Lade Inhalt...

Der Matthäus-Effekt im professionellen Fußball in Deutschland: Vom Talent zum Profisportler

Bachelorarbeit 2011 53 Seiten

Gesundheit - Sport - Sportökonomie, Sportmanagement

Leseprobe

2.2 Der Matthäus-Effekt in der Wirtschaft

Ein gängiges Sprichwort bei amerikanischen Betriebswirtschaftlern lautet: „It takes money to make money.“ Dabei sprechen die wenigsten Ökonomen bei der Betrachtung von unterschiedlichen Verteilungen von Wohlstand verschiedener Volkswirtschaften und Reichtum einzelner Privatpersonen von einem Matthäus-Effekt. Zunächst muss man in der Wirtschaft jedoch zwei verschiedene Arten des Effekts unterscheiden. In der Literatur ist von absoluten und relativen Matthäus-Effekten die Rede (Rigney, 2010, S. 10). Ein absoluter Matthäus-Effekt liegt dann vor, wenn die Reichen wohlhabender werden, während die Armen zeitgleich ärmer werden. Neben einem absoluten Matthäus-Effekt tritt häufig auch ein relativer Effekt auf. Dieser drückt sich dadurch aus, dass zwar sowohl Reiche, als auch Arme einen Zuwachs an Wohlstand haben, dieser bei den Wohlhabenden aber einen relativ größeren monetären Wert generiert.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 1: Der Matthäus-Effekt in der Wirtschaft (Quelle: Eigene Darstellung nach Rigney, 2010, S. 11)

Abbildung 1 veranschaulicht sowohl den absoluten, als auch den relativen Matthäus-Effekt. So zeigt Linie A einen Investor, der 1000 € anlegt, die über einen Zeitraum von zehn Jahren zu einem Zinssatz von 10% p.a. verzinst werden. Der Investor, der durch Linie B dargestellt wird, hat zwar die gleichen Bedingungen, jedoch nur 100€ Startkapital. Betrachtet man den Zusammenhang zwischen den beiden Graphen A und B, so lässt sich ein relativer Matthäus-Effekt nachvollziehen. Während der erste Investor einen Wertzuwachs von 1594 € verzeichnen konnte, sind es im Falle von Investor B im gleichen Zeitraum nur 159 €. Beide Anleger haben die gleichen Konditionen, doch der anfängliche Unterschied von 900€ ist innerhalb von zehn Jahren auf 2335 € angestiegen. Linie C zeigt schließlich einen Schuldner, der durch einen Kredit Verbindlichkeiten in Höhe von 1000 € hat. Vergleicht man den Graphen A (oder B) mit C wird ein absoluter Matthäus-Effekt deutlich. Der zu Beginn über mehr Grundkapital verfügende Investor A gewinnt, wohingegen der Verschuldete weitere Schulden aufbaut.

In diesem Beispiel zeigen sich die typischen Ausprägungen des Matthäus-Effekts in der Wirtschaft, wobei die positiven Rückkopplungen verdeutlicht wurden, die durch einen anfänglichen Vorteil in der monetären Ausstattung entstehen können.

2.3 Der Matthäus-Effekt in der Politik

Da Politik und Wirtschaft eng miteinander verflochten sind, lassen sich beide Gebiete auch nur schwer getrennt voneinander betrachten. Häufig wird beobachtet, dass sich ein ökonomischer Vorteil in einen politischen verwandelt und auch ein umgekehrter Effekt ist durchaus denkbar. Vermögende Politiker können es sich z.B. erlauben, aufwendige Medienkampagnen und Werbegeschenke (z.B. Kugelschreiber, Buttons oder Kinokarten) zu finanzieren, um in der Gunst der Wähler zu steigen. Ein Beispiel um diese Ausprägung des Matthäus-Effekts zu verdeutlichen, ist der italienische Ministerpräsident Silvio Berlusconi. Durch ein Medienunternehmen zu Wohlstand gekommen und mittlerweile durch zahlreiche Affären in den Fokus der Öffentlichkeit geraten, hält sich Berlusconi trotz einer umstrittenen Politik und Wahlniederlagen auf kommunaler Ebene in jüngster Zeit, seit bereits drei Jahren an der Macht.

Politikwissenschaftler berufen sich, ähnlich wie die meisten Ökonomen, selten auf einen Matthäus-Effekt, wenn sie Geschehnisse und Mechanismen in der Politik analysieren, dennoch existieren einige denkbare Szenarien, in denen sich ein Matthäus-Effekt nachweisen lässt (Rigney, 2010, S. 53).

In der Politik zeigt sich z.B. häufig ein gewisser Amtsbonus. Amtsinhaber versuchen oft Vorteile aus ihrem politischen Amt zu ziehen, um weiter an der Macht zu bleiben, um sich so weitere Vorteile sichern zu können. Kraft ihres Amtes besitzen gewählte Regierungsmitglieder, stärker als Oppositionelle, die Möglichkeit ihren eigenen Bekanntheitsgrad zu steigern. Durch ein gesteigertes Ansehen, steigt die Bereitschaft von Dritten zu Spenden, durch die wiederum Wahlkampagnen finanziert werden können.

Eine weitere Ausprägung des Matthäus-Effekts in der Politik ist der von Simon (1954) geprägte Mitläufer-Effekt. Dabei bekommen Politiker, die in Umfragen hoch eingeschätzt werden, häufig die Stimmen derer, die bis zum Zeitpunkt der Umfrage noch unschlüssig waren. Dieses Verhalten ist dadurch zu erklären, dass die Unentschlossenen nach der Wahl auf der Gewinnerseite stehen wollen. Dieser Effekt beschleunigt sich wiederum selbst, sodass sich ein zu Beginn zunächst geringer zu einem nachhaltigen Vorteil entwickeln kann, was letztlich einen Wahlsieg zur Folge haben kann.

Denkbar sind Matthäus-Effekte auch im Zusammenhang mit Lobbyismus und Korruption. Durch Bestechungen, das Kaufen von Wählerstimmen und das Veruntreuen von Spendengeldern, bereichern sich nicht nur einzelne Politiker. Nach Rigney (2010, S. 56) spekulieren auch diejenigen, welche die Mächtigen unterstützen darauf, durch ihre Lobbyarbeit und Zahlungen zu profitieren. Die zwielichtigen und auch zum Teil kriminellen Praktiken wirken sich, wie schon die Beispiele zuvor, positiv für die Privilegierten aus, für die anderen ist der Weg zur Macht jedoch noch steiniger.

2.4 Der Matthäus-Effekt in Organisationen

Doch dieser Effekt tritt nicht nur in der Makro-, sondern auch in der Mikroebene auf. Dabei geht es nicht nur, wie in den vorangegangenen Abschnitten um die ungleiche Verteilung von Wohlstand, sondern viel mehr um die Verteilung von Macht und Verantwortung innerhalb einer Organisation. Gerade in Organisationen, in denen zahlreiche Beziehungen zwischen einzelnen Mitarbeitern einer Hierarchieebene, ganzen Teams, aber auch zwischen verschiedenen Hierarchieebenen vorhanden sind, lassen sich verschiedene soziologische Probleme und Effekte beobachten.

Nach Kanter (1977) sind es gerade die Führungspersönlichkeiten in Organisationen, die aufgrund ihrer Bewegungsfreiheiten und Beziehungen – sowohl innerhalb der Organisation, aber auch durch Zusammenarbeit mit anderen Organisationen – mehr Verantwortung übertragen bekommen und ihren Machteinfluss auf diese Weise erweitern können. Der Einfluss innerhalb einer Organisation, so Kanter (1977, S. 196f.), steigt und fällt zwar stets, doch immer auf dem jeweiligen individuellen Level. Folgt man den bisherigen Überlegungen und Wirkungsweisen des Matthäus-Effekts, so ist es nicht weiter verwunderlich, dass man auch in der Personalwirtschaft zu dem Schluss gelangt, dass ein Organisationsmitglied, das mit mehr Macht ausgestattet ist, leichter zusätzliche Macht und Verantwortung erlangen kann, als wenn zu Beginn keinerlei Machtfülle vorhanden ist.

In einer weiteren Studie über Matthäus-Effekte in Organisationen haben Gabris und Mitchell (1988) nachgewiesen, dass durch Pläne über leistungsbezogene Bezahlung basierend auf Evaluationen der Leistung, unbeabsichtigt Matthäus-Effekte im Bezug auf die Arbeitseinstellung entstehen können. Die Angestellten, die eine gute Evaluierung ihrer Arbeit bekommen, sind daraufhin motivierter und leisten dementsprechend mehr, wohingegen die leistungsschwächeren Arbeitnehmer in ihrer Leistung noch mehr nachlassen (Rigney, 2010, S. 64). Der gewünschte Anreiz-Mechanismus, eine Leistungssteigerung aller Angestellten, konnte durch diesen Ansatz demnach nicht seine gewünschte Wirkung entfalten, da der Matthäus-Effekt die Absichten der Organisation überlagert hat.

Im Hinblick auf die Frage, ob Matthäus-Effekte auch im Sport und im Besonderen im deutschen Profi-Fußball auftreten, ist das Kriterium der Motivation von großer Bedeutung, was im folgenden Kapitel, welches sich explizit mit dem Matthäus-Effekt im Sport auseinander setzt, noch genauer betrachtet wird.

3. Der Relativalterseffekt

Neben den bisher betrachteten Bereichen, tritt der Matthäus-Effekt auch im Sport auf. Dabei wird von einem sog. „Geburtsmonatseffekt“, „Relative Age Effect“ oder „Relativalterseffekt“ (Bäumler, 1998) gesprochen. Da der Fokus dieser Arbeit auf der Beantwortung der Frage liegt, ob der Matthäus-Effekt auch im deutschen Profi-Fußball auftritt, wird der Relativalterseffekt besonders ausführlich erläutert, seine Wirkungsweisen eingehend analysiert und die daraus resultierenden Folgen für die Nachwuchsförderung erklärt.

Als Einführung soll ein Blick auf das diesjährige DFB-Pokalfinale der U19-Junioren dienen, in welchem sich die Mannschaft des SC Freiburg und von Hansa Rostock in Berlin gegenüberstanden. Freiburg war über weite Strecken der Partie die bessere Mannschaft und lag bis zur 90. Minute mit 2:1 in Führung, ehe den Rostockern in der Nachspielzeit der Ausgleichstreffer gelang. Das direkt im Anschluss an die offizielle Spielzeit durchgeführte Elfmeterschießen konnte der SC Freiburg mit 7:5 für sich entscheiden und sicherte sich somit den Junioren-Pokal zum dritten Mal innerhalb der letzten fünf Jahre. Für beide Teams liefen in diesem Spiel insgesamt 27 Spieler auf, die in Tabelle 1 aufgelistet sind.

Tabelle 1: Die Aufstellungen der U19-Junioren-Pokalfinalisten 2011

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Quelle: Eigene Darstellung

Betrachtet man die Aufstellungen der Mannschaften, so ist zunächst die Größe der Spieler auffällig. Die Mehrzahl der eingesetzten Akteure weist eine Körpergröße über 180cm auf, bei Rostock sind sogar nur drei Spieler unter 180cm groß. Noch auffälliger jedoch ist, dass nur zwei der 27 Spieler in der zweiten Jahreshälfte (September: 2) geboren sind, dabei sind sogar fast die Hälfte aller Spieler (13 von 27) in den ersten drei Monaten ihres Geburtsjahres (Januar: 5, Februar: 3, März: 5) zur Welt gekommen.

Diese ungewöhnlichen Beobachtungen könnten auf den ersten Blick Zufall sein, die folgenden Ausführungen und Erklärungen werden jedoch aufzeigen, dass diese Feststellungen zum einen auf die Auswahlkriterien der Nachwuchsförderung, viel stärker jedoch auf den damit verbundenen Relativalterseffekt zurückzuführen sind.

3.1 Allgemeine Grundlagen

Nach Lames, Auguste, Dreckmann, Görsdorf und Schimanski (2008a) ist ein Relativalterseffekt dann vorhanden, wenn die Geburtsdaten einer Stichprobe nicht proportional zu den Geburtsdaten des entsprechenden Ausschnitts der Gesamtpopulation verteilt sind. Liegt ein Relativalterseffekt vor, so kommt es zu Beginn eines Selektionszeitraumes zu Häufungen. Relativ Ältere sind demnach häufiger in einer Stichprobe vertreten als relativ Jüngere. Das relative Alter hat somit einen direkten Einfluss auf die Zusammensetzung der Stichprobe.

Im Nachwuchsbereich werden Sportler aus Gründen der Chancengleichheit in verschiedene Altersklassen eingeteilt. Nach Helsen, van Winckel und Williams (2005) ist die Absicht einer solchen Einteilung mittels eines Stichtags das Sicherstellen eines fairen Wettkampfes, da die Entwicklung von Kindern und Jugendlichen altersabhängig ist. Durch die Einteilung in Jahrgänge bzw. Doppeljahrgänge wird von Seiten des Verbandes ein Selektionszeitraum geschaffen. Seit der Saison 1997/1998 hat die Fédération Internationale de Football Association (FIFA) für alle Verbände, die sich der FIFA angeschlossen haben, einheitlich den 1. Januar eines jeden Jahres zum Stichtag erklärt.

Als Resultat der Einteilung in Altersklassen, kann demnach innerhalb einer Altersklasse ein Altersunterschied von fast einem ganzen Jahr entstehen. Nach Tanner (1978) und Tanner und Whitehouse (1976) kann dieser relative Altersunterschied große anthropometrische Unterschiede zur Folge haben. Somit ergeben sich innerhalb eines Selektionszeitraumes nicht zu unterschätzende Unterschiede zwischen den Ältesten und Jüngsten eines Jahrgangs.

So haben sowohl Malina (1994), als auch Musch und Grondin (2001) neben physischen, auch Unterschiede bei kognitiven Fähigkeiten und der emotionalen Intelligenz von Kindern eines Geburtenjahrgangs festgestellt. Diamond (1983) erklärt diese Unterschiede in einer Studie mit Schulkindern, in der sich gezeigt hat, dass der Grad der psychophysischen Reife innerhalb einer Altersstufe deutliche Differenzen aufweisen kann. Auch Roemmich und Rogol (1995) zeigen, dass signifikante Abweichungen in schulischer und sportlicher Leistung durch die Unterschiede in Wachstum und Entwicklung zwischen den Früh- und Spätgeborenen eines Selektionszeitraumes entstehen können.

3.2 Faktoren und Mechanismen des Relativalterseffekts

Im Folgenden wird nun gezeigt, wie sich diese zunächst nur geringen Unterschiede durch verstärkende Mechanismen zu einem immensen Vorteil für diejenigen entwickeln (Sharp, 1995), die früher in einem Selektionszeitraum geboren sind und welchen Einfluss der Relativalterseffekt auf die Nachwuchsarbeit und die Talentförderung in Deutschland hat. In einem dynamischen Modell, das von Helsen et al. (2005) aufgestellt wurde und von Lames et al. (2008a) als „Teufelskreis“ (engl.: vicious circle) bezeichnet wird, erkennt man, welche Faktoren innerhalb der Leistungsentwicklung als Katalysatoren wirken (s. Abb. 2).

Durch ihr Geburtsdatum haben die früher im Selektionszeitraum Geborenen zwei Vorteile. Auf der einen Seite besitzen sie einen Altersvorsprung von bis zu zwölf Monaten, was bei einem Zehnjährigen bis zu zehn Prozent seines Lebensalters ausmachen kann. Dieser Altersvorsprung führt zu einem erweiterten Erfahrungshorizont (A). Neben lebensweltlichen Erfahrungen sind hier vor allem Erfahrungen in der sportlichen Ausbildung zu berücksichtigen, die schon früh Leistungsvorteile mit sich bringen können (Lames et al., 2008a).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 2: Mechanismen des Relativalterseffekts (Quelle: Eigene Darstellung nach Lames et al., 2008a)

Auf der anderen Seite ist unter den Kindern, die früh in einem Selektionszeitraum geboren sind die Wahrscheinlichkeit groß, dass diese in ihrer physischen und mentalen Entwicklung weiter gereift sind (B), als relativ jüngere Konkurrenten (Norikazu, 2009), da man unter den am weitesten Entwickelten aus einem Selektionszeitraum mehr Frühgeborene erwarten kann (Lames et al., 2008a).

Durch das frühe Geburtsdatum kommt es demnach zu einem geringen Vorsprung, der eine höhere Leistung zur Folge hat (Bäumler, 1998). Dieser Leistungsvorsprung wird zusätzlich durch zwei Faktoren verstärkt, sodass sich aus einem geringen Vorsprung ein massiver Vorteil gegenüber der jüngeren Konkurrenz innerhalb einer Altersklasse entwickeln kann.

Einerseits erzeugt eine bessere Leistung ein positives Feedback, was sich durch Lob, Anerkennung und Auszeichnungen von Eltern, Freunden und Trainern äußert (Lames et al., 2008a), wodurch eine größere Motivation entsteht. Zusätzlich steigt die Bindung an den Sport, die Leistungsbereitschaft und der Wille, sich weiter sportlich zu engagieren und gegen andere zu bestehen, was Lames und Schimanski (2008b), als emotionale Qualitäten (rage to perform) bezeichnen.

Andererseits führen die Leistungssteigerungen, die durch positive Rückmeldungen aus dem Umfeld verstärkt werden, dazu, dass die leistungsfähigeren Jugendlichen als Talente identifiziert werden und sich durch intensivere Fördermaßnahmen weiter verbessern. Durch ein erhöhtes Trainingspensum, qualifiziertere Auswahltrainer oder die Aufnahme in Sportschulen, die heute bei vielen Bundesligavereinen zum Standard gehören, erlangen die relativ Älteren eines Jahrgangs eine bessere Förderung und vergrößern damit den Vorsprung gegenüber ihren jüngeren Altersgenossen.

3.3 Determinanten des Relativalterseffekts

Für das Auftreten eines Relativalterseffekts haben sich in bisherigen Studien vier Kriterien als grundlegend erwiesen. Dabei determinieren neben dem Selektionsniveau und dem Alter auch das Geschlecht und die Sportart die Ausprägung eines Relativalterseffekts (s. Abb. 3).

Nach Lames et al. (2008a) ist für das Vorhandensein eines Relativalterseffekts zunächst ein entsprechender Selektionsdruck notwendig, da dieser dafür sorgt, dass in einer Stichprobe eine Abweichung der Geburtsdaten von der Normalbevölkerung vorliegt. Mit steigendem Selektionsniveau, d.h. in Auswahlen auf Regional- bis hin zur Bundesebene, nimmt auch der Selektionsdruck zu, was zur Folge hat, dass ein stärkerer Relativalterseffekt vorliegt (vlg. ebenda, 2008).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 3: Determinanten des Relativalterseffekts (Quelle: Eigene Darstellung)

Eine weitere Determinante ist das Alter der betrachteten Kinder und Jugendlichen innerhalb einer Stichprobe. Folgt man dem Modell für die Entstehung eines Relativalterseffekt von Helsen et al (2005), so ist anzunehmen, dass dieser Effekt besonders bei sehr jungen Altersstufen auftritt, da hier wie bereits beschrieben die relative Altersdifferenz sehr ausgeprägt sein kann und die Entwicklungsunterschiede in frühen Jahren zudem gravierend sein können.

Bei dieser Überlegung spielen vor allem die Jahre vor der Pubertät eine Rolle, da Kinder und Jugendliche mit zunehmendem Alter nach und nach den gleichen Reifestatus erlangen und der Relativalterseffekt abnimmt. Dieser Effekt kann sich jedoch auch bis ins Erwachsenenalter hinein aufrechterhalten, da sich die in Abbildung 2 beschriebenen Mechanismen durch die gesamte Ausbildung ziehen und die relative Älteren noch immer einen Vorteil gegenüber denen besitzen, die schon in ihrer frühen Jugend durch die Raster der Auswahlförderung gefallen sind. Bäumler (2001) argumentiert jedoch, dass sich die später Geborenen nicht so früh spezialisieren und somit später einen Vorteil gegenüber denen erlangen können, die frühzeitig selektiert wurden.

Als dritter Einflussfaktor für das Vorliegen eines Relativalterseffekts wird in der Literatur häufig das Geschlecht genannt. Hierbei wurden mitunter deutliche Unterschiede über den Effekt nachgewiesen. Bei männlichen Nachwuchssportlern konnte dieser Effekt über Jahrzehnte aufgezeigt werden, wobei sich bei den weiblichen Kindern und Jugendlichen ein indifferentes Bild zeigt (Baker, Schorer und Cobley, 2010). Dies liegt zum einen daran, dass der weibliche Sport in der Regel nicht so körperbetont ist und zusätzlich nicht auf einem mit den Männern vergleichbaren Selektionsniveau liegt. Zum anderen ist die Pubertät bei Mädchen häufig schon vor der Selektion abgeschlossen und die mit der Pubertät eingehenden körperlichen Veränderungen bringen nicht unbedingt einen Leistungszuwachs, was einen Relativalterseffekt sogar gänzlich hinfällig machen kann.

Neben den bereits genannten Faktoren, spielt nicht zuletzt die Sportart für das Auftreten eines Relativalterseffekts eine entscheidende Rolle, da der weiter vorangeschrittene körperliche Reifeprozess den entscheidenden Vorteil dieses Effekts darstellt. Demnach lässt sich ein solcher Effekt besonders in körperbetonten Sportarten, bei denen häufig intensive Zweikämpfe (z.B. Fußball, Handball oder Eishockey) geführt werden (Lames et al., 2008a) und in Sportarten, die besondere Anforderungen an Größe (z.B. Volleyball) und Gewicht stellen, nachweisen. Bei anderen Sportarten hingegen, bei denen Koordination und Technik erfolgbestimmende Parameter darstellen (z.B. Turnen), konnte ein Relativalterseffekt nicht nachgewiesen werden (Baxter-Jones, 1995).

3.4 Auswirkungen des Relativalterseffekts

Da es keinen Grund zur Annahme gibt, dass die Begabung und das Talent für eine Sportart vom Geburtstermin abhängen (Lames et al., 2008a), kommt es durch den Relativalterseffekt zu zwei Auswahlfehlern. Einerseits werden Kinder und Jugendliche, die talentiert sind, jedoch durch ihren späteren Geburtsmonat möglicherweise physisch nicht die gleiche Reife besitzen, wie diejenigen, die kurz nach dem Stichtag zur Welt gekommen sind, nicht gefördert. Andererseits werden auch weniger begabte Kinder, die relativ älter sind, aufgrund ihrer reiferen körperlichen Merkmale selektiert und kommen so in den Genuss der Nachwuchsförderung (Baker, Wattie, Cobley, Faught und Montelpare, 2010; Sherar, Baxter-Jones, Faulkner und Russel, 2007). Wenn ein Sportverband das Augenmerk darauf legt, die aktuell leistungsfähigen Jugendspieler zu selektieren, lässt sich der Relativalterseffekt durchaus als Qualitätskriterium sehen (Lames et al., 2008a). Ziel der Nachwuchsförderung sollte es aber sein, möglichst alle Talente einer Altersklasse zu identifizieren, zu selektieren und entsprechend zu fördern, damit sie im Erwachsenenalter Höchstleistungen erbringen können (z.B. Bundesliga- oder Nationalmannschaften). Dabei lässt sich unterstellen, dass ein Auswahlsystem umso effektiver ist, je weniger ein Relativalterseffekt vorhanden ist.

Zusammenfassend ist festzuhalten, dass der Relativalterseffekt eine statistische Tendenz ist, die von Selektionsniveau, Alter, Geschlecht, sowie von der Sportart und der Selektionspolitik des jeweiligen Verbandes abhängt (vgl. ebenda 2008). Dabei handelt es sich explizit um die bevorzugte Berücksichtigung von Kindern und Jugendlichen, die früh in einem Selektionszeitraum geboren sind. In den letzten Jahrzehnten hat sich dieser Effekt in der Forschung sowohl in Stichproben bei Nachwuchssportlern (z.B. Barnsley, Thompson und Barnsley, 1985; Baxter-Jones, 1995; Helsen, Starkes und van Winckel, 1998), als auch im Erwachsenenbereich (z.B. Bäumler, 1998, 2001; Barnsley, Thompson und Legault, 1992; Brewer, Balsom und Davis, 1995; Dudink, 1994; Verhulst, 1992) nachweisen lassen.

Bevor eingehend untersucht wird, ob der Relativalterseffekt auch heute im deutschen Profi-Fußball auftritt, wird zunächst der Leistungsturnieransatz in Organisationen, der sich mit der Talentauswahl in der Nachwuchsförderung vergleichen lässt, vorgestellt. Daran anschließend wird der Zusammenhang zwischen Auswahlmechanismen und Selektionskriterien im Sport und in der Personalwirtschaft hergestellt.

[...]

Details

Seiten
53
Erscheinungsform
Erstausgabe
Jahr
2011
ISBN (eBook)
9783955497026
Dateigröße
1 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v297091
Institution / Hochschule
Universität Augsburg
Note
1,7
Schlagworte
Sportökonomie Fußball Scouting Nachwuchsförderung Rat Race

Autor

Zurück

Titel: Der Matthäus-Effekt im professionellen Fußball in Deutschland: Vom Talent zum Profisportler