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Projektunterricht: Grundlagen, Notwendigkeit und Formen

Studienarbeit 2001 31 Seiten

Didaktik - Allgemeine Didaktik, Erziehungsziele, Methoden

Leseprobe

2 Begriffsklärung

Der Begriff des Projekts kann aus dem lateinischen Verb „proicere“ abgeleitet werden, das vorwerfen, entwerfen, hinauswerfen bedeutet.

Im Deutschen Sprachgebrauch besitzt es die Bedeutung von Entwurf, Plan, Vorhaben oder nach von HENTIG „vorausgeworfenes Wagnis“.

Das Wort „Projekt“ impliziert also bereits die Absicht, den Plan oder den Entwurf auch zu verwirklichen, es schließt die Lösung des Plans schon mit ein.

Seit Beginn des 20. Jahrhunderts wird der Begriff „Projekt“ auch im pädagogischen Sinn gebraucht.

Der pädagogische Begriff des Projekts ist allerdings unpräzise, eine klare Definition ist nicht möglich. Es herrscht Uneinigkeit über den Begriff des Projekts als Unterrichtsform vor:

- Projektunterricht (GUDJONS, DUNCKER/GÖTZ, HÄNSEL)
- Projektmethode (FREY): FREY knüpft damit an den von DEWEY und KILPATRICK geprägten Begriff an.
- Projekt (OTTO)

Am besten kann der pädagogische Begriff des Projekts über seine Merkmale erschlossen werden.

2.1 Begriffsklärung anhand der Schritte und Merkmale eines Projekts (GUDJONS)

„Projektunterricht ist nicht an die exakte Einhaltung aller 10 Merkmale gebunden, aber umgekehrt kann ein Unterricht, in welchem sich diese Merkmale gar nicht finden, nicht Projektunterricht genannt werden.“ (GUDJONS)

Schritt 1:

Eine für den Erwerb von Erfahrungen geeignete, problemhaltige Sachlage auswählen.

Merkmal 1: Situationsbezug und Lebensweltorientierung

- Der Sachverhalt sollte aus dem direkten Erfahrungsbereich der Schülerinnen und Schüler stammen (tatsächliche, erfahrbare, aktuelle Situation).

- Der Gegenstand der Projektarbeit sind Aufgaben oder Probleme, die sich aus dem Leben ergeben und sind nicht an Fachwissenschaften gebunden.
- Hoher Stellenwert praktischer Arbeit und sinnlicher Erfahrung.
- Grundsätzlich kann jeder Gegenstand Ausgangspunkt eines Projekts werden.

Merkmal 2: Orientierung an den Interessen der Beteiligten

- Das Wecken von Interessen der Schülerinnen und Schüler ist der erste Schritt.
- Der Inhalt des Projekts soll sich an Erfahrungen, Interessen und der Lebenswelt der Schülerinnen und Schüler orientieren.
- Offenheit für im Verlauf des Projekts neu entstandene Interessen.

Merkmal 3: Gesellschaftliche Praxisrelevanz

- Forderung nach gesellschaftlicher Relevanz des Unterrichtsgeschehens:
- Orientierung an den Problemen der Lebenswirklichkeit, Relevanz für das künftige Leben
- der Schülerinnen und Schüler, Auswirkungen auf das alltägliche Leben.
- Der Projektunterricht darf nicht der völligen Beliebigkeit oder Zufälligkeit verfallen.
- Stärkt den gesellschaftlichen Bezug schulischen Lernens.
- Ergebnisse sollen der Öffentlichkeit präsentiert werden. Kenntnisnahme, Beurteilung und Kritik von anderen Personen.

- Vermeiden bloßer Bastelarbeit und Freizeitbeschäftigung.

Schritt 2: Gemeinsam einen Plan zur Problemlösung entwickeln

Merkmal 4: Zielgerichtete Projektplanung

- Sorgfältige Planung der Abfolge der Arbeitsschritte, der Verteilung von Tätigkeiten und der Zeit.
- Mitbestimmung der Schülerinnen und Schüler bei der Entscheidung über Ziele und den dazu zu erwerbenden Qualifikationen.
- Ständiger Vergleich des Verlaufs der Arbeit mit dem ursprünglichem Projektplan.

Merkmal 5: Selbstorganisation und Selbstverantwortung

- Lehrkraft und Schülerinnen und Schüler machen sich gemeinsam sachkundig.
- Schülerinnen und Schüler bestimmten (zumindest teilweise) Ziele, Inhalte und Methoden.
- Lehrkraft hat vermittelnde, beratende und helfende Rolle inne und gibt Hilfe bei äußerer Strukturierung des Planungsprozesses.
- Die Planung muß offen und revisionsfähig bleiben.

Schritt 3: Sich mit dem Problem handlungsorientiert auseinandersetzen

Merkmal 6: Einbeziehen vieler Sinne

- Verbindung von geistiger und körperlicher Arbeit.
- Ganzheitliches Erleben von Theorie und Praxis, Denken und Handeln, Schule und Leben, Verstand und Sinnlichkeit.
- Die Wirklichkeit wird nicht nur beredet, sondern handelnd unter Einbeziehung möglichst vieler Sinne erfahren und gestaltet.

Merkmal 7: Soziales Lernen

- Wesentliche Merkmale für soziales Lernen: Kommunikationsfähigkeit, Kontaktfähigkeit, Kooperationsfähigkeit, Konfliktfähigkeit, Toleranz üben.
- Projektunterricht erfordert Kommunikation, Kooperation, gegenseitige Rücksichtnahme, solidarisches Arbeiten, Umgehen mit eigenen Emotionen und den Emotionen anderer - voneinander und miteinander wird gelernt.
- Lehrkraft muß demokratische Verhaltensweisen ermöglichen.

Schritt 4: Die erarbeitete Problemlösung an der Wirklichkeit überprüfen

Merkmal 8: Produktorientierung

- Sichtbares Arbeitsergebnis am Ende des Projekts (Produkt, Aktion).
- Andere angestrebte Ziele: Persönliche Erfahrungen, veränderte Haltungen und Einstellungen.
- Nicht das Produkt ist entscheidend, sondern die Qualität des Prozesses, der zum Produkt geführt hat
- Ergebnis dient auch der Selbstbeurteilung.

Merkmal 9: Interdisziplinarität

- Der Projektunterricht überschreitet mehrere Fachgrenzen, ist aber auch innerhalb eines Fachbereiches möglich.
- Das Problem/die Aufgabe muß in ihrem komplexen Lebenszusammenhang begriffen werden und im Schnittpunkt verschiedener Fachdisziplinen vorgestellt werden.

Merkmal 10: Bezug zum Lehrgang: Grenzen des Projektunterrichts

- Projektunterricht hat dort seine Grenzen, wo andere Unterrichtsformen ihren berechtigten Stellenwert haben.
- Lehrgang als notwendige Ergänzung zum Projektunterricht.

Ein Projektunterricht mit Ausprägung aller 10 Merkmale ist sehr utopisch.

Ein Unterricht, der wesentliche, am Projekt orientierte Elemente in sich trägt, sollte daher eher Projektorientierter Unterricht genannt werden.

Diese Art des Unterrichtens bleibt eine Möglichkeit für freies, selbstverantwortliches und selbstorganisierbares Lernen, bei dem die Art und Weise, wie das Lernen abläuft, mindestens ebenso zu bewerten ist wie ein vorzeigbares Produkt oder eine Aktion.

Definition des Projektunterrichts anhand der 10 Merkmale:

„In einem Projekt geht es um die handelnd-lernende Bearbeitung einer konkreten Auf­gabenstellung/eines Vorhabens mit dem Schwerpunkt der Selbstplanung, Selbst­verantwortung und praktischen Verwirklichung durch die SchülerInnen.“ (GUDJONS)

Nach THEURER kann der oben aufgeführte Merkmalskatalog allerdings nicht die Frage beantworten, was Projektunterricht eigentlich ist. Sie führt folgende Gründe an:

- Die genannten Merkmale in oben aufgeführtem Merkmalskatalog sind sehr disparat.
- Zwischen den Merkmalen besteht nicht immer eine klare inhaltliche Beziehung.
- Der Merkmalskatalog ist eher eine Art „Sammelliste“, die erweitert oder gekürzt werden kann.
- Viele Merkmale sind Ziele und Prinzipien eines jeden Unterrichts, wie etwa „soziales Lernen“ (Merkmal 7) oder „Situationsbezug“ (Merkmal 1).
- Didaktische Übersetzung der Merkmale kann nicht geleistet werden.

2.2 Weitere Begriffsklärungen

HÄNSEL versucht, den Projektunterricht unter Einbeziehen von DEWEYs Vorstellungen zu definieren.

„Als Projektunterricht wird hier vielmehr eine Form praktischer pädagogischer Tätigkeiten von Lehrern und Schülern, kürzer: eine besondere Unterrichtsform bezeichnet, in der die Projektmethode ihren didaktisch konsequenten Ausdruck findet.“

Genauere Bestimmung des Projektunterrichts als besondere Unterrichtsform:

Inhaltliche Bestimmung des Projektunterrichts:

Unterricht, in dem Lehrkraft und Schülerinnen und Schüler ein echtes Problem in gemeinsamer Anstrengung und in handelnder Auseinandersetzung mit der Wirklichkeit zu lösen suchen, und zwar besser als dies in Schule und Gesellschaft üblicherweise geschieht.

Methodische Bestimmung des Projektunterrichts:

Geplanter Versuch, pädagogisches Experiment, das von Lehrkraft und Schülerinnen und Schülern in Form von Unterricht übernommen wird und das zugleich die Grenzen von Unterricht überschreitet, indem es Schule und Gesellschaft durch praktisches pädagogisches Handeln erzieherisch zu gestalten sucht.

FREYs Vorstellung der Projektmethode: „Eine Gruppe von Lernenden bearbeitet ein Gebiet. Sie plant ihre Arbeit selbst und führt sie auch aus. In der Regel steht am Ende ein sichtbares Produkt.“

2.3 Bandbreite des Begriffs „Projekt“ (WELLENHOFER)

- Projektunterricht: Oberbegriff; fächerübergreifende Konzeption im Rahmen des regulären Stundenplans; Dauer: manchmal mehrere Wochen.
- Projektmethode: Schwerpunkt: Methodische Abläufe und Verfahren; eher fachspezifisch.
- Projektorientierter Unterricht: Traditioneller Unterricht mit Elementen des Projektunterrichts; Betonung auf selbstgesteuerter Gruppenarbeit; fachbezogen.
- Projektwoche: Aufhebung des regulären Stundenplans; oft jahrgangsübergreifend.
- Kleinprojekt: Innerhalb einer Klasse; auf ein Fach begrenzt; meist 2 - 6 Stunden.
- Mittelprojekt: Komplexes Thema des Projekts, das mehrere Fächer tangiert; dauert mehrere Wochen; bis 40 Stunden.
- Großprojekt: Thema mit Öffentlichkeitsrelevanz und Gebrauchswert; fächerübergreifend; jahrgangsübergreifend.

3 Historische Entwicklung des Projektunterrichts

Der Begriff des Projekts kam zum ersten Mal im frühen 18. Jahrhundert auf. An der Académie d’Architecture in Paris bekamen fortgeschrittene Studenten die Aufgabe, selbständig größere Bauvorhaben zu entwerfen. Die Methode des Projekts erschien ideal, um die Kluft zwischen Studium und Beruf, Theorie und Praxis, Denken und Handeln zu überwinden.

Von der Académie d’Architecture verbreitete sich die Idee der Projektarbeit an die Bauakademien und technischen Hochschulen, die im 19. Jahrhundert in ganz Europa ent­standen. Das Projekt war nun Teil der Abschlußprüfungen. Die weitere Entwicklung des Projekts in Europa ist ungewiß.

Auch pädagogische Vordenker wie Jean Jacques ROUSSEAU (1712 - 1778) oder Johann Heinrich PESTALOZZI (1746 - 1827) äußerten in ihren Schriften Ideen, die mit dem Projektgedanken von heute in Zusammenhang gebracht werden können (PESTALOZZI: Lernen ist am wirkungsvollsten über Anschauung und Handeln.)

Mitte des 19. Jahrhunderts gelangte der Projektbegriff in die USA und wurde dort von der technischen Hochschule auf die Schule übertragen.

Calvin M. WOODWARD erkannte die Bedeutung praktischer Arbeit für Lernen, Studium und Beruf und führte mit dem neuen Fach technisches Werken auch die Projektarbeit an den High Schools ein (1879).

Charles R. RICHARDS entwickelte um 1900 ein Konzept, das dem Prinzip der Kind­gemäßheit und natürlichen Erziehung verpflichtet war. Er verstand darunter, daß die Selbst­tätigkeit und die Interessen der Kinder aufgegriffen werden sollten. Er rückte das Projekt in das Zentrum des Werkunterrichts der Grundschule und setzte an die Stelle der Studiums- und Berufsorientierung Ziele wie Selbstentfaltung und soziales Lernen.

Außerhalb des technischen Werkens und der künstlerischen Gestaltung erregte die Projekt­methode, die immer mehr Anhängerinnen und Anhänger fand, kaum Aufmerksamkeit.

1910 griff Rufus W. STIMSON den „Home Project Plan“ für den Bereich der Landwirtschaft auf.

Das Projekt galt plötzlich als die Methode der progressiven Erziehung.

Die pädagogische Neudefinition des Projektbegriffs geht vor allem auf die beiden amerikanischen Pragmatiker DEWEY und KILPATRICK zurück.

3.1 Pragmatismus in den USA

- Der Amerikanischer Pragmatismus, eine Hauptquelle für die Entwicklung des Projektunterrichts, stellt die Praxis über die Theorie: Erkennen und Tun sind untrennbar, ein Problem sollte daher selbständig und handelnd gelöst werden.
- Die Projektmethode entwickelte sich in den USA als Reaktion auf tiefgreifende gesellschaftliche Wandlungen als gesellschaftlich-politische Notwendigkeit (sozialer Wandel, Industrialisierung, Fortschritt moderner Wissenschaften, Massenkommunika­tionsmittel, Individualisierung, Emanzipation) und hatte eine klare gesellschaftlich-politische Intention.
- Die zwei Hauptvertreter des Amerikanischen Pragmatismus waren John DEWEY (1859 - 1952) und Willliam Heard KILPATRICK (1871 - 1965).
- Für DEWEY und KILPATRICK ist das Projekt nicht nur Unterrichtsmethode, sondern wesentlich weitreichender eine Erziehungsmethode: Das Projekt ist planvolles Handeln, wird vom gesamten personalen Impetus getragen und läuft in einer sozialen Umwelt ab.

John DEWEY (1859 - 1952):

- Der Philosophie- und Pädagogik-Professor DEWEY ist der wichtigste pädagogische Theoretiker der Projektidee. Er entwickelte eine politisch und wissenschaftliche fundierte Konzeption des Projektunterrichts. Jedoch hat er weder die reform­pädagogische Diskussion in Deutschland noch die aktuelle pädagogische Diskussion um den Projektunterricht entscheidend beeinflußt (HÄNSEL).
- DEWEY entwickelte an seiner „Laboratory School“ in Chicago die „Methode der bildenden Erfahrung“ (Erfahrungsphilosophie) und stellte sie in seinem Hauptwerk „Demokratie und Erziehung“ (1916) öffentlich zur Diskussion.
- Unter Erfahrung versteht er die Gesamtheit der aktiven Beziehungen zwischen Mensch und seiner natürlich-sozialen Umwelt; Quelle ist die wechselseitige Beziehung zwischen Mensch und Umwelt.
- Der Kerngedanke dieser Methode war: Die Befähigung der Schülerinnen und Schüler, in Lebenssituationen selbständig Probleme zu erkennen, zu formulieren und zu lösen (Zielfindung, Planung, Ausführung, Auswertung) und nicht die Vermittlung von abstraktem Wissen, das in Schulfächer gegliedert ist.
- Sein Leitspruch: „Learning by doing“: Jeder Mensch gewinnt Erkenntnisse und Erfah­run­gen durch die aktive Auseinandersetzung mit der natürlichen und der sozialen Umwelt.
- Ziele der Methode: Höherentwicklung der „denkenden Erfahrung“:
- Personaler Aspekt: Höherentwicklung des Individuums: Erziehung zur Selbständigkeit, Selbstverwirklichung und
- Gesellschaftlicher Aspekt: Höherentwicklung der Gesellschaft hin zu Demokratie
- (Politische Intention: Erziehung für eine sich wandelnde demokratische Gesellschaft)
- Die Ausbildung demokratischen Verhaltens ist das mittelbare, die Ausbildung wissenschaftlichen Denkens ist das unmittelbare Ziel.
- Die Entwicklung der Ziele gelingt aufgrund selbstgemachter Erfahrungen (Erfahrungs­philosophie).
- Demokratie bei DEWEY ist mehr als eine Regierungsform: „Eine Form des Zusammen­lebens, der gemeinsam und miteinander geteilten Erfahrung“.
- Erst ab 1931 sprich DEWEY von der Projektmethode, die er folgendermaßen charak­terisiert: * Orientierung an einem Problem.

- Gemeinsames aktives Lernen von Lehrkraft und Schülerinnen und Schülern zur individuellen Höherentwicklung.

- Verknüpfung von Denken und Tun.

Die Kriterien einer sinnvollen Projektarbeit:

- Die Berücksichtigung von Interessen der Schülerinnen und Schüler.
- Das Projekt muß etwas Wertvolles im Leben der Kinder bedeuten (aus Kinder- und Erwachsenensicht); Lebensweltbezug.
- Komplex (Theorie und Praxis); neben Handfertigkeiten muß auch theoretisches Wissen vermittelt werden.
- Kontinuität: Das Projekt ist von längerer Dauer, an nachfolgende Themen gebunden und erweitert den Horizont der Kinder fortlaufend.

William Heard KILPATRICK (1871 - 1965):

- DEWEY-Schüler und Kollege, Begriffsgeber: „The project Method“
- Projektunterricht nach KILPATRICK ist „Planvolles Handeln aus ganzen Herzen, das in einer sozialen Umgebung stattfindet.“ Dabei muß beachtet werden, daß Gesellschaft und Kultur sich ständig und schnell fortentwickeln und daß ‘alte’ Problemlösungen nicht mehr genügen; Erziehung muß den Wandel als wesentliches Element berücksichtigen und Verantwortungsbereitschaft, Weltoffenheit, Urteilsfähigkeit der Schülerinnen und Schüler fördern.
- Das Projekt hat charakterbildende Funktion.
- Er entwickelte eine Projekttypologie, die alle Tätigkeiten umfaßte (von Nähen bis Mathematik) - sein Projektbegriff war sehr weit gefaßt.
- Erziehungsziele:
- Selbständigkeit, Selbstverwirklichung, Verantwortung für sich und andere
- Individuelle und soziale Höherentwicklung
- Exemplarisches Lernen der Kinder (Problemlöseerkenntnis) eingelagert in das grundlegende Verständnis von Demokratie
- Aus Untertanen sollten Gesellschaftsmitglieder werden
- KILPATRICK sieht die Projektmethode als eine Möglichkeit, Erziehung „als das Leben selbst“ zu praktizieren; er sieht das Projekt als einzig legitime und demokratische Unterrichtsform. Die Absolutheit seiner Projektbegriffs wurde selbst von DEWEY kritisiert.

3.2 Vorbilder und Vorgänger in Deutschland

In der Reformpädagogik wurde der Begriff des Projekts nicht ausdrücklich gebraucht; jedoch betonten Pädagogen mit unterschiedlichen Zielsetzungen den Wert weitgehend an der Realität orientierter, selbsttätig ausgeführter Lernprozesse.

Berthold OTTO (1859 - 1933):

- Begründer des freien Gesamtunterrichts: Offene Form des Unterrichtens
- Grundannahme: Jedes Kind besitzt einen natürlichen Erkenntnis- und Forschungsdrang, die Welt, in der es lebt, sich geistig zu eigen zu machen (Eigenaktivität des Kindes); kein Zwang zur Aneignung von Kenntnissen notwendig.
- Äußerung dieses immanenten Erkenntnistriebes durch spontane Fragen, dadurch Aufbau des „Weltbildes“ des Kindes
- Lernen geschieht durch Gespräch; das Tischgespräch in der Familie wird als Modell für den freien Gesamtunterricht gesehen. Die Schülerinnen und Schüler verschiedener Altersstufen kommen zu einem Gesprächskreis zusammen, das Thema wird von den Fragen und Interessen der Schülerinnen und Schüler bestimmt und ganzheitlich, d.h. fächerübergreifend, durch verschiedenste Betätigungen und Lösungen, beantwortet. Die Schülerinnen und Schüler bestimmen den Verlauf und die Zeit des Gesprächs. Aus diesem Thema des Gesprächs entwickelt sich der spätere Gesamtunterricht.
- Die Lehrkraft greift nur in das Gespräch ein, wenn das Wissen der Schülerinnen und Schüler nicht ausreicht; Lehrkraft als moderierende und beratende Person, während die Schülerinnen und Schüler ihre Bildung selbst in die Hand nehmen.
- Aber im Gegensatz zu DEWEY und KILPATRICK: Keine gesellschaftspolitische Ausrichtung der Projektmethode

Hugo GAUDIG (1869 - 1923): Arbeitsschulbewegung

- Gegensatz zur „Paukschule“
- GAUDIG propagierte freie geistige Tätigkeit, d.h. schüleraktive Arbeitsformen, selbständige Erarbeitung des Unterrichtsstoffes durch die Schülerinnen und Schüler; Selbständigkeit durch Selbsttätigkeit, möglichst in Selbstorganisation.
- Wichtig ist die Einübung von Arbeitsformen, die für die selbständige Arbeit nötig sind.
- Angestrebt wird ganzheitliches Lernen: Vielfalt der selbsttätigen Arbeitsformen (Arbeit am Text, Arbeit am anschaulichen Objekt).
- Individuelles Lerntempo ist freigestellt.
- Der Unterrichtsinhalt ist von der Lehrkraft weitgehend vorgegeben.
- Ziel der Erziehung: Schülerinnen und Schüler sollten zu mündigen, kritischen Persönlichkeiten erzogen werden (wie DEWEY und KILPATRICK); prozeßorientiert

Georg KERSCHENSTEINER (1854 - 1932): Arbeitsschulbewegung

- Ganzheitliches Lernen: Sachgerechte „Arbeit mit der Hand“ und die damit verbundenen geistigen Vorgänge stehen eher im Vordergrund, aber reine geistige Tätigkeit ist zweitrangig (wie bei DEWEY).
- Arbeit in Arbeitsgemeinschaften, arbeitsteilig und arbeitsgleich: wichtig für die soziale Erziehung sind gegenseitiger Rat, gegenseitige Hilfe, Zusammenarbeit, aufeinander Angewiesensein und somit das Erlernen sozialer Tugenden.
- Arbeitsschritte: Aufgabenerfassung, Planung der Durchführung, Ausführung, Über­prüfung
- Ziel der Erziehung: Staatsbürgerliche Erziehung (Erziehung zur Gemeinschaft) durch soziale Erziehung in Arbeitsgemeinschaften; Berufsvorbereitung; Formung von Charaktereigenschaften wie etwa Ausdauer oder Selbstüberwindung; produktorientiert

Peter PETERSENs (1884 - 1952) Jena-Plan:

- Kind- (Schüler-) orientierung: Achtung vor der Person des Kindes, freie Entfaltung des Kindes
- Selbständiges und interessengeleitetes Lernen mit Freiarbeit und Wochenplan
- Überwindung der Fächergrenzen
- Anknüpfen an vorhandenes Wissen und Erfahrungen der Schülerinnen und Schüler
- Lebensnähe: Hineinnahme des Lebens in die Schule: Lernräume außerhalb der Schule
- Ganzheitliches Lernen:
- Gleichermaßen Förderung von sozialem Lernen, Kreativität, Selbständigkeit, körperlicher Betätigung, Wissenserwerb;
- Wechsel der Arbeitsformen: Kurse, Gruppenarbeit und Gemeinschaftsformen;
- Projektunterricht bei der Gestaltung des gruppenunterrichtlichen Verfahrens
- Vorteile des Projektunterrichts: Lebensbezogenheit und soziales Lernen

JÜRGENS: Der Projektunterricht in der Reformpädagogik wurde eher als „ein methodisches, unterrichtstechnisches Organisationsprinzip begriffen und weniger als eine eigenständige didaktische Konzeption mit einem radikal demokratischen Anspruch, wenn auch die gesellschaftspolitischen Bestrebungen nicht unbedeutend waren.“

3.3 Nachkriegszeit bis heute

- Nach dem 2. Weltkrieg waren Vertreter und Prinzipien des Projektunterrichts zwar keines-wegs in Vergessenheit geraten, die Theorie wurde aber kaum in die Praxis umgesetzt.
- Erst in der „Innovationszeit“ der 60er/70er Jahre besann man sich mit dem Ziel der quantitativen und qualitativen Verbesserung der Bildung auf den Projektunterricht und seine gesellschaftspolitische Intention.
- Über den Hochschulbereich und die Lehrkraftausbildung gelangte der Projektunterricht zu neuer Popularität in Primar- und Sekundarstufe (Forderung offener Unterrichts­strukturen).
- Die Abkehr von lernziel- und wissenschaftsorientiertem Unterricht der 70er Jahre und der Gewinn des pädagogischen Freiraums für die Lehrkräfte bieten Möglichkeiten für den Projektunterricht.
- In den 80er Jahre waren 2 Tendenzen vorhanden:
- Bereitschaft zur Durchführung von Projektwochen
- Übertragung des Projektlernens in den herkömmlichen Fachunterricht (=projekt­orientiertes Lernen)

Durch die Einführung des grundlegenden Unterrichts in den Grundschulen in Bayern ist die Durchführung von Projekten einfacher möglich.

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Details

Seiten
31
Erscheinungsform
Erstausgabe
Jahr
2001
ISBN (eBook)
9783956849367
Dateigröße
5.6 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v297824
Institution / Hochschule
Universität Regensburg
Note
1
Schlagworte
Projekt Bildungspolitik Projektphase GERR FREY

Autor

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Titel: Projektunterricht: Grundlagen, Notwendigkeit und Formen