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„Mit Validation lernt man umzuschalten“ - Forschungsbericht zum Einsatz der Validation bei akut verwirrten Patienten in der Intensivpflege

Studienarbeit 2007 67 Seiten

Gesundheit - Pflegewissenschaft - Sonstiges

Leseprobe

2.3 Inzidenz von Delirien bei hospitalisierten Patienten

Die Häufigkeit von Delirien in deutschen Krankenhäusern wird vom Statistischen Bundesamt in Wiesbaden auf der Basis des ICD-10-GM Katalogs Version 2006 erfasst. Das Delirium im Krankenhaus wird in der Gruppe „Psychische und Verhaltensstörungen“ (F00-F09) aufgeführt. Im einzelnen sind hier zu nennen:

F05 das Delir, nicht durch Alkohol oder andere psychotrope Substanzen bedingt (subakut/akut)

F05.0 Delir ohne Demenz

F05.1 Delir bei Demenz[1]

F05.8 sonstige Formen des Delirs mit gemischter Ätiologie

F05.9 nicht näher bezeichnetes Delir (ICD-10-GM Version 2006)

Hinweis: Die Diagnose des Delirs wird immer klinisch gestellt. Die ICD-10 F05 setzt einen „akuten Beginn“ voraus (vgl. Kratz 2007, S. 97 u. S. 99).

Rate der vollstationären Patienten in Deutschland mit F05 Delir

Erste Übersichtstabellen der Jahre 2000 bis 2005 des statistischen Bundesamtes verdeutlichen, dass das Delirium ein klinisch relevantes Phänomen mit steigender Tendenz ist (vgl. Gesundheitsberichterstattung des Bundes 2007).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Die Rate der vollstationären Patienten mit Delirium in Deutschland ist im Jahre 2005 mit 26.500 Fällen genauso steigend wie auch die Mortalität mit 671 Fällen. Das durchschnittliche Alter der Verstorbenen lag im Jahr 2005 bei Frauen bei 87,8 Jahren und bei Männern bei 84,6 Jahren. Die durchschnittliche Verweildauer von Patienten mit Delir ist seit 2003 tendenziell gesunken. Die Stundenfälle sind 2005 dennoch doppelt so hoch wie im Jahr 2000. Den größeren Anteil haben die weiblichen Patienten.

Lebensalter der vollstationären Patienten in Deutschland mit F05 Delir Dass die Häufigkeit des Deliriums mit dem Alter signifikant zunimmt, belegt die folgende Tabelle aller F05 Delir-Fälle des Jahres 2005 für hospitalisierte Patienten (vgl. Gesundheitsberichterstattung des Bundes 2007).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Demzufolge liegt die höchste Inzidenz der akuten Verwirrtheit bei alten Menschen zwischen 75 und 85 Jahren. Bis zu dieser Lebensspanne steigt das Auftreten des Delirs. Dieser Trend setzt sich jedoch ab dem 85. Lebensjahr nicht mehr fort. Sei es, dass nicht soviel Hochbetagte leben, sei es, dass sie außerdem eine zusätzliche Demenzerkrankung haben. Diese Form der F05.1-Diagnose wird jedoch in der Gesundheitsberichterstattung des Bundes nicht ausgewiesen. Laut Literatur erhöht sich die Inzidenz des Deliriums auf Intensivstationen und wird mit einer Rate von 80% angegeben. Des Weiteren steigt die Häufigkeit des Delirs signifikant mit dem Alter der Patienten (vgl. Neuhaus et al. 2007, S. 18 u. Depenbusch 1996, S. 177).

3 Pflegerische Interventionen beim Delir

Füsgen beschreibt besonders die hyperaktive Form der akuten Verwirrtheit als absolute Notfallsituation, in der es intensiver Überwachung, Beruhigung und Betreuung bedarf (vgl. Füsgen 2000, S. 369 u. S. 373). Patienten im hyperaktiven Delirium befinden sich in einer Ausnahmesituation der völligen Agitiertheit mit Weglauftendenzen und daraus resultierenden Verletzungsgefahren, Halluzinationen, aggressivem Verhalten gegenüber der Umgebung, Unfähigkeit zur Kooperation, Therapieverweigerung und der Gefahr der Selbstgefährdung durch die Entfernung von Zugängen. Dieser Ausnahmezustand der vegetativen Symptomatik kann sich auch postoperativ und in der Aufwachphase bei langzeitbeatmeten Patienten zeigen. Die Betreuung der Patienten im Delirium, beatmet oder nicht, orientiert sich besonders an der Beruhigung und Überwachung. Die Kommunikation ist anspruchsvoll, schwierig und verlangt viel Geduld. Die Rekonvaleszenz des Deliriums kann Tage oder Wochen dauern. Milisen et al. geben den wichtigen Hinweis, dass alte Menschen besonders in Situationen der Instabilität oder Zustandsverschlechterung infolge bedrohlicher Erkrankungen mehr Zeit zur Überwindung und Regeneration benötigen (vgl. Milisen et al. 2004, S. 8).

3.1 Präventive und korrigierend behandelnde Interventionen

Alle pflegerischen Interventionen[2] oder Maßnahmen versuchen, Einfluss auf die Entstehung und den Verlauf einer akuten Verwirrtheit zu nehmen. Pflegerische Interventionen werden in der Literatur in präventive und korrigierend behandelnde Maßnahmen eingeteilt. Ihr Ziel ist die Reduktion von Angst und Stress, die Aufrechthaltung der Kommunikation, die Hilfestellung zur Orientierung bzw. Reorientierung, die Vermittlung eines Gefühls der Vertrautheit und Sicherheit und die Schaffung einer ruhigen Raumatmosphäre. Oftmals werden gleiche pflegerische Interventionen sowohl zur Prävention als auch zur Behandlung des Deliriums eingesetzt. Da eine rein medizinische Therapie das Delirium nicht ausreichend beeinflussen kann, sind pflegerische Interventionen unerlässlich (vgl. Ewers 2002, S. 822 f. u. S. 827).

3.2 Effektivität von Pflegeinterventionen

Die nationalen Empfehlungen zur Betreuung von Patienten im Delirium auf Intensivstationen weisen nicht den Grad der Wirksamkeit von einzelnen Pflegeinterventionen aus. Das Wissen der Autoren basiert oftmals auf Erfahrung. Die hier genannten pflegerischen Interventionen können demzufolge nur als möglicherweise positiv beeinflussend bezeichnet werden. Somit bleibt eine Vielzahl an klinisch-relevanten Forschungsfragen zur Wirksamkeit und Effektivität von Pflegeinterventionen zur Behandlung im Delirium in der Intensivpflege offen und unbeantwortet.

In einem Bericht von Schuurman et al. wird eindeutig darauf hingewiesen, dass auf der Basis der bisherigen Untersuchungen keine evidente Richt-linie für die Behandlung des Deliriums aufgestellt werden kann (vgl. Schuurmans et al 2004, S. 147). Auch im Jahr 2007 wird von Wolfgang Hasemann, dem Projektleiter des Basler Demenz-Delir-Programms des Universitätsspitals Basel, konnotiert, dass eine evidente Datenlage über Pflegeinterventionen im Delir bisher nicht gegeben ist: „Aus den mehr als 88 Interventionsstudien geht keine wirksame Einzelmassnahme der Delirprophylaxe und/oder -behandlung vor.“ (Hasemann et al. 2007, S. 4 f.)

Dies gilt auch für die Maßnahmen der Kommunikationsgestaltung beim Delir.

4 Kommunikationsgestaltung beim Delir

Besonders die soziale und kommunikative Kompetenz von Intensivpflege-kräften haben einen großen Anteil daran, wie Patienten und Angehörige die kritische Akutphase und die Situation der Verwirrung erleben.

Die Intensivpatienten sind auf Unterstützung, Informationen, großes Einfühlungsvermögen, Trost sowie die Vermittlung von Sicherheit und Geborgenheit durch die Pflegekräfte angewiesen, die allesamt durch Technik nicht zu ersetzen sind. Eine effektive, an die Situation angepasste Kommunikation leistet einen wichtigen therapeutischen Beitrag für den kritisch Erkrankten und seine Familie. Sie kann den Ausgang der heiklen Situation beeinflussen und zum Wohlbefinden aller beitragen (vgl. Pearce 2002, S. 430 f. u. S. 445).

Wie gestaltet sich nun eine an die Situation der akuten Verwirrtheit angepasste Kommunikation?

Scharnagel et al. empfehlen in der Situation des Delirs ein aktives Zuhören und eine Spiegelung der Gefühle. Mit dieser Gesprächstechnik kann sich der Patient verstanden fühlen. Denn der gut gemeinte Versuch der sachlichen Beruhigung und Erklärung kann bei einem verwirrten Patienten das genaue Gegenteil bewirken und die Kommunikation misslingen lassen. Der Patient kann regelrecht mit Unmut und Wut reagieren, wenn er sich nicht verstanden fühlt und seine Befindlichkeit möglicherweise verbal nicht deutlich machen kann. Eskaliert eine solche Situation, wird für das Intensivpflegepersonal eine „kleine Erholungs- und Ablenkungspause“ empfohlen. Kann die Situation von der betreuenden Pflegekraft jedoch gar nicht mehr wertfrei betrachtet und kann nicht mehr unbeeinflusst gehandelt werden, ist es nicht sinnvoll durchzuhalten, sondern besser, den Patienten von Kollegen betreuen zu lassen (vgl. Scharnagel et al. 2006, S. 180 ff. u. Bartoszek et al. 2005, S. 76 u. S. 86).

Neben aktivem Zuhören und der möglichen Spiegelung von Gefühlen steht in der Kommunikationsgestaltung des Weiteren eine beruhigende Anwesenheit der Pflegekräfte („True presence“) im Mittelpunkt der Betreuung[3]. Eine beruhigende Anwesenheit kann durch Sprache, Berührung, Bewegung und auch durch Stille und Ruhe erzeugt werden (vgl. Schuurmans et al. 2004, S. 148). Dies und eine beruhigende Atmosphäre können besonders durch die basale Stimulation nach Bienstein und Fröhlich aufgebaut und unterstützt werden. Die dabei expressiv ausgeführten Berührungen sollen ein Gefühl des Wohlbefindens, der Vertrautheit[4] und Nähe vermitteln. Formalisierte Formen der expressiven Berührung finden sich auch in Massagen und Aromatherapien wieder (vgl. Depenbusch 1996, S. 179 u. Pearce 2002, S. 446 ff.).

Für bewusstseinsgetrübte Intensivpatienten im Delirium und besonders für beatmete Patienten nimmt die nonverbale Kommunikation einen großen Stellenwert ein. Berührung[5], Körpersprache, Blickkontakt, Mimik und Gestik bieten oftmals den einzigen Weg zum Patienten und können wichtige Informationen und Botschaften übersenden und unterstreichen (vgl. Pearce 2002, S. 441 ff.).

4.1 Gezielte Kommunikationsmethoden - die Validation

Aktives Zuhören und die Spiegelung der vorherrschenden Gefühle finden sich in der Kommunikationsmethode der Validation wieder, die inital für den Umgang mit Demenzerkrankten in der Langzeitpflege und Betreuung entwickelt wurde. Dennoch empfehlen Depenbusch und Vaculik den Einsatz der Validation nach Naomi Feil als Pflegeintervention auch in der Akutsituation der Verwirrtheit auf der Intensivstation. (vgl. Depenbusch 1996, S. 176, S. 180 f. u. Vaculik 2006, S. 2 u. S. 7).

Valculik begründet dies damit, dass der akut verwirrte Patient an den gleichen Störungen leidet wie der chronisch verwirrte Mensch. Somit ist für ihn eine Übertragbarkeit von Konzepten der gerontopsychiatrischen Pflege, wie die Validation von Naomi Feil, auf die Akutsituation erlaubt. Diese Empfehlungen von Vaculik basieren auf dem Erfahrungs- und Handlungswissen in der Universitätsklinik Wien und dem dortigen positiven Einsatz der Validation bei kritisch Kranken (vgl. Vaculik 2000, S. 185 u. S. 187 ff. u. Vaculik 2006, S. 2 u. S. 7).

Zur Validation beim Delirium im „acute care setting“ ist aus einem englischsprachigen Artikel von Ski et al. zu entnehmen: „Further, increased attention should be given to the prevention and management of delirium and the use of orientation and validation therapy.“ (Ski et al. 2006)

Kratz empfiehlt generell eine validierende Grundhaltung als Prinzip im Umgang mit deliranten Patienten im Krankenhaus. Viel Geduld und einfache, wiederkehrende Sätze sollten die Kommunikation tragen und aufrechterhalten. Dies gilt besonders für alte Menschen beim Aufkommen eines Deliriums bei einer schon vorherrschenden Demenz (vgl. Kratz 2007, S. 100).

Was verbirgt sich nun hinter der Methode der Validation, und was macht ihren besonderen Einsatz in der Kommunikation mit verwirrten Menschen aus? Ein kurzer theoretischer Überblick soll zur Forschungsfrage über-leiten, ob diese Methode auch in dem Setting der akuten Verwirrtheit auf der Intensivstation einzusetzen ist.

4.1.1 Validation nach Naomi Feil - die einfühlende Kommunikation

Die Validation wurde in den sechziger Jahren von Naomi Feil in Amerika als Kommunikationsmethode für Menschen mit Demenz entwickelt. Ihren theoretischen Bezugsrahmen bilden die Regeln der therapeutischen Gesprächsführung nach Carl Rogers mit den zentralen Aspekten der Akzeptanz, Empathie und des Verstehens ohne Korrektur, also der Annahme des gezeigten Verhaltens eines Menschen. Die Validation greift dies auf, indem sie versucht, den Betroffenen in seiner Emotionalität zu verstehen und ihn in seiner Lage zu bestätigen. Dies soll Selbstwertgefühl und Befinden wiederherstellen und stärken. Hierbei ist es wichtig, den Kontext, in dem die Person sich wähnt, nicht zu verändern.

Die Validation als Methode wird als Einzel- oder Gruppentherapie in einem geplanten Zeitraum eingesetzt. Sie beinhaltet Methoden der verbalen und auch der nonverbalen Kommunikation (vgl. Halek et al. 2006, S. 59 ff.). Das Spiegeln von hervorbrechenden Gefühlen und Geäußertem über sowohl verbale als auch nonverbale Kommunikation, Wiederholungen sowie explorierende Fragen sollen den Erkrankten Verständnis vermitteln und somit zu einer inneren Ruhe verhelfen (vgl. Bartholomeyczik et al. 2006, S. 88 f.).

Initial hat Naomi Feil die Validation als Kommunikationsmethode für hoch betagte[6] Menschen ohne Demenz entwickelt, deren Leben von vielen Enttäuschungen, Isolation und Einsamkeit geprägt ist. Die Unfähigkeit dieser Menschen, ihre Lebensprobleme und -geschichten zu lösen, führt zu einem immer weiteren Rückzug. Feil übertrug später diese Herangehensweise auf Demenzerkrankte[7], von denen sie sagt, dass sie sich in vier Stadien der Aufarbeitung ihrer Lebensaufgaben befinden können: mangelhafte und unglückliche Orientierung, Zeitverwirrtheit, sich wiederholende Bewegungen und vegetieren/vor-sich-hin-Dämmern. Je mehr sich der alte und demente Mensch „zurück-zieht“, umso mehr gleitet er in ein nächstes Stadium, und umso deutlicher ist dies körperlich und psychisch charakterisiert. Der körperliche Verfall und der Rückzug ins Innere nehmen zu (vgl. Bartholomeyczik et al. 2006, S. 87 u. Feil 2004, S. 48). Feil geht davon aus, dass herausforderndes Verhalten möglicherweise auf Themen aus dem Leben der Betroffenen zurückzuführen ist und hier die eigentlichen Ursachen zu suchen und zu rekapitulieren sind (vgl. Feil 2004, S. 46).

Ein zentraler Punkt im Leben eines alten oder hoch betagten Menschen mit Demenz ist also nach Feil, dass sie ihre unerledigten Lebensaufgaben erfüllen und in Ordnung bringen wollen.

Mit Unterstützung bestimmter Techniken[8] der Validation arbeiten sie die Vergangenheit auf und erhalten ihre Würde zurück. Wenn Menschen ihre wichtigen Lebensaufgaben nicht zur rechten Zeit erfüllen oder bestimmte Lebensphasen oder Verluste meistern können, so ziehen sie sich nach innen zurück, verschließen sich und werden im hohen Alter mehr und mehr davon überwältigt. Die Validation nach Naomi Feil versucht, in diesem Zustand Kontakt zu knüpfen und den Rückzug des Menschen in die innere Welt zu verhindern. Ziel dieser Vorgehensweise ist es, dass der Mensch die äußere Welt besser erträgt und sein Selbstwertgefühl wieder hergestellt wird, dass eine selbstständige Lebensführung möglichst lange erhalten wird, dass Angst und Stress abgebaut und Potentiale geweckt werden, so dass auch die unerledigten Lebensaufgaben am Ende eines Lebens erfüllt werden können. Für die Umsetzung dieses Kernprinzips der Validation nach Naomi Feil muss das Leben der Menschen betrachtet werden und klar sein, wie Verluste und Gefühle im Alter aus der Vergangenheit hervorgeholt werden sollten. Dies ist zur Selbstheilung und einer Aufarbeitung im letzten Abschnitt des Lebens unerlässlich. Es liefert eine Erklärung für die Verwirrtheit und das Verhalten im hoch betagten Alter, das oft wie eine Rebellion erscheint, denn es ist ein „Revue-passieren-lassen“ unverarbeiteter Lebensgeschichten und ein Abladen der jahrelang unterdrückten Gefühle, bevor die Menschen sterben. Haben sie in ihren jeweiligen Lebensabschnitten ihre Aufgaben erledigt, so besitzen sie später die Stärke, sich auf veränderte Lebensumstände einzustellen. Sie brauchen dann keine Validation (vgl. Feil 2004, S. 26, S. 32 u. S. 116 f.).

4.1.2 Integrative Validation nach Nicole Richard (IVA)

Die Integrative Validation (IVA) ist als modifizierte Form der Validation in den neunziger Jahren von Nicole Richard entwickelt worden. Sie distanziert sich von der Annahme Naomi Feils, dass die Demenz eine Möglichkeit der Bearbeitung unvollendeter Lebensaufgaben ist. Somit steht Desorientierung auch nicht in Verbindung mit den Lebensproblemen. Bei der Integrativen Validation steht nicht die Lösung von Lebensaufgaben im Vordergrund, sondern die Orientierung an den Gefühlen. Der Fokus liegt auf der Bestätigung der vorherrschenden Gefühle wie Kummer, Ärger oder Misstrauen durch das Mitgehen in die Gefühlswelt der Betroffenen. Des Weiteren erfahren sie eine Anerkennung ihrer Antriebe wie Pflichtbewusstsein, Ordnungssinn oder auch Humor, die biografisch verankert sind und deren lebenstragende Funktion ihre Gültigkeit behalten. Die Integrative Validation als Umgangsfertigkeit kann zu einer Erweiterung der Handlungskompetenz im Umgang mit Menschen mit Demenz beitragen. Sie kann mit anderen Methoden wie der Biografiearbeit, der basalen Stimulation, dem Einsatz der Körpersprache, der Milieutherapie oder Hospizarbeit kombiniert werden (vgl. Bartholomeyczik et al. 2006, S. 89 u. Maciejewski et al. 2001 b, S. 54).

Zielgruppe der Integrativen Validation sind alle Menschen, bei denen eine Desorientierung zu beobachten ist (vgl. Maciejewski et al. 2001 b, S. 54). Becker et al. vertreten den Standpunkt, dass mit der Integrativen Validation jeder Mensch validiert werden kann außer dem der an Depressionen oder Schizophrenie erkrankt ist. Es gibt keine Altersbeschränkung oder Stadieneinschränkung der Lebensbewältigung. Dies steht also im starken Unterschied zu der Validation nach Naomi Feil, die die Validation nur für sehr alte und verwirrte Menschen einsetzt (vgl. Becker et al. 2004, S. 61).

Das Ziel der Integrativen Validation ist eine wertschätzende Umgangs- und Kommunikationsweise, die die Ressourcen eines verwirrten Menschen in den Vordergrund stellt. Ressourcen können hierbei Antriebe wie früh erlernte Normen und Pflichten oder persönlichkeitsgeprägte Motive und Triebfedern für sein Handeln sein. Ressourcen können aber auch Gefühle sein, Ausdruck der direkten Befindlichkeit des Menschen, sei es als Reaktion auf eine Situation oder Person, sei es als Verbindung zu seiner inneren Welt (vgl. Richard 2000, S. 142).

Die Integrative Validation schafft durch ihre Methodik eine Gesprächs-eröffnung. Der Betroffene erfährt in kleinen wertschätzenden Sätzen die Wiedergabe seiner Befindlichkeit: „Wir sind das Echo, wir können den oftmals isolierten Äußerungsformen Demenzerkrankter eine Sprache geben.“ (Richard 2000, S. 144) Er fühlt sich in seiner Lage ernst genommen, wahrgenommen und verstanden (vgl. Richard 2000, S. 144). Durch „Spiegeln“, d.h. ein Angleichen unserer Worte, unserer Gestik und Betonung und der Wertschätzung seiner Gefühle und Antriebe fühlt sich der demente Mensch verstanden. Er erkennt sich in dem Ganzen wieder. Dieses Wiedererkennen entlastet ihn und baut seinen Stress ab. Er kann sogar Vertrauen aufbauen (vgl. Richard 2000, S. 147).

Die Gesprächseröffnung in der Integrativen Validation erfolgt methodisch in drei Punkten[9]:

- Punkt I: Das stärkste Gefühl oder den dominierenden Antrieb des Demenzerkrankten wahrnehmen und erspüren.
- Punkt II: Ein persönliches Echo auf allen Ebenen der Kommunikation geben und in direkten und kurzen Sätzen die Gefühle und Antriebe validieren wie z.B. „Da wird man auch ängstlich.“ Seine Gefühle und Antriebe werden somit wertgeschätzt, angenommen und akzeptiert.
- Punkt III: Gefühle und Antriebe mit Volksweisheiten, Sprichwörtern oder Metaphern allgemein validieren und ihm damit ein allgemeines Echo geben wie „Vorsicht ist die Mutter der Porzellankiste!“ (vgl. Richard 2000, S. 144 f. u. Richard 2004 a, S. 16).

Diese Methode der Integrativen Validation, die vom Einzelnen oder vom Team eingesetzt werden kann, soll einen Kontakt zum Demenzerkrankten ermöglichen und ein vertrauensvolles Klima schaffen. Im weiteren Verlauf können mit einem zusätzlichen Punkt IV die berufs- oder freizeitbezogenen Antriebe validiert werden. An diesem Punkt arbeitet die Integrative Validation mit den Lebensthemen der Menschen. Meist sind dies ihre Berufe. Durch ritualisierte Sätze und Schlüsselwörter aus ihren Lebensthemen erfolgt eine immer wiederkehrende Ansprache bei einer Begegnung. Der demente Mensch erkennt sich in den spiegelnden Sätzen wieder (vgl. Richard 2004 a, S. 14 ff.). Die Integrative Validation wird im Vorübergehen oder in der Krise angewendet. Validierende Gespräche sollen generell nicht länger als 10 Minuten dauern und über den Tag verteilt werden (vgl. Richard 2007, S. 6). Richard vertritt den Standpunkt, dass je häufiger im Vorübergehen validiert und agiert wird, umso weniger Krisen geschehen werden (vgl. Richard 2004 a, S. 16).

Richard weist darauf hin, dass viele Pflegekräfte intuitiv validieren, denn die Integrative Validation ist eine grundsätzliche Haltung zum Menschen. Die Integrative Validation kann in das bereits vorhandene intuitive und persönliche Wissen eingebunden werden (vgl. Richard 2004 a, S. 15 u. Becker et al. 2004, S. 61). Jedoch: „Pflegepersonen und Familienmitglieder, die in den sehr alten Verwirrten lediglich Geistesschwache sehen, sind nicht fähig, sie zu validieren.“ (Feil 2004, S. 43)

4.2 Effektivität von Validation

Die Wirksamkeit von Validation bei Demenzerkrankten wurde bislang nur wenig durch wissenschaftliche Studien nachgewiesen, obwohl sie in den USA, Australien und Europa in Langzeitpflegeeinrichtungen eingesetzt wird. In einem Forschungsbericht von Halek et al. von 2006 zur Überprüfung der Effektivität von Pflegeinterventionen bei herausforderndem Verhalten[10] bei Menschen mit Demenz konnten in einer internationalen systematischen Literaturrecherche der letzten 5 Jahre keine evidenten Studienergebnisse für den Einsatz der Validation nachgewiesen werden. Die Studienergebnisse waren schwach, weiterhin waren methodologische Schwächen der Untersuchungsdesigns zu beobachten. Validation wurde in Studien in Kombination mit anderen Methoden eingesetzt. Es gibt somit keine eindeutige Auskunft über die evidente Wirkungsweisen der Validation (vgl. Halek et al. 2006, S. 61 u. S. 64).

Zur Integrativen Validation nach Richard liegen noch keine Untersuchungen vor. Ihr positiver Effekt kann lediglich aus ähnlichen Studien abgeleitet werden, wo die Validation mit anderen Methoden kombiniert wurde. Der Kombination von Validation bzw. einer validierenden Grundhaltung mit anderen Pflegemethoden wird wohl die größte Chance auf eine positive Wirkungsweise eingeräumt (vgl. Bartholomeyczik et al. 2006, S. 90 u. S. 92).

Tendenziell positive Effekte

Einzelne Studien berichten über den positiven Effekt des Einsatzes der Validation. Sie müssen durch die geringe Aussagekraft der Studien vorsichtig als eher tendenziell positive Effekte bezeichnet werden. Zusammenfassend wurde beobachtet, dass der Einsatz der Validation durch geschultes Personal die verbale und nonverbale Kommunikation verbessert und herausforderndes Verhalten eindämmt. Als besonders effektiv hat sich die Interventionsstrategie der validierenden Haltung in Notfallsituationen und psychischen Krisen bei absoluter Panik, Angst, Wut oder Kummer als erwiesen. Die validierende Umgangsweise, die auch für die medizinische Notfallpsychiatrie empfohlen wird, korrigiert weder das Verhalten noch soll versucht werden, Halluzinationen auszureden oder das Wahnerleben zu bestärken. Sie versucht vielmehr, über die Gefühlsebene Kontakt herzustellen und das jeweilige Gefühl zu thematisieren, was das Erleben in der Folge aktuell beeinflusst. Der validierende Zugang soll einen echten Kontakt herstellen und dem Patienten vermitteln, dass er in seiner Not verstanden wird (vgl. Bartholomeyczik et al. 2006, S. 89, S. 91, S. 124 f. u. S. 127).

Mögliche negative Effekte oder keine Effekte

Andere Studien berichten von geringen, keinen oder negativen Effekten der Validation auf das Verhalten. Die Validation kann die Reizbarkeit der Demenzerkrankten erhöhen und bei „rebellischem Verhalten“ oder Aggressivität keinen oder nur einen geringen Effekt erzielen. Gleiches gilt bei Apathie (vgl. Halek et al. 2006, S. 62 ff.). Das wiederholte Fragen kann zu negativen Effekten und Irritationen führen. Teilweise ist beobachtet worden, dass Teilnehmer von Validationsgruppen unruhiger wurden. Eine Reduktion von Psychopharmaka oder Fixierungen wurde nicht erreicht (vgl. Bartholomeyczik et al. 2006, S. 90).

Resümee und Empfehlungen

Halek et al. fassen zusammen, dass jede interaktive Maßnahme bei herausforderndem Verhalten im Rahmen einer Demenz besser ist als gar keine. Dieses gilt auch für die Validation. Trotz der unsicheren Datenlage haben Maßnahmen wie eine wertschätzende Haltung positiven Einfluss auf Gefühle, Zufriedenheit, Wohlbefinden und damit auch auf das Verhalten der Demenzerkrankten. Das Gemeinsame vieler Interventionen bei herausforderndem Verhalten ist die Interaktion, die eine bewusste Beziehungsgestaltung voraussetzt. Es schafft für die Demenzkranken Sicherheit, Vertrauen und Geborgenheit, was sich in ihrem Verhalten wiederfinden lässt. Ein eindeutiges Rezept jedoch, welche Intervention für welches Verhalten die beste Wirkung erzielt, konnte mit der Literaturanalyse von Halek et al. wissenschaftlich nicht empfohlen werden (vgl. Halek et al. 2006, S. 76 u. S. 82).

In den Rahmenempfehlungen des Bundesministeriums für Gesundheit und Soziale Sicherung zum Umgang mit herausforderndem Verhalten bei Menschen mit Demenz in der stationären Altenhilfe empfiehlt die Expertenkommission, dass die Kommunikation von einer validierenden, wertschätzenden Grundhaltung getragen sein soll, auch wenn die Forschungslage nicht eindeutig und nicht eindeutig positiv ist. Alle Mitarbeiter einer Organisation sollten über Kenntnisse einer validierenden Grundhaltung verfügen. Wichtig sind das sensible Einfühlungsvermögen in der Situation und die Akzeptanz der Demenz und dem daraus resultierenden Verhalten. Die Expertengruppe gibt keine Richtung der Validation vor. Die Verbindung der Validation mit anderen empathischen Konzepten wird empfohlen (vgl. Bartholomeycizk et al. 2006, S. 87 u. S. 91).

Empirischer Teil

[...]


[1] Für diese Form des Delirs bei Demenz gibt es keine Dateninformationen. Im Jahr 2004 waren vollstationäre Patienten mit Demenzerkrankungen bei Alzheimer-Krankheit (F00) 748 Patienten, mit einer Vaskulären Demenz (F01) 17.232 Patienten, Demenz bei anderorts klassifizierten Krankheiten (F02) 100 Patienten und mit einer nicht näher bezeichneten Demenz (F03) insgesamt 14.426 Patienten (vgl. Gesundheitsberichterstattung des Bundes 2007).

[2] „Der Begriff Pflegeintervention ist der wissenschaftliche Terminus für den erfahrungsgeleiteten Begriff der Pflegemaßnahme oder der pflegetherapeutischen Einzelhandlung.“ (Thoke-Colberg et al. 2001, S. 29)

[3] Angehörige können durch ihre einfache Präsenz am Krankenbett, durch ihr „Da sein“ und ihre tröstende Gegenwart in dieser Zeit der Not und Angst für den Patienten eine unerlässliche Unterstützungskraft zur Beruhigung darstellen (vgl. Bartoszek et al. 2005, S. 83).

[4] Damit der Patient Vertrauen gewinnen kann, sollte die Fluktuation der betreuenden Intensivpflegekräfte so gering wie möglich sein und das Pflegesystem der Bezugspflege bevorzugt werden (vgl. Cady 1994, S. 206 u. Depenbusch 1996, S. 179).

[5] „Berührung übermittelt Mitgefühl, den Wunsch zu helfen und gibt dem Patienten ein Gefühl von Sicherheit und Bestätigung.“ (Pearce 2002, S. 444)

[6] Damit sind über 80-jährige Menschen gemeint.

[7] Nach Feil hat die Validation die besten Erfolge, wenn sich der Zustand der Demenzerkrankten bei Desorientierung erst ab 70 und später stark verschlechtert (vgl. Feil 2004, S. 116).

[8] Zu den 14 Techniken der Validation gehören: Zentrieren; eindeutige und nicht wertende Wörter; Wiederholen des Gesagten; Extreme zur Erleichterung einsetzen; sich das Gegenteil vorstellen; Erinnern in der Vergangenheit; ehrlichen und engen Augenkontakt halten; „mehrdeutig“ sprechen; klar, sanft und liebevoll sprechen; die Bewegungen und Gefühle spiegeln; Verhalten mit einem unerfüllten Bedürfnis gleichen; das bevorzugte Sinnesorgan erkennen und nutzen; Berührung (vgl. Feil 2004, S. 49 ff.).

[9] Vertiefung und Ausführung der Methodik der IVA: siehe Anhang 8.5.

[10] Bei dem Begriff „herausforderndes Verhalten“ wird in der Perspektive der Betrachtung die Reaktion der Umgebung in den Mittelpunkt gesetzt: „Das Verhalten wird also erst dann zu einem herausfordernden, wenn Menschen aus der Umgebung darauf reagieren.“ (Halek et al. 2006, S. 9)

Details

Seiten
67
Erscheinungsform
Erstausgabe
Jahr
2007
ISBN (eBook)
9783958205864
Dateigröße
4.6 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v297970
Institution / Hochschule
Philosophisch-Theologische Hochschule der Pallottiner Vallendar
Note
1
Schlagworte
Delir Agitation Herausforderndes Verhalten Integrative Validation Kommunikation

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Titel: „Mit Validation lernt man umzuschalten“ - Forschungsbericht zum Einsatz der Validation bei akut verwirrten Patienten in der Intensivpflege