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Mobbing in der Grundschule: Untersuchung ausgewählter Präventions- und Interventionsprojekte

Masterarbeit 2011 65 Seiten

Leseprobe

2.2 Beteiligte

Mobbing kann sowohl von einzelnen als auch von mehreren Personen ausgehen, welche als Täter bezeichnet werden.[1] Die Personen, auf die wiederum Mobbing ausgeübt wird, werden als Opfer bezeichnet. Darüber hinaus sind an einer schulischen Mobbingsituation noch weitere Personenkreise beteiligt, nämlich die Mitläufer sowie die restliche Lerngruppe. Es gibt demzufolge vier Gruppierungen innerhalb des Mobbings: Täter, Opfer, Mitläufer und die restliche Lerngruppe.[2]

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 1: Klassische Gruppierung innerhalb eines schulischen Mobbingprozesses (eigene Darstellung in Anlehnung an: Jannan 2008: 30 und Linzbach 2010: 25).

Im Folgenden werde ich auf jede Gruppierung näher eingehen, dabei im Besonderen auf die Täter und das Opfer.[3]

Die Täter

Bei den Tätern handelt es sich um bis zu maximal drei Personen, die die Mobbinghandlungen veranlassen oder ausführen und selbst nicht gemobbt werden.

Die Täter, auch als Mobber bezeichnet, zeigen oftmals ein unbedachtes, aggressives Verhalten, welches wiederum von einer geringfügigen Selbstkontrolle zeugt. Aufgrund der Tatsache, dass die Täter auch oftmals ein geringes Selbstwertgefühl besitzen, versuchen sie dieses durch Machtausübung zu kompensieren. Insofern steht als Motiv für Mobbinghandlungen die Machtausübung im Vordergrund. Zudem fällt es den Tätern schwer Empathie für andere zu zeigen, weil sie nicht in der Lage sind, die Gefühlswelt anderer wahrzunehmen. Schließlich verfügen Täter über defizitäre Handlungsmöglichkeiten an Konfliktlösungsstrategien, sodass sie unangemessen handeln.

Das Verhalten des Täters gegenüber dem Lehrer nimmt eine zentrale Rolle ein. Gegenüber der Lehrkraft tritt der Täter stets loyal und freundlich auf. Dieses Auftreten bietet dem Täter aber nicht nur den Schutz, dass die Lehrperson ihn nicht durchschaut, sondern vor allem trägt ein solches zuvorkommendes Verhalten zum Machtanstieg bei. Denn wenn der Lehrer nicht im Mobbinggeschehen interveniert, steigt aus Sicht der Mitschüler die Macht des Täters, während der Lehrer nach und nach seine Autorität verliert. In der Konsequenz wird der Lehrer als schwach eingeschätzt und wird daher weder vom Opfer noch von der restlichen Lerngruppe um Hilfe gebeten.[4]

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Abbildung 2: Charakteristika eines Täters (eigene Darstellung).

Das Opfer

Im Mobbingprozess handelt sich beim Opfer stets um eine Einzelperson. Innerhalb eines Mobbingvorfalls fühlen sich die Opfer hilflos, weil sie sich nicht selbstständig aus der Situation befreien können.[5]

Prinzipiell kann bei den Opfern zwischen zwei verschiedenen Opfertypen unterschieden werden: das passive und das provozierende Opfer, wobei passive Opfer häufiger vorkommen.

Passive Opfer sind vor allem dadurch gekennzeichnet, dass sie oftmals körperlich schwächer als die anderen Schüler sind und eher empfindsam, scheu und verängstigt im Schulalltag in Erscheinung treten. Ebenso wie die Täter, besitzen passive Opfer ein schwach ausgeprägtes Selbstwertgefühl.

Im Gegensatz dazu ragen provozierende Opfer aus der Masse heraus, was zur Konsequenz hat, dass sie geradezu eine Angriffsfläche für mögliche Täter darbieten. Charakteristisch für sie ist ein ängstliches und impulsives Auftreten. Zudem lassen sie sich leicht provozieren, leiden häufig unter Konzentrationsproblemen und erscheinen hyperaktiv. Der Fakt, dass sie gern im Mittelpunkt stehen möchten, macht sie bei den meisten Mitschülern unbeliebt.

Prinzipiell gehören beide Opfertypen zu den Außenseitern in der Klasse, das heißt, sie verfügen über einen geringen sozialen Status, was sich dadurch äußert, dass sie von den Mitschülern abgelehnt werden und keinen einzigen Freund in der Klasse haben.[6]

Abschließend muss noch festgehalten werden, dass grundsätzlich jeder zum Mobbingopfer werden kann, weil jedermann über Stärken und Schwächen verfügt, die gegen einen eingesetzt werden können. Dementsprechend tragen die Mobbingopfer keinerlei Schuld an ihrer Rolle.[7]

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Abbildung 3: Merkmale eines Opfers (eigene Darstellung).

Die Mitläufer

Um den Täter herum gruppieren sich sogenannte „Mitläufer“. Bei dieser Personengruppe variiert die Anzahl der Personen, jedoch sind es tendenziell wenige Personen, welche immer wieder in unterschiedlicher Zusammensetzung an den Mobbinghandlungen teilnehmen. Des Öfteren wirken in dieser Gruppe ehemalige Mobbing-Opfer mit. Mitläufer, welche in der Literatur auch als passive Täter bezeichnet werden, helfen dem Täter nicht nur bei der Initiierung und Ausführung von Mobbinghandlungen, sondern decken gleichermaßen den Täter. Sie unterstützen den Täter, weil dieser sie mit Drohungen an sich bindet, wie beispielsweise die Kündigung der Freundschaft.[8]

Die restliche Gruppe

Den größten Personenkreis innerhalb der vier Gruppierungen im Mobbingprozess stellt „die restliche Gruppe“ dar. Da diese primär unbeteiligt an Mobbingsituationen sind, werden sie oftmals auch als Zuschauer in der Literatur bezeichnet.[9] Zwar sind sie nicht direkt am Mobbing beteiligt, da sie jedoch nichts unternehmen, um dem Opfer zu helfen, ermöglichen sie es erst, dass der Mobbingprozess stattfinden kann.[10]

Weshalb diese Gruppe nur zuschaut und nicht handelt, kann mehrere Gründe haben. An dieser Stelle möchte ich die drei Häufigsten nennen:

1. Die Schüler sind von der alltäglichen, dargebotenen „Aufführung“ beeindruckt.
2. Die Schüler sind möglicherweise aber auch ängstlich und verabscheuen das Geschehen, unternehmen jedoch nichts, um nicht das Risiko einzugehen, selbst zum Opfer zu werden.
3. Die Situation wird von der restlichen Gruppe fehlinterpretiert und wird anstelle von Mobbing als ein harmloser Streit bzw. Spaß verstanden.

Aus der Darstellung der einzelnen Gruppierungen, die am Mobbing beteiligt sind, geht hervor, dass Mobbing kein individuelles, sondern ein soziales Problem ist.[11] In der Konsequenz bedeutet dies, dass alle Beteiligten, das heißt die gesamte Klasse, bei der Prävention sowie bei der Intervention von Mobbing einbezogen werden sollten, damit diese erfolgreich ist. Schließlich ist die ganze Klasse, passiv oder aktiv, im Mobbingprozess involviert.

2.3 Erscheinungsformen

Mobbing kann auf verschiedenen Ebenen stattfinden. So kann bei Mobbingsituationen grundsätzlich zwischen aktivem und passivem Mobbing unterschieden werden. Unter aktivem Mobbing, in der Fachliteratur auch als direktes Mobbing bezeichnet, werden hierbei alle negativen Handlungen gefasst, die direkt ausgeführt werden.[12] Weiterhin werden die direkten Formen in physische und verbale Handlungen unterteilt. Zum verbalen Mobbing, welches mit 70 Prozent aller Mobbingfälle die häufigste Mobbingform darstellt, gehört unter anderem das Bloßstellen, das Verspotten, das Beschimpfen oder auch das Beleidigen. Zu den physischen Handlungen zählen hingegen schubsen, verprügeln, stoßen, kneifen und treten, das bedeutet, alle körperlichen Berührungen, die von der betroffenen Person als unangenehm empfunden werden.[13] Es handelt sich dementsprechend um offensichtliche Angriffe.

Bei passivem Mobbing hingegen werden verdeckte Handlungen vollzogen, wie zum Beispiel das Ausschließen aus der Gruppe, das Verbreiten von Gerüchten, das bewusste Vorenthalten bestimmter Informationen, das Ignorieren sowie abwertende Blicke und Gesten. Es handelt es sich hierbei also auch um nonverbale Angriffe.[14]

Es sei zu beachten, dass bei einem Großteil der Schülerschaft die genannten Erscheinungsformen im Verlauf der Schullaufbahn zwar auftreten können und es sich trotzdem nicht zwangsläufig um Mobbing handelt. Denn erst wenn die negativen Handlungen systematisch, ständig und dauerhaft auf eine Person ausgerichtet werden, handelt es sich um Mobbing.[15]

2.4 Resultierende Definition

Aus den vorangegangenen drei Unterkapiteln (vgl. 2.1, 2.2 und 2.3) ergibt sich folgende Definition: Im Schulkontext handelt es sich um Mobbing, wenn ein Schüler von mindestens einem bis maximal drei anderen Schülern beabsichtigt, systematisch und regelmäßig über einen Zeitraum von mindestens vier Wochen durch negative Handlungsweisen attackiert wird. Die negativen Handlungsweisen können sowohl direkt in verbaler oder körperlicher Form als auch indirekt ausgeübt werden können. Diejenigen Schüler, die das Mobbing initiieren und/oder ausführen, werden als Täter bezeichnet, während der Schüler, auf den die negativen Handlungen ausgeübt werden, das Opfer darstellt. Innerhalb eines Mobbingvorfalles kann das Opfer aufgrund der geringen Einflussmöglichkeiten auf die Situation, welche wiederum aus dem Kräfteungleichgewicht zwischen den Tätern mit seinen Mitläufern und dem Opfer resultiert, den Mobbingprozess nicht selbstständig beenden.

3 Mobbing und Schule

In der Schule ist Mobbing nicht nur ein aktuelles, sondern vor allem ein sehr komplexes Phänomen, was bereits anhand der Darstellung der einzelnen Elemente von Mobbing verdeutlicht worden ist (vgl. Kapitel 2).

In diesem Kapitel soll der Zusammenhang von Mobbing und Schule herausgestellt werden. Dafür wird zunächst auf unterschiedliche Statistiken Bezug genommen, um schließlich feststellen zu können, inwiefern Mobbing an der Schule verbreitet ist. Des Weiteren werden auf mögliche Ursachen sowie Auswirkungen des Mobbings in der Schule auf seinen unterschiedlichen Ebenen eingegangen.

3.1 Verbreitung

Mobbing ist als gruppendynamisches Phänomen an der Institution Schule weit verbreitet.[16] Laut einer bundesweiten Umfrage in Deutschland der Ludwig-Maximilians-Universität ist einer von sieben Schülern an den Oberschulen bereits gemobbt worden. Dieses Ergebnis bedeutet wiederum, dass 500.000 Schüler wöchentlich vom Mobbing betroffen sein müssten. Innerhalb einer Studie der Weltgesundheits-Organisation (WHO) ging zudem hervor, dass an Berliner Schulen 30 Prozent aller Schüler bereits ein Mobbingopfer gewesen seien.[17]

In einer Online-Befragung aus dem Jahr 2009, welche von der Universität Landau realisiert wurde, gaben 40 Prozent der befragten Schüler an, dass sie Mobbingopfer wären. Von diesen 40 Prozent seien wiederum rund 16 Prozent vom Cybermobbing[18] betroffen.[19]

Die Resultate einer Erhebung der Universität Lüneburg decken sich annähernd mit der Studie der WHO sowie mit der Befragung der Universität Landau. Im Rahmen der Umfrage der Universität Lüneburg wurden 1859 Schüler im Alter von zehn und 18 Jahren zum Thema Mobbing und Gewalt befragt, wobei diese sich bei den Antworten auf die Erfahrungen der letzten drei Monate beschränkten sollten. Mehr als die Hälfte der Schüler gab hierbei an, dass sie bereits Erfahrung mit dem Phänomen gemacht hatten, sei es als Täter, als Opfer oder beides. Darüber hinaus stufte sich ein Drittel als Mobbingopfer ein, zwölf Prozent davon sogar mehrfach.[20]

Hinsichtlich der Schulform wurde in verschiedenen Studien festgestellt, dass die Anzahl der Mobbingopfer nicht wie angenommen an den Oberschulen, sondern in den ersten vier Klassenstufen, das heißt an der Primarstufe, am größten ist. An den Grundschulen tritt Mobbing mit einem prozentualen Anteil von über 13 Prozent beispielsweise doppelt so oft als an Gymnasien auf.[21] Während Mobbing in den Klassenstufen fünf bis acht durch die einsetzende Pubertät bei den Schülern seinen Höhepunkt erreicht, sind die Zahlen der Mobbingopfer in der elften bis zur 13. Klasse am geringsten.[22]

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Abbildung 4: Mobbingopfer in den verschiedenen Schulformen (eigene Darstellung in Anlehnung an: Jannan 2008: 23).

Eine durchgeführte Erhebung von Mettauer und Szaday in der Deutschschweiz hat zudem ergeben, dass Mobbing in jeder Grundschule vorkam. Für die Studie wurden 1455 Schüler ab der dritten Klasse an insgesamt 15 Grundschulen befragt, ob sie in der Schule gemobbt werden würden. Bei den Ergebnissen wurden hierbei nur diejenigen Schüler erfasst, die diese Frage mit „Ja, oft, mehr als einmal pro Woche“ beantworteten. Von Grundschule zu Grundschule schwankte dabei der prozentuale Anteil der gemobbten Schüler zwischen fünf und 19,8 Prozent.[23]

Ein möglicher Grund für das hohe Aufkommen von Mobbingopfern in der Primarstufe könnte das Defizit an sozialen Kompetenzen sein, welche sich bei Kindern im Grundschulalter erst im Laufe der Schulzeit entwickeln. Zudem müssen Grundschulkinder erst lernen, sich geeignete Strategien anzueignen, um Angriffe abwehren zu können.[24]

Die hohe Zahl der Mobbingopfer an der Grundschule könnte jedoch auch damit zusammenhängen, dass Kinder in diesem Alter normale Streitereien überwerten und sich daher schnell als Mobbingopfer fühlen, obwohl es sich nur um einen herkömmlichen Konflikt handelt.[25]

Zusammenfassend resultiert daraus, dass in allen Schulformen Mobbing stattfindet, wenngleich es an der Grundschule am häufigsten auftritt. Zudem haben die gesamten Forschungen über Gewalt an Schulen ergeben haben, dass sich Opfer- und Täterrollen schon in Grundschule beginnen zu festigen.[26] Mit der Prävention gegen Mobbing sollte daher bereits in der Grundschule begonnen werden, denn schließlich hat diese Schulform den größten Handlungsbedarf.

3.2 Ursachen

Es gibt nicht nur eine Vielfalt von Mobbing-Ursachen, sondern in den meisten Fällen sind diese auch miteinander verknüpft. Hierbei können nicht nur institutionelle und gesellschaftliche, sondern ebenso familiäre Faktoren einen Einfluss haben.[27] In diesem Unterkapitel werden diese Einflussfaktoren im Einzelnen dargestellt.

3.2.1 Institutionelle Ursachen

Für die Entstehung von Mobbing an Schulen werden folgende Ursachen genannt: die Lernkultur, die Gruppendynamik sowie das Schulklima.

Lernkultur

Im Bereich Lernkultur gibt es mehrere Faktoren, die als Ursache für die Entstehung von Mobbing angesehen werden. Zum Einen kann durch Lerninhalte, die keinen bzw. kaum einen Lebensweltbezug aufweisen und daher nur wenig schülerorientiert sind, bei den Schülern schnell Langeweile eintreten, da solche Lerninhalte für Schüler keine Relevanz darstellen. Langeweile kann wiederum ein Auslöser für Aggressionen sein.

Eine weitere Ursache für Mobbingprozesse in der Schule stellt der starke Leistungsdruck dar. Bei einer durchgeführten Umfrage von Klett wurde Leistungsdruck sogar als Hauptursache für Gewalt an der Schule von den Schülern angesehen. Auf der anderen Seite kann selbstverständlich auch ein zu geringes Anforderungsniveau zur Unterforderung führen, welche ebenfalls zur Langeweile führen kann und somit ebenso wie Überforderung ein erhöhtes Risiko für die Entstehung von Mobbing darstellt.[28]

Schulklima

Ebenso kann das Schulklima ein möglicher Auslöser für die Entwicklung von Mobbingsituationen an Schulen sein. Hierbei spielt vor allem die Einstellung der Lehrperson zur Schule und zur Klasse sowie die sozialen Beziehungen unter den Schülern eine wesentliche Rolle. Darüber hinaus ist die Gestaltung des Schulgebäudes und der Klassenräume ebenso relevant.[29]

Gruppendynamik

Schließlich stellt die Gruppendynamik einen weiteren Risikofaktor für die Bildung von Mobbing dar. In der Schule können hierbei folgende Situationen zum Mobbing führen:

- ein neuer Mitschüler,
- mangelnde Durchsetzung seitens der Lehrkraft,
- unverbindliche Klassenregeln
- sowie zu geringe Förderung des Lehrers zur Stärkung des Gemeinschaftsgefühls innerhalb der Klasse.[30]

Des Weiteren kann der Klassenverband als eine Gruppe mit Zwangscharakter angesehen werden, da sich die Schüler nicht ohne Weiteres aus der Gruppe lösen können und sich zudem ihre Mitschüler nicht aussuchen können.[31]

3.2.2 Gesellschaftliche Ursachen

Individualisierung

In den letzten Jahren hat sich die Werte- und Normenvorstellung innerhalb der Gesellschaft entschieden gewandelt, nicht zuletzt durch den wachsenden Leistungs- und Selektionsdruck. Diese Veränderung wird als Individualisierung bezeichnet. Unter dem Begriff Individualisierung wird verstanden, dass sich die Menschen immer weniger an geltende Normen orientieren und stattdessen vielmehr eigenverantwortlich ihr Leben gestalten. Dafür werden ihnen nahezu unendliche Möglichkeiten geboten. Dies hat jedoch zur Folge, dass die Menschen im Verteilungskampf um ihre Lebenschancen vorrangig an sich denken und auf diese Weise egoistisch handeln ohne Rücksicht auf andere zu nehmen. In diesem Zusammenhang werden Werte wie Solidarität und Empathie in der Gesellschaft peu à peu bedeutungslos.[32]

Medien

Heutzutage stellen Medien einen nicht unwesentlichen Sozialisationsfaktor in unserer Gesellschaft dar, da Medien aller Art einen festen Bestandteil in unserem Alltag darstellen, das heißt sowohl bei den Erwachsenen als auch bei den Kindern.[33]

In diesem Zusammenhang übernehmen Medien, zumindest teilweise, auch eine Vorbildfunktion und vermitteln auf diese Weise Werte und Normen. Durch die gezeigte Gewalt in den Medien lernen die Heranwachsenden etwa, dass sich gewalttätiges Verhalten lohnt, um Macht und Ansehen zu erreichen. Um den unreflektierten Umgang mit den Medien so weit wie möglich zu reduzieren, ist es unerlässlich, dass die Schüler in der Schule dazu angeregt werden, diese kritisch zu hinterfragen.[34] Darüber hinaus werden Medien auch eingesetzt, um Mobbing zu realisieren, wie dies beispielsweise bei Cybermobbing (vgl. Unterkapitel 3.1) der Fall ist.[35]

3.2.3 Familiäre Ursachen

Ein weiterer wesentlicher Einflussfaktor bei der Entstehung von Mobbingprozessen stellt die familiäre Situation dar. In diesem Kontext ist es etwa für die Anerkennung in der Klasse entscheidend, über welchen sozialökonomischen Status eine Familie verfügt, der sich wiederum in Kleidung, Wohnviertel oder auch in der Freizeitgestaltung eines Schülers widerspiegelt. Außerdem nehmen Faktoren wie Religionszugehörigkeit oder auch die Herkunft eines Schülers eine nicht zu vernachlässigende Rolle bei Mobbingattacken ein.

Instabile Familienverhältnisse, die z.B. durch Scheidungen hervorgerufen werden oder innerhalb von Patchwork-Familien auftreten, können dazu führen, dass Schüler durch das Ausführen von Mobbingattacken versuchen, einen Ausgleich zum vorhandenen Konfliktpotenzial in der Familie zu schaffen.[36]

3.3 Folgen

Mobbingprozesse wirken sich nicht nur negativ auf das Mobbingopfer aus, sondern können darüber hinaus auch psychische und physische Folgen auf weitere Personenkreise innerhalb der Schule haben.[37]

In diesem Kapitel werden mögliche Folgen des Mobbings für jede Gruppierung im schulischen Kontext, das heißt für das Opfer, für den Täter, für die Klasse sowie für die Schule selbst, aufgezeigt.

3.3.1 Folgen für das Opfer

Bezüglich der psychischen Folgen zeigen Mobbingopfer ein verändertes Sozial- und Leistungsverhalten auf. Dies äußert sich beispielsweise durch ein geringes Selbstwertgefühl. Die Tatsache, dass Mobbingopfer sich selbst dafür verantwortlich machen, dass sie gemobbt werden, führt nicht nur dazu, dass sie sich keinem anvertrauen, sondern darüber hinaus zu einer Schwächung ihres Selbstbewusstseins. Die negativen Auswirkungen auf ihr Selbstwertgefühl haben wiederum zur Folge, dass sie sich aus ihrem Freundeskreis oder ihrer Klasse zurückziehen. Daraus resultiert schließlich eine Ver­einsamung, die mit Verhaltensänderungen, meist aggressivem Verhalten als Abwehrhaltung, einhergeht. Zudem kommt es oftmals zu einem Leistungsabfall, welche mit der Schulunlust zusammenhängt.

Im Bereich der physischen Auswirkungen des Mobbings treten unter anderem Konzentrationsschwierigkeiten, Angstzustände, Unwohlsein und Antriebslosigkeit auf. Zudem verhalten sich Opfer sehr sensibel, was sich etwa dadurch äußert, dass sie permanent nervös, hektisch und schnell gereizt sind.

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Abbildung 5: Folgen des Mobbings für das Opfer (eigene Darstellung).

3.3.2 Folgen für den Täter

Selbstverständlich hat das Durchführen von Mobbinghandlungen auch Auswirkungen auf den Täter selbst. Der Täter erfährt Mobbing als ein Mittel, um sich durchsetzen zu können und Macht zu besitzen. Bleibt eine zeitnahe Unterstützung von außen aus, geraten Täter in einen sogenannten Aggressionsteufelskreis, dem sie in den meisten Fällen nicht mehr entkommen. Das bedeutet, dass ihr aggressives Verhalten stabil bleibt und als Erwachsene ein erhöhtes Risiko aufzeigen, Gewalttaten zu begehen.[38]

3.3.3 Folgen für die Klasse

Mobbing hat ebenso negative Auswirkungen auf die ganze Klasse und beeinflusst infolgedessen auch das Klassenklima. Mobbingprozesse wirken sich deshalb so negativ auf den Klassenverband aus, weil alle Klassenmitglieder, sei es aktiv oder passiv, permanent an Gewalttaten beteiligt sind (vgl. Kapitel 2.2) und auf diese Weise aggressive Handlungsweisen entwickeln, welche wiederum das Lernen blockieren.[39]

In der Fachliteratur konnte zudem konstatiert werden, dass bei der restlichen Lerngruppe Jungen eher zu Mittätern werden und Mädchen hingegen ein erhöhtes Risiko aufzeigen die Opferrolle anzunehmen.

3.3.4 Folgen für die Schule

Sofern ein Mobbinggeschehen pädagogisch nicht aufgearbeitet wird und das Mobbingopfer sogar als „Problemlösung“ in eine andere Klasse wechselt, zieht dies Folgen für die gesamte Schule nach sich. Es wird das Bild vermittelt, dass das Fehlverhalten des Täters keinerlei negative Folgen für den Täter selbst hat und dieser mitunter, etwa durch einen Klassenwechsel des Opfers, für sein Verhalten sogar belohnt wird. In der Konsequenz bedeutet dies, dass Mobbing an der Schule geduldet wird. Demzufolge denken die Lehrpersonen, dass es nicht notwendig ist bei Mobbingsituationen einzugreifen, da sich das Problem mit der Zeit von selbst klärt. Dies ist jedoch nicht der Fall. Wie bereits in der Einleitung dargelegt, sind Lehrer laut Gesetz dazu verpflichtet die Menschenwürde der Schüler zu schützen. Aufgrund des Faktes, dass jede Art von Mobbing die Menschenwürde angreift und sich somit gegen die Menschenrechte richtet, müssen sie bei Mobbingprozessen intervenieren.[40]

4 Analyse

In diesem Kapitel werden ausgewählte Konzepte für die Grundschule des deutschsprachigen Raums dargestellt und untersucht, welche präventiv und interventiv gegen Mobbing entwickelt worden sind.

Um eine angemessene Darstellung und Analyse der ausgewählten Konzepte zu ermöglichen und auf diese Weise ein hilfreiches Auswahlinstrument für Grundschullehrer bereitstellen zu können, beruht die Basis der Analyse auf ein konzipiertes Kriterienraster.

Aufgrund dieser Tatsache wird zunächst dieses mit seinen verschiedenen Qualitätskriterien präsentiert und erläutert. Im Anschluss daran werden die insgesamt vier Präventions- und drei Interventionskonzepte gegen Mobbing entsprechend des Kriterienrasters mithilfe programmeigener Internetpräsenzen bzw. Literaturquellen dargelegt und analysiert. Darüber hinaus werden ergänzend bereits bestehende Analysen der Programme in der Sekundärliteratur herangezogen, um die Konzepte bestmöglich darstellen und untersuchen zu können. Zur besseren Veranschaulichung erfolgt schließlich noch eine tabellarische Übersicht der einzelnen Konzepte mit den jeweiligen Untersuchungskriterien.

4.1 Kriterienraster

Wie bereits erwähnt wurde, werden die ausgewählten Präventions- und Interventionskonzepte gegen Mobbing in der Grundschule anhand eines Kriterienrasters dargestellt und untersucht.

Das konzipierte Kriterienraster umfasst insgesamt zwölf Kriterien:

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Tabelle 1: Konzipiertes Kriterienraster (eigene Darstellung).

Im Folgenden wird auf die einzelnen Kriterien des Kriterienrasters näher eingegangen.

Zunächst ist es für den Interessenten, in diesem Fall für den Grundschullehrer, essentiell zu wissen, an wen sich das Programm richtet, von wem und wo es angeboten wird sowie welche Zielsetzung das Konzept verfolgt.

Hinsichtlich der zeitlich begrenzten Kapazitäten von Lehrern spielt die praktische Umsetzung der Konzepte eine wesentliche Rolle. Daher stellt ein wichtiges Kriterium innerhalb des Kriterienrasters der Faktor Personal dar. So ist es für den Lehrer nicht unwesentlich, ob das Programm durch ihn selbst oder durch externe Fachleute durch­geführt wird. In diesem Zusammenhang spielt natürlich auch der zeitliche Rahmen der Programmdurchführung eine zentrale Rolle für die Lehrkraft.

Zudem bilden, im Hinblick auf die verschiedenen Erscheinungsformen von Mobbing (vgl. Kapitel 2.3) und die beteiligten Personen am Mobbingprozess, die zentralen Themenschwerpunkte sowie die Ebene des Konzepts, das heißt, ob es auf der Individual-, Klassen- oder Schulebene stattfindet, essentielle Kriterien für die Analyse. Während auf der Individualebene ausschließlich mit den Mobbing-Betroffenen gearbeitet wird, das heißt, mit dem Opfer und dem Täter, findet die Prävention bzw. Intervention auf der Klassenebene mit der gesamten Klasse statt. Ist das Programm für die Schulebene konzipiert, sind alle Beteiligten im Projekt involviert. Auch wenn die Schulebene sich als die effektivste aller drei Ebenen erwiesen hat, stellt sie gleichzeitig auch die anspruchsvollste dar, da eine erfolgreiche Durchführung des Programms eine längere Zusammenarbeit der Lehrerkollegen voraussetzt.[41]

Auch stellt die Methodik eines Konzeptes für die Lehrperson ein relevantes Kriterium dar. Beispielsweise ist für den Grundschullehrer vor allem wichtig, ob und inwiefern es sich bei der praktischen Umsetzung des Konzeptes um eine kindgerechte handelt. Eine wesentliche Rolle nehmen hierbei etwa interaktive Vermittlungsmethoden ein.

Darüber hinaus kann es für eine gelingende Umsetzung durchaus hilfreich sein, wenn während der Durchführung des Konzepts der Lehrkraft Material zur Verfügung gestellt werden sowie optional Unterstützung in Form von Ansprechpartnern oder auch Trainern angeboten wird. Demnach ist der Punkt Support auch ein zentrales Kriterium für das Kriterienraster.

Neben dem zeitlichen Aspekt stellt der Kostenfaktor einen weiteren wesentlichen Aspekt dar. Wie im Allgemeinen bekannt ist, sind die finanziellen Mittel der Schulen begrenzt, sodass dieses Kriterium für die Entscheidung eines Konzeptes von großer Relevanz sein kann.

Des Weiteren ist ein entscheidendes Qualitätsmerkmal von Programmen deren Effektivität. Um diese zu bestimmen, ist es wichtig zu wissen, ob und inwiefern das Konzept bereits evaluiert worden ist sowie welche Ergebnisse die Evaluation hervorgebracht hat. Wie bereits aus verschiedenen Studien hervorgegangen ist, hat die Fortbildung einen wesentlichen Einfluss auf die Effektivität des Konzeptes, da sich die Lehrer „[…] um so enger an die Programmvorgaben halten, je besser sie auf die Umsetzung vorbereitet wurden“[42]. Aufgrund seiner großen Bedeutsamkeit stellt der Aspekt Fortbildung ein eigenes Untersuchungskriterium innerhalb der Analyse dar, obwohl er eigentlich zum Kriterium Support gehört.

[...]


[1] Vgl. Schallenberg 2004: 32.

[2] Vgl. Jannan 2008: 31.

[3] Ich beziehe mich in meiner Darstellung der einzelnen Gruppierungen auf Jannan 2008:31-38, sofern nicht weitere Quellen genannt werden.

[4] Vgl. Gebauer 2005: 34f.

[5] Vgl. Gebauer 2005: 43.

[6] Vgl. Jonas/ Boos/ Brandstätter 2007: 93.

[7] Vgl. Schäfer/ Herpell 2010: 73.

[8] Vgl. Gebauer 2005: 34.

[9] Vgl. z.B. Dambach 2009:19 und Linzbach 2010: 24.

[10] Vgl. Dambach 2009: 19.

[11] Vgl. Gebauer 2005: 29.

[12] Vgl. Landesinstitut für Schule und Medien Berlin-Brandenburg (LISUM) 2008: 11.

[13] Vgl. Gaida 2010: 14f. und Alsaker 2003: 22.

[14] Vgl. Kindler 2006: 179.

[15] Vgl. Gebauer 2005: 30.

[16] Bevor ich auf verschiedene Datenquellen zu Mobbing in der Schule eingehen werde, möchte ich darauf hinweisen, dass die Daten über die Häufigkeit von Mobbing in der Schule aufgrund der Tatsache, dass bis dato keine einheitliche Definition zu Mobbing existiert, sehr schwanken, je nachdem, was unter Mobbing verstanden wird (vgl. Kindler 2006: 175).

[17] Vgl. Burck 2007.

[18] Unter Cybermobbing werden alle Mobbinghandlungen gefasst, die mithilfe der neuen Medien, das heißt mithilfe des Handys oder des Computers, vollzogen werden (vgl. Linzbach 2010: 17).

[19] Vgl. Schnack 2011: 6.

[20] Vgl. Linzbach 2010: 16.

[21] Vgl. Jannan 2008: 23.

[22] Vgl. Schäfer/ Herpell 2010: 33 und Schnack 2011: 6.

[23] Vgl. Hascher/ Hersberger/ Valkanover 2003: 119f.

[24] Vgl. Schubarth 2010: 79.

[25] Vgl. Schäfer/ Herpell 2010: 33.

[26] Vgl. Frey-Gaska/ Frey/ Kastenmüller/ Fischer/ Spies/ Manzenrieder 2007: 120.

[27] Vgl. Zentrum polis – Politik lernen in der Schule 2009: 6.

[28] Vgl. Jannan 2008: 29.

[29] Vgl. Jannan 2008: 28.

[30] Vgl. Linzbach 2010: 39.

[31] Vgl. Zentrum polis – Politik lernen in der Schule 2009: 5.

[32] Vgl. Kindler 2002: 30 und Linzbach 2010: 41.

[33] Vgl. Schill 2008: 155.

[34] Vgl. Jannan 2008: 20.

[35] Vgl. Linzbach 2010: 41.

[36] Vgl. Linzbach 2010: 40.

[37] Im Folgenden beziehe ich mich auf Linzbach 2010: 31f.

[38] Jonas, Kai J. / Boos, Margarete / Brandstätter, Veronika 2007: 96.

[39] Vgl. Kindler 2002:19.

[40] Vgl. Gollnick 2008: 116.

[41] Vgl. Jannan 2008: 42.

[42] Schick 2010: 86.

Details

Seiten
65
Erscheinungsform
Erstausgabe
Jahr
2011
ISBN (eBook)
9783955495558
Dateigröße
2 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v296967
Institution / Hochschule
Freie Universität Berlin
Note
2
Schlagworte
Schule Erscheinungsform Konflikt Bullying Hänseln

Autor

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