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Die Entstehung von Sprachdominanz im Bilingualismus

Bachelorarbeit 2012 47 Seiten

Medien / Kommunikation - Fachkommunikation, Sprache

Leseprobe

2.5 Ausgeglichen vs. dominant

Wächst ein Kind mit zwei Sprachen simultan auf, so stellt sich ein ausgeglichenes Verhältnis zwischen diesen beiden Sprachen ein, da es mit diesen ungefähr gleich viel in Berührung kommt. Voraussetzung hierfür ist ein Zusammenleben der Eltern, sowie vorzugsweise das Alter vor Eintritt in den Kindergarten, da so eine ausgeglichene Interaktion der beiden Sprachen gewährleistet wird, denn der sprachliche Kontakt mit den Eltern und Familienmitgliedern stellt vorläufig den hauptsächlichen Berührungspunkt mit Sprachen dar. Tritt dieser Fall ein, so handelt es sich um „muttersprachliche Mehrsprachigkeit“ (Slawek 2007: 10). Die Sprecher verfügen über eine hohe Kompetenz in beiden Sprachen, die es ihnen ermöglicht im Gespräch mit Muttersprachlern sich mühelos zu verständigen. Auch das Wechseln in die andere Sprache bereitet keinerlei Probleme. Begünstigt wird dieser Typ durch eine funktionale Trennung, wie z.B. das Sprechen einer Sprache innerhalb der Familie und das Anwenden der anderen im freundschaftlichen Umfeld (Müller H. 2002: 281). Das Beherrschen beider Sprachen auf dem gleichen Niveau ist allerdings recht selten, da der Erfahrung nach bei Kindern eine Sprache ausgeprägter, und daher dominanter ist als die andere, selbst wenn sich die Eltern für einen ausgeglichenen Gebrauch in der Erziehung entschieden haben (Glumpler/Apeltauer 1997: 11).

Der dominante Typ des Bilingualismus zeichnet sich dadurch aus, dass sich im simultanen Erwerb eine der beiden Sprachen stärker ausprägt hat als die andere. Auch soziokulturelle Gegebenheiten können die Dominanz einer Sprache beeinflussen: Meist wird die Sprache die stärkere, die in der unmittelbaren Umgebung gesprochen wird, um nur einen Faktor zu nennen. Daraus resultiert, dass das Individuum die dominantere Sprache öfter anwendet, da es sich mit deren Gebrauch sicherer fühlt, weshalb es in dieser Sprache bessere Fortschritte machen kann. Das kann wiederum den schwächer ausgeprägten Wortschatz einer Bedrohung aussetzen, da dieser somit vernachlässigt wird und sich langsamer entwickelt (Triarchi-Herrmann 2006: 33).

Daher lässt dies den Schluss zu, dass der sukzessive, sowie späte Zweitsprachenerwerb die Herausbildung eines dominanten Sprachtyps unterstützen und somit auch hervorrufen können. Dieser Typ des dominanteren Bilingualismus tritt sehr häufig im Bilingualismus auf. Die Gründe dafür sollen im weiteren Verlauf dieser Arbeit noch näher analysiert und beschrieben werden.

Die folgende Grafik verdeutlicht noch einmal die verschiedenen Niveaus des Spracherwerbs.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 2: Kognitive Wirkungen verschiedener Typen von Bilingualismus. (Übernommen von Fthenakis et al. 1985: 100).

3. Was ist Sprachdominanz?

Wie schon gesehen bei dem weiten Feld der Begriffsbestimmungen des Bilingualismus, so herrscht auch bei der Definition der Sprachdominanz weitestgehend keine Übereinstimmung unter den Linguisten. In den meisten Studien wird als dominantere Sprache die stärker entwickelte Sprache angenommen, was hier als Definition dienen soll. Dennoch lässt sich aus der Literatur keine eindeutige Begriffsbestimmung entnehmen, welche Kriterien erfüllt sein müssen, dass eine Sprache als „dominant“ bezeichnet werden kann. Daher wird meist der Begriff „Sprachdominanz“ gemieden und mit den Bezeichnungen „stärker“ und „schwächer“ ausgeprägter Sprache gearbeitet (Müller et al. 2007: 63).

Im Folgenden sollen die wichtigsten Kriterien zur Bestimmung der Sprachdominanz im Bilingualismus aufgelistet und erläutert werden, um ein besseres Verständnis des Begriffs und dessen Inhalt zu vermitteln.

3.1 Transfer

Ein Transfer ruft Sprachmischungen u.a. im Bereich der Syntax und der Phonetik hervor, die in diesem Fall von der stärkeren auf die schwächer entwickelte Sprache übertragen werden. Ein Transfer von der schwächeren auf die dominantere Sprache konnte laut Müller et al. (2007: 71) bisher nicht nachgewiesen werden. Ein Beispiel hierfür wäre „ el horse es mio“ (García 1983: 101), weil hier von der dominanteren Sprache (Englisch), eine Übertragung auf die schwächere Sprache (Spanisch) ausgeübt wird, da dem Sprecher anscheinend das spanische Wort für „Pferd“ nicht einfällt.

Das Phänomen des Transfers kann in positiver, sowie in negativer Form auftreten: Als positiv wird es dann bezeichnet, sobald der Transfer beim Zweitsprachenerwerb bei der Weiterentwicklung hilft oder verbessernd tätig ist, indem er hilft z.B. Strukturen der zweiten Sprache besser zu verstehen. Negativ dagegen ist er, wenn eine abschwächende Wirkung auf die Zweitsprache eintritt, sobald die Erstsprache den Erwerb der zweiten Sprache behindert (ebd: 102). Das Auftreten von Sprachmischungen ist laut Triarchi-Herrmann (2006: 43) aufgrund von lexikalischen Lücken, sowie von bequemlichen Vorzügen bedingt, da so ein auftretender Wortmangel ganz einfach und schnell kompensiert werden kann.

3.2 Interferenz

Interferenzen sind eine Form von Transfer, sowie Sprachelemente, die bei Bilingualen zu hören sind, wenn sie sich in einer der beiden erworbenen Sprachen äußern. Genauer gesagt sind dies Elementüberlagerungen, sowie Strukturen und Regeln beider Sprachen, wobei das stärkere Sprachsystem das schwächere beeinflusst. Aufgrund genau dieser Überlagerungen werden sprachliche Fehler hervorgerufen, vorzugsweise im phonologischen Bereich, die bei Kindern meist von selbst wieder verschwinden, wie z.B. bei Helena. Sie hat einen griechischen Vater und eine deutsche Mutter, die sie von Geburt an bilingual erzogen haben. In ihren ersten sieben Lebensjahren konnte Helena viele griechische Wörter, die den Laut /θ/ enthielten, nicht richtig aussprechen. So wurde z.B. aus thelo (ich möchte) /selo/, oder aus thalassa (Meer) /salassa/ (Triarchi-Herrmann 2006: 35). Diese Interferenzen auf phonologischer Ebene betreffen auch den Sprachrhythmus und die Intonation einer Sprache. Deshalb kann bei einigen bilingualen Sprechern ein Akzent, auch wenn meist kaum hörbar, wahrgenommen werden. Sie entstehen dadurch, dass die betreffende Person ein Phonem aus dem Lautinventar der schwächer ausgeprägten Sprache, einem Phonem aus dem Lautinventar der dominanteren Sprache unterwirft und somit bei der Realisierung dieses Phonems sich den Regeln der stärkeren Sprache angleicht. Vorwiegend geschieht dies bei ähnlichen Lauten, wie das im Fall von Helena aufgezeigt wurde (ebd: 36). Des Weiteren gibt es lexikalische Interferenzen, die dadurch entstehen, dass sich die semantischen Ähnlichkeiten eines Wortes aus der dominanten Sprache, auf die Bedeutung der anderen übertragen. An dem Beispiel des fünfjährigen Englisch-Deutsch sprechenden Thomas kann dies demonstriert werden: Durch seine Dominanz im Deutschen wird die Semantik der deutschen Wörter auf das Englische angewandt, denn er sagt „ He goes me on the nerves! “ (ebd: 37). Auch im grammatischen Bereich lassen sich Interferenzen nachweisen: Diese treten auf, wenn sich Sprachstrukturen auf die schwache Sprache übertragen lassen, wie z.B. Präpositionen, der Gebrauch von Syntax und Tempus, sowie Verbbildungen. Ein Beispiel hierfür wäre die Antwort „ in T.V.“ auf die Frage „ Where did you see him? “, anstatt die korrekte Antwort „ on T.V. “. Hier wurde die Dominanz in der deutschen Sprache auf die Präposition im Englischen übertragen, da hier die richtige Antwort „ im Fernsehen “ gelautet hätte. Schaut man in die heutige Literatur, so findet man Stress, emotionale Belastung, ähnliche Sprachstrukturen, Art der jeweiligen Kommunikationssituation und die Anwendung bei komplexen Sprachmustern, als Gründe für das Auftreten von Interferenzen (ebd: 38f). Nach Matras (2009: 74) sind Interferenzen und daher auch der Sprachtransfer, als negative Erscheinungen beim Spracherwerb zu betrachten, da sie ein Scheitern beim Erlangen der exakten Sprachstrukturen der Zielsprache darstellen. Er lenkt jedoch ein und hält fest, dass diese dennoch das Ende einer Kommunikation verhindern können und somit als verbindende Maßnahmen bestehen bleiben dürfen. Wie schon bei der Bestimmung der Definition des Bilingualismus und der Sprachdominanz gehen auch hier die Meinungen unter den Linguisten auseinander, denn Triarchi-Herrmann bezeichnet Interferenzen bei Bilingualen als „unvermeidliche Spracherscheinungen“ (2006: 39), die eine Konversation nicht beeinflussen, da sie nicht als hinderlich oder nachteilig empfunden werden. Gleichzeitig weisen sie bei Kindern auf die nächste Phase der Sprachentwicklung hin, da diese nun anfangen zu verstehen, dass zwei verschiedene Sprachsysteme in ihrem Umfeld existieren (ebd: 39).

3.3 Code-switching

Als Code-switching wird die Fähigkeit von bilingualen Sprechern bezeichnet, problemlos zwischen ihren erworbenen Sprachen zu wechseln. Voraussetzung dafür ist natürlich, dass es sich um Bilinguale handelt, deren beider Sprachen einen gleich hohen Stellenwert genießen und in denen sie eine hohe Kompetenz aufweisen (Rothe 2012: 22).

Auf den ersten Blick scheint das Code-switching nicht als offensichtliches Kriterium für die Bestimmung der Sprachdominanz zu dienen, da es wie bereits erwähnt ein vorzugsweise ausgeglichenes Sprachenverhältnis voraussetzt, in dem keine der beiden Sprachen stärker ausgeprägt ist als die andere. Falls es dennoch ein geringes Maß an Dominanz aufweist, kann angenommen werden, dass hier ein Wechsel von der schwächer in die stärker ausgeprägte Sprache auftritt, da dieses Regelsystem präsenter und vertrauter im Umgang ist. Auch das Gesprächsthema und der Kommunikationspartner spielen eine wichtige Rolle.

Es gibt jedoch auch andere Meinungen unter den Linguisten: Geht man nach der Definition von Eichler (2011: 52), so stehen die Dominanz einer Sprache und das Code-switching sogar in einem sehr engen Verhältnis, da laut ihr in der einschlägigen Literatur die Sprachdominanz als Auslöser in die Wechselrichtung aufgeführt wird. So findet ein Wechsel nur von der starken in die schwächere Sprache statt. Warum dies so ist, dass man ausgerechnet in die weniger dominante Sprache wechselt, lässt sie in ihrem Werk allerdings ungeklärt.

Das Code-switching unterscheidet sich von den beiden vorausgegangenen Punkten, da hier weder die beiden Sprachen miteinander vermischt werden, noch Übertragungen stattfinden, sondern die Regelsysteme der beiden Sprechweisen eingehalten werden und einzig die Sprache selbst sich ändert. Der Wechsel kann sich auf ein einzelnes Wort, eine Phrase, oder auf einen ganzen oder mehrere Sätze erstrecken. Dies geschieht mit einer Leichtigkeit, dass es sogar nicht immer von der agierenden Person bemerkt wird (Triarchi-Herrmann 2006: 40). Im Kindesalter kann dies natürlich noch nicht so unbewusst und fließend wie bei Erwachsenen stattfinden, da die Lexik zu diesem Zeitpunkt noch begrenzt ist. Dennoch reicht das bereits vorhandene Vokabular aus, um einen Sprachwechsel zu vollziehen. Code-switching kann bei bilingualen Kindern auch dann erst in Erscheinung treten, wenn sie die Fähigkeit besitzen, zu verstehen und zu unterscheiden, dass zwei verschiedene Sprachsysteme in ihrem Umfeld existieren (Gardner-Chloros 2009: 146).

Auslöser dieses Phänomens können Sprecherwechsel sein, so dass an Satzgrenzen die andere Sprache eingesetzt wird, wie z.B. der Titel eines Aufsatzes von Poplack (1980 zitiert in Rothe 2012: 29) „Sometimes I’ll start a sentence in Spanish y termino en Español “ verdeutlicht, sowie an Morphem-, oder internen Satzgrenzen. Weitere Gründe für einen Sprachwechsel stellen lexikalische Lücken dar, wenn auf die zweite Sprache ausgewichen wird, um das Gespräch fortführen zu können, was häufig bei Nervosität oder Müdigkeit beobachtet werden kann. Genauso ist es möglich, dass durch das Wechseln in die alternative Sprache gewisse Ausdrücke besser beschrieben werden können, da sie mit einer bestimmten Sprache assoziiert werden (Triarchi-Herrmann 2006: 41). Ein weiterer Grund, der oft auch von Monolingualen kritisiert wird, ist, dass Bilinguale aus reiner Bequemlichkeit die Sprache wechseln, was für sie als Einsprachige eine unangenehme Situation zur Folge hat, da sie das Gefühl haben, dass die Bilingualen unvorsichtig mit ihrer Sprache umgehen (Grosjean 2010: 52).

4. Wie entsteht Sprachdominanz?

Nachdem die Begrifflichkeiten zum besseren Verständnis nun aufgelistet und erläutert wurden, soll jetzt im weiteren Verlauf der Arbeit die Entstehung der Sprachdominanz im Bilingualismus in den verschiedenen Gebrauchsdomänen aufgeführt und diskutiert werden.

4.1 Familie und frühkindliche Erziehung

Wird ein Kind in eine zwei- oder mehrsprachige Familie hineingeboren, so stellt sich für die Eltern immer die Frage: Soll das Kind lediglich in der Umgebungssprache erzogen werden, um eine schnelle Sprachentwicklung zu Gunsten der sozialen Integration zu gewährleisten, oder soll es auch die Muttersprache der Eltern/ des Elternteils erlernen, um im weiteren Lebensverlauf vielleicht einmal (sprachliche) Vorteile genießen zu können?

Die Familiensprache stellt einen sicheren Rückzugsort für jede Person dar. Sie ist für die Identitätsfindung, sowie für die kognitive Entwicklung von großer Bedeutung (Glumpler/Apeltauer 1997: 37). So bleibt weitgehend bei Familien mit Migrationshintergrund die Herkunftssprache als Familiensprache erhalten, häufig allein aus dem Grund, dass ein Teil der Familie noch im Herkunftsland lebt, oder die Großmutter der neuen Umgebungssprache nicht ausreichend mächtig ist und daher in der Familiensprache kommuniziert werden muss. Des Weiteren sei die unterschiedliche Lexik der Sprachen ein Grund, warum Kinder bilingual erzogen werden, da jede Sprachgemeinschaft ihre eigene Art und Weise hat etwas zu beschreiben und es daher nicht immer leicht fällt, jede Emotion und Angelegenheit in einer anderen Sprache auszudrücken (Slawek 2007: 24).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 3: Einflussfaktoren auf die Entwicklung des zweisprachigen Kindes. (Triarchi-Herrmann 2006: 93).

4.1.1 Bilinguale Erziehungsmethoden

Im Folgenden sollen nun sechs verschiedene Erziehungsmethoden im Bilingualismus unter Zuhilfenahme von Fallstudien aufgezeigt werden, um die unterschiedlichen Möglichkeiten zu demonstrieren. Diese wurden von der Engländerin Suzanne Romaine definiert.

Als erste Methode listet sie den wohl am weitverbreitetsten Typ der „One person - one language“- Erziehung auf (Romaine 1989: 166). Der Begriff (frz. „une langue, une personne“) wurde von dem französischen Linguist Jules Ronjat 1913 in der Literatur geprägt, da er diese Erziehungsmethode an seinem eigenen Sohn vollziehen konnte (Müller et al. 2007: 48). Hier wird vorausgesetzt, dass beide Elternteile verschiedene Muttersprachen haben, von der gleichzeitig eine die Umgebungssprache ist, dennoch müssen sie eine, wenn auch nur sehr geringe Kompetenz in der Sprache des anderen aufweisen. Die Eltern sprechen das Kind nur auf ihrer Erstsprache an, außer sie interagieren gemeinsam, dann wird von der Sprache Gebrauch gemacht, die vorher als Familiensprache festgelegt wurde. Meistens ist diese die Sprache der Umgebung (Romaine 1989: 167). Manchmal muss jedoch von der strengen Trennung der Sprachen abgewichen werden, da z.B. beim gemeinsamen Essen auch die Eltern miteinander kommunizieren wollen, was ein Sprachverständnis für beide Sprachen von mindestens einem Elternteil voraussetzt. Daher gilt es einen guten Mittelweg zwischen strikter Sprachentrennung und Vernachlässigung zu finden (Montanari 2007: 43). Dies kann an dem kleinen Guglielmo demonstriert werden: Der kleine Junge wurde in Indonesien geboren, welches das Heimatland seines Vaters ist. Deshalb spricht dieser mit ihm auch Indonesisch, während seine italienische Mutter mit ihm in ihrer Erstsprache kommuniziert. Obwohl er seit seiner Geburt zweisprachig aufwächst, weist Guglielmo große Defizite im Italienischen auf, da diese weder Umgebungs-, noch Familiensprache ist. Auch Sprachmischungen aus dem Indonesischen tauchen in seiner schwächeren Sprache auf, sobald er versucht sich auf Italienisch zu äußern. (Soriente 2006: 315). Diese Fallstudie zeigt die häufig auftretende Sprachsituation, in der die zweite Erstsprache, obwohl sie simultan erworben wird, in ihrer Entwicklung weit zurückliegt. Entsprechend wird die Kompetenz nur langsam gesteigert. Gründe dafür sind die Limitierung auf bestimmte Situationen, in diesem Fall der Kommunikation mit der Mutter (ebd: 316). In Guglielmos Fall entsteht die Sprachdominanz wegen fehlender Kommunikationsmöglichkeiten in einer der beiden Sprachen, aufgrund einer dominanteren monolingualen Umgebung.

Die zweite Methode nennt sich „Non-dominant home language“, in welcher beide Eltern auch über zwei verschiedene Muttersprachen verfügen, von denen wieder eine die dominante Sprache der Umgebung repräsentiert. Der Unterschied bei dieser Erziehungsmethode ist allerdings, dass zuhause innerhalb der Familie nur die Muttersprache des Elternteils mit dem Kind gesprochen wird, die nicht die Umgebungssprache ist, da es sonst mit ersterer nur selten in Berührung kommt. Mit der Sprache der Umgebung wird das Kind nur außerhalb der Familie konfrontiert. Diese Methode kann nur angewandt werden, wenn das Elternteil, das die Umgebungssprache zur L1 hat, auch die Muttersprache seines Ehepartners gut beherrscht (Romaine 1989: 167). Helena lebt mit ihrer holländisch sprechenden Mutter und ihrem englischen Vater in Holland. Der Wunsch des Vaters war es, dass die Mutter ihre L1 vernachlässigt und auf Englisch mit der Tochter kommuniziert, um sie der englischen Sprache innerhalb der Familie auszusetzen. Die Mutter fühlte sich der englischen Sprache auf Muttersprachler Niveau nicht gewachsen, weshalb der Versuch nicht erfolgreich bestritten wurde (Thomas 2012: 16). In welche Richtung die Sprachdominanz bei dieser Methode sich entwickelt kann pauschal nicht gesagt werden, da dies immer von dem Grad der Interaktion mit der Familien- und Umgebungssprache abhängt.

Typ 3 der bilingualen Spracherziehung nach Romaine ist die „Non-dominant home language without community support“-Methode. Diese setzt voraus, dass beide Elternteile die gleiche Muttersprache erworben haben, jedoch in einer monolingualen Umgebung leben, die nicht die Erstsprache der Eltern spricht. Als Familiensprache wird sich daher in der Muttersprache der Eltern geäußert, außerhalb der Reihen der Familie wird die Mehrheitssprache gesprochen (Romaine 1989: 167). Die Methode ist vorzugsweise bei Migrantenfamilien vorzufinden, die somit ihre Heimatsprache und -kultur versuchen in das Leben im Ausland zu integrieren (Müller et al. 2007: 49). An der kleinen Fun kann diese Methode als erfolgreich demonstriert werden: Ihre beiden japanischen Eltern trennten bewusst seit ihrer Geburt die Familiensprache Japanisch von der Umgebungssprache Deutsch. Sie wird demnächst eingeschult und beherrscht die deutsche Sprache bereits sehr gut (Triarchi-Herrmann 2006: 30f). Die Dominanz wird hier voraussichtlich in der Umgebungssprache bestehen, da mit dieser mit zunehmendem Alter mehr Kontakt besteht, als mit der Familiensprache.

„Double non-dominant home language without community support“ ist die Erwerbsmethode Nummer 4 (Romaine 1989: 167). Hier werden sogar drei verschiedene Sprachen erworben, die nicht unbedingt alle bestehen bleiben, da diese Situation voraussetzt, dass die Eltern jeweils eine andere Muttersprache als die Umgebung haben müssen. Um eine mühelose Kommunikation unter den Eltern gewährleisten zu können, muss mindestens ein Teil von beiden die Sprache des anderen beherrschen, ansonsten muss auf die Umgebungssprache ausgewichen werden. Welche Sprache als Familiensprache festgelegt wird, bleibt offen (Müller et al. 2007: 50). Hier ist offensichtlich, dass die dominantere Sprache wohl die Umgebungssprache werden wird, da das Kind dieser prozentual am meisten ausgesetzt ist, wenn zuhause zwei verschiedene Sprachen gesprochen werden. Wie z.B. bei dem im multilingualen Luxemburg lebenden Charles. Sein Vater sprach zuhause Französisch, seine Mutter Niederländisch. Die luxemburgische Umgebungssprache wurde außerhalb der Familie erlernt. Anfangs wurde dieses System beibehalten, ab einem gewissen Zeitpunkt jedoch begann die Mutter mehr und mehr auf Französisch mit ihrer Familie zu kommunizieren, der Muttersprache des Vaters (Thomas 2012: 17). Damit wurde der Input im Niederländischen geringer und verlagerte sich in den Hintergrund.

Die vorletzte Art des Bilingualismuserwerbs ist die monolinguale „Non native parents“ Variante. In der Umgebung wird die gleiche Sprache wie von beiden Elternteilen gesprochen, allerdings entscheidet sich einer der beiden sein Kind mit einer weiteren Sprache in Kontakt zu bringen, die wohlgemerkt nicht seine L1 ist, die er oder sie im Verlauf ihres Lebens auf hohem Niveau erworben hat (Romaine 1989: 168). Ein hervorragendes Beispiel hierfür ist die bilinguale Claudia. Sie hat zwei deutsche Muttersprachler als Eltern, die sich im Erwachsenenalter sehr hohe Kompetenzen im Englischen angeeignet haben. Aufgrund des vielen Reisens und Umziehens aus beruflichen Gründen des Vaters, haben sich die Eltern dazu entschlossen, Claudia bilingual zu erziehen, mit einer Sprache, die sie selbst erst spät als L2 erworben haben (Thomas 2012: 22). Aufgrund des häufigen Wohnortwechsels der Familie, wird bei Claudia voraussichtlich das Deutsche ihre dominante Sprache werden, da sie bei dieser den höchsten und konstantesten Input durch ihre Eltern erfährt.

Als letzte Methode der bilingualen Spracherziehung nennt Romaine „Mixed languages“. Damit meint sie, dass beide Eltern bilinguale Sprecher sind, wobei auch die Sprechergemeinschaft in der Umgebung die gleiche Sprachkombination aufweisen kann (Romaine 1989: 168). Die Erziehung des Kindes erfolgt durch eine Mischung der Sprachen. Ein Beispiel hierfür wäre das Elsass, in dem Deutsch und Französisch gesprochen wird. Die Eltern sind dort aufgewachsen und haben ihre schulische Ausbildung dort gemacht, daher sind sie bilingual und erziehen ihre Kinder in den gleichen Familiensprachen. Von dieser Variante kann es verschiedene Erweiterungen oder Möglichkeiten geben, da nicht unbedingt beide Elternteile die gleichen Sprachen sprechen, oder nur eine übereinstimmt. Auf diese Weise können auch problemlos vier Sprachen simultan erworben werden, vorausgesetzt, alle wichtigen Bedingungen sind gegeben (Müller et al. 2007: 50f). Welche Sprache in diesem Fall die stärkere wird, hängt von dem Teil des Gebiets, ob französische oder deutsche Gegend, und dem Erwerbshintergrund der Eltern ab.

Mit Hilfe der Spracherziehungsmethoden konnte eine wichtige Domäne der Entstehung zur Sprachdominanz ausführlich erläutert werden, nämlich die Voraussetzungen innerhalb der Familie. Da die bilinguale Spracherziehung im besten Fall schon bei der Geburt beginnt, stellt sie die Weichen, in welche Richtung die Dominanz sich entwickelt.

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Details

Seiten
47
Erscheinungsform
Erstausgabe
Jahr
2012
ISBN (eBook)
9783956845895
Dateigröße
965 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v297487
Institution / Hochschule
Universität Regensburg
Note
2,3
Schlagworte
Mehrsprachigkeit Code-switching Dominanzwechsel Bilinguale Erziehung Interferenz Transfer

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