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Gladiatorenkämpfe im antiken Rom: Die sich wandelnde Bedeutung der Gladiatur im Wechselspiel der Kräfte zwischen Plebs, Oberschicht und Kaisertum

Bachelorarbeit 2012 36 Seiten

Gesundheit - Sport - Sportgeschichte

Leseprobe

2. Die Römische Republik im 3. Jh. v. Chr.

2.1. Die gesellschaftliche und politische Ordnung in der Römischen Republik im 3. Jh. v. Chr.

Die Entwicklung der römischen Gesellschaftsordnung des 3. Jh. v. Chr. war die Konsequenz aus einer wachsenden Bürgerschaft sowie der territorialen Expansion des Römischen Reiches. Mit ihr ging ebenfalls ein wirtschaftlicher Aufschwung einher, der einer umfassenderen Differenzierung der römischen Sozialordnung den Weg ebnete. Die bis in das dritte vorchristliche Jahrhundert bestehende Regierungsform einer Stadtgemeinde stieß an ihre Kapazitätsgrenzen und bedurfte einer Modernisierung, da die Bevölkerungszahl des Römischen Reiches auf mehrere Millionen anwuchs und verschiedene soziale Schichten in sich vereinte.[1] Aus den politischen Kämpfen um die Vormachtstellung in Rom gingen die Plebejer siegreich hervor, die jedoch nicht, wie vergleichsweise in Athen seit Kleisthenes, die Demokratisierung des politischen Systems mit sich brachte, sondern die Festigung eines neuen Adels und seine Herrschaft forcierte.[2] Ihre Etablierung wurde durch den römischen Sieg im ersten Punischen Krieg (246-241) vorangetrieben und erst zum Ende des 3. Jh. v. Chr. durch den Sieg im zweiten Punischen Krieg (218-201) teilweise umgewandelt.[3] Der Grund für die Etablierung einer archaischen aristokratischen Sozialordnung mit einer Mehrklassengesellschaft und einer kleinen Führungsspitze, anstelle einer neuen Demokratie, ist nicht in der konservativen Einstellung der römischen Bevölkerung, die hauptsächlich aus Bauern besteht, zu suchen, sondern begründet sich in folgender Tatsache: Die aus den Auseinandersetzungen mit den Patriziern siegreich hervorgegangene Gruppe der Plebejer trachtete bereits seit dem fünften Jahrhundert v. Chr. nach einer Partizipation an dem bestehenden politischen System, der Aristokratie, und beabsichtigte nicht, der breiten Bevölkerungsmasse politische Macht zukommen zu lassen.[4] Auf Seiten der armen Bevölkerungsschicht bestand das Interesse an politischer Einflussnahme nur aus dem Grund, um über einen Teil des staatlichen Bodens mitbestimmen zu können. Mit den licinisch-sextischen Gesetzen und der erfolgten Einverleibung Italiens in das Römische Reich, wurde diese Schicht in ausreichendem Maße mit Land versorgt, was ihr Interesse an politischer Teilhabe versiegen ließ.[5] Neben der Plebs formierte sich nun der Senatorenstand, welcher durch Privilegien charakterisiert und mit einem ausgeprägten Selbstbewusstsein ausgestattet war, zu einem neuen Stand.[6] An seiner Seite sollte sich im Laufe des dritten vorchristlichen Jahrhunderts ein weiterer Stand entwickeln, dessen Interesse im Bereich der Geldwirtschaft, des Handels und Handwerks zu platzieren ist.[7] Die Konflikte, die sich zwischen den unterschiedlichen sozialen Gruppierungen im Römischen Reich ergaben, wurden von der politischen Macht der Herrschenden Schicht unter Kontrolle gebracht, die von den mit Land versorgten Bauern unterstützt wurde.[8] Dieser senatorische Adel an der Spitze der römischen Bevölkerung bestand aus einer zahlenmäßig überaus kleinen Gruppe, die ca. 300 männliche Mitglieder umfasste.[9] In ihr profilierte sich eine weitere Spitze, die das Amt des Konsulats, das höchste politische Amt der Römischen Republik, besetzte. Diese viri nobiles wurden von etwa 20 patrizischen und plebejischen Adelsfamilien, sowie einigen neu emporgestiegenen Personen gestellt.[10] An dieser Stelle wird deutlich wie klein die politische Führungselite der Römischen Republik des 3. Jh. v. Chr. war. Eine gewisse, wenn auch geringe Durchlässigkeit des Systems war jedoch dadurch gewährleistet, dass neue Männer und ihre Familien in den elitären Kreis aufgenommen werden konnten. Durch Privilegien, Besitz und ein starkes elitäres Zusammengehörigkeitsgefühl konnte sich die Senatsaristokratie deutlich und scharf von der übrigen Bevölkerung des Römischen Reiches absetzen.[11] Die Vormachtstellung dieser Schicht wurde durch das ausgeklügelte Wahlsystem der Magistrate abgesichert, da sie selbst dieses politische Amt stellte und somit die Volksversammlung beherrschen konnte.[12] Ein weiterer Aspekt, der die Bekleidung öffentlicher Ämter im Endeffekt nur der Aristokratie vorbehielt, liegt in ihrer Charakteristik. In der Regel waren die Ämter unentgeltlich geregelt und der Wahlkampf verlangte darüber hinaus weitere finanzielle Mittel, die nur von den reichen Adelsfamilien zur Verfügung gestellt werden konnten. Zusätzlich dazu befand sich das politische Wissen durch die Ausübung der Magistraturen und weiterer politischer Ämter in ihren Händen, so dass nach Alföldy (1975): „sie dann im Senat den für wichtige Entscheidungen am ehesten kompetenten Kreis von Fachpolitikern“[13] bildeten. Die Volksversammlungen, an denen theoretisch das gesamte römische Volk teilnehmen konnte, wurde von den Magistraten einberufen. Nur sie besaßen die Rechte, Anträge zu stellen und über sie zu entscheiden.[14] Aufgrund der territorialen Erweiterung des Römischen Reiches auf die italische Halbinsel war es nur einem Teil der Bevölkerung möglich zu den Volksversammlungen nach Rom zu kommen, was in Konsequenz dazu führte, dass ganze Regionen durch Patronats- und Klientelverträge an führende politische Familien gebunden wurden.[15] In diesen Volksversammlungen hatte das Volk durch ihr Abstimmungsrecht die Möglichkeit, den politischen Kurs des Reiches zu unterstützen oder gegen ihn zu stimmen.[16] Um einem möglichen Ungleichgewicht im römischen Senat entgegenzuwirken, wurde das System der Annuität und Kollegialität installiert. Die Richtigkeit des politischen und religiösen Handelns wurde aus der Tradition der aristokratischen Familien und deren Verhaltensweisen, der mos maiorum, hergeleitet und aus dem Grund, die großen Taten der Vorfahren auf die Nachkommen zu übertragen, stets im kollektiven Gedächtnis aufrecht erhalten.[17] Dieses Tradition war der Garant für die Stabilität des politischen Systems in der klassischen Republik. Bereits im 3. Jh. v. Chr. bahnte sich die Entwicklung einer weiteren Schicht an, die ab dem 2. Jh. v. Chr. an sozialem und politischem Gewicht gewinnen sollte. Durch die Kriege gegen Karthago wurde die Entwicklung einer Handwerker- und Kaufmannsschicht vorangetrieben, die sogar in der Lage war, dem römischen Staat durch Kredite seine Ausweitung in militärischer und bautechnischer Hinsicht zu ermöglichen.[18] Aus ihr sollte im 2. Jh. v. Chr. der Ritterstand entstehen. Die größte soziale Schicht in der klassischen Römischen Republik des 3. Jhs. v. Chr. wurde von dem Bauerntum gebildet. Innerhalb dieser Schicht gab es jedoch auch eine soziale Untergliederung in die reichen Grundbesitzer in den neuen römischen Kolonien, sowie die Landarbeiter und Klienten.[19] Die letztere Gruppe war in starkem Maße vom Adel abhängig. Die Bauern und das wachsende Proletariat, welches sich in Rom kontinuierlich ausdehnte, konnte durch die neu eroberten Gebiete mit Land versehen werden, so dass sie zu keiner innenpolitischen Gefahr werden konnten. Am meisten profitierte die obere und mittlere Schicht des Bauerntums, die der Aristokratie im Heer als Soldat, sowie in den neuen Kolonien als Bevölkerung diente und somit die erforderliche Stütze des Römischen Reichs bildete.[20] Aus diesem Grund wurde in der Reform der Volksversammlung 241 v. Chr. durch eine komplizierte Veränderung des politischen Systems, die Abstimmungsmodalitäten für die obere und mittlere Schicht der Bauern zu ihren Gunsten verändert, so dass sie mehr politischen Einfluss gewannen.[21] Hierarchisch unterhalb der Bauern befanden sich die Freigelassenen und darunter die Sklaven. Die Freigelassenen kamen in den Besitz des römischen Bürgerrechts und standen bei den Volksversammlungen hinter den politischen Interessen ihrer patroni, der Familien, die sie freigelassen hatten.[22] Somit schufen sich die Adelsfamilien ihre Anhänger, die ihnen bei anstehenden öffentlichen Entscheidungen ihre Unterstützung garantierten.[23] Alföldy (1975) formuliert die Absicherung der Beherrschung des wachsenden römischen Territoriums wie folgt:

„Aber die Möglichkeiten und Wege, Roms Herrschaft über Italien auch durch die Vereinigung der italischen Gesellschaft in einer mehr oder weniger einheitlichen Sozialordnung zu sichern, zeichnete sich bereits lange vor dem zweiten Punischen Krieg ab: Sie lagen in der Aufnahme führender italischer Familien in den Senatorenstand, in der Pflege der politischen und sozialen Beziehungen zwischen der römischen Aristokratie und der Oberschicht der einzelnen Gemeinden, ferner in der Herausbildung einer ausgedehnten, römisch fühlenden bäuerlichen Schicht in weiten Gebieten Italiens.“[24]

Das römische Sozialgefüge mit dem Senat als oberste Instanz verfügte über eine ausreichende Stabilität um die heterogene Bevölkerung der Republik im 3. Jh. v. Chr. siegreich durch beide Punische Kriege gegen Karthago zu führen und damit eine Großmacht zu begründen.[25] Obwohl Rom nun eine Großmacht darstellte, verfügte es dennoch nicht über eine schriftliche Verfassung, wie es in heutigen Staaten üblicherweise gehandhabt wird. Anstelle der Verfassung traten andere, damals äquivalente Werte in den Vordergrund. Einerseits wird bereits der Akt des Zusammensiedelns als Konstituierung einer Gemeinde als gültige Verfassung angesehen, andererseits verstanden sich antike Gemeinschaften als eine Verfassung, anstelle einer schriftlich aufgesetzten Verfassung.[26] Abschließend lässt sich die annähernde Omnipotenz des römischen Senats und der Nobilität mit den Worten von Christ (1994) treffend charakterisieren:

„Zu keiner Zeit waren Einfluß und Macht der römischen Führungsschicht im engeren Sinne, der Nobilität, so bedeutsam wie in der Epoche der klassischen römischen Republik. […] Die auctoritas senatus stellte für die Römer allezeit die höchste Konzentration politischer Autorität dar; für die Vertreter auswärtiger Mächte war der Senat erst recht die entscheidende Instanz der römischen Republik.“[27]

Dieses Zitat bringt die exponierte Stellung des Senats an der Spitze der römischen Gesellschaft im 3. Jh. v. Chr. mit ihrer politischen Macht auf den Punkt und charakterisiert ihn als ihr wichtigstes politisches Organ.

2.2. Die Ausgestaltung der Gladiatur im 3. Jh. v. Chr.

Die Gladiatorenkämpfe in der Römischen Republik des 3. Jhs. v. Chr. standen noch am Anfang ihrer Entwicklung und ihrer langen Tradition, die sie im Laufe des Römischen Reiches durchschreiten sollten. Ihr Ursprung ist bis heute kontrovers diskutiert und es lässt sich nicht eindeutig belegen, ob sie von den kultisch-religiösen Auseinander­setzungen zu Ehren eines Verstorbenen der Etrusker übernommen wurden, oder anderen Ursprungs sind.[28] Das überlieferte Datum des ersten Gladiatorenkampfes unterliegt indessen keiner Diskussion, sondern wird auf das Jahr 264 v. Chr. datiert.[29] In diesem Jahr ließ der ehemalige Konsul D. Iunius Brutus Pera zusammen mit seinem Bruder zu Ehren ihres verstorbenen Vaters drei Kämpferpaare gegeneinander antreten.[30] Diese Neuerung diente zur weiteren Ausgestaltung des bereits „prunkvollen Leichen­begängis[ses]“[31], wie den Worten Köhnes (2000) entnommen werden kann. Im Laufe der klassischen Republik gelten drei weitere Kämpfe als gesichert, die in den Jahren 216, 200 und 183 v. Chr. ausgetragen wurden.[32] Für die Zeit zwischen diesen Begräbnisspektakeln der Republik des 3. Jhs. v. Chr. lassen sich zwar keine weiteren verlässlich ausgetragenen Kämpfe explizit nachweisen, jedoch wird in der Forschung angenommen, dass solche Begräbnisrituale bei weiteren wohlhabenden Bürgern mit hoher sozialer Stellung stattgefunden haben müssen.[33] Charakteristisch für diese ersten bekannten Gladiatorenkämpfe sind die relativ geringe Anzahl der antretenden Gladiatorenpaare, die Austragung auf öffentlichen Plätzen, die private Initiative der Ausrichtung, und der dadurch bedingte provisorische Charakter dieser ersten Kämpfe.[34] Ein weiteres Charakteristikum ist die Übernahme der Bewaffnung der durch die Römer besiegten Volksstämme.[35] Das erklärt, weshalb die Ausdifferenzierung der unterschiedlichen Gladiatorengattungen erst im Laufe der weiteren territorialen Ausdehnung des Römischen Reiches Einzug in die Ausgestaltung der Gladiatur fand. So standen sich bei dem ersten belegten Kampf drei Gladiatorenpaare gegenüber, eine Zahl, die in keinem Verhältnis zu den später ausgerichteten Spektakeln steht.[36] Für die darauf folgenden Austragungen ist eine steigende Anzahl der angetretenen Gladiatorenpaare belegt, die für das Jahr 216 v. Chr. mit 22 Paaren zu Ehren des verstorbenen Marcus Aemilius Lepidus und schließlich mit 60 Paaren für das Jahr 183 v. Chr. bei der Beerdigung des Publius Licinius angeben wird.[37] Bei Backhaus (1978) wird darüber hinaus noch für das Jahr 200 v. Chr. ein Gladiatorenkampf mit 25 Paaren erwähnt.[38] Ihre Dauer wird auf drei bis vier Tage beziffert.[39] Der provisorische Charakter der ersten Kämpfe drückt sich vor allem in den gewählten Darbietungsorten aus. Im Gegensatz zu den späteren institutionalisierten Veranstaltungen sind sie nicht in explizit dafür vorgesehenen Arenen, sondern auf öffentlichen Plätze zu verorten. Der Grund hierfür ist offensichtlich: der Bau der ersten Arena wurde nicht vor dem ersten Jahrhundert v. Chr. in Pompeji abgeschlossen.[40] Als beliebte Orte dieser Kämpfe, die zu Ehren eines Verstorbenen stattfanden, diente das Forum Boarium, das Forum Romanum und der Circus Maximus, die zentrale Orte des öffentlichen Lebens darstellten.[41] Die private Initiative der Ausrichtung wird vor allem dadurch offenkundig, dass der erste staatlich ausgerichtete Gladiatorenkampf erst auf das Jahr 105 v. Chr. datiert wird. Bis dahin fanden die wenigen privaten Kämpfe zu Ehren der verstorbenen Vorfahren der jeweiligen Familien in Verbindung mit deren öffentlichen Begräbnissen statt.[42] Der erste Gladiatorentyp der römischen Geschichte wird der Samnite gewesen sein, da die Römer die Waffengattung ihrer eroberten Volksstämme übernahmen.[43] Durch die gewonnenen Kriege verfügten die Römer über Kriegsgefangene, die sie in den Kämpfen antreten ließen. Aufgrund der zeitlichen Einordnung der römisch-samnitischen Kriege, die in die Jahre 343-341 v. Chr., 326-304 v. Chr. und 298-290 v. Chr. fallen, liegt es nahe, dass die früheste überlieferte Gladiatorengattung, die in Rom auftrat, die Bewaffnung der Samniten aufwies.[44] Abschließend lässt sich feststellen, dass die Gladiatorenkämpfe der Römischen Republik des 3. Jhs. v. Chr. private Einzelveranstaltungen waren, die ausschließlich zu Ehren einer verstorbenen hochrangigen römischen Person abgehalten wurden. Sie sind hinsichtlich ihrer Größe, sowie ihrer Austragungscharakteristika in keiner Weise mit den späteren Veranstaltungen der späten Republik und in besonderer Weise des Kaisertums zu vergleichen.

2.3. Die gesellschaftliche und politische Bedeutung der Gladiatur im 3. Jh. v. Chr. und die Motive der Ausrichter

Die kultisch-religiösen Wurzeln der Gladiatorenkämpfe sind zu Zeiten ihrer Entstehung in Rom, dem 3. Jh. v. Chr., unzweifelhaft mit ihrer Ausrichtung verbunden. In den antiken Religionen dieser Zeit und noch deutlich davor war es nicht unüblich, Bestattungsfeiern mit Menschenopfern zu verbinden, auch wenn bei diesen Kulten keine Kampfhandlungen zwischen den Opfern stattfanden.[45] In Anlehnung an die griechische Sage der Totenfeier für Patroklos, der vor den Mauern Trojas fiel, soll durch die Opferung der Kriegsgefangenen der Verstorbene auf eine Ebene mit den griechischen Helden gehoben werden und somit den Hinterbliebenen Trost gespendet werden.[46] Diese Kulte sind eine Weiterentwicklung des Brauchs sich aufgrund der Trauer bei Begräbnissen bis auf das Blut zu schlagen oder zu zerkratzen.[47] Man überließ die Begräbniskämpfe jedoch Kriegsgefangenen oder Sklaven.[48] Hier ist unschwer zu erkennen, dass in den unterschiedlichen antiken Mittelmeerkulturen Opferungen und Kämpfe am Grab zu Zwecken der Ehre des Verstorbenen, sowie des Trostes über seinen Verlust durchaus etabliert waren. Das bedeutet, dass die Sitten, die heutzutage unvorstellbar roh und brutal erscheinen, in der damaligen Zeit durchaus etabliert und herkömmlich waren. Latte (1960) zu entnehmen, sei es in den Kulturen, in denen der Adel über die Bevölkerung herrsche, zu ähnlichen Phänomenen gekommen und dementsprechend verständlich, dass ebenso die römischen Vornehmen sich eines solchen Brauchs bedienten.[49] Diese Motive des Ausrichters finden sich auch in dem ersten belegten römischen Gladiatorenkampf, als zu Ehren des verstorbenen Vaters seine beiden Söhne drei Paare gegeneinander auf dem Forum Boarium antreten ließen.[50] Trotz der Weiterentwicklung der Gladiatorenspiele und ihrer Motivwechsel wurde dennoch stets eine Verknüpfung der Kämpfe mit dem Totenkult hergestellt, so dass der kultisch-religiöse Ursprung und die Motive der Austragung zu Ehren einer gesellschaftlich hochgestellten Person nie in Vergessenheit gerieten.[51] In der Republik des 3. Jhs. v. Chr. waren jedoch die Motive der Ausrichter eindeutig und ausschließlich kultisch-religiöser Art und wie z.B. bei dem ersten überlieferten Kampf darauf gerichtet, den verstorbenen Vater gebührend zu Ehren und sein Andenken aufrecht zu erhalten. Mit den ausgeschmückten Bestattungsritualen und der Ausrichtung der Kämpfe sollte auf den sozialen Stand, den Ruf und den Wohlstand des Verstorbenen und seiner Familie hingewiesen werden.[52] Hier wird eindeutig der private Charakter und der Imagegewinn, der aus der Ausrichtung dieser Spektakel produziert werden konnte, sichtbar. Eine Institutionalisierung der Kämpfe lag den Ausrichtern zu Beginn des Gladiatorenwesens in Rom noch fern.

3. Die späte Römische Republik

3.1. Die gesellschaftliche und politische Ordnung in der späten Römischen Republik

Die politischen Tendenzen in der Beherrschung des Römischen Reiches, die sich bereits in der Römischen Republik zur Zeit des 3.Jh. v. Chr. abzeichneten, wurden in der späten Republik nur noch verstärkt. In den Kriegen gegen Karthago und der späteren Reichserweiterung in den Osten, stellte sich zunehmend heraus, dass die politischen Geschicke des wachsenden Reiches nicht mehr mit den Mitteln einer Volksversammlung zu lenken waren, sondern eine Regierung der Minderheit sich ihrer anzunehmen hatte.[53] Joseph Vogt (1973) drückt sich wie folgt aus:

„So schien die neue Politik die Herrschaft einer Minderheit, die Oligarchie, oder das persönliche Regiment notwendig zu machen.“[54]

Die Installation der Herrschaft der Oligarchie war eine Entwicklung, die durch die Veränderung der römischen Staatsstruktur von einem Stadtstaat zu einer damaligen Weltmacht begünstigt wurde. Zwischen den Bevölkerungsschichten wurde die Abgrenzung der einzelnen Stände zunehmend deutlicher. Mit unverhältnismäßigem Wachstum des Reichtums der Oberschicht ging eine Zunahme der wirtschaftlichen und sozialen Probleme der restlichen, vor allem der ärmeren, Bevölkerung einher.[55] Die Aristokratie grenzte sich auch hinsichtlich der Besetzung politischer Ämter im Senat immer weiter von der übrigen Bevölkerung ab. Sie stellte die einflussreichen Politiker und beherrschte somit den politischen Werdegang der Republik und des gesamten Reiches.[56] Mit dieser Entwicklung verschwand zusehends die Durchlässigkeit des politischen Systems,[57] die in der frühen Republik einigen Bürgern, den homines novi, den Weg bis in die höchsten Ämter ermöglicht hatte.[58] Der Senat generierte seine Mitglieder nun beinahe ausschließlich aus dem Adel. Wirtschaftlich waren sie durch die Latifundien abgesichert, am effektiven Seehandel konnten sie durch die Lex Claudia des Jahres 218 v. Chr., die gegen ihren Widerstand erlassen wurde, nicht teilnehmen.[59] Als weitere Abhebung der Senatsaristokratie von der Bevölkerung, die ihre besondere Stellung demonstrierte, erhielten sie äußere Abzeichen[60]. Des Weiteren wurde gegen das Jahr 194 v. Chr. ihre Stellung durch bestimmte Plätze bei den öffentlichen Spielen und Veranstaltungen nur noch unterstrichen.[61] Die Aristokratie besaß eine in der Gesellschaft tief verwurzelte Autorität und war sich in politischer Hinsicht der Zustimmung der Bevölkerung sicher.[62] Das gesellschaftliche System wurde nicht hinterfragt und die traditionellen mos maiorum, auf die sich bereits in der frühen Republik seitens der Adelsfamilien berufen wurde, behielten auch jetzt noch ihre uneingeschränkte Gültigkeit.[63] Durch die annähernde Ausschließlichkeit der Besetzung politischer Ämter durch den Adel wurde die Standesherrschaft eindrucksvoll demonstriert. Aufgrund der geringen Zahl der Familien, die den Senat stellten, sowie der bereits erwähnten geringen Durchlässigkeit des Systems, bestand für den Adel und seine Herrschaft keine Gefahr, von neuen Mitgliedern und damit verbunden abweichenden politischen Strömungen beeinflusst zu werden.[64] Alfred Heuss (2007) beschreibt die abgesicherte Stellung der Aristokratie, als die soziale Schicht, die den Senat stellt, wie folgt:

„Die römische Aristokratie als die Gruppe der faktisch regierenden Familien ist nie so stark und geschlossen gewesen wie während der zwei Generationen vor 133 v. Chr., und nie ist der Einfluß der sog. Nobilität, d.h. des höchsten Kreises dieses patrizisch-plebejischen Adels, mehr zur Geltung gekommen als während dieses Zeitraumes.“[65]

Der Senat gewann in der späten Römischen Republik eine immer stärker werdende Monopolstellung, die sich in der alleinigen Befugnis über die Handhabung der auswärtigen Angelegenheiten abzeichnete, bei der in der frühen Republik die Volksversammlungen mit zuständig war.[66] Christ (2000) unterstreicht diese unantastbare Stellung, indem er der Aristokratie des 2. Jhs. v. Chr. ihr größtes Ansehen und ihre höchste politische Entscheidungsgewalt zuspricht.[67] Ihre Bestätigung im Senat erhielten die Nachkommen der Adelsfamilien durch ihre Beziehungen, sowie Patronats- und Klientelverträge, die ihnen den nötigen Wahlerfolg bescherten.[68] Auf diese Weise wurde das Fortbestehen und die exklusive Stellung der wenigen adeligen Familien im höchsten politischen Gremium des Römischen Reiches zu Zeiten der späten Republik abgesichert. Die Entwicklung des Senats zum eigentlichen Herrscher und die Abschwächung der Volksversammlung, die noch im 3. Jh. v. Chr. einen starken Einfluss auf die Politik besaß, ist mit Sicherheit in den Folgen der beiden Punischen Kriegen zu suchen. Sie brachten wirtschaftliche und gesellschaftliche Einbußen der mittleren und ärmeren Bauernschicht mit sich, die nicht ohne Folgen für die römische Gesellschaft blieben.[69] Im Gegensatz zu den kleinen Höfen, die stark unter der Abstinenz oder dem Tod des Besitzers litten, wurden die Großgrundbesitzer deutlich schwächer von den Kriegsfolgen getroffen; konnten sie doch durch die Kriegsgefangenen und die eroberte Beute ihre Latifundien weiterhin versorgen und erweitern.[70] Sie verfügten nun sogar über die ausreichenden finanziellen Mittel, die Gehöfte dieser stark angeschlagenen, ehemals sehr bedeutsamen, Schicht des mittleren Bauerntums zu übernehmen.[71] Die zunehmende Bedeutung und Macht des Senats, sowie die Überhöhung ihrer Befugnisse im Vergleich zu denen, der Masse der Gesellschaft Roms, bedeutete ein bedrohliches Ungleichgewicht in der Führung des Reiches zu werden.[72] Diesem Ungleichgewicht sollte durch die Ausstattung eines weiteren Standes mit politischen Rechten, dessen Entwicklung sich bereits zum Schluss des 3. Jh. v. Chr. abzeichnete, entgegen gewirkt wurde.[73] Die Rede ist hier vom Ritterstand. Dieser Stand hielt die finanziellen Angelegenheiten des Reiches fest in seinen Händen und unterhielt auf privater Basis Handels- und Bankbeziehungen mit den Provinzen.[74] So war laut Vogt (1973) „[…] ein Stand des Geldkapitals geschaffen.“[75] Im Gegenzug dazu erweiterten die Senatoren durch neu errichtete Gerichtshöfe ihre Befugnisse auf die Kriminalgerichts­barkeit und hatten somit die Möglichkeit Macht über den Ritterstand auszuüben, der an der Ausbeutung der Provinzen maßgeblich beteiligt war.[76] Aus diesen veränderten sozialen Verhältnissen in der späten Republik entwickelten sich nun starke Spannungen zwischen ihren beiden führenden Ständen.[77] Aus diesen sozialen Spannungen und der zunehmenden Entmündigung des römischen Volkes, gingen die Reformversuche der Gracchen, sowie die Revolution hervor, die in den römischen Bürgerkriegen endeten.[78] Die staatliche Ordnung wurde während des Wandels der Regierungsformen zwischen 50 bis 27/23 v. Chr. durch Potentaten, die mit ihren Heeren durch das Reich zogen verletzt und missachtet.[79] Aus ihnen ging Julius Caesar als alleiniger Herrscher hervor und begründete somit das Prinzipat, die sog. Herrschaft des Ersten. Nach seinem Tod übernahm sein Adoptivsohn Octavian, der spätere Augustus, die Herrschaft und wurde somit der erste römische Kaiser, worauf in Kapitel 4.1. näher eingegangen wird.

3.2. Die Ausgestaltung der Gladiatur in der späten Römischen Republik

Der Durchbruch der Gladiatorenspiele zum Beginn der öffentlichen Massenspektakel wird mit der ersten öffentlichen Austragung der Gladiatorenkämpfe von Amts wegen durch die beiden Konsuln im Jahre 105 v. Chr. geschehen sein.[80] Bis zu diesem Zeitpunkt wurden die Kämpfe stets von Privatpersonen zu Ehren des Verstorbenen Familienmitglieds als begleitendes Begräbnisritual ausgerichtet. Die Förderung der häufigeren und öffentlichen Austragungen fand auch aus dem Grund statt, um die römischen Legionäre in die Schwertkampfkunst der gut ausgebildeten Gladiatoren einzuführen.[81] Diese Kampfkunst erlernten sie in den neu errichteten Gladiatorenschulen des 2. und 1. Jhs. v. Chr., die von einer Privatperson, dem lanista, geleitet wurde.[82] Aufgrund des stetig wachsenden Interesses an den Gladiatorenkämpfen bestand die Notwendigkeit diese Schulen, die Kasernen glichen, zu errichten.[83] In ihnen wurden sie ausgebildet und erhielten eine für damalige Verhältnisse hervorragende medizinische Versorgung, sowie eine sehr gute Ernährung.[84] Die beginnende Loslösung der Kämpfe von den reinen Begräbnisritualen, an denen die Familien der Verstorbenen teilnahmen, manifestiert sich darin, dass zur Mitte des 2. Jhs. v. Chr. Holztribünen, die für zahlende Zuschauer des erwarteten Kampfes am nächsten Tag errichtet wurden im Schutze der Nacht von Gajus Gracchus entfernt wurden.[85] Anhand dieser überlieferten Begebenheit lässt sich erkennen, dass sich neben dem armen einfachen Volk sowohl die geringe Mittelschicht, als auch besonders die Oberschicht an den Kämpfen erfreuten.[86] Im Gegensatz zu den ersten Kämpfen in der Römischen Republik des 3. Jhs. v. Chr. erkennt man nun eine zunehmende Veränderung der Umstände dieser Veranstaltungen. Durch die kommerzielle Komponente wird der Charakter der familiären Bestattungsfeiern verdrängt und durch die Errichtung von Holztribünen wird ein Ziel verfolgt: die Erhöhung der Zuschauerzahlen. Zu den „gewöhnlichen“ Gladiatorenkämpfen gesellen sich nun im 1. Jh. v. Chr. weitere Spektakel, u. a. die Tierhetzen, die zunächst eine Bestrafung für Verbrecher waren. Sie wurden nun gemeinsam mit den Kämpfen in einem Programmablauf integriert.[87] Die Integration der Tierhetzen geschah aus reiner Sensationslust und diente nicht dem ursprünglichen Sinn der Religionsausübung, bzw. der Ausübung der Totenkulte, von denen sich die Motive der Ausrichtung der Spektakel immer weiter entfernten.[88] Kyle (1998) gibt für das Jahr 46 v. Chr. eine weitere besondere Erneuerung hinsichtlich der Ausgestaltung der Gladiatur der späten Römischen Republik an:

„In his triumphal spectacles of 46 BC, Julius Caesar gave the first naumachy or `mock sea battle´at Rome. Naumachiae meant both the artificial sites and the spectacles – large shallow basins with banks of seats for spectators, and the `mock´ naval battles staged thereon with large numbers of victims and mass killing. Caesar had a special basin dug in the Campus Martius, and 4,000 oarsmen and 2,000 fighters in costumes recreated a battle between Tyrians and Egyptians.”[89]

Hiermit steht nun endgültig die Funktion der Kämpfe als reines Begräbnisritual hinter der Sensationslust der Bevölkerung zurück. Die einstigen rein kultisch-religiösen Spektakel sind nun dem Geschmack der Bevölkerung neben Brot und Getreide auch nach den Spielen gewichen und der Weg in die Massenveranstaltungen des folgenden Kaiserums sind nun geebnet.[90]

3.3. Die gesellschaftliche und politische Bedeutung der Gladiatur in der späten Römischen Republik und die Motive der Ausrichter

Die Ausrichtung der Munera in der Republik geschah durch die sog. privati, Männer die sich zum Austragungszeitpunkt in keinem politischen Amt befanden.[91] Aufgrund der Tatsache, dass das Versprechen, die Munera nach dem Ableben des Vaters zu veranstalten, unabhängig von der eigentlichen Bestattung eingelöst werden konnte, ermöglichte es den Veranstaltern den Zeitpunkt kurz vor einer bedeutenden politischen Wahl zu wählen und somit durch die Ausrichtung die Gunst der potentiellen Wähler zu gewinnen.[92] Eine weitere positive Begleiterscheinung der versprochenen Munera war mit Sicherheit die Aufmerksamkeitslenkung auf die Tugenden der verstorbenen Vorfahren und die erhoffte Partizipation an ihren positiven Eigenschaften.[93] Stefan Müller (1995) schließt ebenfalls die Ausrichtung der Spiele durch Personen des öffentlichen Amtes bis auf das Datum 105 v. Chr. aus, an dem Gerüchten zufolge der streng konservative Politiker Rutilius einen Gladiatorenkampf von öffentlicher Seite ausgerichtet haben soll.[94] Die religiösen Motive standen zu dieser Zeit noch im Vordergrund, jedoch gesellten sich weitere positive Begleiterscheinungen hinzu.[95] Auf der einen Seite sollte dadurch für körperliche Ertüchtigung, sowie ein erweitertes militärisches Training gesorgt werden, andererseits versuchte man durch die Brutalität dieser Veranstaltungen einen Gegenpol zu der griechischen Kultur zu schaffen, die als verweichlicht galt.[96] Diese Einstellung wurde als Sinnbild der Männlichkeit verstanden und praktiziert.[97]

Erst durch die Festsetzung der jährlichen öffentlichen Ausrichtung im Jahr 44 v. Chr. anlässlich der Ermordung Caesars wurde der Verstaatlichung der Gladiatorenkämpfe Vorschub geleistet.[98] Damit ging die Verdrängung privater Veranstalter einher. Diese Übergangsphase von der privaten Ausrichtung zur Verstaatlichung der Spektakel wird kontrovers diskutiert. So legt Wiedemann (2001) Wert darauf, dass die Spiele in der späten Republik zwar auch von Aedilen und Prätoren vor der Wahl veranstaltet wurden, jedoch nicht in ihrer Funktion als Politiker, sondern als Privatperson, unabhängig von der Tatsache, dass die Munera von der Wählerschaft erwartet wurde.[99] In der Endphase der Republik wurden im Jahre 42. V. Chr. die ludi Ceriales durch die Gladiatorenkämpfe ersetzt und somit zum ersten Mal von den plebeischen Aedilen losgelöst von Begräbnisritualen ausgerichtet.[100] Es wurden zwei große Gefahren in der durch die öffentliche Austragung stark gestiegenen Zahl der Gladiatorenkämpfe erkannt, die zum einen in den Gladiatoren selbst ruhte und zum anderen in der Manipulation der Wählerschaft durch reiche Aspiranten auf ein politisches Amt. Das erste Problem bestand darin, dass die große Zahl der Gladiatoren ein stetiges latentes Sicherheitsproblem darstellte[101] und das zweite, für die Fragestellung der Arbeit relevantere Problem lag darin, dass finanziell potente aufstrebende Politiker durch die Ausrichtung kostspieliger Gladiatorenkämpfe ihr Ansehen in der Wählerschaft dermaßen zu steigern wussten, dass sie selbst durch den Senat nicht mehr unter Kontrolle zu bringen waren.[102] Diese Entwicklung ging sogar soweit, „daß die Gladiatoren in den Bürgerkriegen auch als Leibwache und Kampftruppen der führenden Politiker zum Einsatz kamen“, wie Weiler (1981) schreibt.[103] Um diesen gefährlichen Entwicklungen entgegenzusteuern, wurden innerhalb von zwei Jahren reglementierende Gesetzte verabschiedet, die zur Aufgabe hatten, die Ausnutzung der Gladiatorenkämpfe zur persönlichen Verbesserung der Erfolgschancen bei anstehenden Wahlen einzudämmen. Im Jahr 65 v. Chr. wurde anlässlich eines von Caesar ausgerichteten Gladiatorenspiels eines bis dahin unübertroffenen Ausmaßes in Bezug auf die antretenden Gladiatorenpaare vom Senat ein Gesetz erlassen, das die Höchstzahl der kämpfenden Gladiatoren festsetzte und Privatpersonen ihren Besitz untersagte.[104] Das zweite verschärfte Gesetz, die lex Tullia de ambitu, verbot einem Aspiranten auf ein öffentliches Amt innerhalb der letzten zwei Jahre vor seiner Bewerbung Gladiatorenkämpfe auszurichten, es sei denn, er sei testamentarisch verpflichtet sie zu veranstalten.[105] Die eben genannten Versuche zur Eindämmung der politischen Ausnutzung der Massenspektakel zur Verbesserung der individuellen Wahlerfolgschancen konnten jedoch den „Prozeß der Desintegration der römischen Oberschicht“[106], wie Müller (1995) formuliert, nicht mehr unterbinden, da nun die Politik von immer reicheren und dadurch bedingt eines bedeutend kleineren Kreises von Politikern ausgeübt wurde.[107] Das Bürgertum partizipierte an der gezielten Freigebigkeit des Politikers und begab sich damit in ein Abhängigkeitsverhältnis.[108] Zum Untergang der späten Republik trug ebenso die wohlhabende, an der politischen Macht interessierte Oberschicht, wie die an Bedeutung gewinnende Plebs bei, indem sie durch ihre Stimme für ihren Gönner den politischen Kurs mitbestimmen konnte.[109] Gilbert (1976) entnehmend, ist es nicht weiter verwunderlich, dass:

„Spiele, Gladiatorenkämpfe und Beköstigungen als äußeres Mittel politischer Einflußnahme […] längst allseits akzeptiert [waren]. Dieser Prozeß einer neuen Form des Einwirkens großer Einzelpersönlichkeiten auf politische Entwicklungen verlief parallel zum gesellschaftlichen wie politischen Niedergang der alten Republik.“[110]

In welchem Ausmaß die unterschiedliche politische Vorgehensweise zum Erreichen eines Ziels der späten Republik und Caesars sich manifestiert, wird von Gilbert (1976) in seinen weiteren Ausführungen explizit verdeutlicht:

„Die politische Praxis durch materielle Korrumpierung quantitativ bedeutender, sozial jedoch sehr schwacher Gruppen Macht und Herrschaft zu erringen und zu konservieren, der unbedenkliche Einsatz privaten Reichtums zur Durchsetzung innenpolitischer Zielvorstellungen zeigen die Kluft zwischen dem kollektiven Denken der republikanischen Adelsoligarchie und der individualistischen, nüchtern machtpolitischen Haltung Cäsars.“[111]

Octavian nutzte ebenfalls wie sein Vorgänger Caesar das Mittel der Teilhabe der Masse an dem Reichtum des Einzelnen, aus dem sich politisches Kapital schöpfen ließ. Diese Einstellung der Teilhabe der Massen an dem Wohl des Einzelnen wird unter dem Begriff der liberalitas zusammengefasst.[112] Unter Octavian wird dieses System fest mit dem Prinzipat verbunden und durch seine Nachfolger übernommen.[113] Daraus schlussfolgernd lässt sich erkennen, wie die große Masse der politisch eher unbedeutenden Plebs durch Einzelpersonen, die politische Macht suchten, zielstrebig manipuliert und erfolgreich als machtverstärkendes Instrument eingesetzt werden konnte.

[...]


[1] Vgl. Alföldy, G.: Römische Sozialgeschichte. 1975, S. 26.

[2] Vgl. Ebd.

[3] Vgl. Ebd.

[4] Vgl. Ebd., S. 27 f.

[5] Vgl. Alföldy, G.: Römische Sozialgeschichte. 1975, S. 28.

[6] Vgl. Ebd.

[7] Vgl. Ebd.

[8] Vgl. Ebd., S. 28 f.

[9] Vgl. Ebd., S. 29.

[10] Vgl. Ebd.

[11] Vgl. Ebd., S. 30.

[12] Vgl. Ebd.

[13] Alföldy, G.: Römische Sozialgeschichte. 1975, S. 30.

[14] Vgl. Ebd., S. 31.

[15] Vgl. Ebd.

[16] Vgl. Bleicken, J.: Geschichte der Römischen Republik. 1980, S. 31.

[17] Vgl. Ebd., S. 32.

[18] Vgl. Ebd., S. 33.

[19] Vgl. Ebd.

[20] Vgl. Alföldy, G.: Römische Sozialgeschichte. 1975, S. 33 f.

[21] Vgl. Ebd., S. 34.

[22] Vgl. Ebd..

[23] Vgl. Ebd.

[24] Vgl. Ebd., S. 36.

[25] Vgl. Ebd.

[26] Vgl. Dreyer, B.: Die Innenpolitik der Römischen Republik. 2006, S. 14.

[27] Christ, K.: Die Römer. 1994, S. 31 ff.

[28] Müller, S.: Das Volk der Athleten. 1995, S. 231 f.: „Für einen etruskischen Ursprung sprechen auch einige Gewohnheiten etruskischer Herkunft, die sich in den Gladiatorenkämpfen lange erhalten haben: So ist das Wort für den Gladiatorentrainer, lanista, etruskischer Herkunft, und es ist möglich, daß die Maske des Sklaven, der die getöteten Gladiatoren aus der Arena schaffte, dem etruskischen Totengott Charun nachempfunden ist. Gegen einen etruskischen Ursprung der Gladiatorenkämpfe sprechen dagegen die Erkenntnisse der modernen Archäologie, die auf oskischen Fresken des 4. vorchristlichen Jahrhunderts Darstellungen von Gladiatorenkämpfen gefunden hat, während zu dieser Zeit im etruskischen Raum noch keine Hinweise auf Vorläufer der Gladiatorenkämpfe zu finden sind. Die moderne Forschung ist in dieser Frage gespalten, und es hat den Anschein, als sei hier auch keine endgültige Sicherheit zu erzielen, denn die Vorgänge, auf die es ankommt, liegen in einer Zeit, aus der nur spärliches Material überliefert ist. […] Sehr viel wichtiger ist jedenfalls, daß der Ursprung der Gladiatorenkämpfe zweifellos ein kultisch-religiöser war. Die Untersuchung dieses Ursprungs führt zu einer der dunkelsten Seiten der griechisch-römischen Kultur. Alle Anzeichen weisen daraufhin, daß die Gladiatorenkämpfe aus den beim Totenkult üblichen Menschenopfern stammen. Wie in fast allen frühen Kulturen waren solche Menschenopfer auch bei den frühen Mittelmeervölkern üblich. […] Über die Motive derartiger Menschenopfer ist viel spekuliert worden: Achill ermordete die zwölf jungen Trojaner aus Zorn, doch wahrscheinlich ist das durch Homer angedeutete Rachemotiv nur ein Versuch der Rationalisierung eines sehr viel älteren Opferrituals, bei dem man versuchte, durch das Blut eines getöteten Menschen die Toten zu besänftigen. Der Getötete übernahm also letztendlich die Funktion eines `Sündenbockes´, der sterben mußte, um für die Verfehlungen der Gemeinschaft zu entsühnen.“

[29] Vgl. Potter, D.S. & Mattingly, D.J.: Life, Death and Entertainment in the Roman Empire. 1999, S. 224.

[30] Vgl. Backhaus, W.: Öffentliche Spiele, Sport und Gesellschaft in der römischen Antike. 1978, S. 201.

[31] Köhne, E.: Brot und Spiele. 2000, S. 16.

[32] Vgl. Backhaus, W.: Öffentliche Spiele, Sport und Gesellschaft in der römischen Antike. 1978, S. 201.

[33] Vgl. Köhne, E.: Brot und Spiele. 2000, S. 16.

[34] Vgl. Backhaus, W.: Öffentliche Spiele, Sport und Gesellschaft in der römischen Antike. 1978, S. 204.

[35] Vgl. Müller, S.: Das Volk der Athleten. 1995, S. 230.

[36] Vgl. Grant, M.: Rom. Portrait einer Weltkultur. 1975, S. 193.

[37] Vgl. Köhne, E.: Brot und Spiele. 2000, S. 16 f.

[38] Vgl. Backhaus, W.: Öffentliche Spiele, Sport und Gesellschaft in der römischen Antike. 1978, S. 201.

[39] Vgl. Ebd.

[40] Vgl. Ebd., S. 204.

[41] Vgl. Ebd.

[42] Vgl. Carcopino, J.: Rom. Leben und Kultur in der Kaiserzeit. 1977, S. 286.

[43] Vgl. Müller, S.: Das Volk der Athleten. 1995, S. 230.

[44] Vgl. Backhaus, W.: Öffentliche Spiele, Sport und Gesellschaft in der römischen Antike. 1978, S. 201.

[45] Vgl. Ebd., S. 200.

[46] Vgl. Heurgon, J.: Die Etrusker. 1977, S. 302.

[47] Vgl. Latte, K.: Römische Religionsgeschichte. 1960, S.155.

[48] Vgl. Ebd.

[49] Vgl. Ebd.

[50] Vgl. Müller, S.: Das Volk der Athleten. 1995, S. 229 f.

[51] Vgl. Ebd., S. 231 ff.

[52] Vgl. Köhne, E.: Brot und Spiele. 2000, S. 17.

[53] Vgl. Vogt, J.: Die Römische Republik. 1973, S. 258.

[54] Ebd., S. 258.

[55] Vgl. Köhne, E.: Brot und Spiele. 2000, S.19.

[56] Vgl. Vogt, J.: Die Römische Republik. 1973, S. 259.

[57] Vgl. Heuss, A.: Römische Geschichte. 2007, S. 134.

[58] Vgl. Christ, K.: Die Römer. 1994, S. 31.

[59] Vgl. Vogt, J.: Die Römische Republik. 1973, S. 259.

[60] Vgl. Vogt, J.: Die Römische Republik. 1973, S. 259.

[61] Vgl. Heuss, A.: Römische Geschichte. 2007, S. 134.

[62] Vgl. Ebd.

[63] Vgl. Ebd., S. 134 f.

[64] Vgl. Ebd., S. 134.

[65] Ebd.

[66] Vgl. Vogt, J.: Die Römische Republik. 1973, S. 260.

[67] Vgl. Christ, K.: Krise und Untergang der römischen Republik. 2000, S. 89.

[68] Vgl. Vogt, J.: Die Römische Republik. 1973, S. 260.

[69] Vgl. Vogt, J.: Die Römische Republik. 1973, S. 261.

[70] Vgl. Ebd.

[71] Vgl. Ebd.

[72] Vgl. Ebd.

[73] Vgl. Ebd., S. 267.

[74] Vgl. Ebd.

[75] Ebd.

[76] Vgl. Ebd., S. 268.

[77] Vgl. Ebd.

[78] Siehe dazu u. a. die wissenschaftlichen Erörterungen von: Heuss, A.: Römische Geschichte. 2007.; Maschkin, N. A.: Zwischen Republik und Kaiserreich. 1954.

[79] Vgl. Bleicken, J.: Prinzipat und Republik. 1991, S. 7.

[80] Vgl. Weiler, I. : Der Sport bei den Völkern der antiken Welt. 1981, S. 254.

[81] Vgl. Ebd.

[82] Vgl. Junkelmann, M.: Familia Gladiatoria. 2000, S. 40.

[83] Vgl. Ebd.

[84] Vgl. Ebd., S. 40 f.

[85] Vgl. Backhaus, W.: Öffentliche Spiele, Sport und Gesellschaft in der römischen Antike. 1978, S. 202.

[86] Vgl. Ebd.

[87] Vgl. Backhaus, W.: Öffentliche Spiele, Sport und Gesellschaft in der römischen Antike. 1978, S. 202.

[88] Vgl. Ebd.

[89] Kyle, D. G.: Spectacles of death in ancient Rome. 1998, S. 51.

[90] Vgl. Backhaus, W.: Öffentliche Spiele, Sport und Gesellschaft in der römischen Antike. 1978, S. 202.

[91] Vgl. Wiedemann, T.: Kaiser und Gladiatoren. Die Macht der Spiele im antiken Rom. 1992/2001, S. 15.

[92] Vgl. Ebd.

[93] Vgl. Wiedemann, T.: Kaiser und Gladiatoren. Die Macht der Spiele im antiken Rom. 1992/2001, S. 15f.

[94] Vgl. Müller, S.: Das Volk der Athleten. 1995, S. 236f.

[95] Vgl. Grant, M.: Die Gladiatoren. 1970, S. 16.

[96] Vgl. Ebd.

[97] Vgl. Ebd.

[98] Vgl. Ebd., S. 237.

[99] Vgl. Wiedemann, T.: Kaiser und Gladiatoren. Die Macht der Spiele im antiken Rom. 1992/2001, S. 17.

[100] Vgl. Müller, S.: Das Volk der Athleten. 1995, S. 237.

[101] Vgl. Ebd., S. 238.

[102] Vgl. Müller, S.: Das Volk der Athleten. 1995, S. 237 f.

[103] Weiler, I.: Der Sport bei den Völkern der Alten Welt. 1981, S. 254.

[104] Vgl. Müller, S.: Das Volk der Athleten. 1995, S. 238.

[105] Vgl. Ebd.

[106] Ebd.

[107] Vgl. Ebd.

[108] Vgl. Gilbert, R.: Die Beziehungen zwischen Princeps und stadtrömischer Plebs im frühen Prinzipat. 1976, S. 47.

[109] Vgl. Ebd.

[110] Ebd., S. 48.

[111] Vgl. Gilbert, R.: Die Beziehungen zwischen Princeps und stadtrömischer Plebs im frühen Prinzipat. 1976, S. 48.

[112] Vgl. Ebd., S. 49.

[113] Vgl. Ebd.

Details

Seiten
36
Erscheinungsform
Erstausgabe
Jahr
2012
ISBN (eBook)
9783958206540
Dateigröße
745 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v298044
Institution / Hochschule
Ruhr-Universität Bochum
Note
2,3
Schlagworte
Gladiator Römische Republik Kaiserzeit Gladiatorenkampf gesellschaftliche Ordnung

Autor

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Titel: Gladiatorenkämpfe im antiken Rom: Die sich wandelnde Bedeutung der Gladiatur im Wechselspiel der Kräfte zwischen Plebs, Oberschicht und Kaisertum