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Zigarettenkonsum bei Jugendlichen: Erklärungsansätze und primäre Prävention

Bachelorarbeit 2012 34 Seiten

Psychologie - Beratung, Therapie

Leseprobe

2 Theoretischer Hintergrund

In diesem Kapitel werden Begriffe erläutert, deren Verständnis für diese Arbeit wichtig sind, und ihre Bedeutung im Zusammenhang mit dem behandelten Thema ausgeführt. Anschliessend wird die Theorie des geplanten Verhaltens vorgestellt, welche unter anderem in der Sozial- und Gesundheitspsychologie eine wichtige Rolle spielt und eine Erklärung dafür bietet, wie es von einer Einstellung über die Intention zu aktuellem Verhalten kommt. Im dritten Teil wird ein Modell vorgestellt, das den Prozess des Suchtbeginns beim Rauchen veranschaulicht, und auf welches im weiteren Verlauf der Arbeit mehrmals zurückgegriffen wird.

2.1 Definitionen

In den folgenden Abschnitten wird als Erstes der Begriff Jugendalter, welcher sich schon im Titel dieser Arbeit zeigt und daher von zentraler Bedeutung ist, definiert und zeitlich eingegrenzt. Anschliessend wird der Ausdruck Prävention erläutert und verschiedene Dimensionen, welche eine Klassifizierung von Präventionsmassnahmen ermöglichen, vorgestellt. Schliesslich folgt eine Eingrenzung des Begriffs auf die für diese Arbeit relevanten Dimensionen.

2.1.1 Jugendalter

Der Begriff der Jugend ist ein Konstrukt, das stark von der jeweiligen Gesellschaft, Epoche und anderen kulturellen Gegebenheiten abhängt. Oerter und Dreher (1998) haben in ihrem Kapitel zum Thema Jugendalter Angaben aus verschiedenen Literaturquellen zusammengefasst und eine Alterseinteilung präsentiert, die in dieser Arbeit verwendet wird. Entsprechend dieser Alterseinteilung dauert die Adoleszenz vom vollendeten 10. Lebensjahr bis zum 21. Lebensjahr. Unterteilt ist sie in die frühe Adoleszenz, die vom 14. bis 18 Lebensjahr währt, und die späte Adoleszenz, die die Zeitspanne vom 18. bis 21. Lebensjahr umfasst. Das Jugendalter schliesslich erstreckt sich vom 11. bis 18. Lebensjahr und schliesst damit die Transeszenz, die „den Übergang von der Kindheit in die frühe Adoleszenz“ beschreibt, mit ein (Oerter & Dreher, 1998, S. 312).

Die vorliegende Literaturarbeit konzentriert sich auf die Alterspanne, die von Oerter und Dreher (1998) mit Jugendalter betitelt wird, wobei in einzelnen Studien auch Personen unter 11 Jahren teilgenommen haben. Die Mehrheit der untersuchten Personen war jedoch 11 bis 14 Jahre alt und kann damit der Phase der Transeszenz und dem Jugendalter zugeordnet werden.

2.1.2 Prävention

Prävention ist ein Begriff, der relativ häufig und in vielen Kontexten gebraucht wird. Aus diesem Grund findet man dazu unzählige Definitionen, die oft unterschiedliche Aspekte betonen und sich mit dem jeweiligen Bezugsrahmen von einander unterscheiden. Dennoch lassen sich einige Aspekte finden, die eine Präventionsmassnahme charakterisieren. Die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA, 1998) in Deutschland hat diese zusammengetragen und aufgelistet:

- Ziel der Prävention ist es, das gesundheitliche Befinden der Bevölkerung, oder einer Teilgruppe davon, zu verbessern bzw. zu erhalten.
- Angesetzt wird auf mehreren Ebenen, z.B. auf Ebene der Einstellungen und auf der Wissensebene
- Präventionsmassnahmen zielen auf dauerhafte Veränderungen im Erleben und Verhalten

Caplan (1964, zit. nach BZgA, 1998) hat als Erster eine Einteilung in primäre, sekundäre und tertiäre Prävention vorgenommen. Primärpräventive Strategien zielen darauf ab, die Neuerkrankungsrate (Inzidenzrate) von Krankheiten und Störungen zu senken. Dies geschieht durch das Vermeiden oder Reduzieren von Risikofaktoren.

Sekundäre Prävention umfasst Massnahmen wie Früherkennung, Frühdiagnostik und Frühtherapie und zielt darauf ab, bereits bestehende Erkrankungen in einem möglichst frühen Stadium zu erkennen und zu therapieren.

Tertiäre Prävention schliesslich befasst sich mit der Reduktion und Beseitigung von Folgeschäden einer Erkrankung und kann prinzipiell mit der Rehabilitation gleichgesetzt werden.

Wichtig für die vorliegende Arbeit ist ausschliesslich das Konzept der primären Prävention, da die Ausarbeitung von Massnahmen zur Rauchprävention bei Jugendlichen angestrebt wird.

Eine weitere interessante Konzeption hat Perrez (1992, zit. nach BZgA, 1998) vorgenommen, indem er drei zentrale Dimensionen der Prävention unterschied: die Spezifität, die Zielgruppe und die Interventionsebene. In Bezug auf die Spezifität lassen sich spezifische von unspezifischen Massnahmen unterscheiden, wobei sich Erstere dadurch auszeichnen, dass ein Rückgang von Inzidenz- und Prävalenzraten von Erkrankungen angestrebt wird. Auf Ebene der Zielgruppe lassen sich bevölkerungsbezogene Mittel von solchen unterscheiden, die auf bestimmte (gefährdete) Personengruppen abzielen. In Bezug auf die Interventionsebene schliesslich kann man die personenorientierte von der systemorientierten Prävention abgrenzen. Bei personenorientierten Massnahmen liegt der Fokus auf der Person und die Massnahmen setzen direkt bei dieser Person an, während bei der systemorientierten Prävention strukturelle Veränderungen der Umwelt von grösserer Bedeutung sind, um ein geeignetes Umfeld für neue Verhaltensweisen zu schaffen. In dieser Arbeit werden überwiegend spezifische Massnahmen mit einem Fokus auf bestimmte (gefährdete) Personengruppen, namentlich die Jugendlichen, berücksichtigt. In Bezug auf die Interventionsebene werden sowohl personenorientierte wie auch systemorientierte Ansatzpunkte vorgestellt.

2.2 Theorie des geplanten Verhaltens

Die Theorie des geplanten Verhaltens ist ein Modell für die Beziehung zwischen Einstellung und Verhalten. Sie ist eine Erweiterung der Theorie des überlegten Handelns von Fishbein und Ajzen (1975). Diese besagt, dass zwei Dinge Verhaltensabsichten beeinflussen: die Einstellung gegenüber dem Verhalten und die subjektive Norm. Verhaltensabsichten wiederum sagen das Verhalten direkt vorher (Haddock & Maio, 2007). Die Einstellung gegenüber dem Verhalten bezieht sich auf die Einstellung, die ein Individuum gegenüber demjenigen Verhalten hat, welches man mit Hilfe des Modells vorhersagen möchte. Mit der zweiten Komponente, subjektive Norm, ist die Bedeutsamkeit des relevanten Verhaltens für wichtige andere Personen, nach Auffassung der interessierenden Person, gemeint.

Was die Theorie des geplanten Verhaltens nun von der Theorie des überlegten Handelns unterscheidet, ist eine weitere Komponente, die Ajzen (1991) später hinzugefügt hat: die wahrgenommene Verhaltenskontrolle. Haddock und Maio (2007) definieren diese als die „subjektive Wahrscheinlichkeit des Individuums, ob es in der Lage sein wird, das betreffende Verhalten auszuführen“ (S. 219). Denn eine stark positive Einstellung gegenüber einem Verhalten und eine wahrgenommene hohe Wichtigkeit für relevante Personen nützen meist nicht viel, wenn ein Individuum denkt, das Verhalten läge nicht in seiner oder ihrer Gewalt. Die wahrgenommene Verhaltenskontrolle hat aber nicht nur einen indirekten, über die Verhaltensabsicht vermittelten Einfluss auf das Verhalten, sondern wirkt auch direkt (siehe Abbildung 1). Diese Wirkung ist allerdings von der tatsächlichen Kontrolle über die Handlung abhängig. Das heisst, wenn jemand denkt, er habe die volle Kontrolle über ein Verhalten, dies aber nicht den Tatsachen entspricht, dann wirkt die wahrgenommene Verhaltenskontrolle nur auf die Verhaltensabsicht.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 1: Theorie des geplanten Verhaltens. Der gestrichelte Pfeil stellt die von der tatsächlichen Kontrolle über das Verhalten abhängige direkte Wirkung der wahrgenommenen Verhaltenskontrolle auf das Verhalten dar. Gemäss Haddock & Maio (2007, S. 219).

2.3 Stufen des Suchtbeginns

In der Forschung zum Prozess der Suchtentwicklung bei Tabakprodukten gab es im Bereich der Psychologie zwei Richtungen: Ein Teil der Forschenden hat sich mit dem Verhalten befasst und darauf aufbauend verschiedene Stufen des Rauchbeginns postuliert, während andere die motivationale Komponente fokussiert haben und ihre Prozessmodelle daran anknüpften. Ein wichtiger Vertreter der erstgenannten Gruppe ist Flay (1998, zit. nach Kremers, Mudde, & De Vries, 2004), der ein Modell mit vier Stufen vorschlug. Nach diesem Modell waren Personen, die noch nie eine Zigarette probiert hatten, never smokers (Niemals-Raucher). Personen der zweiten Stufe, genannt initial trying (erstes Versuchen), hatten Zigaretten zumindest schon ein paar Mal probiert. Die dritte Stufe nannte Flay experimental stage (Experimentierphase) und meinte damit Personen, die über eine längere Zeit wiederholt, aber unregelmässig, rauchten. Die vierte Stufe (regular smoking, regelmässiges Rauchen) schliesslich bezeichnete regelmässiges, mindestens wöchentliches Rauchen. In Bezug auf die motivationalen Unterschiede zeigten induktive Tests (Kremers, 2002), dass drei Stufen unterschieden werden müssen: Committed (überzeugt), immotive (unentschieden), contemplating (erwägen). Kremers et al. (2004) haben versucht, die beiden Konzepte zusammen zu bringen und das Model of Unplanned Smoking Initiation of Children and Adolescents (MUSICA) (Modell des ungeplanten Rauchbeginns bei Kindern und Jugendlichen) konzipiert (siehe Abbildung 2). Dieses Modell, das sowohl behaviorale wie auch motivationale Komponenten berücksichtigt, unterscheidet insgesamt neun verschiedene Stadien, wovon sieben eine Bedeutung für den Rauchbeginn haben: 1) committed never smokers (überzeugte Niemalsraucher), 2) immotive never smokers (unentschiedene Niemalsraucher), 3) immotive triers (unentschiedene Erprober), 4) immotive experimenters (unentschiedene Experimentierer), 5) contemplating experimenters (erwägende Experimentierer), 6) immotive nonsmoking deciders (unentschiedene Nichtrauch-Entscheider) und 7) committed nonsmoking deciders (überzeugte Nichtrauch-Entscheider).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 2: Model of Unplanned Smoking Initiation of Children and Adolescents (MUSICA). Gemäss Kremers et al. (2004, S. 643)

Das Durchschreiten der verschiedenen Stufen geschieht folgendermassen: Jede Person startet im Stadium des immotive never smokers. Von dieser Stufe aus erfolgt entweder ein Wechsel auf die Stufe des committed never smokers, indem man sich für das Nichtrauchen entscheidet, oder das Rauchen wird ausprobiert (immotive trier). Werden diese Rauchversuche gestoppt, bevor sie mindestens einmal monatlich vorkommen, wechselt man damit auf die Stufe des immotive nonsmoking deciders, experimentiert man weiter, wird man zum immotive experimenter. Ein nonsmoking decider kann sich entweder dazu entscheiden, Nichtrauchende zu bleiben (committed nonsmoking decider) oder zurück in ein Versuchsverhalten fallen (immotive trier oder immotive experimenter). Individuen können diese Stadien mehrmals durchlaufen, bevor sie sich dazu entschliessen, nicht mehr zu rauchen oder einen Rauchbeginn in Erwägung ziehen. Wenn immotive experimenters konkrete Pläne machen, innerhalb der nächsten fünf Jahre mit dem Rauchen zu beginnen, werden sie zu contemplating experimenters. Von dieser Stufe aus können sie entweder zu regelmässigen Rauchern werden oder sich zurück in den Kreislauf der Unentschiedenheit bewegen. Dieser Kreislauf umfasst all diejenigen Stufen, auf welchen sich eine Person noch nicht definitiv für das oder gegen das Rauchen entschieden hat. Es ist möglich, dass sich eine Person wiederholt in diesen Kreislauf hinein und wieder hinaus bewegt, oder dass sie mehrmals zwischen den verschiedenen Stadien der Unentschiedenheit hin und her wechselt.

Kremers et al. (2004) haben dieses Modell an 10‘170 europäischen Jugendlichen überprüft. Die längsschnittliche Untersuchung zeigte, dass das Risiko, mit dem Rauchen zu beginnen, signifikant anstieg, wenn die Jugendlichen sich bei der ersten Messung schon in fortgeschritteneren Stadien befanden. So war die Wahrscheinlichkeit, dass ein Jugendlicher, der bei der ersten Messung als immotive never smoker klassifiziert worden war, bei der Nachbefragung ein Jahr später bereits rauchte, mehr als 2 Mal so gross wie für einen committed never smoker (odds ratio = 2.30, p < .001). Ein immotive trier wiederum hatte ein über 4 Mal so grosses Risiko wie ein immotive never smoker (odds ratio = 4.34, p < .001). Immotive experimenter und contemplating experimenter hatten im Vergleich zu Personen aus dem jeweils vorangehenden Stadium (immotive trying, immotive experimenting) ein etwa doppelt so hohes Risiko, innerhalb des untersuchten Jahres mit dem Rauchen zu beginnen (odds ratio = 2.13 respektive 1.93, p < .001 respektive .01).

3 Prädiktoren des Rauchbeginns

Im dritten Kapitel dieser Arbeit werden Faktoren vorgestellt, die den Rauchbeginn bei Jugendlichen begünstigen. Diese Prädiktoren wurden in die folgenden vier Unterkapitel gegliedert: soziodemographische Prädiktoren, soziale Prädiktoren, intrapersonale Prädiktoren und verhaltensbezogene Prädiktoren, und werden nun in dieser Reihenfolge präsentiert.

3.1 Soziodemographische Prädiktoren

Soziodemographische Faktoren sind Variablen, die eine Bevölkerung oder Gesellschaft beschreiben, darunter fallen beispielsweise das Alter, die Bildung oder das Geschlecht.

Radtke et al. (2011) konnten in ihrem Forschungsbericht zum Tabakkonsum von Schweizer Jugendlichen im Alter von 14 bis 19 Jahren zeigen, dass bei den jungen Männern der Raucheranteil etwas höher lag als bei den jungen Frauen. Dieser Unterschied von 1 bis 5 Prozentpunkten war während des gesamten untersuchten Zeitraums von 2001 bis 2010 vorhanden.

Auch das Alter scheint einen Einfluss auf das Rauchverhalten zu haben, denn der Bericht von Radtke et al. (2011) dokumentierte, dass der Raucheranteil bei den Schweizer Jugendlichen mit dem Alter zunahm. Während bei den 14- und 15-jährigen in den Jahren 2009 und 2010 ungefähr jeder und jede Zehnte rauchte, war es bei den 16- bis 17-jährigen schon mehr als jeder Vierte.

Ein Übersichtsartikel von Conrad, Flay und Hill (1992), in welchem die Ergebnisse aus 27 Studien zusammengefasst wurden, deckte ebenfalls auf, dass das Alter in mehreren Studien einen positiven Zusammenhang mit dem Rauchbeginn bei Jugendlichen aufwies. Ebenso zeigte sich ein Zusammenhang zwischen sozioökonomischem Status und Rauchbeginn, wobei ein niedrigerer sozioökonomischer Status mit einer höheren Wahrscheinlichkeit eines Rauchstarts verbunden war (Conrad et al., 1992).

3.2 Soziale Prädiktoren

Soziale Variablen beziehen sich auf Faktoren im Zusammenhang mit Prozessen in der Gesellschaft. Sie spielen eine wichtige Rolle für das Verhalten von Menschen, da wir häufig von einander lernen und unser Verhalten den jeweiligen Normen in einer Gruppe anpassen. So ist es nicht verwunderlich, dass die Familie, Freunde und weitere Personen im sozialen Umfeld auch auf das Rauchverhalten, insbesondere bei Jugendlichen, einen Einfluss haben. Dies zeigen auch qualitative Studien, bei denen Jugendliche teilweise direkt nach Gründen, die für oder gegen das Rauchen und den Rauchbeginn sprechen, gefragt wurden. Eine solche Studie haben Curbow et al. (2007) realisiert. Zu diesem Zweck haben sie Tiefeninterviews mit 108 Mädchen durchgeführt, innerhalb welcher die Schülerinnen 58 Faktoren danach sortieren mussten, ob es Gründe waren, die eher für oder gegen das Rauchen sprachen. Bis auf ein Item (sorgt sich um ihr Gewicht) wurden alle von mehr als der Hälfte der Mädchen als Risiko- bzw. Schutzfaktor eingeteilt (Mittelwert der Einigkeit bei den Risikofaktoren = 80.9%, Mittelwert der Einigkeit bei den Schutzfaktoren = 92.6%). Die mit den Risikofaktoren durchgeführte Hauptkomponentenanalyse mit Varimaxrotation identifizierte sieben Risikofaktoren, wovon fünf (soziale Faktoren, Zugang zu Zigaretten, Zigaretten in den Medien, Familie, Angebote) sich auf die soziale Umgebung bezogen.

In den folgenden drei Abschnitten werden nun einige quantitative Studien vorgestellt, die sich unter anderem mit dem Einfluss von Freunden, Familie und Rauchszenen in Filmen auf den Rauchbeginn bei Jugendlichen befasst haben.

3.2.1 Freunde

Verschiedene quantitative Studien (Conrad et al., 1992; Kremers et al., 2004; Pierce, Distefan, Kaplan, & Gilpin, 2005) haben in der Vergangenheit gezeigt, dass Freunde eine grosse Bedeutung haben, wenn es darum geht, ob ein Jugendlicher zu rauchen beginnt oder nicht.

Conrad et al. (1992) beispielsweise fanden in 11 von 15 Studien, dass die Anzahl Freunde, die Bindung und die Einigkeit mit den Freunden sowie der Grad an Sozialleben, den Rauchbeginn von Jugendlichen voraussagten. Weitere Prädiktoren waren rauchende Freunde und Freunde, die das Rauchen guthiessen. Wenig überraschend war auch das Resultat, dass mehr Angebote und eine grössere Verfügbarkeit von Zigaretten mit einer höheren Rate an neuen Rauchern im Jugendalter zusammenhing. Ebenso zeigte sich, dass Überschätzungen des Raucheranteils, sowohl im Allgemeinen wie auch in Bezug auf den Freundeskreis, mit höherem Risiko für einen Rauchbeginn einher gingen. Dass rauchende Personen den Anteil der Raucher in ihrem Freundeskreis eher überschätzen, ist ein bekannter Befund. Doch war 1992 die Anzahl an längsschnittlichen Studien, die dies untersucht hatten, gering und so konnten Conrad et al. (1992) nur vier Studien mit fünf Indikatoren zur Erfassung der geschätzten Prävalenzrate untersuchen. Von diesen fünf Indikatoren unterstützten aber immerhin vier die theoretischen Erwartungen.

Einen weiteren interessanten Befund machten Spijkerman, van den Eijnden, & Engels (2005), die eine Längsschnittstudie mit 1‘938 holländischen Jugendlichen durchführten. Im Rahmen dieser Studie wurden zu zwei Messzeitpunkten im Abstand von 12 Monaten jeweils die prototypischen Eigenschaften von rauchenden Kollegen, das wahre und das ideale Selbstbild, die Bereitschaft zu rauchen sowie das aktuelle Rauchverhalten durch Selbstauskunft erhoben. Statistische Analysen offenbarten, dass die Raucherprototypen den Rauchbeginn voraussagten. So erhöhte die Wahrnehmung von rauchenden Jugendlichen als „cool“, die Wahrscheinlichkeit beim zweiten Messzeitpunkt zu rauchen, um beinahe 80%.

In einem Übersichtsartikel hat Peskin (2010) kürzlich publizierte Ergebnisse aus Längsschnittstudien zum Einfluss von Gleichaltrigen auf das Rauchen bei Jugendlichen zusammengefasst. Ein wichtiger Befund, der von 40 Studien unterstützt wurde, war, dass Gruppen von Jugendlichen eine beträchtliche Homogenität in Bezug auf das Rauchverhalten aufwiesen. Das bedeutet, dass rauchende Kolleginnen und Kollegen das Risiko selber mit dem Rauchen zu beginnen, erheblich erhöhten.

Weitere Hinweise auf die Vorhersagekraft von sozialen Faktoren haben Kremers et al. (2004) gefunden. Sie untersuchten die Daten von 10‘170 europäischen Jugendlichen, teilten sie den entsprechenden Stufen ihres Model of Unplanned Smoking Initiation of Children and Adolescents (MUSICA) zu und untersuchten, welche Faktoren ein Fortschreiten vorhersagten. Die statistischen Analysen ergaben zwar nur geringe Effektgrössen, dennoch wurden einige Prädiktoren identifiziert. Es zeigte sich unter anderem, dass das Verhalten und der Druck von Gleichaltrigen mit dem Fortschreiten aus der immotive never smoker-Stufe zusammenhingen. Weitere Prädiktoren einer Entwicklung in Richtung Rauchbeginn waren Freunde, die rauchten, sowie die wahrgenommene soziale Norm von Freunden, Eltern und Geschwistern. Dieses Resultat macht klar, dass nicht nur Freunde, sondern auch Familienmitglieder einen nicht zu unterschätzenden Einfluss auf Jugendliche haben. Welche familiären Faktoren auf das Rauchverhalten von Jugendlichen einwirken, wird in den folgenden Absätzen dargelegt.

3.2.2 Familie

Obwohl sich Jugendliche während der Pubertät zunehmend von der Familie, insbesondere von den Eltern, ablösen, hat diese auch während dieser kritischen Zeit einen Einfluss auf sie. Daher ist vor allen Dingen die Rolle der Eltern im Zusammenhang mit dem Rauchen bei Jugendlichen nicht zu unterschätzen.

Während Freunde in der Studie von Kremers et al. (2004) für immotive never smokers und immotive triers die wichtigsten Vorbilder waren, hatte das Verhalten von Eltern und Geschwistern auf immotive experimenters den grössten Einfluss. Darüber hinaus spielte die wahrgenommene Norm von Eltern und Geschwistern eine Rolle für Transitionen von der committed nonsmoking decider-Phase, der immotive trying-Phase und der contemplation experimenting-Phase (Kremers et al., 2004). Die Autoren fanden zudem einen Effekt des Rauchverhaltens der Eltern auf das Fortschreiten von committed never smokers.

3.2.3 Rauchen in Filmen

Nebst den Personen, mit denen wir häufig und direkt interagieren, können uns auch medial vermittelte Vorbilder oder gar erfundene Charakteren beeinflussen. Dies zeigte eine Studie von Dalton et al. (2003), die 2‘603 Jugendliche im Alter von 10 bis 14 Jahren ohne jegliche Erfahrungen mit Zigaretten befragt haben. Zu Messzeitpunkt 1 wurde erfasst wie stark die Jugendlichen bisher rauchenden Personen in Filmen ausgesetzt gewesen waren. Zu diesem Zweck mussten die befragten Personen angeben, welche Filme aus einer Liste von 50 Vorschlägen sie mindestens einmal gesehen hatten. Die 50 Filme waren zuvor durch ein Zufallsverfahren aus einem Pool von insgesamt 601 Kassenschlager der vorhergehenden 11 1/2 Jahre gezogen worden und die jeweilige Anzahl an Rauchereignissen von trainierten Codierern notiert. Daneben wurden einige potentielle Kovariablen erfasst wie das Geschlecht, das Alter, rebellisches Verhalten, das Rauchverhalten von Freunden und Familie und verschiedene Merkmale der elterlichen Erziehung. Messzeitpunkt 2 fand 13 bis 26 Monate später statt und umfasste die Feststellung des aktuellen Rauchstatus.

Die Resultate zeigten einen klaren Zusammenhang zwischen der Anzahl gesehener Rauchszenen zu Messzeitpunkt 1 und der Aufnahme der Rauchgewohnheit zu Messzeitpunkt 2. Dieser Zusammenhang blieb in gemilderter Form auch bestehen, wenn sämtliche erhobenen Kovariablen mit in die Berechnung einbezogen wurden. Verglich man die Jugendlichen im Quartil mit den wenigsten gesehenen Rauchszenen mit denjenigen in den anderen drei Quartilen, so zeigte sich für die stärker ausgesetzten Personen eine zwei bis drei Mal so grosse Wahrscheinlichkeit, im Zeitraum bis zur zweiten Befragung mit dem Rauchen begonnen zu haben. Bei Jugendlichen, deren Eltern rauchten, war das Risiko des Rauchbeginns generell höher und die Wirkung des Rauchens in Filmen weniger stark, dennoch zeigte sich auch hier ein Effekt. In der gesamten Kohorte konnte nach dem Kontrollieren für alle anderen Kovariablen 52.2% (95% Konfidenzintervall = 30.0-67.3) der Varianz von Rauchbeginn auf die gesehenen Rauchszenen zurückgeführt werden.

3.3 Intrapersonale Prädiktoren

Neben Faktoren des sozialen Umfelds, gibt es auch intrapersonale Faktoren, d.h. in der Person begründete Faktoren, die beim Rauchen, und speziell beim Rauchbeginn, eine wichtige Rolle spielen. Dies zeigte auch die bereits vorgestellte qualitative Studie von Curbow et al. (2007), in welcher 108 Mädchen insgesamt 58 Items als Schutz- bzw. Risikofaktoren klassifiziert haben. Neben den fünf sozialen Risikofaktoren ergaben sich auch zwei intrapersonale Faktoren: Affekte und Image. Der Faktor Affekte bezog sich auf die affektregulierende Wirkung, die Zigaretten haben. So wird speziell in stressigen, aufregenden und belastenden Situationen auf Zigaretten zurückgegriffen, da diese eine beruhigende Wirkung haben. Der Faktor Image nahm Bezug auf das Bild, welches die Mitmenschen von einer Person haben. Dieses kann man mit bestimmten Handlungsweisen, dem Aussehen und seinen Aussagen zu einem gewissen Grad steuern und in eine gewünschte Richtung lenken. So mag ein Jugendlicher zu rauchen beginnen, weil er denkt, dass er von anderen dann als „cool“, verwegen und reif angesehen wird.

3.3.1 Stress

Eine Variable, die mit dem Rauchen in einem starken Zusammenhang zu stehen scheint, ist Stress. Aus diesem Grund wird sie in vielen Studien, die sich mit dem Rauchen oder dem Rauchbeginn befassen, erhoben (Koval & Pederson, 1999; Song et al., 2009; Wills, Sandy, & Yaeger, 2002). In den folgenden Absätzen werden zwei Studien, die den Zusammenhang zwischen Stress und Rauchen fokussierten, vorgestellt und ihre Resultate beschrieben.

Wills et al. (2002) haben 1‘364 Jugendliche untersucht, die zu Beginn der Studie ein Durchschnittsalter von 12.4 Jahren aufwiesen. Die Schülerinnen und Schüler füllten zu vier Messzeitpunkten in einem Zeitraum von drei Jahren jeweils einen Fragebogen aus, mit welchem das Stress-Niveau und der Substanzgebrauch erfasst wurde. Das Stress-Niveau wurde durch zwei Indizes, negativer Affekt und negative Lebensereignisse gemessen und neben dem Rauchen wurde auch starkes Trinken und der Konsum von Marihuana untersucht. Da für diese Arbeit jedoch nur das Rauchen von Belang ist, werden im Folgenden nur die Ergebnisse dazu thematisiert. Die berechneten latenten Wachstumsmodelle zeigten, dass sowohl negativer Affekt wie auch negative Lebensereignisse mit über die Zeit zunehmendem Rauchverhalten zusammenhing. In umgekehrter Richtung gab es hingegen keinen Zusammenhang. Das bedeutet, dass negativer Affekt sowie negative Lebensereignisse zu vermehrtem Rauchen führen, Rauchen aber nicht den negativen Affekt oder die Anzahl negativer Lebensereignisse erhöht.

Die zweite Studie, die sich mit der Wirkung von Stress auf das Rauchen bei Jugendlichen befasste, wurde mit 1‘522 kanadischen Schulkindern durchgeführt (Koval und Pederson, 1999). Die 11- und 12-jährigen Schülerinnen und Schüler füllten zu diesem Zweck einen Fragebogen aus, der unter anderem Lebensstress, Depressionssymptome, Selbstwertgefühl, soziale Unterstützung und rebellisches Auftreten erhob. Zur Testung der Hypothesen wurden Regressionsanalysen mit den nach Geschlecht getrennten Daten durchgeführt. Diese zeigten, dass Stress sowohl bei den Mädchen wie auch bei den Jungen einen signifikanten Zusammenhang mit Rauchen aufwies. Die zugrunde liegenden Mechanismen schienen für die beiden Geschlechter jedoch unterschiedlich zu sein. So war rebellisches Auftreten der wichtigste Faktor bei den Jungen, gefolgt von der Variable Einstellungen gegenüber dem Effekt von Passivrauchen. Bei den Mädchen hingegen war eine rauchende Mutter der wichtigste Faktor, rebellisches Auftreten kam erst an zweiter Stelle.

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Details

Seiten
34
Erscheinungsform
Erstausgabe
Jahr
2012
ISBN (eBook)
9783958207820
Dateigröße
770 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v298157
Institution / Hochschule
Universität Zürich
Note
Schlagworte
soziale Prädiktoren soziodemographisch Stress Schutzfaktor Neugierde

Autor

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Titel: Zigarettenkonsum bei Jugendlichen: Erklärungsansätze und primäre Prävention