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Herzschmerz im deutschen Fernsehprogramm: Analyse der Telenovela „Alisa – Folge deinem Herzen“ (ZDF)

Bachelorarbeit 2010 45 Seiten

Medien / Kommunikation - Film und Fernsehen

Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Zur deutschen Telenovela allgemein

3. Alisa – Folge deinem Herzen
3.1. Die Hauptfiguren
3.1.1. Alisa Lenz – die Heldin
3.1.2. Christian Castellhoff – der Held
3.1.3. Oskar Castellhoff – der Böse
3.2. Der Aufbau und die Handlung
3.2.1. Analyse einzelner Folgen
3.2.2. Analyse der gesamten Serie
3.2.2.1. Folgen 1 – 40
3.2.2.2 Folgen 41 – 212
3.2.2.3. Folgen 213 – 240
3.2.2.4. Graphische Darstellungen
3.3. Die Themen

4. Fazit

V. Literatur

VI. Anhang
VI.I. Filmografie „Alisa – Folge deinem Herzen“ (ZDF)
VI.II. Sequenzanalyse der Folgen 77 und 181
VI.III. Stammbaum „Lenz“ / „Castellhoff“
VI.IV. Übersicht: Graphiken

1. Einleitung

„Wege zum Glück“, „Verliebt in Berlin“, „Sturm der Liebe“, „Braut wider Willen“, „Leben für die Liebe“, „Schmetterlinge im Bauch“, „Liebe meines Lebens“, „Rote Rosen“, „Folge deinem Herzen“… Diese Aneinanderreihung von Namen klingt wie eine Sammlung geschwollener Groschenromane und so falsch liegt man mit dieser Annahme auch gar nicht. Es handelt sich hierbei um deutsche Telenovelas, die seit 2004 ihren Weg ins Fernsehen gefunden haben - mit Erfolg. Seither breiten sie sich in allen Sendern aus. Bianca, Lisa, Sophie, Julia, Lena, Tessa, Alisa, Hanna und all die anderen Frauen, die die weiblichen Hauptcharaktere darstellen, stehen mit ihrem Leben und ihrer Liebe im Mittelpunkt und ziehen das Fernsehpublikum in ihren Bann. Diese „neumodischen Märchen“ scheinen auf den ersten Blick unheimlich künstlich und durchschaubar, aber vielleicht ist es genau das, was das vorwiegend weibliche Publikum so fasziniert.

Anhand der ZDF-Telenovela „Alisa – Folge deinem Herzen“, die laut des Senders „moderner“ und „auf der Höhe der Zeit“ sei[1], werden mit Hilfe dieser Arbeit typische bzw. untypische Merkmale für eine Telenovela dargestellt. Da es Telenovelas aus deutscher Produktion erst seit kurzer Zeit im Fernsehen zu sehen gibt[2], fällt der Umfang an wissenschaftlicher Forschungsliteratur noch gering aus. Simone Spaniol bietet in ihrer Arbeit „Boom der deutschen Telenovelas: Merkmale, Ursachen und Vergleiche“ einen umfassenden Einblick in die deutschen Telenovelas und bietet somit das Vorbild für die typische Telenovela.

Es handelt sich in dieser Analyse nicht um eine Medienanalyse[3], Aspekte der Produk-tion, Distribution und Rezeption werden somit höchstens angerissen. Eine Sendungsanalyse soll einen Überblick über die gesamten Folgen der Telenovela im Hinblick auf ihren Unterhaltungsfaktor bieten. Um die sogenannte Doppelstruktur darzustellen, wird sowohl eine einzelne Folge der Telenovela, als auch die Gesamtheit aller betrachtet.

Verschiedene Aspekte des Haupthandlungsstranges sollen herausgestellt und miteinander verglichen werden, sodass am Ende geklärt werden kann, ob diese Telenovela wirklich anders und aktueller ist. Welche Mittel und Wege benutzen die Autoren, um über einen ca. einjährigen Zeitraum immer wieder neue Konflikte zwischen den Figuren zu erschaffen und den Spannungsbogen aufrecht zu halten? Welche Intrigen, Schicksalsschläge, Probleme oder Ereignisse sind nötig, um Alisa und ihre große Liebe über 240 Folgen nicht miteinander glücklich werden zu lassen?

2. Zur deutschen Telenovela allgemein

Die Telenovela gehört zu den fiktionalen Sendungen und kann als eigenes, neues Subgenre bezeichnet werden.[4] Da es zurzeit noch keine allgemeingültige Definition für die deutsche „Telenovela“ gibt, listet Simone Spaniol in ihrer Arbeit „Boom der deutschen Telenovelas: Merkmale, Ursachen und Vergleiche“ unterschiedliche Definitionen auf[5]. Zusammenfassend stellt sie folgende Merkmale heraus:

Es handelt sich bei der Telenovela um ein Fernsehformat, dessen Ursprünge in Romanheften, Feuilletonromanen und Fortsetzungsgeschichten des 19. Jahrhunderts liegen. Sie entwickelten sich vorerst in Lateinamerika aus amerikanischen Radio-Soaps und den lateinamerikanischen Radionovelas.

Die Hauptdarsteller umfassen ca. 10 bis 25 Charaktere, die meist schon auf den ersten Blick durch das Äußere in „die Guten“ und „die Bösen“ eingeteilt werden können. Im Mittelpunkt steht eine Hauptperson, die in den meisten Fällen weiblich ist. Zusammen mit ihrem Partner, ihrer großen Liebe, wird sie über die gesamten Folgen mit Problemen und Hindernissen konfrontiert, sodass beide erst am Ende glücklich werden können. Nebenhandlungen laufen zwar parallel, sind aber eng mit der Haupthandlung verbunden.

Ebenfalls charakteristisch ist die tägliche Ausstrahlung der Folgen (Montag-Freitag), die zumeist ein offenes Ende haben und am spannendsten Punkt enden. Dieses Strukturmerkmal nennt man „Cliffhanger“. Er ist eine Spezialform der Vorausdeutung und erhält die Spannung bis zum Beginn der neuen Folge. Anders als bei Soap Operas, die keine abgeschlossene Handlung haben, sondern auf die Unendlichkeit ausgelegt sind, endet die Telenovela nach ca. einem Jahr mit einem Happy End, bei dem das glückliche Pärchen endlich heiraten darf.

Spaniol stellt ebenfalls die Themen heraus, die in einer Telenovela hauptsächlich von Bedeutung sind. Wichtig dabei ist, dass sie universell und weltweit beliebt sind, um ein möglichst breites Publikum anzusprechen. Man könnte somit auch von einem alltäglichen Märchen sprechen: eine heile Welt, in die sich der Zuschauer gerne begibt. Wichtig dabei ist aber, dass sie nicht zu weit vom eigenen Leben des Publikums entfernt, also im Alltag wiederzufinden und aktuell, ist.

Meist ist aber folgende Konstellation gegeben: Mann und Frau verlieben sich ineinander, müssen für ihr Glück aber viele Hindernisse überwinden, da sie meist unterschiedlichen Klassen angehören. Hinzu kommt oft ein großes Familiengeheimnis, das von der Hauptperson entschlüsselt wird. Viele Nebenbuhler wollen der Titelheldin Böses und initiieren eine Intrige nach der anderen.[6] Dem Märchen wird auch gerne der "Aschenputtel"-Plot[7] nachempfunden, indem die Liebe zwischen einem armem Mädchen und reichem Jüngling durch Intrigen bedroht wird, oder der "Schneewittchen"-Plot, indem eine böse Stief- oder Schwiegermutter das gute Mädchen leiden lässt.[8]

Die verschiedenen Figuren sind unterschiedlichen Alters und gehören allen gesellschaftlichen Schichten an. Dies erleichtert dem Zuschauer sich mit den einzelnen Charakteren zu identifizieren und mit ihnen mitzufühlen. Neben der „Heldin“, der Hauptperson und meist auch Namensgeberin der Telenovela, gibt es immer ihren Geliebten, den „Helden“, den oder die „Böse“ und die zahlreichen Nebenfiguren.

In Anbetracht dessen, dass ca. 200 Folgen mit einer halben bis dreiviertel Stunde Material versorgt werden müssen, kann man sich vorstellen, dass es für die Autoren der Geschichte eine echte Herausforderung ist, den Spannungsbogen zu halten. Dies funktioniert nur, wenn ein Spannungshöhepunkt direkt von der Einleitung eines neuen Spannungshöhepunktes abgelöst wird, es also keine retardierenden Momente gibt. Hickethier nennt dies „Ballung von Emotionshöhepunkten“[9], die serienspezifisch sind. Er beschreibt das Aufrechterhalten von Spannung so wie folgt:

„Die Narration erzeugt einen Erwartungsdruck auf eine Lösung, ein Ende der Geschichte hin, in dem sich alle Erzählfäden aufgehoben finden, das aber gerade bei langlaufenden Serien immer wieder hinausgeschoben bzw. nur in Teilen angeboten und zugleich mit neuen, weiterführenden Ausgangssituationen für neue Geschichten kombiniert wird.“[10]

Der typische Handlungsverlauf einer Telenovela ist in drei Akte einzuteilen[11]:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 1 Idealer Spannungsbogen einer Telenovela[12]

Der erste Akt beinhaltet eine Einleitung: Hier werden Personen vorgestellt und die Ausgangssituation beschrieben. Diese Exposition der Figuren und Handlungssituation ist nötig, um den Zuschauer einzuführen.[13] Der Hauptkonflikt sorgt für einen ersten Spannungshöhepunkt. Schon ab der ersten Folge wird dieser Konflikt vorbereitet und sorgt für erste Wendepunkte.[14]

Im zweiten Akt wird die entscheidende Krise thematisiert und über einen langen Zeitraum ausgedehnt, was zur Folge haben kann, dass Zuschauer abspringen, weil die Geschichte nicht vorankommt. Mit der Einführung neuer Charaktere und interessanter Nebenhandlung wird dies verhindert.

Der dritte und letzte Akt beginnt ca. 30 Folgen vor Schluss, in denen sich dann langsam alles zum Guten wendet.

Im Folgenden sollen nun die wichtigsten Rollen und Handlungsstränge unterschieden werden. Später wird auf die Haupthandlung und den Spannungsbogen noch detaillierter eingegangen.

3. Alisa – Folge deinem Herzen

Die Telenovela „Alisa – Folge deinem Herzen“ wurde vom 02.03.2009 bis 24.02.2010 montags bis freitags um 16.15 Uhr im ZDF ausgestrahlt. Die Hauptdarsteller Alisa Lenz (alias Theresa Scholze) und Christian Castellhoff (alias Jan Hartmann) suchten über 240 Folgen ihr gemeinsames Glück. Die Telenovela wird seitdem unter neuem Namen („Hanna – Folge deinem Herzen“) weitergeführt[15] und läuft inzwischen seit knapp 330 Folgen[16].

Zu Beginn dieser Serienanalyse werden nun die Hauptfiguren vorgestellt, um einen ersten Einblick in das Geschehen zu bieten.

3.1. Die Hauptfiguren

3.1.1. Alisa Lenz – die Heldin

Alisa Lenz ist 27 Jahre alt, gelernte Feinoptikerin und möchte in ihrer Heimat Schönroda im Harz ein neues Leben anfangen, da ihre Selbstständigkeit in Berlin gescheitert ist. Ihr Ex-Freund Oliver Woiter hat sie betrogen, indem er unter ihrem Namen Gelder veruntreute. Mit 20.000 € Schulden musste sie nun ihren Schmuckladen aufgeben und bewirbt sich auf Anraten ihres Adoptivvaters Karl Lenz, auf eine Stelle bei „Castellhoff Optik“ in Schönroda.

Alisa und ihr Bruder Jonas wurden von Gudrun und Karl Lenz großgezogen, da ihre Mutter, Vera Himmelreich, eines Tages spurlos verschwand und ihr Vater Hans Himmelreich früh verstarb. Hans Himmelreich war leidenschaftlicher Kristallschleifer und hat auch Alisa schon früh mit dieser Begeisterung in Berührung gebracht. Das einzige Andenken, dass sie von ihrem Vater besitzt, ist ein Regenbogenkristall als Anhänger, der aber ursprünglich einer von zwei Ohrringen war, die ihrer Mutter gehörten. Dieser Kristallanhänger ist ihr Glücksbringer.

Auf Grund ihrer großen Enttäuschung mit Oliver möchte sie das Thema Männer erstmal ganz aus ihrem Leben ausgrenzen und sich voll auf ihre Arbeit und das Abzahlen ihrer Schulden konzentrieren. Doch schon auf dem Weg von Berlin in den Harz begegnet ihr Christian. Es scheint Liebe auf den ersten Blick zu sein. Zuerst weiß Alisa noch nicht, dass es sich um den Castellhoff Sohn handelt, der in Kürze die Geschäftsleitung des Familienbetriebs übernehmen wird. Schon kurz darauf gerät sie mit seinem Onkel Oskar Castellhoff, der ebenfalls Geschäftführer ist, aneinander und verärgert ihn sehr. Unglücklicherweise führt er später ihr Bewerbungsgespräch und bietet ihr nur einen Putzjob an, den sie ablehnt. Alisas Adoptiveltern, bei denen sie übergangsweise wohnt, machen ihr Mut und ermöglichen ihr auf dem Firmenjubiläum von „Castellhoff Optik“ zu kellnern, damit sie dem deutlich freundlicheren Sohn der Familie und neuen Geschäftsführer ganz beiläufig ihre Bewerbung übergeben kann und somit vielleicht doch noch eine Chance auf die Festanstellung zu bekommen. Erst dort stellt sie fest, wer Christian ist und dass er mit seiner Partnerin Ellen Burg bereits verlobt ist.

Typisch für die Heldin und Namensgeberin der Telenovela ist, dass sie eine sehr starke Persönlichkeit besitzt. Sie war selbstständig, ist gescheitert und lässt sich aber trotzdem nicht unterkriegen. In ihrem Charakter verändert sie sich nicht.[17] Alisa hat einen sehr starken Willen, lässt sich ungern unter die Arme greifen und will es möglichst alleine schaffen. Sie kämpft um ihren Traum Kristallschleiferin zu werden und kämpft vor allem um ihre große Liebe zu Christian. Sie riskiert sogar ihr Leben für ihn. Alisa vereint viele positive Eigenschaften in sich, wird dem Stereotyp „Sympathieträgerin“[18] gerecht und dient somit auch als Vorbild für das weibliche Publikum[19].

3.1.2. Christian Castellhoff – der Held

Christian Castellhoff ist diplomierter Betriebswirt und Sohn des Firmeninhabers Ludwig Castellhoff, somit der Nachfolger in der Dynastie "Castellhoff Optik". Zwei Jahre verbrachte er beruflich in Kanada. Dort entdeckte er seine Liebe zur Natur und entwickelte ganz neue ökologische Ziele, die er nun in der Firma umsetzen möchte. Nach seiner Rückkehr wird er von seinem Vater zum gleichberechtigten Geschäftsführer ernannt, neben seinem Onkel Oskar. Christian, der sich bis dahin immer konform zur Familientradition verhalten hatte und schon von Kindesbeinen an zum Firmennachfolger erzogen wurde, gerät nun in die Problematik, Tradition und Innovation vereinen zu wollen und somit in einen ständigen Konflikt mit seinem Vater und seinem Onkel.

Während seines Aufenthalts in Kanada, war er von seiner Verlobten Ellen Burg räumlich getrennt und somit veränderte sich auch seine weitere Planung mit ihr. Da sie sich eher auf die Seite seines Onkels stellt und für Christians ökologische Neuerungen nur wenig Verständnis zeigt, zweifelt Christian mehr und mehr an der gemeinsamen Zukunft. Nach der Begegnung mit Alisa ist er nun völlig verunsichert und muss sich die neue Liebe eingestehen.[20] Der erste Konflikt, der geschürt wird, ist also das Liebesdreieck zwischen ihm, seiner Verlobten und Alisa.

Christians leibliche Mutter verstarb, als er noch klein war, er wurde von der neuen Ehefrau seines Vaters, Liliana Castellhoff, mit aufgezogen. Christian, der Held der Telenovela, entspricht ohne Zweifel den typischen Merkmalen[21]: er ist intelligent, idealistisch, verantwortungsbewusst, zielstrebig, etc. und dazu noch äußerst attraktiv. Alles Eigenschaften, die ihn zum einem „Idealbild von Männlichkeit“[22] machen - ein wichtiger Aspekt im Hinblick auf die Zuschauerbindung.

3.1.3. Oskar Castellhoff – der Böse

Oskar Castellhoff ist der jüngere Bruder von Ludwig Castellhoff. Er bekleidet in der Firma „Castellhoff Optik“ die Position des Geschäftsführers und nutzt diese schamlos aus. Er versucht sich stets in den Vordergrund zu spielen, da er im Schatten seines Bruders steht, obwohl er seiner Meinung nach der geschäftstüchtigere ist. Er hat lange auf diese Position hingearbeitet, gerne auch mit illegalen Machenschaften nachgeholfen, und sieht sie nun wieder gefährdet, als er erfährt, dass sein Neffe der neue zweite und somit gleichberechtigte Geschäftsführer werden soll. Oskars Ziel ist ohne Rücksicht auf unternehmerische oder familiäre Traditionen aus dem Familienbetrieb einen global agierenden Konzern zu machen. Er sieht in Christian den Feind und will ihn mit allen Mitteln ausstechen. Oskar versucht sich bei seinem Bruder mit kleinen Gefälligkeiten einzuschmeicheln und ihn zu kontrollieren.

Oskar ist mit Dana, einem attraktiven, aber etwas in die Jahre gekommenen Model verheiratet, hat aber keine Skrupel in Christians Abwesenheit eine Affäre mit Ellen anzufangen.

In seiner Position als „der Böse“ sind folgende Merkmale sehr typisch: er hat eine wache Intelligenz, eine äußerst schnelle Auffassungsgabe und Kampfgeist.[23] Er weiß seine Gegenspieler zu beherrschen, ist aggressiv, hinterhältig und verlogen. Ihm ist jedes Mittel recht, um sein Ziel zu erreichen, er würde über Leichen gehen. Dieser pure Egoismus und grundlose Hass gegenüber seinen Konkurrenten macht ihn zu einem sehr mächtigen Mann. Er spinnt Intrigen, beschafft sich Komplizen aus allen Bereichen und kann so sein trügerisches Spiel spielen. Zuerst bezieht er Ellen, Christians Verlobte, in seine illegalen Waffengeschäfte mit ein, später manipuliert er seine eigene Tochter Caro und missbraucht sie für Spionage und Überlistung. Die Gruppe der Bösen wächst also zeitweise, bis er die Anhänger selbst ausgebootet hat und loswerden muss. Diese nehmen dann entweder ein böses Ende, verlassen die Telenovela oder wechseln sogar auf die gute, die Opfer-Seite zurück.

3.2. Der Aufbau und die Handlung

Unter der typischen Struktur einer Telenovela versteht man, wie oben schon erwähnt, eine Haupthandlung und viele kleine Nebenhandlungen, die aber eng miteinander verknüpft sind. Spaniol nennt die Haupthandlung auch Leitmotiv[24], das den Zuschauer durch die vielen verschiedenen Handlungen hindurchführt. Der Handlungsfortgang des sogenannten „Multiplots“[25] ist linear, also nacheinander bzw. nebeneinander und wird höchstens durch kurze Rückblicke unterbrochen. Diese monotone Abfolge des Geschehens wird dann durch plötzliche Spannungs- oder Stimmungswechsel aufgelockert.

Auf Grund des begrenzten Umfangs dieser Arbeit, reduziere ich mich bei der Darstellung einzelner Folgen auf die Sequenzprotokolle[26] zweier zufällig ausgewählter Folgen, die den Aufbau einer Einzelfolge exemplarisch darstellen sollen.

3.2.1. Analyse einzelner Folgen

Beide Folgen beginnen mit einem Rückblick auf vorherige Folgen und geben den aktuellen Stand der Haupthandlung wieder. Die zwei Nebenhandlungen, die ebenfalls in der Folge vorkommen, werden eingeleitet. Es folgt der Vorspann, der die schwierige Liebesgeschichte von Alisa und Christian symbolisiert. Ihre Naturverbundenheit und das Kristallschleifen werden ebenfalls angedeutet.

Beide Folgen haben knapp 30 Sequenzen, die einleitend oft durch Einstellungen verbunden sind, die Orte in Schönroda, Aufnahmen des Himmels, der Natur, aber auch der bestimmten Gebäude wiedergeben. Sie sind musikalisch untermalt. Oft enden diese Zwischeneinstellungen mit der Außenansicht der folgenden Kulisse aus der Hubschrauberperspektive[27]. Sie zeigen dem Zuschauer aber nicht nur Orts- oder Szenenwechsel, sondern auch Zeitsprünge an, indem z.B. kurz der Mond und im Anschluss die aufgehende Sonne abgebildet werden. Dem Zuschauer wird klar, dass ein neuer Tag begonnen hat.

Haupt- und Nebenhandlung wechseln sich meist ab, sind aber klar miteinander verbunden. Ein weiteres typisches Merkmal der Telenovela ist Alisas Position als Ich-Erzähler. Viele Situationen, in denen sie entweder allein ist oder einige ihrer Gedankengänge von Bedeutung sind, kommentiert sie als Sprecher aus dem Off. Die Kameraführung ist folgenübergreifend ähnlich. Einer Totalen, die den Handlungsort dargestellt, folgt in den Gesprächen der Figuren meist die Nahaufnahme, um mögliche Emotionen besser darstellen zu können. Lediglich wenn mehrere Personen anwesend sind und deren Konstellation für den Zuschauer wichtig ist, wird von der Naheinstellung öfter auf eine Halb- bzw. Totale gewechselt.

Die sehr kurzen Sequenzen geben jeweils den Kern des Geschehens wieder, sind somit narrativ verdichtet. Die erzählte Zeit steht somit mit der Erzählzeit der einzelnen Sequenzen in einem spezifischen Verhältnis. Anders als erwartet, gibt es keinen Binnencliffhanger vor der Werbung. Die Handlung wiederholt sich sogar teilweise, da nach der Werbung früher wieder eingesetzt wird. Die Handlung verläuft chronologisch, auch wenn manchmal die Anschlüsse nicht perfekt passen. So vergehen z.B. in Folge 77 mehrere Stunden, sogar eine Nacht, als Alisa danach noch auf dem Heimweg eines Besuchs des gestrigen Tages gezeigt wird. Die lineare Struktur wird manchmal durch rückblickende Erinnerungen unterbrochen, die dann durch einen verschwommenen Rand gekennzeichnet sind.

Durch die zahlreichen Begegnungen innerhalb ihres gemeinsamen Umfelds werden Christian und Alisa permanent mit ihren Gefühlen zueinander konfrontiert. Um dieser Nähe, die Ellen mitbekommt, entgegenzuwirken, überlegt sie sich immer neue Intrigen gegen Alisa. Das Herunterreißen des Schals stellt Alisa in Folge 77 vor Christian bloß. In Folge 181 tritt dann Oliver in Alisas und Christians Leben. Auch er stellt Alisa bloß, als er sie beim spionieren ertappt. Christian ist erneut Zeuge. Die Handlungsmuster sind also in beiden Folgen sehr ähnlich. Das Böse stellt sich zwischen Held und Heldin.

Die begrenzte Anzahl an Nebenhandlung sichert das Verständnis des Zuschauers, der sich in keiner Folge auf mehr als drei Handlungsstränge einlassen muss. Um ein gutes Verständnis zu gewährleisten, werden vergangene Geschehnisse immer noch mal besprochen, um sicher zu gehen, dass der Zuschauer, weiß, was passiert ist.

Die Haupthandlung kann folgendermaßen zusammengefasst werden: Alisa verfolgt zwei Ziele: Sie will ihren Traum der Kristallschleiferin wahrmachen und mit Christian glücklich werden. Doch diese Ziele werden in jeder Folge durch gezielt eingesetzte Konflikte gestört. Die Nebenhandlung lockert dieses Muster auf und zögert es hinaus. Jede Folge endet mit einem Cliffhanger, in dem sich die Handlung zuspitzt und am dramatischsten Punkt unterbrochen wird. Die Situation wird dann am Anfang der nächsten Folge aufgelöst. Die Folgen enden ebenfalls mit der Vorschau auf die nächste Folge.

3.2.2. Analyse der gesamten Serie

Die Erstellung eines Gesamtserienprotokolls stellt sich nicht ganz so einfach dar. Mit Hilfe der Nacherzählung der Geschichte, in der ich mich weitgehend auf die Haupthandlung beschränken und diese auch nur diese stark verkürzt darstellen werde[28], gehe ich auf dramaturgische Merkmale ein.

3.2.2.1. Folgen 1 – 40

Nachdem Alisa sich auf dem Firmenjubiläum eingestehen muss, dass Christian bereits leiert ist, zieht sie Tamara, Christians jüngere Schwester, die nicht schwimmen kann, aus dem See und rettet ihr das Leben. Der Unfall ist vorhersehbar, da bereits vorher thematisiert wurde, dass Liliana, Christians Stiefmutter, eine Wasserphobie hat und Tamara deshalb nicht schwimmen lernen darf. Der Unfall ist die Eskalation des Problems und bringt eine überraschende Wendung[29] für Alisa. Ihre neugewonnene Sympathie der Familie ermöglicht ihr zumindest als Aushilfe für „Castellhoff Optik“ zu arbeiten. Sie befindet sich nun verstärkt in der Kulisse und im Szenario der Firma, in der Oskar seine Intrigen spinnt.

[...]


[1] Zitat Heike Hempel, die für das Projekt verantwortliche ZDF-Redakteurin: http://www.sueddeutsche.de/kultur/anna-und-die-liebe-bei-sat-pinkfarbener-tv-roman-1.691199 (letzter Zugriff: 13.07.2010)

[2] Anm.: 2004 lief die erste deutsche Telenovela „Bianca – Wege zum Glück“ im ZDF an.

[3] Vgl. Faulstich 2008, S. 12.

[4] Anm.: Faulstich (2007) unterscheidet die Subgenres der fiktionalen Sendungen, doch die Telenovela kann in keine der genannten eingeordnet werden.

[5] Vgl. Spaniol, Simone. Boom der deutschen Telenovela. Merkmale, Ursachen und Vergleiche. Saarbrücken 2007, S. 6ff.

[6] Anm.: Auch als „Goldene Regeln des Genres“ von Martha Maria Klagsbrunn bezeichnet.

[7] Vgl. Was sind Telenovelas? http://www.telenovela.2page.eu/was_sind_telenovelas_68658531.html (letzter Zugriff 12.7.10)

[8] Vgl. Was sind Telenovelas? http://www.telenovela.2page.eu/was_sind_telenovelas_68658531.html (letzter Zugriff 12.7.10)

[9] Vgl. Hickethier 1991, S.32.

[10] Ebd., S.30.

[11] Anm.: Klindworths Graphik ist zwar in Phasen eingeteilt, diese können jedoch als Synonym für Akte verstanden werden.

[12] Vgl. Klindworth, 1995, S. 116ff.

[13] Vgl. Hickethier 2007, S.117.

[14] Ebd., S. 118.

[15] Vgl. http://www.presse-partner.de/start.cfm?pageid=774&articleid=3622&type=detail&archive=0 (letzter Zugriff 12.7.10)

[16] Anm.: Folge 330 wird am 27.07.2010 (ZDF), 16.15 Uhr ausgestrahlt. Quelle: http://hanna.zdf.de/ZDFde/inhalt/7/0,1872,7503335_idDispatch:9805843,00.html (letzter Zugriff 19.7.10)

[17] Vgl. Faulstich 2008, S. 109.

[18] Ebd.

[19] Vgl. Spaniol, 2007, S. 16f.

[20] Vgl. http://alisaswelt.de.tl/Christian-Castellhoff.htm (letzter Zugriff 12.7.10)

[21] Vgl. Spaniol, 2007, S. 17.

[22] Vgl. Faulstich 2008, S. 109.

[23] Vgl. http://alisaswelt.de.tl/Oskar-Castellhoff.htm (letzter Zugriff 12.7.10)

[24] Vgl. Spaniol, 2007, S. 20.

[25] Ebd.

[26] Siehe Anhang VI.II.

[27] Vgl. Faulstich 2008, S. 113.

[28] Anm.: Als Übersicht der Verbindungen zwischen den verschiedenen Charakteren dient im Anhang VI.III. ein Stammbaum der Familien Lenz und Castellhoff am Anfang und Ende der Geschichte.

[29] Vgl. Faulstich 2008, S.112.

Details

Seiten
45
Erscheinungsform
Erstausgabe
Jahr
2010
ISBN (eBook)
9783863415716
Dateigröße
1.7 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v296479
Institution / Hochschule
Universität Hamburg
Note
1,3
Schlagworte
Telenovela TV Fernsehen Analyse Deutschland

Autor

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