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Rave: Die Superkultur

Masterarbeit 2012 63 Seiten

Soziologie - Individuum, Gruppe, Gesellschaft

Leseprobe

5 Theorie der Subkultur

5.1. Einleitung

Die Motivation für Rolf Schwendter, eine Theorie über Subkultur zu schreiben, ging erstmals von einem Wunsch aus, den Begriff gegen „missverständliche Deutungen“ (Schwendter 1978, s. 10) zu schützen. Bis in die 70er Jahre hinein ist der Begriff Subkultur mit dem Begriff Gegenmilieu (gegen die etablierte Gesellschaft und das etablierte Kulturleben) gleichgesetzt worden. Für den marxistischen Soziologen Rudi Dutschke waren sie z.B. synonym. Es gab viele Sozialisten, Marxisten und Kommunisten, die den Begriff an sich rissen und als klassenkampftheoretischen Begriff[1] propagierten.

Wie Schwendter erwähnt, und wie Robert K. Merton zuvor vermittelt hat, ist die Theorie über Subkultur eine „... Theorie der mittleren Reichweite ...“( Ebd.). Damit gemeint ist, dass sie nicht einer weitgehenden empirischen Forschung entzogen ist – und somit keine hohe wissen­schaftliche Komplexität hat. Dies ist zum Teil auch noch heute der Fall. Damals waren die meisten Theoretiker, Geisteswissenschaftler und Medien sich in einer Sache einig; dem stark politisierenden Umgang mit dem Begriff Subkultur. Die Ansichten waren von der Idee, dass Subkultur automatisch Gegenkultur bedeutet, geprägt. Deswegen wurden Subkulturen oft revolutionär oder zumindest reformistisch in der Gesellschaft aufgefasst (Ebd. S. 10)

An dem Begriff Kultur haften mehrere Definitionen. Kultur, so Schwendter, „ ... ist der Inbegriff alles nicht Biologischen in der menschlichen Gesellschaft“ (Ebd., s. 10). Somit ist Subkultur ein Teil (ein Sub-Teil) dieses Ganzen in der menschlichen Gesellschaft. Kultur mit dem Präfix Sub, ist deshalb ein Segment der Hauptkultur[2] – „ ... jenes komplexe Ganze, das Wissen, Kunst Glauben, Moral, Recht, Brauch ... „ umfasst . (Ebd. 10ff. und Tyler 1924 zufolge). Auch Institu­tionen, Bräuche, Normen, Wertordnungssysteme, Bedürfnisse usw. sind hier mit einbezogen. Die Subkultur unterscheidet sich wesentlich von einer gegebenen Hauptkultur weil sich entweder die AkteureInnen einer Subkultur, als anders als normal oder bürgerlich definieren wollen, oder weil sich eine Hauptkultur von einer gegebene Subkultur unterscheiden will.

Eine Gegenkultur will sich als Opposition zum bestehenden System (den Werten und Normen der „herrschenden Majorität“ sehen. Eine Teilkultur hingegen, so der politische Soziologe Walter Hollstein, ist ein kulturelles System, das innerhalb der bestehenden Kultur ihr Eigenleben führt (Ebd. S. 12).

Die Diskussion der 70er Jahre über Subkultur konzentrierte sich, wie erwähnt, zunächst darauf, inwieweit der Begriff von einem sozialistisch-revolutionären Jargon entfernt werden kann, oder ob eine Subkultur automatisch „ ... eine Unterabteilung der kapitalistischen Kultur ist.“ (Ebd. s. 13f). Dies bedeutet wiederum, dass eine Subkultur niedriger als die Hauptkultur ist. Dies passt natürlich in den zeitgemäßen politischen Diskurs der Sozialisten.

Von den Boheme über Kommunisten bis zu den rechten Burschenschaften, verstanden sich alle als Subkultur, als Gegenkultur und nicht als Teilkultur. So war auch das Selbstverständnis der Hippies, wie auch der Beatniks, Rocker und anfangs der Hip-Hopper und der Raver eines, das sie nicht Teil der Hauptkultur sind, sondern etwas anderes, etwas, das keinen Platz im Normsystem der Hauptkultur hat. Ein Gefühl des Unerwünscht sein von Seiten der etablierten Gesellschaft und dessen Kulturleben herrscht in den meisten Subkulturen und wirkt zugleich als verstärkendes und bestätigendes Mittel für AkteureInnen innerhalb von Subkulturen.

5.2. Die Subkultur

Fast nie abweichend von der These, dass sich eine Subkultur links von der Mitte des politischen Spektrums befindet, erstrebt Schwendter eine Erklärung, weshalb AkteureInnen einer gegebenen Subkultur sich als Opposition zur Hauptkultur definieren. Albert Cohen zufolge lehnen Gegenkulturen Maßstäbe und Wertungssysteme der herrschenden Mittel­klasse[3] direkt und ausdrücklich ab und erschaffen ihr eigenes Ersatzstatussystem innerhalb ihrer Gegenkultur. Dieses System beruht auf Handeln im gleichen Bezugsrahmen und einer hierauf folgenden Konformität. Auch diese oppositionellen Subkulturen bekommen nach einiger Zeit, wo sich Akteure mittels ihres Handelns auf Suggestionsniveau gegenseitig und gegen die Gesamtgesellschaft bestätigen, eher einen subkulturellen Status, als einen gegen­kulturellen (Ebd. S. 24f).

Eine passive Anomie in einer kulturellen Gruppierung – hier mit Gedanken an Durkheims Angst und Unzufriedenheit des sich in Anomie[4] befindenden Individuums – kann zur Gruppenkultur werden und sich schließlich zur Subkultur formen. Die Unzufriedenheit wird deutlich und bewusst - wenn objektiv betrachtet, doch suggestiv bei den AkteurenInnen – zum Widerstreben gegen Moral und Normen der Hauptkultur. Somit schaffen sie ihre eigenen Normen, und unterscheiden sich somit auch von den Normen der Hauptkultur. Nach einiger Zeit können diese Subkulturen, wie z.B. Punks in den 80ern, mittels erhöhter Bewusst­werdung und steigender Information aus ihrer gegenseitigen Suggestion fallen und sich mehr und mehr wohlwollend oder nicht an die Hauptkultur anpassen (Ebd. S. 25)

Diese Anpassung von Subkulturen mit ihren Kulturprodukten an die Hauptkultur vollzieht sich zumeist in alltäglichen Lebenswelten. Die Lebenswelt kann sowohl als eine ontologische als auch als eine individuelle Erlebnisstruktur beschrieben werden. Die Lebenswelt wird in kultureller Hinsicht als kulturell vorliegendes Erfahrungs- und Wahrnemungsmuster bezeichnet, d.h. dass nach Jürgen Habermas „ ... Lebenswelten den Hintergrund von Über­zeugung und das Reservoir an Deutungsmöglichkeiten, auf deren Grundlage wir uns situativ verständigen und handeln.“ bilden (Klein 2004, s.30). Das bedeutet wiederum, dass spezifische neue kulturelle Praxen, wie die einer neuen Subkultur, sowohl auf dem lokalem als auch auf dem globalem Niveau im Verhältnis zur Kultur gesehen werden müssen, um die Affinität der Anpassung einer Subkultur oder Gegenkultur, unter einem zeitgenössischen kultur­industriellen Blickwinkel zu betrachten und zu verstehen. Das Kulturindustriemodell von Adorno und Horkheimer tut der post-modernen Kulturgesellschaft somit nicht mehr ganz Genüge. Eine Wechselwirkung zwischen Kulturindustrie und dem anfangs subkulturellen später popkulturellen Phänomen Ravekultur muss bei der Betrachtung der Aneignung der Ravekultur und deren Kommerzialisierung mit einbezogen werden (Ebd. S. 29ff) Natürlich beschreibt das Werk „Dialektik der Aufklärung“ (Adorno/Horkheimer 1969) immer noch treffend die Kulturindustrie der letzten 60 Jahre, wo kein Zweifel herrscht, dass Popkultur Hochkapitalismus ist[5], aber dennoch ist dieses Phänomen - wie es sich unten aus dem analysierten Material herausstellt - nicht mehr eindimensional, sondern in einer komplexen Korrelation zwischen AkteureInnen und Industrie zu sehen.

Theorien über Anpassung von Subkulturen, die auf gegenseitiger Suggestion beruhen, und früher oder später, ob sie wollen oder nicht, durch die Kulturindustrie einer Anpassung an die Hauptkultur unterworfen werden, werden nach Talcott Parsons unter dem Aspekt der „normativen Ausrichtung des Handelns“ weitergeführt (Schwendter 1978, s. 20). Bei Parsons werden Institutionen als „Systeme oder Erwartungsmuster“ gesehen. Diese Systeme sind Muster, die im alltäglichen Handeln so fest inkorporiert sind, dass sie als selbstverständlich aufgefasst werden. Parsons sieht in dieser legitimierenden Selbstverständlichkeit die Gefahr einer „Verinnerlichung von Herrschaft“, d.h. das nach Parsons Ansicht des Systemfunktionalis­mus eine Verinnerlichung von hauptkulturellen Elementen in einer gegebenen Subkultur auftreten könnten, weil die „normative Ausrichtung des Handelns“ eine inkorporierte Legitimation hat . Dies könnte wiederum eine mehr oder weniger eindimensionale Dynamik der Gruppenkultur im Verhältnis zur Hauptkultur mit sich führen (Ebd. 20ff)

Von der beschränkten Dynamik der Gruppenkultur nach Parsons entfernt sich Kingsley Davis nicht weit. Der US-amerikanische Soziologe, der sich von Parsons inspirieren ließ, beschreibt die Faktizität der Normen, wie sich diese erstrecken und wer sie letzten Endes macht. Die beschränkte Dynamik oder Freiheit, wird bei Davis von Anpassung ersetzt. Sein Parade­beispiel ist der Mann, der in bürgerlicher Gesellschaft, um akzeptiert zu werden rasiert sein muss. Rasiert oder unrasiert ist keine freie Wahl, in dem die Gruppe die Norm (das Rasiert-Sein) vorgibt. Im Bezug auf die Wahl des Rasiergegenstandes hat man jedoch die freie Wahl. Diese „Pressure Groups“ (ebd. S. 21) können zur moral- und normbestimmenden Macht in einer Gesellschaft werden – die größte von ihnen ist die gesetzgebende Regierung. „Pressure groups“ können für Anpassungen von gewissen Gruppen- oder Subkulturen sorgen. Eine gegebene Anpassung einer Subkultur oder Gruppenkultur kann entweder durch Verinner­lichung der Normen und Bräuche einer Gesellschaft oder durch offene Repression einer „pressure group“ geschehen. (ebd. S. 21f)

Der Kultursoziologin Sarah Thornton zufolge können „pressure groups“ eine Form von „moral panic“ (Thornton 1995, S. 120) ausrufen, um subkulturelle Elemente die nicht in das Wertesystem der Hauptkultur passen, zu bekämpfen. (Ebd.). In der Ravekultur geschah dies mit Hinblick auf den exzessiven Verbrauch der Partydroge Ecstasy, die durch intensive Medienberichterstattungen eine „moral panic“ zur Folge hatte. „Pressure groups“ wie Medien, Eltern oder gesellschaftliche Instanzen reagierten mit Empörung, Ausgangsverboten und Gesetzen gegen Raves. Beispielweise führte man in den USA den „Rave Act“ (Anti-Proliferation Act of 2003) (Anderson 2009, s. 102) ein und in Deutschland wurde die „Love Parade“, wegen Empörung über Hedonismus und Kosten der Müllbeseitigung nach Jahre langem Hin und Her über öffentliche Unterstützung, eingestellt.[6]

Die Dynamik zwischen Subkultur und Hauptkultur muss nicht nur von Seiten der etablierten Gesellschaft mit ihren „pressure groups“ ausgehen, sondern eine Subkultur kann sich auch in einem für sie veralteten Wertesystem ausbreiten.

„Es herrscht Einhelligkeit darüber, dass die Subkulturen in dialektischer Abhängigkeit vom gesamtgesellschaftlichen Wertsystem stehen.“ (Schwendter 1978, S. 23) Das bedingt, dass AkteureInnen einer Gesellschaft sich vermindert dem Konformitätsdruck[7] unterwerfen, wenn sie die augenscheinlichen Möglichkeiten haben sich in alternativen Wertesystemen (Subkulturen) zu gruppieren. Wiederum können diese Subkulturen sich in Subgruppen unterteilen, wenn genügend Mitglieder Wertanschauungen teilen.[8] In dialektischer Beziehung steht eine Subkultur auch wegen des Adaptionszwanges der Hauptkultur und sie kann sich mithilfe dieses Wechselspiels vor ihr schützen.

Der deutsche Soziologe und Mitbegründer der subjektorientierten Soziologie, Karl Martin Bolte, sieht in den Subkulturen (er nennt sie Kontrakulturen) eine „antibürgerliche Gegen­wertsbildung“ (Ebd. S. 23), also eine Schaffung von Werten, die sich gegen die Werte der Hauptkultur entwickelt. Nach Bolte mündet die Dialektik zwischen Hauptkultur und Subkultur in einer Kulturambivalenz. Dieser Kulturambivalenz-Kampf findet auf einem breiten Feld statt, wo Subkulturen unter dem andauernden Druck und Einfluss von älteren und in der Gesellschaft verankerten Wertesystemen wie Kirche, Militär, Schule, Medien und Sittenhütern, stehen.

Die Kulturambivalenz zwischen Subkultur und Hauptkultur beruht nicht zuletzt auf der Tatsache, dass Subkulturen fast immer auch Jugendkulturen sind. Zumindest entstehen die meisten Subkulturen wegen unterschiedlicher Wertevorstellungen gegenüber der von meist älteren Repräsentanten einer Gesellschaft geprägten Hauptkultur. Bei vielen heutigen Jugendkulturen ist zu bedenken, dass die subkulturelle Identität einer bestimmten Gruppierung oft mit einer gewissen Aktivität verbunden ist. So zählen z.B. Surfer, Skater oder Gamer zu einer Subkultur. Diese schaffen durch ihren Sport, ihre Aktivität, eine Identität, teilen aber zumeist viele der Normen, Moralvorstellungen und Werte der Hauptkultur. Natürlich gehören andere Elemente zu diesen Subkulturen, wie Mode, Design, Lebensstil, Musik etc.

Die Grundthese, dass Subkulturen - hier mit Hinblick auf Jugendkulturen - als notwendige temporäre Phase der Jugend entstehen, fanden in den 60er Jahren breite Zustimmung und hat auch heute noch ihre Richtigkeit. Für lange oder kurze Zeit entstehen diese Subkulturen, um früher oder später, wenn deren Repräsentanten älter werden, auszuklingen. Wie oben erwähnt besteht in diesen Subkulturen (z.B. Beatniks, Hip-Hopper oder bei den Ravern der 90er) bei manchen der AkteureInnen kein elementarer Widerspruch zwischen Subkultur und Hauptkultur (Ebd. S. 30f) oder zumindest nur ein temporärer, indem viele der AkteureInnen im Älter-Werden ihre Wertevorstellungen mehr und mehr verlieren.[9] Bei den meisten Jugendlichen gilt jedoch: „Subcultural capitals fuel rebellion against, or rather escape from, the trappings of parental class.“ (Thornton 1995, S. 12).

Erst wenn die herrschende Hauptkultur, die Generation[10] die an der Macht ist, also meistens die ältere Generationen, eine Subkultur als Bedrohung ihrer Werte und ihres Systems sehen, wird in manchen Fällen gegen sie eingeschritten. Man kann mit verschiedenen Mitteln, z.B. Gesetzesänderungen, Medienhetze, Manipulierung, öffentliche Unterdrückung, durch „pressure groups“, einschreiten und versuchen die Subkultur in die Knie zu zwingen. Dies kann natürlich auch das Gegenteil bewirken und eine Subkultur in ihren andersartigen Werten stärken. Beispielsweise können hier die Hippiebewegung, die Yippies, die Antikriegsbewegungen und später auch die Ravekultur in den USA und England genannt werden, die von Regierungen und manchen Medien gehetzt und unterdrückt wurden.

Jedoch ist es in den meisten Fällen der Wandel der Zeit und die mangelnde Rekrutierung von neuen Generationen, die die Popularität einer Subkultur bestimmen können, wobei die mangelnde Rekrutierung einer jüngeren Generation sehr wohl auf Schreck Kampagnen („moral panic“) von „pressure groups“ zurückzuführen sein kann.

Für Schwendter ist eine wichtige Differenzierung der Subkulturen danach, ob sie progressiv oder regressiv sind. Progressive Subkulturen „schauen“ in die Zukunft und haben in unterschiedlichem Ausmaß das Anliegen, die Gesellschaft zu verändern. Regressive Subkulturen hängen sich meistens an einen vergangen Gesellschaftszustand und wollen diesen wiederherstellen (z.B. Neonazis).

Weil die Ravekultur in den 90ern sich als „Neuerfindung“ einer Lebensform voller Lusterfüllungen sah und sozusagen für „Friede, Freude, Eierkuchen“[11] - das Motto der ersten Love Parade 1989 in Berlin - (Meyer 2000, s. 114) stand, und das öffentliche Feiern zur neuen Musikrichtung „Acid House“ nicht den Normen der BRD entsprach, muss sie als eine progressive Subkultur aufgefasst werden.[12]

Die Wertesysteme, Institutionen etc. der progressiven Subkulturen dienen dazu, Gesell­schaftsveränderungen zu erreichen, d.h. man will den gegenwärtigen Zustand einer gegebenen Gesellschaft aufheben und verändern. Die Wertesysteme, Institutionen etc. der regressiven Subkulturen fungieren in der Weise, dass sie vergangene Zustände einer gegebenen Gesellschaft restaurieren wollen (Schwendter 1978, s. 37.). Hier liegt die Ravekultur in einer Mittelposition, einerseits will man die „Raving Society“ mit Tanz und Feiern hervorrufen, anderseits feiern die meisten AkteureInnen die „Rave-o-lution“ nur in den Stunden, solange die Party dauert, und gehen danach in ihre eigentliche Lebensweise zurück[13].

Unter den progressiven Subkulturen kommen zwei Ausprägungen zum Vorschein: eine rationalistische und eine emotionelle. Die rationalistischen Subkulturen legen z.B. Wert auf Analyse und Selbstbestimmung (hierunter Studentenbewegungen, politisch aktive ethnische Minderheiten etc.). Dagegen legen die emotionell gefüllten Subkulturen beträchtlichen Wert auf individuelle Freiheit, ein allgemeines Nach-Vorne-Schauen und die Entwicklung des Bewusstseins (hierunter Hippies, Beatniks, Bohème, Rave etc.). Öfters kommt es in den progressiven Subkulturen zur Hybridität zwischen emotionellen und rationalistischen Ausprägungen, d.h. Analyse und Selbstbestimmung werden zum Mittel für individuelle Freiheit und Futurologie. (Ebd. S. 40)

Von Anfang an war die Ravekultur erstens eine emotionelle Subkultur und zweitens mit einer Praxis im Verhältnis zur Hauptkultur verbunden. Der Rave in sich selber ist eine Praxis, und zwar eine emotionelle Praxis. Zwar hatte die Ravekultur von Beginn an keine Rationalität in sich, aber ein Ethos, das simpel und transparent war, nämlich das PLUR-Ethos, „Peace, Love, Unity and Respect“ (Anderson 2009, s. 23).

Schwendter argumentiert dafür, dass progressive Subkulturen ohne Praxis isoliert werden, dass sie ohne Rationalität und Theorie zur blinden Praxis werden, und dass mangelnde Emotion und Bewusstsein wiederum zu Isolation und Aussterben führen, weil sie sich automatisch, im Verhältnis zur komplexen Hauptkultur und ihren Normen anpassen werden (Schwendter 1978, S. 48). Hierauf nennt Schwendter eine Reihe von Definitionskriterien für progressive Subkulturen.

1. Progressive Subkulturen wollen das hauptkulturelle Wertordnungssystem um­gestalten. Die Ravekultur kam mit ihrem PLUR-Ethos als Definition für die Werte ihrer Subkultur. Sie hat mit der oben erwähnten „Raving Society“ progressive Züge und die Raver haben ein anderes Wertordnungssystem als das Bürgerliche. Jedoch ist den meisten Politik egal, denn es geht um das feiern.
2. Progressive Subkulturen äußern ihre Antipathie gegenüber der bürgerlichen Gesellschaft direkt. Die AkteureInnen der Ravekultur benützten das Feiern als Ausdrucksform ihrer Verneinung und Andersartigkeit gegenüber den temporären Gesellschaftswerten.
3. Progressive Subkulturen entwickeln sich aus dem Proletariat heraus. Die ursprüng­lichen Raves wurden in alten Fabriken und Lagerhallen abgehalten. In Detroit, Chicago und Manchester war die anfängliche Ravekultur in den 80ern eine Reaktion der Arbeiterklasse auf die Deindustrialisierung der Großstädte. Und wie Hip-Hop waren ihre Akteure zu Beginn aus dem Ghetto und der Arbeiterklasse. In Deutschland war es Vertreter aus dem Kleinbürgertum, die am zahlreichsten in der Ravekultur von Anfang an repräsentiert waren (Schwanhäußer 2010, S. 15).[14]

Hierauf hatte Marcuse zwei Mindestforderungen an progressive Subkulturen, die zum größten Teil auch auf die Ravekultur reflektiert werden können:

„1. Dass das menschliche Leben lebenswert ist, bzw. gemacht werden sollte, 2. dass in einer gegebenen Gesellschaft spezifische Möglichkeiten zur Verbesserung des mensch­lichen Lebens bestehen sowie spezifische Mittel und Wege, diese Möglichkeiten zu verwirklichen.“ (Schwendter 1978, s. 38.)

Nach Marcuse sind Humanisierung und Technisierung neuer Werte, Institutionen etc. die beiden Fundamente des Fortschritts. Technologischer Fortschritt und Humanität können Subkulturen der Jugendlichen erweitern und künstlich verlängern und z.B. fremde politische Haltungen und das Annehmen von fremden Kulturen in der eigenen mit sich führen.

Sowohl eine Humanisierung als auch eine Technisierung erlebten die Raver, die in den letzten Jahren des Kalten Krieges aufwuchsen, spätestens nach dem Fall der Mauer. Sie hatten nun genügend Zeit um über anderes als Furcht vor einem möglichen Atomkrieg, Arbeitslosigkeit oder andere Gesellschaftsbedrohungen zu reflektieren. Das könnte ein gewisses kulturelles Vakuum, und oder ein befreiendes Gefühl á la „jetzt ist alles gut“ („Friede, Freude, Eier­kuchen“) mit sich geführt haben. Es scheint sich in den ethnografischen Beschreibungen über den Anfang der Ravekultur, von Gabriele Klein, Anja Schwanhäußer und Erik Meyer (Vgl. Klein 2004, Schwanhäußer 2010 und Meyer 2000) , ein Ausdruck von einem Vakuum, das eine Ära wie der Kalte Krieg in zwischenmenschlichen Aspekten mit sich führen kann, heraus zu kristallisieren. Dieses Vakuum könnte zur Euphorie und bewussten Steigerung des „Feierns ohne Ende“ -Ethos’ oder zumindest zu einer Motivation hierfür geführt haben. Es ist hier zu bedenken, dass diese Generation in Deutschland die erste vereinte und gleichzeitig „freie Generation“ war. „Mit der Öffnung der Berliner Mauer im November 1989 beginnt in Berlin ein Techno Boom. Bedingt durch den Autoritätsverlust der DDR-Organe ...“ (Meyer 2000, S. 56).

Die Ravekultur sorgte hier für die adäquate Erfüllung der Bedürfnisse der Jugendlichen, vielleicht konnte sie deswegen vor allen anderen Ländern in Deutschland so groß werden. Denn sie hatte keine politische, keine intolerante, keine verdammende oder jegliche andere kritische Agenda, sie stand für leichtes, unbeschwertes und kollektives Feiern. Das Bedürfnis zu Feiern schien allgegenwärtig in der deutschen Jugend. „Fuelled by desire, an instinct, a call for destruction, exhilaration, dis-order, a motivation often understood as animalistic, the féte ...“ (St John 2004, s. 69). Hinzu zur Öffnung gegen Osten kam eine Unzahl von neuen Locations.[15] Das Ritual des Raves wurde zur neuen vereinigenden Kraft unter den deutschen Jugendlichen.[16]

Eine Subkultur kann nicht nur emotionell geladen sein, wie die Ravekultur in Deutschland, sie kann auch viele unterschiedliche „Sub-Charakteristika“ haben. Um die Ravekultur später näher zu analysieren, folgt eine Erläuterung einer Auswahl dieser.

Wie gesagt teilt Schwendter Subkulturen in verschiedene Unterbegriffe ein; marxistisch, polyarchistisch, anarchistisch, evolutionistisch, technologisch-futurologisch, esoterisch und verschiedene Mischungen hier von.

- evolutionistisch: Man arbeitet in Richtung einer Analogie zwischen technischer Ent­wicklung und Humanisierung.
- technologisch-futurologisch: Besondere Betonung werden auf technologischen Fortschritt und die darauf folgenden Möglichkeiten gelegt.
- Esoterisch: Es wird fast nur Wert auf das außerordentliche individuelle Bewusstsein gelegt, das durch Meditation, Drogen, Kunst etc. erreichbar ist (Schwendter 1978, S. 38ff).

Die drei genannten „Sub-Charakteristika“ können nicht zu 100 Prozent auf die Ravekultur umgelegt werden, man kann jedoch deutliche Merkmale sehen. Eine Analogie zwischen Technik und Humanisierung ist deutlich erkennbar. Die Ravekultur ist mit einer Vergötterung von neuer Technik verbunden und des PLUR-Ethos steht für die Humanisierung. Bei technologisch-futurologischen Merkmalen kann auf das Gleiche hingewiesen werden. Die Esoterik der Subkultur Rave ist komplexer, denn die Raver versuchen sich individuell bewusst auszudrücken, aber spätestens bei den Raves werden sie zur Masse durch den Rhythmus der elektronischen Beats.

Heutzutage dreht sich der kulturelle Diskurs eher darum, ob eine Subkultur als eine rein kulturelle Instanz gesehen werden kann oder nicht, d.h. das man versucht den politisierenden Aspekt wegzulassen (auch wenn es fast unmöglich ist, ihn in manchen Subkulturen weg­zulassen, z.B. bei den Autonomen). Man versucht eher kulturelle Werte einer Subkultur zu betrachten, bspw. wird im kontemporären Kulturdiskurs eine Subkultur eher als Szene bezeichnet. Denn man sollte eher gesellschaftsreformistische und politische Aspekte umgehen, und nur kulturelle und gesellschaftstemporäre Elemente betrachten. D.h. dass man über die Punkszene oder Raveszene berichten kann, ohne dass irgendeine Form von versteckter Gesellschaftsnivellierung mit einbezogen werden muss.

Auch wenn die Raver ursprünglich kein gesellschaftsverändernde Ethos integriert hatten, war eine soziale Interdependenz zwischen Hauptkultur und Ravekultur als Subkultur unumgänglich. Und wegen eines anderen Wertesystems war es auch unvermeidbar, dass die Hauptkultur früher oder später darauf aufmerksam wurde und reagieren musste. Spätestens als die Ravekultur mit hyper-speed im Underground zu wachsen anfing, reagierten Gesellschaft und Regierung – wie erwähnt mit z.B. Gesetzten – dadurch, dass sie versuchten die Raver gesellschaftlich zu integrieren und auf der anderen Seite zu bekämpfen.

Die Dialektik zwischen Subkultur und Hauptkultur kann leicht und fasst immer auf wiederstrebende, subkulturelle Elemente gesteuert werden, und dies geschieht bspw. in der Politik regelmäßig. Denn Politiker brauchen Feindbilder, und wenn eine Subkultur wächst, ist dieses Feindbild leichter auszumachen und zu bekämpfen, als wenn sie sich im Underground befindet. Auch wenn sich eine Subkultur wie Rave eher als apolitisch sieht, wurde sie - oder vielleicht gerade deswegen - wie oben erwähnt, aktiv mit verschiedenen Mitteln bekämpft. Es kann natürlich als Gesellschaftsproblem gesehen werden, wenn eine Generation Jugendlicher am politisch demokratischen Prozess kein Interesse hat und sich nur mit Partys beschäftigen will. (Hier könnte die Frage gestellt werden, ob die Politiker oder die Jugendlichen am Desinteresse schuld sind!) „Auch das politische Tagesgeschehen trifft anscheinend nicht auf großes Interesse. Es ruft nicht einmal mehr Erregung hervor, sondern wirkt auf die Technoiden eher abturnend. Claudio: >>Was hier in Deutschland politisch passiert, interessiert mich eigentlich nicht<<.“ (Klein 2004, s. 70)

Man sollte vielmehr Subkultur und gesellschaftliche Phänomene oder Zustände negativer Art, „parasitäre Subkulturen“ (Schwendter 1978, s. 14 – zuflg. Rauter), die keine kultur­schaffenden Anreize in sich haben - wie Kriminelle, Prostituierte, Alkoholiker etc. – als Begriffe trennen. So sollten „parasitäre Subkulturen“ eher als gesellschaftliche Zustände bezeichnet werden, und nicht unter dem Begriff Subkultur kategorisiert werden. Zudem fallen Homosexuelle und BDSM[17] der Heteronormativität der Hauptkultur zum Opfer, wenn sie als Subkultur bezeichnet werden. Hier scheint eine Nivellierung dieser „Subkulturen“ bewusst umgangen zu sein, um Kirche und alte Gesellschaftswertesysteme zufrieden zu stellen.

5.3. Teilkonklusion

Die verschiedenen Soziologen, Politikwissenschaftler, Kulturforscher und andere Geisteswissenschaftler sind sich nicht über eine klare Definition von dem Begriff Subkultur einig. Der ganze Sinn der Forschung Schwendters ist ein Versuch, Klarheit über den Begriff Subkultur zu schaffen. Schwendter konnte sich jedoch nicht wirklich von dem zeittypischen Politisieren einer Kultur, die anders als die Hauptkultur (Subkultur) ist, entfernen. Er versucht Gründe und Analysen zu belegen und zu widerlegen. Vieles kann auf heutige Subkulturen projiziert werden. Dennoch gelingt ihm eine stetige Definition des Begriffs nur zum Teil und es herrschen bis heute noch Unklarheiten darüber, was eine Subkultur impliziert. Schwendter erwähnt allerdings selber, dass eine Theorie über Subkultur ständig verbessert und erneuert werden muss.

Der Kulturwissenschaftler Jochen Bonz, der das Buch „Subjekte des Tracks“ über das post­moderne Phänomen Subkultur geschrieben hat, erstrebt eine symbolische Ordnung der popkulturellen Wirkungsweisen in ihrem eigenen Referenzsystem. Zentral ist das Thema, welche Bedeutung ein ausdrückendes Medium – hier auf Subkultur bezogen – hat (Bonz 2008, s. 57). Der komplexe Begriff Subkultur ist anno 2012 eine zerrinnende Masse vieler Adjektive geworden. Medienwelten, Internetforen, Bücher, Kunst, urbane Kultur, Mode, Bars und nicht zuletzt die Kulturindustrie, alle wollen sie mitreden, wenn es darum geht, was Subkulturell und was Mainstream ist zu definieren. Sarah Thornton sieht einerseits ein kulturelles Feld von Subjekten als Subkultur, andererseits kann die „Normal-Kultur“ (Hauptkultur) ein kulturelles Feld als Subkultur auffassen. Die Scheidelinie ist sehr dünn. Thornton beschreibt ein subkulturelles Feld mit Theorien von Bourdieu als eine Art Milieu des gemeinsamen Geschmacks, das seinen in sich bewegenden Individuen ermöglicht, subkulturelles Kapital zu erwerben und zugleich die Effekte des Milieus zu erleben insbesondere die Abgrenzung von der Mainstream-Kultur (Thornton 1995, S. 10ff). Zudem steht eine Subkultur immer in einer Beziehung zur geltenden Hauptkultur. Sie definiert sich über ihr Verhältnis zu einer anderen Kultur (meistens der Hauptkultur) oder sogar anderen Subkulturen, d.h. die Subkultur ist fremdreferenziell. Jochen Bonz sieht in Verlängerung dazu den Begriff Subkultur als einen verschwindenden Begriff und die Ursache hierfür ist ein Verschwinden der hegemonialen, basalen kulturellen Ordnung – das, was Schwendter Hauptkultur oder Gesamtkultur nennt - in der sich die Subkultur reflektieren kann, und aus der sie sich, wegen in ihrer Ver­schiedenheit, definieren kann (Bonz 2008, S. 58). Dies begründet er damit, dass die Grenzen zwischen Hauptkultur und Subkultur nicht mehr deutlich genug gezogen sind, was in einigen Fällen nach einer Popularisierung von Subkulturen zutrifft, dennoch kann mit Sicherheit festgestellt werden, dass es subkulturelle Strömungen noch in großer Zahl gibt.[18]

Fakt bleibt, dass Subkulturen sich in Opposition zu etwas anderem sehen und so gesehen werden wollen. Ob das „Andere“ eine Hauptkultur oder die Mainstream-Popwelt ist, ist egal. Und wegen dieser „anderen“ Haltung haben sie auch einen verändernden Einfluss auf die hauptkulturellen Strömungen. Im Gegensatz zu Schwendters Theorien, die von einer zeit­gemäßen Ideologiedialektik geprägt sind, ist heutzutage, wie Bonz und Thornton bestätigen und wie erwähnt wurde, keine klare Definition des Begriffs Hauptkultur mehr möglich. Deswegen ist es auch schwer eine Subkultur, wie Schwendter es macht, mit einer Hauptkultur zu vergleichen. Heutzutage besteht eine nationale Kultur aus einem Sammel­surium an internationalen Einflüssen, verschiedensten subkulturellen Strömungen und hybriden Werte­vorstellungen. Und wie erwähnt legen viele Kultur-Politiker sogar Wert auf das subkulturelle Leben einer Großstadt und bekämpfen dieses meist nur, wenn sie eine augenscheinlich kriminelle Agenda haben.

Nichtsdestoweniger ist meine Definition einer Subkultur, die ich aus Schwendters Potpourri an Theorien herausnehme, eine Kultur, die sich in Opposition zum Mainstream[19], zur Popkultur, zu den Popcharts und zum bürgerlichen Establishment sieht. Es ist eine Kultur, die progressive Werte hat, die anders als die traditionellen Normen einer Gesellschaft sind. Auch wenn diese progressiven Werte nicht durch einen aktiven Kulturkampf gegen den politisch „rechten“ Feind zum Vorschein kommen (wie es durch und durch in Schwendters Buch der Fall ist), sind jetzige progressive Subkulturen geladen mit Werten, die verändern können. Der Kulturkampf, wenn es ihn überhaupt noch gibt, wird jedoch mit subtileren Mitteln geführt und ist oft auf Grund einer zwielichtigen Rolle der Kulturindustrie schwer durchschaubar.

In der Ravekultur orientiert man sich anfangs auf subkulturellen Wegen z.B. gegen die Popwelt und den Konservativismus. Diese Haltung wird in den 90ern zum Hybrid, mit dem PLUR-Ethos wollte man Veränderung durch passiven, fast transzendenten Protest erreichen. Ausgedrückt mitten im urbanen Geschehen (z.B. mitten auf dem Ku’damm – Love Parade 1989) auf aktive Weise, mit Tanzen und Feiern, bei manchen mit den Wunsch für eine lustigere und bessere Welt.

Abrundend konkretisiert Schwendter fünf theoretische Punkte über Subkulturtheorie:

1. Teile der Gesellschaft weichen von der Hauptkultur, inklusive ihrer Werte und Institutionen ab: und bilden Subkulturen.
2. Um eine Gesellschaft zu verändern, muss die ökonomische Basis und das Be­wusstsein der Hauptkultur erst verändert werden. Hierbei ist es wichtig zu wissen, welche Subkulturen dies wollen. Dabei muss man auf die Dialektik zwischen Hauptkultur und Subkultur und auch zwischen den Subkulturen untereinander sehen.[20]
3. Die Herrschenden – so auch die zeitgenössische Soziologie – versuchen durch verschiedene Formen von Repression Subkulturen der Hauptkultur anzupassen.
4. Progressive Subkulturen (Hippies, Studentenbewegungen, zum Teil Ravekultur etc.) sind Gegenmilieus. Sie sind in der Gesellschaft nützlich und gewährleisten nützliche Veränderungen in den herrschenden Institutionen.
5. „Subkulturen stehen in dialektischer Abhängigkeit vom gesamtgesellschaftlichen Wertsystem; sie schützen vor der vollständigen Anpassung an dieses.“ (Schwendter 1978, s. 28).

6. Die elektronische Tanzmusik

6.1. Einleitung

Sarah Thornton schrieb 1995 ihr Doktorat über Clubkultur, näher bezeichnet über subkulturelles Kapital, Medien und Musik im clubkulturellen Diskurs. Vorweg genommen muss werden, dass in den Jahren 1994 – ´95 die Ravekultur zum musikalischen Popphänomen oder besser gesagt vor allen anderen Musikrichtungen Mainstream wurde und somit bspw. auch die Charts anführte. Ravekultur wurde zur „Formel Pop“ und jeder, der Platten verkaufen wollte oder verkaufte, machte einen 0 8 15 Technotrack und versuchte mit ihm auf dem Pop Markt durchzuschlagen. Mitte der 90er war die Zeit der Underground-Subkultur Rave anscheinend vorbei, obwohl sie in alten Industriestädten wie Manchester, Detroit und Berlin noch hegemonisch neben dem Mainstream Techno existierte (Vgl. Anja Schwanhäußer 2010, Kapitel 6).

Techno war längst zum großen Geschäft geworden, und die meisten Jugendlichen wurden nicht mehr von Underground Events und innovativen Tracks angezogen, sondern von „Megaraves“ und „Street Parades“. Zahlreiche AkteureInnen, Pioniere und auch die Kulturindustrie sahen in der einstigen Subkultur eine finanzielle Quelle. Wegen dieser Mainstreamisierung musste auch das subkulturelle Kapital der Ravekultur neu definiert werden. „... the problem for underground subcultures is a popularization by a gushing up to the mainstream.“ (Thornton 1995, s. 5). Die Ravekultur verlor mit dem Einstieg in die Popkultur ihr subkulturelles Kapital, gewann aber ständig neue AnhängerInnen. Mit dieser Mainstreamisierung der EDM verlor sie nicht nur ihr subkulturelles Kapital, sondern auch ihre Authenzität in den Augen derjenigen, die seit den ersten Raves dabei waren. Die Mainstreamisierung führte zur überaffektierten und geschmacklosen Stilisierung und Trivialisierung der EDM[21]. Das „hippe[22] “, mit den Gesellschaftswerten brechende und neue, was man Anfang der 90er mit elektronischer Tanzmusik verband, war weg.

Der Rückgang der Ravekultur kann sich auf viele Problemstellungen festsetzen lassen. In den USA begann die Regierung in den 90ern mit ihrem „Rave Act“ unerlaubte Raves zu schließen, sie erhöhte die Strafen für Rave bezogene Delikte und fing an erhöhte Alters- und Drogenkontrollen in Clubs und auf Events durchzuführen (Anderson 2009, 5f). Wie in den USA so erließ man auch in England mit dem „Criminal Justice and Public Order Act“ „Anti-Rave“ Gesetze (Klein 2004, s. 5ff). In Deutschland kamen keine direkten Gesetze gegen die Ravekultur von Seiten der Regierungsmacht, es wurden lediglich weniger Genehmigungen erteilt.[23]

Wann auch immer eine Jugend-Subkultur populär wird, reagieren die Maschinen der Hauptkultur früher oder später. Obwohl Adorno und Horkheimer die „Dialektik der Aufklärung“ (Adorno/Horkheimer 1969) vor dem eigentlichen hervorkommen von jugendlichen Subkulturen schrieben (1944), ist die Kulturindustrie heute mehr als je an dem Konsum der Jugend interessiert. So saugt die Kulturindustrie die Authenzität aus z.B. subkulturellen Produkten, um an ihnen temporär zu verdienen (Ebd. S. 128ff) Der Authen­zitätsverlust führt die Subkultur in den Mainstream und der Verlust dieses subkulturellen Kapitals kann letzten Endes zum Rückgang eines jugendkulturellen Phänomen, wie z.B. der Ravekultur führen. Auch Medien und andere Gesellschaftsgruppen können mit Hilfe von, was Parsons, „pressure groups“ nennt, in einer gegebenen Gesellschaft auf Elemente mit alternativen Wertevorstellungen, wie Subkulturen, negativ reagieren und letztlich ihren Rückgang beschleunigen.[24]

Frisches Futter für Medien, Moral- und Sittenhüter sind immer „andersartige“ oder neue Gruppierungen, die in einer Gesellschaft entstehen. Deswegen ist es auch keine Überraschung, dass verschiedene Medien schnell zur „moral panic“ aufriefen. Sensationsjournalistik über Ausschreitungen, Drogenmissbrauch, Hedonismus und das moralische Verkommen einer ganzen Generation verkaufen sich immer gut. So wusste Die Zeit z.B. die Ravekultur wie folgend zu beschreiben; „Die Techno-Faschisten von heute sehen das Außergewöhnliche im Grenzerlebnis des Musik- und Drogenrausches und in einem terroristischen Aktivismus, der oft, jenseits aller politischen Zwecke, den Charakter eines quasi-surrealistischen acte gratuit annehmen kann.“ (Klein 2004, s. 15).

Ein massenmediales Phänomen, das eine „moral panic“ bewirkt, wird oft von Soziologen aufgegriffen oder behandelt. Sie sehen den „folk devil“ (die Verteufelung der Gesellschaft) in divergenten Jugendphänomen, in einem Zusammenspiel mit den Medien. Das Subjektive einer Jugendkultur kann somit von Soziologen charakterisiert werden. Sie etikettieren jugendkulturelle Phänomene in den Medien und rufen somit eine moralische Panik aus (Thornton 1995, s. 119ff). Dieser Medienhype kann sowohl zur subkulturellen Stärkung als auch zur Unterdrückung und schließlich zum Rückgang einer Subkultur führen. Aber nicht nur die Panik über die mit Drogen vollgepumpte „Ecstasy-Jugend“, sondern auch der implizierte Hedonismus und die exzessive Art zu feiern, erweckten bei den Politikern und der Elterngeneration Animosität. Die Ravekultur wurde auch von dem unaufhaltbaren Generationswechsel von der „Generation X“ zur „Generation Y“ (Anderson 2009, s. 82) beeinflusst. Der Generationswechsel brachte neue Trends, andere Musikrichtungen und Interessen mit sich.

Der Rückgang war aber nur kurzzeitig. In der zweiten Hälfte der 2000er sah man unerwartet ein Comeback der Ravekultur. Neue, junge DJs wurden zu den neuen Rockstars der Jugendlichen. Ihre Attitüden waren anders, die Musik war erneuert, vom Kitsch entfremdet, roh und minimal. Straßenfestivals wurden wieder stark, Rockfestivals hatten plötzlich Techno-Headliner, neue Mainstream Techno-Events zogen um die Welt, neue Technoclubs sprossen auf und der Techno kehrte sowohl in den Underground als auch auf die vordersten Plätze der Charts zurück.

[...]


[1] Klassenkampftheoretische Propaganda ist die sozialistische/ marxistische Propaganda der 60er und 70er. Vorwiegend jugendliche Gruppierungen, die links von der Mitte des politischen Spektrums sind, werden als Subkulturen bezeichnet. Hippies, Beats, Studentenbewegungen etc.

[2] Hauptkultur ist für Schwendter die herrschende Majorität oder das Establishment, d.h. das Bürgertum und Großbürgertum. Terminologien wie Hauptkultur und Gegenkultur sind typisch für die aufrührerischen 60er und 70er. Im Kontext des Ideologiekampfes dieser Zeit lies sich Schwendter von dem Geist der Zeit beeinflussen und tendiert deswegen zu generalisierenden Definitionen die heutzutage aus dem Kontext gerissen sind. Z.B. scheint eine Definition einer Hauptkultur in der heutigen Gesellschaft zu generalisierend. Wegen multikultureller Einflüsse, differenzierteren Ansichten über Bürgertum und die „herrschende Majorität“, ist es fast unmöglich eine Hauptkultur in einer Gesellschaft wie der Deutschen auszumachen. Heutzutage könnte man Hauptkultur mit Mainstream gleichsetzen. Dies beseitigt auch die Politisierung des Begriffs. Der Begriff wird hier weiter benützt und soll alles was Mainstream ist beschreiben, also bürgerliche Werte- und Normvorstellungen. Hinzu kommt, dass der Begriff Mainstream und Hauptkultur oft von den Subkulturen definiert wird und für ihre Identität wichtig ist, nicht umgekehrt.aus dedg iegend unter JUgendlicht mehr deutlich sind. z. viele et. Hippies, BEats a der 60er und 70. Vorwiegend unter JUgendlich

[3] Die Mittelklasse ist die Bevölkerungsschicht, die sich in den 60ern und 70ern aus dem Proletariat heraus durch verbesserte Lebensumstände entwickelt. Sie wird somit zur größten Bevölkerungsschicht in den meisten post-industrialisierten westlichen Ländern.

[4] Vgl. http://www.leksikon.org/art.php?n=83. Gelesen 23.1.12.

[5] http://www.freitag.de/2003/38/03381702.php. Gelesen 6.1.12

[6] http://www.jura-lotse.de/newsletter/nl12-002.shtml. Gelesen 6.1.12

[7] Der Konformitätsdruck, über den Schwendter berichtet, muss wiederum im Kontext der 60er und 70er Jahre stehen. Es gibt noch immer einen Konformitätsdruck gegen gewisse subkulturelle Elemente (z.B. Kriminelle), jedoch sind Subkulturen sowohl akzeptiert als auch erwünscht, um ein attraktives Kulturbild, was z.B. Tourismus fördert, zu pflegen. Viele von Schwendters Annahmen sind deutlich von seiner Gegenwart und von ideologischen Elementen geprägt.

[8] Dies ist bei musikalischen Subkulturen oft der Fall. Das Phänomen ist bei der auf technologischen Fortschritt basierenden Ravekultur von Anfang an ausgeprägt, wie es in der „Begriffserklärung“ zu sehen ist.

[9] Dass muss nicht bedeuten, dass die gegebene Subkultur somit untergeht oder völlig verschwindet. Der Ansporn zum Ansammeln von subkulturellem Kapital (vgl. Thornton 1995, S. 98ff) ist immer groß unter den Jugendlichen, und kann öfters in mehrere verschiedene Phasen unterteilt werden. Diese Phasen sind in der postmodernen Gesellschaft genau so individuell, wie die Dauer einer solchen Phase es ist.

[10] Der Begriff Generation wird in der Wissenschaft oft in einem Intervall von 30 Jahren gesehen. Jedoch gibt es, nach dem Soziologen Karl Mannheim, auch z.B. Generationserlebnisse (vgl.http://www.postkiwi.com/2005/karl-mannheim-on-generational-cohorts/. Gelesen 24.1.12.), also prägende Ereignisse in der Kindheit und Jugend, die einen Einfluss auf ganze Geburtsjahrgänge haben. z.B. die 68er Generation (geb. um 1940 – 1950) und nach den Studentenbewegungen benannt), die Baby Boomer (in Deutschland 1955 –’65), nach den ersten besseren Zeiten nach dem 2WK benannt oder die Generation X (geb. In 1960ern und ’70ern), nach den Jugendlichen die mit einer ständig schnelleren technischen Entwicklung aufwuchsen benannt.

[11] Friede stand für Abrüstung, Freude für bessere Völkerverständigung und Eierkuchen für gerechte Verteilung der Nahrungsmittel, obwohl dieses Motto eher wegen einer Genehmigung zur Durchführung als Demonstration verwendet wurde (Meyer 2000, s.114)

[12] Die schwarz/weiß Auffassung und Unterscheidung von progressiv und regressiv ist in unserer Zeit nicht länger aktuell, und Schwendter generalisiert tendiert unter diesem Aspekt auch zu sehr zur sozialistischen Sicht der Gesellschaft. Eine Subkultur hat oft sowohl regressive als auch progressive Elemente. So sind z.B. nicht alle Hippies aktive Gesellschafts-Veränderer. Manche kifften einfach nur, und bezeichnen sich deshalb als Hippies. Nicht alle Punks sind auch Anarchisten, auch wenn sie dies behaupten und nicht alle Raver wollten die Welt ”besser feiern“, manche wollten einfach feiern und haben eher eine „ist mir egal“ Haltung zu gesellschaftlichen Themen als eine progressive.

[13] Schlagwort dieser Zeit ist der Begriff der „Raving Society“. Westbam (Pionier der deutschen Technoszene: http://westbam.com/bio.php) definiert sie heute wertfrei so, dass die Musik Techno und die Raves der 90er nicht nur die Gesellschaft beeinflusst haben, sondern dass auch das gesteigerte Interesse der normalen Gesellschaft an Techno das Denken der Macher und Musikschaffenden nachhaltig verändert haben.”(http://mitteldeutschland.partysan.net/clublife/westbam-beatboxrocker-prophet-der-raving-society/ gelesen 24.1.12.) So auf jeden Fall wird es von den AkteurInnen selber beschrieben! Fakt ist, dass Techno in den 90ern das größte Popphänomen war, und natürlich in gewissen Formen die Gesellschaft verändert hat und wenn nicht auf andere Weise, dann auf die in der man Jugend-Marketing und Eventmanagement betreibt (siehe Kapitel 6.4 „Die Superlative“).

[14] Es wird hier wieder deutlich, dass Schwendter sehr von seiner Zeit geprägt wurde und Subkultur in der Ideologie der Dialektik der 60 und 70er Jahre diskutiert. Und obwohl es ein ausgeprägtes Kennzeichen der meisten Subkulturen war und ist, dass sie eine Form von Gegenpol zur bürgerlichen Welt oder zum Mainstream sind, hat Schwendter, zeitgemäß, die Tendenz, den Begriff Subkultur über zu politisieren. Auch wenn er versucht den Begriff von politischen Konnexionen zu befreien. Dies gelingt ihm allerdings nur zum Teil.

[15] Die Location ist neben der Musik das wichtigste bei Raves. Sie kann alles vom Waldstück über Fabrikhallen bis hin zu Clubs sein.

[16] Die Anzahl der Raver wird in Deutschland auf 3,5 Millionen Jugendliche geschätzt (Klein 2004, s. 133).

[17] Ist eine Sammelbezeichnung für: Bondage & Discipline, Sadism & Masochism.

[18] Man denke nur an die Unzahl von Sub-Genres die alleine der EDM abgeworfen hat und abwirft, die sich erst im Underground als subkulturelle Strömungen des EDM verbreiten.

[19] Des weiteren wird der Begriff Hauptkultur als Bezeichnung für das, was die erwähnte Mainstream-Kultur beinhaltet, gelten und gegen die sich die Subkultur ausdifferenziert.

[20] Wie erwähnt ist dieses Model veraltet. Denn sowohl Subkultur wie auch Hauptkultur sind hybride Begriffe. Die Ravekultur verinnerlichte die ökonomische Basis anstatt sie zu bekämpfen.

[21] Man könnte hier bspw. Lieder wie „Barbie Girl“ von „Aqua“, Cotton Eye Joe“ von „Rednex“ oder „Anton aus Tirol “ von den „DJ Ötzi“ nennen. Diese sind nur einige Beispiele für die Unzahl an Techno Pop Nummern die ganz oben in den deutschen Charts der 90ern standen (Vgl. http://www.chartsservice.de/historyd1.htm, gelesen 6.2.2012).

[22] Sarah Thornton definiert das „hip“ als den Unterschied zwischen den „Coolen“ – die subkulturell Kapital starken – und dem Mainstream. Es handelt sich hier also um einen Kampf zwischen „Cool-Sein“ oder einfach dem Strom zu folgen (Thornton 1995, S. 5).

[23] z.B. entzog man der Love Parade die Bezeichnung als Demonstration, und so musste man selber für die millionenschwere Aufräumarbeit sorgen. http://www.jura-lotse.de/newsletter/nl12-002.shtml. Gelesen 25.1.12. Natürlich ist dieser Beschluss im Angesicht der Kosten für die Stadt Berlin zu sehen, trotzdem war sie ein harter Schlag für die Ravekultur in Deutschland.

[24] Siehe Theorie Abschnitt Seite 12.

Details

Seiten
63
Erscheinungsform
Erstausgabe
Jahr
2012
ISBN (eBook)
9783958207868
Dateigröße
4.1 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v298156
Institution / Hochschule
Universität Leipzig
Note
1,8
Schlagworte
Technoszene Kultureller Wandel Genreübergreifende Kultur Haupttkultur Rave elektronische Musik

Autor

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Titel: Rave: Die Superkultur