingung. K. Anders Ericsson erweiterte und verbesserte die Theorien seiner Vorgänger ab 1981 bis 2005 mit Hilfe anderer Wissenschaftler kontinuierlich.[6]

Einen anderen Ansatz der Talententwicklung verfolgen die eindimensionalen Modelle nach den Hochbegabungsforschern Terman (1925) und Rost (1993). Terman und Rost repräsen­tieren die Theorie das Talent doch von der Genetik und hier insbesondere von der kognitiven Fähigkeit (IQ) abhängt. Lewis M. Terman entwickelte eine Studie in dem er herausstellte, das Hochbegabte in der Schule und im Beruf besser waren als durchschnittliche Schüler.[7]Detlef H. Rosts Studien basieren auf den Ergebnissen der Terman-Studie, jedoch sind die nach modernen psychologischen Standards modifiziert worden.

3.2 Talententwicklung nach K. Anders Ericsson

K. Anders Ericsson gilt als einer der glühender Verfechter des mehrdimensionalen Modells der Talententwicklung, die Talent als eine über einen längeren Zeitraum erlenbare Fähigkeit ansehen. Seit 1981 beschäftigte sich K. Anders Ericsson mit der Frage, welche Ursachen einen Menschen zu einem herausragenden Künstler, Wissenschaftler oder Sportler befähigen können. In seinem Buch „The Road to Excellence“ entwickelt Ericsson mit Hilfe von empirischen Untersuchungsbeispielen Hypothesen, die eine Erklärung für ein beson­deres Talent geben sollen.

„In every domain of expertise, many start on the „road to excellence“ but few reach the highest level of achievement and performance.“[8]

Das Zutreffen der Aussage Erikssons spiegelt sich in keiner Sportart so gut wieder wie in der des Fußballs. Nehmen wir als Beispiel den deutschen Fußballverband DFB und seine 6,7 Millionen Fußballanhänger, so wird schnell klar warum die Aussage Ericssons so gut zutrifft.[9]Der DFB verfügt mit der 1., 2. Und 3. Liga über 3 professionelle Fußballigen mit insgesamt 1563 bezahlten Profifußballern.[10]D.h. das in Deutschland von den 6,7 Millionen DFB-Mitgliedern nur jedes 4286te Mitglied im Profifußball beschäftigt ist!

3.2.1 10 Jahres Regel nach Simon und Chase

Simon und Chase stellten 1973 nach der Untersuchung von Schachspielern die Hypothese auf, dass ein Sportler 10 Jahre intensives Training und Wettkampfpraxis brauch, damit er eine professionelle Ebene erreicht. Die meisten Akteure schaffen es erst nach 10 Jahren den Profistatus zu erlangen.

Die Skizze der 10 Jahres Regel von Simon und Chase soll den Zusammenhang zwischen Entwicklung und Training verdeutlichen. Die Vertikale Achse in der Skizze stellt die Entwicklungsstufe des Sportlers und die horizontale Achse die Jahre des intensiven Trainings dar. Der Schnittpunkt der Kurve mit der Konstante „Internationales Toplevel“ zeigt, dass nach 10 Jahren intensivem Training das Internationale Toplevel erreicht wird.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten[11]

Die 10 Jahres Regel von Simon und Chase ist von den Untersuchungen Conley und Krahen­buhl 1980, die Langstreckenläufer untersucht haben und dem 3 Phasen Modell von Bloom bestätigt worden. Bloom teilt die 10 Jahres Regel in 3 Phasen ein, in denen er die Entwicklung des Kindes mit Ambitionen zum Profisportler beschreibt.

Die erste Phase bezeichnet Bloom als Orientierungsphase, in der das Kind sich für eine Beschäftigung bzw. Sportart interessiert und die Eltern hierfür professionelle Betreuung z.B. einen Trainer für das Kind beschaffen. In der zweiten Phase intensiviert sich das Training für das Kind. Die Eltern versuchen dem Kind einen noch besseren Trainer zur Verfügung zu stellen, und fördern und treiben ihr Kind an, sich zu verbessern. Dadurch verbessert sich die Entwicklung des Kindes und erreicht ein neues Niveau. Die dritte Phase ebnet den Weg zum Weltklasseniveau. Die Trainingsbedingungen und der Trainer entsprechen den höchsten Standards und manchmal ist ein internationaler Wohnsitzwechsel notwendig. Das Etablieren in die Elite bedeutet für die Sportler, dass sie den Trainingsinhalt der Trainer verinnerlicht haben und jetzt ihre sehr guten Voraussetzungen in außerordentliche Erfolge umwandeln können. Für die Entwicklung und Gestaltung der Profikarriere des Kindes sind folgende Faktoren nach Bloom wichtig:

- Der auszubildende Trainer war entweder selbst Profisportler oder er hat in der Vergangenheit eine Person zu einem Leistungssportler ausgebildet.
- Die auszubildenden Kinder sind abhängig von der logistischen,
- Und von der finanziellen Hilfe der Eltern. ( „It is estimated that the additional direct cost per year to develop an elite performer in some sports may exceed 5000 $”, (Chamblis,1988))[12]

3.2.2 Deliberate Practice

Die Übersetzung für Deliberate Practice lautet „bewusste Praxis“. K. A. Ericsson hebt in seiner Theorie der Talentforschung das deliberate practice auf Grund seines hohen Stellenwertes für die Talentenwicklung hervor. Laut dem Expertiseforscher steigert die „bewusste Praxis“ bzw. das intensive Training die Fähigkeiten und die Leistung des trainierenden Akteurs sukzessiv. Jedoch soll mit zunehmendem Alter und Erfahrung das Trainingsvolumen erweitert werden, damit die Leistungen des Akteurs sich verbessern. Die Elemente die das Deliberate Practice charakterisieren, umschreibt K.A. Ericsson folgendermaßen: „ Based on a review of century of laboratory studies of learning and skill acquisition, Ericsson, Krampe, and Tesch Römer (1993) concluded that the most effective learning requires a well-defined task with an appropriate difficulty level for the particular individual, informative feedback, and opportunities for repetition and corrections of errors.”[13]

Außerdem macht K.A. Ericsson bezüglich der erfolgreichen Ausführung des Deliberate Practice, mit dem Ziel, Weltklasse zu werden 3 wesentliche Prognosen:

1. Die Quantität und die Qualität des Deliberate Practice wirken sich unmittelbar auf die Stufe der Entwicklung aus.
2. Die Eigenschaften des Deliberate Practice, wie z.B. Aufwand und Konzentration haben eine größere Priorität als die bloße Ausübung der Sportart im Sinne von, „Spielen, um Spaß zu haben.“
3. Die trainierenden Akteure üben das deliberate practice nicht aus, weil es ihnen Spaß macht, sondern um ihre Leistung und Entwicklung zu verbessern.[14]

In der Abbildung 2 „Factors Supporting Expertise/Skill Aquisation“ werden die 3 wesent­lichen Faktoren, 1. Intensität, 2. Dauer, und 3. Inhalt, die das deliberate Practice gliedern, genannt. Diese 3 Faktoren werden von den äußeren sozialen Faktoren (Familie, Trainer, finanzielle Hilfe) dem Motivationstyp (Introvertierte/Extrovertierte Charakter, Konkurrenz­fähigkeit) und den äußeren informativen Faktoren (nationale Struktur, Vereine, Bewertungs­systeme, Medienkanäle) direkt beeinflusst. Sie entscheiden darüber, ob ein ambitionierter Sportler mit dem Ziel Profi zu werden, irgendwann aufhört oder seinen Traum realisiert. Oft ist es nämlich der Fall, dass ein Kind in frühem Alter den Wunsch hat, z.B. ein Fußballprofi zu werden, dann jedoch mit reifendem Alter wegen Motivationslosigkeit oder mangelnder (familiärer, finanzieller) Unterstützung das Training vernachlässigt oder komplett einstellt.

Abbildung 6 Trichtermodell der Faktoren, die das Deliberate Practice beeinflussen

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

3.3 Eindimensionale Theorien der Talententwicklung

3.3.1 Münchener Hochbegabungsmodell nach Heller

Sind die außergewöhnlichen Fähigkeiten eines Leistungssportlers wirklich nur Übungssache oder sind gewisse Erbanlagen relevant für die überdurchschnittlichen Fähigkeiten? Das Münchener Hochbegabungsmodell befasst sich mit den jeweiligen Faktoren, die nach der These Hellers für sportliche Höchstleistungen relevant sind.

Abbildung 7 Münchener Hochbegabungsmodell von Heller[15]

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Die vielen verschiedenen aufeinander wirkenden Variablen sind in 4 Bereiche gegliedert:

-Begabungsfaktoren: Intellektuelle Fähigkeiten, Kreativität, soziale Kompetenz, Prak­tische Intelligenz, Künstlerische Fähigkeiten, Musikalität, Psychomotorik
-Nichtkognitive Persönlichkeitsmerkmale: Stressbewältigung, Leistungsmotivation, Arbeits-/Lernstrategien, (Prüfungs-)Angst, Kontrollüberzeugungen
-Leistungsbereiche:Mathematik, Naturwissenschaften, Technik, Informatik und Schach, Kunst (Musik und Malen), Sprachen, Sport, soziale Beziehungen
-Umweltfaktoren:familiäre Lernumwelt, Familienklima, Instruktionsqualität, Klassen­klima, Krit. Lebensereignisse[16]

Die zwei Doppelpfeile zwischen dem Begabungsfaktoren (Prädikatoren) und den nicht­kognitiven Faktoren und den Begabungsfaktoren (Moderatoren) und den Umweltmerkmalen (Moderatoren) zeigen die direkten Zusammenhänge auf. Die Doppelfeile sollen das wechsel­seitige Zusammenspiel zwischen den Prädikatoren und den Moderatoren verdeutlichen. Dagegen zeigen die einseitigen Pfeile von den Begabungsfaktoren zum Leistungsbereich sowie zwischen den nichtkognitiven Faktoren und dem Leistungsbereich und den Umwelt­merkmalen zu dem Leistungsbereich, dass nur eine einseitige Wirkung zwischen den Bereichen stattfindet. Das Geflecht an Beziehungen zwischen den Bereichen, die durch die Pfeile veranschaulicht werden, erklärt, wie viele verschieden Faktoren Einfluss auf eine Hochbegabung haben.

Heller stützt sein Modell auf die Begabungsfaktoren (Prädikatoren) (Prädikatoren = „Prä­diktion (lat. praedicere = „voraussagen“) ist eine Aussage über Ereignisse, Zustände oder Entwicklung in der Zukunft“[17]), die für ihn wesentlich erscheinen um die Hochbegabung zu erlangen. D.h. die 7 aufgeführten Begabungsfaktoren in Hellers Modell müssen einem Menschen genetisch weitervererbt werden, damit z.B. ein Kind zu einem Leistungssportler reifen kann. Natürlich sollen nach Hellers These die 5 nichtkognitiven Persönlichkeits­merkmale (Moderatoren) ( „Moderation ist ein Instrument, welches die Kommunikation in Teams in der Art und Weise unterstützt und ordnet, dass die Ressourcen der Teilnehmer bestmöglich zum Einsatz kommen)“[18], und die 5 Umweltmerkmale die 7 Begabungs­faktoren ergänzen und weiterentwickeln. Der „fett“ markierte Pfeil, der von den Begabungs­faktoren in Richtung Leistungsbereiche verläuft, soll dabei die Wichtigkeit und auch Abhängigkeit der Begabungsfaktoren von den Leistungsbereichen hervorheben.

Kritisch zu sehen sind jedoch die fehlende Beziehung von nichtkognitiven Persönlichkeits­merkmalen zu den Umweltmerkmalen sowie die fehlende Verknüpfung von Leistungs­bereichen und den nichtkognitiven Persönlichkeitsmerkmalen. Bei Betrachtung des Münche­ner Hochbegabungsmodelles ist von dem Bereich der nichtkognitiven Persönlichkeits­merkmale nur ein Pfeil Richtung Leistungsbereiche dargestellt. Können jedoch naturwissenschaftliche Fächer oder die Mathematik die nichtkognitiven Persönlichkeits­merkmale wie die Stressbewältigung, die Leistungsmotivation oder die Arbeits-/ Lernstrategien fördern? Dasselbe wäre auch bei der Beziehung zwischen Leistungsbereich und Begabungsfaktor zu hinterfragen. Wirken sich künstlerische oder naturwissenschaftliche Fächer nicht unmittelbar auf intellektuelle Fähigkeiten, kreative Fähigkeiten etc. aus. Der Zusammenhang zwischen den Umweltmerkmalen und den nicht kognitiven Fähigkeiten wird in diesem Modell nicht berücksichtigt. Das ist jedoch auch zu hinterfragen, denn eine intaktes familiäres Klima oder kritische Lebensereignisse können doch einen Menschen in seiner Leistungsmotivation oder z.B. bei einer Prüfungsangst beeinflußen. Dieser Ansatz zur Erklärung von Hochbegabung nach Heller erscheint kritisch und komplex. Außerdem werden basale motorischen Fähigkeiten und anthropometrische Merkmale in dem Münchener Hochbegabtenmodell nicht thematisiert.

3.3.2 Die Bedeutung basaler Fähigkeiten

Basale Fähigkeiten sind Voraussetzungen, die ein Mensch mitbringen muss, um einer gewissen Tätigkeit nachzugehen. Basale Fähigkeiten im Fußball sind Ausdauer, Schnelligkeit, Koordination, soziale Kompetenz und Grob- und Fein-Motorik. Sind diese basalen Fähigkeiten jedem Profifußballer von Natur aus gegeben oder werden diese Fähigkeiten erlernt? Basale Fähigkeiten sind in kognitive und nichtkognitive Fähigkeiten zu unter­scheiden. Da in der Weltelite des Sportes die Techniken der Ausübung mittlerweile alle beherrschen und nicht kognitive basale Fähigkeiten wie z.B. Schnelligkeit, Ausdauer und Koordination weltweit unter guten Bedingungen trainierbar sind, scheint der Unterschied in den kognitiven basalen Fähigkeiten der Profisportler zu liegen. Der Psychologe Wolfgang Schneider untersuchte 1997 in einer Studie mit jungen Tennisspielern, inwieweit psycho­logische Fähigkeiten sich auf die Leistung auswirkten. Das Ergebnis war, dass „die Nachwuchssportlerinnen und -sportler eine erhöhte Leistungsmotivation aufwiesen, erfolgsorientierter und extrovertierter waren, sowie eine erhöhte Konzentrationsleistung erzielten. Außerdem wiesen die Elitespielerinnen und -spieler sehr geringe Werte bei der Stressbelastung auf.“[19]

Nach Schneider sind basale Fähigkeiten wichtig für die Reifung zum Leistungssportler. Doch es wird nicht Aufschluss gegeben, ob die basalen Fähigkeiten durch Vererbung weiter­gegeben werden oder nicht. Der amerikanische Forscher Lewis Terman (1877-1956) könnte mit seiner Studie, in der er kalifornische Schüler auf ihre Intelligenz untersuchte, zu mehr Aufklärung beitragen. Terman diagnostizierte in seinem eigens eingeführten Intelligenztest, dass 643 Schüler der gesamten Schülerschaft einen Intelligenzquotienten von 140 oder höher hatten. Diese 643 Schüler stammten aus einer gehobenen sozialen Schicht im Gegensatz zu den restlichen Schülern der kalifornischen Schule. Da die untersuchte Schule zu einer staatlichen Schule zählte, führte Terman den hohen Intelligenzquotienten auf die Vererbung der elterlichen Gene zurück. Das Ergebnis der Terman-Studie war für Terman ein Beleg, dass Kinder aus einer sozial gehobenen Schicht eine angeborene Hochbegabung besitzen. Der Psychologe Stern (1871-1938) nahm die Theorie Termans auf und veränderte das Ergebnis um einen wesentlichen Faktor. Er fügte in seiner These zur Hochbegabten­bildung die Konvergenz zwischen Umwelt und Vererbung als wesentlichen Faktor an.[20]

Kritikpunkte zu Terman und Stern

- Vorauswahl der zu untersuchenden Schüler beeinflusst und pauschalisiert das Ergebnis.
- Kinder aus höheren sozialen Schichten pflegten mehr Kontakte zu älteren Leuten und reifen in ihrer Persönlichkeit somit schneller.
- Aufstieg in eine sozial höhere Schicht konnte nur durch hohe intellektuelle Fähigkeit erfolgen, so dass Kinder aus niederen sozialen Schichten kaum Aufstiegsmöglich­keiten hatten.
- Terman war Anhänger der Eugenik ( Eugenik = „bezeichnet seit 1883 die Anwen­dung humangenetischer Erkenntnisse auf die Bevölkerungs- und Gesundheitspolitik mit dem Ziel, den Anteil positiv bewerteter Erbanlagen zu vergrößern (positive Eugenik) und den negativ bewerteter Erbanlagen zu verringern (negative Eugenik)“[21] und somit mit Vorurteilen behaftet.

Die Theorien von Terman und von Stern sind in dem Zeitraum zwischen 1900 und 1928 erstellt worden und befinden sich somit ziemlich weit in der Vergangenheit. Sie bildeten die Anfänge der Hochbegabtenforschung und müssen deshalb auf Grund des heutigen Forschungstandes mit Abstand begegnet werden.

3.3.3 Anthropometrische Merkmale

Die Theorien der Expertiseforscher Ericsson, Simon und Chase und die Modelle der Hoch­begabtenforscher Rost, Heller, Terman und Stern sind in ihren grundlegenden Thesen sehr verschieden. Eine Gemeinsamkeit in der Hochbegabten- und in der Expertisenforschung besteht in der Relevanz des Körperbaus für den Durchbruch zum Profisportler. Neben der Relevanz der anthropometrischen Merkmale steht dabei die genetische Vererbung bestimmter körperlicher Voraussetzungen im Vordergrund. Obwohl sich der Expertise­forscher K.A. Ericsson gegen die Theorie der Vererbung von Talent sträubt, erkennt er die Notwendigkeit gewisser physischer Merkmale für den Sport, in seinem Buch „the role of deliberate Practice“ an.

„ Height is an excellent example of a characteristic for which the genetic mechanism has clearly been demonstrated. It is well-known that genetic factors closely determine height in industrialized countries with adequate nutritional support (Wilson, 1986).[22]

K. A. Ericsson bestätigt, dass körperliche Vorrausetzungen wie z.B. Die Körpergröße wesentlich sind. Außer der genetischen Vererbung der Körpergröße erwähnt Ericsson, das z.B. in Entwicklungsländern, die auf Grund ihrer wirtschaftlichen und kulturellen Situation extreme Unterschiede in den sozialen Schichten haben, Kinder aus sozial schwachen Schichten im Durchschnitt kleiner werden als Kinder aus sozial starken Schichten. Wenn die Körpergröße eine Ursache genetischer Vererbung ist, so könnte der Anschein entstehen dass das Herz, die Knochen, die Lunge, die Muskeln, der Fettgehalt im Körper etc. auch vererbbare Merkmale sind. Bei der Lösung des Problems bezieht sich Ericsson auf die Studie von Fargard, Bielen und Amery (1991). Die Studie der 3 Wissenschaftler ergab, dass die meisten körperlichen Merkmale durch entsprechendes Training, in der Theorie Ericssons das deliberate practice, vergrößert bzw. verbessert werden können.[23]

Beispiele :

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Körperliche Vorrausetzungen sind im modernen Fußball ein bedeutender Faktor. Profifußballer müssen eine große Kraftausdauer besitzen, um die 90 Minuten eines Fußballspiel erfolgreich zu gestalten. Die Anzahl der Muskeln, die Größe der Lunge und des Herzens sind im Durchschnitt größer als die eines durchschnittlichen Menschen. Der speziell angesprochen Faktor der Körpergröße ist im Fußball nur bedingt als wichtig anzusehen. Grundsätzlich wird in den europäischen Ligen Wert auf einen großen Körperbau gelegt (ca. 1,85m – 1,90m) wie z.B. in der englischen Premier League, in der die im Durchschnitt größten Profifußballer aktiv sind. Vor allem auf den zentralen Spielerpositionen im Fußball wie bei den Innenverteidigern, den zentralen Mittelfeldspielern und den Mittelstürmen bringt eine körperliche Robustheit entscheidende Vorteile mit sich. Ein schlagkräftiges Gegenargument für den Verzicht auf groß gewachsene Fußballspieler im Weltklassebereich stellt die letzten Jahre der FC Barcelona dar. In der Ausbildung des FC Barcelona wird vor allem im Jugendbereich auf Technik Wert gelegt. Körperliche Voraussetzungen sind eher peripher in der Entwicklung der Jugendlichen. Der FC Barcelona, der in der Saison 2008/2009 die Uefa Champions League gewann, ist die durchschnittlich kleinste Mannschaft Europas und besitzt mit den Spielern Lionel Messi (Weltfußballer 2010), Andres Iniesta ( 2. Platz bei der Weltfußballerwahl 2010 und Weltmeister 2010 mit Spanien) und Xavi ( 3. Platz bei der Weltfußballerwahl und WM 2010 mit Spanien) die im Moment „besten“ und erfolgreichsten Fußballer der Welt.

Abbildung 8 Vergleich der Körpergrößen von sechs Weltklassefußballern[24]

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Die Abbildung zeigt einen Vergleich zwischen drei Spielern des FC Barcelona und drei Spielern andrerer internationaler Topmannschaften bezüglich ihrer Körpergröße. Mit 1,69 m, 1.70 m und 1,78 m sind exemplarisch drei Spieler des FC Barcelona ausgewählt worden, die deutlich unter 1,85 m groß sind. Als Vergleichsgrößen dazu sind die Spieler Didier Drogba 1,89 m, Sami Khedira 1,89 m und Nemanja Vidic 1,89 m gewählt worden, die alle drei über 1,85 m groß sind. In der Abbildung sind sowohl bei den Spielern des FC Barcelona als auch bei den drei anderen Spielern Didier Drogba, Sami Khedira und Nemanja Vidic ein Abwehrspieler, ein Mittelfeldspieler und ein Stürmer gewählt worden. Alle sechs ausgewählten Fußballspieler gehören zu den weltbesten Fußballspielern auf ihren Positionen und genießen eine hohe Reputation. Dieser Vergleich der sechs Spieler unterstützt jedoch die These, dass ein großer Körperbau nicht relevant ist, damit jemand ein Weltklassefußballer wird.

[...]


[1]Vgl. Gustav Bergmann, Systemisches Innovations- und Kompetenzmanagement, Grundlagen-Prozesse-Perspektiven, Wiesbaden(Gabler),2006, S.74

[2]Vgl. Gustav Bergmann, Systemisches Innovations- und Kompetenzmanagement, Grundlagen-Prozesse-Perspektiven, Wiesbaden(Gabler),2006, S.90

[3]Vgl. Gustav Bergmann, Systemisches Innovations- und Kompetenzmanagement, Grundlagen-Prozesse-Perspektiven, Wiesbaden(Gabler),2006, S.75

[4]Vgl. arcor ihr Internetportal,http://home.arcor.de/fussball-sport/regeln/spielfeld_a.gif, abgerufen am 26.02.2011

[5]Vgl. Spox,http://www.spox.com/de/sport/diashows/1007/Fussball/wm-historisch-alle-finals/wm-finale-1930.jpg, abgerufen am 26.02.2011

[6]Vgl. Norbert Hagemann, Maike Tietjens & Bernd Strauß,http://www.hogrefe.de/programm/media/catalog/Book/978-3-8017-2033-9_lese.pdf, abgerufen am 28.02.2011

[7]Wilfred Schmid, Terman eindimensionales Modell der Talententwicklung, http://journals.zpid.de/index.php/PuG/article/viewFile/170/207 abgerufen am 28.02.2011

[8]Vgl. K. Anders Ericsson, The road to Excellence, The Aquisation of Expert Performance in the art and Sciences, Sports and Games, Lawrence Erlbaum Associates, Publishers, Mahwah New Jersey, 1996, S.1

[9]Vgl. DFB, http://www.dfb.de/index.php?id=11015, abgerufen am 01.03.2011

[10]Vgl. Transfermarkt,www.transfermarkt.de abgerufen am 02.03.2011

[11]Vgl. K. Anders Ericsson,The road to Excellence, The Aquisation of Expert Performance in the art and Sciences, Sports and Games, Lawrence Erlbaum Associates, Pubilshers, Mahwah New Jersey, 1996, S.11

[12]Vgl. K. Anders Ericsson, The road to Excellence, The Aquisation of Expert Performance in the art and Sciences, Sports and Games, Lawrence Erlbaum Associates, Pubilshers, Mahwah New Jersey, 1996, S.20

[13]Vgl. K. Anders Ericsson, The road to Excellence, The Aquisation of Expert Performance in the art and Sciences, Sports and Games, Lawrence Erlbaum Associates, Pubilshers, Mahwah New Jersey, 1996, S.20-21

[14]Vgl. K. Anders Ericsson, The road to Excellence, The Aquisation of Expert Performance in the art and Sciences, Sports and Games, Lawrence Erlbaum Associates, Pubilshers, Mahwah New Jersey, 1996, S.21-22

[15]Vgl. J. Mönks, Begabtenförderung in Thüringen, das Triadische Interdependenzmodell, http://www.thillm.th.schule.de/pages/thillm/projekte/begab/konzeptgruppe/NotesImages/Zweig21NotesImage2.jpg abgerufen am 12.03.2011

[16]Vgl. Springerlink, Hochbegabung nach D. Rost, http://www.springerlink.de/content/k4136062p15762m7/fulltext.pdf abgerufen am 28.02.2011

[17] Vgl. Wikipedia, http://de.wikipedia.org/wiki/Pr%C3%A4diktor abgerufen am 14.03.2011

[18]Vgl. Wikipedia, http://wirtschaftslexikon.gabler.de/Definition/moderation.html abgerufen am 14.03.2011

[19]Vgl. Walter Schneider, basale Fähigkeiten http://www.psycontent.com/content/hk6g781436522qtv/fulltext.pdf abgerufen am 15.03.2011

[20]Wilfred Schmid, Terman eindimensionales Modell der Talententwicklung, http://journals.zpid.de/index.php/PuG/article/viewFile/170/207 abgerufen am 28.02.2011

[21]Vgl. Wikipedia,http://de.wikipedia.org/wiki/Eugenik abgerufen am 16.03.2011

[22]Vgl. K. Anders Ericsson, Ralf Th. Krampe, and Clemens Tesch-Römer, The Role of Deliberate Practice in the Acquisition of Expert Performance, Psychological Review 1993, Vol. 100. No. 3, 363-406, Copyright by the American Psychological Association, Inc., 1993, S.394

[23]Vgl. K. Anders Ericsson, Ralf Th. Krampe, and Clemens Tesch-Römer,The Role of Deliberate Practice in the Acquisition of Expert Performance, Psychological Review 1993, Vol. 100. No. 3, 363-406, Copyright by the American Psychological Association, Inc., 1993, S.394

[24]Vgl. Transfermarkt.de, Angaben der Körpergrößen aus: www.transfermarkt.de abgerufen am 20.03.2011

Details

Seiten
53
Erscheinungsform
Erstausgabe
Jahr
2011
ISBN (eBook)
9783955495435
Dateigröße
1 MB
Sprache
Deutsch
Institution / Hochschule
Universität Siegen
Erscheinungsdatum
2015 (Februar)
Note
2
Schlagworte
Marketing Internationalisierung FIFA Anatomie Talententwicklung Erfolg Systemfußball

Autor

Bogdan Spasic wurde am 01.02.1985 in Engelskirchen geboren. Sein Studium der Betriebswirtschaftslehre an der Universität Siegen schloss der Autor im Jahre 2011 mit dem akademischen Grad des Bachelors erfolgreich ab. Sein Hobby Fußball, das er auch als Vereinsport ausübt, bewegte ihn dazu eine wissenschaftliche Arbeit zu diesem Thema zu verfassen.
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Titel: Talent- und Kompetenzentwicklung im Fußball: Der Vergleich zwischen Deutschland und Brasilien