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Uwe Timms Currywurst: Analyse und Interpretation für Schule und Studium

Bachelorarbeit 2012 71 Seiten

Germanistik - Neuere Deutsche Literatur

Leseprobe

3. Die Entdeckung der Currywurst

Nachfolgend sollen anhand der Novelle „Die Entdeckung der Currywurst“ von Uwe Timm besondere Gattungsmerkmale einer Novelle und didaktische Konzepte zur Verwendung des Werks im Deutschunterricht in der Sekundarstufe I aufgezeigt werden.

Begonnen wird mit einer Zusammenfassung des Inhalts, worauf eine Darstellung des Aufbaus folgt. Anschließend werden die in Kapitel zwei genannten Gattungsmerkmale heran gezogen. Es wird gezeigt, dass „Die Entdeckung der Currywurst“ solche aufweist. Die Merkmale, die die Novelle aufweist, werden explizit benannt und näher erläutert.

Sie dienen der Legitimation, um Uwe Timms Werk als Novelle bezeichnen zu können.

Da einige der Merkmale, wie beispielsweise das Dingsymbol, viel Raum für Interpretationen bieten, folgen mögliche Interpretationsansätze, die den ersten Hauptteil abschließen sollen.

3.1 Inhalt

Ein Mann besucht die 86 Jahre alte Frau Brücker im Altersheim in Harburg und lässt sich von ihr erzählen, wie sie die Currywurst entdeckt hat.

Er erinnert sich noch an Lena, weil sie damals häufig bei seiner Tante in der Küche saß und erzählte. Außerdem hatte sie einen Imbissstand am Großneumarkt. Regelmäßig aß er dort, wenn er zu Besuch in Hamburg war, eine Currywurst. Als der Stand eines Tages nicht mehr an eigent­licher Stelle steht, macht sich der Mann, dessen Name nicht genannt wird, auf die Suche nach Frau Brücker und findet sie schließlich im Altersheim. Sieben Mal besucht er sie, bis sie das Geheimnis um die Entdeckung der Currywurst lüftet. Er hört ihr geduldig zu, während sie beim Erzählen einen Pullover strickt. Da die betagte Dame im Altersheim wenig Anschluss hat, ist sie froh über seine Besuche. Sie versucht ihn, aufgrund ihrer Einsamkeit, zum fortwährenden Wiederkommen zu bewegen, indem sie ihm die Entdeckung der Currywurst zunächst einmal vorenthält.

Während der Erzählung Frau Brückers erfährt er durch die Vorent­haltung wesentlich mehr als nur die Tatsache, dass sie die Currywurst entdeckt. Sie beginnt mit ihrer Erzählung gegen Ende des zweiten Weltkrieges als sie den 24-jährigen Bootsmann Hermann Bremer kennenlernt. Lena Brücker berichtet von dem ersten Aufeinandertreffen mit ihm, wie sie ihn 27 Tage lang bei sich versteckt und liebt und wie sie ihm, völlig eigennützig, nur um ihn noch eine Weile bei sich zu haben, das Kriegsende verschweigt.

Frau Brücker schildert, dass sie damals alleine in Hamburg wohnt. Ihre 20 Jahre alte Tochter Edith lebt in Hannover, der 16-jährige Sohn Jürgen und ihr Ehemann Willi, der seines Aussehens wegen auch Gary (Cooper) genannt wird, befinden sich im Krieg.

Den Bootsmann nimmt sie bei sich auf und versteckt ihn in ihrer Wohnung, als dieser nach der gemeinsam verbrachten Nacht desertiert. Sie verschweigt ihm das Kriegsende bis zu dem Tag, an dem sie erstmals Bilder von den Konzentrationslagern sieht. Entsetzt teilt sie Bremer das Gesehene mit. Er bezeichnet es jedoch als Lüge und Übertreibung. Bestürzt und erzürnt über die unerwartete Reaktion gesteht sie ihm, dass der Krieg bereits seit einigen Tagen vorbei ist. Lena verlässt die Wohnung, um den Kopf bei einem Spaziergang frei zu bekommen und sich ein wenig zu beruhigen. Bei ihrer Wiederkehr stellt sie fest, dass Bremer kommentarlos gegangen ist. Lediglich seine Feldplane und die Marineuniform mit dem silbernen Reiterabzeichen lässt er ihr, im Tausch gegen einen Anzug von Willi Brücker, da. Mit dem silbernen Sportorden beginnt sie einen Tauschhandel, der letztlich, indem sie auf der Treppe stolpert, mit der Entdeckung der Currywurst endet.

Lena Brücker stirbt und hinterlässt dem Erzähler den gestrickten Pull­over sowie den Teil eines Kreuzworträtsels, auf dessen Rückseite die Zutaten für die Currysoße notiert sind.

3.2 Aufbau und narratologische Analyse

Um zu klären, ob „Die Entdeckung der Currywurst“ als Novelle bezeichnet werden kann, wird der Aufbau dargestellt und die in Kapitel zwei beschriebenen Gattungsmerkmale herangezogen.

Im Folgenden ist nun aufzuzeigen, dass Uwe Timms Erzählung
gattungsspezifische Merkmale, wie beispielsweise die Rahmen- und Binnenerzählung, den Höhepunkt und die Peripetie, das Dingsymbol sowie die unerhörte Begebenheit aufweist.

Die Novelle ist in sieben Kapitel gegliedert und hat als Ausgabe des Deutschen Taschenbuchverlages einen Umfang von etwa 187 Seiten.

Zu Beginn berichtet der Ich-Erzähler, was ihn motiviert, die alte Frau Brücker aufzusuchen. Sein Interesse an der Entdeckung der Currywurst begründet er im ersten Kapitel mithilfe einiger Rückblicke, die mitunter bis in seine Kindheit zurückreichen und damit, dass in Bezug auf den Entdeckungsort immer wieder Diskussionen aufkommen.

3.2.1 Rahmen- und Binnenerzählung

Die Handlung ist in eine Rahmen- und eine Binnenerzählung unterteilt. Die Binnenerzählung wird häufig durch, teils kurze, teils längere Einschübe des Rahmenerzählers unterbrochen.

In der Rahmenerzählung geht es um die Besuche des Erzählers bei der alten Dame, die in Harburg im Altersheim lebt.

In der Binnenerzählung erfährt der Leser von der Entdeckung der Currywurst und auch von der Liebesgeschichte zwischen Lena Brücker und Hermann Bremer.

Die erzählte Zeit der Binnenerzählung beginnt am 29. April 1945 und streckt sich über die ersten Jahre nach dem Ende des zweiten Welt­krieges. Der Erzähler der Rahmenerzählung erfährt von Lena Brücker an sieben Nachmittagen, verteilt auf einen Zeitraum von etwa zwei Wochen, nicht nur, wie sie die Currywurst entdeckt hat, sondern auch die Liebesgeschichte zwischen ihr und dem Bootsmann Bremer.

Die erzählte Zeit der Rahmenhandlung lässt sich ebenfalls relativ genau bestimmen. Als der Erzähler Lena im Altersheim besucht, ist sie 86 Jahre alt und im Jahr 1945 ist sie 43 Jahre. Rechnerisch ergibt sich daraus, dass die Rahmenerzählung hauptsächlich im Jahr 1988 spielt, aber auch noch in das Jahr 1989 hineinreicht. Im März 1989 erfährt der Ich-Erzähler, als er die Geschichtenerzählerin wieder besuchen möchte, dass sie verstorben ist.

Teilweise reicht die erzählte Zeit jedoch auch bis in die Kindheit des Erzählers zurück, wenn er eigene Erinnerung in die Erzählung einfügt. Beide Erzählungen, Binnen- und Rahmenerzählung, sind durch verschiedene motivische Parallelen miteinander verknüpft. Am deutlichsten wird die Verbindung beider Erzählebenen dadurch, dass die in der Rahmenerzählung gestellte Frage nach der Entdeckung der Currywurst in der Binnenerzählung beantwortet wird.

Die häufigen, wenn auch teilweise kurzen, Unterbrechungen der Bin­nenerzählung durch den Ich-Erzähler haben zur Folge, dass der Leser nicht komplett in die Erzählung der alten Frau Brücker eintauchen kann. Immer wieder wird die eigentliche Geschichte unterbrochen. Hierdurch wird bewirkt, dass der Leser sich sowohl dem Erzählten annähert, als sich jedoch auch davon distanziert. Außerdem weckt dieses Spiel mit dem häufigen Wechsel der Erzählebenen die Neugier des Lesers, der endlich wissen will, wie auch der Ich-Erzähler, wie die Currywurst denn nun entdeckt wurde.

Steinecke (vgl. 1995, 219ff) zeigt drei Stufen auf, die in Uwe Timms Werk eingebaut sind. Das Erzählen von Frau Brücker ist sozusagen die Grundstufe auf der die Geschichte aufbaut, bzw. aus der sie entsteht.

In der zweiten Stufe gibt der Ich-Erzähler dem von Lena Brücker erzählten Stoff eine Form, er muss „[…] auswählen, begradigen, verknüpfen und kürzen […].“ (Timm 2009, 16). Außerdem nennt er ein konkretes Datum, an dem die Geschichte beginnt, bzw. an dem er sie beginnen lässt, wodurch sie sich in einen geschichtlichen Kontext einordnen lässt.

Die Novelle selbst kann als dritte Stufe bezeichnet werden, auf der sich alles ineinander fügt und so ein Gesamtbild in Form von Uwe Timms „Die Entdeckung der Currywurst“ entstehen lässt.

Im Gegensatz zu Lena Brücker, die hauptsächlich Gesellschaft und einen Zuhörer sucht, dem sie erzählen möchte und einfach frei heraus, so wie es ihr in den Sinn kommt, ihre Geschichte berichtet, strukturiert und ordnet der Erzähler das Gehörte. Durch die geformte Wiedergabe der Geschichte, wird das Erzählen selbst zum Gegenstand der Novelle.

Es macht „[…] jenen Übergang vom Alltagserzählen ins Kunstwerk, […].“ (Hielscher 2007, 149) deutlich. Das Gehörte, das vorerst nur als mündliche Überlieferung existiert, ist sozusagen eine Art Rohdiamant, der durch den Erzähler einen Feinschliff erhält und schließlich als schriftliches, literarisches „Kunstwerk“ vorliegt.

3.2.2 Narrativik

Um das Erzählen selbst zu thematisieren, bedient sich der Autor, wie zuvor beschrieben, zweier Erzählebenen und desweiteren auch zwei Erzählern.

Zum Einen gibt es in Uwe Timms Werk einen Ich-Erzähler, welcher das Geschehen der Rahmenhandlung wiedergibt. Er lebt mit seiner Familie in München, wächst allerdings in Hamburg auf, wo er eine Tante hat, durch die er Frau Brücker kennen lernt. Die Tante und Frau Brücker wohnen im selben Haus.

Obwohl zwischen dem Ich-Erzähler und dem Autor Uwe Timm viele Parallelen bestehen, wie z.B. der Wohnort, der Familienstand, die Tante in der Brüderstraße Hamburgs und auch der Verweis auf den Vater, der Kürschner ist, müssen beide klar voneinander getrennt werden. Uwe Timm ist der Verfasser von „Die Entdeckung der Currywurst“ und nicht der Ich-Erzähler der Rahmenhandlung.

Kiefer (vgl. 2010, 421) bezeichnet den Ich-Erzähler als homodiegetisch[1]. Demnach ist er Teil der erzählten Welt, aber keine Hauptfigur. Meiner Meinung nach sind er und Lena Brücker die Protagonisten der beiden Handlungen, wonach es sich um einen autodiegetischen Erzähler handelt. Da von ihm die äußere Handlung geschildert wird, handelt es sich bei ihm um einen extradiegetischen Erzähler.

Bei Lena Brücker handelt es sich um eine intradiegetische narrative Instanz, da sie auf einer zweiten Ebene, der Binnenerzählung, Einblicke in ihr Leben um 1945 und die darauf folgenden zwei Jahre gibt. Sie ist die Protagonisten der metadiegetischen Erzählung und somit autodiegetisch.

Beide Erzähler sind nicht klar voneinander zu trennen, sodass der Leser hin und wieder Stellen in der Novelle findet, aus denen nicht klar hervorgeht, wer gerade erzählt. Ist es der Ich-Erzähler, der das von Frau Brücker Gehörte wiedergibt oder ist sie es selbst, die erzählt? Diese Frage stellt sich insbesondere dann, wenn geschildert wird, was Bremer alleine ohne Lena den ganzen Tag über in ihrer Wohnung macht. Weder Frau Brücker, noch der Ich-Erzähler können wissen, was er treibt, fühlt oder denkt, da keiner von ihnen unmittelbar dabei ist.

Auch die Schilderung der Gedanken des alten Luftschutzwartes kann weder aus dem Wissen des Ich-Erzählers, noch aus der Erinnerung von Lena stammen. Der Erzähler wird an diesen Stellen kurzzeitig zu einem allwissenden Erzähler, obwohl er doch eigentlich nur einen ein­geschränkten Überblick hat. Es findet ein Wechsel von der internen zur Nullfokalisierung statt, da der Erzähler, indem er die Gedanken wiedergibt, mehr weiß, als die von ihm dargestellte Figur tatsächlich wissen kann.

Entstammen Bremers unbeobachtete Taten und Gedanken oder die Überlegungen des Luftschutzwartes der Erfindungsgabe von der alten Lena oder ist es die Einbildungskraft des Ich-Erzählers?

Der dem Leser gewährte Einblick in das Innenleben dieser und anderer Figuren legt nahe, dass der Erzähler von einer erfundenen, nicht realen Geschichte, berichtet, die eventuell lediglich seiner oder Frau Brückers Fantasie entspringt.

Uwe Timm gibt in der Novelle keine Antwort darauf, weshalb es dem Leser überlassen bleibt Vermutungen darüber anzustellen.

An bestimmten Stellen wird durch die Beschreibung der Gedanken und Gefühle der Figuren eine innere Spannung erzeugt (vgl. Gansel 1999, 45). Ein Beispiel dafür ist die Sequenz, in der beschrieben wird, wie Lena von der Arbeit kommt und vor dem Haus in der Brüderstraße „Nachbarn […], Fremde, [und] Polizisten.“ stehen sieht und „spürte ihr Herz wie einen eisigen Stein.“ (Timm 2009, 106f), da sie Angst hat, dass Bremer etwas zugestoßen ist.

An einem weiteren Beispiel wird deutlich, warum der Erzähler teilweise Gedanken von Figuren schildert, die er definitiv nicht kennen kann. Lammers betritt die Wohnung während Lenas Abwesenheit und Bremer schafft es gerade noch rechtzeitig, sich in der Kammer zu verstecken. Während der Blockwart die Zimmer inspiziert, lässt der Erzähler die Leser an den Gedanken des Deserteurs teilhaben:

Er [Bremer, T.B.] versuchte, seinen Atem zu beruhigen, ein Keuchen, mehr von Angst, Hektik und vom Atemanhalten als von den hastigen Griffen, den paar Schritten, die er laufen mußte [sic!]. Hatte er nichts vergessen? Lag da nicht womöglich noch eine Socke von ihm? Oder das Koppel? Nein, das hatte er in der Kammer. Er blickte durch das Schlüsselloch […]. (ebd., 77).

Die Beschreibung des Innenlebens des Fahnenflüchtigen trägt erheblich zur Spannung der Textstelle bei und lässt den Leser die Empfindungen von Bremer miterleben, wodurch eine innere Spannung aufgebaut wird. Es ist also von zentraler Bedeutung für den Spannungsgehalt, dass Emotionen und Gedanken, die der Erzähler aufgrund seiner begrenzten Sicht nicht kennen kann, mitgeteilt werden.

Ebenfalls als spannungserzeugendes Mittel dient die äußere Spannung, welche durch ein Aufeinanderprallen von Gegensätzen hervorgerufen wird (vgl. Gansel 1999, 44f). Insbesondere die Wohnung, welche eine Innenwelt darstellt und das Kriegsgeschehen, bzw. der Nationalsozialismus, die einer Außenwelt entsprechen, stehen in starkem Kontrast zueinander.

Die Binnenerzählung weist einige Retrospektionen und Antizipationen auf. Eine Prolepse findet sich zum Beispiel in der Antwort Lenas. Der extradiegetische Erzähler fragt, ob Bremer das Rezept für die Currywurst entdeckt habe, woraufhin sie antwortet, dass es ein Zufall ge­wesen sei, weil sie lediglich stolperte (vgl. Timm 2009, 81). Die alte Dame gibt einen Hinweis darauf, wie es zu der Entdeckung gekommen ist und greift ihrer Erzählung ein Stück weit voraus, wodurch die Erwartungshaltung des Lesers und auch des Ich-Erzählers verstärkt wird.

Analepsen finden sich unter anderem am Anfang, als der extradiege­tische Erzähler Herrn Zwerg schildert, dass er sich noch daran erinnern kann, wie er anno 1948 einer Katze auf einen Baum gefolgt ist, um sie zu retten und schließlich selbst nicht mehr heruntersteigen konnte. Der Einschub dient dazu, um die Zweifel des alten Herrn zu zerstreuen, der misstrauisch gegenüber Fremden ist und sich erst nicht zu dem Verbleib von Lena Brücker äußern möchte. Der Ich-Erzähler erlangt durch die Preisgabe der kleinen Erinnerung sein Vertrauen und erfährt, dass die alte Dame bereits seit einiger Zeit nicht mehr in der Brüderstraße wohnt.

Auch in der Binnenerzählung finden sich Ereignisse, die vor der eigent­lichen erzählten Zeit stattgefunden haben. So schildert Lena beispielsweise, wie sie ihren Mann Willi kennengelernt hat oder erläutert, warum Holzinger von Wien nach Hamburg versetzt wird. Die Retrospektionen ergänzen die Basiserzählung und liefern zusätzliche Informationen.

Viele Details aus Lenas Leben werden geschildert, bevor es zu dem eigentlichen Kern der Novelle, der Entdeckung der Currywurst, kommt. Dass es das zentrale Ereignis der Geschichte bildet, wird nicht nur durch den Titel deutlich, sondern auch durch die Dauer des Erzählens der entscheidenden Sequenz, in der sich die zufällige Entdeckung zuträgt. So umfasst die Darstellung vom Stolpern auf der Treppe bis hin zum Genuss der ersten Currywurst über drei Seiten. Lenas Gedanken werden ausführlich beschrieben und die Dehnung führt dazu, dass die Spannung gesteigert wird und dem Leser die Bedeutsamkeit dieser Sequenz aufgezeigt wird.

Zu einer Pause kommt es nach dem Streit, der darin endet, dass Bremer Lena verlässt. Lena läuft durch die Straßen und hat die Fotos der Konzentrationslager vor Augen. Ihre Gedanken schweifen ab. Sie erinnert sich rückblickend an Juden, die sie kannte und deren Abtransport sie mit angesehen hatte. Die Erzählung setzt wieder ein, als sie zurück in die Wohnung kommt und feststellt, dass Bremer nicht mehr da ist.

Die Pause verdeutlicht die Abneigung gegen die Nationalsozialisten und die von ihnen begangenen Grausamkeiten.

Auch Ellipsen lassen sich in der Novelle finden, wie zum Beispiel am Ende der Novelle. Lena hat ihre Bude bereits seit einigen Monaten oder auch Jahren auf dem Großneumarkt, als „eines Tages […] Bremer an dem Imbißstand [sic!].“ (ebd., 183) steht. Was in der Zwischenzeit, die sich nicht genau erfassen lässt, passiert ist, ist unbedeutend. Lediglich der Tatbestand, dass Bremer seinen Geschmackssinn ausgerechnet durch Lenas Currywurst wieder findet, ist es wert, erzählt zu werden.

Um Ellipsen handelt es sich auch in Bezug auf dem von Frau Brücker und dem Bootsmann vollzogenen Beischlaf. Er wird als Ereignis nicht konkret beschrieben, sondern nur angedeutet, wahrscheinlich aus Rücksichtnahme auf das Lesepublikum und auch um Seriosität und Anstand zu wahren.

3.2.3 Höhepunkt, Peripetie und Anagnorisis

Zu dem Höhepunkt der Erzählung kommt es schließlich, als Lena Brücker Bremer das Kriegsende gesteht und er sie daraufhin verlässt.

Schon zuvor wird deutlich, dass sich das Paar voneinander entfernt. Lena hält Bremer, indem sie ihm das Kriegsende verschweigt, in ihrer Wohnung fest. Er fühlt sich immer unwohler, kritisiert den Mangel an Informationen und fühlt sich mehr und mehr eingesperrt. Die einzige Verbindung, die er zur Außenwelt hat, ist Lena, die ihm Zeitungen und weitere Informationsquellen verwehrt. So kommt es, dass sich beide immer weiter voneinander entfernen und auch immer seltener intim miteinander werden.

Es kommt schließlich zu einer Handgreiflichkeit zwischen beiden, weil er ihr vorwirft, ihm absichtlich keine Informationen zukommen zu lassen. Dieser Konflikt erreicht schließlich einen Höhepunkt als Frau Brücker Bilder von den Konzentrationslagern sieht und Bremer davon erzählt. Der tut dies jedoch als Lüge ab und bezichtigt sie der Übertreibung. Lena ist darüber so erzürnt, dass sie ihm schreiend gesteht, der Krieg sei längst vorbei.

Zu der Peripetie kommt es, als sie, nachdem sie um den Kopf frei zu bekommen, spazieren gegangen ist, wieder in ihrer Wohnung eintrifft und Bremer verschwunden ist. Sie realisiert, dass er für immer gegangen ist und beginnt daraufhin zu weinen. Der Fahnenflüchtige entschwindet ihrem Leben, Hamburg hat kapituliert und durch die Bilder der Konzentrationslager mit den vielen unschuldigen Toten, wird ihr klar, dass sich ihr Leben dadurch verändert hat und noch verändern wird.

Sie ist reifer geworden, was sich unter anderem dadurch zeigt, dass sie im November 1946 mutig genug ist, um ihren Mann Willi vor die Tür zu setzen und die Versorgung für ihre Familie selbst in die Hand zu nehmen. Resolut setzt sie einen Tauschhandel in Gang und verfolgt strebsam ihren Traum von der eigenen Imbissbude.

Der ehemals Geliebte Bootsmann und Lena treffen noch einmal auf­einander. Die Tätigkeit als Vertreter für Fensterkitt führt ihn nach Hamburg. Dort kommt er zufällig auf den Großneumarkt, entdeckt einen Imbissstand und überlegt sich, dort etwas zu essen. Er übersieht Lena zunächst, und erhält erst einen Hinweis auf ihre Identität, nachdem er die Feldplane wiedererkennt, die über den Stand gespannt ist.

Er [Hermann Bremer, T.B.] erkannte sie [Lena Brücker, T.B.] nicht sofort. […], und über den Stand war als Regenschutz eine Feldplane in Tarnfarben gespannt, […], die Plane, unter der er mit ihr durch den Regen gegangen war. So eine kleingehackte Wurst, bitte! Sie erkannte Bremer sofort. Sie mußte [sic!] sich umdrehen, […], um das Zittern ihrer Hände zu verbergen, […]. Egal, sagte er und dachte, sie müsse ihn an der Stimme erkennen. […] einmal sah sie zu ihm herüber, kurz nur und ohne jedes Erstaunen oder Überraschtsein [sic!], sah ein freundliches, nein strahlendes Gesicht, so als habe er gerade etwas Wunderbares entdeckt, sie wiedererkannt, […]. (Timm 2010, 183ff).

Aufdringlicher kann eine Anagnorisis nicht präsentiert werden.

Es ist die Feldplane, die Bremer die Augen öffnet und ihn genauer hinschauen lässt. Auf den zweiten Blick erkennt er sie und bestellt sich eine Currywurst. Lena weiß sofort, wer vor ihr steht und gerät leicht aus der Fassung, was ihre zitternden Hände andeuten. Ihr erregter Gemütszustand legt die Vermutung nahe, dass sie immer noch etwas für ihn empfindet. Ob es sich dabei um Liebe, Reue oder Scham handelt, muss der Leser selbst entscheiden.

Häufig geht mit der Anagnorisis eine Peripetie einher. Hier wandelt sich weniger die Handlung als solche, sondern vielmehr vollzieht sich ein Wandel in Bezug auf Lenas Gewissen, das Denken des Lesers und Bremers Geschmack.

Lena kann Bremers Gedanken nicht kennen, da sie nicht allwissend ist. Von daher fällt es leicht, anzunehmen, dass sie es frei erfindet. Sie spricht sich von einer gewissen Schuld frei, der Schuld ihm den Geschmack für immer geraubt zu haben. Sie betreibt Reparation, im übertragenen Sinne, indem sie Bremer durch ihre Currywurst seine Geschmacksempfindung wieder gibt. Ihr moralisch anzuzweifelndes Verhalten wird gemildert und erscheint dem Leser nicht mehr ganz so verwerflich, da sie ihn letztendlich wieder heilt.

Indem Bremer seinen Geschmackssinn zurück erhält, wandelt sich auch ein kleiner, aber bedeutsamer Teil seines Lebens. Lena schenkt ihm ein Stück Lebensfreude, da die Nahrungsaufnahme oftmals mit kulina­rischem Genuss verbunden ist.

3.3 novellistische Merkmale

Dass „Die Entdeckung der Currywurst“ einige Gattungsmerkmale, wie zum Beispiel die Rahmen- und die Binnenerzählung sowie einen Höhepunkt und eine Peripetie, aufweist, wurde eben gezeigt. Im folgenden Kapitel soll dargelegt werden, dass Uwe Timms Werk über weitere Merkmale, wie beispielsweise das „Dingsymbol“ und die „unerhörte Begebenheit“, verfügt.

3.3.1 Dingsymbol

In der Novelle finden sich gleich mehrere Dingsymbole. Die Currywurst, der entstehende Strickpullover, die Feldplane sowie das Reiterab­zeichen weisen eine leitmotivische Funktion auf.

Die Wurst ist es, durch die die Erzählung motiviert ist. Sie begründet die Entstehung der Novelle von Uwe Timm. Der Ich-Erzähler sucht Lena Brücker auf, um von ihr zu erfahren, wie sie die Kalbswurst mit der besonderen Soße entdeckt hat. Das Hauptanliegen für seinen Besuch wird jedoch schnell zu einer Nebensache, da die alte Dame ihm zunächst die Antwort auf seine Frage vorenthält.

Den eigentlichen Erzählkern bildet die Liebesgeschichte zwischen ihr und dem Bootsmann Bremer. Der Erzähler hört Frau Brücker aufmerksam und geduldig zu, erwähnt jedoch immer wieder, indem er die Binnenerzählung unterbricht, sein ursprüngliches Anliegen. Die Currywurst wird dadurch vom Anfang bis zum Ende der Novelle immer wieder aufgegriffen. Sie ist der Begleiter sowie der Motivator der Erzählung. Sie symbolisiert Sinnlichkeit und Geschmack, Heilung und Erinnerung.

Curry hilft Bremer kurz vor Kriegsbeginn gegen Heimweh und Ausschlag. Es gibt ihm später, als Soße in Verbindung mit der Wurst, seinen verloren gegangenen Geschmack zurück.

Als Frau Brücker den Tauschhandel beginnt um ihren Imbissstand zu eröffnen, entscheidet sie sich, entgegen aller Vernunft, für das Curry­pulver und lehnt den Speck ab, weil sie sich daran erinnert, wie Bremer für das Gewürz geschwärmt hatte.

Die Currywurst ist nicht nur ein Dingsymbol, sondern sie stellt auch den „Falken“ dar, den Heyse als typisches Kennzeichen von Novellen fordert. Miteinander verglichen weisen die Wurst und der Vogel Gemeinsamkeiten auf, die diesen Schluss nahelegen. Beide stehen mit einer Liebesgeschichte in Verbindung, werden verspeist und sind markante Zeichen für die sich zutragende Begebenheit (vgl. Kiefer 2010, 423f).

Während die alte Dame die Geschichte erzählt, strickt sie einen Pull­over, der ursprünglich für ihren Urenkel gedacht ist. Allerdings erhält ihn der Ich-Erzähler am Ende der Novelle. Die Hinterlassenschaft der alten Dame, besonders das Landschaftsmotiv, wird in Kapitel 3.4 im Zusammenhang mit den Interpretationsansätzen näher erläutert.

Der Pulli entsteht im Laufe der Erzählung, das Muster wird erkennbar, eine Landschaft mit einem Tal, zwei Hügeln, einer Sonne und einer Wolke. Parallel zu dem „Strickkunstwerk“ (Timm 2009, 15) entsteht die Erzählung. Die Wollfäden fügen sich zu einem Pullover zusammen, wie sich auch die Erlebnisse von Lena Brücker zu einer Geschichte zusammenfügen.

Das gestrickte Oberteil symbolisiert den Erzählvorgang. Schede (vgl. 2010, 80) verdeutlicht das, indem er den Begriff „Text“ näher bestimmt. Das Wort leitet sich vom lateinischen „textus“ her, was „Geflecht“, „Gewebe“, „Zusammenhang“ bedeutet. Eine Erzählung stellt demnach eine Verflechtung verschiedener Ereignisse dar. Auch der Pullover ist ein „Geflecht“, eines aus Wollfäden.

Frau Brücker wechselt während der Erzählung die Fäden, benutzt unterschiedliche Farben und lässt nicht nur ein Bekleidungsstück, sondern auch die Handlung entstehen.

Als weiteres Dingsymbol kann die Feldplane gesehen werden.

Sie wird weniger oft in der Erzählung erwähnt, weist jedoch bei genauerer Betrachtung auch eine symbolische Funktion auf. Kurz nachdem sich Lena und Bremer kennengelernt haben, schützt die Plane sie auf dem Heimweg vor dem Regen.

Als der Deserteur aus ihrem Leben verschwindet, lässt er die Plane zurück. Sie benutzt sie später um ihren Imbissstand vor Regen zu schützen. Der Bootsmann kommt eines Tages als Vertreter nach Hamburg und geht zufällig an Lenas Imbissstand vorbei. Die Frau, bei der er damals fast vier Wochen verbracht hatte, erkennt er nicht auf den ersten Blick. Die graugrün gesprenkelte Plane erregt jedoch seine Aufmerksamkeit und bei einem zweiten Blick, erkennt er auch die an dem Stand arbeitende Frau Brücker.

Die Plane dient zum Schutz vor Regen, einmal auf dem Heimweg und ein anderes Mal als Abdeckung an der Imbissbude. Den ursprünglichen Zweck einer Kriegsausrüstung erfüllt sie zu keiner Zeit. Die Feldplane kann als Symbol für den Widerstand gegen den Krieg gesehen werden. Lena und Bremer entziehen sich sinnbildlich der staatlichen Macht, indem sie die Kriegsausrüstung zweckentfremden und für ihre eigenen Zwecke umfunktionieren.

Neben dem Pullover, der Plane und der Currywurst ist das silberne Reiterabzeichen von Hermann Bremer ein besonderer Gegenstand in der Novelle.

Das „[…] unmilitärische, genaugenommen einzig sympathische […].“ (Timm 2009, 29) Reiterabzeichen stellt für den Bootsmann einen Glücksbringer dar. Es verhilft ihm vom Dienst auf einem Vorpostenboot zu dem Stab des Admirals in Oslo versetzt zu werden.

Den Talisman lässt er zurück, als er Lena verlässt. Später ist das Abzeichen die Grundlage für ihre Einkommenssicherung.

Das Abzeichen verbindet die Liebschaft zwischen Lena Brücker und Hermann Bremer mit der Entdeckung der Currywurst.

Außerdem symbolisiert es die sich in der gesamten Novelle abzeichnende Abneigung gegen den Krieg und den damit verbundenen Nationalsozialismus, da es lediglich eine sportliche und keine militärische Auszeichnung ist.

Desweiteren steht es für Hoffnung und Rettung. „Überall, wo er [Bremer, T.B.] damit auftauch[t], lachen die Leute, […].“ (ebd., 27), wie auch der norwegische Admiral, der den Bootsmann in die Kartenkammer seines Stabes in Oslo versetzen lässt. Im Gegensatz zu dem Dienst auf dem Vorpostenboot ist die neue Stelle weniger gefährlich.

Dass „Krieg und Komik“ (Steinecke 1995, 223) durchaus kompatibel sein können, sich nicht zwingend ausschließen und in literarischen Werken in einer vorsichtigen und dezenten Form nebeneinander auftreten können, wird von Uwe Timm hervorragend dargestellt.

Auch für Lena Brücker bedeutet das Reiterabzeichen Rettung, indem sie im Tausch für den kleinen metallenen Gegenstand alle für ihre Imbissbude benötigten Dinge ersteht. Dadurch gelingt es ihr, sich eine eigene Existenz aufzubauen und die Familie davon zu ernähren.

3.3.2 Unerhörte Begebenheit

Die durch Goethe definierte „unerhörte Begebenheit“ als novellistisches Merkmal findet sich in Uwe Timms Erzählung gleich in zwei Begebenheiten. Zum Einen zeigt sie sich in der Entdeckung der Currywurst und zum Anderen in der Desertion Bremers, die von Lena unterstützt wird, indem sie den Fahnenflüchtigen in ihrer Wohnung versteckt.

Allein der Ort, an dem die Handlung spielt, erregt Aufmerksamkeit. Da der Autor Hamburg als Entstehungsort der beliebten Wurst anführt, deklassiert er das eigentlich dafür bekannte Berlin und bietet den Einwohnern der Hauptstadt reichlich Diskussionsstoff. Dass die Kombination aus der Wurst, dem Ketchup und dem Curry erfunden worden sein soll, weil eine Frau, Lena Brücker, auf der Treppe gestolpert ist, ist ebenso als unerhört anzusehen. Das „Unerhörte“ stellt in diesem Zusammenhang eine Doppeldeutigkeit dar. Auf der einen Seite ist die Entdeckung „unerhört“, weil der Ich-Erzähler diese Geschichte mit den vielen Einzelheiten als Erster erfährt, sie also neu und somit zuvor noch nicht gehört ist. Die Tatsache, dass Lena Brücker die Currywurst in Hamburg entdeckt hat, ist eine neue Information.

“Unerhört“ auf der anderen Seite, weil die Entdeckerin einfach nur „[…] auf der dunklen Treppe ins Stolpern gekommen.“ (Timm 2009, 179) ist und lediglich dieser Fehltritt, dieser Moment kurzer Unaufmerksamkeit, dieser Zufall, die Geburtsstunde der Currywurst bedeutet und eigentlich unglaublich zu sein scheint.

Die zweite „unerhörte Begebenheit“ stellt die Desertion des Bootmannes dar, die mit der Liebesbeziehung zu Frau Brücker korreliert. Auch dass Lena ihrem Geliebten die Kapitulation Deutschlands verschweigt, ist „unerhört“. Die Lüge ist eine moralisch anzuzweifelnde Handlung, wohingegen das Desertieren und das Verstecken des Kriegsdienstverweigerers für einen Widerstand gegen den nationalsozialistisch motivierten Krieg stehen. Dennoch stellt die Fahnenflucht und die geheime Unterbringung Abtrünniger ein großes Risiko für Frau Brücker und den 24-Jährigen dar, weil es als schwerwiegendes Verbrechen gilt und dementsprechend geahndet wird.

3.3.3 „Die Entdeckung der Currywurst“ als Novelle?

„Die Entdeckung der Currywurst“ weist verschiedene novellistische Merkmale, wie die von Goethe geforderte „unerhörte Begebenheit“, den von Heyse als gattungstypisch definierten „Falken“, eine Rahmen- und eine Binnenerzählung, einen Wendepunkt sowie eine überschaubare Anzahl von Figuren auf.

Das Erlebte steht im Vordergrund, nicht Frau Brücker oder der Ich-Erzähler. Der Handlungsverlauf wird vielmehr vom Zufall und dem Schicksal beeinflusst, als von den einzelnen Figuren.

Lena deckt die Lüge nicht deshalb auf, weil sie den Moment, bzw. den Tag dafür selbst ausgewählt hat, um dem Desertierten die Wahrheit zu gestehen, sondern weil sie kurz zuvor die Bilder von den Konzentra­tionslagern und den ermordeten Menschen gesehen hat, worüber sie auf das Äußerste verärgert ist. Sie handelt in der Situation spontan und emotional ohne Vorüberlegungen.

Desweiteren ist es keineswegs von ihr beabsichtigt oder gar geplant, dass sie auf der Treppe zu ihrer Wohnung stolpert und so die Currywurst entdeckt.

Ein weiterer Wink des Schicksals widerfährt ihr, als sie auf dem Trittbrett eines Zuges ein steigendes Pferd sieht und sich dadurch an das silberne Reiterabzeichen erinnert, mit dem sie schließlich ihren groß angelegten Tauschhandel beginnt.

Die Begebenheit erhebt zudem einen Anspruch auf Wahrheit und erfüllt somit ein weiteres Gattungsmerkmal. Das Erzählte kann sich tatsächlich so ereignet haben, da nicht eindeutig geklärt ist, wo und von wem die Currywurst wirklich entdeckt wurde. Die weit verbreitete Vermutung, dass sie in Berlin ihren Ursprung haben soll, greift der Autor geschickt auf und verweist darauf, dass „der Siegeszug der Currywurst [in Hamburg begann, T.B.] und erst dann mit der Lisa nach Berlin […] kam […].“ (Timm 2009, 182f). Desweiteren liegt es nahe, das Erzählte als wahr anzuerkennen, weil der Ich-Erzähler den Beginn der Geschichte zeitlich genau datiert. Die konkreten Ortsangaben, die Brüderstraße und der Großneumarkt in Hamburg beispielsweise, unterstützen die Vorstellung. Außerdem berichtet er, selbst in der Stadt gewohnt zu haben, was den Realitätsanspruch verstärkt.

Uwe Timm integriert in seine fiktive Geschichte verschiedene reale Ereignisse, die er selbst tatsächlich erlebt hat und lässt dadurch letztendlich den Leser entscheiden, ob er Lena Brücker als Entdeckerin der Currywurst Glauben schenkt oder nicht.

„Dieses an den Rändern zerfledderte, bräunlichgelbe Papier wäre eine andere Geschichte.“ (ebd., 121) Mit diesen Worten beendet der Ich-Erzähler seine Nachforschungen über den Blockwart und weitere Figuren, noch bevor er sich tiefere Einblicke über die Zeit, von der Lena erzählt, verschaffen kann. Er lässt die bestellten Akten ungelesen wieder zurück gehen.

Der Abbruch der Suche sowie das oben angeführte Zitat können als Entschluss des Autors dafür gesehen werden, dass er sich bewusst für das Schreiben einer Novelle entscheidet und deshalb verschiedene Details oder Begebenheiten weglassen muss, um dem „kleinen Umfang“ wenigstens annähernd gerecht werden zu können. Auch dass der Ich-Erzähler schließlich nur „[…] herausfinden [möchte], wie die Currywurst entdeckt wurde.“ (ebd., 121) und auch Lena Brückers Hinweis an den Ich-Erzähler, dass es „[…] so einfach […] nur in Romanen […].“ (ebd., 137) und nicht in ihrer Erzählung zugehe, unterstützt diese These. Denn schließlich macht das Auslassen verschiedener Nebensächlichkeiten auch einen Teil der novellistischen Erzählkunst aus.

Uwe Timm verwendet die Gattungsbezeichnung keineswegs unreflektiert, sondern verknüpft vielmehr die „[…] Elemente der Gattungstradition mit der Reflexion des Erzählprozesses […].“ (Kiefer 2010, 421).

Die „Elemente“ sind, wie bereits dargelegt, die verschiedenen Kriterien, die eine Novelle ausmachen. Viele, wenn auch nicht alle, erfüllt Timms Geschichte. Und auch das Erzählen als solches wird thematisiert, indem das, was Lena Brücker schildert, vom Ich-Erzähler begradigt und gekürzt (vgl. Timm 2009, 16) wiedergegeben wird. Außerdem sagt der Erzähler ausdrücklich, dass ER die Geschichte BEGINNEN LÄSST, woran deutlich wird, dass er sich der Erzähltätigkeit bewusst ist.

Auch der Umstand, dass Lena Brücker versucht, ihre Geschichte auszudehnen und der Ich-Erzähler sie immer wieder zurück zu der eigentlichen Begebenheit führen muss, zeigt das Spiel mit der Gattung. Lena möchte einen Roman über ihr Leben erzählen, wohingegen der Ich-Erzähler doch lediglich das kleine aber bedeutende Ereignis über die Currywurstentdeckung erfahren möchte. Die Erzählung auf den Punkt zu bringen ist es, was die Novelle und auch der Erzähler fordern.

Indem der Leser im letzten Satz auf die „Novelle“ aufmerksam gemacht wird, offenbart der Autor sein Spiel mit der Gattung.

Obwohl der Autor den als novellentypisch geltenden kurzen Umfang deutlich überschreitet und Lena Brückers Erzählung alles andere als einen „simplen Plan“ aufweist, lässt sich „Die Entdeckung der Currywurst“ dennoch als Novelle bezeichnen, da sie die anderen aufgezeigten Merkmale erfüllt und der Autor außerdem ein bewusstes Spiel mit der Gattung treibt und sie vielleicht sogar ein Stück weit „modernisiert“.

3.4 Interpretationsansätze

Das Erzählen und die „wahre Begebenheit“ eröffnen einen ersten Interpretationsansatz.

Die Currywurst? Nee, sagte sie [Lena Brücker, T.B.], ich hab nur nen Imbißstand [sic!] gehabt. Einen Moment lang dachte ich [der Ich-Erzähler, T.B.], es wäre besser gewesen, sie gar nicht besucht und gefragt zu haben. Ich hätte dann weiter eine Geschichte im Kopf gehabt, die eben das verband, einen Geschmack und meine Kindheit. Jetzt, nach diesem Besuch, konnte ich mir genausogut irgend etwas [sic!] ausdenken. Sie lachte, als könne sie mir meine Ratlosigkeit, ja meine Enttäuschung, die ich nicht verbergen mußte [sic!], ansehen. Doch, sagte sie, stimmt, will mir hier aber keiner glauben. […]. Ja, sagte sie, ich hab die Currywurst entdeckt. (ebd., 14f).

Weil ihr niemand glaubt, verneint Lena zuerst die Frage des Erzählers, ob sie die Currywurst entdeckt habe. Nach kurzem Zögern gesteht sie jedoch, dass sie die Entdeckerin ist.

Einerseits kann ihr geglaubt werden, dass sie die Entdeckung verheimlicht, weil sie Angst vor dem Unglauben und dem Spott der anderen hat.

Andererseits kann an der Stelle jedoch auch der Wahrheitsgehalt der Erzählung in Frage gestellt werden. Die alte Frau ist einsam in dem Altersheim und wünscht sich offensichtlich Gesellschaft. Durch das Beteuern gegenüber dem Ich-Erzähler, die Currywurst nicht entdeckt zu haben, kommt in ihr vermutlich der Gedanke auf, dass er gehen könnte und sie nicht mehr besucht. Um sich einen Zuhörer und einen willkommenen Zeitvertreib zu verschaffen, revidiert sie ihre Aussage, sagt sie habe die Wurst mit der besonderen Soße doch entdeckt und erfindet eine Geschichte dazu. Untermauert wird diese These dadurch, dass sie nicht direkt zu dem eigentlichen Kern der Erzählung kommt, sondern ihre Liebesbeziehung zu dem Bootsmann voranstellt. Dadurch gewinnt sie Zeit, um sich auszudenken, wie die Entdeckung stattgefunden haben könnte.

Sieben Nachmittage, und für den Leser sieben Kapitel, dauert es dann, bis der Ich-Erzähler schließlich erfährt, wie Lena Brücker durch einen Fauxpas die Currywurst entdeckt.

Siebenmal fuhr ich nach Harburg, sieben Nachmittage der Geruch […], siebenmal half ich ihr, […]. Siebenmal Torte, siebenmal schwere, süßmassive […], siebenmal brachte ein freundlicher Zivildienstleistender namens Hugo rosafarbene Pillen gegen zu hohen Blutdruck, siebenmal übte ich mich in Geduld, sah sie stricken, […]. (ebd., 15).

Neben den biblischen Beispielen für die Bedeutung der Zahl, wie der Schöpfung, die sieben Tage dauert oder den sieben Plagen in der Johannisapokalypse, um nur einige anzuführen, finden sich auch viele alltägliche Beispiele und Redewendungen, wie „die Siebensachen packen“, „alle sieben Sinne beisammen haben“ oder „das verflixte siebte Ehejahr“. Außerdem wird die Zahl häufig in Märchen verwendet, beispielsweise „die sieben Zwerge hinter den sieben Bergen“, bei „Max und Moritz“ sind es „sieben Streiche“ und „das tapfere Schneiderlein“ erledigt „sieben auf einen Streich“.

Die Sonderstellung der vielbeachteten Zahl geht in einer Vielzahl von Theorien auf die Summanden „drei“, die für Gott steht und „vier“, die auf die Elemente und die Himmelsrichtungen verweist, zurück. Demnach verbindet sie das Weltliche mit dem Göttlichen.

In „Die Entdeckung der Currywurst“ öffnet die symbolische Zahl einen Raum für das Märchenhafte und räumt ihm einen Platz im Alltag ein.

Desweiteren erhält der Leser durch die gesuchten Lösungswörter des Kreuzworträtsels einen Hinweis auf Homer und dessen „Odyssee“.

Die Rätselfrage nach dem griechischen Dichter, der mit „H“ beginnt, kann Bremer noch beantworten, als später jedoch nach einer Zauberin derselben Herkunft, beginnend mit „K“ und insgesamt fünf Buchstaben, gefragt wird, weiß er keine Antwort. Wäre ihm „Kirke“ (auch Circe) ein Begriff, sowohl als Lösung als auch als eine Zauberin, die Männer in Tiere verwandelt und die den Odysseus ein Jahr lang auf ihrer Insel hält, so hätte er eventuell Parallelen zwischen Kirke und Lena ziehen können.

Denn ähnlich wie die weilbliche Gestalt bei Homer den Odysseus in ihren Bann zieht, lässt auch die alte Frau Brücker den Bootsmann nicht mehr fort und „becirct“ ihn mit ihren Kochkünsten. Sie verschweigt ihm die Kapitulation Deutschlands, um ihn länger bei sich haben zu können.

Einige Jahre später wiederholt Lena die Prozedur mit dem Ich-Erzähler. Auch ihn lässt sie nicht gleich wieder gehen. Sie erklärt sich dazu bereit, ihm zu erzählen, wie sich die Entdeckung der Currywurst zugetragen hat, weist jedoch zugleich darauf hin, dass es keine kurze Erzählung werden wird. So lockt sie ihn immer wieder zu sich und kommt erst zum finalen Abschluss der Geschichte, als er darauf hinweist, dass sich sowohl seine Frau, als auch seine Kinder schon über die Abwesenheit beklagen.

Kalypso, eine Nymphe der griechischen Mythologie, wird am Ende der Novelle erwähnt. Auch sie hat Odysseus bei sich festgehalten, allerdings länger, nämlich sieben Jahre lang. Sie lässt ihn erst gehen, als sie von Hermes, dem Götterboten den Befehl dazu erhält. Sie überlässt dem bekannten Held Werkzeug, damit er sich ein Floß bauen kann und gibt ihm Proviant mit.

Bremer selbst ist es, der unbewusst die Verbindung zu Kalypso herstellt, indem er über die zusammengeschobenen Matratzen sagt, dass sie „[…] wie ein Floß.“ aussehen, auf dem sich die beiden „[…] zum Kriegsende treiben, [...].“ (ebd., 85) lassen.

Bremer und später schließlich auch der Ich-Erzähler sind sozusagen der von Kalypso, die durch Lena Brücker verkörpert wird, festgehaltene „Odysseus“.

Dass Lena Brücker eine abgewandelte Form der Kirke und auch der Kalypso darstellt, ist also keinesfalls abwegig, sondern naheliegend.

Desweiteren kann ein Bezug zu dem Seher Teiresias hergeleitet werden, der ebenfalls eine Figur aus der „Odyssee“ ist. Der Blinde, der Voraussagen treffen kann, bekommt von denjenigen, die ihn aufsuchen eine Opfergabe dargeboten. Auch die alte Dame, die ebenfalls erblindet ist, fordert ihren Zuhörer auf, ihr eine Torte mitzubringen. Die angelegten Parallelen zwischen ihr und dem Seher sind wahrscheinlich kein Zufall und vom Autor so beabsichtigt. Denn auch Lena offenbart etwas. Sie gewährt dem Ich-Erzähler einen, teils sehr intimen, Einblick in ihr Leben mit dem desertierten Bremer und erzählt ihm ihre Geschichte, die letztlich auch zu der Entdeckung der Currywurst führt, das erste Mal. Die Erzählung von Lena Brücker entspricht demnach einer Offenbarung im weitesten Sinne.

Dass Lenas Geschichte keine Erzählung für die breite Öffentlichkeit ist, sondern ein doch sehr privates und persönliches Geschenk an den Ich-Erzähler darstellt, wird in Bezug auf den gestrickten Pullover deutlich. Die alte Dame stellt ihn ursprünglichen für ihren Urenkel her, hinterlässt ihn aber dem Erzähler. Sie vermacht ihm damit die Geschichte über einen Ausschnitt ihres Lebens, über den fahnenflüchtigen Bootsmann, die Trennung von ihrem Ehemann Gary und die Entdeckung der Currywurst. Außerdem findet er in dem Päckchen, das Lena ihm hinterlässt, die Zutaten für die Currysoße, die auf der Rückseite eines Papierstückes aus einer Zeitschrift notiert sind.

Das Rezept teilt er den Lesern nicht mit, sondern verrät ihnen lediglich, was auf der Vorderseite des Zettels steht. Auf dem kleinen Blatt stehen folgende Wörter:

- „Kapriole“,
- „Ingwer“,
- „Rose“,
- „Kalypso“,
- „Eichkatz“ und „Novelle“. Es sind die Lösungen eines Kreuzworträtsels, das vermutlich von Bremer ausgefüllt wurde.

In dem letzten Satz der Erzählung taucht sehr versteckt und unscheinbar ein zweites Mal die griechische Zauberin auf. Die Anfangsbuchstaben der genannten Rätselwörter ergeben, von oben nach unten gelesen, ihren Namen – Kirke.

Die anderen Wörter sind ebenfalls bewusst gewählt und keineswegs reiner Zufall.

„Kapriole“ lässt sich vom italienischen Wort „capriola“ ableiten, was „Bocksprung“ bedeutet. In der alltagssprachlichen Verwendung steht es vielmehr für „freudiges/ erregtes Umherspringen“ oder „Luftsprünge machen“, also auch für überschwängliche Freude.

In Bezug auf die Handlung, lässt sich die Kapriole auf verschiedene Ereignisse beziehen. Zum einen ist es Lena Brücker, die nach ihrem Stolpern auf der Treppe in ein wahres Freudengelächter ausbricht, als sie bemerkt, dass der Ketchup-Curry-Matsch, entgegen ihrer Erwartungen, schmeckt.

Auch Bremer schlägt Kapriolen im übertragenen Sinn, als er eines Tages bei Lena an der Imbissbude auftaucht und durch den Genuss einer Currywurst wieder schmecken kann.

Außerdem steht die Kapriole, wie auch das silberne Reiterabzeichen, in Bezug zum Reitsport, da ein spezieller Pferdesprung der klassischen Reitkunst so bezeichnet wird. Dadurch entsteht eine Verknüpfung zwischen dem Lösungswort des Rätsels und dem anfangs als Talisman und später als Tauschobjekt dienendem Gegenstand.

Der nächste Begriff, „Ingwer“, ist ein indisches Gewürz „[…] gegen die Schwermut.“ (ebd., 136) und steht für Heilung, Kochkunst und kulina­rischen Genuss. Es ist eine der vielen Zutaten, aus denen das Curry­pulver besteht und verweist somit nicht nur auf die Currywurst, sondern auch auf die Kochkunst und den Geschmack.

Die Rose erscheint als nächstes auf dem Papierstück. In rot gilt sie als typisches Symbol für die Liebe und weist auf die leidenschaftliche Liebesbeziehung zwischen Frau Brücker und dem Bootsmann hin.

Allerdings ist eine Rose, wie jede Blume, etwas Vergängliches, sie verblüht nach einiger Zeit. So verhält es sich auch mit den beiden Beziehungen der alten Dame. Zuerst wird sie von Bremer verlassen, nachdem sie ihm schließlich gesteht, dass Deutschland kapituliert hat. Danach setzt sie ihren Mann Gary, kurze Zeit nach seiner Rückkehr aus der Kriegsgefangenschaft, vor die Tür, nachdem sie einen Damenslip bei ihm entdeckt. Dass sie ihn und seine Affären nicht mehr ertragen kann, stellt den Trennungsgrund dar.

Verschiedene Hinweise in der Novelle antizipieren das nahende Ende der Liebschaft zwischen Lena und dem Fahnenflüchtigen. Die Entfremdung deutet sich durch Bremers „[…] Gefühl, in der Falle zu sitzen, […].“ (ebd., 119) erstmals an und verstärkt sich dadurch, dass er, anstatt sie zu begrüßen, sofort nach einer Zeitung fragt. Auch dass sie „[…] an dem Abend keine Lust [hat], eine Geschichte auszuschmücken […]“ (ebd., 129) zeigt die Zerrüttung dadurch, dass die Kommunikation gestört zu sein scheint. Dem Streitgespräch über die Zeitung und eine Radioröhre folgt eine handfeste Auseinandersetzung, die in einer Rangelei auf dem Boden im Flur gipfelt. Er entschuldigt sich danach und sie realisiert, dass ihre Lüge längst kein Spiel mehr ist. Auch die Tatsache, dass die beiden das erste Mal, seit er bei ihr ist, nicht miteinander schlafen, weist auf einen Bruch in der Beziehung hin.

Ebenso ist zu erkennen, dass sie sich gegenseitig immer weniger respektieren. Bremers Wertschätzung kommt besonders durch die Würdigung ihrer Kochkünste zum Vorschein. Das erste warme Essen bei Lena, die falsche Krebssuppe, isst er trotz seines großen Hungers, langsam, um zu schmecken, zu genießen und dem Essen sowie der Köchin den verdienten Respekt zu erweisen. Später schlingt er das liebevoll Gekochte einfach hinunter und zeigt keinerlei Achtung für das Zubereitete, das Lena meist aus wenigen Lebensmitteln zaubert, die sie heimlich aus der Kantine entwendet.

Er [Bremer, T.B.] ging auf Socken. Der Krieg […] war aus und vorbei. Aber er geht weiterhin leise auf Socken herum. Es wurde nicht mehr gekämpft, und ich hatte einen in der Wohnung, der auf Strumpfsocken herumschlich. Nicht, daß [sic!] ich mich über ihn lustig gemacht hab, aber ich fand ihn komisch. […], aber man [Lena Brücker, T.B.] nimmt ihn [Bremer, T.B.] nicht mehr so furchtbar ernst. (ebd., 91).

Lenas Äußerung ist abwertend Bremer gegenüber, da er sicherlich verletzt und gekränkt gewesen wäre, wenn er gehört hätte, wie Lena sich über ihn amüsiert. Auch die der Rangelei folgende Aussage von ihr, als sie erkennt, dass die Lüge längst kein Spiel mehr ist, verstärkt, dass Lena Bremer und die gesamte Lage bis dato nicht ernst nimmt.

Die stetige Abnahme gegenseitiger Zuneigung erreicht einen Höhepunkt, als Bremers Geschmackssinn verschwindet. Er verliert ihn „[…] nicht von heute auf morgen […].“ (ebd., 134) sondern nach und nach. Ebenso langsam schreitet die Entfremdung zwischen den beiden Liebenden voran, die von Tag zu Tag immer deutlicher wird.

Lena bemerkt, dass Bremer seit einigen Tagen kaum Interesse an ihr zeigt, sondern nur noch dem Kriegsgeschehen Beachtung schenkt. Dass er einen langen, einsamen Tag in ihrer Wohnung verbringt, kocht putzt und Rätsel löst, nimmt Lena als Begründung für seinen Sinnesverlust und Holzinger vermutet, dass es eine „Innere Schieflage, […]. Eine Schwerblütigkeit, die vom Herzen kommt.“ (ebd., 136) sei. Beide Annahmen legen ein psychisches Unbehagen Bremers nahe, der sich unwohl und eingesperrt fühlt. Auch der Verweis auf die „Schwerblütigkeit des Herzens“ steht für einen Verlust der Liebe und könnte eventuell sogar darauf hinweisen, dass Bremer sich nach seiner Frau und dem Neugeborenen sehnt, sie vermisst und sich wünscht, wieder zu Hause zu sein, um bei ihnen sein zu können.

Schede (vgl. 2010, 69) zieht einen Vergleich mit im Zoo lebenden Tieren um den verlorenen Geschmackssinn zu begründen. Die Sinne der Wildtiere, die in Gefangenschaft leben, verkümmerten, weil sie mit allem Nötigen versorgt würden und sich ihr Überleben nicht selbst sichern müssten. Ähnlich ergeht es dem Fahnenflüchtigen, der rastlos in der Wohnung umherstreift und auf die Heimkunft Lenas wartet, die ihn umsorgt und bekocht.

Bremer selbst vermutet, nichts mehr schmecken zu können, weil er desertiert ist und demnach in seinen eigenen Augen einen feigen Verräter, der Kameraden im Stich lässt, abgibt. Er scheint niedergeschlagen und demotiviert zu sein, was auf ein angeschlagenes Selbstwertgefühl und aufkommende Reue hinweist.

Lena ist diejenige, die den Desertierten bei sich festhält, ihm das Kriegsende verschweigt und ihm dadurch den Geschmackssinn raubt. Aber sie ist es auch, durch deren entdeckte Speise er ihn wieder erlangt. Als Bremer eine Currywurst an ihrem Stand isst, „[…] schmeckte er, auf seiner Zunge öffnete sich ein paradiesischer Garten.“ (Timm 2010, 185).

Die Wiedergutmachung geschieht nicht geplant, sondern ist vielmehr schicksalsgeleitet, denn Bremer kommt zufällig an dem Imbiss vorbei. Nachdem er vor dem Haus in der Brüderstraße steht und sich nach kurzer Überlegung dazu entschließt, nicht bei Lena zu klingeln, entscheidet er sich dazu, in der Nähe etwas zu essen und landet so am Stand seiner damaligen Affäre. Obwohl sich beide erkennen, entsteht lediglich ein zweckorientierter Dialog zwischen einer Wurstverkäuferin und einem hungrigen Kunden.

Keiner sagt, dass er den anderen kennt, bzw. erkennt.

Auch das der Erzählung zugrunde liegende antagonistische Prinzip deutet daraufhin, dass die Beziehung keine Zukunft haben kann. Wilczek (vgl. 2000, 265f) beschreibt hierzu den Kontrast zwischen Lenas Wohnung, welche die Innenwelt darstellt und Hamburg um 1945, welches die Außenwelt markiert.

Die Innenwelt bietet Schutz vor dem Krieg, vor Tod und Zerstörung, während die Außenwelt von den Nationalsozialisten, deren Hass und Fanatismus bestimmt wird. Sowohl Lena als auch Bremer entziehen sich der Realität, flüchten sich in eine Gegenwelt und genießen die Zeit in dem geschützten Raum, bis die Beziehung schließlich zerbricht.

Doch auch in der Wohnung sind die beiden nicht völlig sicher. Der Blockwart Lammers und die Nachbarin Frau Eckleben gefährden die ungestörte Zweisamkeit. Lammers kontrolliert heimlich die Wohnung, als Frau Brücker bei der Arbeit ist und Bremer schafft es gerade noch rechtzeitig, sich vor ihm zu verstecken. Frau Eckleben bedrängt Lena mit aufdringlichen Fragen über den Lärm, der nächtlich aus ihrer Wohnung kommt und die Deckenlampe zum Zittern bringt. Daraufhin verlagern sie die Matratzen in die Küche, um weniger Krach zu verursachen. Das provisorische Nachtlager ähnelt einer Matratzeninsel und Bremer bezeichnet es als „Floß“.

Auf weitere Schutzräume und auf die Bedeutung der Küche wird später noch eingegangen, da zunächst einmal die Bedeutung der weiteren Lösungswörter von dem Kreuzworträtsel erläutert werden soll.

Auf den „Ingwer“ folgt der Name „Kalypso“, die als eine der Nymphen in der „Odyssee“ auftaucht. Welche Bedeutung ihr zukommt wurde bereits angeführt, als es um den intertextuellen Bezug zu Homers bekanntem Werk und der Zauberin Kirke ging.

Mit dem vorletzten Wort, „Eichkatz“, ist ein Eichhörnchen gemeint, dessen Fell auch als „Feh“ bezeichnet wird, woraus Kleidungsstücke hergestellt werden. Das Lösungswort des Rätsels bezieht sich demnach also auf den Fehfellmantel, dem Lena Brücker ihre Utensilien für ihren Imbissstand verdankt. Er verweist sowohl auf den Beruf des Kürschners, der Pelzmäntel herstellt und repariert, als auch auf den Vater des Ich-Erzählers und den Vater Uwe Timms, die beide den Beruf ausübten.

Das wertvolle Modestück ist für die Lena der Binnenerzählung lediglich ein Gegenstand, den sie für ihren Tauschhandel benötigt. In der Rahmenerzählung ist es jedoch ein „[…] Symbol epischer Ummantelung […].“ (Lorenz 2010, 264), das die Gegenwart mit der Vergangenheit verbindet. Durch die Anfertigung des Mantels wird der erste Kontakt zwischen Lena und dem Vater des Erzählers hergestellt und später auch zwischen dem Sohn und der Imbissbesitzerin.

Die plötzliche Aufgeregtheit des Erzählers, als Lena zu der Stelle in der Geschichte kommt, als sein Vater erwähnt wird, zeigt die Brücke zwischen heute und damals, denn er kann „[…] endlich [s]eine Frage stellen: Wie war er, […]?“ (Timm 2009, 173). Da er sich selbst schlecht an seinen Vater erinnert, hofft er durch Frau Brückers Erzählung seine lückenhafte Erinnerung ein wenig auffüllen zu können.

Auch der Nachname der betagten Dame deutet die Kopplung der beiden Erzählebenen an und lässt Lena eine Art Vermittlerrolle zukommen, indem sie durch ihre Erzählung eine Brücke zwischen dem gegenwärtigen und dem vergangenen Geschehen aufbaut. Durch die Reise in die Vergangenheit erfährt der ich-Erzähler eine interessante Geschichte. Lena entflieht ihrem Alltag im Altersheim und lässt ihre Liebesbeziehung Revue passieren.

Während des Erzählens strickt sie einen Pullover. Stricken und Erzählen sind die Lieblingsbeschäftigungen der alten Frau und hängen miteinander zusammen. Denn so, wie das Strickkunstwerk aus verschiedenen Fäden entsteht, so entsteht auch die geschilderte Begebenheit, das Erzählkunstwerk, aus unterschiedlichen Handlungssträngen.

Mehrmals wird auf die Schwierigkeit sowie auf die Besonderheit und somit auch auf die Kunst des Erzählens hingewiesen. Beispielsweise antwortet Lena auf die Frage des Erzählers, wie sie die Fäden aus­einanderhalte, dass es entscheidend sei, sich die Reihenfolge zu merken (vgl. ebd., 134). Auch die Aufforderung der alten Dame an ihn, dass er das herunter gefallene Wollknäuel bitte richtig aufwickeln solle, da es sich sonst verheddere (vgl. ebd. 170), bedeutet, dass das Stricken und das Erzählen Tätigkeiten sind, die Aufmerksamkeit und Genauigkeit erfordern. Der Pullover und die Erzählung laufen parallel nebeneinander her. Aus verschiedenfarbigen Fäden entsteht ein gestricktes Landschaftsmotiv und die geschilderten Nebenhandlungen ergeben schließlich, indem sich alles ineinander fügt, die Geschichte einer alten Dame über ihre Komposition aus Kalbswurst und Currysoße.

Lena verbindet das Fernste mit dem Nächsten, das Gewürz aus einem entlegenen Land mit der typisch deutschen Wurst.

Auch der Autor schafft eine solche Verbindung, indem er das Alltägliche explizit thematisiert. Denn gerade das ist es, worüber selten nachgedacht wird. Feste Termine, Abläufe und Strukturen bestimmen das Leben. Lena Brückers Leben ist um 1945 ebenso festgefahren und fremdbestimmt. Sie arbeitet in einer Kantine und verbringt die übrige Zeit alleine, da ihr Mann und ihr Sohn in den Krieg gezogen sind und die Tochter bereits ausgezogen ist. Diesem alltäglichen Leben lässt Uwe Timm „Die Entdeckung der Currywurst“ entspringen und zeigt seinen Lesern, dass vielen Alltagssituationen Besonderes inne wohnen kann, bzw. dass die Kunst des Erzählens darin liegt, aus banalen Begeben­heiten etwas Schönes, etwas Verzauberndes, etwas Kunstvolles zu machen, indem den Spuren des Alltags nachgegangen wird und sie näher beleuchtet werden.

Als Raum der alltäglichen Erzählung sei hier auf die Küche verwiesen. Viele Menschen, Paare, Eltern, Kinder oder Bewohner einer Wohngemeinschaft, treten besonders in dem Raum zusammen auf, in dem gekocht und gegessen wird. Das gemeinsame Abend- oder Mittagessen ist ein häufiges Ritual, bei dem oftmals vom Tagesgeschehen berichtet wird. Verliebte fragen, wie der Arbeitstag verlaufen ist, Eltern lassen sich von ihren Kindern über Vorkommnisse in der Schule informieren, es wird erzählt, problematisiert, geplant, vorgeschlagen und diskutiert.

Die Küche dient deshalb nicht nur als Ort der Nahrungsaufnahme, sondern stellt darüber hinaus auch einen Raum für Kommunikation dar.

Auch in „Die Entdeckung der Currywurst“ finden sich einige Verbindungen zu der Örtlichkeit. So ist es die Küche, in der der Erzähler Lenas Geschichten lauscht oder der Raum in der Wohnung, in dem Bremer nach seiner Einkehr bei der 43-Jährigen sitzt und falsche Krebssuppe isst, außerdem noch die Kantine, in der sie arbeitet sowie schließlich ihre Feststellung „Ohne Herd is der Mensch nix wert.“ (ebd., 51). Die Aussage verdeutlicht die Wichtigkeit des Kochens und somit auch des Erzählens, beides sind notwendige Dinge, die das Leben bereichern.

Überall dient der Ort als Kommunikationsraum. Bei der Tante ist es Lena, die vom Schwarzmarkt und kleineren Gaunereien spricht und den Erzähler bereits damals in ihren Bann zieht. Auf dem „Matratzenfloß“, das in der Küche liegt, teilt sie dem Deserteur Details aus ihrem Leben mit und in der Kantine sind es die Nazis, die berichten und informieren.

Uwe Timm schafft eine Verbindung zwischen dem Erzählen und dem Kochen und verweist somit auf erlebten Genuss, der sowohl auf der literarischen als auch auf der kulinarischen Ebene stattfindet.

Ebenso stellt die Küche, insbesondere das „Matratzenfloß“ einen Schutzraum dar, in den sich die beiden vor der bedrohenden Außenwelt flüchten.

Solche Schutzräume werden auch durch den Luftschutzbunker und die Feldplane dargestellt.

Nach dem Bombenalarm fliehen Lena und Bremer aus dem Kino in einen kleinen Bunker. Lena beruhigt ihn, als er, erschrocken von einer nahen Detonation, aufschreit. Der enge Luftschutzraum bildet eine kleine Gegenwelt zu dem sich draußen abspielenden Kriegsgeschehen. Hier sind sie vorerst in Sicherheit und sogar relativ ungestört, da sich nur wenige Menschen dort befinden, weil die meisten Leute einen Großbunker aufsuchen.

Anschließend machen sie sich auf den Weg zu der Wohnung in der Brüderstraße und hoffen, dass sie von dem Bombenangriff verschont geblieben ist. Zum Schutz vor dem einsetzenden Regen faltet Bremer seine Feldplane auseinander und breitet sie über ihren Köpfen aus. Damit sie beide darunter passen und keiner von ihnen nass wird, schmiegen sie sich eng aneinander und laufen Arm in Arm zu Lena. Eine erste intimere Nähe entsteht in dem kleinen, von der Plane gebildeten Schutzraum.

Später bietet das Kriegsutensil Lena an der Imbissbude Schutz vor Nässe und Wind. Der Erzähler erinnert sich an „[…] eine Feldplane, graugrün gesprenkelt, […].“ (ebd., 8), die über dem Vordach des Standes ausgebreitet ist.

Ein weiterer Raum, der der Sicherheit dient, ist die Kammer in der Wohnung. Bremer versteckt sich darin, als der Blockwart auftaucht, um einen Kontrollgang zu machen. Das Eindringen der Außenwelt durch Lammers in den privaten Bereich stellt eine Gefahr dar, der sich Bremer gerade noch rechtzeitig entziehen kann.

Lena und der Bootsmann entziehen sich den bedrohlichen äußeren Geschehnissen, indem sie in der Küche und der Kammer der Wohnung, unter der Plane sowie im Luftschutzkeller Zuflucht suchen. Es handelt sich bei der Außen- und der Innenwelt um zwei parallel zueinander existierende Wirklichkeiten. Während die eine vom Nationalsozialismus, von Krieg und Zerstörung beherrscht ist, vollzieht sich in der anderen ein „[…] ungetrübtes Liebes- und Sexualleben […].“ (Wilczek 2000, 266). Lena versucht die Scheinwelt, die sie sich mithilfe einer Lüge Bremer gegenüber aufbaut, aufrecht zu erhalten und dadurch der grausamen Realität zu entfliehen.

Zweimal fragt Frau Brücker den abtrünnigen Soldaten, ob er Familie habe, was er beide Male verneint. Allerdings findet sie zufällig ein Foto, das ihn mit einem Baby und einer jungen Frau zeigt. Sie kommt zu dem Schluss, dass „[…] alles, was dann kam, […] ohne sein Verschweigen so nicht gekommen [wäre].“ (Timm 2009, 84). Sie rechtfertigt, warum sie das Kriegsende verschweigt, um nicht als gemeine Lügnerin dazustehen. Außerdem findet sie das Bild nicht aufgrund eigener Anstrengungen, sondern weil es aus seiner Brieftasche heraus gerutscht ist, die auf dem Boden liegt. Sie sucht also nicht aktiv, ganz im Gegensatz zu Bremer, der völlig ungeniert in ihren Sachen stöbert. Er weiß zwar, dass es sich nicht schickt in den Sachen anderer Leute herum zu wühlen, was seiner Neugier jedoch keinen Abbruch bringt.

Indem der Desertierte dadurch etwas an Sympathie einbüßt, hat dies zur Folge, dass Lenas Lüge nicht mehr ganz so kritisch betrachtet wird.

Seine Aussage „[…] ich bin vom Kurs abgekommen.“ (ebd., 28) antizipiert, dass er am Morgen nicht in den Krieg ziehen wird, sondern desertiert und bei Lena bleibt, um dem sicheren Tod an der Front zu entgehen.

Eigentlich steht das Gesagte in einem anderen Zusammenhang. Lena fragt, wie er das silberne Reiterabzeichen erhalten hat. Als er ihr darauf antwortet, schweift er vom Thema ab und erzählt von seinen Kriegserlebnissen. Lena unterbricht ihn, weil sie solche Geschichten nicht hören will. Das „vom Kurs abkommen“ bezieht sich also eigentlich auf seine ausgedehnte Erzählung, wobei er doch lediglich begründen möchte, warum der Orden ihm bereits mehrfach Glück gebracht hat.

Der Ausspruch legt jedoch nicht nur seine Fahnenflucht nahe, sondern verweist zudem auf einen Wandel in seinem politischen Denken. Denn indem er die Kameraden im Stich lässt, wendet er sich gegen das von Hitler geführte Regime und dem dahinter stehenden Gedankengut des Nationalsozialismus.

Auch in Bezug auf seine Familie bringt ihn Lena „vom Kurs ab“. Sie hält ihn versteckt und verwehrt ihm die Heimkehr, indem sie ihm die Kapitulation verschweigt. Er kann den Heimweg nicht antreten, weil er abtrünnig geworden ist und ihn als Fahnenflüchtigen eine harte Strafe erwartet, wenn er aufgegriffen wird.

Darüber hinaus verleumdet er seine Frau und das Baby, weil er Lena gegenüber beteuert, nicht verheiratet zu sein. Er verrät sie für eine kurze und leidenschaftliche Affäre.

Dass die zunächst unbedeutende Aussage des Bootsmannes das alles antizipiert, wird erst während der Lektüre deutlich und erschließt sich, wenn sich die vielen Details zusammenfügen.

Uwe Timm geht zwar nur beiläufig auf den Nationalsozialismus ein und beschreibt ihn eher nebenbei, dennoch wird seine ablehnende Haltung mehrfach deutlich. Zum Einen durch den eben dargelegten „Kurswechsel“ Bremers, zum Anderen aber auch beispielsweise durch die Figur Holzinger.

Er arbeitet, wie Frau Brücker, in der Kantine der Lebensmittelbehörde in Hamburg. Sie beschreibt ihn als einen „[…] Zauberer, [der] aus allem etwas machen.“ (ebd., 33) kann. Er sabotiert das Essen immer, wenn die leitenden Herren Siege oder Vorstöße verkünden wollen. Meistens leiden sie nach der Kantinenverköstigung an Brechdurchfall, sodass die Reden ausfallen müssen. Lediglich einen Hinweis gibt Holzinger auf seine Sabotage. Er rät Lena nichts „[…] von der Terrine vom Vorstandstisch […].“ (ebd., 56) mitzunehmen. Er verkörpert einen kleinen Widerstand gegen das Regime. Zwar äußert er sich keineswegs parteifeindlich, manipuliert aber deren Gerichte wodurch er sie ins Lächerliche zieht.

Eine weitere Abneigung gegen den Nationalsozialismus wird durch die Protagonisten der Binnenerzählung dargestellt.

Lena verwendet nicht den Hitlergruß, sondern sagt weiterhin „guten Tag“. Außerdem bekundet sie, dass sie Bremer auch versteckt hätte, wenn er ihr nicht gefallen hätte, da es „[…] ja das Kleine [ist], was die Großen stolpern läßt [sic!].“ (ebd., 102). Desweiteren betont sie, dass sie mit Krieg nie viel am Hut gehabt habe und macht ihre politische Gesinnung deutlich. Auch die Tatsache, dass ihr Vater ein Sozialdemokrat ist, kennzeichnet ihren politischen Standpunkt.

Obwohl „Die Entdeckung der Currywurst“ keineswegs Position für den Nationalsozialismus bezieht, sehen Kritiker eine „[…] nostalgische Verharmlosung […].“ (Steinecke 1995, 222). Das Herunterspielen des Kriegsgeschehens wird beispielsweise darin begründet, dass lediglich Ereignisse dargestellt werden, die sich im direkten Umfeld von Frau Brücker zutragen. Allerdings kann dem entgegen gehalten werden, dass die Binnenerzählung aus Lenas Sicht geschildert wird und sie deshalb nur über eine beschränkte Sicht verfügt, da sie kein allwissender Erzähler ist. Die Begründung für die begrenzte Darstellung der letzten Kriegstage liegt folglich einerseits in der Erzählperspektive und andererseits in dem vom Autor fokussierten Geschehnis. Er schreibt keinen Kriegsroman, sondern stellt die Liebesbeziehung dar, die mitunter dazu führt, dass Frau Brücker die Currywurst entdeckt.

Weiter wird die Verharmlosung durch den nüchternen und sachlichen Ton gerechtfertigt, mit dem das moralisch verwerfliche Verhalten der Nationalsozialisten geschildert wird. Allerdings ändert sich der Tonfall auffallend, als Lena die Bilder von den Konzentrationslagern sieht. Sie gerät in Rage, schreit Bremer wütend an und tituliert alle Uniformierten als Schweine. Dass diese Stelle auch den Wendepunkt darstellt, hebt die Abneigung gegen das Regime zusätzlich hervor.

Die Kritik einer „nostalgischen Verharmlosung“ ist unbegründet, vor allem, wenn bei der Lektüre bedacht wird, dass der Autor ein anderes Ziel verfolgt. Er konzentriert sich darauf, das Erzählen zu thematisieren, einen Bezug zwischen Alltag und Ästhetik herzustellen und dabei die Entstehung der Currywurst aufzuzeigen.

Ebenso stellt er einen Bezug zwischen dem Ende und dem Anfang eines historischen Abschnittes her. Der Untergang des Dritten Reiches ist der Beginn einer neuen politischen Ordnung. Lena muss nach ihrer Entlassung in der Kantine und der Trennung von ihrem Mann Willi die beiden Kinder versorgen und sichert sich ihren Unterhalt durch den Imbissstand.

Es ist eine Zeit, die bestimmt ist von „Trümmer und Neubeginn, [eine] süßlichscharfe Anarchie.“ (Timm 2009, 183). Auch hier tritt wieder das antagonistische Prinzip hervor. Altes und Neues, Süßes und Scharfes sowie die Innen- und die Außenwelt begründen den Gegensatz der damaligen Zeit und verweisen auf die Verbindung zwischen einer banalen Alltagserzählung, wie der von Lena Brücker, und einer kunstvoll gefeilten und bearbeiteten Wiedergabe des Gehörten durch den Ich-Erzähler.

Im Folgenden soll erläutert werden, welche Rolle verschiedene Farben in der Novelle spielen, bzw. welche Bedeutung ihnen zukommt und wofür sie symbolisch stehen können.

Der gestrickte Pullover zeigt eine Landschaft mit zwei hellbraunen Hügeln, auf einem ist der braune Stamm einer dunkelgrünen Tanne zu sehen. Über dem Tal steht eine gelbe Sonne und eine kleine weiße Wolke setzt sich von dem blauen Himmel ab.

Die Hügel sowie der Stamm der Tanne nehmen einen großen Teil der Landschaft ein. Sie können für den Nationalsozialismus stehen, der Lenas Dasein prägt und beeinflusst, da er ihr Leben über einen längeren Zeitraum hinweg bestimmt.

Aus dem Stamm wird jedoch eine Tanne, daher bietet es sich an, lediglich die Hügel als Zeichen für die Nationalsozialisten zu deuten.

Der Baum antizipiert eher einen Bezug zu Bremer, der selbst davon berichtet, gedacht zu haben „[…] er is n Baum.“ (ebd., 82), nachdem er Curryhühnchen gegessen hat. Indem die alte Dame einen Nadelbaum in den Pullover hinein strickt, verewigt sie die Erinnerung an den Bootsmann darin.

Das grüne Nadelwerk verstärkt diese Theorie. Denn die Farbe steht für Jugend, Hoffnung und auch für beginnende Liebe. Mit ihm fühlt sie sich jung und klagt, dass sie alt sein wird, wenn er geht.

Dass sie die Tanne hoch in den Himmel ragen lässt, kann darauf deuten, dass sie die Beziehung zu Bremer über ihre Ehe stellt, bzw. dass der Liebe zu dem Fahnenflüchtigen ein höherer Stellenwert zukommt als der Lebensgemeinschaft mit Willi.

Allerdings kann es auch einen Wunsch der alten Dame symbolisieren. Und zwar das Begehren, aus den einfachen Leuten hervorzustechen und etwas zu erreichen, was über die Normalität dieser hinausgeht. Lena sticht in der Erzählung tatsächlich heraus. Sie nimmt ihr Leben nach 1945 als alleinerziehende Mutter in die Hand, startet einen Tauschhandel, wodurch sie die Currywurst entdeckt und eine Imbissbude eröffnet, die ihren Lebensunterhalt sichert.

Im Altersheim ist sie jedoch eingeschränkt, bewahrt sich dennoch mit einer Kochnische in ihrem Zimmer ihre Unabhängigkeit. Als betagte Frau findet sie Ruhe und Erholung, nachdem sie „[…] dreißig Jahre ihren Stand hatte, […].“ (ebd., 159) ohne freie Tage oder gar Urlaub. Die Harmonie zeigt sich in dem Blau des Himmels. Allerdings antizipiert die Farbe auch Ferne und Weite. Mit dem Umzug von der Brüderstraße in das Harburger Altersheim ist Lenas Selbständigkeit in unerreichbare Ferne gerückt. Sie bekommt Tabletten und ist aufgrund ihrer Erblindung auf Hilfe angewiesen.

Mithilfe des Ich-Erzählers überwindet sie die Ferne für einen Moment, indem sie durch ihre Geschichte alte Erinnerungen aufleben lässt und sie ein letztes Mal durchlebt.

Lena weist den Erzähler daraufhin, dass „[…] die Sonne langsam aufgehen [müsste].“ (ebd., 151) und gibt ihm somit einen versteckten Hinweis darauf, dass er bald erfährt, wie es zu der Entdeckung der Currywurst gekommen ist. Sowohl das gestrickte als auch das erzählerische Kunstwerk nähern sich der Fertigstellung.

Allgemein symbolisiert „gelb“ positive Dinge, wie beispielsweise Optimismus, Lebensfreude, Freundlichkeit und Wärme. Es kann jedoch auch als ein Zeichen für Neid, Falschheit und Lügen stehen.

In der Novelle antizipiert die Sonne sowohl das Positive als auch das Negative. Einerseits ist es Lenas Optimismus, der sie vorantreibt und ihr den Weg zur Selbständigkeit ebnet. Außerdem bringt sie dem Bootsmann Wärme, in Form ihrer Liebe, entgegen.

Andererseits steht die Farbe auch für Lügen und Neid. Lena verschweigt dem Fahnenflüchtigen die Kapitulation Hamburgs aus eigenem Interesse. Sie will nicht, dass er geht und sie danach wieder alleine und alt ist. Sie verschweigt ihm die Veränderung der äußeren Geschehnisse nicht nur, sondern sie teilt sie ihm bewusst nicht mit. Sie sagt also absichtlich die Unwahrheit, nur um sich selbst einen Wunsch zu erfüllen.

Auch ein gewisser Neid wird erkennbar. Frau Brücker schildert Bremers Gattin auf dem Foto als hübsche, junge Frau und vermutet, dass sie glücklich miteinander sind und darüber hinaus noch als Zeichen für ihre Liebe ein Baby bekommen haben. Lena hingegen führt eine Beziehung mit einem Mann, der keine Affäre auslässt und sich „[…] wie n kalter Stein im Bauch.“ (ebd., 157) anfühlt. Sie ist unglücklich mit dem Mann an ihrer Seite, der einem Filmschauspieler, Gary Cooper, äußerlich ähnelt und mit seinem Charme alle Frauen in seinen Bann zieht. Auch sie fällt dem reizenden Mann zum Opfer, heiratet ihn und bekommt zwei Kinder. Doch Willi erweist sich nicht als treusorgender Ehemann, sondern vielmehr als ein „Lebemann“, der oft bis weit in die Nacht fort ist und betrunken zu Hause einkehrt. Von seiner Frau verlangt er, dass sie den häuslichen Pflichten nachkommt und ihm, u.a. auch sexuell, zur Verfügung steht.

Die Zeit mit Bremer zeigt Lena, dass eine Beziehung auch anders verlaufen kann. Er räumt die Küche auf, spült das Geschirr und putzt, während sie auf der Arbeit ist. Außerdem hört er ihr zu, ist aufmerksam und denkt sogar an ihren Geburtstag, an dem er sie mit drei selbst gebastelten Papierblumen überrascht. Auch ihr Sexualleben gestaltet sich mit dem Bootsmann anders. Sie beschreibt ihn als einen guten Liebhaber, ganz im Gegensatz zu ihrem Ehemann, dessen Hand „[…] wie ne Spinne […] unter der Decke die Beine [von Lena, T.B.] rauf[kommt], [und] sie jedesmal […] aufschrecken.“ (ebd., 157) lässt.

Es ist daher naheliegend, dass die zweifache Mutter Neid für die Ehefrau des einfühlsamen Fahnenflüchtigen empfindet, da er ihr die schönen Seiten einer Beziehung aufzeigt.

„Sie hob das Pulloverteil hoch, die Sonne hatte sich im Blau des Himmels knallgelb gerundet. Na, was sagste [sic!] nu? Wunderschön.“ (ebd., 185). Lena beendet ihre Geschichte und zeigt dem Ich-Erzähler den fast fertigen Pullover. Die Antwort, auf die Frage, was er denn nun dazu sage, kann sich sowohl auf das Strickkunstwerk, als auch auf das ihm von Lena Mitgeteilte beziehen. Zum Einen findet er das Gehörte, zum Anderen aber auch das Gestrickte, „wunderschön“. Der Autor stellt eine weitere Verbindung zwischen dem Erzählen und dem Stricken her, die dem Leser aufzeigt, dass sie zusammenhängen.

Dass sich die Sonne „knallgelb gerundet“ hatte und sich in ihrer Vollendung zeigt, deutet auf die Fertigstellung beider Vorgänge hin.

Ein weiterer Zusammenhang zwischen den beiden von Lena vollzogenen Handlungen findet sich in der Frage mit der sie sich an den Erzähler wendet, ob sie „[…] noch ne weiße Wolke reinstricken [sic!], […]?“ (ebd., 151) soll.

Die alte Dame nähert sich dem Ende ihrer Geschichte und will wissen, ob sie dem Strickkunstwerk, und somit auch der Erzählung, noch etwas hinzufügen soll.

Da der Erzähler zustimmt, beginnt sie in das Blau des Himmels eine Wolke einzuarbeiten und integriert in die Erzählung, wie es dazu kommt, dass sie ihren Mann Willi vor die Tür setzt.

Allerdings kann auch die zweite Begegnung zwischen Lena und Bremer die „eingefügte weiße Wolke“ darstellen. Hierfür spricht unter anderem die durch Lenas Currywurst herbeigeführte Heilung des Bootsmannes.

Die von dem weiß suggerierte Unschuld und Vollkommenheit überträgt der Leser auf Frau Brücker. Denn sie hat Bremer seinen Geschmackssinn zurück gegeben. Dadurch macht sie auf gewisse Weise ihre moralisch nicht korrekte Handlung, die Lüge über das Kriegsende, wieder gut. Durch die Unaufrichtigkeit ihm gegenüber, hat er den Geschmack wahrscheinlich überhaupt erst verloren.

Da „weiß“ unter anderem für etwas Neues steht, verweist die Wolke unter anderem auf die Gattung. Eine Novelle handelt von einer kleinen Neuigkeit. Das Spiel des Autors mit der literarischen Form kommt erneut zum Vorschein.

Allerdings antizipiert die Farbe auch den Wahrheitsgehalt der Erzählung, da sie für Reinheit und Aufrichtigkeit steht. Symbolisch legt sie dem Leser nahe, das Gelesene als wirkliche Begebenheit anzuerkennen und Lena Glauben zu schenken.

Auch, dass die Farbe auf Unschuld und Vollkommenheit verweist, unterstützt den Leser dabei, die Glaubhaftigkeit der betagten Dame nicht anzuzweifeln. Denn wie könnte eine so weise, lebenskluge und couragierte Frau lügen und eine solche Geschichte frei erfinden?

Wie bereits auf einigen Seiten zuvor beschrieben, vertrete ich auch hier den Standpunkt, dass es der individuellen Entscheidung der Leser überlassen bleibt, inwiefern sie welche Teile der Geschichte für bare Münze nehmen.

[...]


[1] Die in dem Kapitel verwendeten Termini gehen auf die Erzähltheorie von Gérard Genette zurück.

Details

Seiten
71
Erscheinungsform
Erstausgabe
Jahr
2012
ISBN (eBook)
9783863418335
Dateigröße
334 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v296734
Institution / Hochschule
Studienseminar für Grund-, Haupt-, Real- und Förderschulen in Gießen
Note
2,6
Schlagworte
Die Entdeckung der Currywurst Novelle Deutschunterricht fächerübergreifender Unterricht Narratologie Didaktik

Autor

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Titel: Uwe Timms Currywurst: Analyse und Interpretation für Schule und Studium