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Rechtsextreme männliche Jugendliche und Soziale Arbeit: Die Möglichkeiten und Grenzen eines akzeptierenden Ansatzes in der Jugendarbeit und Jugendsozialarbeit

Bachelorarbeit 2012 79 Seiten

Soziale Arbeit / Sozialarbeit

Leseprobe

3.2 Die Gleichaltrigengruppe als zentraler Bestandteil der Jugendphase

Die Gleichaltrigengruppe, die Clique, der Freundeskreis oder die Peergroup sind Bezeichnungen für eine Soziale Gruppe innerhalb der Jugendphase, welche durch zeitliche Kontinuität, eine Rollen- und Aufgabenverteilung, spezifische Normen sowie Umgangsformen, (spannungsreiche) Gruppendynamiken und besondere Identifikations- sowie Zusammengehörigkeitsobjekte charakterisiert wird (Vgl. Langfeldt/Nothdurft, 2007, S. 181-190). Die Peergroup ist auf das soziale Milieu und den Bildungsgrad bezogen vergleichsweise homogen (Vgl. ebd., S. 107) und bietet Vertrauensbeziehungen, sich von der Umwelt abgrenzende gemeinschaftliche Sinnbezüge, die Gelegenheit zur Erprobung von Handlungsfertigkeiten und Möglichkeiten der Freizeitgestaltung sowie des sozial-emotionalen Erlebens abseits der Erwachsenenwelt. Die Gleichaltrigengruppe kann aber auch für Stigmatisierungen, Aggressionen und die Vermittlung sozial abweichender Verhaltensweisen stehen. Üblicherweise gibt es eine gleichrangige Doppelorientierung an den Sozialisationsinstanzen Familie und Gleichaltrigengruppe. Eine konfliktreiche Beziehung zu den Eltern (z.B. unterschiedliche Ansichten, Kontrolle, Aggression, Gewalt) führt zum Jugendzentrismus, dem demonstrativen Boykott der Eltern- und Erwachsenenwelt bei gleichzeitiger intensiver Bindung an die Peergroup mit verbundener erhöhter Gefahr der Delinquenz (Vgl. Hurrelmann, 2010, S. 126-131). „Die intensive gemeinsame Zeit, die Heranwachsende heute miteinander verbringen, führt häufig zu einer Jugendkultur mit gemeinsamen Werten.“ (ebd., S. 129) Hierauf möchte ich im folgenden Abschnitt näher eingehen.

3.3 Jugendkulturen

Jugendkulturen zeichnen sich durch spezifische Werte, Prinzipien, Umgangsformen, Lebensweisen, Ästhetiken und Gesellschaftsvorstellungen aus, die sich von anderen eingrenzbaren (jugendlichen) Lebensstilen unterscheiden (sollen) und unter Umständen einen deutlichen Gegenpol zur (vorwiegend von Erwachsenen geprägten) Gesamtkultur[1] darstellen, unter der man das Geflecht aus gesellschaftlichen Institutionen sowie Ordnungssystemen, allgemeingültigen Normen, anerkannten Verhaltensmustern, Traditionen, Bildungsgütern, Bedürfnissen und Kommunikationsformen versteht. Sprach man zu Beginn der 1960er Jahre noch von der (einen) Jugendkultur, so gibt es inzwischen eine Vielzahl an Jugendkulturen, welche sich durch Modifikation, die Übernahme von Elementen, den globalen Austausch, neue Medien, die Vermischung von Stilen und die Lockerung der Verbindlichkeit, als Teil einer bestimmten Jugendkultur gleichzeitig Mitglied eines charakteristischen Sozialmilieus zu sein, entwickeln konnten. Diese Jugendkulturen erfüllen zum einen Selbstwert und Identität stabilisierende Zwecke, insbesondere für benachteiligte wie auch politisch-kulturell engagierte Jugendliche und dienen zum anderen dem gemeinsamen, möglicherweise mit Delinquenz verbundenen Erobern und Gestalten, von für die Jugendlichen bedeutsamen Freiräumen (Vgl. Farin, 2001, S. 18-21; Hurrelmann, 2010, S. 132-133). Außerdem ermöglichen sie Momente der genuss- sowie konsumorientierten Freizeitgestaltung und der nach außen gerichteten Präsentation von Persönlichkeit mit verbundener sozialer Verortung wie auch intensive Kontakte zu Gleichaltrigen und Orientierungssicherheit (Vgl. Borrmann, 2006, S. 50-51). Auf die Besonderheiten der rechten Jugendkultur möchte ich im fünften Kapitel eingehen.

4. Erklärungsansätze zur Entstehung rechtsextremer Einstellungen und Handlungsweisen

Die Ansätze zur Erläuterung der Herausbildung von Rechtsextremismus sind sehr vielseitig und sollen in diesem Kapitel komprimiert dargestellt werden. Dabei ist es bedeutsam diese Erklärungen nicht isoliert zu betrachten und etwa den einen Auslöser rechtsextremer Einstellungen auszumachen, sondern die Befunde in entsprechende Zusammenhänge zu setzen. Zunächst ist hervorzuheben, dass rechtsextreme Einstellungen kein jugendspezifisches Phänomen darstellen, sondern entsprechende Elemente in der Bevölkerung weit verbreitet sind. Die `Mitte-Studien` der Friedrich Ebert Stiftung haben dies erneut verdeutlicht. Im Anhang befinden sich zwei entsprechende Tabellen (Abb. 1, Abb. 2), die die erschreckende Präsenz rechtsextremer Einstellungsmerkmale veranschaulichen.

4.1 Die Makroebene – eine gesamtgesellschaftliche Betrachtung

Nach Heitmeyer ist die Begründung für eine gesteigerte Intensität rechtsextremer Orientierungen in der erhöhten Komplexität sozial-politischer Zusammenhänge, in der Auflösung traditioneller Bindungen und in der gesellschaftlichen Modernisierung mit ihrer Optionsvielfalt zu finden. Gerade junge Menschen, welche in dieser Lebensphase eine selbstbestimmte Identität ausbilden möchten, machen vermehrt in der Individualisierung begründete Erfahrungen der Ausgrenzung, Einsamkeit, Konkurrenz, Orientierungslosigkeit sowie Handlungsunsicherheit und suchen deshalb nach Halt gebenden, eingrenzenden sowie Überlegenheit suggerierenden Kategorien (z.B. Geschlecht, Herkunft, Hautfarbe, Arbeitslosigkeit, Obdachlosigkeit), einfachen Lösungen und Gewissheiten (z.B. Symbole, Rituale, Hierarchien, Gruppenzugehörigkeit, Gewalt als legitime Handlungsform). Hier bietet der Rechtsextremismus eindeutige Anknüpfungspunkte (Vgl. Oepke, 2005, S. 118-120). Außerdem haben ökonomisch-politische Krisen mit verbundener subjektiv wahrgenommener Bedrohung einen nachweislich entscheidenden Einfluss auf die Entstehung von Formen ´gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit` wie Fremden­feindlichkeit und Antisemitismus. Es wird nach Schuldigen gesucht, die man vor allem in gesellschaftlichen Randgruppen sieht (Vgl. Becker/Wagner/Christ, 2010, S. 138-141). Da der deutsche Wiedervereinigungsprozess einen besonders radikalen sowie temporeichen Umbruch darstellt (Vgl. Oepke, 2005, S. 127), ließe sich unter anderem dadurch die verschärfte Ausbreitung des Rechtsextremismus in den 1990er Jahren in den Neuen Bundesländern erklären[2], wobei auch die Lebensumstände in der DDR mit den spezifischen Sozialisationsbedingungen, die autoritäre Staatsausrichtung, die konsequente Leugnung vorhandener Fremdenfeindlichkeit sowie rechtsextremer Szenestrukturen, die Antisemitismus fördernde Haltung im Nahost-Konflikt und der Widerspruch von ausgeübter Abschottungspolitik[3] sowie gleichzeitig gepredigter friedlicher Weltoffenheit, eine bedeutende Rolle spielen (Vgl. Hopf/Silzer/Wernich, 1999, S. 116-117; Espenhorst, 2006, S. 44-47). Der Ansatz von Heitmeyer wird teilweise als zu abstrakt kritisiert, da er individuelle Verarbeitungsweisen nicht erklären kann und auch empirische Befunde zeigen, dass nur ein geringer Anteil der Jugendlichen, die entsprechende Desintegrationserfahrungen gemacht haben, zu rechtsextremen Gewalttätern werden. Dennoch sprechen viele empirische Erkenntnisse dafür, dass Jugendliche, die ihre Umwelt als ungeordnet, unsicher, ungerecht und bedrohlich wahrnehmen, häufiger zu rechtsextremen Einstellungs- und Handlungsweisen neigen. Neben dem Einfluss eines niedrigen Bildungsgrades[4], scheint die subjektive Wahrnehmung von drohendem sozialen Abstieg, im Gegensatz zu realer Arbeitslosigkeit, geringfügigem Einkommen und Armut besonders förderlich für rechtsextreme Orientierungen zu sein (Vgl. Oepke, 2005, S. 124-126). Weiterführend können rechtsextreme Erscheinungsformen „(...) durch individuell und politisch nicht oder schlecht verarbeitete Fremdheitserlebnisse, die Relativierung kultureller Standards, die Veränderung von Lebensgewohnheiten sowie sich ausbreitende Konkurrenzsituationen durch Immigration, die ihrerseits entweder ethnisch-kulturelle Divergenzen konfliktgeladen zu Tage treten lassen oder die Ethnisierung vorhandener sozialer Konfliktlinien (z.B. von Verteilungskonflikten) generieren“ (Möller, 1996, S. 28) entstehen. Diese beschriebenen Konflikte sind vor allem in Großstädten, in den sozialen Unterschichten und unter Heranwachsenden präsent (Vgl. Jaschke, 2001, S. 92). Außerdem tragen die Leugnung problematischer Tendenzen, die Abkehr von partizipativ - demokratischen Prozessen, die ungerechte Verteilung von Ressourcen, eine reaktionäre Ordnungspolitik und wachsender Rechtspopulismus auf der gesellschaftspolitischen Ebene zur Förderung des Rechtsextremismus bei (Vgl. Möller, 1996, S. 35).

4.2 Familiäre Sozialisation

Rechtsextreme Jugendliche sind häufiger bei einem alleinerziehenden Elternteil, in einer Stiefelternkonstellation, ohne leiblichen Vater und teils mit Heimerfahrung aufgewachsen. Einflussreicher aber ist, dass sie vermehrt Erfahrungen mit elterlichem Alkoholmissbrauch, physischer Gewalt, abweisenden, gefühlsarmen sowie desinteressierten Verhaltensweisen, laxen wie auch autoritären (z.B. harte Strafen, Kontrolle, Willkür) und vor allem inkonsistenten Erziehungsformen, hohem Leistungsdruck, konservativen Werten (z.B. Gehorsam, Disziplin) (Vgl. Oepke, 2005, S. 134), ungleichberechtigten Konfliktregulierungsmechanismen, Feindbild­projektionen und Intoleranz vermittelnden Umgangsformen gegenüber menschlicher Verschiedenheit machten (Vgl. Rieker, 2009, S. 34-35). Diese Belastungen (aus der Vergangenheit) werden von den Jugendlichen zum einen durch Idealisierung der Eltern als normal dargestellt oder führen auf der anderen Seite zu extremer (auch gegen die Eltern gerichtete) Wut. Auch spricht vieles dafür, dass soziale sowie politische Orientierungen und somit auch rechtsextreme Einstellungsmuster innerhalb der Familie, für die Heranwachsenden sehr prägend sind (Vgl. ebd., S. 97-98). Neben weiteren Sozialisationsinstanzen, wie Kindergarten, Schule und Medien, ist das soziale Milieu, welches Rückschlüsse auf die vorhandenen ökonomischen, sozialen sowie kulturellen Ressourcen zulässt, an bestimmte Territorien (z.B. strukturschwache Regionen oder Stadtteile) bindet und sich dadurch auszeichnet, dass Kinder ihr Leben in vergleichbaren Milieus wie ihre Eltern verbringen werden, besonders einflussreich für die Entwicklung des Rechtsextremismus (Vgl. Wagner, 2000, S. 79-84).

4.3 Täter- und Opferstudien

Durch Analysen identifizierte Willems mit dem eindeutig rechtsextrem Motivierten, dem Fremdenfeindlichkeit als Anlass dienenden Gewalttäter, dem Mitläufer und dem Ausländerfeind, welcher seine Haltung aus subjektiv wahrgenommener Benachteiligung zieht, ohne dabei gefestigter Anhänger der rechtsextremen Ideologie zu sein, vier Tätertypen. Daraus ergibt sich, dass Gewalttaten größtenteils spontan, in Gruppen, im öffentlichen Raum und unter Alkoholeinfluss stattfanden (Vgl. Noack, 1999, S. 156). Außerdem sind die Täter fast ausschließlich unter 25 Jahre alt, männlich, ledig, bereits straffällig geworden, gewalterfahren, unzureichend in das Bildungssystem[5] bzw. den Arbeitsmarkt integriert, Mitglied eines unteren Sozialmilieus[6] und Jugendliche mit problematischen Familienbiographien. Kontakt zum Rechtsextremismus und seinen Szenezusammenhängen erlangen die Täter über Mitschüler, Freunde, Arbeitskollegen und die entsprechenden Cliquen (Vgl. Gamper/Willems, 2006, S. 448-455). Diese werden zum einen von rechtsextremen Organisationen instrumentalisiert und zu Gewalt angestachelt und zum anderen legitimieren sie ihr gewalttätiges Handeln mit Hilfe externer sowie oftmals anerkannter Zuschreibungen von Ungleichheit (Vgl. Frindte/Neumann, 2003, S. 55). Die Opfer rechtsextremer Gewalt sind zur Hälfte über 25 Jahre alt, zu 2/3 männlich und haben größtenteils einen Migrationshintergrund. Weitere Opfergruppen sind Homosexuelle, Obdachlose, Behinderte, antifaschistisch Engagierte sowie Mitglieder anderer Jugendkulturen. Diese Daten geben aber nicht das gesamte Ausmaß rechtsextremer Gewalt wieder, da keine Aussagen zum Dunkelfeld getroffen werden können, wobei Statistiken von Opferberatungs­stellen auf eine deutlich höhere Dimension schließen lassen (Vgl. Gamper/Willems, 2006, S. 448-455).

4.4 Persönlichkeitsmerkmale

Ein hohes Misstrauen gegenüber Fremden (Kontaktunsicherheit), ein niedriges Selbstwertgefühl, eine nicht realisierbare Konsumorientierung, geringe Empathie- und Reflexionsfähigkeiten, eine mangelhafte Moralvorstellung, ein schwach ausgeprägtes Verantwortungsbewusstsein, eine hedonistische Lebenseinstellung, hohe Verunsicherung (Vgl. Möller, 1996, S. 30 u. S. 35), eine nicht vorhandene Fähigkeit zur Abgrenzung gegenüber Gruppenentscheidungen (Vgl. Ahlheim, 2003, S. 88), erotische Gehemmtheit, ein Hang zum Narzissmus in Verbindung mit unkontrollierten von Wut gesteuerten Verhaltensweisen und oftmals auch depressive Züge, welche aber durch aggressives Auftreten kaschiert werden, gelten als Persönlichkeitsmerkmale, die (vor allem in ihrem Zusammenspiel) rechtsextreme Einstellungs- und Handlungsweisen hervorrufen können. Deutlich wird dabei, dass diese individuellen Dispositionen meist erst unter der Voraussetzung bestimmter sozialer Einflussfaktoren zu rechtsextremen Handlungsformen führen (Vgl. Brandes, 2000, S. 95-102).

4.5 Geschlechtsspezifische Erklärungen

Die bisherigen Betrachtungen haben deutlich gemacht, dass rechtsextreme Gewalttäter und Mitglieder rechter Cliquen fast ausschließlich männlich sind. Während sich der immense Geschlechterunterschied auf der rechtsextremen Einstellungsebene verringert und bei einzelnen Elementen sogar die Frauen überwiegen, steht die Handlungsebene für männlich dominierte Militanz, Gewalttätigkeit und Radikalität (Vgl. Möller, 1996, S. 19-20). Durch das Aufweichen der geschlechtsspezifischen Rollen sind männliche Heranwachsende besonders starken Unsicherheiten und scheinbaren, durch den Abbau männlicher Geschlechterdominanz entstehenden Statusverlusten ausgesetzt. Dies verstärkt die vorhandene Anfälligkeit, auf Halt gebende traditionelle Männlichkeitsmuster (Kraft, Härte, Kameradschaft, Leistung, Opferbereitschaft, Dominanz, Körperlichkeit)[7] und somit auf Elemente des Rechtsextremismus zurückzugreifen und diese aufzuwerten enorm. Weiterführend werden teilweise auch in der grundlegenden Geschlechterhierarchisierung innerhalb der Gesellschaft und damit in der männlichen Dominanzkultur, in Form von Aggressivität, Unterdrückung, struktureller Diskriminierung und Wohlstandschauvinismus, Auslöser des Rechtsextremismus gesehen (Vgl. Möller, 1996, S. 24-26). Außerdem tragen unterschiedliche geschlechtsspezifische und vor allem durch Sozialisation (z.B. Familienstrukturen mit geschlechtsspezifischen Rollen, Verhaltensweisen sowie Aufgaben und Sozialisationsinstanzen, die Geschlechterstereotype reproduzieren) beeinflusste Verhaltensweisen der Konfliktverarbeitung und des Aggressionsausdrucks dazu bei, dass männliche Heranwachsende vorhandene aggressive Potentiale nach außen (und damit gegen andere Personen) richten, während weibliche Individuen diese vorwiegend nach Innen (und somit gegen sich selbst) wenden (Vgl. Brandes, 2000, S. 105; Borrmann, 2006, S. 174), wobei die identischen geschlechtsspezifischen Reaktionsweisen bei Jugendlichen mit eigener Gewalterfahrung auftreten können (Vgl. Brandes, 2000, S. 105). Gleichzeitig gelten Emotionalität, Kreativität und das Zeigen von Schwäche als nicht männlich, so dass Jungen die entsprechendes Verhalten zeigen, von Eltern oder pädagogischem Personal dazu aufgefordert werden, dies zu unterlassen, was zu inneren Konflikten sowie der Anwendung übersteigerter Männlichkeitsmuster[8] führen kann. Dabei wird deutlich, dass die Vater-Sohn-Beziehung, in der die Väter eine nicht vergleichbare Vorbildfunktion einnehmen, eine besondere Rolle spielt und diese Beziehung bei rechtsextremen Jugendlichen häufig dadurch charakterisiert wird, dass eine offene Rechnung mit den Vätern besteht, da sie z.B. als Identitätsstützen fehlten (Vgl. Brandes, 2000, S. 106) und gleichzeitig ein enormes nicht befriedigtes Beziehungs­bedürfnis existiert, welches sich gelegentlich ersatzweise an pädagogisch tätige Vertrauens­personen richtet (Vgl. ebd., S. 96). Zwar sind in rechtsextremen Cliquen, Gruppen und poli­tischen Organisationen auch immer mehr Mädchen und Frauen vertreten, jedoch nehmen diese meist eine passive, randständige Rolle und einen niedrigen Status mit verbundenen weiblichen Geschlechtsstereotypen ein, wobei Gewalt häufig akzeptiert, aber nicht selbst angewendet wird (Vgl. Möller, 2000, S. 64-65; Oepke, 2005, S. 145-147). Die in diesem Abschnitt sowie im gesamten vierten Kapitel dargestellten Aspekte und der gebotene Rahmen einer Bachelor Arbeit führten auch zur Konzentration auf männliche Jugendliche innerhalb meines Themas, ohne dabei die wachsende Notwendigkeit spezifischer Betrachtungen zu Rechtsextremismus bei Mädchen und Frauen in Frage stellen zu wollen, da eine solche Vernachlässigung und auf Männlichkeit reduzierte Betrachtung des Rechtsextremismus, der Realität nicht gerecht werden würde und vor allem gefährlich wäre.

4.6 Die Clique als Verstärker

Der Einfluss von Gleichaltrigengruppen ist immens, wie bereits im Abschnitt 3.2 dargestellt wurde. Die Cliquenzugehörigkeit schließt sich oftmals an die bereits negativ verlaufene familiäre wie auch schulische Sozialisation an, wird durch diese mitbestimmt und erhöht die Gefahr rechtsextremer Orientierungen und Handlungen, wenn in diesen Gruppen ein hoher Konformitätsdruck[9] sowie eine aggressive Kommunikationskultur herrscht und eine geringe Unterstützung in Krisensituationen sowie eine ausschließlich männliche Zusammensetzung gegeben ist. Jugendliche kommen über diese Cliquen mit der rechtsextremen Erlebniswelt in Kontakt, woran sich eine Ideologisierung anschließen kann (Vgl. Möller, 1996, S. 34; Frindte/Neumann, 2003, S.59-60). Diese Cliquen haben bereits im Vorfeld eine gewaltakzeptierende Normorientierung, aus der sich die rechten Einstellungen entwickeln können, was sie von rechtsextremen Organisationen bzw. Gruppen unterscheidet, die sich auf Basis einer rechtsextremen Grundeinstellung zusammenfinden und politisch-aktionistisch ausgerichtet sind. Wenn die Clique vor allem als Kompensator von Defiziten (bezogen auf Sicherheit, Akzeptanz, Zuneigung) dient, die sich durch das Familienklima entwickelt haben und sich Verbindungen mit rechten Denkweisen ergeben, steigert dies die Gefahr einer Ideologisierung. Hinzu kommen eine subjektiv wahrgenommene Konkurrenzsituation zu Jugendlichen mit Migrationshintergrund mit verbundenen Kämpfen um Räume, mangelnde individuelle Reflexion, gemeinsam geteilte jugendkulturelle Elemente (z.B. rechtsextreme Musik und der Besuch entsprechender Konzerte) und die Rolle der Peergroup als Verstärker von Vorurteilen, die durch Frustrationen ausgelöst werden und in Gewalt münden können. Entsprechende Cliquen dienen außerdem als Spielfläche zum Ausleben traditioneller Männlichkeit (Vgl. Borrmann, 2006, S. 167-180) „(...) mit der der überkommenen Beschützer-Funktion entlehnten tatkräftigen Sorge um „Recht und Ordnung“, mit nationaler Gesinnung und soldatischen Tugenden (…).“ (Möller, 2000, S. 67)

4.7 Stabilität rechtsextremer Einstellungen

Rechtsextreme Einstellungen bleiben bei einem Großteil der Jugendlichen im weiteren Lebensverlauf präsent, auch wenn sich die Radikalität der Orientierungen verringert (Vgl. Noack, 1999, S. 163) und man bei wenigen von einer ausschließlich durch die Adoleszenzkrise bestimmten Lebensphase sprechen kann, nach deren Abschluss entsprechende Haltungen durch erlangte Identitätsstabilisierung sowie Reflexionsfähigkeit kritisch gesehen werden (Vgl. Brandes, 2000, S. 103-104). Befunde sprechen auch dafür, dass sich während einer mit einer rechtsextremen Gewalttat in Verbindung stehenden Inhaftierung, zwar die Gewaltbereitschaft reduziert, aber die Einstellungen teilweise sogar verfestigen (Vgl. Frindte/Neumann, 2003, S. 61-62).

5. Die vielfältigen Erscheinungsformen des Rechtsextremismus

Dass Rechtsextremismus sehr vielseitig ist, zeigt sich auch, wenn man organisatorische Formen, szenische Zusammensetzungen, die rechte Jugendkultur mit ihrer Erlebniswelt und dazugehörende Cliquen betrachtet.

5.1 Parteien, Organisationen, Szenen, Gruppen und Jugendkultur

Bis zum Ende der 1970er Jahre handelte es sich bei Rechtsextremismus noch um ein direkt (auch personell) mit dem Nationalsozialismus verbundenes historisches Auslaufmodell. Der sich anschließende Aufschwung war vor allem mit einer in beiden deutschen Staaten aufstrebenden rechten von Skinheads geprägten Jugendkultur verbunden (Vgl. Wagner, 2002, S. 102-103). Im weiteren Verlauf entwickelte sich eine heterogene „(...) Jugendkulturlandschaft, die sich als „rechts“, scheinbar unpolitisch, als Pop-System und als sozialer Aufbruch versteht.“ (ebd., S.111) In der Öffentlichkeit dominiert (fataler Weise) bis heute ein Bild, welches das Problem des Rechtsextremismus auf die NPD und die Skinheadszene[10] reduziert. Neben der bereits dargestellten Verbreitung rechter Einstellungen innerhalb der Gesellschaft, stellt sich der Rechtsextremismus sowie die rechte Jugendkultur aber als vielseitig etabliertes Phänomen dar. So existieren feste Verknüpfungen mit sowie ausgebaute Strukturen in der Skinhead-, Hooligan-, Freefight-, Gothic-[11], Metal-, Hatecore-, Techno- und organisierten kriminellen Rockerszene. Weiterführend gibt es Wehrsportgruppen, sich ausschließlich auf den Nationalsozialismus berufende Faschisten, die Wiking-Jugend, die Hammerskins, terroristisch agierende Kleingruppen, Vereine die nationale `Jugendarbeit` leisten, Bürgerinitiativen, Parteien (z.B. NPD, DVU, REP, PRO NRW) mit den entsprechenden Agitatoren und Nachwuchsorganisa­tionen, Kameradschaften, den familienorientierten beispielsweise völkische Betreuungsangebote absichernden Ring Nationaler Frauen (Vgl. Gensing, 2009, S. 119-122), studentische Burschenschaften, rechte Verlage, Szene-Läden und mittelständische Unternehmen, Sportvereine[12], für die Szene zur Verfügung stehende Tagungs- und Kulturstätten, nationale Bibliotheken, Bürgerbüros und eben auch unorganisierte Einzeltäter[13]. Zu den Elementen der rechtsextremen Jugendkultur zählen vor allem an den kulturellen Mainstream anknüpfende Kleidungsmarken (z.B. Thor Steinar, Consdaple), Tattoos, (Zahlen-)Codes, Symboliken, Szenemedien, Rechtsrockbands[14] (z.B. Landser, Sleipnir, Kraftschlag), Liedermacher wie Frank Rennicke, entsprechende (im Verborgenen stattfindende) Konzerte, Demonstrationen, Graffiti und Aufkleber, Flugblätter, nationale Fußballturniere, Kampfsport, Germanenwettkämpfe, heidnische Sonnenwendfeiern und Zeltlager. In den letzten fünf Jahren besonders hervor getan, haben sich dabei die Autonomen Nationalisten, welche ihre Outfits, Ausdrucks- und Organisationsformen von der linken Jugendkultur übernehmen und beispielsweise eine Kundgebung mit deutschem Hip-Hop[15] musikalisch untermalen (Vgl. Staud, 2006, S. 157-179; Gensing, 2009, S. 63-88; Borstel, 2010, S. 245-258). Auf den Punkt gebracht, die rechte Jugendkultur kopiert und mischt inzwischen Elemente fast aller (jugendlicher) Lebensstile, was zu einer enormen Ausdifferenzierung der rechtsextremen Szene führt. Hierbei fördert die NPD die Entwicklung der rechten Jugendkultur und profitiert anschließend von der Politisierung sowie Ideologisierung vieler Jugendlicher, die sich unter anderen Umständen nicht für das reizlos erscheinende Parteiprogramm interessiert bzw. generell keinen Kontakt zur (ehemals unattraktiven) rechten Jugendkultur gefunden hätten. Gleichzeitig gibt es aber auch kritische Stimmen, die die Einheit der Bewegung verloren gehen sehen (Vgl. Staud, 2006, S. 158-179). Auch die Themengebiete erweitern sich und sind dabei vermehrt gegenwartsbezogen. So geht es vor allem um soziale Fragen, Globalisierungskritik, Umweltschutz, ökologischen Anbau, Sexuellen Missbrauch von Kindern, Esoterik, alternative Ernährung und staatliche Repression (Vgl. Gensing, 2009, S. 132). Die ertragreiche Nutzung des Internets (Videos, Chats, Blogs, Versandhäuser, nationale Kontaktbörsen) mit verbundener globaler Vernetzung ist auch für die rechtsextreme Szene relevant. Die rechte Jugendkultur und ihre Erlebniswelt mit Freizeit- und Unterhaltungswert besitzen inzwischen eine Eigendynamik, die die Existenz politischer Agitatoren fast erübrigt und eine enorme Gefahr darstellt. Gleichzeitig scheint aber auch die Fluktuation höher zu sein, da die ideologischen Inhalte durch die vielfältige Jugendkultur unscharf daher kommen.[16] Es stellt sich also (vor allem für Sozialarbeiter) die Frage, ob Heranwachsende nur vorübergehend an der rechten Jugendkultur interessiert sind, wobei natürlich die Gefahr einer weiteren Radikalisierung besteht oder ob sie zum ideologisierten Kern der Szene gezählt werden können (Vgl. Staud, 2006, S. 179; Schellenberg, 2011, S. 71). Abschließend möchte ich noch erwähnen, dass die Strategie der Verbotspolitik kontraproduktiv zu sein scheint, da entsprechende staatliche Bestrebungen letztendlich nur zur kurzzeitigen Abkehr von militanten Gruppierungen führen, das Kameradschaftsgefühl sowie die Gewaltbereitschaft sogar verstärken, zur gefährlichen Entwicklung autonom agierender, aber gleichzeitig gut vernetzter Gruppen (Kameradschaften, Freies Netz, Autonome Nationalisten) beitragen und dafür sorgen, dass die Existenz weiterer bedeutsamer rechtsextremer Erscheinungsformen vernachlässigt wird (Vgl. Jaschke, 2001, S. 124; Wagner, 2002, S. 109-110).

5.2 Die rechtsextreme Jugendclique als Zielgruppe Sozialer Arbeit

Weiterführend geht es darum, an den insbesondere in den Abschnitten 3.2 („Die Gleichaltrigengruppe als zentraler Bestandteil der Jugendphase“), 4.6 („Die Clique als Verstärker“) sowie 5.1 („Parteien, Organisationen, Szenen, Gruppen und Jugendkultur“) getätigten Ausführungen anzuknüpfen und die Zielgruppe Sozialer Arbeit näher hervor zu heben. Diese lässt sich mit dem Begriff der rechten Jugendclique beschreiben, welche sich vor allem durch zwei Definitionsmerkmale auszeichnet. „Zum einen eine zumindest latent vorhandene rechte Einstellung in einer Clique und die gleichzeitige – auch partielle - Übernahme von Stilmerkmalen (...)“ (Borrmann, 2006, S. 53) der rechten Jugendkultur. Daraus ergibt sich ein notwendiger und mit dem Ansatz der Akzeptierenden Jugendarbeit zu vereinbarender Ausschluss organisierter rechtsextremer (Jugend-) Gruppen, die ihren Zusammenschluss ausschließlich auf politische Wert- und Normvorstellungen begründen, da hier zunächst eine gesellschaftspolitische gegenüber der pädagogisch-sozialarbeiterischen Auseinandersetzung vorzuziehen ist. Außerdem wird daraus ersichtlich, wie bedeutsam die jugendkulturellen Faktoren sind (Vgl. ebd., S. 53). Diese rechtsextremen Cliquen bestehen fast ausschließlich aus männlichen Jugendlichen im Alter von 15 bis 24 Jahren, zeichnen sich meist durch eine Komm- und Geh-Struktur aus, geraten durch Ideologisierungs- und Anwerbeversuche vereinzelt in den Einflussbereich organisierter Rechtsextremer, sind im öffentlichen Raum unterwegs und eignen sich diesen an, sind gleichzeitig überdurchschnittlich häufig in Jugendclubs präsent, tragen die rechte Weltanschauung offen zur Schau, besitzen entsprechende Feindbilder und sind zumindest Gewalt akzeptierend, auch wenn es um die Beantwortung interner Regelverletzungen geht. Die Cliquenstruktur zeichnet sich durch informelle Hierarchien aus, wobei sich die individuelle Positionierung in dargestellter Reihenfolge nach der gelebten Gruppensolidarität, der Intensität der Kameradschaft, der Bereitschaft zur Gewaltanwendung, der Dauer der Cliquenzugehörigkeit, der verbalen Geschicklichkeit und Intelligenz richtet, welche beispielsweise an der politischen Argumentationskompetenz bemessen wird (Vgl. Borrmann, 2006, S. 55-94). Somit wird bereits deutlich, dass die Praktiker der Sozialen Arbeit die im Titel dieser Bachelor Arbeit beschriebenen rechtsextremen männlichen Jugendlichen vorwiegend in Gruppenkonstellationen antreffen, so dass neben Ansätzen der Einzelfallarbeit vor allem die Arbeit mit Gruppen viel Raum einnimmt. Im folgenden soll die Rolle der Sozialen Arbeit und insbesondere der Jugendhilfe beleuchtet werden.

6. Soziale Arbeit – Jugendarbeit/Jugendsozialarbeit und Rechtsextremismus

„Die Profession Soziale Arbeit fördert sozialen Wandel, Problemlösungen in menschlichen Beziehungen und die Stärkung und Befreiung von Menschen, um das Wohlergehen zu stärken. Gestützt auf Theorien über menschliches Verhalten und sozialer Systeme greift Sozialarbeit an den Stellen ein, wo Menschen mit ihrer Umwelt in Wechselwirkung stehen. Die Grundlagen von Menschenrechten sozialer Gerechtigkeit sind für die Soziale Arbeit wesentlich.“ (Molderings, zit. nach International Federation of Social Workers and International Association of Schools, 2004, S. 2) Sie möchte die Partizipationsmöglichkeiten von Menschen fördern, ihre Fertigkeiten erkennen und entwickeln, ihr Befinden verbessern, ihre Selbstbestimmung achten und ermöglichen, sie ganzheitlich wahrnehmen sowie ihre individuelle Lebenswelt berücksichtigen, ihre Vielfältigkeit respektieren und sich gegen ausgrenzende sowie diskriminierende Verhältnisse innerhalb einer Gesellschaft engagieren (Vgl. Leinenbach/Nodes/Stark-Angermeier, 2009, S. 1-2).

6.1 Jugendarbeit

Die Jugendarbeit als Bestandteil der Sozialen Arbeit war in ihren Ursprüngen aus ordnungspolitischen Argumentationen heraus gegründet worden, um auf die Entstehung der eigenständigen Jugendphase mit ihren rebellierenden sowie delinquenten Zügen zu Beginn des 20. Jahrhunderts zu reagieren und die (vorwiegend männlichen) Jugendlichen im Sinne patriotischer, elitärer und nachfolgend nationalsozialistischer Ziele zu erziehen. Nach dem 2. Weltkrieg fand eine Ausdifferenzierung in die vor allem von politischer Bildung geprägten Bereiche kommunale Jugendpflege, Jugendverbände, offene Jugendarbeit und Jugendsozialarbeit (Abschnitt 6.2) statt. Der zunächst an Bedeutung verlierende ordnungspolitische Charakter, scheint aktuell unter den Einflüssen des Neoliberalismus, der sozialen Spaltung und der Infragestellung der Funktionalität des Wohlfahrtsstaates für die Jugendarbeit wieder relevanter zu sein, so dass die Jugendarbeit zum einen zunehmend auf Problem kompensierende Ziele reduziert und zum anderen ihre gesellschaftspolitische Einbettung deutlich wird. Jugendarbeit ist ein außerschulisches, öffentliches, pädagogisches, bildungs- sowie erfahrungsorientiertes, auf Freiwilligkeit beruhendes, für alle Kinder und Jugendlichen bestimmtes wie auch ganzheitlich ausgerichtetes (Sozialisations-) Angebot von kommunalen und freien Trägern. Dieses zeichnet sich durch eine individuelle oder gruppenbezogene Freizeitgestaltung, wie auch Bildung und Entspannung, vielfältige an der jugendlichen Lebenswelt orientierte Methoden, ein partei- ergreifendes jugend- und bildungspolitisches Engagement der in der Jugendarbeit Tätigen, Bedürfnisorientierung sowie begleitende (professionelle und viele ehrenamtliche) Mitarbeiter aus. Somit möchte die Jugendarbeit die Selbstbestimmung, Selbstständigkeit, Eigen­verantwortung, Kompetenzen, Reflexivität, und Partizipationsmöglichkeiten von Kindern und Jugendlichen fördern, ihnen Freiraum zur Entfaltung ermöglichen, ihnen Alternativen gegenüber delinquenten sowie menschenverachtenden Ausprägungen der Konfliktbewältigung (z.B. rechtsextreme Einstellungen und Handlungsweisen) aufzeigen und somit die Entwicklung individueller Beeinträchtigungen wie auch struktureller Benachteiligungen verhindern, damit Hilfen der Jugendsozialarbeit gar nicht erst notwendig werden. Die rechtliche Verankerung der Jugendarbeit findet man in § 11 bzw. § 12 des Kinder- und Jugendhilfegesetzes (SGB VIII). Jugendclubs, unkommerzielle Freizeitfahrten, Beratungs- wie auch Unterstützungsangebote bei geringfügigen (familiären, schulischen, beruflichen) Problemen, Interkulturalität, Mädchen- und Jungenarbeit, Jugendringe und -verbände, Sportvereine, Gemeinwesenorientierung, Erlebnispädagogik und auch aufsuchende Ansätze stellen wichtige Bestandteile der Jugendarbeit dar (Vgl. Wendt, 2010; Lang, 2012, S. 19-32).

6.2 Jugendsozialarbeit

Die Jugendsozialarbeit als kommunale Pflichtleistung mit bedingtem Rechtsanspruch bietet gesellschaftlich benachteiligten und/oder individuell beeinträchtigten Jugendlichen sozialpädagogische und insbesondere berufsbezogene Unterstützungsangebote[17] zu einer gelingenden sozialen Integration (§13 SGB VIII). Dazu zählen die arbeitsweltbezogene Jugendsozialarbeit, das sozialpädagogisch unterstützte Jugendwohnen in der Zeit der Ausbildung bzw. Berufsvorbereitung, die Schulsozialarbeit sowie aufsuchende, mobile und offene Angebote (z.B. Streetwork, mobile Jugendarbeit, aufsuchend arbeitende Jugendhäuser) für Zielgruppen, die mit anderen Formen nicht mehr erreicht werden können. Die Angebote sollen individuell, niedrigschwellig, ganzheitlich sowie an der Lebenswelt orientiert sein, mit anderen Unterstützungsleistungen (SGB II, III, XII) kombiniert werden und insbesondere Jugendliche auffangen, die aus den Regelsystemen Schule und berufliche Ausbildung herausfallen. Neben dem Ziel der Integration des Einzelnen in Arbeit und Gesellschaft[18], geht es vor allem darum, struktureller Diskriminierung entgegenzuwirken. „Denn wenn es Jugendsozialarbeit gelingt, soziale Ausgrenzung zu verhindern, und jungen Menschen, die vor allem Scheitern und Perspektivlosigkeit kennen gelernt haben, Erfolge, Anerkennung und Kompetenzen zu vermitteln, dann sind damit auch gute Grundlagen für eine „pädagogische Arbeit gegen Rechtsextremismus und Rassismus“ gelegt.“ (Pingel, 2012, S.33) Zukünftig kann die persönliche und soziale Entwicklung junger Menschen verbessert werden, indem Jugendsozialarbeit noch flexibler und individueller ausgerichtet, die Sozialraum- und Lebenslagenorientierung verstärkt, die emanzipatorische Jungenarbeit weiterentwickelt[19] und die politische Bildung sowie interkulturelle Öffnung voran gebracht wird und die Heranwachsenden dabei unterstützt werden, ihre Lebensoptionen und Entfaltungsmöglichkeiten selbstbestimmt erkennen sowie nutzen zu können (Vgl. Pingel, 2012, S. 41-43).

6.3 Doppeltes Mandat, Akzeptanz und Beziehungsarbeit

Wie die Soziale Arbeit im Allgemeinen, befindet sich auch die Jugendarbeit/Jugendsozialarbeit (mit rechtsextremen Jugendlichen) im Konfliktfeld verschiedenster Interessen. Zum einen müssen Sozialarbeiter eine vertrauliche, parteiliche sowie unterstützende Haltung gegenüber den Jugendlichen einnehmen, ihre Partizipationsmöglichkeiten verbessern und gesellschaftliche (also soziale, ökonomische, politische, kulturelle und strukturelle) Missstände sowie Benachteiligungen verringern, um eine ertragreiche pädagogische Beziehung aufbauen und den Zielen der Jugendhilfe gerecht werden zu können. Auf der anderen Seite steht der von der Sozialen Arbeit zu erbringende gesellschaftliche Nutzen, der erst die Finanzierung der Jugendarbeit/Jugendsozialarbeit legitimiert und eben auch kontrollierende, ordnungspolitische, marktkonforme und auf Verhaltensmodifikation ausgerichtete Charakterzüge besitzt (Vgl. Molderings, zit. nach International Federation of Social Workers and International Association of Schools, 2004, S. 1). Die Ziele der Jugendarbeit, sprich die Selbstbestimmungspotentiale von Jugendlichen zu aktivieren und ihre Partizipation (soziales Engagement) zu verbessern, sind im Endeffekt immer an eine Anpassung der Jugendlichen an die spezifischen Gemeinschaften/ Gesellschaften gekoppelt und durch das natürliche Elternrecht auf Erziehung (§ 1 Abs. 2 SGB VIII) nur begrenzt umsetzbar (Vgl. Lang, 2012, S. 25). Gleichzeitig spielen bei der Arbeit mit rechtsextremen Jugendlichen auch Interessen ein Rolle, die die Meinung vertreten, dass eine Akzeptierende Jugendarbeit sich gegen die Prinzipien Sozialer Arbeit wendet, da menschen­verachtende Einstellungen und Handlungen geduldet werden und man diesen Jugendlichen nur mit gesellschaftlicher Ausgrenzung begegnen könne.

Hier befindet man sich in einem Dilemma, da der gezielte Ausschluss von Menschen wiederum dem sozialarbeiterischen Grundsatz der Akzeptanz widerspricht. Dabei geht es darum, „(...) die Menschen mit ihrer Individualität und Subjektivität mit ihren eigenen Vorstellungen, Wünschen und Lebensstilen, mit ihrem „biografischen Eigensinn“ und ihren besonderen Ressourcen ernst zu nehmen.“ (Seithe, 2010, S. 40-41) Soziale Arbeit soll also die unterschiedlichen Lebens­entwürfe, Einstellungs- und Handlungsweisen von Menschen registrieren, respektieren und anerkennen (Vgl. Leinenbach/Nodes/Stark-Angermeier, 2009, S. 8-10). Auch die „Offene Kinder- und Jugendarbeit bringt jungen Menschen Vertrauen, Wertschätzung und persönliche Akzeptanz entgegen. (...) Dabei schließt eine akzeptierende Haltung Kritik und Konsequenz sowie die Orientierung an Regeln und Strukturen nicht aus.“ (Bayerischer Jugendring, 2008, S. 11) Jedoch wurde bzw. wird oftmals die Bewahrung der Haltung der Akzeptanz beim Umgang mit rechtsextremen Jugendlichen von Anfang an strikt abgelehnt. Franz-Josef Krafeld als einer der Initiatoren der Akzeptierenden Jugendarbeit, rückte deshalb den Begriff der Akzeptanz in den Mittelpunkt, um das ausschließlich auf Ausgrenzung ausgerichtete Verhalten der Sozialen Arbeit gegenüber rechten Jugendlichen Ende der 1980er Jahre zu thematisieren bzw. zu kritisieren. Hauptsächlich sollten damit die Probleme der Jugendlichen eine Rolle spielen und nicht die Problematiken, die die Heranwachsenden verursachen (Vgl. Borrmann, 2006, S. 221-222). „Akzeptieren zu betonen macht nur da Sinn (...) wo wegen tiefgreifender Unterschiede und Gegensätze Akzeptieren gemeinhin nicht selbstverständlich ist, ja vehement abgelehnt wird. Denn die Akzeptanz eines tiefgreifenden Andersseins macht geradezu ein Kernelement demokratischer Lebensverhältnisse aus.“ (Lutzebäck/Krafeld, 1996, S. 89) Es geht aber weiterführend vor allem um die Akzeptanz der Person und niemals um die Akzeptanz der rechtsextremen Orientierungen. Diese Akzeptanz verliert aber ihre Legitimation, wenn rechtsextreme Jugendliche, andere Menschen einschüchtern sowie (unter Gewaltanwendung) ausgrenzen und dieses Handeln von breiten Bevölkerungsteilen und politischen Vertretern beispielsweise in bestimmten ländlichen Regionen gebilligt oder gar unterstützt wird (Vgl. Borrmann, 2006, S. 221-222). Der Begriff der Akzeptanz kann somit mit identischer Bedeutung innerhalb der Sozialen Arbeit allgemein sowie für die Akzeptierende Jugendarbeit im speziellen angewendet werden[20], wobei zu betonen ist, dass keine menschenverachtenden Orientierungen und Handlungen akzeptiert werden, was aber ebenfalls ein generelles Prinzip der Sozialen Arbeit ist.

Beziehungsarbeit, sprich der Aufbau sowie die Pflege einer essenziellen Bindung zwischen den Jugendlichen und dem Sozialarbeiter, ist für die Jugendarbeit/Jugendsozialarbeit wie auch für die Akzeptierende Jugendarbeit von großer Bedeutung und steht für Freiwilligkeit, Nachhaltigkeit, Sicherheit, Vertrauen und Identifikation, ohne dabei zu vergessen, dass es sich vor allem um eine fachlich-professionelle und nicht ausschließlich persönliche Beziehung handelt. Sie kann zum einen dazu dienen, die Kompetenzen zum Aufbau sozialer Bindungen zu verbessern, welche z.B. durch die Bedingungen im familiären Umfeld mangelhaft ausgeprägt sind. Zum anderen geht es vorwiegend darum, die generellen Voraussetzungen einer Zusammenarbeit zu optimieren und die wünschenswerte Situation zu schaffen, dass die Jugendlichen die Sozialarbeiter als unterstützende sowie sachkundige Respektspersonen wahrnehmen, die man bei Schwierigkeiten problemlos kontaktieren kann. Auf rechtsextreme Jugendliche bezogen, geht es für die Sozialpädagogen darum, Eindrücke von der Clique/Szene zu bekommen, ein Vertrauens­verhältnis zu einzelnen Mitgliedern aufzubauen, um nachfolgend die pädagogische Auseinandersetzung über lebensnahe Elemente des Rechtsextremismus initiieren zu können (Vgl. Pingel/Rieker, 2002, S. 19-20). Auf die weiteren Spezifika der Beziehungsarbeit innerhalb der Akzeptierenden Jugendarbeit mit rechtsextremen Jugendlichen möchte ich im Abschnitt 7.2.2 näher eingehen.

[...]


[1] Aufgrund der Einflüsse von Individualisierung und Pluralisierung ist diese nicht einfach zu beschreiben, jedoch ergeben sich durch die Spezifika bestimmter Jugendkulturen weiterhin deutliche Abgrenzungsmomente.

[2] Aktuelle zu allgemein gefasste Ost-West Vergleiche sind nicht angebracht, da es sich vor allem um regionale Unterschiede hinsichtlich Sozialstruktur, ökonomischer Stärke, politischer Landschaft, kulturellem Angebot und demografischen Aspekten handelt, die sich entsprechend auf die Entwicklung von Rechtsextremismus auswirken. (Vgl. Quent, 2012, S. 41-42)

[3] Zum einen ist hiermit der Umgang mit Gastarbeitern sowie Studenten aus befreundeten Ländern gemeint und zum anderen die Rolle der DDR in der Weltgeschichte.

[4] Dafür sprechen Studien, die zu dem Ergebnis kommen, dass die Anfälligkeit für rechtsextreme Einstellungen als Gymnasiast am geringsten sowie als Hauptschüler am höchsten ist. „Hinter dem Schultyp als „soziale Adresse“ verbirgt sich natürlich eine ganze Menge. Teils spiegelt die besuchte Schule per Selektion die Zugehörigkeit zu sozialen Schichten und damit die Bildung sowie die finanzielle und berufliche Situation der Eltern. Teils geht der Schultyp mit Variationen in der zu Hause erfahrenen Erziehung einher. Er steht in gewissem Maß für Intelligenzunterschiede. Es gibt genuine schulbasierte Effekte. Und schließlich ist auch an Unterschiede in den Lebens- und Zukunftschancen zu denken.“ (Noack, 1999, S. 158-159)

[5] Die schulische Sozialisation rechtsextremer Gewalttäter ist vor allem durch wachsendes Leistungsversagen, unentschuldigte Fehlzeiten, Schulabbrüche und Delinquenz gekennzeichnet. Dies verweist auf Defizite wie auch Potentiale innerhalb des Schulsystems (Vgl. Frindte/Gaßebner u.a., 2001, S. 319).

[6] Wobei Elemente des Rechtsextremismus in allen gesellschaftlichen Schichten vertreten sind. Während die fremdenfeindlich motivierte Gewaltakzeptanz in den unteren Schichten präsent ist, spielen Nationalismus sowie Wohlstandschauvinismus in der Mittel- wie auch Oberschicht eine bedeutsame Rolle (Vgl. Espenhorst, 2006, S. 36-41).

[7] Die rechtsextreme Jugendkultur formvollendet traditionelle Männlichkeit durch arbeitsbezogene sowie standfeste Kleidung wie auch Körperhaltung, einen Kraft demonstrierenden Tanzstil (Pogo), Tätowierungen, Glatzen, extremen Alkoholkonsum und Gewalt (Vgl. Borrmann, 2006, S. 87).

[8] Dafür steht folgende beispielhafte Äußerung: „Insoweit männliche Jugendliche altersgemäß und sozial noch nicht in der Lage sind, lebendige Nachweise ihrer Zeugungsfähigkeit zu erbringen, sehen sie sich umso mehr aufgefordert, etwaige Zweifel an ihrer Potenz sowohl von vornherein auszuräumen als auch ihnen, im Falle ihrer Äußerung, strikt entgegenzutreten.“ (Möller, 2000, S. 69)

[9] „(...) Peergroups zeigen dann eine besonders hohe Konformität, wenn das psychische Bedürfnis nach Mitgliedschaft nicht anderweitig kompensiert werden kann. (…) Zugleich wirkt es erhöhend auf die Gruppenkonformität, wenn die Erwartungen der Gruppe an die Gruppenmitglieder expliziert sind und somit nur ein eingeschränkter Verhaltensspielraum den Einzelmitgliedern zur Verfügung steht.“ (Borrmann, 2006, S. 176)

[10] Die Jugendkultur der Skinheads entwickelte sich Ende der 1960er Jahre unter Jugendlichen des Arbeitermilieus in England. Aus einer zunächst `unpolitischen` auf Provokation, Gewalt, Musik und Spass ausgerichteten Szene heraus, formierte sich auch in Deutschland eine rechtsorientierte bis rechtsextreme Skinheadkultur. „Antibürgerliche Gruppen-Identität, subkulturelles Bewußtsein, kompromißloses fremdenfeindliches Denken, jugendspezifisches „Outfit“ und eine Dynamik von Aktionen, die von oben stigmatisiert und verfolgt werden, machen die rechten Skins zu einer kleinen, subkulturellen Minderheit, die deutliche Züge einer sozialen Bewegung annimmt und ihrerseits Bewegungs-Elemente in den Protest von rechts einbringt.“ (Jaschke, 2001, S. 127) Innerhalb der Skinheadkultur gibt es aber auch `unpolitische` sowie linke Skins. Heute spielt die Skinheadszene innerhalb des Rechtsextremismus kaum noch eine Rolle.

[11] Hierbei handelt es sich vor allem um satanistisch-heidnisch-germanische Anknüpfungspunkte.

[12] Beispielhaft dafür steht der Neonazi Tommy Frenck, welcher Jugendliche über seinen gegründeten Fußballverein SV Germania Hildburghausen an die Kameradschaftsszene bindet (Vgl. Blaschke, 2011, S. 63-69)

[13] Exemplarisch dafür steht der Mord an der Ägypterin Marwa el-Sherbini in einem Dresdner Gerichtssaal (Vgl. Drobinski/Preuss, 2010, S. 238-244).

[14] Rechter Musik wird eine enorme Tragweite beim Zugang zu rechtsextremen Cliquen zugesprochen, auch wenn Pädagogen hierbei zu Recht vor einer Entkontextualisierung und der Ausblendung relevanter Szeneeinstiegsfaktoren warnen (Vgl. Glaser/Schlimbach, 2009, S. 19-29).

[15] Der Rapper MaKss Damage ist hierbei der wohl bekannteste Vertreter von Hip-Hop Musik, die ausschließlich antisemitische, nationalsozialistische, antiimperialistische und Gewalt verherrlichende Inhalte transportiert (Vgl. Sieber, 2012).

[16] Da diese Inhalte aber auf einem gemeinsamen sinnstiftenden Kern, dem Rechtsextremismus, beruhen und sich darauf zurückführen lassen und eine hochgradige Vernetzung zwischen den genannten Organisationen wie auch Szenen und ihren Akteuren besteht, werde ich weiterhin von der einen rechten/rechtsextremen Jugendkultur sprechen.

[17] Es geht dabei um „(...) nonformale und informelle Erziehungs-, Beratungs- und Bildungsangebote (…).“ (Pingel, 2012, S. 35)

[18] Damit ist nicht gemeint, dass Jugendsozialarbeit ausschließlich als Vollstrecker der Zielstellungen von Wirtschaft, Politik und Agentur für Arbeit agiert und sich nur an der Beschäftigungsfähigkeit von Jugendlichen ausrichtet. Sondern Jugendsozialarbeit sollte sich als Akteur der Bildungs-, Sozial- und Arbeitsmarktpolitik sowie Verteidiger jugendlicher Interessen verstehen und entsprechend handeln. Jedoch besteht das Problem, dass der sozial- und arbeitsmarktpolitische Umbau der letzten Jahre und die rechtliche Vorrangstellung des SGB II dazu geführt haben, dass die Jugendsozialarbeit immer häufiger (finanziellen) Einschränkungen bzw. kompletten Streichungen ausgesetzt ist (Vgl. ebd., S. 35-39).

[19] Obwohl empirische Befunde darauf verweisen, dass männliche Jugendliche die offene Jugendarbeit häufiger und intensiver in Anspruch nehmen, ist die geschlechtssensible Jungenarbeit im Vergleich zur Mädchenarbeit enorm unterentwickelt und unerprobt. Häufig scheint ein Verweis auf die für die männlichen Jugendlichen attraktive und anziehende Struktur sowie Ausstattung (Kicker, Billard, Boxsack, Graffitiwand) der Einrichtung zu genügen, um sagen zu können, man werde den Ansprüchen der Jungenarbeit gerecht (Vgl. Graff, 2011, S. 180-182).

[20] Weitere Ausführungen dazu folgen unter erstens im Abschnitt 7.1 „Grundsätze und Ziele der Akzeptierenden Jugendarbeit“.

Details

Seiten
79
Erscheinungsform
Erstausgabe
Jahr
2012
ISBN (eBook)
9783955495879
Dateigröße
1 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v296975
Institution / Hochschule
Ernst-Abbe-Hochschule Jena, ehem. Fachhochschule Jena
Note
2
Schlagworte
Gewalt Jugendkultur Beziehungsarbeit Sozialarbeit Rechtsextremismus

Autor

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Titel: Rechtsextreme männliche Jugendliche und Soziale Arbeit: Die Möglichkeiten und Grenzen eines akzeptierenden Ansatzes in der Jugendarbeit und Jugendsozialarbeit