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Adoleszenz und Medien: Die Rolle des Internets im Prozess der Identitätsentwicklung Jugendlicher

Bachelorarbeit 2009 64 Seiten

Pädagogik - Medienpädagogik

Leseprobe

2.2.2. Sozialisationsinstanzen

Die Familie gilt bei einer Vielzahl Theoretikern trotz steigender Bedeutung von Medien und Peergroup nach wie vor als wichtigste Sozialisationsinstanz im Leben des Kindes, hier macht es schließlich auch erste Erfahrungen. Die Familie ist die erste und auch die wichtigste Bildungsinstitution im Leben eines Kindes.[1] In der Familie werden erste Weichen für seine Entwicklung gelegt, das Kind lernt laufen und sprechen, erste Kompetenzen werden vermittelt und es wird auf die Gesellschaft vorbereitet. Die Eltern haben eine gewisse Vorbildfunktion, von ihnen dargestellte Handlungs- und Sprechweisen werden vom Kind nachgeahmt (vgl. Büchner/Brake 2006, S. 13).

Fraglich ist in einer pluralistischen Gesellschaft wie der unseren nun, inwiefern man überhaupt von einer intakten Familie beziehungsweise von Eltern im Plural sprechen kann: „Klassische Sozialisationstheorien sprechen bei der Familie von der primären Sozialisationsinstanz“ (König 1972, Neidhardt 1967, zit. nach Hoffmann 2002, S.49). Im modernen Sinne beschreibt Familie jedoch nicht mehr nur die traditionelle Kernfamilie, sondern ebenso ein allein erziehendes Elternteil mit Kind und andere Familienformen: „Die traditionelle Kernfamilie hat in postmodernen Gesellschaften an Selbstverständlichkeit eingebüßt, so dass nicht mehr davon ausgegangen werden kann, dass Kinder und Jugendliche in diesem Familienmodell aufwachsen (Honneth 1995). Es kann sich beim familialen Sozialisationskontext um Ein- Eltern- Familien, Trennungs-, Scheidungs-, Fortsetzungs- oder um Stieffamilien handeln; je nach Auffassung und familialem Selbstverständnis sind die Bezugspersonen variabel“ (Hoffmann 2002, S.50). Natürlich hat der familiäre Kontext, jedoch insbesondere die Qualität des Eltern- Kind- Verhältnisses auch Auswirkungen auf die Sozialisation des Jugendlichen (vgl. ebd.). Das Erziehungshandeln bestimmt den weiteren Werdegang des Jugendlichen erheblich mit, für die heutige Erziehung ist ein Mitbestimmungsrecht der Heranwachsenden kennzeichnend: „Kinder und Jugendliche haben heute ein Mitspracherecht, wenn es um ihre Belange geht. Ausgehandelt werden beispielsweise die Ausgeh- und Bettzeiten, das Taschengeld, das Essen und die Fernsehnutzung“ (ebd., S.51).

Während die Sozialisationsinstanz Familie mit zunehmendem Alter der Heranwachsenden in Bezug auf alterstypische Themen als Ansprechpartner an Bedeutung verliert, werden die Gleichaltrigen dort immer wichtiger. In so genannten Peergroups finden die Heranwachsenden Gleichgesinnte mit denen sie ihre Interessen teilen können und mit denen sie über alterstypische Themen reden können. „Jugendliche finden unter ihresgleichen einfach passende und gute Ansprechpartner, was vor allem alterstypische Interessen, Problem- und Bedürfnislagen anbetrifft: Die Gleichaltrigen bilden eine Art Solidargemeinschaft, in der relativ ungehemmt und ungezwungen z.B. über biologisch bedingte Reifungsprozesse, über Ablösungsschwierigkeiten von den Eltern, über Identitätsfindung und Selbstdarstellungen gesprochen und verhandelt werden kann. Freunde und Freundinnen geben Anstöße zur kritischen Reflexion der eigenen Lebensentwürfe und helfen unter anderem bei der Entscheidungsfindung hinsichtlich des einzuschlagenden Bildungs- bzw. Ausbildungsweges“ (Giegel 1988, zit. nach Hoffmann 2002, S.56). Diese Sozialisationsinstanz wird von den Jugendlichen selbst ausgewählt und ist somit ein freiwilliges Gefüge. Die Jugendlichen treffen sich nicht nur in der Realität, sie erweitern ihren Treffpunkt auch auf die virtuelle Welt, indem sie nachmittags zu Hause chatten: „Viele Kulturen kennen Rituale, die die Gemeinschaft konstituieren, seien es Tänze, Versammlungen oder Fußballspiele. Messenger- Programme sind das entsprechende Ritual der heutigen Jugend“ (Dammler 2009, S.35).

Da können wir geradezu von Glück sprechen, dass es eine Schulpflicht gibt, denn in solchen Institutionen stehen sich die Heranwachsenden dann doch noch beinahe täglich von Angesicht zu Angesicht gegenüber. In der Schule finden die meisten Jugendlichen Anschluss an Gleichaltrige und damit ihren festen Freundeskreis (vgl. Hoffmann 2002, S.53).

Die Schule als Sozialisationsinstanz gibt den Heranwachsenden im Gegensatz zur Peergroup ausgearbeitetes Wissen vor, hier ist nur wenig Zeit für Diskussionen und kritische Fragen von Seiten der Lernenden, demnach kann hier die in der Freizeit erworbene Selbstständigkeit der Schüler kaum weiter gefördert werden. „Das Lehrpersonal scheint für Konfrontationen und Auseinandersetzungen mit den Kindern und Jugendlichen einfach nicht adäquat ausgebildet zu sein und keine zentrale, persönliche, sondern eher eine formelle Bezugsperson für Jugendliche zu sein. Hierbei gilt zu berücksichtigen, dass der Auftrag der Schule nicht nur Bildung, sondern auch Erziehung ist“ (ebd., S.51). Vielerorts ist aktuell zu lesen, dass das Konzept der Schule veraltet ist, vielleicht ist es an der Zeit für einen Paradigmenwechsel? Andererseits sollte man im Hinterkopf behalten, dass sicherlich nicht alle Schüler auf ein persönlicheres Verhältnis mit ihren Lehrern aus sind: „Generell wird Schule von den Schülern und Schülerinnen als Pflichtinstitution betrachtet, als Selbstverständlichkeit, und ihre Legitimität steht prinzipiell außer Frage“ (Hurrelmann 1983, zit. nach Hoffmann 2002, S.53).

Neben diesen drei klassischen Sozialisationsinstanzen wachsen die heutigen Jugendlichen mit einem weiteren, wichtigen Element des Sozialisationsprozesses auf: „Moderne Medien sind eine mächtige Sozialisationsinstanz, die sich sowohl positiv als auch negativ und hemmend auf die Entwicklung Jugendlicher auswirken kann. Entsprechend bedeutsam ist die Einbettung und Reflektierung von Medien in Familie, Schule und Gleichaltrigengruppe“ (Shell 2006, S.83). Es gibt mittlerweile nur noch wenige Jugendliche, die ohne einen eigenen Internetzugang aufwachsen, hier holen sie sich Informationen zu altersgemäßen Themen und Problemen, die sie beschäftigen. Sie können sich hier ausleben, das Internet ist eine elternfreie Zone, in der sie sich mit ihren Freunden treffen und austauschen können, aber auch in verschiedenste Rollen schlüpfen und mit Identitäten experimentieren können (vgl. Hoffmann 2002, S.65). Die Medien sind für die heutige Jugendgeneration ein nicht mehr wegzudenkender Alltagsbegleiter: „Sie sind Kommunikationsmedien, prägen Handlungsmuster; bieten Orientierung und Identifikationsangebote“ (vgl. Paus-Haase& Hasebrink 2001; Fritsche 2003, zit. nach Wegener 2008, S.36). Durch Medienangebote wird den Jugendlichen der lange Weg zur Entstehung einer eigenen Identität erleichtert. Die Heranwachsenden möchten mit ihren alterstypischen Problemen weitgehend allein gelassen werden von ihren Eltern, nur wenige lassen sich in der schwierigen Zeit des Heranwachsens etwas vorschreiben bzw. nehmen bei der Suche nach einer eigenen Identität Hilfe von Seiten der Eltern an. Die Jugendlichen finden in den Medien ihre Identifikationspersonen, Vorbilder und Antworten auf alterstypische Fragestellungen. „So erkennen sich die Jugendlichen in den Medienstars selbst bzw. Teile ihrer Persönlichkeit sowie Lebenserfahrungen wieder. Dadurch werden die Medien für sie zu einem Spiegel, der ihnen auch für die Arbeit am Selbstbild behilflich sein kann“ (Bertelsmann& Sander 2001, zit. nach Wegener 2008, S.38).

3. Identitätskonstruktion im Jugendlicher

Die Identitätskonstruktion ist im Zuge der stattfindenden Individualisierungsprozesse in unserer Gesellschaft mittlerweile nicht mehr so einfach für die Heranwachsenden, denn eine Identität wird heutzutage nicht mehr mittels Geburtstand milieuspezifisch vorgegeben, sondern muss eigenständig erworben und weiterentwickelt werden (vgl. Wegener 2008, S.43). Wie bereits angedeutet, sind die Möglichkeiten der eigenen Identitätsausbildung infolge der Individualisierungsprozesse unserer Gesellschaft enorm vielfältig und frei wählbar geworden. Man kann inzwischen seine Zukunft weitgehend selbst bestimmen, seine Schullaufbahn eigenständig wählen und auch über den zukünftigen Beruf selbst entscheiden. „Das Angebot an möglichen sozialen Rollen ist in komplexen Gesellschaften äußerst diffus und umfangreich“ (Schäfers 2001, S.71).

Die Abkehr von gesellschaftlichen Traditionen, wie z.B. die Weitergabe des Berufes vom Vater an den Sohn hat dazu geführt, dass Jugendliche heute mit Problemen in Bezug auf die eigene Identität mittlerweile oftmals auf sich allein gestellt sind. Fraglich bleibt, inwiefern diese, heute vorzufindende Optionsvielfalt überhaupt förderlich für eine Identitätskonstruktion ist. Durch das Überangebot an sozialen Rollen fehlt es den Heranwachsenden an Orientierung. Der Zerfall traditioneller Familienstrukturen führt dazu, dass es Jugendlichen in der Lebensführung an Vorbildern mangelt. „Nur noch in Restbeständen existieren Lebenswelten mit geschlossener weltanschaulich- religiöser Sinngebung, klaren Autoritätsverhältnissen und Pflichtkatalogen. Die Möglichkeitsräume haben sich in pluralistischen Gesellschaften explosiv erweitert“ (Keupp 2006, S.55).

„Bereits im Jugendalter besteht damit die Herausforderung, sich auf gesellschaftliche Unsicherheiten einzulassen und persönliche Stabilität im Rahmen gesellschaftlicher Instabilität zu beweisen“ (Wegener 2008, S.44). Die Heranwachsenden müssen sich ihren eigenen Weg bahnen, sie schweben zwischen eigenen Unsicherheiten und unklaren gesellschaftlichen Anforderungen, gleichzeitig müssen sie sich mit ihrer Zukunft auseinandersetzen und lernen, auf eigenen Beinen zu stehen. Durch Erproben und Experimentieren mit verschiedenen Rollen soll der Heranwachsende mit Ausgang der Jugendphase schließlich „seinen Platz in der Gemeinschaft als rationaler, reflektierender und sich seines Handelns bewusster Erwachsener gefunden haben“ (ebd., S.41). Die Entstehung einer individuellen Persönlichkeit infolge der erfolgreich abgeschlossenen Jugendphase ist ein entsprechend durch Krisen und Schwierigkeiten gekennzeichneter Prozess. Der Heranwachsende sieht sich in dieser Zeit gleichzeitig einer Fülle von Aufgaben und Entwicklungsproblemen gegenübergestellt: „Rasches Körperwachstum, beginnende Geschlechtsreife und die jeweiligen Reaktionen der Umwelt führen dazu, daß der junge Mensch sich vermehrt mit sich und seiner Umwelt auseinanderzusetzen beginnt, die Inhalte der frühen Sozialisation in Frage stellt und sich selbst zu erkennen versucht. Er ist in erster Linie damit beschäftigt, seine sozialen Rollen zu festigen, d.h.: er ist daran interessiert, was andere von ihm denken und erwarten, wie andere ihn sehen und ihn einschätzen. Er macht sich große Gedanken über seine Person, über sein zukünftiges Leben und seine zukünftige Stellung in der Gesellschaft“ (Schäfers 2001, S.70). Insbesondere die Medien liefern hier Anhaltspunkte für die Ausbildung einer eigenen Identität. Stars sowie irreale Fernsehfiguren werden angehimmelt, sie dienen inzwischen vor allem dort als Vorbilder und Idole, wo es an realen Bezugspersonen in unserer Gesellschaft oft fehlt.

Der Begriff „Identität“ ist inzwischen häufig gefallen. Im Folgenden soll er nun näher betrachtet werden um schließlich Unterschiede zwischen einer „klassischen“ und einer „postmodernen“ Identität herauszufiltern.

3.1. Zum Verständnis: Was bedeutet „Identität“?

Identität ist mittlerweile zu einem inflationär verwendeten und breit diskutierten Begriff geworden (vgl. Keupp 1998, S.7). Zu klären bleibt die Frage, was unter „Identität“ nun eigentlich zu fassen ist!

Als ein wichtiger Identitätstheoretiker gilt Erikson, er definiert den Terminus folgendermaßen: „ Identität ist das Bewusstsein, ein unverwechselbares Individuum mit einer ganz eigenen Lebensgeschichte zu sein, in seinem Handeln eine gewisse Konsequenz zu zeigen und in der Auseinandersetzung mit anderen eine Balance zwischen individuellen Ansprüchen und sozialen Erwartungen gefunden zu haben “ (Abels 2006, S.254). Identität bedeutet demnach, dass jedes Gesellschaftsmitglied als Individuum wahrgenommen wird und eine eigene Persönlichkeit entwickelt, indem es sich auf seine individuell gemachten Erfahrungen besinnt und Konsequenzen aus seinem Handeln zieht. Um als gesellschaftsfähig angesehen werden zu können, muss ein jeder im Sinne gesellschaftlich geltender Werte und Normen handeln. Identität bedeutet, sich an geltende Regeln zu halten und gleichzeitig zu seinem Selbst zu stehen.

An dieser Stelle wird deutlich, dass Identität nicht in einem kurzen Satz zu erklären ist. Erikson beschreibt sie als ein Gefühl (Mey 1999, S.26), dass jeder gesellschaftsfähige Mensch innehat. Im Zuge des Erwachsenwerdens probieren die Jugendlichen sich aus, testen ihre Grenzen und erkennen gesellschaftlich geltende Gesetze sowie Werte und Normen, an die sie sich zu halten haben. „Identität ist die Antwort auf die Frage ‚Wer bin ich?’, […]“ (Keupp 1998, S.7). Unklar bleibt, wie präzise diese Frage in hoch komplexen Gesellschaften, die sich durch Unstetigkeit auszeichnen, überhaupt noch zu beantworten ist! Identität ist kein starres Konstrukt. Durch ständigen wechselseitigen Austausch mit anderen erhält das Individuum Rückmeldungen über sein Verhalten, folglich kann es seine individuelle Identität entwickeln und ausbauen: „Identität hat deshalb von allem Anfang an Arbeitscharakter, lebt von einem Subjekt, das sich aktiv um sein Selbst- und Weltverhältnis zu kümmern hat. Es entwirft und konstruiert sich seine Selbstverortung, und es bedarf der Zustimmung der anderen zu seinen Entwürfen und Konstruktionen“ (ebd. 2006, S.27).

Insbesondere in einer modernisierten Gesellschaft wie der unseren wird von jedem Menschen eine gewisse Flexibilität erwartet. Weiterhin es ist wichtig, seine Weltanschauungen gegebenenfalls zu revidieren, insbesondere dann, wenn es um die eigene Lebensplanung geht. „Mit den Erfahrungen der aktuellen Handlung kann die eigene Identität überprüft und möglicherweise den Anforderungen, die sich durch gesellschaftlich- historische, kulturelle und soziale Entwicklungen ergeben, angepasst werden“ (Hoffmann 2004, S.160). Hier wird zudem deutlich, dass Identität immer im sozialen Austausch mit anderen entsteht, das Subjekt tritt in Interaktionen.

George Herbert Mead spricht von zwei Komponenten der Identität, die eng miteinander in Verbindung stehen und schließlich gemeinsam das „Self“, die Identität des Menschen, bilden. Differenziert wird der Begriff der Identität demnach zum einen in persönliche Identität (Charakterzüge, Interessen und Hobbys), das „I“, und zum anderen in soziale Identität (Verwandte, Freunde und andere soziale Kontakte), das „Me“. Durch Interaktionen positioniert sich jeder Mensch in der Gesellschaft und hebt sich gleichzeitig von den anderen ab (vgl. Hoffmann 2004, S.159 und Palfrey/Gasser 2008, S.19). Während das „Me“ nach Mead „die von anderen übernommenen Einstellungen“ (Keupp 2006, S.95) impliziert, ist das „I“ „die individuelle Antwort auf die Erwartungen der anderen“ (ebd.).

Diese, nach Mead definierten Identitäten sind nicht starr, sondern vielmehr wandeln sie sich mit jedem neu entdeckten Interesse, dem eine Person nachgeht (vgl. Palfrey/Gasser 2008, S.19). Nun stellt sich die Frage, ob es sich mit dem Identitätswechsel heutzutage noch immer so verhält. Sind die persönlichen Einstellungen und Verhaltensweisen so leicht abzulegen und veränderbar wie Mead es beschreibt? Zu Zeiten vor unserer heutigen postmodernen Gesellschaft verhielt sich der Identitätswandel wie folgt: Die soziale Identität konnte leicht verändert werden, indem die Person seinem Umfeld entfloh und in eine völlig neue Umgebung zog. „Wollte sich das Mädchen umfassend verändern, musste es also weit wegziehen- beispielsweise in eine andere Stadt, deren Einwohner mit den Bewohnern ihres bisherigen Wohnortes kaum in Kontakt standen. Wenn sie nur weit genug fortging, konnte sie ihre alte soziale Identität komplett ablegen“ (ebd., S.20). Durch einen simplen Ortswechsel konnten die Menschen moderner Gesellschaften sich also völlig neu erfinden und definieren, in Zeiten des technischen Fortschrittes, wie wir ihn heute vorfinden, ist dies allerdings nicht mehr so einfach.

Inzwischen entsteht Identität nicht mehr nur in direktem Austausch mit anderen, sondern mithilfe der Medien existiert sie weiterhin auch in virtuellen Welten: „Ging man früher davon aus, dass sich Identität in direkter sozialer Interaktion entwickelt, muss man heute mediale Interaktionen hinzurechnen“ (Hoffmann 2004, S.157). Neue Entwicklungen wie das Internet erleichtern das Leben der Menschen in postmodernen Gesellschaften zwar ernorm, damit geht jedoch einher, dass die soziale Identität nicht mehr so leicht kontrollier- und wandelbar ist wie zuvor (vgl. ebd., S.162 und Palfrey/Gasser 2008, S.20). In der Realität bereits abgelegte Identitäten können in Internetplattformen wie StudiVZ oder Facebook weiterhin von anderen nachvollzogen werden. Behindert man durch diese Datenpreisgabe also die Weiterentwicklung- und Neuorientierung seiner Persönlichkeit? Wie kann der Begriff Identität heutzutage überhaupt noch gefasst werden? Mittlerweile wird von postmodernen Identitäten gesprochen (vgl. Roth-Ebener 2008, S.51). Charakteristische Merkmale dieser Identitäten einer postmodernen Gesellschaft hat Roth- Ebener in sieben Punkten kurz zusammengefasst herausgestellt:

„1. Postmoderne Identitäten bestehen aus flexiblen Fragmenten.
2. Identität entsteht durch einen permanenten, aktiven Prozess des Konstruierens, durch ein nie vollendetes Arbeiten am eigenen Ich.
3. Postmoderne Identitäten setzen sich aus Teil-Identitäten zusammen, welche aus den unterschiedlichen Anforderungen des Lebens resultieren.
4. Die Teil- Identitäten stehen zueinander in einem (lockeren, flexiblen) Zusammenhang (Kohärenz und Kontinuität).
5. Die Konstruktion von Identität in der Postmoderne beinhaltet die Chance auf mehr Freiheit und Selbstgestaltung, aber auch das Risiko, sich in der Vielfalt von Möglichkeiten zu verlieren oder dem ökonomischen Druck nicht standzuhalten.
6. Die Konstruktionen von Identität hängen ab von den zur Verfügung stehenden Ressourcen und Kompetenzen. Gesellschaftliche Machtstrukturen schränken die Möglichkeiten der Ich- Bildung von Individuen ein.
7. Der Körper dient in der Postmoderne als Schauplatz für Experimente und als Material für die individuelle Bastelidentität“ (Roth-Ebener 2008, S.51).

Es gibt inzwischen massenhaft theoretische Konzepte zum Thema Identitätskonstruktion in der Postmoderne. Im Folgenden möchte ich zwei moderne Theorien vorstellen, zum einen, um die heutigen Jugendlichen und ihre Standpunkte besser verstehen zu können und zum anderen, um den hier angeführten Punkten zur postmodernen Identität einen Rahmen zu geben.

3.2. Keupp: Patchwork- Identität

Einen aktuellen Diskurs zum Thema „Identität heute“ führt Heiner Keupp. Er ist der Meinung, man könne veraltete Definitionen von Identität mittlerweile nicht mehr zur Hilfe ziehen, wenn es darum geht zu klären, wie sich eine Identität heute ausbildet. Keupp ist der Ansicht, dass Eriksons Modell der Identitätsbildung mittlerweile ausgedient hat. Jedoch ist es ihm nach unumgänglich, sich in aktuellen Identitätsdiskursen an Eriksons, aus heutiger Sicht veraltetem Modell zu orientieren, es „abzuarbeiten“ (Keupp 2006, S.26).

Inzwischen, in Zeiten der Enttraditionalisierung ist es nicht mehr so leicht, einen Arbeitsplatz bzw. eine Nische in der Gesellschaft zu finden, die für einen gemacht ist. Gerade den Heranwachsenden fällt es inmitten ihrer Identitätskrise schwer, sich einen Platz in der Gesellschaft zu schaffen. Erikson nennt diese Phase des Suchens „Moratorium“, in dieser Zeit haben die Jugendlichen eine Vielfalt von verschiedenen Aufgaben zu bewältigen. „Diese jungen Menschen befinden sich in der Mitte der Identitätskrise. Sie suchen aktiv nach Antworten, haben aber den Konflikt zwischen den Plänen, die ihre Eltern für sie haben, und ihren eigenen Interessen nicht gelöst […] Im besten Fall scheinen sie empfindsam, moralisch und offen zu sein; im schlechtesten Fall sind sie ängstlich, selbstgerecht und unentschlossen. (Scarr, Weinberg& Levine, 1986, zit. nach Smith et al. 2007, S.131). Durch lange Ausbildungszeiten stehen die Heranwachsenden am Ende der Jugendphase oftmals immer noch ohne festen Job da. Die familiäre Erziehung beruht heutzutage großteils auf einer Aushandlungsbasis zwischen Eltern und den Heranwachsenden. Die Eltern haben heutzutage nicht mehr so viel Mitspracherecht, sie verlieren als Ansprechpartner für die Wahl des eigenen Lebensweges an Bedeutung. Zwar dürfen sie ihre Wünsche hinsichtlich der Zukunftsplanung des Nachwuchses äußern, jedoch entscheidet der Jugendliche in den meisten Fällen selbst über seinen zukünftigen Werdegang, nichts desto trotz gelten die Eltern in vielen Lebensbereichen weiterhin als wichtigster Bezugspunkt für die Jugendlichen.

In einer postmodernen Gesellschaft wie der unseren zeichnen sich instabile gesellschaftliche Verhältnisse deutlich ab. Weder sind verheiratete Eltern noch etwas Selbstverständliches, noch bedeutet ein guter Schul- oder Hochschulabschluss einen sicheren Einstieg ins Berufsleben. „Begriffe wie Kontingenz, Diskontinuität, Fragmentisierung, Bruch, Zersplitterung, Reflexivität oder Übergänge sollen zentrale Merkmale der Welterfahrung thematisieren. Es wird davon ausgegangen, daß Identitätsbildung von ihnen durch und durch bestimmt wird“ (Keupp 2006, S.30). Während den Gesellschaftsmitgliedern der Moderne ihre sozialen Rollen, so beispielsweise die berufliche Zukunft, weitgehend vorgeschrieben wurden, ist in der heutigen modernisierten Gesellschaft ein breites Spektrum an Rollenangeboten zu finden. „Das Subjekt löst sich infolge dieses Prozesses immer mehr von vorgegebenen biographischen Entwurfsschablonen und Schnittmustern und muß die Lebensentwürfe in eigene Regie nehmen. In diesen Erosionsprozessen verlieren die großen religiösen, philosophischen, kulturellen und politischen Deutungsmuster und Formationen ihre Konstruktionskraft. Auf sie kann der einzelne bei seiner eigenen Biographiebastelei und Identitätsarbeit immer weniger als ordnenden Rahmen zurückgreifen“ (Keupp 1998, S.16). Weiter stellt Keupp richtig heraus, dass in Zeiten der Modernisierung die Identitäten viel freier gewählt und (auf den ersten Blick) ausgetauscht werden können als in Zeiten, in denen traditionelle und religiöse Werte noch zählten (vgl. Keupp 2006, S.71). Heutzutage ist es so zum Beispiel möglich, seine Geschlechtsidentität durch operative Eingriffe zu verändern, ebenso verliert die eigene Herkunft an Bedeutung für das Empfinden von Nationalbewusstsein- dies führt zu einem völlig neuartigen Empfinden von persönlicher und sozialer Identität (vgl. ebd., S.87). Verschiedene soziale Rollen zwingen uns in unterschiedlichste soziale Kontexte, die so entstehenden „Teilidentitäten“ (ebd., S.218) wie Arbeit bzw. Schule, Freizeit und Familie, sie werden schließlich zu einem Ganzen, zu einer komplexen Identität zusammengefügt. „Das Erlebnis einer widersprüchlichen und segmentierten Alltagswelt, die sich nicht mehr in einem umfassenden Weltentwurf integrieren läßt, sei es denn um den Preis esoterischer Sektenbildung, erzwingt eine Haltung, die Widersprüchliches nebeneinander stehen lassen kann und die nicht mehr von einem ‚Identitätszwang’ beherrscht wird“ (ebd. 1989, S.63). Wie kann man in der heutigen Zeit mit all dem nun Möglichen infolge des gesellschaftlichen Umbruchs und der Fragmentisierung also überhaupt noch eine stabile Identität ausbilden?

Keupp führt zur Klärung dieser Frage einen neuen Begriff an: „ Patchwork- Identität “ (ebd., S.59). „Es war ein Versuch, sich von einer substantialistischen Vorstellung von Identität zu verabschieden, die als ‚Akkumulation innerer Besitzstände’ zu charakterisieren wäre, und eher die alltägliche ‚Identitätsarbeit’ ins Zentrum zu rücken, in der Subjekte ihr Gefühl für beziehungsweise Verständnis von sich selbst suchen und konstruieren“ (ebd. 1998, S.12). „In ihren Identitätsmustern fertigen Menschen aus den Erfahrungsmaterialien ihres Alltags patchworkartige Gebilde, und diese sind Resultat der schöpferischen Möglichkeiten der Subjekte“ (ebd. 2006, S.294). Nach Keupp ist die „Bastelbiografie“ also keineswegs negativ zu deuten, sondern eher ein Zugewinn an „kreativen Lebensmöglichkeiten, denn eine innere Kohärenz ist der Patchworkidentität keineswegs abhanden gekommen“ (ebd. 1998, S.18). Jedem Gesellschaftsmitglied kommen verschiedenste soziale Rollen zu, ein jeder muss also flexibel sein, sich an neue, vorgegebene Situationen anpassen können und aus der Vielfalt an Identitätsangeboten das für ihn adäquate herausfiltern- um schließlich eine eigene, in sich geschlossene Identität ausbilden zu können. „Die klassischen Patchwork- Muster entsprechen dem klassischen Identitätsbegriff. Da sind geometrische Muster in einer sich wiederholenden Gleichförmigkeit geschaffen worden. Sie gewinnen eine Geschlossenheit in diesem Moment der durchstrukturierten Harmonie, einem Gleichgewichtszustand von Form- und Farbelementen“ (ebd., S.64). Anders als bei Erikson, der sich auf sich auf sein „egozentrisches Weltmodell“ (ebd., S.65) beruft, werden hier Individualität und Unabhängigkeit betont, der Mensch als unverwechselbares Wesen, der in Eigenregie eine Persönlichkeit entwickelt: An Stelle von Unterdrückung, Herrschaft und Macht (insbesondere durch Eltern und Institutionen) tritt hier eine „Selbstorganisationsdynamik“ (ebd., S.66). Die Heranwachsenden kämpfen um ihre Rechte, im Erziehungsprozess wird zunehmend auf Mitspracherecht der Jugendlichen gesetzt und die Zukunft wird (im Idealfall) selbst in die Hand genommen und bewältigt. Jedoch finden wir zunehmend in unserer Gesellschaft auch perspektiv- und arbeitslose Jugendliche vor, die den Sprung ins Berufsleben nicht geschafft haben, die sich falsche Vorbilder genommen haben und im „Wirrwarr“ von Identifikationsangeboten nicht den richtigen Weg gefunden haben.

„Ein realistischer Blick auf die aktuellen gesellschaftlichen Veränderungsprozesse zeigt uns neben den gesellschaftlichen Freisetzungs- und Individualisierungsprozessen auch eine tiefer werdende gesellschaftliche Spaltung, die für zunehmend wachsende Bevölkerungsanteile keine Teilhabe am Gestaltungsprozeß gesellschaftlicher Tätigkeit vorsieht. Identitätsarbeit unter Bedingungen gesellschaftlicher Marginalisierung und wachsender persönlicher Demoralisierung wird zu keinen hoffnungsvollen und produktiven Identitätsentwürfen führen“ (ebd. 1989, S.66). Diese Sätze schrieb Keupp bereits vor 20 Jahren, aktuell erscheinen die geschilderten Problematiken jedoch heute immer noch. So wird es durch die heutige Masse an Identifikationsangeboten, mittlerweile vor allem zunehmend in den Medien, für die Heranwachsenden immer schwieriger, eine eigene Persönlichkeit zu entwickeln, die gleichzeitig auch an gesellschaftliche Normen angepasst ist. „[…] er darf sich nicht festlegen, sondern muß beweglich bleiben, offen und anpassungsfähig“ (ebd., S.63).

Im Folgenden möchte ich einen weiteren, von John Palfrey entwickelten Ansatz zur Klärung heutiger Identitätskonstruktionen zur Hilfe ziehen. Er bezieht sich hier insbesondere auf die Wandlung innerhalb des Sozialisationsprozess infolge der Medialisierung der Gesellschaft.[2]

3.3. Palfrey: Mehrfachidentitäten der „Digital Natives“

Palfrey sieht Neuerungen in der Identitätsausbildung vor allem darin, dass die soziale Identität nicht mehr so kurzlebig ist wie zu Zeiten vor der Industrialisierung. Die sozialen Kontakte können durch die Verstädterung und das verbesserte Verkehrswesen über weite Distanzen nun besser aufrecht erhalten werden, des Weiteren erhöhen seither Neuheiten wie die „Entstehung des modernen Verlagswesens (z.B. Tageszeitungen), die Entwicklung neuer Aufzeichnungsverfahren (z.B. Fotografie) und die Einrichtung moderner Verwaltungen (z.B. Behörden, die Einwohnerverzeichnisse führten oder amtliche Formulare für die Durchreise verlangen) [...] den Beständigkeitsgrad ihrer Identität“ (Palfrey/Gasser 2008, S.21).

In der heutigen Zeit kommen Entwicklungen wie das Internet hinzu: Persönliche Daten werden im Netz preisgegeben und sind somit für Dritte zugänglich gemacht, viele Jugendliche denken nicht darüber nach, dass fremde Internetuser ihre Daten missbrauchen könnten. „Das Potenzial diverser Organisationen, sämtliche Online- Bewegungen eines Internetnutzers zu verfolgen und zu registrieren, ist seit Beginn des industriellen Zeitalters geradezu explodiert. Das Ausmaß, in dem sämtliche Informationen, die eine Person über sich preisgibt, von einem Ort zum anderen nachvollzogen werden können, wächst immer weiter“ (ebd., S.25). Diese Nachhaltigkeit der Informationen im Netz erschwert die Neuerfindung der eigenen Identität erheblich, die Jugendlichen sind also mehr als je zuvor an eine einzige Identität gebunden (vgl. ebd., S.22).

Die persönliche Identität wird im digitalen Zeitalter zunächst nach wie vor über Charakterzüge und Interessen eines Menschen ausgedrückt, das Internet bietet nun viel mehr Möglichkeiten der Selbstdarstellung: „Die Vielfalt der Möglichkeiten, d.h. die Angebote für Digital Natives, ihre Identität zum Ausdruck zu bringen und zu optimieren, ist wirklich beeindruckend. [...] Eine 16-Jährige kann- bis zu einem gewissen Grad- diese Identität sorgfältig gestalten und im Laufe der Zeit modifizieren und Veränderungen einbringen, je nachdem, wie sie wahrgenommen werden möchte“ (ebd., S.26).

Viele Internetuser denken aber nicht darüber nach, was mit ihren hier angegebenen Daten passieren kann, oftmals unterschätzen sie die Gefahr der Informationspreisgabe im Internet. Gelangen diese persönlichen Daten in die Hände Krimineller, kann das existenzielle Folgen haben. „Je mehr Daten sie über sich ins Netz stellt, beispielsweise in finanzieller Hinsicht, umso größer wird für sie das Risiko des Identitätsdiebstahls, einer der inzwischen häufigsten Straftaten der Welt“ (ebd., S.28). Hinzu kommt nun, dass andere Nutzer meine eigene soziale Identität in Internetplattformen wie Myspace, StudiVZ und Facebook mitbestimmen können. Mit mir verlinkte Freunde können hier Urlaubsfotos, die peinlichsten Partyschnappschüsse und anderes von mir veröffentlichen, ohne dass ich es möchte oder weiß. Damit verbunden ist die Gefahr des Kontrollverlustes über die eigene Identität (vgl. ebd,, S.22).

Palfrey differenziert hier in eine Online- und eine Offline- Identität (vgl. ebd.). Die Online- Identität dient in der Norm der Erweiterung der Offline- Identität. Durch virtuelle Kommunikationen mit Freunden werden Treffen in der Realität vereinbart, die Datenpreisgabe im Internet soll einerseits dazu dienen, zu anderen Vertrauen aufzubauen und andererseits, um sich selbst darzustellen und bei anderen, oft fremden Usern, Eindruck zu schinden (vgl. ebd., S.29). Die Digital Natives selbst unterscheiden jedoch nicht „in eine Online- und eine Offline- Identität oder in eine persönliche und eine soziale Identität. Weil diese Identitätsformen simultan existieren und so eng miteinander verbunden sind“ (ebd., S.22).

Für die heutige Jugendgeneration ist das Internet ein wichtiger Bestandteil des Sozialisationsprozesses geworden- hier können sie mit Freunden in Kontakt treten und gleichzeitig experimentieren, indem sie verschiedene Avatare erschaffen. Diese Avatare können eine persönliche Wunschidentität darstellen oder Ausdruck des eigenen Selbst sein. „Solcherart könnte sich das Mädchen immer wieder neu erfinden- ohne ihr Heimatdorf oder auch nur ihr Zimmer zu verlassen. Und sie müsste diese Identitäten nicht schrittweise verändern, sondern kann diese quasi in einem Tag erschaffen und parallel ausprobieren“ (ebd., S.23). Die meisten Digital Natives besitzen mehrere solcher Avatare gleichzeitig, sie besitzen mehrere Online- Identitäten und verfügen damit über mehrere Darstellungen ihrer selbst im Netz (vgl. ebd., S.25). „Diese Mehrfachidentitäten erschweren die Beantwortung der Frage, wie Digital Natives über sich selbst denken und sich vor dem Rest der Welt repräsentieren. Die damit verbundenen Schwierigkeiten werden sich wahrscheinlich im Laufe des Lebens vergrößern, da Digital Natives immer mehr Zeit ihres Lebens online verbringen und die Zahl der Umgebungen wächst, in denen sie sich auf verschiedene Weise ausdrücken“ (ebd., S.31). Weiter schreibt Palfrey über die Zukunft der Identitätskonstruktion mit dem Internet: „Unter den vielen Veränderungen bei der Identitätsbildung im digitalen Zeitalter ragen zwei heraus, die im Laufe der Zeit wahrscheinlich die signifikantesten Auswirkungen haben werden: Unbeständigkeit und Unsicherheit“ (ebd., S. 36). Ersteres meint, dass sich die eigene Identität häufig wandelt, dies geschieht oftmals sogar ohne das eigene Zutun, zum Beispiel durch das Handeln vernetzter Freunde in Internetforen oder auf diversen Plattformen- damit verbunden ist der zunehmende Kontrollverlust darüber, wie die eigene Identität von anderen Usern wahrgenommen wird (vgl. ebd., S.36). Die Identität eines Digital Natives ist vielseitiger als die der früheren Jugendgenerationen: „Wenn Digital Natives zu einer anderen Plattform wechseln, stirbt ihre vorherige Identität nicht, sondern bleibt als Teil ihrer vielschichtigen Selbstwahrnehmung bestehen- zumindest wird es von außen dann so wahrgenommen“ (ebd., S.37). Mit Unsicherheit ist hier gemeint, dass die Gefahr des Kontrollverlustes enorm hoch ist, denn man weiß nie, wer Zugang zu den eigenen Daten hat und diese missbraucht (vgl. ebd., S.38), zum Beispiel kann sich jeder „x-Beliebige“ StudiVZ- Nutzer fremde Fotos aus einem für alle User sichtbaren Fotoalbum herunterladen und diese Fotos für eigene Zwecke nutzen.

Die virtuelle Welt stellt für die Digital Natives in der Norm eine Erweiterung der Realität dar, hier erfüllen sich Wünsche und hier können sie sich austoben. „Der User kann seinen Avatar so gestalten, dass er ihm möglichst ähnlich sieht, sowohl von der körperlichen Erscheinung als auch von der Kleidung her. Doch ebenso kann er mit ganz verschiedenen Identitäten experimentieren- d.h., man kann sich als Frau für einen männlichen Avatar entscheiden, eine andere Hautfarbe als die eigene wählen, ganz zu schweigen von der Möglichkeit, einen Avatar in nicht menschlicher Gestalt zu entwerfen, entweder als beliebiges Tier oder auch als Fantasiewesen“ (ebd., S.33).

Internetplattformen und Rollenspiele sind für die Entwicklung der eigenen Identität im heutigen Zeitalter nachweislich sehr bedeutsam geworden. Hier sind Möglichkeiten geboten, zu experimentieren, sich etwas zu wagen, was man sich in der Realität nicht trauen würde: „Teilweise experimentieren sie dort aber auch mit dem, was sie sind, probieren Rollen, Äußerlichkeiten und Beziehungen aus, wie sie es in der Realität niemals wagen würden“ (ebd., S.40). Die Identität der Digital Natives ist damit kontextspezifisch und stimmungsabhängig, je nach Lust und Laune erfinden sie sich im Internet als Avatar oft sogar täglich neu (vgl. ebd., S.31). Die Teilhabe am digitalen Zeitalter ist für die Heranwachsenden enorm wichtig. Bleibt ihnen der Zugang zu den neuen Medien verwehrt, so fehlt ihnen ein Teil ihrer Identität, nämlich die Online- Identität. Dann leben sie weiterhin mit ihrer Offline- Identität und verlieren den Anschluss an Gesprächsthemen und Interessen der Gleichaltrigen (vgl. Roth-Ebener 2008, S.50).

Eine Gefahr besteht jedoch dann, wenn sich ein Internet- Nutzer zu sehr mit seiner virtuellen Identität beschäftigt, wenn er nahezu nur noch im Netz lebt. Virtuelle Welten wie „Second Life“ locken Millionen Menschen, viele von ihnen sind in der Realität gescheitert und nutzen das Internet um Erfolg zu genießen (vgl. Palfrey/Gasser 2008, S. 33).

[...]


[1] Vorausgesetzt wird dabei eine intakte Familie- d.h. es liegen keine Gewalttaten oder sonstiges vor.

[2] „Digital Natives“ (Palfrey/Gasser 2008, S.22): Jugendliche, die im Zeitalter des Internets aufwachsen und damit vertraut sind- sie sind nach 1980 geboren worden.

Details

Seiten
64
Erscheinungsform
Erstausgabe
Jahr
2009
ISBN (eBook)
9783956849787
Dateigröße
5.5 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v297897
Institution / Hochschule
Justus-Liebig-Universität Gießen
Note
1
Schlagworte
Jugendforschung Sozialisation Digitale Medien Persönlichkeitswerdung Identität

Autor

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Titel: Adoleszenz und Medien: Die Rolle des Internets im Prozess der Identitätsentwicklung Jugendlicher