Lade Inhalt...

Osteopathie bei Kindern und Jugendlichen mit Asthma bronchiale: Eine systematische Literaturübersicht

Bachelorarbeit 2013 48 Seiten

Gesundheit - Sonstiges

Leseprobe

2. THEORETISCHER RAHMEN

2.1 Komplementärmedizin

„Die Medizin ist ein Wissenschaftsbereich und eine praktische Tätigkeit, die auf Erhaltung und Stärkung der Gesundheit der Menschen, auf Krankheitsprophylaxe und Therapie ausgerichtet ist.“ (Teverovski, 2006, S. 60)

Die gegenwärtige Entwicklung der Medizin ist gekennzeichnet durch ein kompliziertes und verzweigtes Wissensgebiet, bedingt durch unterschiedliche medizinische Wissenschaften mit eigenen Fachbereichen, Untersuchungsmethoden und Therapieansätzen (vgl. Teverovski, 2006, S. 60).

Im Allgemeinen kann eine Unterteilung in Schul- und Alternativmedizin vorgenommen werden. In der Abgrenzung zur Alternativmedizin basiert die Schulmedizin auf ärztlichen Erkenntnissen infolge des wissenschaftlich-technischen Fortschritts. Auf der Grundlage durchgeführter Experimente überprüft die Schulmedizin empirische Kenntnisse und philosophische Ideen und entwickelt mittels erhobener Daten wissenschaftlich begründete Konzeptionen, Hypothesen und Theorien (vgl. Teverovski, 2006, S. 60).

Eine einheitliche Definition für Alternativmedizin ist derzeit nicht existent. In der Literatur, in den Medien und in der Bevölkerung werden unterschiedliche Begriffe, wie beispielsweise Erfahrungsmedizin, holistische Medizin, Ganzheitsmedizin, Naturheilverfahren usw. verwendet, allerdings scheinen sich die Bezeichnungen Komplementärmedizin oder Komplementär- und Alternativmedizin (Complementary and Alternative Medicine: CAM) durchzusetzen (Hermanns, Filler & Roscher, 2007, S. 242).

„Komplementärmedizin steht als Sammelbegriff für eine Vielzahl traditioneller Diagnose- und Therapieformen unterschiedlicher, nicht akademischer Herkunft auf materiell-stofflicher oder philosophisch-geistiger Grundlage. Die Verfahren werden vom Patienten selbst, von Ärzten oder anderen Berufsgruppen durchgeführt. Es wird in der Regel ein patientenorientierter, ganzheitlicher Ansatz verfolgt.“ (Jobst, Joost, Ernst, 2012, S. 124)

Zu dem Bereich der komplementären Medizin zählen unter anderem Akupunktur, Akupressur, Homöopathie und Osteopathie (vgl. Spranger & Hommel, 2009, S. 445).

Eine Grundlagenforschung über alternative Behandlungsmethoden von chronisch kranken Kindern in Deutschland lässt sich derzeit nur in Einzelstudien finden.

In einer deskriptiven Untersuchung an der Universitätskinderklinik Homburg/Saar wurden die Gründe für eine Inanspruchnahme komplementärmedizinischer Verfahren bei chronisch kranken Kindern analysiert (vgl. Schmitt, 2008, S. 13). Diese zeigte, dass auf der Suche nach einer bestmöglichen Behandlung für ihr Kind Eltern insbesondere auf die Stärkung des Immunsystems sowie auf die Erreichung der körperlichen Stabilität des Kindes achten (vgl. Schmitt, 2008, S. 54).

Die soziodemografische Analyse von Groenewold an dem Institut für Sozialmedizin der Universität zu Lübeck zeigte eine höhere Inanspruchnahme komplementärmedizinischer Behandlungsverfahren bei Kindern, deren Eltern ebenfalls Nutzer solcher Verfahren waren. Zusätzlich wurde in dieser Studie ein linearer Zusammenhang zwischen der Schulausbildung der Eltern und der Nutzung alternativer Verfahren beobachtet. So waren Eltern mit höherer Schulausbildung komplementärmedizinischer Behandlungsmethoden auch bezüglich ihre Kindern aufgeschlossener (vgl. Groenewold, 2006, S. 56).

2.2 Asthma bronchiale

2.2.1 Grundlagen

Für einen ungehinderten Gasaustausch in den Alveolen müssen die Teilfunktionen der Lunge, bestehend aus Ventilation (Belüftung), Perfusion (Durchblutung) und Diffusion, optimal aufeinander abgestimmt werden (vgl. Schmidt, 2013, S. 339). Entsteht eine Inhomogenität zwischen Perfusion und Ventilation durch Absinken des arteriellen O2- Partialdruckes mit gleichzeitiger Zunahme des arteriellen CO2- Partialdruckes spricht man von einer Ventilationsstörung (vgl. Zalpour, 2002, S. 437).

„Eine Ventilationsstörung durch Erhöhung der Strömungswiderstände in den Atemwegen wird obstruktive Ventilationsstörung genannt.“ (Buddecke & Fischer, 1992, S. 389)

Zu den bedeutendsten obstruktiven Ventilationsstörungen, bei denen infolge der erhöhten Widerstände insbesondere die Ausatmung erschwert ist, zählt neben der chronischen Bronchitis das Asthma bronchiale (vgl. Zalpour, 2002, S. 437).

2.2.2 Definition

Die Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften (AWMF) definiert in der S2- Leitlinie für Pädiatrische Pneumologie (2005) das Asthma bronchiale als eine „entzündliche Erkrankung der Atemwege mit bronchialer Hyperreaktivität und variabler Atemwegsobstruktion, welche meist im Zusammenhang mit einer atopischen Disposition steht.“ (AWMF, 2005, S. 1)

Dabei können die Beschwerden durch virale Infektionen, körperliche Aktivitäten, spezifische Inhalationsreize (kalte Luft, Zigarettenrauch) und Allergene ausgelöst werden (vgl. AWMF, 2005, S. 1). Die Folgen sind eine Hyper-/Dyskrinie, eine Verkrampfung der bronchialen Muskulatur, eine Schleimhautschwellung und unter Umständen ein Remodeling (fehlerhafter Umbau der Lungenstruktur) (vgl. Berdel, 2007, S. 231).

2.2.3 Epidemiologie

Die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) versteht das Asthma bronchiale als die häufigste chronische Erkrankung im Kindesalter. Schätzungen zufolge sind zwei Millionen Menschen unter 18 Jahren betroffen (vgl. BZgA, 2009, S. 17).

2.2.4 Asthmaformen

Bei der Entwicklung des allergischen Asthmas im Kindes- und Jugendalter ist der stärkste prädisponierende Faktor die Allergie. Das internistische oder auch nichtallergische Asthma entsteht vorrangig aufgrund einer Infektion der Atemwege. Bei dieser Form können keine Allergien beziehungsweise Immunglobulin- E- (IgE-) Antikörper gegen Umweltallergene nachgewiesen werden. Infolge infektbedingter, rezidivierender, obstruktiver Ventilationsstörungen kann sich bei Kindern und Säuglingen eine Mischform des internistischen und allergischen Asthmas manifestieren (vgl. AWMF, 2011, S. 9).

2.2.5 Symptome

Die Leitsymptome des Asthmas bronchiale sind Atemnot mit Giemen, Kurzatmigkeit und Husten. In einigen Fällen zeigt sich ein persistierender, meist trockener, oft nächtlicher Husten oder eine Überblähung der Lunge mit vergrößertem Thorax- Tiefendurchmesser (vgl. AWMF, 2005, S. 1).

2.2.6 Diagnostik

Zur Sicherung der Diagnose erfolgt eine ausführliche Anamnese bezüglich der auslösenden Faktoren (Allergenexposition, Atemwegsinfektionen), der Beschwerden sowie der Risikofaktoren (genetische Dispositionen) (vgl. AWMF, 2011, S. 12).

Zusätzlich werden körperliche Untersuchungen und objektive Messungen durchgeführt.

Eine Lungenfunktionsprüfung zur Diagnose eines Asthmas bronchiale wird in erster Linie über die Spirometrie nachgewiesen. Diese dient zur Darstellung des statistischen und dynamischen Lungenvolumens (vgl. Schmidt, 2013, S. 346). Aufgrund des mitarbeiterabhängigen Verfahrens empfiehlt die AWMF, zusätzlich weniger subjektiv geprägte Methoden hinzuzuziehen, wie zum Beispiel die Bodyplethysmografie (vgl. AWMF, 2011, S. 12).

Das wichtigste Messinstrument zur Einschätzung eines Therapieerfolges sowie zur Verlaufskontrolle ist der Peak-Expiratory-Flow-Meter. Dabei gibt der Peak-flow-Wert den maximalen Atemfluss bei einer forcierten Ausatmung nach einer maximal Einatmung an (vgl. Gruber, 2004, S. 180). Der Vorteil dieses Messinstrumentes liegt in der unmittelbaren Erfassung einer Obstruktion im häuslichen Umfeld sowie in der preisgünstigen Anschaffung. Der Nachteil besteht in der Subjektivität, Manipulation und Geräteabhängigkeit der Messwerte, sodass eine sorgfältige Anleitung des Patienten in der Anwendung notwendig ist (vgl. AWMF, 2011, S. 79).

Die häufigste Ursache von Asthma sind Allergien. Deshalb sollte in allen Altersgruppen eine allergologische Stufendiagnostik durchgeführt werden. Diese beinhaltet zum einen eine Allergieanamnese und zum anderen einen Nachweis allergenspezifischer, Immunglobulin- E- (IgE-) vermittelter Sensibilisierung (vgl. AWMF, 2011, S. 1).

2.2.7 Schweregrade

Das Asthma bronchiale kann in vier Schweregrade unterteilt werden. Diese Einteilung ist nur bei der Erstbegutachtung des Patienten sinnvoll. Da unterschiedliche Faktoren (Jahreszeit, Lebensumstände) zusätzlich den Schweregrad beeinflussen, hat sich diese Einteilung für eine Verlaufskontrolle nicht bewährt (vgl. AWMF, 2011, S. 87).

- Grad I (intermittierend) - intermittierender Husten, leichte Atemnot symptomfreie Intervalle > 2 Monate
- Grad II (gering persistierend) - symptomfreie Intervalle < 2 Monaten
- Grad III (mittelgradig persistierend) - Symptome treten an mehreren Tagen der Woche und auch nachts auf
- Grad IV (schwergradig persistierend) - Symptome täglich und nachts (modifiziert nach AWMF, 2011, S. 87)

2.2.8 Therapie

Im Vordergrund der Asthmabehandlung steht die Pharmakotherapie, wobei die medikamentöse Behandlung regelmäßig durch nichtmedikamentöse Therapie-maßnahmen zu ergänzen ist (vgl. AWMF, 2011, S. 17).

Die Pharmakotherapie unterteilt die Medikamente in Bedarfstherapeutika und Langzeittherapeutika mit dem Ziel, asthmatische Entzündungen zu hemmen und die bronchiale Hyperreagibilität und Atemwegsobstruktion zu mindern (vgl. AWMF, 2011, S. 17).

Zu den Bedarfstherapeutika zählen inhalative raschwirkende Beta-2-Sympathomimetika (Fenoterol, Formoterol, Salbutamol, Terbutalin). Die Langzeittherapeutika bestehen aus inhalativen Corticosteroiden und inhalativen langwirkenden Beta-2-Sympathomimetika (vgl. AWMF, 2011, S. 18).

Zu den nichtmedikamentösen Therapiemaßnahmen gehören insbesondere bei Kindern und Jugendlichen eine familienbezogene Patientenschulung, ein körperliches Training zur Verringerung der Asthmasymptomatik, eine physiotherapeutische Atemtherapie, eine passive wie auch aktive Tabakentwöhnung, eine therapeutische psychosoziale Therapiemaßnahme und eine Gewichtskontrolle (vgl. AWMF, 2011, S. 34 – 35). Die Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften trifft in ihrer gegenwärtigen nationalen Versorgungsleitlinie für das Asthma bronchiale aufgrund unzureichender beziehungsweise fehlender Wirksamkeitsnachweise keine gesicherten Aussagen über komplementärmedizinische Therapiemaßnahmen (vgl. AWMF, 2011, S. 177).

2.3 Osteopathie

2.3.1 Begriffsbestimmung

Die Osteopathie wird definiert als „ein manuelles Diagnose- und Therapieverfahren, das von der Einheitlichkeit des Organismus ausgeht. Die physiologische Beweglichkeit aller Strukturen untereinander ist unabdingbare Voraussetzung für die Gesundheit des Organismus.“ (Preuße & Roemer, 2010, S. 153)

Die Ziele osteopathischer Behandlungen sind, Bewegungseinschränkungen in der Struktur und Funktion zu korrigieren, um die psychische und physische Gesundheit wiederherzustellen. Aus diesem Grund werden strukturelle Störungen und Mobilitätseinschränkungen sowie deren Auswirkung mittels klinischer und osteopathischer Untersuchungsmethoden diagnostiziert, Dysfunktionsmuster identifiziert und durch sanfte manuelle Techniken, entsprechend den individuellen Bedürfnissen des Patienten, korrigiert. Die Voraussetzung osteopathischen Arbeitens sind umfassende Kenntnisse der Anatomie, Physiologie, Pathologie und eine perfektionierte Palpationsfertigkeit (vgl. Kyrer & Populorum, 2008, S. 171).

Das Wirkungsfeld der Osteopathie umfasst „alle Einrichtungen der ambulanten und stationären Krankenversorgung, der Rehabilitation und des Kurwesens sowie alle Einrichtungen der Gesundheitsvorsorge und -erziehung, des Sportbereichs sowie Geburtshäuser und Hospizeinrichtungen“ (BAO (Bundesarbeitsgemeinschaft Osteopathie e.V.) & bvo ( Bundesverband Osteopathie e.V.), 2012, S. 8).

Die Grundbegriffe werden in der Osteopathie wie folgt verstanden:

- Gesundheit
- Gleichgewicht, harmonischer Zustand
- abhängig vom normalen Fließen der Körperflüssigkeiten und Nervenaktivität
- Krankheit
- grundlegende multifaktorielle Ursachen
- Flussbehinderung der Körperflüssigkeiten und Nervenaktivität
- Umwelt, Verhalten, soziale und mentale Faktoren können zu der Entstehung von Krankheiten beitragen
- Patientenfürsorge
- Beseitigung mechanischer Behinderungen und Berücksichtigung psychischer, mentaler und sozialer Faktoren

(modifiziert nach Hermanns, 2013, S. 6)

Die Entwicklung der Osteopathie wurde maßgeblich durch ihren Begründer Andrew Taylor Still geprägt und darüber hinaus durch namhafte Wegbereiter, unter anderem John Martin Littlejohn, William Garner Sutherland und Jean-Pierre Barral, weiterentwickelt und ergänzt.

Als Gegner der damaligen vorherrschenden heroischen Schulmedizin (Quecksilberchloridgabe und Aderlass) begab sich der amerikanische Arzt Andrew Taylor Still (1828 – 1917) auf die Suche nach einer neuen Heilmethode (vgl. Newiger, 2005, S. 16). Nach einem jahrelangen Selbststudium der funktionellen Anatomie und Physiologie erkannte er, dass die Funktionen des menschlichen Körpers erheblich vom Fließen der Körperflüssigkeiten abhingen und dass ein kausaler Zusammenhang zwischen anatomischer Fehlstellung, Flussbehinderung und Krankheit bestand (vgl. Hartmann, 2009, S. 2 ff.).

Die Grundlage seiner entwickelten Technik war eine Manipulation (Technik zur Lösung von Blockaden) der Knochen (griechisch: osteon) durch leichten Druck. Aufgrund der korrekten Positionierung kommt es zur Lösung von Zufluss- und Abflussstörungen. Diese Freisetzung aktiviert den Körper zur Selbstregulation, welches dem Leid (griechisch: pathos) entgegenwirkt. So gab Still seinem Konzept 1874 den Namen Osteopathie (vgl. Hartmann, 2009, S. 3).

2.3.2 Teilgebiet der Osteopathie

Obwohl sich die Osteopathie entsprechend ihren Zielstrukturen in folgende Teilgebiete charakterisieren lässt, werden diese für Diagnostik und Therapie nicht getrennt voneinander betrachtet (vgl. Bültmann, 2012, S. 23).

Der Fokus der parietalen Osteopathie liegt auf der Untersuchung und der Korrektur von Störungen des Bewegungsapparates (Knochen, Muskeln, Faszien und Gelenke). Zur Herstellung des physiologischen Gleichgewichtes benutzt der Osteopath gezielte Handgriffe und Impulse, um Bewegungseinschränkungen und Schmerzen zu beheben (vgl. Preuße & Römer, 2010, S. 154).

Die Verbreitung der Osteopathie in Europa und die Weiterentwicklung des parietalen Konzeptes wurden maßgeblich durch den in England geborenen John Martin Littlejohn (1866 – 1947) geprägt (vgl. Maasen, 2011, S. 2). Littlejohns Forschung konzentrierte sich auf die Biomechanik der Wirbelsäule. Er begriff, dass die Wirbelsäule in ihrer Funktionalität, Mechanik und Globalität als Einheit auf innere und äußere Einflüsse reagiert und bei der Entstehung von Krankheiten eine entscheidende Rolle spielt (vgl. Richter & Hebgen, 2011, S. 58).

Littlejohn entwickelte eine Behandlungstechnik, die das Gewebe um die Dysfunktion bei Korrektur der Wirbelsäule mit einbezog (vgl. Bültmann, 2012, S. 5).

Zurückzuführen ist die viszerale Osteopathie auf den Franzosen Jean-Pierre Barral. Er analysierte zusammen mit Jacques Weischenck die osteopathische Diagnostik und Behandlung von Organen (vgl. Hermanns, 2013, S. 16). Barral erkannte, dass gestörte Bewegungen im Viszerum zu Funktionsstörungen führen, welche sich durch Palpation und Bewegungstests aufspüren lassen. Sein viszerales Behandlungskonzept ist in Europa weit verbreitet und orientiert sich an der Bewegungsphysiologie von Organen (vgl. Bültmann, 2012, S. 6).

Spannungsveränderungen in der Eigendynamik (Motilität), im Befestigungssystem sowie in der Bewegung der Organe zueinander (Mobilität) werden durch den Osteopathen palpiert und mit verschiedenen Mobilisations- und Motilitätstechniken behandelt (vgl. Könneker & Reiter, 2010, S. 10).

Begründet wurde die kraniosakrale Osteopathie durch William Garner Sutherland (1873 – 1954). Aufgrund einer intensiven Erforschung des Schädelknochens kam er zu der Überzeugung, dass die Gelenkflächen des Schädels Bewegungen zulassen und dass diese Bewegungen durch die intrakraniellen Membranen koordiniert werden (vgl. Liem, 2010, S. 9 – 10).

Sutherland entwickelte daraufhin Behandlungstechniken zur Mobilisation von Suturen, Schädelbasis und Kreuzbein. Somit entstand die kraniosakrale Therapie, welche bis heute ihre Gültigkeit besitzt (vgl. Bültmann, 2012, S. 6).

Die kraniosakrale Osteopathie befasst sich mit Untersuchung und Korrektur aller Knochen und Gelenke im Bereich des Schädels, der Iliosakralgelenke und der Wirbelsäule. Ziel ist die Wiederherstellung der physiologischen Beweglichkeit und des kraniosakralen Rhythmus (vgl. Könneker & Reiter, 2010, S. 10).

2.3.4 Prinzipien der Osteopathie

Die folgenden Prinzipien der osteopathischen Vorgehensweisen dienen zur Aufrechterhaltung der Gesundheit (vgl. BAO & bvo, 2012, S. 3).

Das Prinzip der Struktur geht davon aus, dass jede Struktur des menschlichen Organismus eine explizite Funktion erfüllt. Das heißt, dass die Struktur die Funktion bestimmt. Im Umkehrschluss bestimmt aber auch die Funktion die Struktur (vgl. Dobler & Liem, 2013, S. 8). Diese Wechselbeziehung wird an einem Beispiel verdeutlicht.

Vereinfacht ermöglicht eine intakte pulmonale Struktur (Lungenflügel, Lungenlappen, Bronchien, Pleura, Pleurablätter, Alveolen) eine physiologische Atmung (Funktion). Bei einer Erkrankung der Lunge, wie zum Beispiel beim Asthma bronchiale, führt die Entzündung der Bronchialstruktur zu einer verminderten Ausatmung (Funktion). Die Folge einer langfristigen Ausatmungsstörung ist eine Überblähung der Lunge (Struktur) (vgl. Kleinmann, 2006, S. 96).

Das Prinzip der Bewegung besagt, dass jede Struktur im menschlichen Organismus, ob willkürlich oder unwillkürlich gesteuert, sich bewegt. Das heißt, dass die Funktionen der Struktur sich in Form von Bewegung zeigen und Funktionsstörungen zu einer Veränderung dieser Bewegung führen (vgl. Gillmont & Newinger, 2002, S. 24).

Der Osteopath bewertet das Ausmaß und die Qualität der Bewegung und analysiert die Bewegungseinschränkung. Mit einer geschulten Hand ertastet er den Bewegungsmangel, die veränderte Konsistenz der Gewebe, den eingeschränkten Rhythmus und behandelt wiederum durch Bewegung (vgl. Langer, 2013, S. 24).

Unter dem Prinzip der Ganzheitlichkeit versteht die Osteopathie alle Teile des physischen Körpers, den Geist und die Seele als miteinander verbunden. Dabei werden sie durch eine dynamische Wechselwirkung zueinander und durch ihr Zusammenspiel bestimmt. Im gesunden sowie im kranken Zustand sind alle Zellen, Gewebe und Organe als Einheit anzusehen. Störungen wirken nicht nur auf Struktur und Funktion einzelner Muskeln, Knochen, Faszien und Organe, sondern beeinflussen den gesamten Organismus (vgl. Liem & Dobler, 2013, S. 6).

Das Prinzip der Selbstregulation besagt, dass der Körper stets bestrebt ist, Abwehr- und Autoregulationsmechanismen mithilfe des Immunsystems, des endokrinen Systems, des autonomen Nervensystems und anderen Regulationsmechanismen zu koordinieren (vgl. Meert, 2003, S. 7). Für eine ungehinderte Wirkungsweise muss sich der Körper im Gleichgewicht befinden, um Störungen aus eigener Kraft zu kompensieren (vgl. Tempelhof, 2008, S. 18). Sind Abwehr und Selbstheilungskräfte gehindert, können Symptome oder Krankheiten entstehen.

2.3.5 Grenzen der Osteopathie

Können Selbstregulation und Regeneration des Organismus veränderte oder zerstörte Körperstrukturen nicht mehr kompensieren, sind die Grenzen der Osteopathie erreicht (vgl. Tempelhof, 2008, S. 31). Lebensbedrohliche, schwere, akute und psychische Erkrankungen sowie Brüche, Verbrennungen und Wunden bedürfen der Versorgung durch zuständige Fachärzte. Strukturelle Veränderungen bedingen aber zumeist funktionelle Störungen, welche begleitend vom Osteopathen behandelt werden können (vgl. Newiger & Beinborn, 2005, S. 29).

2.3.6 Akzeptanz und Forschungsstand

In den USA hat sich die Osteopathie etabliert. Für eine Graduierung zum „ Doctor of Osteopathy (D. O.)“ ist eine umfassende medizinische Ausbildung an einer Universität notwendig. Ärzte können aufgrund einer Zusatzqualifikation als Osteopath praktizieren. Die osteopathische Akademisierung ist dem klassischen Medizinstudium gleichgestellt und seit 1972 in allen Staaten Amerikas anerkannt. Aufgrund ihrer aktuellen Stellung beschäftigen sich osteopathische Universitäten mit der Gesamtbreite der klinischen Grundlagenforschung (vgl. Resch, 2007, S. 4).

Über England und Frankreich gelangte die Osteopathie in den 50er-Jahren des letzten Jahrhunderts nach Europa. Insbesondere in den Niederlanden, der Schweiz, Belgien, Österreich und Deutschland gewinnt sie stetig an Bedeutung. Vor allem in der Schweiz und in Großbritannien sind osteopathische Behandlungen in den Leistungskatalogen des Gesundheitswesens aufgenommen und abrechenbar (vgl. Bültmann, 2012, S. 8).

Aufgrund einer nichtärztlichen Osteopathie und trotz der langjährigen Tradition wird die Forschung in England im Rahmen von Diplomarbeiten realisiert. Die bislang kaum klinisch kontrollierten Studien veröffentlicht die elektronische Datenbank Osteopathic Research (vgl. Resch, 2007, S. 4).

Die Osteopathie in Deutschland sieht sich als Behandlungsform mit mehreren Problemen konfrontiert. Zwar findet die Osteopathie immer mehr Anerkennung, jedoch existieren weder gesetzlich geregelte Ausbildungsstandards noch die Berufsbezeichnung Osteopath.

Eine Ausnahme ist das Bundesland Hessen. Die WPO – Osteo (Verordnung einer Weiterbildungs- und Prüfungsordnung im Bereich der Osteopathie) regelt seit dem 4. November 2008 die Weiterbildung in der Osteopathie. Diese umfasst 1.350 praktische und theoretische Unterrichtsstunden in acht unterschiedlichen Teilgebieten. Zur Teilnahme berechtigt sind Ärzte, Heilpraktiker, Physiotherapeuten, Masseure und medizinische Bademeister, wobei die beiden letzten Berufsgruppen eine Zusatzausbildung in Manueller Therapie nachweisen müssen. Mit bestandener Prüfung dürfen die Absolventen die Weiterbildungsbezeichnung „Osteopath“ (D. O.) führen (vgl. Bültmann, 2012, S. 8).

Dennoch ist Osteopathie in Deutschland kein eigenständiger Beruf. Rechtlich gesehen dürfen nur Ärzte und Heilpraktiker die Osteopathie ausüben, während Physiotherapeuten, Masseure und medizinische Bademeister zu deren Anwendung eine Verordnung (Privatrezept) von einem Arzt oder Heilpraktiker benötigen (vgl. Newiger & Beinborn, 2005, S. 151).

Organisiert wird die osteopathische Forschung in Deutschland über die Akademie für Osteopathie (AFO). Diese verwaltet und veröffentlicht wissenschaftliche Arbeiten zur Erlangung des Zusatzes D. O. (vgl. Hebgen, 2009, S. 4). Klinische Fallstudien werden aufgrund der finanziellen Belastung der Forscher limitiert (vgl. Rech, 2007, S. 5).

2.3.7 Gesundheitsmodell der Osteopathie

„Die jeweiligen Definitionen von Gesundheit und Krankheit haben einen bedeutenden Einfluss darauf, welche Mittel angemessen und notwendig für die Wiederherstellung, für den Erhalt und die Förderung von Gesundheit angesehen werden“ (BZgA, 2001, S. 15).

„Die Osteopathie betrachtet die Ganzheit des Menschen in ihrer somato-viszeral-psychischen Einheit und Wirkungsweise“ (Dobler & Liem, 2013, S. 5) und folgt mit ihrem Modell der Gesundheit einer biopsychosozialen Denkweise. Diese ist mit der Annahme verbunden, dass neben den physischen Gegebenheiten auch psychische und soziale Faktoren bei der Krankheitsentstehung sowie im Krankheitsverlauf eine bedeutende Rolle spielen (vgl. BZgA, 2001, S. 17). Gerade bei asthmatischen Kindern ist eine umfassende Betrachtung aller möglich auslösenden Faktoren entscheiden für eine erfolgreiche Therapie.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb.1: Gesundheitsmodell der Osteopathie

(modifiziert nach Dobler & Liem, 2013, S. 6)

3. FRAGESTELLUNG UND HYPOTHESE

Wie im theoretischen Rahmen beschrieben, ist das Asthma bronchiale die häufigste chronische Erkrankung von Kindern und Jugendlichen und durch eine chronische Entzündung der Atemwege charakterisiert.

Infolge einer Überempfindlichkeit der Bronchien sowie einer Einengung der Atemwege durch Anschwellung der Schleimhäute sowie Absonderung von zähem Schleim wird während einer Asthmaattacke insbesondere die Ausatmung behindert (vgl. Müller, 2008, S. 81).

Neben der medikamentösen Therapie haben nichtmedikamentöse Behandlungsmaßnahmen, wie schon erwähnt, das Ziel, die Atemnot, den Hustenreiz und die Angst zu reduzieren sowie die Lebensqualität der Patienten zu verbessern (vgl. AWMF, 2011, S. 46). Zu diesem Zweck wird insbesondere die Physiotherapie in Anspruch genommen, wobei der Empfehlungsgrad in der nationalen Versorgungsleitlinie offenbleibt (vgl. AWMF, 2011, S. 15).

Über komplementärmedizinische Therapiemaßnahmen trifft die AWMF aufgrund unzureichender beziehungsweise fehlender Wirksamkeitsnachweise keine gesicherten Aussagen. Auch wurden osteopathische Behandlungsmethoden in die Bewertung nicht eingeschlossen (vgl. AWMF, 2011, S. 63).

Studien belegen hauptsächlich eine Wirksamkeit der Osteopathie in der Therapie von Kreuzschmerzen (vgl. Licciardone, Brimhall & King, 2005).

Hinsichtlich der Prinzipien und Teilgebiete (parietal, viszeral, kraniosakral), welche prinzipiell nur aus didaktischen Gründen getrennt betrachtet werden, sind nicht nur Störungen im Bewegungsapparat, sondern auch Organerkrankungen therapierbar.

Daher stellte sich die Frage, ob auch die Lunge mit osteopathischen Behandlungstechniken erfolgreich therapiert werden kann.

Im Hinblick auf die gestörte Ausatmung ergabt sich unter Verwendung des PIKE-Schemas (vgl. Behrens & Langer, 2010, S. 125) die folgende Frage: „ Führen osteopathische Behandlungstechniken bei Kindern und Jugendlichen mit Asthma bronchiale zu einer Verbesserung der Ausatmung?“

Aus den theoretischen Grundlagen abgeleitet, resultierte die Hypothese: Osteopathische Behandlungstechniken haben eine positive Wirkung auf die Ausatmungsleistung bei Kindern und Jugendlichen mit Asthma bronchiale.

4. STUDIENDESIGN UND METHODE

4.1 Studiendesign

Zur Ermittlung des aktuellen und objektiven Forschungsstandes wurde für die Bearbeitung der Forschungsfrage „Führen osteopathische Behandlungstechniken bei Kindern und Jugendlichen mit Asthma bronchiale zu einer Verbesserung der Ausatmung?“ eine systematische Übersichtsarbeit gewählt.

4.2 Recherchedurchführung

Für die Zugänglichkeit und Prüfbarkeit von Wissenschaftsvergleichen sind die vielfältigen zur Verfügung stehenden Datenbanken ein großer Fortschritt (vgl. Behrens & Langer, 2010a, S. 137).

Aufgrund der problemlosen Handhabbarkeit, der kostenfreien Nutzung sowie der medizinischen und therapeutischen Schwerpunkte wurde für diese Bachelorarbeit in der Datenbank Medline via PubMed (U.S. National Library of Medicine), PEDro (Physiotherapy Evidence Database) sowie in der Onlinebibliothek Osteopathic Research recherchiert.

Darüber hinaus erfolgte eine ausführliche Handsuche in der internationalen amerikanischen Zeitschrift „The Journal of the American Osteopathic Association“ (JAOA) sowie in dem Studienkatalog der Akademie für Osteopathie (AFO). Für eine zusätzliche Informationssammlung wurden Lehrbücher zur Thematik Osteopathie, sowie Asthma bronchiale, Leitlinien der AWMF und die Internetsuchmaschine Google verwendet. Unter Berücksichtigung der folgenden Ein- und Ausschlusskriterien erstreckte sich der Suchzeitraum vom 01.12.2012 bis zum 01.02.2013. Zu den Einschlusskriterien zählten aufgrund der sprachlichen Problematik ausschließlich englische und deutsche publizierte Studien. Zusätzlich wurden nur Studien über Asthma bronchiale bezüglich osteopathischer Interventionsmaßnahmen eingeschlossen. Patienten über 18 Jahren wurden ausgeschlossen sowie alle Studien, die nicht den Einschlusskriterien entsprachen.

Es erfolgte eine Verknüpfung und Kombination der Suchbegriffe mit dem Boole’-schen Operator „AND“.

Auf methodologische Suchfilter wurde für die Erzielung einer möglichst hohen Trefferzahl verzichtet (vgl. Behrens & Langer, 2010a, S. 148).

4.3 Studienauswertung

Nicht alle Forschungsstudien weisen eine hohe Qualität auf, sodass deren kritische Bewertung eine wichtige Rolle spielt (vgl. Behrens & Langer, 2010a, S. 155). Mithilfe der Beurteilungsbögen von Behrens und Langer, welche kostenlos zum Downloaden im Internet zu finden sind, konnten die gefundenen Studien kritisch bewertet werden. Trotz der unterschiedlichen Studientypen orientierte sich diese kritische Bewertung an dem Beurteilungsbogen einer Interventionsstudie (vgl. Behrens & Langer, 2010b)(siehe Anhang), um zu gewährleisten, dass alle Studien nach den gleichen Gesichtspunkten und den gleichen wichtigen Aspekten betrachtet wurden (vgl. Behrens & Langer, 2010a, S. 228). Dabei erfolgt die Einschätzung der Studienqualität in drei Abschnitten.

- Einschätzung der Glaubwürdigkeit: bezeichnet das Ausmaß, in welchem Verhältnis die Ergebnisse einer Studie die Realität widerspiegelt
- Einschätzung der Aussagekraft: betrachtet und interpretiert die erzielten Ergebnisse der Studie
- Einschätzung der Anwendbarkeit: überprüft die Übertragbarkeit der Ergebnisse auf die Realität
(vgl. Sieger, 2008, S. 50)

[...]

Details

Seiten
48
Erscheinungsform
Erstausgabe
Jahr
2013
ISBN (eBook)
9783955499914
Dateigröße
757 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v297392
Institution / Hochschule
Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg
Note
1,7
Schlagworte
Asthma Osteopathie alternative Medizin Komplementärmedizin Kind Jugendlicher

Autor

Zurück

Titel: Osteopathie bei Kindern und Jugendlichen mit Asthma bronchiale: Eine systematische Literaturübersicht