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„Ich werd ja doch nur Hausfrau!“: Eine Untersuchung aktueller Schulbücher zum Mathematikunterricht nach Geschlechtsrollenstereotpye

Masterarbeit 2010 73 Seiten

Pädagogik - Schulwesen, Bildungs- u. Schulpolitik

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

Tabellenverzeichnis

1. Einleitung

2. Die Bedeutung der kulturellen Geschlechtsrollenstereotype

3. Bisherige Forschungsergebnisse zu Geschlechtsrollenstereotype in Mathematikschulbüchern
3.1 Untersuchungen ab 1970
3.2 Die Studie von Susanne Thomas

4. Methodik der Schulbuchanalyse
4.1 Forschungsfrage und Hypothesen
4.2 Auswahl der Schulbücher
4.3 Untersuchungsmethode

5. Untersuchungsergebnisse
5.1 Ergebnisse der zahlenmäßigen Repräsentation
5.2 Untersuchungsergebnisse der Themenbereiche
5.2.1 Haushalt
5.2.2 Familie
5.2.3 Beruf
5.2.4 Schule, Wissen, Leistung
5.2.5 Freizeit, Spiel, Hobby
5.2.6 Umgang mit Geldbeträgen
5.2.7 Weitere Auffälligkeiten
5.3 Interpretation der Ergebnisse

6. Fazit

Anhang

Literaturverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

Abbildung 1 : Art der verrichteten Hausarbeiten in Schnittpunkt 5 und 6 des Klett-Verlages differenziert nach Alter und Geschlecht

Abbildung 2 : Art der verrichteten Hausarbeiten in Welt der Zahl 5 und 6 des Schroedel- Verlages differenziert nach Alter und Geschlecht

Abbildung 3: Art der verrichteten Hausarbeiten in Mathematik plus 5 und 6 des Cornelsen- Verlages differenziert nach Alter und Geschlecht

Abbildung 4: Art der verrichteten Hausarbeiten in Mathematik 5 und 6 des Westermann- Verlages differenziert nach Alter und Geschlecht

Abbildung 5: absolute Anteil der Personen in familiärer Rolle (Gesamtstichprobe)

Abbildung 6: Berufstätigkeit der Frauen und Männer- Anzahl und prozentuale Anteil

Abbildung 7: Anzahl der „guten“ Leistungen von Mädchen und Jungen

Abbildung 8: Anzahl der „schlechten“ Leistungen von Mädchen und Jungen

Abbildung 9: Art der Freizeitbeschäftigungen von Mädchen und Jungen im Klett-Verlag

Abbildung 10: Art der Freizeitbeschäftigungen von Mädchen und Jungen im Schroedel-Verlag

Abbildung 11: Art der Freizeitbeschäftigungen von Mädchen und Jungen im Cornelsen-Verlag

Abbildung 12: Art der Freizeitbeschäftigungen von Mädchen und Jungen im Westermann-Verlag

Tabellenverzeichnis

Tabelle 1: Verhältnis der Autorinnen und Autoren nach Verlag

Tabelle 2: Anzahl der weiblichen und männlichen Abbildungen auf dem Buchumschlag

Tabelle 3: absolute und prozentuale Verhältnis der im Text aufgetretenen Jugendlichen differenziert nach Geschlecht

Tabelle 4: absolute und prozentuale Verhältnis der im Text aufgetretenen Erwachsenen differenziert nach Geschlecht

Tabelle 5: absolute und prozentuale Verhältnis der im Text aufgetretenen Personen differenziert nach Geschlecht

Tabelle 6: absolute und prozentuale Verhältnis der im Bildmaterial aufgetretenen Personen differenziert nach Geschlecht

Tabelle 7: Verhältnis der im Bildmaterial aufgetretenen Erwachsenen und Jugendlichen differenziert nach Geschlecht

Tabelle 8: absolute und prozentuale Beteiligung der weiblichen und männlichen Personen an haushaltsbezogenen Tätigkeiten

Tabelle 9: absolute und prozentuale Verhältnis der weiblichen und männlichen Personen im Freizeitkontext differenziert nach Geschlecht und Alter

1. Einleitung

„Was?? Sie studieren Mathematik?

Dann gehören Sie bestimmt in Ihrem Studium zu der Minderheit! “

Mit dieser Aussage werde ich jedes Mal konfrontiert, wenn ich danach gefragt werde, was ich denn studiere. Viele empfinden, dass Mathematik in unserer heutigen Gesellschaft immer noch Männersache ist. Während meiner eigenen Schulzeit interessierte mich die Geschlechterproblematik im Mathematikunterricht nur sehr wenig. Mädchen und Mathematik, das sollte nicht passen? Mädchen können keine Mathematik?! Von wegen! Davon wollte ich in meiner Schulzeit nichts hören. Mathematik gehörte von Anfang an zu meinen Lieblingsfächern und genau das wollte ich auch studieren, um meine Begeisterung für diese Wissenschaft auch an Andere zu vermitteln. Auf der Realschule hörte ich von meinen Klassenkameradinnen andauernd ihr Desinteresse an diesem unbeliebten Unterrichtsfach. Wozu brauch ich denn das alles, das wäre doch Quälerei! Horrorfach! All so was bekam ich immer wieder zu hören. Ich konnte ihnen nie zustimmen und versuchte oft mit eigener Kraft, die Lust an Mathematik zu wecken. Vergebens. Wenn ich mich jetzt in den Mathematik-Vorlesungen umschaue, fällt auf, dass tatsächlich der größte Teil der Professoren männlich ist. Demzufolge suchte ich nach einem Weg zur Erklärung der Minderheit meines Geschlechtes in der Mathematik und entschloss den Gegenstand näher zu betrachten.

Im Hinblick auf die Unterrepräsentanz von Mädchen und Frauen im Mathematikbereich lassen sich vielfältige, zum Teil miteinander in Zusammenhang stehende Ursachen angeben. Neben den kompletten Sozialisationsprozess in der Gesellschaft werden in diesem Zusammenhang häufig die Schulbücher genannt. So zeigen die bisherigen Analysen der Inhalte von deutschen Schulbüchern, dass sich hier Geschlechterrollenstereotypisierungen niederschlagen. Es schien daher anregend zu überprüfen, wie Frauen und Mädchen in den aktuellen Mathematikbüchern dargestellt werden. Verbunden damit stellt sich die Frage, inwieweit das Mathematikschulbuch Einfluss auf die Entwicklung nehmen kann, ob es sogar als Verstärker von gewissen Verhaltensweisen von Mädchen angesehen werden muss. Im Rahmen dieser Untersuchung kann dieses nicht geklärt werden, aber mit einer Schulbuchanalyse kann eventuell die Grundlage für weitere Untersuchungen gelegt werden und entsprechende Verbesserungsmaßnahmen durchgeführt werden.

Die Arbeit beginnt mit einer Einführung in das Thema, in der gezeigt wird, dass die bereits für die heutige Zeit nachgewiesene Benachteiligung der Frauen eine lange kulturelle Vergangenheit hat, die als Grund dafür angesehen werden kann, dass Mädchen im Mathematikbereich unterrepräsentiert sind. Dieser Teil erfüllt vor allem den Zweck, die Notwendigkeit der anschließenden Untersuchung deutlich zu machen. Es folgt eine Zusammenfassung der Ergebnisse bisheriger Schulbuchanalysen. Die Grundlage der eigenen Untersuchung bildet die Studie von Susanne Thomas, die sich im Zeitraum von 1989 bis 1998 erstreckt. Für diesen bedeutenden Teil der Arbeit stellt sich zunächst die Frage, was sich seit der geäußerten Kritik von Susanne Thomas geändert hat. Zuerst werden die Forschungsfragen und Hypothesen erläutert und anschließend die Auswahl der Schulbücher begründet. Nach der Erläuterung der Untersuchungsmethode erfolgt die Ergebnisdarstellung. Daran schließt sich eine Interpretation der Ergebnisse an, sowie ein abschließendes Fazit.

2. Die Bedeutung der kulturellen Geschlechtsrollen­ stereotype

Bis in die Mitte des 19. Jahrhunderts erhielten die Mädchen im Rahmen ihrer Schulausbildung nicht die Möglichkeit, sich mit dem Unterrichtsfach Mathematik auseinanderzusetzen, unter anderem mit der Begründung, dass Frauen eine geringere mathematische Begabung haben.

Trotz der Einführung der allgemeinen Schulpflicht in Preußen im Jahr 1717, die für Mädchen und Jungen galt, hatten die Mädchen kaum Zugang zu Schulunterricht. Die höhere Schulbildung war den Jungen vorbehalten.[1] In den später gegründeten „Höheren Töchterschulen“ war bloß vorgesehen, dass Mädchen nur elementaren Rechenunterricht erhalten, damit sie ein Haushaltsbuch führen konnten. Das bescheidene Bildungsangebot im Bezug auf Mathematikunterricht wurde damit begründet, dass Frauen nicht über die notwendigen Kompetenzen, unter anderem das logische Denken, das Abstraktionsvermögen und ganz allgemein die Intelligenz verfügten und nur zu gefühlsbetonter Arbeit fähig seien. In den 1880er Jahren begannen die Auseinandersetzungen um den Zugang der Mädchen zur Abiturprüfung, womit auch die Diskussion über den Mathematikunterricht für Mädchen aktuell wurde.

Erst als zwischen 1900 und 1909 in den deutschen Ländern den Frauen die Zulassung zur Immatrikulation gewährt wurde und von 1909 bis 1919 Mathematik bei der Studienfachwahl weiblicher Studierender an dritter Stelle stand -womit an den höheren Mädchenschulen die Voraussetzungen für das Studium geschaffen werden mussten -, begann in Preußen 1908 die Neuordnung des höheren Mädchenschulwesens. Diese erbrachte erstmals ein den Jungenschulen vergleichbares Niveau in Mathematik und Naturwissenschaften. Letztlich wurde in der Riechertschen Schulreform von 1924 das Jungen- und Mädchenschulwesen sowohl organisatorisch als auch vom Fächerkanon her nach den gleichen Kriterien geregelt.[2]

Trotz der Gleichberechtigung im Schulbereich lief die Diskussion um eine mögliche geringere mathematische Begabung der Mädchen noch weiter an. So wurden immer noch zahlreiche Untersuchungen zu geschlechtsspezifischen intellektuellen Fähigkeiten, insbesondere zu mathematischen Fähigkeiten, durchgeführt. Es ist festzuhalten, dass eine biologische Bedingtheit von besonderer mathematischer Begabung bisher nicht nachgewiesen werden konnte. OECD-Studien kamen zu dem Ergebnis, dass Jungen nur in Gesellschaften besser sind, in dem der Geschlechterunterschied besonders betont wird. Mädchen können genauso hohe mathematische Leistungen erzielen wie Jungen, wenn sie ebenso gefördert werden und weibliche Vorbilder haben.[3]

Mädchen und Jungen in der Grundschule sind im Mathematikunterricht gleich interessiert und leistungsstark. Der verhängnisvolle Umschwung zu Lasten der Mädchen beginnt am Ende der Grundschulzeit. „Man kann daher vermuten, dass der Geschlechtsrollendruck in der Pubertät die Interessenentwicklungen, die Motivation und die Identifikation mit dem Sachgegenstand besonders stark beeinflussen“.[4] So sind in Deutschland Jungen viel stärker davon überzeugt, dass es sich für die eigenen Berufs- und Zukunftsaussichten lohnt, Anstrengungen in das Fach Mathematik zu investieren. Mädchen bzw. Frauen sind demnach in mathematisch-naturwissenschaftlichen Leistungskursen der Sekundarstufe II im Vergleich zu Jungen bzw. Männern unterrepräsentiert und legen sich auch bei der Studien- und Berufswahl eher auf „typisch“ Frauenberufe fest, „die zum Teil erheblich schlechtere soziale Chancen bieten, als solche im naturwissenschaftlich-technischen Bereich“.[5]

Entsprechend fasst auch Jahnke-Klein zusammen, dass der gegenwärtige Forschungsstand nicht auf eine „naturgegebene“ fehlende Eignung der Mädchen für Mathematik schließen lässt, und hebt hervor, dass die Unterschiede in den Mathematikleistungen zwischen den Individuen deutlich größer sind als zwischen den Geschlechtern. Trotz dieser Befunde wird die Mathematik bis in die heutige Zeit als männlich stereotypisiert. Dies schließt kulturelle Vorstellungen und Zuschreibungen von „typisch männlichen“ und „typisch weiblichen“ Berufen und Tätigkeitsfeldern ein.

3. Bisherige Forschungsergebnisse zu Geschlechtsrollen­ stereotype in Mathematikschulbüchern

3.1 Untersuchungen ab 1970

Seit Anfang der 1970er Jahren werden verschiedene Inhaltsanalysen gängiger Mathematikschulbücher veröffentlicht, darunter sind jedoch wenige Analysen mit einem sozialkritischen Schwerpunkt zu finden. Diese werden in unregelmäßigen Abständen erstellt, da davon ausgegangen wird, dass in der Mathematik in erster Linie die Vermittlung von Fachwissen und didaktisch- methodische Gesichtspunkte stehen.[6]

Die mir bekannten ersten Untersuchungen stammen von Glötzner (1974, 1982).[7] Er analysierte bay­rische Mathematikbücher aus den 1960er und 1970er Jahren und stellte fest, dass die weiblichen Personen sowohl in den Textaufgaben als auch in den Illustrationen unterrepräsentiert sind. Während Frauen und Mädchen hauptsächlich in haushaltsbezogene Tätigkeiten vorkommen, treten Männer und Jungen in anderen interessanten, anspruchsvollen Tätigkeiten auf, wie z.B. Fahrradtouren, lösen Denkspiele oder erfinden Zahlensortiermaschine.[8] Zugleich sind sie aktiv, wissenschaftlich und technisch interessiert und wissend dargestellt. Frauen werden fast gänzlich ignoriert und erhalten wesentlich wenige berufliche Identifikationsangebote. Männer hingegen üben eine breite Palette von Berufen aus. Zu diesen Ergebnissen kommen auch andere Untersuchungen von Schulbüchern aus den 1970er Jahren, wie z.B. Lopatecki & Lüking (1989).

Neuere Inhaltsanalysen aus den 1980er Jahren zeigen, dass sich trotz vehementer Kritik an der Darstellung der Frauen und Mädchen im Schulbuch nicht viel geändert hat. Dieses zeigt unter anderem Glötzner in seiner Untersuchung bayrischer Schulbücher, die im Jahre 1988/89 erschienen sind. Zwar kann in den meisten Texten zumindest aus Grundschulbüchern eine extreme Unterrepräsentation von Mädchen und Frauen nicht mehr nachgewiesen werden, wohl aber eine immer noch stark an gängigen Klischeevorstellungen orientierte Darstellung, die die Schülerinnen nach wie vor fast ausschließlich zu spä­teren Hausfrauen und Müttern formen will.[9] Zusätzlich werden überwiegend männliche Wortformen benutzt.

3.2 Die Studie von Susanne Thomas

Während Schulbücher in den 1970er und 1980er Jahren noch sehr stark Geschlechterrollenstereotype transportierten, haben sich diejenigen aus den 1990er Jahren in Bezug darauf verbessert. Zu diesem Ergebnis kommt auch Susanne Thomas (1999) in ihrer Untersuchung, in der sie weniger die Diskriminierung des weiblichen Geschlechts betonen will, sondern konkret nach neuen Maßstäben und Entwicklungen sucht.[10] Um alle Gesichtspunkte zu erfassen, ist die Verfasserin gemäß der quantitativen und qualitativen Inhaltsanalyse vorangegangen. Sie untersuchte 18 Mathematikschulbücher[11] der Jahrgangsstufe 5 bis 10, die jeweils einzeln nach einem einheitlichen Kriterienraster vorstellt werden. Dabei erfolgte die Auswertung grundsätzlich getrennt nach Jugendliche und Erwachsene in den ausgewählten Kategorien Freizeit, Geld, Beruf, Familie, Haushalt, Sozialverhalten, Schule und Sonstiges[12].

Susanne Thomas kommt zu dem Ergebnis, dass zwar auf der quantitativen Ebene eine zahlenmäßig ausgewogene Darstellung von Frauen/Mädchen und Männer/Jungen erkennbar ist, dennoch im dem qualitativen Teil der Analyse einige Differenzen sichtbar sind. So stellt sie fest, dass berufstätige Frauen in neueren Büchern häufiger vorkommen, aber dagegen die Männer in sehr viel differenzierten Berufen und in einem viel größeren Umfang darstellen werden. Zu den Erfolgen der Schulbuchdebatte gehört, dass Frauen in Verbindung mit Geldgeschäften präsentiert werden und auch einen größeren Finanzvolumen besitzen. Zu den Kritikpunkten nennt die Verfasserin, dass Männer in Zusammenhang zu Hausarbeit nur zweimal geschildert werden. Frauen werden in diesem Bereich öfters dargestellt.

4. Methodik der Schulbuchanalyse

4.1 Forschungsfrage und Hypothesen

Ausgehend von den soeben angeführten Ergebnissen der Untersuchung von Susanne Thomas, die im Jahre 1999 durchgeführt wurde und ihre Schulbücher aus dem Zeitraum von 1989 bis 1998 sind, erscheint es interessant, die Gültigkeit der Ergebnisse jener Untersuchung zu überprüfen. Zum einen soll untersucht werden, ob in den aktuellen Schulbüchern eine Geschlechtsstereotypisierung zu erkennen ist, und zum anderen, ob eine Entwicklungstendenz im Bezug zu den Ergebnissen von Susanne Thomas feststellbar ist. Demnach besteht die wichtigste Forschungsfrage in der Frage, ob in den von Susanne Thomas herausgestellten Themenbereichen die Geschlechtsstereotypisierung und Diskriminierung weiterhin existiert.

Als Lösungsentwürfe für das Forschungsproblem werden Hypothesen gebildet, die im Forschungsprozess selbst überprüft werden.[13] In der Arbeit bedeutet dieses, je mehr die Darstellung von weiblichen und männlichen Personen den Hypothesen entspricht, desto „geschlechtsrollenstereotyper“ wird sie bezeichnet.[14]

Damit sind folgende Hypothesen zu überprüfen:[15]

Zahlenmäßige Repräsentation der Personen

Weibliche Personen sind im Vergleich zu männlichen Personen im Text und Bildmaterial unterpräsentiert.

Haushalt: Mädchen und Frauen verrichten häufiger Hausarbeit als Jungen und Männer, zum Beispiel Kuchen backen, Getränke mischen, abwaschen, aufräumen, Tisch decken, Wäsche waschen, Blumen einkaufen und pflegen, Lebensmittel einkaufen. Jungen und Männer verrichten eher Hilfshandgriffe als eigenverantwortliche Arbeiten im Haushalt, wie zum Beispiel körperlich schwere Gartenarbeit, Umgestaltungsarbeiten im Haus und Garten, Renovierungsmaßnahmen, Einkauf von Getränken, Baumaßnahmen.

Familie: Es sind mehr Mütter vorhanden als Väter. Außerdem werden sie in Interaktionen mit Kindern häufiger dargestellt als Männer. Hierbei sind sie eher fürsorglich und versorgend; Männer spielen mit den Kindern oder helfen bei den Mathematikhausaufgaben. Söhne treten mit dem Vater auf, Töchter mit der Mutter.

Beruf: Frauen sind wesentlich seltener berufstätig als Männer. Die männlichen Berufe sind differenzierter als Frauenberufe. Frauen werden in „typisch weibliche“ Berufe (sozial-pflegerische Berufe, Verkäuferin, Friseurin, sonstige- nicht-akademische Berufe) und Männer in „typisch männliche“ Berufe dargestellt (Arzt, Polizist, jeglicher Fahrer, sonstige akademische Berufe, wie Ingenieur).

Schule, Wissen und Leistung: Mädchen können bzw. wissen weniger, machen häufiger etwas falsch, verlieren beim Spielen öfter als Jungen. Jungen werden mit besseren Schulleistungen dargestellt und werden öfters als Klassensprecher gewählt.

Freizeit: Mädchen und Frauen werden in diesem Themenbereich seltener dargestellt als Jungen und Männer. Mädchen und Frauen werden eher bei besinnlich- kreativer Beschäftigung oder auch dem Konsum als Freizeitbeschäftigung dargestellt. Mädchen verbringen ihre Freizeit meist mit einer einzelnen Freundin oder der Familie. Männer und Jungen haben verschiedene Hobbies, wie Besuch von Sportanlagen, eigene sportliche Tätigkeit, Beschäftigung mit Autos, das Fahren eines Autos, etwas zu bauen oder angeln.

Geld: Jungen und Männer werden häufiger in Zusammenhang mit Geld erwähnt als Mädchen und Frauen. Männer verfügen über die größere Liquidität. Frauen werden seltener mit eigenem Einkommensgehalt dargestellt. Die Zahlungen, die das tägliche Leben bestimmen, werden öfters von Männern getätigt.

Weitere Auffälligkeiten

Die Sprache enthält frauendiskriminierende ausschließliche Maskulina, wie zum Beispiel „Liebe Schüler!“, „Spiel mit deinem Nachbarn“ oder „Sie ist Bäcker“. Zudem werden kaum oder selten berühmte und erfolgreiche Frauen aus der Vergangenheit oder Gegenwart erwähnt.

4.2 Auswahl der Schulbücher

In dieser Untersuchung werden vier Schulbuchreihen analysiert: Mathematik plus, Schnittpunkt, Welt der Zahl und Mathematik. Diese Auswahl begründet sich dadurch, dass Lehrwerke von unterschiedlichen Verlagen analysiert werden sollte, die in Berliner Grundschulen repräsentativ sind. Von jeder Schulbuchreihe wurden die Schulbücher für den 5. und 6. Jahrgang untersucht, da gerade in dieser Phase des Sozialisationsprozesses von den Schulkindern eine einerseits noch hohe Formbarkeit, andererseits das geringste Kritikbewusstsein erwartet werden.[16]

Wie schon erwähnt, erschreckt sich Susanne Thomas Untersuchung von 1989 einschließlich 1998. Da diese Verlage Neuauflagen ihrer Unterrichtsreihen auf den Markt gebracht haben, wird dadurch eine erneute kritische Auseinandersetzung gerechtfertigt. Im Folgenden sind die Schullehrwerke nach Verlagen aufgelistet:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

4.3 Untersuchungsmethode

Um die Forschungsfragen zu klären und die Hypothesen zu überprüfen, wurde eine Inhaltsanalyse durchgeführt. Nach Mertens Definition ist die Inhaltsanalyse „[…] eine Methode zur Erhebung sozialer Wirklichkeit, bei der von Merkmalen eines manifesten Textes auf Merkmale eines nichtmanifesten Kontextes geschlossen wird.“[17] Es werden sowohl qualitative wie auch quantitative Methoden vorgenommen. Isolierte Methoden würden bei einem komplexen Forschungsgegenstand, wie hier die Schulbücher, nur begrenzte Erkenntnisse hervorbringen. Bei der quantitativen Analyse werden alle Nennungen, grundsätzlich unterschieden nach Frauen, Mädchen, Männer und Jungen gezählt. Jedoch sind Gruppen, wie z.B. 13 Mädchen und 11 Jungen[18], in den Zählungen nicht mit eingeschlossen. Den direkten Vergleich mehrerer Schulbücher wird durch die Verwendung eines einheitlichen Kategorienschemas ermöglicht, dass speziell für die Erhebung von Geschlechtsstereotypen entwickelt wurde.[19] Wichtig ist dabei, dass die Kategorien intersubjektiv mittelbar, also objektiv und reliabel erfassbar sind. Es müssen logische Abgrenzungen gefunden werden, die trennscharf sind.[20] Die einzelnen Kategorien werden hier nicht noch einmal aufgeführt, da sie schon unter 1.2 aufgelistet sind. Für jede der acht Schulbücher wurde der komplette Kategorienbogen (siehe Anhang) einmal ausgefüllt.

5. Untersuchungsergebnisse

Auf der Grundlage des Kategoriensystems wurde die Auswertung durchgeführt, so dass nun die Ergebnisse der Untersuchung dargelegt werden können. Es wurden acht Schulbücher mit insgesamt 1612 Seiten geprüft.

Als erstes ist festzuhalten, dass unter den Autorinnen und Autoren die Frauen im Vergleich zu Männern unterrepräsentiert sind. Tabelle 1 enthält die Verteilung der weiblichen und männlichen Autoren nach Verlag.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Tabelle 1: Verhältnis der Autorinnen und Autoren nach Verlag

Es werden insgesamt 56 Personen namentlich erwähnt, darunter befinden sich 10 Frauen (17,9%) und 46 Männer (82,1%). Aus der Tabelle ist klar erkennbar, dass keines der aufgeführten Verlage, mit Ausnahme von Cornelsen, weibliche Autoren beschäftigen. Dieses Ergebnis entspricht der aus bisherigen Studien erkennbaren Tendenz, dass das weibliche Geschlecht unter den Autorinnen und Autoren einen geringen Anteil annimmt.

Als nächstes wird kurz auf die Gestaltung des Einbandes der Schulbücher eingegangen. Diese Kategorie wurde schon in der Untersuchung von Lindner& Lukesch aufgeführt, da Titel und Umschlagsillustrationen den Schülerinnen und Schülern besonders ins Auge fallen. Aus dem Grund, dass in keinem der analysierten Schulbücher männlich oder weiblich bezogene Titel vorkommen, bezieht sich die nächststehende Tabelle nur auf die Umschlagsgestaltung.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Tabelle 2: Anzahl der weiblichen und männlichen Abbildungen auf dem Buchumschlag

Wie aus Tabelle 2 ersichtlich ist, sind die meisten Umschlagsgestaltungen der Schulbücher geschlechtsneutral. Dennoch sind drei weibliche und lediglich eine männliche Person abgedruckt. Als ausschlussreiches Ergebnis bringt die Art und Weise der Darstellung, auf die kurz eingegangen wird: Auf dem Umschlag vom Klett-Verlag sind zwei Mädchen dargestellt, die vermutlich im Freien miteinander spielen. Jedoch ist das eine Mädchen nur schlecht zu erkennen, da sie zusammen mit dem Hintergrund nur verschwommen abgebildet ist. Im Gegensatz dazu, ist auf dem Abbild von Westermann-Verlag ein Mädchen zu sehen, dass an der Tafel eine Mathematikaufgabe löst. In dem anderen Schuljahrgangsbuch von Westermann ist ein Junge zu erkennen, dass vermutlich in einer Bibliothek sitzt.

5.1 Ergebnisse der zahlenmäßigen Repräsentation

Zur Überprüfung der ersten Hypothese, dass Mädchen und Frauen im Text und Bild unterpräsentiert sind, wurden alle Nennungen bzw. Abbildungen von Mädchen und Frauen, sowie auch von Jungen und Männern gezählt. Hier stellt sich die Frage, inwieweit die Autorinnen und Autoren dem weiblichen Geschlecht in den Schulbuchtexten und- illustrationen gerecht werden. Die zwei folgenden Tabellen geben Aufschluss darüber, welches absolute und prozentuale Verhältnis der weiblichen und männlichen Figuren zu einander differenziert nach Altersstufe besteht.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten[21]

Tabelle 3: absolute und prozentuale Verhältnis der im Text aufgetretenen Jugendlichen differenziert nach Geschlecht

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Tabelle 4: absolute und prozentuale Verhältnis der im Text aufgetretenen Erwachsenen differenziert nach Geschlecht

Unter den erwachsenen Personen sind es 43,48% Frauen und 56,52% Männer. Dieses Ergebnis zeigt zwar, dass Frauen im Vergleich zu Männern weiterhin unterrepräsentiert sind, doch liegt sie nicht weit von der 50-Prozent-Quote. Zudem ist besonders auffallend, dass unter den Jugendlichen die Mädchen im Vergleich zu den Jungen etwas mehr als die Hälfte ausmachen; 50,11% Mädchen und 49,89% Jungen. Vermutlich wirkt sich hier die Kritik bisheriger Schulbuchanalysen besonders aus.

Betrachtet man die einzelnen Verlage, dann zeigt sich, dass in keines der Verlage eine signifikante Unterrepräsentation der Mädchen zu erkennen ist. Der Cornelsen- Verlag ist der einzige der aufgeführten Schullehrwerke, in dem der Mädchen- Anteil mit 215 geringer ist als der Jungen- Anteil mit 261. In Schroedel und Klett werden Mädchen im Vergleich zu Jungen sogar um 20 bzw. 30 Personen öfter gezählt. Der Westermann-Verlag wird der 50 Prozent- Quote am ehesten gerecht.

Im Gegensatz dazu, sind die Frauen im Vergleich zu Männern sowohl in den Westermann (41 zu 76), als auch in den Cornelsen- Schulbuch (52 zu 75) etwas deutlicher unterrepräsentiert. Relativ gleich ist die Anzahl der Frauen und Männer in Schroedel und Klett. In den Schroedel- Lehrbuch ist sogar in der Häufigkeit der Auszählung ein geringer Anteil zuungunsten der Männer (86 zu 89) festzustellen.

Sobald keines der Jahrgangsschulbücher auffallend andere Ergebnisse hergeben, wird auch in den nächsten Tabellen nicht näher auf die einzelnen Jahrgangsstufen eingegangen.

Zudem werden in den Lehrwerken insgesamt häufiger Jugendliche (2113) als Erwachsene (460) erfasst. Der Klett- Verlag fällt mit nur 41 Erwachsene besonders ins Auge. Dieses entspricht dem Anspruch der Schulbuchherstellerin und Schulbuchhersteller, in denen Texten und Aufgaben möglichst viele Identifikationsfiguren für Schulkinder bereitstellen. Damit liegt der Schwerpunkt der Lehrinhalte im unmittelbaren kindlichen Erleben, statt in Themen aus der Erwachsenenwelt.[22]

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Tabelle 5: absolute und prozentuale Verhältnis der im Text aufgetretenen Personen differenziert nach Geschlecht

Von 2573 Personen, die insgesamt in den Texten gezählt wurden, kommen Mädchen und Frauen in Vergleich zu Jungen und Männer zu 48,93% vor. Der 50- Prozent- Quote kommt der Klett- Verlag am nächsten; hier ist mit 51,4% mehr Frauen und Mädchen als Jungen bzw. Männer gezählt. Der Cornelsen- Verlag unterrepräsentiert das weibliche Geschlecht mit 44,28% und liegt damit auch am weitesten von der 50- Prozent- Quote. Das Verhältnis zwischen den Anteil der weiblichen und männlichen Personen ist dennoch bei allen Schulbüchern recht ausgeglichen.

Im Folgenden wird die bildliche Darstellung der weiblichen und männlichen Figuren verdeutlicht. Meist handelt es sich bei den Schulbuchzeichungen und –bildern um Wiederholungen der im Text beschriebenen Inhalte.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Tabelle 6: absolute und prozentuale Verhältnis der im Bildmaterial aufgetretenen Personen differenziert nach Geschlecht

Insgesamt werden 1302 Personen mit identifizierbarem Geschlecht gezählt. Durch die Tabelle wird deutlich, dass die Mädchen und Frauen mit 43,93% im Verhältnis zu den Jungen und Männer im Bildmaterial weniger erscheinen als im Text (48,83%). Dieses Ergebnis ergibt sich insbesondere durch den geringen Frauenanteil (70), der gerade halb so hoch ist, wie der Anteil der Männer (144). In nächststehenden Tabelle wird dieses ersichtlich.

[...]


[1] Vgl. Srocke, 1989, S. 228

[2] Vgl. Kinski, 1993, S. 165

[3] Hier wird die OECD-Studie gemeint, in der eine Metaanalyse mit den Daten der 2003 veröffentlichen internationaler Studien, der Trends in International Mathematics and Science (TIMSS)-Studie und des Programme for International Student Assessment (PISA), die in 69 Ländern an insgesamt 493 495 Schülern im Alter von vierzehn bis sechzehn Jahren durchgeführt wurden, erfolgte.

[4] Vgl. Beermann, 1992, S.48

[5] Vgl. Conrads, 1992, S.9

[6] Vgl. Thomas, 1999, S.10

[7] Vgl. Kaiser-Messmer, 1994, S.171

[8] Vgl. Lindner & Lukesch, 1994, S.56

[9] Vgl. Meyer & Jorden, 1984, S.60f. in Linder & Lukesch, 1994, S.56

[10] Vgl. Thomas, 1999, S.5

[11] Bei der Bücherwahl entscheidet sich die Verfasserin für die ortsansässigen Verlage Westermann, Klett, Cornelsen und Schroedel.

[12] In die Kategorie „Sonstiges“ wurden alle anderen Auffälligkeiten, die in keinen der anderen Kategorien zugeordnet werden konnten, zusammengefasst.

[13] Vgl. Pfeiffer & Püttmann, 2006, S.36

[14] Vgl. Lindner & Lukesch, 1994, S. 61 ff.

[15] Bei der Hypothesenbildung wurde vor allem die Untersuchung von Lindner & Lukesch (vgl. S. 62 ff.) und Susanne Thomas (vgl. S.15 ff.) herangezogen. Die Kriterien wurden ausgewählt, weil sie nahezu alle Bereiche des alltäglichen Lebens abdecken.

[16] Vgl. Silbermann & Krüger, 1971, S.53 in Lindner & Lukesch, 1994, S.53

[17] Vgl. Merten 1995, S.59

[18] Beispiel aus Mathematik 5 (Westermann), S.45 Nr. 7

[19] Das Kategoriensystem wurde auf der Grundlage der von Lindner entwickelten inhaltsanalytischen Kategorienschemas erstellt. Jedoch basiert dieses ausschließlich auf der quantitativen Analyse. Für den qualitativen Teil ließ ich genügend Platz für Bemerkungen und Beispiele. Außerdem ist das Kategorienschema für diese Untersuchung viel zu detailliert, so dass nur die Kategorien erfasst wurden, die auch in Susanne Thomas Untersuchung wieder zu erkennen waren.

[20] Vgl. Merten 1995, S. 150

[21] Als Erwachsene werden nur die Personen gezählt, die mit Herr und Frau betitelt sind.

[22] Vgl. Lindner & Lukesch, 1994, S. 76

Details

Seiten
73
Erscheinungsform
Erstausgabe
Jahr
2010
ISBN (eBook)
9783863415617
Dateigröße
4.4 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v296459
Institution / Hochschule
Freie Universität Berlin
Note
1,1
Schlagworte
Mathematik Geschlecht Schulbuch Stereotype Empirische Analyse

Autor

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Titel: „Ich werd ja doch nur Hausfrau!“: Eine Untersuchung aktueller Schulbücher zum Mathematikunterricht nach Geschlechtsrollenstereotpye