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Sozialberufe - Endstation Stress und Burnout? Ursachen für die Entstehung von Stress und Burnout, Präventionsmaßnahmen und Bewältigungsstrategien am Beispiel der Sozialpädagogik

Diplomarbeit 2003 66 Seiten

Soziale Arbeit / Sozialarbeit

Leseprobe

4.2 OPTIMALE LEISTUNGSFÄHIGKEIT IM "FLOW"-ZUSTAND

(vgl. Stollreiter, 2000, S.46ff)

Nach dem Yerkes-Dodson-Gesetz ist das menschliche Leistungsvermögen bei einem mittleren Grad der Aktivierung optimal; man bezeichnet einen solchen Zustand als FLOW.

Eine zu hohe Aktivierung führt zu Nervosität und Hektik, zu Konzentrationsschwäche und zu einem Abfall der Leistungsfähigkeit.

Eine zu niedrige Aktivierung führt zu Müdigkeit, dem Gefühl, "nicht in Gang zu kommen" und zu Langeweile (durch Unterforderung).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

(Abb. aus Stollreiter, 2000, S.47) (Abb. ebenda, S. 49)

Jeder besitzt sein gewohnheitsmäßiges, habituelles Aktivierungsniveau (= Wachheitszustand unter neutralen Bedingungen).

Ein habituell niedrig Aktivierter, der in einer Normalsituation eher unmotiviert reagiert, kann z.B. in einer Prüfungssituation (die seine Aktivierung steigert) Bestleistungen erbringen, während hingegen ein habituell hoch Aktivierter, der schon in einer Normalsituation seine Bestleistung erbringt, in einer Stresssituation (wie z.B. in einer Prüfungssituation) in DISTRESS gerät.

FLOW-ERLEBNIS:

Menschen bevorzugen Aufgaben mittleren Schwierigkeitsgrades: Es erfolgt kein übermäßiger Energieverbrauch, die Motivation ist intrinsisch (= von der Beschäftigung selbst ausgehend) und die Aufgabe wird als befriedigend oder sogar "Glück spendend" erlebt. Ein solches Erlebnis nennt man FLOW-Erlebnis. Wir erreichen es am ehesten, wenn wir unsere Ziele bewusst und realistisch setzen und jede Über- und Unterforderung vermeiden.

4.3 DIE EIGENEN RESSOURCEN NÜTZEN (Abb. aus Stollreiter,2000, S. 62)

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Es ist besonders für Sozialpädagogen sehr wichtig, sich der eigenen Selbsthilfe-Kompetenzen bewusst zu sein und sie bei Bedarf auch anzuwenden. Wir können anderen Menschen nur dann helfen, wenn es uns selbst gut geht, wenn wir zuerst für uns selbst sorgen, wenn wir in unserer eigenen Mitte sind.

Motto: "Liebe Deinen Nächsten WIE DICH SELBST"(Lev 19, 18).

4.4 RICHTIGES ATMEN: (Gespräch mit Mag. Gabriela Freimuth, 2002)

Durch die Atmung gelangt Sauerstoff in den Körper. Dieser ist nötig für die Oxydation (=Umsetzung) der Nährstoffe in Kohlendioxid (wird ausgeatmet) und in Lebensenergie

(für die Tätigkeit der Muskeln, des Gehirns, der Organe, und für unsere Körperwärme).

=> Je natürlicher und ungehemmter die Atmung ist, desto vitaler ist der Körper.

Da die Aktivität unseres Gehirns stark von der Sauerstoffversorgung abhängig ist, wirkt sich die Atemintensität auch auf die Wahrnehmung unserer Gefühle aus. Wenn wir Gefühle und unsere spontane Reaktion darauf unterdrücken wollen (z.B. Trauer è Weinen, Wut è Toben), halten wir den Atem an. Dieses Verhalten wird im Laufe des Lebens (besonders bei sog. "guter" Erziehung) leider oftmals so fixiert, dass manche Menschen nie tief ein- und ausatmen und daher auch ihre Gefühle oft nicht mehr wahrnehmen können. So entstehen Körperblockaden und Verspannungen (=> Reich'sche Körpertherapie).

Bei flacher Atmung steht dem Körper effektiv weniger Sauerstoff zu Verfügung, er ist weniger leistungsfähig und weniger belastbar. Bei Stress oder Problemen haben wir meist einen schnellen und flachen Atem. Auch während besonders intensiver Gefühlsregungen (z.B. bei Angst) ist unser Atem sehr flach oder stockt ganz.

Entspannen durch Bauchatmung:

Bauchatmung beruhigt, denn sie aktiviert das parasympathische Nervensystem, das für die Bremsung der meisten Organsysteme zuständig ist.

4.5 ENTSPANNUNGSÜBUNGEN

Für eine dauerhafte Gesundheit und Leistungsfähigkeit im Beruf ist es notwendig, im persönlichen Zeitplan ausreichend Zeit für Entspannung einzubauen. So kann der Sozial­pädagoge dem Auftreten von Stress oder Burnout-Symptomen real vorbeugen. Verschiedene Übungen können uns helfen, in relativ kurzer Zeit in einen tiefen Entspannungszustand zu gelangen. Eine persönliche Auswahl solcher Übungen habe ich nun in Kurzfassung angeführt, ausführlichere Anleitungen zur Vertiefung finden sich im Anhang.

4.5.1 Schütteln: (Freimuth, mündlich)

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

4.5.2 Freies Tanzen: (vgl. Roth, Gabrielle, 1997: Leben ist Bewegung)

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

4.5.3 PMR: Progressive Muscle Relaxation (nach Jacobson)

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Mögliche Erweiterungen der Übung:

- Autosuggestion: Wir können uns passende Affirmationen innerlich vorsprechen (oder auch laut vorsagen). Im Entspannungszustand haben Affirmationen eine erheblich größere Wirkung als sonst.
- An die PRM können wir bei Bedarf eine geführte Meditation mit Ansager oder Tonband anhängen.

4.6 "ABSCHALTEN KÖNNEN"

Im Beruf des Sozialpädagogen ist es sehr wichtig, "abschalten zu können" und sich in der Freizeit nicht ständig weiterhin mit den Problemen aus der Arbeit zu beschäftigen. Da dies für die meisten Menschen sehr schwierig ist, gibt es einige Techniken, die uns ein "Abschalten" erleichtern können.

4.6.1 [ Einen Trennstrich ziehen (vgl. Stollreiter, 2000, S.93

Es ist günstig, dem Gehirn am Ende eines ereignisreichen Arbeitstages zu signalisieren "Es ist Feierabend" und einen bewussten Schlussstrich zu ziehen. Dies kann durch eine bewusst vollzogene "Schluss-Handlung" bekräftigt werden.

(z.B. - bewusst die Türe schließen

- mit Genuss das Arbeitsgebäude verlassen und tief durchatmen

- nach der Arbeit bewusst in die Freizeitkleidung schlüpfen)

Hilfreich ist es auch, den Arbeitsalltag mit einem gleichbleibenden Ritual zu beenden, am besten mit einer persönlichen Tagesrückschau, bei der man sich die eigene Leistung bewusst macht.

4.6.2 [Gedanken-Stopp (vgl. ebenda, S.94)

Wenn sich ein Gedanke immer wieder aufdrängt, können wir mit lauter Stimme "STOPP!" oder "HALT!" sagen. Andere Möglichkeiten sind, mit einer Handbewegung "TIME OUT" zu symbolisieren (z.B. mit einer Handkante auf die Handfläche der anderen schlagen) oder sich innerlich irgendeine Form der Unterbrechung vorzustellen (z.B. einen Faden, der von einer Schere durchtrennt wird).

4.6.3 Die Gedanken "vertagen"(vgl. ebenda, S. 96)

Welcher Sozialpädagoge hat nicht schon des Öfteren die Erfahrung gemacht, abends im Bett zu liegen und von sorgenvollen Gedanken bezüglich einer Arbeitssituation gequält zu werden? Hier könnten zwei Maßnahmen hilfreich sein:

- Die Gedanken "vertagen": Grübeln wir nachts z.B. über Probleme nach, für die wir unbedingt schnell eine Lösung finden wollen, sind wir meist schon viel zu müde, um noch kreative und tatsächlich hilfreiche Ideen zu haben. Es ist sinnvoller, sich zu überlegen, wann genau man sich am nächsten Tag ausreichend Zeit für diese Über­legungen nehmen kann und sich notfalls den Wecker eine halbe Stunde früher zu stellen. (Ausreichender, erholsamer Schlaf ist unersetzlich für eine gute Leistungs­fähigkeit und das Wohlbefinden.)
- Glaubwürdigkeit versichern: Damit dieser erste Schritt des "Gedanken-Vertagens" funktionieren kann, müssen wir unserem Gewissen glaubhaft machen, dass wir uns zu einem späteren Zeitpunkt tatsächlich mit dem Problem befassen werden.

(Gedenken wir nicht, unser Versprechen tatsächlich einzulösen, wird unser Gehirn die versuchte Selbstüberlistung durchschauen und auch weiterhin keine Ruhe geben.)

4.6.4 Der Heißluftballon (vgl. ebenda, S.97

Oft ist es uns nicht möglich, begangene Fehler, eine "Blamage", einen Streit oder sonst ein Ärgernis einfach aus unserem Gehirn zu streichen.

In diesem Fall können wir die sorgenvollen Gedanken in einen imaginären Heißluftballon packen und ihn in unserer Vorstellung in die Luft steigen lassen. Der Ballon schwebt immer höher, bis zum Horizont, wo er immer kleiner und kleiner wird... - bis er schließlich nur noch als winziger Punkt sichtbar ist, der sich schließlich in Nichts (und unser Problem sich in Wohlgefallen) auflöst.

4.7 HALTUNGEN UND EINSTELLUNGEN

4.7.1 Im "Hier-und-Jetzt" sein: (vgl. ebenda, S. 83)

Im "Hier-und-Jetzt" zu sein bedeutet, mit ungeteilter Aufmerksamkeit bei einer Sache zu sein. Wenn ich mit meinen Gedanken im Hier und Jetzt bin, kann ich keine Angst haben. Die Ursache von Angst liegt in der geistigen Vorwegnahme der Zukunft und beruht auf Erfahrungen der Vergangenheit.

(Im Anhang findet sich eine Übung, mit der eine solch gegenwärtige Einstellung trainiert werden kann.)

4.7.2 Self-fulfilling-Prophecy: (Gespräch mit Gabriela Freimuth, 2002)

Annahmen, Erwartungen und Vorstellungen haben einen großen Einfluss auf die Wirklichkeit. Das Bild, das wir von unseren Mitmenschen haben, hat Auswirkung auf ihr Verhalten. Jeder Mensch verhält sich in unterschiedlicher Umgebung verschieden.

Abb. Self-fulfilling-Prophecy

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Eine Möglichkeit, zukünftige Ereignisse gedanklich positiv vorauszuerleben ist Mentaltraining. (vgl. Stollreiter, 2000, S.264 ff)

4.7.3 Bei sich sein:(vgl. ebenda, S. 72 ff)

Nicht "bei sich" zu sein bedeutet "außer sich" zu sein, aus der Bahn geworfen zu sein und wenig Einfluss auf das eigene Handeln zu haben. Wir reagieren sensibel auf äußere Unstimmigkeiten (z.B. Unordnung, Programmänderungen,...), übernehmen leicht Stimmungen anderer Menschen, haben das Gefühl, beeinflussbar zu sein und sind anfällig für Stress und Erschöpfung.

"Bei sich" zu sein bedeutet eine Balance zwischen Einfühlungsvermögen und Abgrenzungs­fähigkeit.

Einfühlungsvermögen ist essentiell für den Beruf des Sozialpädagogen, für seine Team­fähigkeit und für seine Führungsaufgaben. Auf der anderen Seite müssen Sozialpädagogen in bestimmten Situationen auch über eine gute Abgrenzungsfähigkeit verfügen (zum Selbst­schutz).

4.7.4 Flexibilität:

Flexibel und locker zu sein ist eines der besten Mittel gegen Stress und daher für den Sozialpädagogen eine unverzichtbare Eigenschaft.

4.7.5 "NEIN" sagen können:(vgl. Stollreiter, 2000, S. 228 ff)

"Stress gibt es nur, wenn Sie "JA" sagen und "NEIN" meinen."(Reinhard Sprenger)

Es ist dringend erforderlich "NEIN" zu sagen

- bei Überschreiten der eigenen Fähigkeiten
- bei wahrscheinlich undurchführbaren Arbeitsaufträgen
- bei Überschreiten der eigenen Verantwortung
- bei begründetem Verdacht, ausgenutzt zu werden
- bei eigener Arbeitsüberlastung

Positive Aspekte des Nein-Sagens:

- Ehrlichkeit, Selbstachtung
- Stressminderung; ein gerechtfertigtes NEIN fördert das Wohlbefinden
- Ausdruck der Fähigkeit, gut für sich selbst sorgen und Eigenverantwortung übernehmen zu können
- Durch Grenzsetzung Achtung und Respekt gewinnen
- Mit der Fähigkeit zum NEIN-Sagen ist eine langfristige Arbeitsmotivation eher gesichert.
- Förderung der Selbständigkeit der anderen

4.7.6 In kleinen Schritten: (aus: Ende, M., Momo/Beppo, der Straßenkehrer)

" >Manchmal hat man eine sehr lange Straße vor sich. Man denkt, die ist so schrecklich lang; das kann man niemals schaffen, denkt man.<

Er blickte eine Weile schweigend vor sich hin dann fuhr er fort. >Und dann fängt man an, sich zu eilen. Und man eilt sich immer mehr. Jedes Mal, wenn man aufblickt, sieht man, dass es gar nicht weniger wird, was noch vor einem liegt. Und man strengt sich noch mehr an, man kriegt es mit der Angst und zum Schluss ist man ganz außer Puste und kann nicht mehr. So darf man es nicht machen.<

Er dachte einige Zeit nach. Dann sprach er weiter: >Man darf nie an die ganze Straße auf einmal denken, verstehst du? Man muss nur an den nächsten Schritt denken, an den nächsten Atemzug, an den nächsten Besenstrich. Und immer wieder nur an den nächsten.<

Wieder hielt er inne und überlegte, ehe er hinzufügte: >Dann macht es Freude; das ist wichtig, dann macht man seine Sache gut. Und so soll es sein.<

Und abermals nach einer langen Pause fuhr er fort: >Auf einmal merkt man, dass man Schritt für Schritt die ganze Straße gemacht hat. Man hat gar nicht gemerkt wie und man ist auch nicht außer Puste.< Er nickte vor sich hin und sagte abschließend: >Das ist wichtig.< "

4.8 DIE 5 SÄULEN DER IDENTITÄT VON PETZOLD

Petzolds Modell zeigt fünf Lebensbereiche, die unsere Identität wie Säulen tragen. Alle fünf Säulen müssen einigermaßen stabil sein, um eine gesunde Identität zu entwickeln und vital zu bleiben. Fünf starke und solide Lebenssäulen sind die beste Prävention gegen Stress und Burnout.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

4.9 PSYCHOTHERAPIE

Fühlt sich der Sozialpädagoge in einer Stresssituation total hilflos und überfordert, oder ist die Symptomatik eines Burnout-Syndroms bereits so ausgeprägt, dass er sich nicht mehr in der Lage fühlt, die momentane Krise alleine zu bewältigen, ist es ratsam, Einzelsupervision – oder wenn diese nicht ausreicht, Psychotherapie – in Anspruch zu nehmen und sich dort fachkräftige Hilfe und Unterstützung zu holen.

4.10 WEITERE ANREGUNGEN

- Ausgewogene Ernährung
- Ausreichend Schlaf
- Lesen, Schreiben, Zeichnen, u.ä.
- Massage, Sauna, Akupunktur
- Meditation, Qi-Gong, Tai-Chi, u.ä.
- Onanieren, erfülltes Sexualleben, glückliche Beziehung
- Singen, Spielen, Tagträumen,...
- Spazierengehen
- Urlaub
- Weinen

5 STRESSBEWÄLTIGUNG BEI KINDERN

Eine Pressemitteilung vom 28. Mai 2002 der Bundesärztekammer in Deutschland alarmierte die dortige Bevölkerung und wies auf die Gefahr von Stress bei Kindern hin. Ich nehme an, die hier beschriebene Situation trifft auch auf Österreich zu und sollte auch uns nachdenklich stimmen.

Kinder unter Stress: Gesellschaft gefordert

Rostock, 28.05.2002: Die zunehmende Überforderung löst bei immer mehr Kindern Aggressivität bis hin zu Feindlichkeit aus. "Das können wir als Ärzte allein nicht mehr kompensieren, hier ist die Gesellschaft als ganze gefordert", sagte Bundesärztekammer-Präsident Prof. Dr. Jörg-Dietrich Hoppe am Dienstag zu Beginn des 105. Deutschen Ärztetages in Rostock. "Und ich will Ihnen eines sagen: Eine Gesellschaft, die sich so wenig um ihre Kinder kümmert, ist krank, ist degeneriert, und verliert ihren humanistischen Anspruch.

Schon bei Schulkindern der Unter- und Oberstufe ließen sich vorzeitige Gefäßveränderungen feststellen, die zu Verkalkungen, Krämpfen, Herzinfarkt oder hohem Blutdruck im Erwachsenenalter führten, sagte Hoppe. Immer häufiger seien als Folge einer psychosozialen Überforderung auch stressphysiologische Reaktionen bis hin zum Burnout - Syndrom zu beobachten.

Experten hätten erst kürzlich darauf hingewiesen, dass Irritation, Frustration und Aggressivität unter Kindern und Jugendlichen zunehmen. "Die heutigen Kindern wachsen vielfach mit psychischen Konflikten auf, sie lernen in zu großen Klassen und sie leiden unter Abwesenheit oder Desinteresse der Eltern, sie werden allein gelassen, es mangelt an Wegführung und Unterstützung", sagte Hoppe. Die Ärztekammern seien hier engagierte Bündnispartner zur Prävention. "Gerade für die Gesundheitserziehung und Gesundheitsförderung von Kindern setzen sich viele Ärztekammern bereits heute ganz entschieden ein", so der Ärztepräsident.

Ich glaube, dass auch wir als Sozialpädagogen einen wesentlichen Beitrag zur Stressvermeidung und -bewältigung bei Kindern beitragen können und möchte im folgenden nochmals auf einige schon im vorigen Kapitel erklärte Bewältigungsstrategien eingehen - diesmal im Hinblick auf die Umsetzung mit Kindern. Wie im obigen Artikel angedeutet, denke auch ich, dass viele Kinder heute einem enormen Freizeit- oder Schulstress ausgesetzt sind, dass sie in unserer Konsumgesellschaft in ständiger Überreizung leben und dass durch emotionale Belastungen (z.B. bei Scheidung der Eltern) zusätzliche Stressreaktionen auftreten können. Es gilt, mit diesen Einflussfaktoren umgehen zu lernen, denn es hilft nicht, die modernen Zeiten einfach zu verteufeln und dem Geschehen tatenlos zuzusehen oder davor zu flüchten. Abhängig vom Arbeitsfeld werden wir in unterschiedlichem Ausmaß mit den Stressreaktionen unserer Klienten zu tun haben und so diesbezüglich auch unterschiedliche Aufgaben wahrnehmen müssen. Immer geht es jedoch darum, das richtige Maß zwischen einem Anbieten von Aktivitäten und einer stützenden Ausgleichsfunktion zu treffen. (In einer WG z.B. wird der ausgleichenden Funktion des Sozialpädagogen wahrscheinlich mehr Bedeutung zukommen als in einem Nachhilfeinstitut.)

5.1 ALLGEMEINE KURZFRISTIGE SOFORTMASSNAHMEN

5.1.1 J Sport:

Aus den Erkenntnissen der modernen Entwicklungspsychologie wissen wir, wie wichtig Bewegung für die Gesundheit der Kinder ist und dass sie sich gerne und viel bewegen. Sobald der Sozialpädagoge Aggression, Stress oder Rückzug einzelner Klienten in der Gruppe wahrnimmt, kann er diese zu Bewegung motivieren und vielleicht ein lustiges, sportliches Spiel anbieten.

5.1.2 J Aufräumen:

Ordnung gibt Sicherheit. Das gilt für Kinder noch viel mehr als für Erwachsene. Der Sozialpädagoge sollte daher bei seinen Klienten auf Ordnung und einen geregelten Tagesablauf achten. Abgesehen von äußerlich wahrnehmbarer Ordnung und Struktur ist es wichtig, ihnen auch die Möglichkeit zu geben, „innerlich aufzuräumen“. Darunter ist ein offenes, mitfühlendes Zuhören zu verstehen, Kinder von ihren Erlebnissen, Gedanken und Gefühlen erzählen zu lassen, genügend Raum und Zeit zu schaffen, wenn sich ein Klient zurückziehen und alleine sein möchte, oder auch ein Ermöglichen von Tagebuch- und Briefe schreiben, Zeichnen, etc.

5.1.3 J Humor:

Gemeinsam mit unseren Klienten über Misserfolge und Fehlschläge auch einmal lachen zu können, sowie ein Auflockern angespannter Situationen durch Witz und Humor zählen zu den effektivsten Methoden zur Stressbewältigung und Prävention bei Kindern.

5.1.4 J Einen positiv besetzten Ort aufsuchen:

Für viele psychisch belastete und gestresste Kinder in unseren Institutionen kann diese Methode sehr hilfreich sein. Zum Beispiel entspannen sich viele Kinder schnell, wenn wir sie auf unserem Schoß sitzen lassen oder sie in Fotoalben blättern lassen. In anderen Fällen müssen Kinder aus der „Stresszone“ (z.B. aus der Familie bei psychischem, physischem oder sexuellen Missbrauch) ganz herausgeholt werden (Krisenintervention!).

5.2 DIE EIGENEN RESSOURCEN NÜTZEN

Von Anfang an sollten wir darauf achten, dass die uns anvertrauten Kinder lernen, sich selbst wertzuschätzen, ihre eigenen Bedürfnisse wahrzunehmen und diese adäquat befriedigen zu können. Auch für sie sollte – wie für uns – stets das Motto gelten: „Liebe Deinen Nächsten WIE DICH SELBST."(Lev 19, 18); dann werden auch sie lernen, Stress rechtzeitig zu erkennen und abzubauen.

5.3 FLOW

Wenn wir Kindern und Jugendlichen eine Aufgabe stellen, sollten wir stets ihre individuellen Voraussetzungen und Anlagen berücksichtigen, sodass sie weder unter- noch überfordert sind und möglichst viele Erfolgserlebnisse haben.

5.4 RICHTIGES ATMEN

Da wir aus einem der vorigen Kapiteln bereits wissen, dass bei flacher und gehemmter Atmung Körperblockaden entstehen und der Mensch weniger leistungsfähig ist, sollten wir bei Kindern eine natürliche und ungehemmte Atmung besonders fördern, sowie Tränen und Wutausbrüche zulassen (sofern sie nicht chronisch, sondern eine spontane Reaktion auf Gefühle sind).

5.5 ENTSPANNUNGSÜBUNGEN

Meiner Erfahrung nach lassen sich bei Kindern von den vielen uns bekannten Entspannungstechniken am erfolgreichsten folgende anwenden:

- Freies Tanzen
- Geführte Phantasiereisen und Kindermeditationen
- Vorspielen entspannender Musik
- Autogenes Training für Kinder
- Kinästhetische Übungen

5.6 „ABSCHALTEN KÖNNEN“

- Einen Trennstrich ziehen J Die Gedanken vertagen
- Der Heißluftballon J Gedanken- Stopp

Diese vier Techniken, die ich schon weiter oben in meiner Arbeit genau erklärt habe, sind meiner Meinung nach erst für ältere Kinder und Jugendliche geeignet. Nur wenn sie offen sind für Übungen dieser Art, macht es Sinn, sie ihnen zu erklären und mit ihnen zu üben.

5.7 HALTUNGEN UND EINSTELLUNGEN

5.7.1 Self-fulfilling-Prophecy:

Die Theorie der „Self-fulfilling-Prophecy“ hat vor allem bei Schulstress eine große Bedeu­tung. Es ist bekannt, dass Kinder, die Angst vor Prüfungen und Schularbeiten haben, oftmals schlecht abschneiden, obwohl sie zuhause noch alles gut konnten. Umgekehrt erzielen selbst­bewusste Schüler, die angstfrei ihre Arbeiten erledigen, meist ohne viel Anstrengung Erfolge. Durch häufiges Loben, kinästhetische oder einfache mentale Übungen, sowie durch Stärkung des Selbstbewusstseins können wir den uns anvertrauten Kindern helfen, ihre Zukunft selbst aktiv und positiv zu gestalten.

5.7.2 „NEIN“ sagen können:

Der im vorigen Kapitel bereits zitierte Satz „Stress gibt es nur, wenn Sie „JA“ sagen und „NEIN“ meinen“ von Reinhard Sprenger gilt auch für Kinder und Jugendliche. Deshalb ist es wichtig, in der Erziehung darauf zu achten, dass unsere Klienten Eigenverantwortung über­nehmen lernen und sich trauen, „NEIN“ zu sagen. Oft haben Kinder Angst vor Liebesverlust, wenn sie nicht tun, was ihre Berso will (es versteht sich von selbst,

5.8 DIE 5 SÄULEN DER IDENTITÄT VON PETZOLD

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Defizite in den „Säulen“ von Kindern und Jugendlichen schrittweise zu beheben, ist die Hauptaufgabe von SP überhaupt, da nur dadurch die Entwicklung einer gesunden Persönlichkeit gewährleistet ist. Ebenso wie bei Erwachsenen ist eine starke Persönlichkeit des Kindes die beste Prävention sowohl gegen Stress als auch gegen Burnout.

5.9 PSYCHOTHERAPIE

Leidet ein Kind stark an Stressreaktionen, die sich in Krankheiten oder extremen Verhaltensweisen äußern, kann manchmal eine Psychotherapie helfen. Es ist empfehlenswert, sich in diesem Fall an einen Therapeuten zu wenden, der sich auf die Arbeit mit Kindern und Jugendlichen spezialisiert hat.

6 SUPERVISION UND TEAMARBEIT in der Sozialpädagogik

(vgl. Unterlagen des Berufsverbandes für Supervision, 2002/02;

Gespräche mit Mag. Gabriela Freimuth, 2002)

Supervision und Teamarbeit sind die wichtigsten Voraussetzungen für ein stressfreies und konstruktives Arbeiten in sozialpädagogischen Institutionen.

Sowohl für das Team als auch für den Einzelnen ist Supervision ein erfolgreicher Weg, einem Burnout vorzubeugen und gleichzeitig das berufliche Verhalten zu verfeinern.

6.1 Definition von Supervision:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Supervision (=Praxisberatung) richtet sich an Einzelne, an Gruppen oder an Mitarbeiter-Teams. Sie befasst sich mit konkreten Fragestellungen aus dem Berufsalltag sowie mit Fragen der Zusammenarbeit zwischen Personen in verschiedenen Rollen und Funktionen, Aufgaben­bereichen und Hierarchiestufen (z.B. Team im Heim: bestehend aus Sozialpädagogen, Psychotherapeuten, Administratoren,...).

Ziel der Supervision ist die Verbesserung der Arbeitssituation, der Arbeitsatmosphäre, der Arbeitsorganisation und der aufgabenspezifischen Kompetenzen. Supervision ist darauf angelegt, praxisnahes Lernen und die Qualität der Zusammenarbeit zu fördern.

Supervision ist keine Psychotherapie!

(Eine ausführliche Darstellung der verschiedenen Arten und Techniken sowie der genauen Ziele von Supervision befinden sich im Anhang.)

6.2 TEAMARBEIT in der Sozialpädagogik

Da sozialpädagogische Arbeit immer von einer Reihe von Mitarbeitern geleistet wird, sind eine gute Zusammenarbeit im Team und regelmäßige Teambesprechungen unerlässlich.

Dies gilt sowohl für homogene Teams (z.B. Betreuerteam: bestehend aus vier Sozial­pädagogen in einer WG) als auch für interdisziplinäre (=multiprofessionelle) Teams (z.B. alle die Klienten der WG betreuenden Sozialpädagogen, Sozialarbeiter,

klinische Psychologen, Therapeuten, etc.).

6.2.1 Definition von Teamarbeit:

Martin Scherpner (1991) bezeichnete Teamarbeit als „eine Form reflektierter, partner­schaftlicher Zusammenarbeit, die im Rahmen gegenseitigen `Sich- Akzeptierens´ die beruflichen Fähigkeiten und Kenntnisse einzelner Mitarbeiter nutzt und sich in ständiger spontaner Kooperationsgemeinschaft gemeinsamen Zielen verpflichtet fühlt.“

Francis and Young definierten 1992 das Wesen eines Teams ähnlich: „Ein Team ist eine aktive Gruppe von Menschen, die sich auf gemeinsame Ziele verpflichtet haben, harmonisch zusammenarbeiten, Freude an der Arbeit haben und hervorragende Leistungen bringen, also Menschen, die eine enge Beziehung untereinander haben, um ihr Ziel zu erreichen.“

Teamarbeit in der Sozialpädagogik beinhaltet: (vgl. Scherpner, 1991)

- Orientierung an der erzieherischen Aufgabe
- Fachliche Auseinandersetzung über Erziehung
- Arbeitsteilung
- Entwicklung von Konfliktlösungsstrategien
- Festlegung von Kompetenzen und Verantwortung

6.2.2 Aufgaben und Funktionen eines sozialpädagogischen Teams:

Um zu gewährleisten, dass sich alle Mitarbeiter im Team wohlfühlen und qualitätsvolle Arbeit leisten können, ist ein positives Mitwirken jedes einzelnen unerlässlich.

Jeder Mitarbeiter muss sich seiner Wichtigkeit am Funktionieren des Teams bewusst sein und aktiv dazu beitragen.

Die wichtigsten Aufgaben des Teams sind folgende: (vgl. Scherpner, 1991)

- Entlastung des einzelnen Mitarbeiters
- Vermittlung des Gefühls, angesichts der oft schwierigen Probleme nicht alleine gelassen zu werden
- Zusammenfassen unterschiedlicher Vorerfahrungen
- Kollegiale Kontrolle und konstruktives Feedback; beides soll zu einer realistischen Selbsteinschätzung führen
- Guter Informationsfluss (d.h. Infos, die alle Mitarbeiter betreffen, sollen rasch und neutral weitergegeben werden)
- Gemeinsame organisatorische Regelungen (besonders bei umfangreichen und komplexen Aufgaben)
- Planvolle Erziehung (d.h. gute Zusammenarbeit, Erfahrungs- und Ideen­austausch)
- Spezialisierung und Fachkompetenz

6.2.3 Voraussetzungen für Teamarbeit: (vgl. auch Fleischmann, 2001, S.2/3)

1. Zielorientierung: Teamarbeit setzt klar definierte Ziele voraus.
2. Übernahme von Verantwortung: Jeder Mitarbeiter übernimmt gleichermaßen die Verantwortung für die Erreichung der gemeinsam definierten Ziele.
3. Gegenseitige Wertschätzung: Die Mitarbeiter begegnen einander offen und wertschätzend. Die Beachtung und Wahrnehmung der Kommunikationsebene (Sachebene oder Beziehungsebene) ist sehr wichtig.
4. Konfliktfähigkeit: Hilfreich bei Konflikten sind eine gemeinsame Konfliktanalyse mit Überlegungen zu Handlungsmöglichkeiten, im vorhinein gemeinsam festgelegte Diskussionsregeln und ein ehrliches Feedback .
5. Leistungsbereitschaft: Alle Mitglieder sind leistungsbereit und niemand versucht, eigene Aufgaben auf andere abzuwälzen.
6. Organisatorische Voraussetzungen: (vgl. Scherpner, 1991)

- Träger und Heimleitung sowie alle Verantwortlichen müssen Teamarbeit und Teamentscheidungen akzeptieren.
- Räumliche und zeitliche Voraussetzungen für Teamarbeit müssen erfüllt sein.
- Informationen, die für alle Teammitglieder wichtig sind, müssen für alle zugänglich sein.
- Teamsitzungen sollten regelmäßig, zu festen Zeiten und in nicht zu großen Abständen erfolgen.
- Teamentscheidungen sollten schriftlich festgehalten werden (Protokoll!), um allen Mitarbeitern die Möglichkeit zu geben, gefasste Beschlüsse nachzulesen.
- Teamsitzungen müssen gut vorbereitet sein. Dies beinhaltet eine festgesetzte Tagesordnung mit der jeweiligen Problemdarstellung, damit die gemeinsamen Gespräche nicht ausufern, sondern sich auf das Wesentliche konzentrieren.
- Die Dauer der Teamsitzungen sollte abgesprochen sein und eingehalten werden.
- Ein regelmäßiger Wechsel in der Gesprächsleitung (Moderation) ist günstig.

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Details

Seiten
66
Erscheinungsform
Erstausgabe
Jahr
2003
ISBN (eBook)
9783958205772
Dateigröße
6.9 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v297885
Institution / Hochschule
Fachhochschule St. Pölten
Note
1
Schlagworte
Stressor Stressreaktion Flow Identität Petzold

Autor

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Titel: Sozialberufe - Endstation Stress und Burnout? Ursachen für die Entstehung von Stress und Burnout, Präventionsmaßnahmen und Bewältigungsstrategien am Beispiel der Sozialpädagogik