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Le Parkour - Kompetenzorientierter Sportunterricht mit der Möglichkeiten zur Förderung der Kreativität und Kooperation in der Schule: Theorie und Praxis

Examensarbeit 2012 62 Seiten

Didaktik - Sport, Sportpädagogik

Leseprobe

5 Didaktische Analyse

In diesem Kapitel wird zunächst aufgezeigt, wie sich das Unterrichtsvorhaben im Bildungsplan 2004 legitimieren lässt. Des Weiteren soll die Zielsetzung im Bereich der angestrebten Handlungsfelder „Kooperation und Kreativität“ konkretisiert und abschließend auf eine didaktische Reduktion hingewiesen werden.

5.1 Bezug zum Bildungsplan

Auf der Grundlage des Bildungsplanes 2004 für Baden-Württemberg ist die Unterrichtseinheit Parkour eine sehr geeignete Sportart, mit der es einerseits möglich ist, durch den Schulsport eine Brücke zum außerschulischen Sport zu bauen, die Fitness der Schüler, ihr Vertrauen in die eigene Leistungsfähigkeit und das eigene Körpergefühl und schließlich das Gesundheitsbewusstsein zu verbessern und so der „Erziehung zum Sport“ in sehr geeigneter Weise nachzukommen. Anderseits bietet Parkour im Bereich der „Erziehung durch Sport“ die Möglichkeit diese Sportart kompetenzorientiert zu unterrichten. Kompetenzerwerb findet durch einen mehrperspektivischen Unterricht statt, der Schülern die verschiedenen Sinnrichtungen (nach Kurz) des sportlichen Handelns zugänglich macht und gleichzeitig mit ihrer persönlichen Erfahrungs- und Erlebniswelt verknüpft (vgl. Ministerium für Kultus, Jugend und Sport Baden – Württemberg, 2004, S. 300, http://www.lehrer.unikarlsruhe.de/~za343/osa/material/download/Standards/Standards.pdf).

In der vorliegenden Unterrichtseinheit, findet eine Akzentuierung auf die beiden Handlungsfelder „Kooperation und Kreativität“ statt, wobei durch diese Unterrichtseinheit durchaus auch ein Beitrag zu anderen Kompetenzen geleistet wird.

Der Bildungsplan 2004 (vgl. Ministerium für Kultus, Jugend und Sport Baden – Württemberg, S.302, 305) eröffnet in Bezug auf die Unterrichtseinheit folgende Möglichkeiten:

5.2 Allgemeine Integration der Sportart Parkour in den Bildungsplan

Die Schüler und Schülerinnen:

- erleben und entwickeln Freude an der sportlichen Bewegung;
- verbessern ihre motorischen und konditionellen Leistungsfähigkeit und können diese richtig einschätzen;
- können Risiken abschätzen, sind bereit etwas zu wagen und können Sicherheitsmaßnahen treffen;
- können bei sportlichen Aktivitäten miteinander kooperieren (Kooperation);
- können kreativ handeln und sich kreativ über ihren Körper ausdrücken (Kreativität);
- erweitern ihre Bewegungs- und Körpererfahrungen und verbessern ihre Wahrnehmungsfähigkeit;

5.3 Stufenspezifische Hinweise Klasse 10

Die bisher erworbenen Kenntnisse, Fähigkeiten und Fertigkeiten werden weiter vertieft, variiert und optimiert. Zudem sollen Ausdauer, Kraft und die koordinativen Fähigkeiten in besonderem Maße gefördert werden.

5.3.1 Sportbereich I: Fachkenntnisse

Die Schüler können:

- die Regeln der unterrichteten Sportart wiedergeben;
- die Problematik des eigenen Sporttreibens in der Natur darlegen;
- die Möglichkeiten der Leistungssteigerung durch Training erklären.

5.3.2 Sportbereich II: Individualsportarten

Die Schüler können:

- auf der Basis der in 7/8 erlernten Fertigkeiten Übungsverbindungen an Geräten turnen und Figuren aus der normfreien Bewegung turnen (z.B. Rollen, Sprünge über ein Gerät, Aufschwungbewegungen, Abgänge vom Gerät);
- gymnastische Grundformen einbinden (z.B. Drehungen, Gleichgewichtselemente);
- erlernte Bewegungsfertigkeiten verbinden und in einer Übung verbinden und präsentieren (Abschlussrun[1] ).

5.4 Spezielle Kompetenzförderung der Unterrichtseinheit

In der unterrichteten Einheit Parkour wird durch spezielle Förderung/Akzentuierung der Handlungsfelder „Kooperation und Kreativität“ ein besonderer Beitrag zur „personalen und sozialenKompetenz“ im Sportunterricht geleistet. Dabei wird jeweils eine Doppelstunde für eine der beiden Handlungsfelder verwendet. Wie bereits erwähnt wird aber auch ein Beitrag für andere Kompetenzen (Fachkompetenz und Methodenkompetenz) geleistet.

5.4.1 Handlungsfeld Kooperation

Was wird unter dem Begriff „Kooperation“ verstanden und welche Kompetenz kann damit durch Parkour erreicht werden?

Durch die Kooperation findet eine Ausformung von sozialen Beziehungen statt. Kooperation befasst sich mit dem sozialen Handeln von Schülern. Das Miteinander und gegeneinander soll dabei erfahren werden z.B. miteinander in der Gruppe arbeiten, sich aber außerhalb der Gruppe gegeneinander abgrenzen. Die im Sport auftauchende Heterogenität und Individualisierung kann durch Kooperation überwunden werden. Die Schüler lernen mit Unterschieden umzugehen. So kann durch das Miteinander in der Gruppe eine Gemeinschaft erlebt werden. Dabei geht es in den Gruppen um die „Selbstorganisation sportlicher Situationen“ und eine Erziehung zur Selbstständigkeit in sozialer Verantwortung z.B. in einer Präsentation der gemeinsam erbrachten Leistungen, oder der Sicherung eines Mitschülers bei beim Überwinden eines Hindernisses (vgl. http://www.iss.uni-kiel.de/lehrveranstaltungen/fuer-bachlor-of-arts/5.-semester/sportpaedagogik/kurz-d.-2000-.-die-paedagogische-grundlegung-des-schulsports-in-nordrhein-westfalen).

Im Bezug auf Parkour bedeutet dies, dass die Schüler beim Erarbeiten von Bewegungslösungen sich durch gegenseitige Hilfegebung und Absicherung unterstützen, miteinander in Kommunikation treten, gemeinsam Ideen und Lösungen finden, unabhängig ob leistungsstark oder leistungsschwach. Miteinander bedeutet, dass in Kleingruppen gearbeitet wird und die Selbstständigkeit und Eigenverantwortlichkeit gefördert wird (vgl. Witfeld, Gerling, Pach, 2010, S. 262f).

Beitrag zur Sozialkompetenz

Die Schüler…

- helfen sich gegenseitig und nehmen Hilfe und Verbesserungen von anderen an;
- arbeiten in Kleingruppen als Team zusammen (Auf- und Abbau, Ideen sammeln, Verbesserungsvorschläge) und fällen Entscheidungen gemeinsam;
- arbeiten mit Gruppenmitgliedern zuverlässig und verantwortungsbewusst zusammen;
- überlegen sich kooperative Elemente z.B. gemeinsames Überwinden von Hindernissen;
- erarbeiten Bewegungslösungen, die es jedem in der Gruppe ermöglichen alle Hindernisse zu überqueren.

5.4.2 Handlungsfeld Kreativität

Was wird unter dem Begriff „Kreativität“ verstanden und welche Kompetenz kann damit durch Parkour erreicht werden?

Nach Kurz (vgl. http://www.iss.uni-kiel.de/lehrveranstaltungen/fuer-bachlor-of-arts/5.-semester/sportpaedagogik/kurz-d.-2000-.-die-paedagogische-grundlegung-des-schulsports-in-nordrhein-westfalen) geht es dabei um das Spiel mit der Vielfalt der menschlichen Bewegung. Die Bewegung ist das Material, das unter ästhetischen Gesichtspunkten betrachtet und gestaltet werden kann. Dadurch, dass zu Beginn der Einheit nur einige Grundtechniken vermittelt werden, besteht für die Schüler die Möglichkeit, während der ganzen Einheit eigene Bewegungen zur Überwindung von Hindernissen zu kreieren. Parkour selbst gibt hier keine klaren Richtlinien vor, sondern lässt jedem seinen individuellen Spielraum. Außerdem findet am Ende jeder Stunde eine Präsentation der Bewegungsideen statt (vgl. Witfeld, Gerling, Pach, 2010, S. 263).

Zusätzlich zu dieser körperlichen Komponente wird im Rahmen der Arbeit auch die Komponente des kreativen Umgangs mit der Sportart Parkour miteinbezogen. Kreativität bedeutet die Erschaffung von etwas Neuem, das sich von Routinelösungen oder von außen vorgegebenen Lösungen unterscheidet. Daraus resultierende Ergebnisse haben für die Schüler einen höheren Stellenwert, da sie selbständig und selbsttätig entwickelt werden (Artus & Mahler, 1991, S. 37ff). Konkret für den Unterricht bedeutet das, dass den Schülern in einer Doppelstunde (Akzentuierung der Kreativität) die Möglichkeit geboten wird, eigene Hindernisse zu kreieren und sich eigene kreative Bewegungslösung für deren Überwindung zu überlegen.

Beitrag zur Personalkompetenz

Die Schüler…

- erfinden, probieren und kreieren eigene Gerätearrangements/Hindernisse aus vorgegebenem Material;
- überlegen sich individuelle kreative und/oder kooperative Bewegungslösungen zu Überwindung von Hindernissen;
- sind dafür zuständig auf ihre eigene Sicherheit zu achten und die Aufbauten sicher zu gestalten und danach zu schauen sie so zu verlassen, wie sie sie vorgefunden haben;
- zeigen Leistungsbereitschaft und versuchen das individuelle Können von Stunde zu Stunde zu steigern;
- können die eigenen Fähigkeiten und Grenzen einschätzen und angemessen reagieren. Erkennen Gefahren (Sicherheitslücken, Schwierigkeitsgrad) und handeln entsprechend;
- erkennen eigene Ängste und versuchen diese durch langsames Herantasten zu bewältigen.

5.5 Allgemeine Kompetenzförderung der Unterrichtseinheit

Methodenkompetenz

Die Schüler…

- regeln ihren Auf- und Abbau selbst und arbeiten effektiv in der vorgegebenen Zeit;
- vergeben Aufgaben in ihren Gruppen und der Gruppenleiter (Kapitän) übernimmt die Aufsicht für die Gruppe;
- erarbeiten eigenständige Bewegungsformen und können diese auch beschreiben.
- präsentieren ihre jeweiligen Ergebnisse am Ende der Stunde in einem gemeinsamen Abschlussrun;
- kommen selbstständig bei Fragen auf den Lehrer zu.

Fachkompetenz

Die Schüler…

- können turnerische und parkourspezifische Grundbewegungen wie „Roullade, Passement und den Saute de précision“ situationsgerecht umsetzen und kennen die verschiedenen Bezeichnungen;
- verbessern ihre koordinativen Fähigkeiten z.B. durch Balancieren auf dem Balken;
- kennen die Philosophie und die damit verbunden Verhaltensweisen (Regeln) des Parkours und wissen um deren Relevanz für die Sicherheit;
- können individuelle Bewegungskombinationen und Kunststücke in einem Abschlussrun präsentieren.

5.6 Didaktische Reduktion

Aufgrund der Tatsache, dass bei der Lerngruppe auf keinerlei Vorerfahrungen zurückgegriffen werden kann und auch im Bereich des Turnens nur wenig Vorerfahrung vorhanden ist, beschließe ich, nur einige wenige Grundtechniken des Parkours in der ersten Doppelstunde einzuführen. Darüber hinaus ist es beim Parkour ohnehin nicht üblich alles vorzugeben, sondern es findet ein selbstständig entdeckendes Lernen statt (Förderung durch Kreativität), wie ich es auch bei meinem Workshop in Stuttgart gelernt hatte. Jeder bringt unterschiedliche Voraussetzungen mit und durch die Vorgabe einer Bewegungslösung wären viele Schüler stark eingeschränkt in ihrem Bewegungsspielraum. Daher gebe ich anspruchsvollere Techniken nicht vor und lasse die Schüler selbst eine Lösung zu gestellten Bewegungsaufgaben erarbeiten. Durch den zeitlichen Rahmen der Einheit und die Akzentuierung auf die beiden Handlungsfelder „Kooperation und Kreativität“ ist eine umfassende Ausbildung im Parkour zudem nicht möglich und gewollt. Ich will daher keinesfalls professionelles Parkour in die Schule transferieren, sondern den Schülern einen Einblick in diese faszinierende, kooperative und variantenreiche Sportart ermöglichen und ihnen so auch Möglichkeiten offen halten.

6 Methodische Analyse

In diesem Kapitel wird auf die Lehr- und Lernwege der Unterrichtseinheit eingegangen.

Nach Söll (2008, S. 200ff) finden sich im Sportunterricht zwei Formen des Lehrweges wieder, nämlich den strukturierten und den offenen Sportunterricht. Es stellt sich also die Frage, wie man Stoff und Schüler zusammenbringen kann.

In meiner ersten Doppelstunde erfolgt der Einstieg in das Thema Parkour und anschließend eine Einführung in parkourspezifische Grundbewegungen. Da die Schüler kaum Vorwissen mitbringen, erfolgt die Einführung in die Thematik durch einen selbstproduzierten Videofilm mit Fragebogen (siehe Anhang und CD). Hierbei ist es mir wichtig, dass die Schüler von Beginn an auf Risiken und Gefahren des Parkours aufmerksam gemacht werden und die Philosophie und Verhaltensweisen von Parkour vermittelt bekommen und nicht einfach „drauf loslegen“. Unterstützend wird in der zweiten Doppelstundenhälfte mit spezifischen Grundbewegungen fortgefahren, um den Schülern ein Grundbewegungsrepertoire mit auf den Weg zu geben, das in den Folgestunden zum Einsatz kommen kann, aber keinen verpflichtenden Charakter hat. Diesbezüglich erfolgt die erste Doppelstunde strukturiert und lehrerzentriert mit einem vorbestimmten Ziel und vorgegebenem Programm.

Die folgenden Doppelstunden werden auch aus organisatorischen Gründen als offener Lehrweg konzipiert. Die Schüler sollen sich also selbstständig und selbsttätig mit den Unterrichtsaufgaben auseinandersetzen und ihre eigenen Interessen und Bedürfnisse in den Unterricht integrieren. Dies hat zum Ziel die Kooperation der Schüler untereinander zu fördern (vgl. Söll, 2008, S. 200-207).

Zu Beginn der 2. und 3. Doppelstunde erfolgt eine kurze theoretische Einweisung in das erwartete Stundenziel (Kooperation und Kreativität). Hierbei werden die beiden Begriffe mit den Schülern in einem Unterrichtsgespräch erarbeitet und festgehalten. Außerdem wird gemeinsam nach ersten Beispielen zur Umsetzung im Parkour gesucht. Mit diesem Vorwissen und den jeweiligen arbeitsgleichen und materialverschiedenen Aufträgen (Stationskarten) werden die Schüler eigenverantwortlich in den Unterricht entlassen und können sich selbstständig und selbsttätig in ihren Gruppen Ideen und Lösungen überlegen. Das heißt aber nicht, dass sie jetzt völlig auf sich alleine gestellt sind. Im Gegenteil, die Arbeit in den Kleingruppen, die zur Verfügung stehende Lehrperson, die Präsentation und die Reflexion in jeder Stunde stellen sicher, dass die Übungsphasen in die richtige Richtung laufen und ein Unterrichtserfolg garantiert wird. Gruppenarbeit eignet sich bei offenem und schülerorientierten Unterricht besonders, da sie typische Merkmale wie z.B. Erkunden, Erproben, Gestalten und Präsentieren beinhaltet. Dies spiegelte auch den typischen Stundenverlauf wieder: Erkunden – Erproben/Gestalten – Präsentieren (Abschlussrun). Die Gruppen werden bewusst klein gehalten, um eine Möglichst hohe Aktivierung und Beteiligung innerhalb der Gruppe zu erreichen. Insgesamt gibt es fünf Kleingruppen und als Organisationsform wird das Stationslernen gewählt (vgl. Söll, 2008, S. 207). Die Gruppen werden von mir im Vorfeld der Einheit festgelegt, um erstens die Klasse in annähernd gleich heterogene Gruppen zu teilen und zweitens vereinzelte Schüler, die verhaltensauffällig sind, voneinander zu isolieren, um mögliche Unterrichtsstörungen innerhalb und außerhalb der Gruppen zu minimieren. Die Gruppen bestehen über die ganze Einheit hinweg, sodass ein Vertrauen zu den Mitschülern aufgebaut und eine Kooperation gefördert werden kann.

Parkour bietet eine Vielzahl von Möglichkeiten der Binnendifferenzierung. Dies soll nicht nur ein besonderer Bestandteil der akzentuierten Stunde „Kooperation“ sein, sondern darüber hinaus in jeder Stunde jedem Schüler eine individuelle und seinem Niveau angepasste Bewegungslösung ermöglichen. Dies stellt ein stundenübergreifendes Ziel dar. So sollen mehrere Lösungswege bereit stehen, z.B. unterschiedliche Höhen von Geräten/Hindernissen, Einsatz von Gerätehilfen, gegenseitige Hilfe durch Gruppenmitglieder usw. (vgl. Witfeld, Gerling, Pach, 2010, S. 266f). Durch die Ausscheidung des Wettkampfes im Parkour, sollen sich die Schüler nicht unter Druck gesetzt fühlen und unter dem Aspekt der möglichen individuellen Leistungsfähigkeit üben.

Um die Verletzungsgefahr auf ein Minimum zu reduzieren, wird die gesamte Unterrichtseinheit mit dem Ziel, die Schüler nicht zu überfordern, nach den methodischen Prinzipien „vom Leichten zum Schweren“ z.B. durch Gerätehilfen oder mehrere Lösungswege und dem Prinzip „vom Einfachen zum Komplexen“ z.B. durch immer neue und schwierigere Bewegungskombinationen und Verbindungen, gestaltet (vgl. Roth, 1989, S. 37f).

7 Praktische Umsetzung der Unterrichtseinheit

7.1 Übersicht über die Unterrichtseinheit

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

7.2 Verlauf und Reflexion der einzelnen Doppelstunden

In diesem Kapitel wird genauer auf den Verlauf der einzelnen Doppelstunden und die anschließende Auswertung mit Reflexion eingegangen.

7.2.1 Erste Doppelstunde

7.2.1.1 Vorüberlegung

Das Hauptziel der ersten Doppelstunde lag darin, die Schüler auf das neue Thema Parkour einzustimmen, Verhaltensweisen und Regeln festzulegen und erste parkourspezifische Grundtechniken einzuführen. Wichtig war mir hierbei, nicht irgendein Videomaterial aus dem Internet vorzuspielen, sondern die Schüler von Beginn an persönlich abzuholen. Des Weiteren wollte ich den Schülern nicht nur spektakuläre Bilder und Bewegungen vorführen, sondern gleichzeitig auch die Philosophie und Verhaltensweisen von Parkour aufzeigen. Daher entschloss ich mich dazu, ein eigenes Video aus zwei unterschiedlichen Videoquellen zu produzieren und mit eigenen Effekten auf meine Klasse zuzuschneiden (Videoquellen sind in der Literatur vermerkt). Im ersten Teil des Videos wird ein Bericht über „Parkour“ gezeigt, den ich besonders gut fand, da er wichtige Verhaltensweisen und die Philosophie des Parkours beinhaltete. Dazu sollten die Schüler einen Fragebogen ausfüllen, um die wichtigsten Merkmale festzuhalten und Ergebnisse für das anschließende Gespräch zu sichern. Im zweiten Teil des Videos war eine 12. Klasse zu sehen, die in der Oberstufe das Projekt Parkour bereits umgesetzt hatte. Damit sollte eine Überleitung zu den Schülern und zu Parkour in der Schule erfolgen und das Thema auf Schulniveau hinunter gebrochen werden (didaktische Rekonstruktion). Der zweite Teil des Films sollte die Schüler motivieren und ihnen erste Bewegungsideen der Hindernisüberquerung aufzeigen. Darunter befanden sich auch einige kooperative Elemente, die den Schülern zeigen sollten, wie Parkour miteinander aussehen und gestaltet werden.

Anschließend sollten gemeinsam mit den Schülern einzelne Parkourregeln und Verhaltensweisen erarbeitet und festgehalten werden. Dies sollte schülerorientiert stattfinden, um den Schüler einerseits das Gefühl zu geben, selbst aktiv am Unterrichtsgeschehen teilzunehmen, anderseits war es unerlässlich für die Sicherheit und Eigenverantwortung der Schüler in den Folgestunden.

Der zweite praktische Teil der Doppelstunde diente einem langsamen Einstieg (vom Einfachen zum Schweren) in Parkour und der Kontrolle und Einhaltung der gerade festgelegten Regeln. Wie bereits in der methodischen Analyse erwähnt, sollte diese Einführung strukturiert und lehrerzentriert stattfinden, da es mir wichtig war, dass die Schüler die Grundtechniken beherrschten und ein gemeinsames Grundniveau geschaffen wurde. Als einführende Bewegungen hatte ich mir die „Roullade[2], Passement[3] (Lazy, Saut de chat, Speed Dash) und den Saute de précision[4] “ ausgesucht (vgl. Heinlin, 2008, S. 27). Für die leistungsstärkeren Schüler im Sinne einer Differenzierung hatte ich noch die Technik des „Saut de chat und den Speed Dash“ vorbereitet. Alle Bewegungen werden auf der Homepage der Unfallkasse NRW in einem Video vorgestellt und mit methodischen Tipps kurz erklärt (vgl. http://www.unfallkasse-nrw.de/index.php?id=459).

7.2.1.2 Verlauf und Reflexion

Es herrschte große Spannung, als die Schüler sich nicht wie gewohnt in der Halle trafen, sondern zuerst in den Videosaal gebeten wurden. Keiner wusste Bescheid, was das neue Thema sein würde und es war eine große Anspannung zu spüren. Als das Thema dann anfangs genannt wurde, waren die Reaktionen unterschiedlich, einige fanden es super und andere schauten eher skeptisch. Dies sollte sich aber ändern als das Video anlief. Die Schüler schauten den professionellen Athleten gespannt zu und machten sich Notizen in ihren Fragebögen. Sie fanden die Stunts gut, aber gleichzeitig war es ihnen anzumerken, dass sie diese wohl nicht in dieser Form nachmachen können, was sich durch den zweiten Teil des Films relativierte. Der Wechsel des Videos mit dem Focus auf die Schule, also zu ihnen selbst, brach das Niveau von Parkour herunter (didaktische Reduktion) und spätestens jetzt waren alle motiviert und konnten sich vorstellen, Parkour in der Schule auszuprobieren. Notizen konnte zu diesem Zeitpunkt keiner mehr machen, weil die Schüler mit Staunen „ihre Mitschüler“, die annähernd im gleichen Alter waren, beobachteten und die Bewegungen absolut toll fanden. Man merkte deutlich, dass dieser zweite Teil des Videos sich viel mehr eignete, da sie die Schüler wirklich abholte und deutlich motivierte. Daher war das Video so wie es geplant und eingesetzt wurde optimal verwertet worden und die Schüler waren gespannt auf den Verlauf der nächsten Stunden. Nachdem sich die Schüler beruhigt hatten und erste Fragen beantwortet waren, begannen wir erste Begriffe wie „Parkour“, „Traceur“, die Grundsätze des Parkours (Verhaltensweisen und Regeln) und die Geschichte des Parkours gemeinsam im Plenum zu erarbeiten und festzuhalten. Die Verhaltensweisen bzw. Regeln wurden von mir gesammelt und auf einem Din A3 Plakat in den folgenden Stunden an der Wand aufgehängt, um die Schüler auf die vereinbarten Regeln hinzuweisen.

Sie lauteten wie folgt:

- volle Konzentration bei der Bewegungsausführungà Sicherheit;
- Bewegungen erst dann machen, wenn sie völlig beherrscht werden, kein Risiko eingehenà jeder muss sich selbst einschätzen lernenà Sicherheit;
- Stets kontrollierte Bewegungen, vom Leichten zum Schweren! Viel Übung ist notwendig, um besser zu werden;
- beim Parkour geht es nicht um Wettkampf, sondern um eigenständiges Wachsen durch Übung;
- körperliche Fähigkeiten setzen das Limit, Draufgänger sind hier fehl am Platz!
- nichts kaputt machen, denn man ist auf seine Umwelt (Geräteaufbau) angewiesen;
- schnelle, sichere und effiziente Hindernisüberquerung.

Zum Aufwärmen holten die Schüler kleine blaue Matten aus dem Geräteraum und legten sie überall in der Halle aus, zusätzlich wurde ein gelber Bodenläufer aufgebaut. Die Schüler liefen durcheinander und auf Pfiff sollten sie eine Rolle vorwärts ohne Vorgabe machen. Einige machten die Rolle wie beim Turnen, andere setzten gleich bei einer „Judorolle“ an. Da die Schüler sich frei in der Halle bewegen konnten kam es unweigerlich zum „Crash Alarm“ auf den Matten, was mich dazu anhielt sofort eine weitere wichtige Regel mit den Schülern zu vereinbaren:

- bei der Ausführung immer Rücksicht auf die Anderen nehmen

Nach der Phase des freien Ausprobierens nahm ich mir einige Schüler heraus, die die Roullade schon konnten und erklärte anhand ihrer und meiner eigenen Demonstration, welchen Zweck sie hat und worauf es bei einer richtigen Ausführung ankommt.

Nach der Einführung und Demonstration hatten die Schüler die Möglichkeit, selbst zu üben und selbstständig den Schwierigkeitsgrad zu bestimmen (Differenzierung), indem die entweder vom Boden aus üben konnten, aus der Flugrolle heraus, von einem Kastendeckel herunter mit verschiedenen Höhen, wobei der anfängliche Respekt der Höhe bei den Schülern groß war und sie sich Schritt für Schritt zur nächst höheren Stufe vorarbeiteten. Dabei wurde ihnen gleichzeitig auch bewusst, wie wichtig eine korrekte Ausführung ist, um die Fallhöhe optimal abzufedern und in eine vorwärtsgerichtete Rollenergie umzuwandeln. Da einige Schüler diese Übung schnell bewältigt hatten, gab ich ihnen die Zusatzaufgabe, nach der Rolle direkt wieder in den Lauf zu kommen, um damit eine erste Bewegungsverbindung im Parkour zu erreichen und Dynamik in die Bewegung zu bringen. Das zu erfüllen war nicht leicht und die Schüler merkten sehr schnell, dass das was leicht im Parkour erscheint, doch mit Üben und Körperbeherrschung verbunden ist.

Anstelle des zur Roullade hinführenden Aufwärmens, hätte man durchaus auch ein themenunspezifisches bewegungsintensiveres Auswärmspiel anbieten können. So hätten die Schüler die Möglichkeit gehabt, ihre überschüssige Energie abzubauen. Die Erläuterungen der einzelnen Grundtechniken dauerten länger als geplant, da es viele Rückfragen seitens der Schüler gab und die Umsetzung auch mehr Zeit erforderte. Die Bewegungszeit in dieser Stunde war insgesamt geringer, aber eine richtige Einführung in die Grundtechniken war hinsichtlich der Sicherheit und Ausführung essentiell für die Folgestunden.

Als zweite Technik wurde das Passement, die Überwindung, eingeführt. Dazu waren mehrere Kästen nacheinander aufgebaut, sodass ein kleiner „Run“ möglich war. Ich entschied mich mit einem sehr leichten Sprung über den Querkasten zu beginnen, da mir der Respekt der Schüler vor einem Kasten sehr wohl bewusst war. So wurde als erste Technik des Passement mit dem Lazy begonnen. Dies ist ein seitlicher Sprung über den Kasten. Der kastennahe Fuß wird dabei nach oben gezogen und der kastennahe Arm dient als Stützarm. Wenn beide Beine über dem Kasten sind, wird mit dem kastenfernen Arm leicht abgedrückt, um direkt in die Bewegungsrichtung weiterzulaufen zu können. Als methodische Vereinfachung bot ich den Schülern an, mit einem Sprung auf den Kasten aufzusitzen und dann die Bewegung zu beenden.

Im Anschluss an meine Demonstration erfolgte wieder eine Übungsmöglichkeit für die Schüler. Da diese Technik von den meisten Schülern ohne Probleme bewältigt wurde, erweiterte ich die Möglichkeiten des Passements um zwei weitere Varianten. Zum einen durch den Saut de chat, den Katzensprung, der einem Hocksprung aus dem Turnen sehr ähnlich ist und für die Schüler ohne große Erklärung umsetzbar war. Zum anderen durch den Speed Dash. Bei dieser Technik wird von vorne auf den Kasten angelaufen, mit einer Hand gestützt, und gleichzeitig die Hüfte zur Seite gestreckt, um die Beine über den Kasten zu bringen (vgl. http://www.unfallkasse-nrw.de/index.php?id=459). Diese Technik war nur für einige Schüler umsetzbar und diente als Erweiterung, sobald die anderen bereits gekonnt wurden.

Als letzte Grundtechnik wurde der Saut de précision ( Präzisionssprung) eingeführt. „Das sieht leicht aus“, dachten sich die Schüler, als sie einen Mattengraben überspringen mussten. Spätestens ab einer vorgegebenen Weite, welche ich auf Matten zur unterschiedlichen Differenzierung mit Hilfe eines Kreidestriches vorgab änderte sich dies. Den Schülern wurde klar, wie wichtig es war die Landung abzufedern und sich voll auf den Sprung zu konzentrieren. Wer dies beherrschte, konnte sich an dem kleinen Parkour, der aus mehreren umgelegten Bänken und dazwischenliegenden Kästchen bestand, versuchen. Hierbei ergaben sich erste Sicherheitsmängel, obwohl ein scheinbar sicherer Aufbau gewählt wurde. Die Schüler stellten fest, dass der Hallenboden sehr staubig und dadurch extrem rutschig war, was dazu führte, dass man umlegte Bänke für den Präzisionssprung mehrfach sichern musste, da sie ständig verrutschten. Einige Schüler stellten sich daher auf die Enden der Bank und sicherten so ihre Mitschüler. Das war ein erster Schritt in Richtung gegenseitiges Helfen und Sichern.

Nach der letzten Einführung bestand für die Schüler die Möglichkeit, noch einmal alle Stationen und Geräte mit den gelernten Techniken zu überqueren und dabei neue erste Bewegungsverbindungen zu kreieren. Daher gab ich den Schülern von vorne herein eine Bewegungsrichtung vor, damit immer nur ein Schüler von einer Seite aus auf ein Hindernis zulief und das Sicherheitsrisiko minimiert wurde. Auffallend war dennoch, dass einige Schüler sich sehr egoistisch im Parkour bewegten und nur auf sich achteten, was immer wieder zu Sicherheitsproblemen führte, weil mehrere Schüler gleichzeitig an einem Gerät arbeiten wollten. Hier musste ich wieder auf die vereinbarten Regeln aufmerksam machen.

Ferner kam es an einigen Stationen zum „Stau“ und die Schüler machten sich selbst Zeitdruck, da jeder so schnell wie möglich den Parkour durchlaufen wollte. So konnten die einen ganz entspannt ihre Techniken trainieren, ängstlichere und schwächere Schüler ließen aber z.T. ganze Stationen aus, da sie die anderen nicht ausbremsen wollten. Daraufhin ließ ich die Schüler zusammen kommen und wir einigten uns gemeinsam darauf, dass:

- jeder bekommt die Zeit, die er braucht, um seine Bewegung korrekt ausführen zu können. Keinen Druck auf die anderen ausüben!

Am Ende der Stunde wurden die Schüler in fünf verschiedene und von mir im Voraus festgelegte Gruppen eingeteilt, in denen immer Schüler mit unterschiedlichem Niveau zusammenarbeiten. Diese Gruppen blieben während der ganzen Unterrichtseinheit bestehen, um somit wichtige Unterrichtszeit zu sparen und eine Gruppendynamik und das Vertrauen innerhalb der Gruppe im Sinne einer guten Kooperation zu fördern. Des Weiteren wählte jede Gruppe einen Gruppenleiter (Kapitän), der für die Gruppe hinsichtlich des Auf- und Abbaus, Durchführung und Organisation verantwortlich war und am Ende der Einheit mit mir die Noten für die anderen Gruppen mitbestimmte. Dies übertrug den Schülern von Beginn an viel Verantwortung und Freiraum (Kreativität), der aber bei Kleingruppenarbeit mit Stationsbetrieb unabdingbar war. Außerdem wollte ich den Schülern das Gefühl vermitteln, nicht ständig unter Beobachtung zu stehen und selbstständig und selbsttätig zu werden, im Sinne eines offenen Unterrichts.

Fazit der Stunde:

Die in der Vorüberlegung geplanten Inhalte konnten im Stundenverlauf umgesetzt werden. Dennoch ergaben sich im praktischen Teil der Stunde einige Organisationsprobleme bezüglich des Aufbaus und der Umsetzung der eingeführten Techniken. Durch den mehrmaligen Verweis auf die gemeinsam erarbeiteten Verhaltensweisen beim Parkour und die Erweiterung von Regeln/Verhaltensweisen, speziell der Sicherheitsaspekte, konnten die auftretenden Probleme behoben werden.

[...]


[1] Abschlussrun: Er dient der Präsentation der jeweiligen Gruppenergebnisse einer Stunde und bietet den Schülern die Möglichkeit einmal in der Stunde alleine bzw. mit der eigenen Gruppe den ganzen Parkour ungestört an einem Stück zu durchlaufen. Die anderen Schüler konnten sich so neue Anregungen holen und ihre Mitschüler kräftig anfeuern. Daher erschien mir diese Möglichkeit geeignet, um den Schülern das Gefühl von schneller, effizienter und dynamischer Hindernisüberquerung kombiniert mit einem Dauerlauf zu geben (vgl. Heinlin, 2008, S. 30).

[2] Roullade (frz.) heißt auf Deutsch Rolle. Sie wird nach Sprüngen eingesetzt um die Fallenergie über die Beine, Arme und Schultern in eine Rollbewegung zu transferieren, wie bei einer Judorolle. Sie kann eingesetzt werden um über Objekte zu springen, oder von Objekten herunter. Sie hat die Aufgabe vor Verletzungen zu schützen und sollte möglichst früh erlernt werden und ständig in Übungen mit eingebunden werden (vgl. http://www.kultusportal-bw.de/servlet/PB/show/1282894/Parkour-Fortbildung_Heinlin.pdf). Um selbst eine korrekte Ausführung zu demonstrieren, habe ich mir das Videomaterial der Unfallkasse NRW angesehen (siehe:http://www.unfallkassenrw.de/index.php?id=113&no_cache=1&tx_ttnews[tt_news]=219&tx_ttnews[backPid]=9&cHash=e0260c8b62).

[3] Passements sind Bewegungen, die benutzt werden um Hindernisse wie z.B. Zäune, Mauern oder Geländer zu überqueren (vgl. http://www.kultusportal-bw.de/servlet/PB/show/1282894/Parkour-Fortbildung_Heinlin.pdf). Hierbei dienten mir zu Demonstrationszwecken auch wieder die Videos der Unfallkasse NRW (http://www.unfallkassenrw.de/index.php?id=113&no_cache=1&tx_ttnews[tt_news]=219&tx_ttnews[backPid]=9&cHash=e0260c8b62).

[4] Es handelt sich dabei um einen Sprung (beidbeinig) mit einer präzisen Landung auf einer Linie, später Stange, Mauer usw. Dabei ist es wichtig, dass man auf den Fußballen landet und durch leichtes Tiefgehen in die Knie den Sprung abfedert (vgl. http://www.kultusportal-bw.de/servlet/PB/show/1282894/Parkour-Fortbildung_Heinlin.pdf).

Details

Seiten
62
Erscheinungsform
Erstausgabe
Jahr
2012
ISBN (eBook)
9783955498047
Dateigröße
13.4 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v297181
Institution / Hochschule
Staatliches Seminar für Didaktik und Lehrerbildung (Gymnasien und Sonderschulen) Heidelberg
Note
1
Schlagworte
kompetenzorientierter Unterricht Kooperation Kreativität Sport Traceure

Autor

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