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Die Rolle des Müßiggangs in einer Theorie des guten Lebens: Tom Hodgkinsons „How to be Idle“

Magisterarbeit 2012 57 Seiten

Philosophie - Philosophie des 20. Jahrhunderts

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Begriffsklärung

3. Müßiggang in der Philosophie, Sozialökonomie und Literatur
3.1 Philosophie – Epikur, reine Idee der Muße
3.2 Muße in der Sozialökonomie – Aufhebung der Arbeit bei Karl Marx
3.3 Literatur – Oscar Wilde

4. Müßiggang als ein Weg für ein freies und angenehmes Leben?
4.1 Grundgedanken Tom Hodgkinsons
4.1.1 Ethik des Müßiggangs
4.1.2 Anleitung zum Müßiggang
4.1.3 Ästhetik des Müßiggangs
4.2 Kritik an Tom Hodgkinsons Ansatz

5. Müßiggang in einer Theorie des guten Lebens

6. Schlussteil

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Das Themenfeld Müßiggang[1] umfasst seit der Antike bis zur Gegenwart sowohl in der Philosophie als auch in den angrenzenden Bereichen ein vielfältiges Spektrum sehr differenter Facetten, das so den Rahmen dieser Arbeit sprengen würde. Aus diesem Grunde beschränke ich die vorliegende Arbeit darauf, selektiv einige Facetten aufzuzeigen und schwerpunkt­mäßig die Position von Tom Hodgkinson kritisch zu beleuchten.

Hodgkinson ist ein 1968 geborener britischer Journalist und Literaturwissenschaftler. Er lebt und arbeitet in England und genießt dort große Popularität. Seine vier veröffentlichten Bücher handeln um Muße und Freiheit. Dabei ist das erste Buch, How to be Idle [2] , ausschlaggebend[3], und die anderen Bücher entwickeln seine Theorie der Muße in jeweils verschiedene Richtun­gen: sein zweites Buch handelt von einer „anarchistischen Einstellung zu den täglichen Hindernissen, die zwischen uns und unseren Träumen kommen“[4], das dritte und vierte – um die Anwendung seiner Theorie des Müßiggangs an jeweils die Elternschaft und die Ehe. Seine Akademie, The Idler Academy of Philosophy, Husbandry and Merriment, die sich theoretisch und praktisch mit dem Müßiggang beschäftigt, bietet Seminare zur klassischen Musik, Kalligraphie und Analyse der literarischen Klassiker, Kurse des Ukulele-Spiels, Unterricht in englischer Grammatik und vedischer Mathematik an. Alle diese Tätigkeiten sind so konzipiert, dass sie keinen praktischen Zweck erfüllen, sondern dienen nur dem angenehmen Erleben der Stunden. Außerdem gibt Hodgkinson jährlich die Zeitschrift The Idler heraus, wo er eine Kampagne gegen die moderne Arbeitsmoral betreibt und für die Freiheit, Autonomie und Verantwortung eines Einzelnen wirbt.[5]

Sein Buch How to be Idle, dessen deutscher Titel Die Anleitung zum Müßiggang [6] lautet, ist keine wissenschaftliche Abhandlung. Es ist vielmehr ein historisch und literarisch fundierter Ratgeber zur Muße. Hodgkinson selbst umschreibt sein Werk mit diesen Worten: „ Kanon des Müßiggangs[…] – ausgewählt aus Philosophie, Literatur und Geschichte der letzten dreitausend Jahre -, um […] Müßiggängern im Kampf gegen die Arbeit mit nötiger Munition zu versorgen.[7] Dieser „Kanon des Müßiggangs“ ist vom philosophischen Interesse. In sei­nem Werk stellt Hodgkinson nämlich die Muße als einen Weg zum freien, und angenehmen Leben dar, und knüpft somit an die Tradition der Antworten auf die Frage nach dem guten Leben an.

Müßiggang genießt derzeit eigentlich keinen guten Ruf. Im Gegenteil, es wird oft versucht, jeden Augenblick einem Zweck zu widmen, zu handeln. Tendenziell gilt es als schlecht, nichts Nutzvolles zu tun, die Zeit zu „verplempern“. Selbst die Ruhestunden sind nicht nur eingeplant, sondern es wird auch oft versucht, „das Beste“ daraus zu machen, die freie Zeit zu nutzen. Sonst hat man das Gefühl, die Stunden wären umsonst verlebt. In diesem Fall werden Schuldgefühle empfunden. Von der Gesellschaft spürt man den Druck, etwas tun zu müssen, denn das Nichtstun wäre falsch. Das Sprichwort „Müßiggang ist aller Laster An­fang“ illustriert diese Einstellung zur Muße sehr gut und wird tendenziell für wahr gehalten, ohne hinterfragt zu werden.[8]

Die Wahrnehmung vom „Müßiggang“ als etwas Negatives hat einen historischen und politischen Ursprung, dem Tom Hodgkinson auf den Grund geht, und den er dann als un­zeitgemäß und irrelevant denunziert. In seinem internationalen Bestseller How to be idle nähert er sich auch kultur- und philosophiegeschichtlich der Muße.

Hodgkinson argumentiert, dass Müßiggang, Müßigkeit, Muße, Nichtstun und auch Faulheit an sich nicht notwendigerweise ein Übel sein müssen, im Gegenteil, sie sind gut. Er findet, dass der Mensch unbedingt nicht nur das moralische Recht darauf hat, nichts zu tun, wann und so lange er will, sondern auch, weil das unbedingt ein wichtiger Teil des Lebens und damit eins der Voraussetzungen für das Glück ist. Muße ist persönlich und darf nicht zwangsweise unterbrochen werden. Auch nicht, um Geld verdienen zu „müssen“. Wenn Jemand Zeit zum Versinken in eigenen Gedanken braucht, dann sollte er sie sich nehmen können. Keine vorstellbare Aufgabe kann den Wert vom Prozess des Schauens und Nachdenkens aufwiegen. Als Folge dieser Überzeugung, kritisiert Hodgkinson auch heftig den Massenkonsum. Um ihn zu finanzieren, muss der Mensch nämlich mit den kostbaren Mußestunden bezahlen, die dann ja an das Geldverdienen abgegeben werden müssen.

Um an den ethischen Kern seiner Arbeit zu gelangen, muss man sich mit den von ihm vorgeschlagenen vierundzwanzig Formen der Muße vertraut machen, durch die er sein Konzept darstellt. In fast jedem davon ist ein Teil seiner Basistheorie zu erkennen. Alle Formen des Müßiggangs, die er anbietet, dienen der Möglichkeit, in Gedanken zu versinken, zu schauen und zu reflektieren, zu sein, anstatt zu handeln. Außerdem, befürwortet und feiert Hodgkinson den genusssüchtigen, ausschweifenden Hedonismus. Wenn Hodgkinsons Hedonismus nicht ausschweifend wäre, könnte man ihn als den neuen Vertreter von Epikur bezeichnen, denn genau wie Epikur lehnt Hodgkinson den arbeitsorientierten Alltag und das einsame Streben ab. Ähnlich wie bei Epikur liegt für ihn das Glück in einfacher, physischer und psychischer Zufriedenheit, Ruhe und Freiheit. Auch in seiner Ablehnung des Massenkonsums als tödlich für die innere Freiheit des Menschen, wird die Ähnlichkeit zu Epikurs Glückstheorie deutlich.

Dementsprechend werde ich zuerst die Begriffe Müßiggang und Muße klären, dann die Rolle des Müßiggangs in Philosophie, Sozialökonomie und Literatur an Beispielen von Epikur, Marx und Wilde erörtern, um dann vor diesem Hintergrund zum einen Tom Hodgkinsons Konzept des Müßiggangs als Weg für ein freies und angenehmes Leben aufzuzeigen, und zum anderen die Bedeutung des Müßiggangs für eine Theorie des guten Lebens zu eruieren. Im Schlussteil evaluiere ich kritisch die Position von Tom Hodgkinson und die Kritik an diesem Konzept und versuche, für das Problemfeld Müßiggang eine eigenständige Gesamt­einschätzung zu entwickeln.

2. Begriffsklärung

Der Titel des Originaltextes von Tom Hodgkinson, den wir hier einer philosophischen Kritik unterziehen wollen, lautet How to be idle. Es ist also idleness, um die es sich handeln wird. Der Übersetzer des Textes[9] hat sich bei der Übersetzung des Titels für die Anleitung zum Müßiggang entschieden. Dem Sinn nach hätten es statt Müßiggangs auch Muße, Faulheit, Trägheit oder Nichtstun sein können. Hodgkinson selbst benutzt in seiner Abhandlung nämlich die Begriffe wie lazyness, leisure, doing nothing und andere mit idleness synonym. Da es sich bei allen von ihnen darum handelt, die Zeit nicht zweckmäßig zu gestalten, schlage ich als Überbegriff für sie und als Kernbegriff von Hodgkinsons Theorie das Wort Muße vor, das mit Müßiggang synonym benutzt wird.

Anders als das Wort Muße, steht das Wort Müßiggang häufig für eine Art von als negativ bewertete Untätigkeit. In der Wendung „X hat Müßiggang “ dominiert die Bedeutung von „(nutzlosem, schädlichem) Zeitverschwenden “, das X hat. In dieser Untersuchung nehme ich dem Wort die negative Färbung weg und setze es neutral ein, deshalb verwende ich es auch synonym mit Muße. Es wäre für die Intention Hodgkinsons nämlich unangemessen, den Begriff idleness negativ aufzufassen. Wenn ich bei der Darstellung von Hodgkinsons Theorie das Wort Müßiggang verwende, meine ich es synonym mit Muße, also neutral.

Bereits am Anfang wird offenbar, dass Tom Hodgkinson selbst keine klare Definition von dem Hauptbegriff seiner Abhandlung erarbeitet. Seine Ambition ist es aber auch nicht, eine systematische philosophische Untersuchung durchzuführen, sondern „die Faulheit zu feiern und die westliche Arbeitsmoral zu attackieren, die so viele von uns noch immer versklavt, demoralisiert und deprimiert.“[10] Er schreibt ein Essay. Sein einziger Versuch, den Haupt­begriff zu definieren, ist ein Zitat von Robert Louis Stevenson, dessen Definition wohl die eigene Auffassung Hodgkinsons über das Paradox des "produktiven" Nichtstuns reflektiert: „ Müßiggang… besteht nicht in Nichtstun, sondern darin, dass sehr viel getan wird, wovon in den dogmatischen Formelsammlungen der herrschenden Klasse keine Notiz genommen wird “.[11] Diese Definition erscheint mir als nicht unzutreffend, jedoch ist sie für mein Vor­haben nicht genau genug. Deshalb möchte ich versuchen, hier aufzuzeigen, dass es ver­schiedene Definitionen für den Begriff gibt, um dann eine Synthese aus diesen zu erarbeiten, die ich dann als den Begriff für diese Arbeit nutzen kann.

In einem linguistischen Wörterbuch, wie zum Beispiel dem Wörterbuch der Deutschen Gegenwartssprache von 1975 werden die zwei Bedeutungen vom Adjektiv „müßig“ klar getrennt. Die erste Bedeutung ist neutral, es heißt „unbeschäftigt, untätig“, aber die zweite ist abwertend: „überflüssig, unnütz, zwecklos“[12].

Der zweite Beispiel einer Definition des Müßiggangs stammt aus dem Wörterbuch der Philosophischen Grundbegriffe von Kirchner und Michaelis aus dem Jahr 1911 und enthält den Hinweis, dass zu dieser Zeit der Müßiggang mit einer Strafe belegt werden konnte:

Müßiggang heißt das Genießen der Ruhe ohne Erholungsbedürfnis und ohne vorhergegangene Arbeit. Der Müßiggang entspringt meist aus Trägheit, bisweilen aus Genußsucht, die auf gesellige Vergnügen, Reisen, ästhetisierende oder literarische Näscherei usw. gerichtet ist. Geschäftiger Müßiggang ist die regellose und daher meist unnütze Geschäftigkeit. Nach dem Strafgesetzbuch ist Müßiggang so viel wie Arbeitsscheu und wird unter Umständen mit Strafe belegt.[13]

Diese Definition stammt aus einer Zeit, in der die dominante, deutsche Kultur unter anderem durch Staatsloyalität und Militarismus geprägt war, und deshalb natürlich nicht mehr ganz zeitgemäß ist. Trotzdem interessant, dass scheinbar so harmlose Dinge wie „gesellige Vergnügen, Reisen, ästhetisierende oder literarische Näscherei“ früher als „regellose und meist unnütze Geschäftigkeit“ bezeichnet und sogar bestraft wurden.

Dies kontrastierend, möchte ich hier den Artikel über „Muße“ aus einer neueren Quelle anführen, dem Historischen Wörterbuch der Philosophie von Joachim Ritter von 1984. Laut dem Autor, N. Martin, bedeutet Muße auf Griechisch σχολή [skʰoˈlɛː], auf Latein „otium“, auf Englisch “leisure“, auf Französisch „loisir“, und wird definiert als

das Freisein von Staatsgeschäften und ökonomischen Tätigkeiten, die in der Antike als Nicht-Muße, [negotium] definiert waren, und impliziert in diesem Sinne die Hinordnung des Lebens primär auf den Bereich der ruhenden Beschauung. [Es] bedeutet Feste feiern, Freunde haben, sodann Beschäftigung während dieser Zeit (Vorträge), schließlich Ort dieser Zeit (Schule). [Muße, auf Althochdeutsch „muoza“, auf Mittelhochdeutsch „muoze“] bedeutet freie Zeit, Möglichkeit, Gelegenheit zu etwas; in diesem Sinne steht das Wort etymologisch in der Nähe von „müssen“, [Mittelhochdeutsch „müezen“, Altgermanisch „môtan“].[14]

Martin bietet auch einen historischen Querschnitt vom Mußebegriff in der Philosophie von Platon über Kant, Marx und Hegel bis Schopenhauer, Nietzsche und Pieper. Es erscheint mir sinnvoll, diesen Querschnitt hier kurz wiederzugeben, um so eine Übersicht über den Muße­begriff in der Philosophie herauszuarbeiten.

Für Platon macht die Muße die Philosophie erst möglich, denn nur befreit von den Geschäften und allem Körperlichen kann sich der Geist entfalten. Die Philosophen gehen keiner Arbeit nach, sie sind davon befreit und üben sich in Kontemplation und Versenkung. Die Polis versorgt sie mit allem Nötigen, und so können sie müßig und glücklich sein.[15]

Aristoteles ist er der Meinung, dass das zweckorientierte Handeln und das Glück sich gegen­seitig ausschließen. Man ist nur unmüßig, um Muße zu haben, denn nur die Muße allein ermöglicht das Glück. In der Muße transzendiert sich der Mensch und erreicht etwas Über­menschliches und Göttliches. Aus diesem Grund muss der Regierende die Voraussetzungen dazu schaffen, dass der Mensch genug Möglichkeiten zur kontemplativen Beschauung hat, anderenfalls ist er ein Tyrann. Die Erziehung muss auch in Muße erfolgen, sonst wird sie zur Versklavung. Die Kunst und das Handwerk, die die Gesundheit beeinträchtigen, lehnt Aristoteles ebenfalls ab. Damit die Muße nicht in Leichtsinn umschlägt, muss dabei auf Gerechtigkeit, Mäßigung und Weisheitsliebe geachtet werden.[16]

Vergil hält Muße für ein Göttergeschenk und Seneca sieht sie, wenn sie ohne Kunst und Wissenschaft ausgeübt wird, als einen inneren Tod.[17]

Wenn in der Antike die kontemplative Einstellung zum Leben verbreitet ist, und im Mittelalter die Polarität zwischen den freien Künsten und praktischen Künsten, wie dem Handwerk, herrscht, tritt in der Neuzeit die früher vorherrschende Bedeutung der Muße im Verhältnis zur Arbeit langsam in den Hintergrund, selbst wenn es um die Einstellung dazu als Bedingung für die Philosophie geht. Wissenschaft rückt aus dem Bereich der freien Künste in den Bereich der praktischen.[18]

Kant besteht auf dem modernen Arbeitsbegriff und wendet ihn auch auf die Philosophie an. Damit dreht er die Hauptthese von Aristoteles, darüber dass die Philosophie die Muße voraussetzt, um.[19]

Ähnlich ist bei Hegel die Arbeit – der Weg zu Gott. Dennoch sieht er die Muße, wie Platon und Aristoteles, als die Voraussetzung für die Philosophie, und die Philosophie als „ Sonntag des Lebens[20]. Also bekommt bei ihm die Muße ihre Rechtfertigung, wenn dabei die Philosophie ausgeübt wird.

In Anlehnung an Hegel, stellt Marx die Arbeit als den wichtigsten Aspekt des Menschseins dar. Er bemüht sich auch, den traditionellen Begriff der Muße für Privilegierte zu einem für alle gültigen Begriff der Muße zu machen und außerdem, das Verhältnis von Arbeit und freier Zeit neu zu bestimmen. Als Ergebnis, steht für ihn die Muße der Privilegierten nicht im Gegensatz zur Arbeit des Volkes. Die voraussichtlich zunehmende Automatisierung der Produktion in der klassenlosen Gesellschaft nach Marx würde es nämlich jedem ermöglichen, die Arbeit zu machen, bei der das Individuum sich verwirklichen kann, und in der gewonnenen Freizeit, inklusive der Mußezeit, auch sich neu zu entfalten. So definiert Marx die Begriffe von Muße und Arbeit in ihrem Verhältnis zueinander neu.[21] Da mich die Sicht von Marx im Sinne dieser Arbeit besonders interessiert, lege ich diese ausführlicher im Kapitel 3.2 dar. Sie scheint nämlich durch ihre Betonung der Wichtigkeit von Freiheit, Gleichheit und schöpferischer Tätigkeit mit der Theorie Hodgkinsons ähnliche Züge aufzuweisen.

Schopenhauer und Nietzsche befürworten die Muße in der Moderne. Allerdings finden sie beide, dass sie nur einem Genie vorbehalten bleibt. Sie beide kritisieren die Arbeitsideologie der Neuzeit und greifen auf den Mußebegriff der Antike zurück. Nur der könnte die Menschen der Moderne davon abhalten, wegen der Muße Schuldgefühle zu haben, und ein Dasein als Arbeitstier, für das die Muße nur der Erholung nach und vor der Arbeit dient, zu führen.[22]

Nach der ersten industriellen Revolution, erzählt Martin, kam der Arbeitsbegriff auf, dem sich auch die freien Künste unterwarfen, nämlich „Freizeit und Erholung als Arbeit“. Die zweite industrielle Revolution erweiterte die zur Verfügung stehende „freie Zeit“, sodass seitdem mehr über die „Freizeit“ als von Muße gesprochen wurde.[23]

Zusammenfassend bringt Martin die Aspekte des Mußebegriffs heraus, und zwar: erstens, seine „ Polarität zum zweckorientierten und zielgerichteten Handeln[24] ; zweitens, die „ Bereitstellung eines Raumes, innerhalb dessen sich die Kontemplation entfalten kann, indem das Ich sich aus der Isoliertheit einzelner Betätigung und aus dem Dienst des unmittelbaren Zweck löst und in ruhender Gelassenheit sich in der Sinnmitte der Person sammelt[25] ; drittens, die Fähigkeit zur Muße, die sich gesellschaftlich ausprägt „ in einer geistigen Rangordnung […], die aus dem Unterschied im Grad innerer Freiheit erwächst[26].[27]

Darüber hinaus unterscheidet sich bei Martin die Muße vom Müßiggang, und zwar sagt er, dass die Muße zwischen „ betriebsamer Geschäftigkeit, Hetze[28] und dem Müßiggang stehe. Müßiggang stehe für das Nichts-tun, Langeweile und „leere“ Zeit.[29] In der Muße dagegen hätten wir die Zeit, aber diese „freie Zeit“ wäre nicht schon Muße. Es käme darauf an, mit welchem Tun die Mußezeit ausgefüllt ist,[30] sonst schlägt wohl die Muße in den Müßiggang über. Ich denke aber, dass im Sinne von Tom Hodgkinsons Theorie, über die weiter die Rede sein wird, das Nichts-tun, die Langeweile und die so genannte „leere“ Zeit zur Muße dazugehören, denn sie haben denselben Sinn, wie die mit philosophischen Studien und Kontemplation ausgefüllte Muße, und zwar die Schau als aufnehmendes Empfangen, auch wenn sie dann unbewusst geschieht.

Joseph Pieper ist ein weiterer Vertreter und Befürworter der Muße, und zwar befürwortet er sie als Kulturprämisse. In seinem Buch Muße und Kult erinnert er daran, dass Aristoteles am Anfang seiner Metaphysik die Muße als „ eines der Fundamente der abendländischen Kultur[31] bezeichnete. Außerdem, zitiert er den aristotelischen Satz „ Wir sind unmüßig, um Muße zu haben[32], um zu betonen, wie sehr sich unser heutiges Verständnis der Muße von der antiken und mittelalterlichen unterscheide: „ sosehr […], daß wir eben gar nicht mehr unmittelbar begreifen, was die Alten gemeint haben, wenn sie sagen: wir arbeiten um der Muße willen[33]. Der unmittelbare Zugang zum ursprünglichen Begriff der Muße ist nach Pieper nicht mehr vorhanden. Er setzt sich auch kurz mit der Herkunft des Wortes auseinander: „ Muße heißt […] lateinisch schola , deutsch Schule . Der Name also, mit dem wir die Stätten der Bildung, und gar die der Ausbildung, benennen, bedeutet Muße. Schule heißt nicht Schule, sondern: Muße.[34] [35] Es ist wohl darauf zurückzuführen, dass die Bildung in der Muße erfolgen muss.

Alternativ dazu, scheint mir die Definition der Muße von Ulrich Schnabel einen wichtigen Punkt zu treffen:

[Das sind] jene Stunden, in denen wir ganz das Gefühl haben, Herr über unsere eigene Zeit zu sein, in denen wir einmal nicht dem Geld, der Karriere oder dem Erfolg hinterherrennen, sondern in denen wir zu uns selbst und unserer eigentlichen Bestimmung kommen. Muße ist nicht auf das entspannte Nichtstun beschränkt, sondern kann uns in vielen Formen begegnen – in inspirierenden Gesprächen ebenso wie beim selbstvergessenen Spiel, beim Wandern oder Musizieren, ja selbst beim Arbeiten – kurz: in jenen Momenten, die ihren Wert in sich selbst tragen und die nicht der modernen Ver­wertungslogik unterworfen sind.[36]

Er selbst findet die Definition von Helga Novotny treffend:

Muße ist die Intensität des Augenblicks, der sich zeitlich zu Stunden oder Tagen ausdehnen kann, um sich auf ein einziges zu konzentrieren: Eigenzeit .[Dies] kann vieles sein – ein intensives Gespräch ebenso wie Musikgenuss oder ein spannendes Arbeitsprojekt, sie kann spielerisch oder ernsthaft sein, zielorientiert oder suchend, aber sie wird immer charakterisiert durch eine Eigenschaft, sagt Novotny: Muße ist die Übereinstimmung zwischen mir und dem, worauf es in meinem Leben ankommt .[37]

In dieser Arbeit wird diesen beiden Definitionen gefolgt.

3. Müßiggang in der Philosophie, Sozialökonomie und Literatur

Im folgenden Kapitel wird als theoretischer Hintergrund die Darstellung des Müßiggangs in den Bereichen Philosophie, Sozialökonomie und Literatur aufgezeigt, an Beispielen von Epikur, Karl Marx und Oscar Wilde.

3.1 Philosophie – Epikur, reine Idee der Muße

Epikur vertritt die Auffassung, dass das Ziel unsers Lebens Lustgewinn ist. Von Lust – Hedone – kommt Hedonismus, die Epikur als eine philosophische Position vertritt.[38] Er sagt, dass nichts einen Sinn macht, wenn das Endziel davon nicht die Lust - Hedone - ist. Wenn man es nicht besser weiss, könnte man denken, dass auf diese Weise Epikur eine direkte Verbindung zum Müßiggang hat, weil Müßiggang an sich sehr angenehm sein kann, also Lust bereiten würde. Epikur versteht jedoch etwas Anderes unter der Lust, als Genusssucht. Lust ist für ihn, wenn alle Bedürfnisse des Körpers und der Seele befriedigt sind, ein ruhiger Zustand. Mit Bedürfnissen sind hier die gemeint, welche unbefriedigt als Schmerz empfunden werden. Dem Körper fehle es an Substanz, zum Beispiel bei Hunger am Essen, und das könne als Schmerz empfunden werden. Wenn der Hunger gestillt wird, auch wenn nur mit Brot und Wasser, wie Epikur es selbst vorzog – wird auch der Schmerz eliminiert, und so entstehe die Lust. Demnach, liegt die Lust hier in der Schmerzlosigkeit. Ähnlich verhält es sich mit der inneren Unruhe, die durch Ängste entstehen kann. Wenn die Ängste überwunden sind, ist der Schmerz gestillt, es entstehe Hedone - Lust. Um die Ängste vor dem Tod, vor den Göttern, vor dem Schmerz und von der falschen Auffassung von Lust zu lindern, bedarf es Aufklärung, da diese Ängste aus Unwissenheit entstehen. Diese Aufklärung sieht Epikur als die Hauptaufgabe der Philosophie. So verhilft Philosophie zur Lust und zur Glückseligkeit.[39]

Epikur argumentiert, dass das Streben nach Lust und die Vermeidung vom Schmerz für den Menschen, wie für jedes andere Lebewesen, natürlich sind, also kann die Lust nicht schlecht sein, also ist sie gut. Im Gegensatz jedoch zum üblichen ausschweifenden Hedonismus vertritt Epikur einen Lustbegriff, der sich von der reinen, egozentrischen Trieb- und Lustbefriedigung abhebt. Zwar lehnt er die Abkehr vom Körper – wie etwa in der Stoa – ab und bejaht ein leibliches, gegenwärtiges Leben. Er glaubt nämlich nicht an die Unsterblichkeit der Seele. Jedoch ist bei ihm ein maßvoller Genuss geraten. Alles, was zu viel ist, bedeutet für Epikur genau so viel Schmerz, wie alles was zu wenig ist. Stattdessen rät Epikur zu einem maßvollen Leben im Hier und Jetzt.[40]

Die Lust nach Epikur entsteht also nicht aus der Befriedigung von Gelüsten, sondern aus der Befreiung vom Schmerz. Durch den natürlichen Lebensprozess erleide der Körper einen Substanzverlust, daraus entstünden die Grundbedürfnisse, die mit dem Schmerz gleich­zusetzen sind:

Durch die Nahrungsaufnahme wird der durch Mangel bedingte körperliche Schmerz beseitigt. Den dann eintretenden Zustand körperlicher Intaktheit nennt Epikur „katastematische“ Lust, d. h. Lust des Zustands […] Wird diese Lust vom ganzen Körper als eine Art Gesamtgefühl empfunden, so beziehen sich die „kinetischen“ Lustempfindungen auf die Sinnesorgane und sind z.B. an die Nahrungsaufnahme und bestimmte, gewissermaßen zusätzliche Aktivitäten gebunden, die, wie die Befriedigung des Sexualtriebes, als bloße Variation der Zustandslust interpretiert werden.[…] Das volle Maß der Eudämonie wird nur erreicht, wenn Körper und Geist in völliger Übereinstimmung dieses Gesamt­gefühls teilhaftig werden. Das heißt, auch philosophische Aufklärung[…] ist[…] eine unabdingbare Voraussetzung voller Daseinsverwirklichung.“[41]

Das hindert Epikur jedoch nicht daran, seinen Hedonismus mit der Ausdrucksweise zu vertreten, die dem landläufigem Hedonismus ähnlich ist: „ Ich wenigstens weiss nicht, was ich mir als das Gute vorstellen soll, wenn ich die Lust des Geschmacks, die Lust der Liebe, die Lust des Gehörs und auch die lustvollen Bewegungen beim Anblick einer schönen Gestalt beiseitelasse[42]. Mit dieser Akzentuierung der Sinneslust rehabilitiert er den Körper und die Körperlichkeit gegen die „ Leibfeindlichkeit eines dualistischen Welt- und Menschenbildes[43], wo es heißt, dass der Körper ein Gefängnis für die Seele sei, aus dem die Seele befreit werden müsse. Als Materialist leugnet er die Unsterblichkeit der Seele und sieht den Sinn des Lebens darin, „es hier und heute auszuschöpfen“, weil das Leben dem Menschen nur einmal gegeben wird und endlich ist[44].

Epikurs Ethik ist frei von Ideologie und Ideologiekritik[45]. Ihn interessiert das Glück. Er sieht das Glück in „ heiterer Gelöstheit von allem unbedingten Streben[46]. Philosophie soll den Menschen aufklären, sodass er seine Ängste vor dem Tod, den Göttern und dem Schmerz verliert, und ihm aus seinem seelischen Leid heraushilft. Sie soll den Menschen von Zweifeln und entfesselten Begierden befreien, ihm den leichteren, angenehmeren Weg zu seinem Glück zeigen. Epikur versucht, eine Theorie des glücklichen Lebens zu entwickeln, die an jeden gerichtet sein könnte, unabhängig der Herkunft, des Gesellschaftsstandes oder der Auffassungsgabe. Für ihn bestehen die Menschen alle aus gleichen Atomen. Die Seele sei an sich unabhängig von Reichtum, Macht und Ehre. Jeder Mensch strebe von Natur aus nach Glück.[47]

Um die Theorie von Lust und Schmerz Epikurs zusammenzufassen, befindet sich jedes Lebewesen entweder im Lust- oder Schmerzzustand, oder in einem Gemisch aus beiden Zuständen, aber niemals in einem neutralen. Diese Empfindungen diktieren dem Lebewesen natürlicherweise, wie er sich zu verhalten hat, um dem Schmerz zu entgehen und die Lust zu erfahren und zu prolongieren. Nach diesem Kriterium führen alle Lebewesen ihr Leben, und es gibt keinen Grund, warum das anders sein sollte. Lust ist der Ursprung und gleichzeitig das Ziel des Lebens.[48]

Zusätzlich können wir aus dem Werk von Forschner über Epikur s Glückstheorie entnehmen, dass das Glück nach Epikur nicht in dem Streben nach einem Ziel besteht, sondern die „ die Struktur eines freien Spiels [hat] , das als solches, weil zwecklos, nicht ausgerichtet auf ein zu Erreichendes, stets vollendet ist. Zum Mitspielen des freien Spiels des Lebens wird nur jener, der sich aus den Zwängen unbedingten Begehrens und Strebens befreit und in ästhetischer Distanz dem Spiel überläßt.“[49] Damit meint Epikur, dass das Glück nicht einem strengen Plan unterworfen werden kann, und es sich am glücklichsten leben lässt, wenn der Mensch sich treiben lässt, also dem Müßiggang frönt.

Dem Werk von Müller entnehmen wir, dass Epikur das nahe Zusammenspiel von der philo­sophischen Muße und produktiver Arbeit in der Gemeinschaft der Freunde befürwortete, wo alle Mitglieder sowohl etwas zum Lebensunterhalt beitrügen, als auch sich die Zeit für die philosophischen Betrachtungen nehmen würden: „ So werden wir alle pflügen, graben und uns um das Vieh kümmern… Und diese Arbeiten werden das fortwährende Studium der Natur unterbrechen, denn sie versorgen mit dem, wessen die Natur bedarf “.[50] Es wird darauf hingewiesen, dass solche Aussagen für Epikur untypisch sind, da er sonst nur von der Auf­teilung der Güter zwischen den Freunden gesprochen hat, nicht von der Aufteilung der Arbeit.[51] Beides entspricht jedoch dem Konzept des Müßigen Lebens, wo die Hauptzeit dem Studium, dem Betrachten, dem Analysieren und Philosophieren gewidmet wird, und gearbeitet nur dann wird, wenn es von Nöten ist.

3.2 Muße in der Sozialökonomie – Aufhebung der Arbeit bei Karl Marx

Um über die Muße bei Marx zu sprechen, muss zuerst auf sein Konzept der Arbeit ein­gegangen werden. Nach diesem Konzept ist die Arbeit gleichzeitig die Verwirklichung und die Vernichtung der Menschheit.[52]

Der frühe Marx übernahm den Gedanken von Hegel, der nach Marx „ den gegenständlichen Menschen, wahren weil wirklichen Menschen, als Resultat seiner eigenen Arbei t“[53] begriff. Jedoch kritisierte er, dass Hegel nur von der geistigen Arbeit sprach, und wendete dagegen ein, dass das Wesen des Menschen in der physischen und nicht nur geistigen Arbeit realisiert wird.[54]

Der späte Marx entwickelte diese Überlegungen in einem Modell von dem industriellen Pro­duktionsprozess, dem Arbeitsprozess, der Konsumption und der Reproduktion unter dem Kapitalismus, wonach die Gesellschaft strikt in zwei Klassen – von Kapitalisten und Arbeitern – geteilt war, und die Arbeiter deutlich im Nachteil gegenüber den Kapitalisten waren.[55]

Ein Kapitalist nach Marx arbeitet grundsätzlich nicht, er besitzt (Mittel für den kapitalistischen Produktionsprozess), kauft und verwertet (Rohstoffe, Werkzeuge, Arbeitskraft der Arbeiter) im Produktionsprozess zum Zweck der Herstellung von verkaufbaren Gegenständen.[56]

Dagegen besitzt ein Arbeiter nach Marx nichts, außer der eigenen Arbeitskraft, die er aus­schließlich zum Zwecke der eigenen Lebenserhaltung an den Kapitalisten verkaufen muss[57].

Im Arbeitsprozess wird das Arbeitsvermögen des „Arbeiters“ vom „Kapitalisten“ produktiv konsumiert, (zusammen mit Rohstoffen und Werkzeugen), während der Arbeiter seine „Arbeitskraft“ konsumieren lässt. Arbeitsvermögen des Arbeiters, obwohl sie dem „Kapitalis­ten verkauft wird, bleibt bis in den Herstellungsprozess trotzdem an ihn gebunden. So kommt es, dass der „Arbeiter“ sein Arbeitsvermögen regelmäßig regenerieren muss, in der Zeit, während er nicht arbeitet. Marx nennt es Reproduktion. Um die Reproduktion zu vollziehen, konsumiert der „Arbeiter“ vor allem Lebensmittel, die er von seinem Lohn kaufen muss. Das nennt Marx individueller Konsum. Diesen Konsum unterscheidet Marx grund­sätzlich von dem produktiven Konsum, wo der „Arbeiter“ während des Produktionsprozesses die Rohstoffe und Werkzeuge und den Prozess der Arbeit konsumiert, und so dem Kapitalisten gehört. Beim individuellen Konsum gehört der Arbeiter sich selbst. So kommt es, dass das Leben des „Arbeiters“ in die Bereiche zerfällt: Arbeit und den Rest. Das erste wird als unfreie Zeit wahrgenommen, das zweite als Frei-zeit. In dieser Aufteilung sah Marx einen bedeuten­den Teil der vom Kapitalismus bewirkten Entfremdung.[58]

Denn, obwohl während der Arbeitszeit der Mensch die für sein Eigenbewusstsein wichtige Arbeit verrichtete, geschehe dies unter den Bedingungen, die jemand anderer bestimmt hat, den unfreien Bedingungen. Außerdem enteignete man ihn des Produktes seiner Arbeit und dazu kam noch, dass die Zeit der nicht-Arbeit theoretisch dem Arbeiter gehörte, konnte von ihm aber nur zur Erholung benutzt werden, um am nächsten Tag wieder zu arbeiten, was eigentlich nicht seinem Wesen entsprach[59]: „ So kommt es daher zu dem Resultat, daß der Mensch (der Arbeiter) nur mehr in seinen tierischen Funktionen, Essen, Trinken und Zeugen, höchstens noch Wohnung, Schmuck etc. sich als freitätig fühlt und in seinen menschlichen Funktionen (der Arbeit, G. V.) als Tier. Das Tierische wird das Menschliche und das Menschliche das Tierische“ [60]

So stellt Marx fest, dass die Arbeit, und mit ihr der Arbeiter zur Ware werden: „ Je mehr der Arbeiter sich ausarbeitet, desto reicher wird die fremde Gegenständlichkeit, um so leerer er[…] die Arbeit produziert Wunderwerke für die Reichen, aber sie produziert Entblößung für den Arbeiter. Sie produziert Schönheit, aber Verkrüppelung für den Arbeiter… Sie produziert Geist, aber sie produziert Blödsinn und Kretinismus für den Arbeiter“ [61]

Da Marx nicht daran glaubt, dass die Arbeiter ihre Entfremdung durch einen Akt des Bewusstseins aufheben können, bemüht er sich um das Konzept einer Revolution. Wenn dabei das Privateigentum an Produktionsmitteln aufgehoben wird, ändert es nur die gesell­schaftlichen Verhältnisse, nicht den Produktionsprozess. Marx bemüht sich darum, dass die Bedingungen der Selbstentfremdung zu Bedingungen der Selbstverwirklichung werden. So erstellt er ein Konzept, in dem die Prämisse ist, dass in Zukunft die Maschinen den größten Teil der Arbeit erledigen, die jetzt zur Entfremdung führt, der mechanischen Arbeit. So werden alle Menschen – die Klassen werden aufgehoben – mehr freie Zeit – „die sowohl Mußezeit als Zeit für höhere Tätigkeit ist“[62] gewinnen, sodass sie sie zur Selbstver­wirklichung nutzen können. Zugleich wird das Verhältnis zwischen Arbeit und Muße neu definiert[63]: „die unmittelbare Arbeitszeit selbst nicht in dem abstrakten Gegensatz zu der freien Zeit bleiben kann – wie sie vom Standpunkt der bürgerlichen Ökonomie aus er­scheint“[64]

Die übriggebliebene Arbeit ist deshalb, und, weil es ihr an beruflicher Arbeitsteilung fehlt, eigentlich nicht mehr die wirkliche Arbeit in dem bekannten Sinn, darum spricht er von der Aufhebung der Arbeit. Sie wird „travail attractiv, Selbstverwirklichung des Individuums“[65], ähnlich wie künstlerisches Schaffen, frei von Qual und Mühe. Der Idee nach, würde jeder frei seinen Neigungen folgen.[66]

Dabei glaubt Marx fest daran, dass nicht nur während des Arbeitsprozesses der Mensch sich kultiviert und selbstverwirklicht, sie diszipliniert ihn auch dermaßen, dass er auch die aus­geweiterte freie Zeit – inklusive der Mußezeit – so produktiv nutzt, dass sie ihn „in ein andres Subjekt verwandelt“[67].

Auf diese Weise bestimmt Marx Muße und Arbeit neu in ihrem Stellenwert.

3.3 Literatur – Oscar Wilde

Bei Wilde handelt es sich um reine Ästhetik, frei von Ideologie. Das Essay The Critic as Artist beinhaltet die wichtigsten Aussagen der ästhetischen Theorie Wildes, die unter anderem das kontemplative Leben im Gegensatz zum Handeln verteidigt.

Demnach sind wir nie weniger frei, haben nie mehr Illusionen, als wenn wir versuchen, nach einem Zweck zu handeln. Kritische Kontemplation wird von einer bewussten ästhetischen Wahrnehmung gelenkt und sei nur den Auserwählten möglich, die sie besitzen.[68]

Wilde diffamiert das Handeln als Ideal und befürwortet stattdessen das Sein als solches. Nach Wilde handelt nur derjenige, der nicht träumen und fantasieren kann. Derjenige dagegen, der es kann, hat Zugang zu der Schau, die im Gegensatz zum Handelnunbegrenzt und absolut[69] sei. Nach Wilde dürfe eine zivilisierte Person nicht eine andere fragen, was sie denn tut, sondern nur, was sie denkt, denn die Kontemplation sei „ die einzige menschenwürdige Beschäftigung.[70] Sie setze sich als Ziel nicht das Handeln, sondern das Sein, und nicht so sehr das Sein, wie das Werden. [71]

4. Müßiggang als ein Weg für ein freies und angenehmes Leben?

Im folgenden Kapitel befasse ich mich mit der Theorie des Müßiggangs von Tom Hodgkin­son, indem ich sie zuerst, geteilt in Ethik, Anleitung und Ästhetik darlege, und darauf folgend die kritischen Punkte aufzeige.

4.1 Grundgedanken Tom Hodgkinsons

Trotz aller Versprechungen der modernen Gesellschaft, dem Menschen Freizeit, Freiheit und Selbstbestimmung zu schenken, sind die meisten von uns nach wie vor Sklaven eines Stundenplans, den wir uns nicht ausgesucht haben.[72]

Untätigkeit als Zeitverschwendung zu begreifen ist ein schädlicher Gedanke, der von ihren geistlosen Gegnern verbreitet wird. [73]

In seinem Buch attackiert Hodgkinson die moderne Arbeitsmoral, argumentiert für den hohen ethischen Wert des Müßiggangs als einer zumindest hinreichenden Bedingung zu einem glücklichen Leben, gibt die Anleitung zur richtigen Ausübung des Müßiggangs und be­schreibt mithilfe von literarischen und historischen Vorbildern seine Ästhetik. Alle diese Ansätze sind bei ihm jedoch miteinander vermischt und in vierundzwanzig Kapitel je nach Tagesstunde und Form des Müßiggangs aufgeteilt.

Um die Darstellung des philosophischen Mußekonzeptes Hodgkinsons zugänglicher zu machen, ist es deshalb bequem, seine Gedanken, die er in How to be idle ausspricht, syste­matisch in einzelne Teilbereiche zu untergliedern. In dieser Arbeit werden daraus die Unterkapitel Ethik, Anleitung und Ästhetik. Im ersten Unterkapitel wird versucht, aus seiner Abhandlung einen ethischen Kern herauszuarbeiten. Im zweiten Unterkapitel werden die Handlungsvorschläge Hodgkinsons aufgezeigt, im dritten Unterkapitel werden entsprechend die ästhetischen Punkte seiner Theorie des Müßiggangs dargelegt.

4.1.1 Ethik des Müßiggangs

Tom Hodgkinson stellt Müßiggang als eine mindestens hinreichende, wenn nicht notwendige Bedingung zu einem freien, erfüllten, angenehmen und glücklichen Leben dar. Jedoch enthält seine Darstellung kaum fassbare Argumentationsstränge.[74] Vielmehr sind es bei ihm die Antworten auf die Fragen, deren Teile bruchstückhaft in seiner Niederschrift verstreut sind. Es wird also versucht, sie zusammenzufassen und zu systematisieren.

(1) Warum gilt Müßiggang heute als destruktiv und wer trägt die Schuld daran?

Um über die ethischen Grundlagen von Tom Hodgkinsons Theorie des Müßiggangs zu sprechen, muss zuerst thematisiert werden, dass die in der Einleitung dargestellte heutige Einstellung zum Müßiggang bei ihm als eine Art Verschwörungstheorie dargestellt wird, in der die Menschen seit der Industriellen Revolution systematisch manipuliert werden, Schuldgefühle wegen des Müßiggangs zu entwickeln, dauernd das Gefühl zu haben, etwas tun zu müssen, sich zu beschäftigen, mehr zu arbeiten oder das Gefühl zu haben, mehr arbeiten zu müssen. Seines Erachtens, fingen die Initiatoren der Industriellen Revolution damit an, die Massen zu mani­pu­lieren: „ Sauberkeit, Ordnung, gute Haushaltsführung, Pünktlichkeit, Opferbereitschaft, Pflicht- und Verantwortungsgefühl: diese „Tugenden“ der Selbstverleugnung wurden über ein aus­geklügeltes Netzwerk von Moralisten, Schriftstellern und Politikern verbreitet.[75] Es ginge ih­nen darum, „ die Massen von den Vorteilen ermüdender, disziplinierter Arbeit zu überzeugen. “.[76]

Hodgkinson erläutert, dass die Motive von Moralisten, Ökonomen, Priestern, Politikern und Kapitalisten[77] , die sich zusammengeschlossen hätten, um die Industrielle Revolution und ihre Arbeitsmoral voranzutreiben, hauptsächlich im Profit lagen. Aber außerdem darin, die Arbeiter [78] beschäftigt zu halten, um so das Risiko eines Aufstandes zu mindern, das aus der Erkenntnis ihrer Ausbeutung entstehen konnte. Aus diesem Grund war es ihnen auch wichtig, die Arbeiterklasse so ungebildet und so wenig denkend wie möglich zu halten. Die Arbeiter wären dazu angeregt, so viel zu arbeiten, dass ihnen keine Zeit zur inneren Einkehr blieb.

In diesem Zusammenhang bezieht sich Hodgkinson auf die Autoren wie Samuel Smiles[79], der sie hat glauben lassen, dass schwere Arbeit eine moralische Pflicht sei[80] ; John Wesley, der den Eltern riet, so früh wie möglich den Willen der Kinder zu brechen, damit es später leichter wird, sie unter Kontrolle zu haben; Thomas Carlyle, der spekulativ die Arbeit glorifizierte. (Z. B. behauptete er, dass jeder untätige Augenblick unmoralisch sei, und, dass der Mensch nur dazu geschaffen wurde, um zu arbeiten[81] ; Matthew Boulton und Josiah Wedgwood, die sich ausführlich über die Faulheit der Arbeiter beklagten; John Clayton mit seinem Friendly Advice to the Poor, wo er erklärte, dass die Armen früher schlafen gehen sollten, um nachts bloß nicht zu viel zu feiern, damit sie am nächsten Morgen gut arbeitsfähig sind. Diese Ideen führt Hodgkinson als selbstevident vor, im Sinne, dass sie heute so wahrscheinlich keiner ernst nehmen würde, und sie deshalb keine Widerlegung brauchen. Dennoch merkt er an, dass sie zur Zeit ihrer Veröffentlichung sehr wohl ernstgenommen wurden, und auch unreflektiert im Unterbewusstsein vom kulturellen Gedächtnis geblieben sein müssen. Das wäre eins der Gründe, warum wir heute noch Schuldgefühle haben, wenn wir nichts tun.[82]

Hodgkinson stellt auch die Religion als ein Kontrollmittel dar, das auch zum Zweck der Arbeitspropaganda eingesetzt wurde, und zwar, indem es jeden Sonntag in der Kirche gepredigt wurde, dass die Menschen „sündig waren, dass jeder Spaß ein Fehler war und dass stilles Dulden der Weg zum Heil auf dieser Erde ist[83], und dass der Gott alles und jeden sehe und bei Nachlässigkeit auf der Arbeit jeden das Höllenfeuer erwartet.[84]

Ein anderes Druckmittel, mit dem versucht wurde, laut Hodgkinson, den Arbeitern die neue Arbeitsmoral aufzudrücken, war es, sie verhungern zu lassen. Der Priester Andrew Townsend riet dazu, denn der Einsatz des Gesetzes wäre seiner Meinung nach nicht praktisch genug: zu mühevoll, zu gewalttätig und zu laut. Hunger dagegen würde die Arbeiter auf eine natürliche Weise zum Arbeiten bringen. Niedriglöhne wurden ebenfalls aktiv eingesetzt, um das Selbst­wertgefühl von Werktätigen herabzusetzen, die so gezwungen wären, zu arbeiten, und noch mehr zu arbeiten.[85]

Heute ist laut Hodgkinson die Situation auch nicht ganz frei von der Arbeitspropaganda. Die Rat­geber-Bücher und Zeitschriftenartikel, die die Themen des aktiven Lebensstils und des effi­zienten Zeitmanagements behandeln, richten sich laut Hodgkinson darauf, „ aus uns produk­tivere, seltener betrunkene und schwerer arbeitende Menschen[86] zu machen, und außerdem zusätzliche Geldausgaben für Sachen wie Fitnessstudio- Abonnement und Termin­kalender, Sachen, mit denen wir uns selbst unnötigen und sinnlosen Zwängen unterwerfen würden, zu pro­vozieren. Diese Medien richten sich angeblich darauf, unser Leben besser zu machen, aber stattdessen verlieren wir durch die Befolgung von noch mehr Regeln unsere Freiheit und krie­gen Schuldgefühle, wenn wir den Regeln nicht folgen. Genau das ist das wirkliche Ziel solcher Medien.[87]

[...]


[1] Die Begriffe Müßiggang und Muße werden im Folgenden synonym verwendet, siehe Definition im Kapitel 2.

[2] Hodgkinson, How to be idle (2005). Anm.: In England, Italien und Deutschland ein Bestseller.

[3] Aus diesem Grund behandele ich seine Position hauptsächlich anhand dieses Buches.

[4] The Idler von Hodgkinson (1993-2012), letzter Zugriff am 22.09.2012, eigene Übersetzung.

[5] Vgl. ebd.

[6] Hodgkinson, Die Anleitung zum Müßiggang (2009). Im Folgenden wird hauptsächlich diese Fassung benutzt.

[7] Hodgkinson (2009), S. 8.

[8] Vgl. hierzu Schnabel (2010), S. 16, 36-56, 99, 104.

[9] Schwarz, Benjamin.

[10] Hodgkinson (2009), S. 8.

[11] Stevenson, Robert L., zitiert nach Hodgkinson (2009), S. 51.

[12] Vgl. Klappenbach und Steinitz (1975), S. 2577.

[13] Kirchner (1911), S. 599.

[14] Martin (1984), S. 257.

[15] Vgl. ebd., S. 257-258.

[16] Vgl. ebd.

[17] Vgl. ebd.

[18] Vgl. ebd.

[19] Vgl. ebd.

[20] Hegel, zitiert nach Martin in Ritter (1984), S. 258.

[21] Ebd., S. 258-259.

[22] Vgl. ebd., S. 259.

[23] Vgl. ebd.

[24] Ebd.

[25] Ebd.

[26] Ebd.

[27] Vgl. ebd.

[28] Ebd.

[29] Ebd.

[30] Ebd, S. 260.

[31] Aristoteles, zitiert nach Pieper (1948), S. 14.

[32] Aristoteles, ebd., S. 15.

[33] Pieper (1948), S. 17.

[34] Ebd., S. 14.

[35] Vgl. ebd., S. 14-17.

[36] Schnabel (2010), S. 21.

[37] Novotny, zitiert nach Schnabel (2010), S. 22.

[38] Als Erster hat Hedonismus als philosophische Position Eudoxos erwähnt. Es wird angenommen, dass Epikur an seine „Grundlegung des Hedonismus“ angeknüpft hat. Vgl. Manolidis (1991), S. 534.

[39] Vgl. Einführung von Gigon in Epikur (1991): Von der Überwindung der Furcht, S. 1-56.

[40] Vgl. Müller (1987), S. 10.

[41] Epikur, zitiert nach Müller (1987), S. 9-10.

[42] Epikur, zitiert nach Müller (1987), S. 10.

[43] Müller (1987), S. 10.

[44] Vgl. Müller (1987), S. 10.

[45] Schmidt (1970), S. 728-731.

[46] Epikur, zitiert nach Schmidt (1970), S. 729.

[47] Forschner (1982), S. 171-177.

[48] Vgl. Forschner (1982), S. 178.

[49] Ebd.

[50] Epikur, zitiert nach Müller (1991), S. 127-129.

[51] Vgl. ebd.

[52] Kuhn (1962), S. 324.

[53] Marx, et al., (1956), S. 574.

[54] Vgl. Voß (1991), S. 24.

[55] Vgl. Kuhn (1962), S. 322-327.

[56] Vgl. ebd.

[57] Vgl. ebd.

[58] Vgl. ebd.

[59] Vgl. Voß (1991), S. 22-29.

[60] Marx und Engels (1956), Bd. 40, S. 514f.

[61] Marx und Engels (1956), Bd. 3, S. 85.

[62] Marx, (1972), S. 599.

[63] Vgl. Kuhn (1962) S. 322-324; Voß (1991), S. 22-29.

[64] Marx (1972), S. 599.

[65] Marx (1972), S. 509.

[66] Vgl. Kuhn (1962), S. 322.

[67] Marx (1972), S.599.

[68] Vgl. Wilde (2007-2012), S. 28.

[69] Wilde, ebd.

[70] Wilde, ebd.

[71] Vgl. ebd., S. 28-30.

[72] Hodgkinson (2009), S. 15.

[73] Ebd., S. 50-51.

[74] Dazu mehr in 4.2 Kritik.

[75] Hodgkinson (2009), S. 19.

[76] Ebda, S. 19.

[77] Hier und weiter im Sinne von Marx.

[78] Ebenfalls im Sinne von Marx.

[79] Zum Beispiel mit Büchern wie Self-Help (1859), Thrift (1875) und Duty (1880).

[80] Vgl. Ebda., S. 15-19.

[81] Vgl. hierzu auch Kuhn (1962), S. 299-301.

[82] Vgl. Hodgkinson (2009), S. 32-40.

[83] Hodgkinson (2009), S. 36.

[84] Vgl. Ebda.

[85] Vgl. Hodgkinson (2009), S. 37.

[86] Ebd., S. 19.

[87] Vgl. ebd., S. 19-20.

Details

Seiten
57
Erscheinungsform
Erstausgabe
Jahr
2012
ISBN (eBook)
9783955498696
Dateigröße
1.9 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v297271
Institution / Hochschule
Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf
Note
2,3
Schlagworte
Müßiggang Muße Hedonismus Hodgkinson Marx Epikur

Autor

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Titel: Die Rolle des Müßiggangs in einer Theorie des guten Lebens: Tom Hodgkinsons „How to be Idle“