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Glücksspielsucht im Internet: Wie Online-Beratung unterstützen kann

Bachelorarbeit 2014 44 Seiten

Sozialpädagogik / Sozialarbeit

Leseprobe

2.2 Definition und Symptomatik der (Online-) Glücksspielsucht

Pathologisches Glücksspielverhalten und somit auch das pathologische Glücksspielen im Internet, wird den Verhaltenssüchten, beziehungsweise substanzungebundenen Süchten zugeordnet. Hierbei kann durch zwanghafte, exzessive Verhaltensweisen ein rauschähnlicher Zustand entstehen, obwohl, im Gegensatz zu den substanzgebundenen Süchten, keine psychotropen Stoffe von außen zugeführt oder eingenommen werden (Thalemann 2009, S. 4). Trotz fehlender Substanzen kann Suchtverhalten erzeugt und aufrechterhalten werden, indem das zerebrale Belohnungssystem auf Dopaminausschüttung reagiert. Positive Reaktionen, wie angenehme Gefühle animieren zur Wiederholung der erfolgreichen Handlung (Meyer, Bachmann 2011, S. 117). Durch diese Mechanismen kann eine psychische Abhängigkeit entstehen, die auch bei substanzgebundenen Suchtformen von zentraler Bedeutung ist. Um diese Gemeinsamkeit zu verdeutlichen beschreiben Meyer und Bachmann (2011):

„Ein süchtiger Mensch strebt nicht den Konsum eines Suchtmittels, bzw. einer Droge um ihrer selbst willen an, sondern den durch den Stoff erzeugten psychischen Zustand – vor allem Entspannung, Rausch und Betäubung. Das eigentliche Suchtpotential besteht in der sofortigen stimmungsdämpfenden, stimulierenden und halluzinogenen Wirkung der Mittel. Sie ermöglichen eine kurzfristige Befriedigung entsprechender Bedürfnisse, sind aber langfristig mit schädlichen Auswirkungen verbunden. Nicht anders verhält es sich mit dem Glücksspiel.“ (Meyer, Bachmann 2011, S. 51).

Dieser Zustand macht, laut der Autoren, das hauptsächliche Suchtpotenzial aus. Die psychische Abhängigkeit sorgt aufgrund ihrer verhaltensbestimmenden Wirkung für eine hohe Rückfallquote und sollte zentraler Gegenstand aller therapeutischen Behandlungen sein.

Substanzgebundene Süchte weisen nicht nur Gemeinsamkeiten mit pathologischem Spielverhalten auf, sie zeigen zugleich auch die höchsten Komorbiditätsraten. Einige amerikanische Bevölkerungsstudien belegen, dass Personen mit glücksspielbezogenen Problemen eine neunfach höhere Rate an substanzbezogenen Störungen aufweisen als Nichtspieler. Im Rahmen des „National Epidemiologic Survey of Alcohol and Related Conditions“ (NESARC) war bei 73,2% der Spielsüchtigen auch Alkoholmissbrauch, beziehungsweise Alkoholabhängigkeit diagnostizierbar (Meyer, Bachmann 2011, S. 102). Generell ist zu erwähnen, dass 95,5% der pathologischen Spieler eine zusätzliche DSM-Diagnose erhalten. Dieses Störungsbild weist nahezu immer Komorbiditäten, vermehrt auch in Form von Angst- oder Affektiven Störungen, auf und tritt selten als isolierte Erkrankung auf. Vor allem im Anfangsstadium der Suchtentwicklung wird Glücksspielen häufig als positiver Ausgleich gesehen, der die Symptome anderer Störungen erträglicher macht. Später kommt es jedoch oft zum Funktionswandel, der die angenehmen Begleiterscheinungen vermindert und die negativen Nachwirkungen verstärkt. Das Spielen wird zur zusätzlichen Belastung und entwickelt sich durch Eigendynamik zu einem pathologischen Verhalten (Meyer, Bachmann 2011, S. 55, S. 104 ff.). Ein erster Hinweis, vor allem für Angehörige, der für eine Online-Glücksspiel­problematik sprechen könnte, ist ein für den Betroffenen untypisches Nutzungsverhalten des Computers. Dies äußert sich vor allem in Bezug auf unerklärlich lange (Arbeits-) Zeiten am PC, insbesondere abends oder nachts. Sogar nächtliches Aufstehen, um sich vor den Computer zu setzen, kann beobachtet werden. Auch die Zeit der Betroffenen scheint immer knapper zu werden. Sowohl private als auch berufliche Termine werden häufiger, und mit meist schwacher Argumentation abgesagt oder vergessen. Ein sozialer Rückzug findet statt, Freunde und Familie werden vernachlässigt, es zeigen sich Stimmungsschwankungen, Gereiztheit und Ungeduld. Doch vor allem die finanzielle Situation kann ein Anzeichen für problematisches Spielverhalten sein. Trotz regelmäßigen Einkommens fehlt den Betroffenen häufig Geld, es werden Kredite aufgenommen oder neue Konten eröffnet, ohne dass nennenswerte Neuanschaffungen erkennbar wären. Auch Angehörige vermissen plötzlich ihre Wertsachen oder Geldbeträge (Meyer, Bachmann 2011, S. 155).

Der Verlauf einer „Spielerkarriere“ bis hin zum pathologischen Glücksspielverhalten kann in drei Phasen unterteilt und auch auf die Entwicklung einer Online-Glücksspiel­sucht übertragen werden (Meyer, Bachmann 2011, S. 40):

1. Positives Anfangsstadium (Gewinnphase) Der Betroffene hat gelegentlich Kontakt zu Glücksspielen, die durch einen oder mehrere Gewinne als positiv erlebt werden. Eine Steigerung des Selbstwertes wird spürbar, Gewinnphantasien entwickeln sich und das regelmäßige Spielen beginnt.
2. Kritisches Gewöhnungsstadium (Verlustphase) Die Spielintensität steigt, denn Häufigkeit, Einsätze und Spieldauer nehmen zu. Der Spieler versucht Verluste durch höhere Einsätze auszugleichen (Chasing).
3. Suchtstadium (Verzweiflungsphase) Der Spieler verliert die Kontrolle über sein Verhalten, die Gedanken kreisen fast ausschließlich um Glücksspiel und Geldbeschaffung. Soziale Beziehungen und Verpflichtungen werden vernachlässigt und eine Persönlichkeitsveränderung macht sich bemerkbar.

Im Laufe dieser Phasen wird das Spielverhalten von verschiedenen negativen Konsequenzen begleitet, die sich zunehmend dramatisch auf das Leben des Betroffenen auswirken. Am häufigsten genannt werden Schuldgefühle (76,2%) und Einsamkeit (49,9%). Auch steigende finanzielle Schulden (83,3%) spielen ab Beginn des Gewöhnungsstadiums eine große Rolle (Giralt et al. 2011, S. 152). Der permanente Schuldendruck belastet unter anderem das Familienklima und das soziale Umfeld der Spieler. Das permanente Verspielen des Gehalts führt dazu, dass anfallende Rechnungen nicht mehr beglichen werden können. Sind (Ehe-)Partner und Kinder involviert, ist somit nicht nur der Lebensunterhalt des Betroffenen gefährdet. Im Sinne einer Co-Abhängigkeit verschulden sich weitere Familienmitglieder, um die finanzielle Situation zu stabilisieren. Die daraus entstehenden Konflikte enden nicht selten in Trennung oder Scheidung, was oftmals noch zur Steigerung des Spielverhaltens beiträgt. Diese Entwicklung bringt pathologische Spieler nicht selten dazu Delikte zu begehen oder Suizid als letzten Ausweg zu betrachten. (Mayer, Bachmann 2011, S. 154).

2.3 Diagnostik

Ergebnisse der PAGE-Studie haben ergeben, dass 1,4% (ca. 776.000) der 14-64 Jährigen in Deutschland die Kriterien für problematisches Glücksspielverhalten erfüllen. 1,0% der befragten Bevölkerung (ca. 531.000) zeigen pathologische Verhaltensweisen in Bezug auf das Glückspielen (Buth, Kalke, Reimer 2013, S. 23).

Doch nicht jeder Mensch, der Glücksspiele spielt ist automatisch auch abhängig oder auf dem Weg in die Sucht. Verschiedene Merkmale, wie die Spielfrequenz, Symptomatik und Funktionalität sind ausschlaggebend, um zwischen mehreren Formen des Spielens unterscheiden zu können. Nach Shaffer et al. (1997) bilden die Gelegenheitsspieler oder sozialen Spieler die größte Gruppe unter den Glücksspielern. Sie spielen in ihrer Freizeit ohne auffällig hohe Geldeinsätze zum Vergnügen oder zur Unterhaltung. Die professionellen Spieler bilden eine sehr kleine Gruppe, die in Deutschland hauptsächlich im Poker oder im Bereich des illegalen Glücksspiels anzutreffen sind. Diese Spieler verdienen ihr Geld mit Glücksspielen und machen ihre Einsätze kühl und distanziert, ohne dass es einen besonderen Reiz für sie darstellt. Die Gruppe der problematischen Spieler befinden sich in einer Übergangsphase und zeigt bereits erste Anzeichen einer Abhängigkeitsentwicklung wie beispielsweise Schuldgefühle, heimliches Spielen und hohe Ausgaben. Pathologische Spieler hingegen weisen schwerwiegende Probleme im Umgang mit Glücksspielen auf, die den, im Folgenden beschriebenen, diagnostischen Kriterien zuzuordnen sind. Der Übergang vom gelegentlichen zum problematischen Spielen ist meist fließend. Wenn Glücksspiel zum zentralen Lebensinhalt wird und auch wiederholte Abstinenzversuche scheitern, kann von pathologischem Glücksspielverhalten gesprochen werden.

Im Jahr 1980 wurde die Diagnose Pathologisches Glücksspielverhalten als psychische Störung in das psychiatrische Klassifikationssystem „Diagnostic and Statistical Manual of Mental Disorders“ (DSM-III) aufgenommen. 1991 folgte dann die Aufnahme in die „Internationale Klassifikation psychischer Störungen“ (ICD-10) der Weltgesundheitsorganisation. Nach ICD-10 sind die Hauptmerkmale für pathologisches Spielen (F63.0):

1. Dauerndes, wiederholtes Spielen
2. Anhaltendes und oft noch gesteigertes Spielen trotz negativer sozialer Konsequenzen wie Verarmung, gestörter Familienbeziehungen und Zerrüttung der persönlichen Verhältnisse.

In diesem Diagnosemanual wird das Pathologische Glücksspiel den Impulskontrollstörungen zugeordnet. Weitere Störungsbilder in dieser Kategorie sind beispielsweise pathologische Brandstiftung (Pyromanie) und pathologisches Stehlen (Kleptomanie). Es lassen sich lediglich Ähnlichkeiten in der Beschreibung dieser Störungen erkennen, charakteristische Gemeinsamkeiten gibt es jedoch nicht. Diese, weder theoretisch noch empirisch begründete, Zuordnung ist bereits mehrfach kritisiert worden. Das diagnostische Kriterium der Intensivierung des Verhaltens spielt beispielsweise nur bei pathologischem Spielverhalten eine Rolle. Ebenso erfolgen nach Beendigung des Verhaltens keine Erleichterung beziehungsweise positive Erregung, sondern vielmehr negative Erscheinungen wie Leidensdruck durch das verspielte Geld. Vergleichbare Merkmale spielen bei anderen Störungen dieser Gruppe keine Rolle (Meyer, Bachmann 2011, S. 49). Ausgeprägte Impulsivität und geringe Impulskontrolle gelten zwar als Einflüsse für die Entwicklung von pathologischem Glücksspielverhalten, doch zuzuordnen sind sie den psychischen Störungen, einschließlich stoffgebundener Suchtkrankheiten.

Differenziertere diagnostische Kriterien werden in der vierten Auflage des DSM beschrieben. Dort müssen mindestens fünf der folgenden Merkmale erfüllt sein, um von der Diagnose pathologisches Spielen sprechen zu können.

1. Ist stark eingenommen vom Glücksspiel (z.B. starkes Beschäftigtsein mit gedanklichem Nacherleben vergangener Spielerfahrungen, Nachdenken über Wege, Geld zum Spielen zu beschaffen)
2. Muss mit immer höheren Einsätzen spielen, um die gewünschte Erregung zu erreichen
3. Hat wiederholt erfolglose Versuche unternommen, das Spielen zu kontrollieren, einzuschränken oder aufzugeben
4. Ist unruhig und gereizt beim Versuch, das Spielen einzuschränken oder aufzugeben
5. Spielt, um Problemen zu entkommen oder um eine dysphorische Stimmung zu erleichtern
6. Kehrt, nachdem er beim Glücksspiel Geld verloren hat, oft am nächsten Tag zurück, um den Verlust auszugleichen
7. Belügt Familienmitglieder, den Therapeuten oder andere, um das Ausmaß seiner Verstrickung in das Spielen zu vertuschen
8. Hat illegale Handlungen wie Fälschung, Diebstahl, Betrug oder Unterschlagung begangen, um das Spielen zu finanzieren
9. Hat eine wichtige Beziehung, seinen Arbeitsplatz, Ausbildungs- oder Aufstiegschancen wegen des Spielens gefährdet oder verloren
10. Verlässt sich darauf, dass andere ihm Geld bereitstellen, um die durch das Spielen verursachte hoffnungslose finanzielle Situation zu überwinden

Auch nach DSM-IV zählte das Störungsbild zu den Impulskontrollstörungen. Im DSM-V, der Neuauflage dieses Manuals, wurde diese Klassifikation jedoch korrigiert und das pathologische Glücksspiel in die Gruppe der Abhängigkeitserkrankungen aufgenommen. Im Gegensatz zu vorherigen Auflagen wird nun die Diagnose gestellt, wenn vier der insgesamt neun Kriterien erfüllt werden, anstelle von fünf von zehn Kriterien. Das in den vorherigen Versionen auftretende Kriterium der illegalen Handlungen wurde ersatzlos gestrichen, da es in Bevölkerungsstudien die geringste Bestätigungsrate erzielte und somit wenig aussagekräftig für die Diagnosestellung scheint. Es bestehen jedoch weiterhin offene Forschungsfragen zur Diagnostik dieses Störungsbildes. Insbesondere ist zu klären, ob alle beschriebenen Kriterien gleich gewichtet werden sollen wie bisher, oder ob eine unterschiedlich hohe Relevanz besteht. Eine Übersetzung des DSM-V in die deutsche Sprache ist noch nicht erschienen, weshalb die oben aufgeführten Kriterien aus der vierten Auflage stammen. Was Erscheinungsform und Dynamik anbelangt, kann die Online-Glücksspielsucht der allgemeinen Glücksspielsucht zugeordnet werden.

2.4 Erklärungsansätze für die Entstehung von pathologischem Glücksspielverhalten

Zur Entstehung von pathologischem Glücksspielverhalten gibt es eine Reihe von Erklärungsansätzen, die dieses Störungsbild aus unterschiedlichen Positionen in den Blick nehmen. Ansätze der Psychoanalyse verweisen auf frühkindliche Störfaktoren während der Entwicklung als Motive für die Entstehung des pathologischen Spielverhaltens. Die meisten Autoren legen dazu das von Freud entwickelte Phasenmodell zu Grunde und führen die Suchtentstehung auf eine gestörte Libidoentwicklung zurück. Besonders die Problematik des Ödipuskomplexes, der infantilen Allmachtsfiktion und des Narzissmus werden dabei fokussiert (Meyer, Bachmann 2011, S. 126). Da diese Ansätze jedoch sehr umfangreich sind und dies den Schwerpunkt dieser Arbeit verlagern würde, werden im Folgenden lediglich die Zusammenhänge zwischen Narzissmus und pathologischem Glücksspiel beschrieben.

Simon (1980) beschreibt das pathologische Spielen als narzisstischen Versuch ersatzweise anerkannt und geliebt zu werden. Aufgrund frühkindlicher emotionaler Zurückweisung klammert sich der Spieler an die Illusion des Gewinnens um Allmachts- und Größenphantasien zu erzeugen. Pathologisches Glücksspielverhalten dient demnach als Selbstheilungsversuch um Ich-Defizite zu bewältigen, was jedoch zu einer Störung der Affektregulation und damit zu süchtigen Impulshandlungen führt. Rosenthal (1986) bestätigt bei der Mehrheit der pathologischen Spieler auch eine narzisstische Persönlichkeitsstörung, die sich in einem gestörten Selbstwertgefühl, Identitätskonflikten, unangemessenen Anspruchshaltungen und Abgrenzungsproblemen äußert. Durch das Glücksspiel wird eine Ersatzwelt vorgegaukelt, in der sich der Spieler mächtig, bedeutsam und respektiert fühlen kann. Durch primitive Abwehrmechanismen, wie Spaltungen und Verleugnung kann dieser Zustand aufrechterhalten werden.

Neben psychoanalytischen Erklärungsmodellen befassen sich beispielsweise auch Ansätze aus der Lerntheorie, vertreten unter anderem durch Pawlow und Skinner, mit diesem Störungsbild. Hier wird das pathologische Glücksspiel als erlerntes Fehlverhalten betrachtet, welches sich durch Verstärkungsmechanismen in Form von Belohnungen verfestigt (operante Konditionierung). Der Spieler erlebt positive Eigenschaften des Spiels, zum Beispiel in Form von Geldgewinnen und Stimmungsaufhellung, die das Spielverhalten fördern und verstärken (Meyer, Bachmann 2011, S. 128-132).

Ergänzend zu diesen Ansätzen, die jeweils nur Teilbereiche der Entwicklung einer Glücksspielsucht in den Blick nehmen, sind eine Reihe integrativer Modelle entstanden, die theorieübergreifend Aspekte benennen. Jacobs (1989) hat ein integratives Suchtmodell entwickelt, welches Sucht als einen unabhängigen Zustand beschreibt, der von dafür anfälligen Personen erworben werden kann, wenn sie versuchen chronische Stressbedingungen zu beheben. Seiner Meinung nach liegen der Suchtanfälligkeit zwei Faktoren zugrunde: Zum einen ein abnormer körperlicher Ruhezustand, der sich durch chronisch verminderte Anspannung (Deprimiertheit) oder übermäßige Erregung ausdrücken kann und zum anderen (früh-)kindliche Erfahrungen, die grundlegend verantwortlich für tiefe Gefühle persönlicher Unzulänglichkeit und Ablehnung sind. Aufgrund ihrer biologischen Veranlagung sprechen Menschen nur auf bestimmte Substanzen oder Verhaltensweisen an, die potentiell suchterzeugend sein können. Diese müssen zum einen stimulierend und gleichzeitig entspannend wirken. Ein geringes Selbstwertgefühl ist die notwendige zweite Bedingung, die die Flucht aus dem belastenden Alltag hinein in einen veränderten Bewusstseinszustand fördert. Der Betroffene erlebt eine Welt von Größenphantasien und, ausgelöst durch einen dissoziativen Prozess, auch einen Zustand veränderter Identität. Besonders pathologische Spieler, Alkoholabhängige und Patienten mit Essstörungen berichteten in empirischen Untersuchungen häufig von der Annahme einer anderen Identität, beziehungsweise über ein vom Ich abgespaltenes Erleben. Ein auf handlungstheoretischen Annahmen basierendes Suchtmodell von Petry (1996) bezieht sich auf mehrheitlich gefundene narzisstisch-persönlichkeitsgestörte Glücksspieler. Seiner Ansicht nach, entsteht Glücksspielverhalten aufgrund der Wechselwirkungen zwischen den spezifischen inneren Bedürfnissen des Spielers und dem dazu passenden Aufforderungscharakter von Glücksspielen. Im Rahmen von Störungen der primären familiären Sozialisation entstanden bei den Betroffenen Beeinträchtigungen der Gefühlswahrnehmung und –regulation, ein eingeschränkter Selbstwert und Beziehungsstörungen. Die Teilnahme an diesen Spielen ermöglicht eine kurzfristige Steigerung des Selbstwertgefühls und das Ausblenden negativer Gefühle durch rauschartige Zustände. Nach Petry hängt die Entscheidung Glücksspiele als Bewältigungsstrategie für belastende Lebenssituationen zu benutzen mit mangelnden Handlungsalternativen, beziehungsweise eingeschränkten Problemlösekompetenzen des Betroffenen zusammen. Abschließend ist noch ein weiterer integrativer Ansatz zu nennen, der zunehmend an Bedeutung gewinnt. Blaszczynski und Nower (2002) beschreiben verschiedene Subtypen problematischer Spieler in Abhängigkeit von individuellen Einflüssen biologischer, psychologischer und sozialer Faktoren. Es lassen sich dementsprechend drei Spielertypen manifestieren, die unterschiedliche Entwicklungswege der Spielsucht vorweisen:

- Unauffällige, verhaltenskonditionierte Problemspieler, bei denen in erster Linie soziale Faktoren und verhaltenskonditionierende Lernprozesse als Ursache dafür gesehen werden, dass sich das Spielverhalten mit der Zeit fehlentwickelt.
- Emotional anfällige Spieler weisen bereits vor Beginn des Spielens eine, primär psychische, Störung auf (beispielsweise depressive oder ängstliche Symptomatik), weshalb das Glücksspiel vor allem als Selbstmedikation, beziehungsweise Kompensationsstrategie genutzt wird.
- Antisoziale, impulsive Spieler zeigen neben den Gemeinsamkeiten mit emotional anfälligen Spielern außerdem noch Merkmale einer frühkindlichen Störung, beziehungsweise neurologische Dysfunktionen. Des Weiteren lassen sich auf der Verhaltensebene unter anderem Aufmerksamkeitsdefizite, eine hohe Impulsivität, Substanzkonsum oder antisoziales Verhalten erkennen.

Da die Online-Glücksspielsucht ein relativ neues Störungsbild darstellt, gibt es nur vereinzelte Aussagen in Bezug auf deren Entstehungsbedingungen. Diese unterscheiden sich jedoch kaum von Erklärungsansätzen der allgemeinen Spielsucht, weshalb die oben genannten Darstellungen auch bei internetbasierter Glücksspielpathologie Anwendung finden (Meyer, Bachmann 2011, S. 128-151).

2.5 Online-Glücksspiel – Eine Einführung

Heutzutage besitzen 80% der deutschen Haushalte einen regelmäßig genutzten Internetzugang (Statistisches Bundesamt Wiesbaden, 2014). Im Zuge dieses technologischen Fortschrittes entstanden vermehrt Glücksspielseiten im Internet, die den Nutzern die Spielteilnahme in den eigenen Räumlichkeiten ermöglichen. So erfreut sich das Online-Glücksspiel, oder auch Online-Gambling genannt, vor allem bei jugendlichen Nutzern großer Beliebtheit und sichert Umsätze in Milliardenhöhe (Hayer, Mayer 2005, S. 37). Zu den beliebtesten Spielangeboten im Online-Glücksspielmarkt gehören Poker, Roulette, Sportwetten und Automatensimulationen (ebd., S. 32). Im Jahr 1995 eröffnete das erste Online-Kasino und ermöglichte erstmals Zugang zu beliebten Glücksspielen in den eigenen vier Wänden. Aufgrund hoher Nachfrage stieg der Zuwachs derartiger Webseiten rasch an. Während zu den Anfängen der Glücksspielseiten noch eine spezielle Software zum Spielen heruntergeladen werden musste, reicht mittlerweile das einmalige Anlegen eines Benutzerkontos. Auch die qualitative Umsetzung der virtuellen Spielsimulationen hat sich erheblich gesteigert. So ist die grafische Darstellung vieler Spiele mittlerweile so weit fortgeschritten, dass die Computerprogramme vorgaukeln gegen echte menschliche Spieler zu spielen. Realität und virtuelle Welt werden auf diese Weise immer näher zusammengeführt. (ebd., S. 30). Der Geldtransfer findet über Kreditkarten oder andere Online-Zahlungssysteme statt. Das wachsende Vertrauen in finanzielle Transaktionen im Internet sorgt ebenfalls für die steigende Popularität des Online-Gamling.

Eine Besonderheit stellen so genannte Trainingsspielseiten dar, auf denen kostenlos und ohne Anmeldung um virtuelles Geld gespielt werden kann. So kann das Interesse von Spielanfängern gefördert und der Einstieg erleichtert werden (ebd., S. 33). Durch den stetigen Zuwachs an Online-Gambling Websites steigt auch die Anzahl unseriöser Anbieter. Durch betrügerische Machenschaften, wie zum Beispiel die Nichtauszahlung von erspielten Gewinnen oder die Manipulation von Spielabläufen, erzielen die Betreiber höhere Einnahmen und täuschen die zahlenden Spieler. Zudem sorgen Lücken in den Datenschutzbestimmungen dafür, dass unwissentlich persönliche Informationen oder Kreditkarten-Details weitergegeben werden. Die Spieler stehen also unter einem hohem Risiko Opfer von Kreditkartenbetrug zu werden.

Aber nicht nur die Betreiber der Glücksspiele, sondern auch deren Nutzer finden Mittel und Wege, um die Gewinne zu erhöhen. So gibt es bei Pokerspielen beispielsweise Absprachen zwischen Spielern am selben Tisch, um ahnungslose Mitspieler um ihr Geld zu bringen. Glücksspiele im Internet können jedoch kaum kontrolliert oder reguliert werden, da es sich als sehr schwierig gestaltet herauszufinden, wer ein Online-Kasino betreibt. Falls der Betreiber doch ermittelt werden kann, gibt es allerdings wenig rechtliche Möglichkeiten gegen einen Betrug vorzugehen (Hayer, Meyer 2005, S. 31).

2.5.1 Gefährdungspotenzial von Glücksspielen im Internet

Je nach Spielform ist das Stimulations- und Suchtpotenzial unterschiedlich hoch einzuschätzen. Besonders kasinotypische Online-Glücksspiele, wie Roulette oder Automatensimulationen sind als förderlich für exzessives Spielverhalten einzustufen. (Hayer, Meyer 2005, S. 32). Folgende strukturelle Merkmale sind laut Hayer und Meyer (2005, S. 32-33) für das Gefährdungspotenzial von Online-Glücksspielen von Bedeutung:

- Verfügbarkeit und Griffnähe Glücksspiele im Internet sind 24 Stunden an 7 Tagen der Woche verfügbar. Sie sind kostengünstig, bequem und ohne Kleidungs-vorschriften in den eigenen Räumlichkeiten der Wohnung oder des Arbeitsplatzes spielbar. Es gibt keine Wartezeiten und nahezu kaum Beschränkungen für die Spielteilnahme Minderjähriger oder Spielern die unter dem Einfluss von Rauschmitteln stehen.

- Ereignisfrequenz

Vor allem die Simulationen von Automatenspielen zeichnen sich durch ihre rasche Spielabfolge aus. Im Sekundentakt können die Teilnehmer ihr Geld riskieren und auf den angestrebten Gewinn hoffen. Auf diese Weise wird das Erleben eines Verlustes verkürzt und schnell eine neue Gewinnmöglichkeit in Aussicht gestellt. Durch sogenannte „Fast-Gewinne“(z.B. zwei von drei Walzen zeigen das gleiche Symbol), die vor allem im Automatenspiel dazu beitragen sollen, mehr Zeit und Geld zu investieren, glaubt der Spieler, dass er kurz vor dem großen Gewinn steht. Des Weiteren erfährt der Spieler einen hohen Grad an aktiver Teilnahme durch zahlreiche Klicks, Licht- und Tonsignale und das virtuelle Geräusch gewonnenen Geldes.

- Interaktivität

Durch die Teilnahme an Online-Glücksspielen kann vermehrt das Gefühl entstehen, das Spielgeschehen kontrollieren zu können. Tatsächlich kann der Spieler im Internet bei Roulette- oder Pokerspielen das Tempo bis zu einem gewissen Grad selbst bestimmen, was jedoch dazu beträgt den eigenen Einfluss zu überschätzen und vermehrt Zeit und Geld zu investieren.

- Bargeldloser Zahlungsverkehr

Mit Kreditkarten oder alternativen bargeldlosen Zahlungsvarianten kann bei Online-Glücksspielen um Geld gespielt werden. Diese Form der Bezahlung verschleiert den Wert des Geldes und sorgt häufig dafür, dass der Spieler den Überblick über die Zahlungen und Einsätze verliert. Auch der Zugang zur Bankverbindung ist nur einen Klick entfernt, was die Wahrscheinlichkeit von impulsiven Spieleinsätzen erhöht.

- Anonymität

Wer im Internet um Geld spielt, bleibt anonym und tritt weder mit anderen Spielern noch mit Angestellten in Kontakt. Ohne Angst vor Stigmatisierung können dort verschiedene Spielformen ausprobiert und Einsätze gemacht werden. Gefühlsausbrüche und Verlusterleben bleiben im Geheimen und der Spieler läuft nicht Gefahr von Arbeitskollegen, Freunden oder dem Partner entdeckt oder angesprochen zu werden.

- Realitätsflucht

Durch den beschriebenen Faktor der Anonymität kann das Online-Gambling eine eigene kleine Welt darstellen, in die der Spieler abtaucht um Stress, Sorgen und eigene Defizite auszublenden. Charakteristisch für diese Flucht aus der Realität ist der Verlust des Zeitgefühls während des Spielens.

- Abbau von Hemmschwellen Die Möglichkeit von Testspielen ohne Geldeinsatz fördert den Abbau von Hemmschwellen und Berührungsängsten. Ohne vorherige Anmeldung kann ein zunächst harmloser Erstkontakt mit Glücksspielen entstehen und der Spieler kann sich mit verschiedenen Spielformen vertraut machen. Zu beachten ist allerdings, dass die Gewinnwahrscheinlichkeit bei Testspielen wesentlich höher ist, weshalb der Spieler zu Fehleinschätzungen verleitet wird. Ziel der Anbieter ist es, die Grenze zwischen kostenfreien Spielen und tatsächlichen Glücksspielen zu verwischen.

- Vielfalt der Angebotspalette

Das Angebot an Glücksspielen im Internet ist groß. Neben verschiedenen Spielformen und Einsatzmöglichkeiten, gibt es beispielsweise diverse Chat-Räume, sowie Einzel- und Mehrspielermodi. Auf einigen Internetseiten für Sportwetten können sich Spieler außerdem die Zeit bis zum Spielergebnis mit kasinotypischen Glücksspielen vertreiben.

- Vermarktung

Viele Online-Glücksspielanbieter werben mit auffälligen Anzeigen im Internet, die unter anderem die höchste Auszahlungsquote oder die meisten Spielteilnehmer versprechen. Außerdem wird bei Neuanmeldung mit Bonuszahlungen oder Startkapital gelockt. Auch per E-Mail und durch willkürlich auftauchende Internetseiten (Pop-up-Fenster) soll die Neugier geweckt werden.

Zusammenfassend ist, aufgrund der genannten strukturellen Merkmale, festzustellen, dass zu dem Gefährdungspotenzial von Offline-Glücksspielen noch weitere Faktoren hinzukommen, die ausschließlich für Online-Gambling charakteristisch sind.

Ergänzend zu den oben beschriebenen Punkten, lässt sich außerdem das hohe Gefährdungspotential von Online-Poker erkennen. In der Glücksspielindustrie bilden Pokerspiele im Internet den zweitgrößten Markt weltweit (Buth, Kalke, Reimer 2013, S. 30). Da diese Spielform nicht ausschließlich durch den Zufall bestimmt wird, sondern auch Geschicklichkeit und „Know-how“ erfordert, entsteht bei vielen Spielern das Gefühl der Kontrolle über den Spielablauf. Es besteht zudem die Möglichkeit an mehreren Tischen zur gleichen Zeit zu spielen, die sich außerhalb des Internets nicht bietet. Dadurch steigt die Spielabfolge drastisch an und Verluste können kaum noch registriert werden, wenn an einem anderen Tisch gewonnen wird.

Auf diese Art werden Hemmschwellen und Berührungsängste abgebaut, die bei Glücksspielen in Spielbanken eventuell noch vorhanden sind. Anonymität im Internet kann dafür sorgen, dass pathologische Online-Glücksspieler länger unauffällig bleiben und deshalb später und spärlicher zu Beratungs- und Therapieangeboten kommen. Besonders für Minderjährige stellt das Glücksspiel im Internet eine hohe Gefahr dar. Fehlende Kontrollen und Sicherheitssperren in virtuellen Kasinos sorgen für einen großen Anteil an jungen Spielern. Laut Forschungsergebnissen sind 44,4% der Befragten der Onlineglücksspieler nicht volljährig (Motschmann et al. 2010, S. 23). Verschiedene Filtersoftwares (beispielsweise www.netnanny.com oder www.cybersitter.com) bieten zum Schutz der Kinder und Jugendlichen die Möglichkeit, diese und weitere gefährdenden Bereiche des Internets zu sperren. Zu beobachten ist ebenfalls, dass der Anteil der Mädchen und jungen Frauen unter den Nutzern gestiegen ist. Grund dafür könnte die zunehmende Feminisierung von Online-Glücksspielen sein (Griffiths 2009, S. 200). Dies lässt sich unter anderem an Werbeanzeigen erkennen, die zunehmend attraktive Männer zeigen, um das weibliche Geschlecht anzusprechen. Auch die grafische Darstellung einiger Kasinos soll dafür sorgen, dass Online-Glücksspiele nicht mehr allein männliche Nutzer anlocken.

Ergebnisse aus dem British Gambling Prevalence Survey zeigen jedoch, dass die Mehrheit der pathologischen Online-Glücksspieler junge, ledige, erwachsene Männer sind, die im Gegensatz zu Offline-Glücksspielern meist gut ausgebildet und berufstätig sind. Sie weisen höhere Ausprägungen in den DSM - Diagnosekriterien Gedankliches Eingenommensein und Spielen, um Problemen zu entkommen auf. Auch der Anteil an Alkoholkonsumenten ist signifikant höher (Griffiths 2009, S. 199 ff.).

Wiebe, Cox und Falkowski-Ham konnten zudem ermitteln, dass die Spieler mit den schwerwiegendsten glücksspielbezogenen Problemen häufig auch an Glücksspielen im Internet teilnehmen (Wiebe, Cox, Falkowski-Ham 2003, S. 33f.). Damit wird deutlich, dass Online-Gambling auch als Ergänzung zur Befriedigung der klassischen glücksspielbezogenen Abhängigkeit genutzt werden kann.

Empirische Untersuchungen zum erhöhten Gefährdungspotenzial von Online-Glücksspielen liegen bislang allerdings nicht vor.

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Details

Seiten
44
Erscheinungsform
Erstausgabe
Jahr
2014
ISBN (eBook)
9783958207738
Dateigröße
962 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v298147
Institution / Hochschule
Universität Kassel
Note
Schlagworte
Online-Gambling Gambling Internetabhängigkeit Face-to-Face Beratung Pathologisches Computerspielen

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