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Harry Potter, die Grimms und der Tod: Zur Todesmotivik in alten und neuen Märchen

Bachelorarbeit 2013 67 Seiten

Germanistik - Komparatistik, Vergleichende Literaturwissenschaft

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Es war einmal
2.1 das Märchen und seine Funktion
2.2 der Tod – Versuch einer Definition
2.3 der Tod im Märchen

3. Und wenn sie nicht gestorben sind.
3.1 Bedrohung – Der Tod als Feind des Menschen
3.2 Erlösung – Der Tod aus Liebe
3.3 Akzeptanz – Der Tod als lebenslanger Begleiter

4. dann leben sie noch heute – The Abandoned Boys
4.1 Voldemort – Fehlgeschlagene Initiation
4.2 Professor Snape – Vorgreifende Trauerarbeit
4.3 Harry Potter – Eine säkularisierte „ars moriendi“

5. Fazit

6. Bibliographie

1. Einleitung

„Die menschliche Vernunft hat das besondere Schicksal in einer Gattung ihrer Erkenntnisse: daß [sic] sie durch Fragen belästigt wird, die sie nicht abweisen kann; denn sie sind ihr durch die Natur der Vernunft selbst aufgegeben, die sie aber auch nicht beantworten kann, denn sie übersteigen alles Vermögen der menschlichen Vernunft.“[1]

In seiner Vorrede zur „Kritik der reinen Vernunft“ stellt Immanuel Kant die These auf, dass der Mensch beständig nach der Beantwortung der metaphysischen Fragen drängt, eben weil er dazu fähig ist, sich um unbeantwortete Rätsel unseres Daseins Gedanken zu machen, gleichzeitig aber der Unmöglichkeit ihrer Auflösung unterworfen ist. Diese Überlegung ist aber nicht unbedingt als eine hoffnungslose anzusehen, denn nicht nur, dass wir eben durch unsere Vernunft befähigt sind, über die Grenzen unserer Welt hinauszudenken, man erhält mit dem Spiel um die Metaphysik auch ein breites Spektrum an differenziertesten Spekulationen, die man mit anderen teilen und somit die unterschiedlichsten Perspektivenwechsel erproben kann. Die Welt wird dadurch zu einem Konglomerat an potentiellen Möglichkeiten, die alle weder richtig, noch falsch sein müssen, aber das Verständnis von Leben und Tod, Diesseits und Jenseits, Sein oder Nichtsein vielfach und facettenreich erweitern können.

Gleichermaßen verhält es sich auch mit dem Wissen von und um den Tod. Denn obwohl dieser für jeden Menschen gleich erscheint, haben die Kulturen, Epochen und individuellen Vorstellungen doch gezeigt, dass er immer wieder anders aufgefasst werden kann; bis hin zu Überlegungen, an die man durch die Verhaftung in der eigenen Kultur nicht ansatzweise zu denken gedacht hat. Einfluss nehmen die religiösen Vorstellungen der Völker ebenso wie die der Zeit spezifischen Umstände der jeweiligen Epochen, die sich im Denken der Menschen verankern und somit auch das Verständnis von Sterben und Tod verändern.[2] Dennoch lässt sich ein homogener Kern wiederfinden, der sich durch das internationale und zeitliche Verständnis zieht, eine Ahnung des Mysteriösen und Ungreifbaren, ein Wissen vom Sterben anderer, das Inhalte für Geschichten, Sagen, Legenden und nicht zuletzt Märchen bietet.

Bei der Bezeichnung „Märchen“ denkt man anfangs an die Aufzeichnungen der Brüder Grimm, die es als ihr Lebenswerk ansahen, die mündlich tradierten Erzählungen zu sammeln und aufzuschreiben. Jedoch waren diese kleinen Geschichten keineswegs für die Zielgruppe Kinder gedacht. Gewalt, Sexualität und moralische Verwerflichkeit waren darin enthalten, bis die Grimms sich der anfänglichen Kritik diesbezüglich angenommen und eine kindgerechte Umwandlung vorgenommen haben,[3] auch wenn dabei der Anspruch auf unveränderte Form immer mehr verloren ging. Allerdings bleibt fraglich, ob dadurch die Motivik der angesprochenen Thematiken verändert wurde, bzw. ob Kinder diese unbewusst überhaupt erfassen können. Möglicherweise liegt gerade hier die Faszination zu Grunde, die auch Erwachsene immer noch für Märchen aufbringen, aber nicht unbedingt in begründende Worte kleiden können. Kinder wie Erwachsene haben die Möglichkeit, sich in den Helden der Geschichten wiederzufinden und auf sicherer Ebene entwicklungspsychologisch relevante Situationen literarisch oder auditiv rezipierend zu erproben, ohne sich in ein riskantes Praxisfeld vorwagen zu müssen, aus dem sich Konsequenzen im eigenen Leben ergeben können:

„Die Psychoanalyse und vor allem Bruno Bettelheim gehen davon aus, dass die Märchen auf unbewusster und vorbewusster Ebene Probleme, Ängste und Lebenskrisen der Kinder widerspiegeln. Nach dieser Theorie helfen die Märchen den Kindern bei ihrer Bewältigung.“[4]

Auch der Tod gehört zu diesem Erfahrungsfeld, das sich zwar niemals wirklich erfassen, aber durch Märchen in einer dargestellten Hinsicht experimentativ erfahren lässt. Die verschiedenen Arten, sich mit dem Tod und der Determination zu sterben zu beschäftigen, lassen sich allerdings nicht nur in den Märchensammlungen der Grimms finden, sondern auch in zahlreichen modernen Fassungen, Märchenadaptionen oder Kunstmärchen, die nicht auf mündlicher Tradition beruhen, sondern eigens als literarische Werke niedergeschrieben wurden.

So konfrontieren auch die Märchen im Rahmen der Harry Potter-Romane den Leser mit dem Motiv des Todes. Besonders bezeichnend ist dabei „The Tale of the Three Brothers“[5], denn hier werden drei Möglichkeiten mit dem Tod umzugehen beschrieben und verarbeitet. Dabei ist zu beachten, dass „The Tales of Beedle the Bard“ in einer fiktiven Realität eingebettet sind, die ihre Bedeutung maßgeblich bestimmt und auch ihre Funktion näher definiert. Zudem spiegeln sie die Motive in drei der bedeutenderen Figuren in der Harry-Potter-Welt, so dass hier eine Verbindung zwischen den Ebenen der eigentlichen Handlung und der darin enthaltenen Geschichten besteht. Denn besonders dem zuvor genannten Beedle-Märchen kommt in der Handlung der Romane eine wichtige Funktion zu, die den weiteren Verlauf der Geschehnisse beeinflusst und schließlich zur Auflösung der zu bewältigenden Aufgabe beiträgt. Auch lässt sich überlegen, inwiefern ein Vergleich zwischen der Entstehung und Entwicklung der jeweiligen Märchen bei Grimm und Rowling von Interesse wäre. Da dies allerdings den Rahmen dieser Untersuchung überschreiten und von der spezifischen Bearbeitung der Todesmotivik ablenken würde, wird nur ansatzweise auf die Parallelen, bzw. Unterschiede eingegangen.

Ebenso wie bei den Brüdern Grimm waren auch die Märchen der Harry Potter-Welt als „collection of stories written for young wizards and witches“[6] konstruiert, die in der fiktiven Realität der Romane als speziell für kindliche oder jugendliche Zauberer erschaffen abgegrenzt wurden. In diesem Rahmen sollen sie den jungen Magiebegabten die Gefahren ihrer Talente näher bringen und aufzeigen, dass die Helden in den Geschichten die gleichen Aufgaben und Probleme bewältigen müssen wie sie selbst. Man findet auch hier einen Hinweis auf die mögliche Identifikation und die entwicklungspsychologische Relevanz der Märchen.

Allerdings ist die fiktive Entstehung der „Tales of Beedle the Bard“ eher als Gegensatz zu der Entwicklung der KHM[7] anzusehen, denn es wird nur wenig über das Leben oder die Arbeit des erfundenen Autors erwähnt, während von den Brüdern Grimm umfassende Notationen erhalten sind. Lediglich der Geburtsort und eine vage Zeitangabe des Wirkens von der Figur des Beedle werden genannt. Auch gebe es einen Holzschnitt, der das Konterfei des Barden zeige, doch werde nur der bemerkenswerte Bart als herausragendes Erkennungszeichen genannt.[8]

Die Brüder Grimm dagegen nahmen erst im 18. Jahrhundert ihre Sammeltätigkeit auf und wurden zudem durch die Merkmale der Romantik[9] beeinflusst. Von ihrer Arbeit sind zahlreiche Werke, wie auch eigenhändig verfasste Notizen bekannt, die einen Einblick in die Entstehung und Entwicklung der Ausgaben der Kinder- und Hausmärchen geben. Auch die Kritiken an den Urformen und die darauffolgende Bearbeitung der einzelnen Versionen sind durch Handschriften belegt und können deshalb nachvollzogen werden. Es sind demnach umfassende Hintergrundinformationen vorhanden, auf Grund derer die Arbeit der Brüder Grimm erforscht und entsprechend bearbeitet werden kann.

Ferner findet man in den Romanen von J.K. Rowling Hinweise auf die Relevanz für die moralische Erziehung der jungen Rezipienten, die von nun an als Hauptzielgruppe der konstruierten Märchen gelten.

Ähnlich des Bekanntheitsgrades der Grimmschen Märchen in der realen Wirklichkeit wird auch den „Tales of Beedle the Bard“ Bedeutung für die von J.K. Rowling erschaffene, aber den Geschichten übergeordnete Realität zugemessen. Das von Hermione [10] erhaltene Werk wird mit einer Ausgabe der „Secrets of the Dark Arts“ verglichen, welches in der Harry Potter-Welt ein altes Buch darstellt und einem Zauberer Einblick in die Geheimnisse der dunklen Künste gewährt. Diese erscheinen symbolisch für eine Todesahnung, die sich so in der Romanwelt, exemplarisch an der Figur des Voldemort, manifestiert. Die Märchen des Barden sind in Runenschrift geschrieben, demnach codiert, und müssen erst durch Hermione entziffert werden.[11] Schon hier findet sich ein Verweis auf die verborgenen Andeutungen und die Beschäftigung mit metaphysischen Fragen, die in den Märchen enthalten sind, aber nicht durch einmaliges Lesen erfasst werden können: Sie bedürfen einer vertieften Rezeption. Besonders die Geschichte um die drei Brüder enthält versteckte Motive, um zu einem moralisch besseren Leben zu finden, aber ebenso Hinweise auf die Fortführung der Handlung und Auflösung der zu bewältigenden Problematik, die sich durch die sieben Bände um den jungen Harry Potter von J.K. Rowling erstreckt. Das Motiv des Todes ist dabei allgegenwärtig, nicht nur durch die „Death Eater“, die auf Seiten des dunklen Lords stehen oder die ständige Todesbedrohung, der Harry und seine Freunde ausgesetzt sind, sondern auch in subtilen Anspielungen, die immer wieder in den Romanen auftauchen. So zum Beispiel das Zitat auf dem Grabstein der Eltern Harrys – „The last enemy that shall be destroyed is death.“[12], das zunächst als negativ konnotiert aufgefasst wird, dessen Bedeutung sich aber im Laufe der Handlung entwickelt, so wie sich analog die Einstellung Harrys gegenüber der Möglichkeit seiner Sterblichkeit wandelt.

Auch in den Märchen der Brüder Grimm verändern sich in den Ausgaben bestimmte Facetten, die aber für die Interpretation des Todesmotivs durchaus relevant sind. Hier scheint das Beispiel der KHM Nr. 42 „Der Herr Gevatter“ und Nr. 44 „Der Gevatter Tod“ als besonders bezeichnend, denn in diesen Märchen, die zahlreiche Parallelen enthalten, modifizieren sich gewisse Komponenten, aber vor allem der Schluss, so dass verschiedene Deutungen erprobt werden können. Demnach ändern sich die Märchen nicht nur über einen bestimmten Zeitraum hinweg, sondern enthalten in unterschiedlichen Versionen auch heterogene Lesarten.

Es bleibt zu fragen, inwieweit die Todesmotive sich ähneln oder einen gemeinsamen Kern enthalten, der mit dem Grundkern unterschiedlicher Kulturen übereinstimmt. Hierfür werden zusätzlich die modernen, fiktiv konstruierten Märchen aus Harry Potter herangezogen, um zu eruieren, ob in dieser Welt ebenso gleiche Kernmotive enthalten sind, die über die Grenzen der Realität in eine der fantastischen Literatur projiziert werden.

Um ein möglichst breites Spektrum abzudecken ist diese Studie in drei Teile gegliedert. Zunächst wird beschrieben, wie sich ein Märchen definiert und welche Bedeutung es bis heute für Kinder und Jugendliche (aber auch Erwachsene) haben kann, bzw. wie es als Bildungs- oder Verarbeitungsmittel zum Einsatz gelangt. Dazu wird kurz auf einen didaktischen Umgang aus der neueren Forschung anhand der KHM eingegangen, wie sie zum Beispiel durch die Märchen-Stiftung Walter Kahn initiiert wurde. Aber auch der psychologische Aspekt in Hinsicht auf Entwicklung und therapeutische Ansätze soll kurz beleuchtet werden. Dritter Bearbeitungsfaktor der Untersuchung ist ein philosophischer, der sich besonders zur Behandlung der metaphysischen Komponente eignet, so dass das Werk im Sinne einer fächerübergreifenden Komparatistik verortet werden kann.

Nach der näheren Betrachtung der Gattung Märchen, unter anderem anhand der Werke von Heinz Rölleke und Max Lüthi, wird versucht, gleichermaßen eine Definition des Todes zu geben. Antike wie moderne Philosophen konnten eine solche Begriffsbestimmung nicht leisten, da man den Tod selbst erleben müsste, um Erfahrungen über ihn machen zu können.[13] Aus diesem Grund wird es auch bei dem Versuch einer Definition bleiben. Es werden nur Ansätze aufgezeigt, die einen Zugang zur Thematik und einen Überblick über die möglichen Herangehensweisen geben sollen, um eine interpretative Erarbeitung der Märchenmotive zu erleichtern. Besonders die Positionen aus den Werken Thomas H. Machos, Eduard Zwierlein und Dieter Birnbacher finden hier Anwendung.

Bedeutend für eine tiefere Untersuchung ist auch die Veränderung der Märchenversionen – in Hinsicht auf das Todesmotiv – über die Zeit und durch den Einfluss verschiedener Kulturen. Besonders bei den Brüdern Grimm lassen sich unterschiedliche Varianten bestimmter Märchen finden, was einerseits an der ständigen Überarbeitung der gesammelten Geschichten liegt, andererseits durch neue Erkenntnisse oder anderweitige Einflüsse begründet werden kann. Die Interpretation der Todesmotive bekommt durch die Zugabe oder Wegnahme solcher Faktoren andere Bedeutungen, so dass auf eine nähere Betrachtung nicht verzichtet werden kann. Einer dieser Aspekte liegt innerhalb des allgemeingültigen Glaubens und seiner Wirkung auf mündlich verbreitete Geschichten. Insofern ist es aufschlussreich zu eruieren, welchen Einfluss Mythen, Religionen und der Säkularisierungsprozess auf die grimmschen Ausgaben haben und inwiefern sich J.K. Rowling davon inspirieren ließ, denn auch ihrem „Tale of the Three Brothers“ lässt sich ein Text aus früherer Zeit gegenüberstellen, der Parallelen aufweist, aber im Christentum verhaftet ist.

Im zweiten Teil wird auf die Motive selbst eingegangen, die sich vor allem im „Tale of the Three Brothers“ am Beispiel der einzelnen Brüder finden, und im Vergleich geprüft, wie sich diese mit denen der KHM der Brüder Grimm überschneiden, unterscheiden oder aufeinander übertragen lassen.

Hierfür werden drei unterschiedliche Aspekte gewählt:

1. Viele Menschen sehen den Tod als ihren persönlichen Feind an, den es mit allen Mitteln zu bekämpfen, zu besiegen oder zu überdauern gilt. Besonders Ärzte stehen in ständiger Gegenwehr zu Krankheit und dem Sterben ihrer Patienten. Aber auch die Unsterblichkeitsillusion derer, die den Tod verdrängen, fällt in diese Kategorie. Ein solches Denken lässt sich mit einer übersteigerten Version des epikureischen Standpunktes vergleichen, der Tod dürfe den Menschen im Leben nicht tangieren, „denn wenn wir sind, ist der Tod nicht da, aber wenn der Tod da ist, sind wir nicht mehr.“[14] Ob und inwieweit diese Methode für ein glückliches Leben funktionieren kann, hängt von vielen Faktoren ab, maßgeblich von der Einstellung desjenigen, der sich damit beschäftigt. Die Märchen Nr. 42 und 44 der Brüder Grimm zeigen die Perspektive des Arztes, der persönlich einen Wandel seiner Einstellung erlebt, während J.K. Rowling mit dem ersten Bruder ihres „Tale of the Three Brothers“ Einblicke in die Situation eines machthungrigen Menschen gibt, der sich gewaltsam gegen das Sterben behaupten möchte.
2. Eine andere Ansicht des Todesbegriffs lässt sich in der Vorstellung des Todes als Erlöser finden. Nach langer Krankheit oder dem Verlust eines geliebten Menschen kann das Leben für Personen zu einem nicht enden wollenden Leid werden. Hier stellt sich die Frage, ob ein schnelles Ableben dem weiteren Erleben von Schmerz nicht vorzuziehen sei, bzw. ob eine Selbsttötung in solchen Fällen als ethisch vertretbar angesehen werden könnte. Die Aspekte der Krankheit finden sich andeutungsweise in den Grimmschen Märchen, in den Geschichten von „Beedle the Bard“ wird das Beispiel des Selbstmordes nach dem Tod des Lebenspartners aufgezeigt. Auch wenn hier zunächst eine Alternative erprobt wird, läuft die Auflösung auf das Beenden des eigenen Lebens hinaus und bietet Einblicke in das Zerreißen einer Wir-Beziehung.
3. Die dritte Position ist eine Folgerung aus den vorherigen, bezüglich der Akzeptanz des Todes als dem Leben zugehörig. Es findet sich der Gedanke einer „ars moriendi“[15], deren Verfolgung als Sinnmotor für ein intensives und glückliches Leben steht. Denn nur, wenn man sich mit seiner Sterblichkeit beschäftigt, befähigt man sich, ein zufriedenes Leben führen zu können.[16] Auch diese Vorstellungen wird in Rowlings konstruierter Märchenwelt angesprochen, am Beispiel des dritten Bruders, der nicht versucht, den Tod zu überlisten, sondern seine Lebenszeit lediglich verlängert, um die eigene Zukunft noch erfahren zu können. In den KHM Nr. 42 und 44 der Brüder Grimm lässt sich dieser Aspekt anhand des Negativbeispiels des Arztes erläutern, der zwar die Konfrontation mit seinem Gevatter sucht, aber keine Auflösung zu einem „Happy End“ erlangen kann. Entgegen der Erwartungshaltung an grimmsche Märchen wird die Niederlage, respektive die Erlangung der Todesakzeptanz nicht erreicht.

Im dritten inhaltlichen Punkt der Untersuchung wird auf die entwicklungspsychologischen Aspekte der Märchendeutung eingegangen, die sich mit Initiationsriten und allgemeinen Ablösungsprozessen von Eltern, moralischen Werten und vorhergehenden Entwicklungsstufen befassen. Hierzu zählen die psychologischen Aspekte des Erwachsenwerdens und der Erlangung einer Lebensphase, die mit der Loslösung von der elterlichen Fürsorge einhergehen. Untersucht wird, inwieweit die Märchen ihrer zugedachten Funktion innerhalb der fiktiven Realität Harry Potters nachkommen und ob sich dies auch auf die Wirklichkeit und somit die grimmschen Märchen übertragen lässt. Des Weiteren ist von Interesse, ob die Wirkung im Kern eine ähnliche ist oder ob die Funktion der "Tales of Beedle the Bard" in den Romanen von J.K. Rowling idealisiert übertrieben dargestellt wird. Eine eventuelle Deckung mit den entwicklungspsychologischen Aufgaben mündlich und schriftlich tradierter Geschichten und derer Konsequenzen in der Entfaltung eines eigenen moralischen Wertekomplexes ist anzustreben, wird aber in dieser Untersuchung nicht in einem Umfang bearbeitet, der diesem zukommen müsste, wenn man alle Aspekte betrachten wollte.

Abschließend werden die gesammelten Ergebnisse subsumiert und in einem Fazit aufgezeigt, welche potentiellen Fortführungen der Untersuchung möglich sind.

2. Es war einmal

Märchen und das Übernatürliche sind unweigerlich miteinander verbunden. Die Möglichkeit der Einführung des Wunderbaren ist die Besonderheit, die diese Gattung ausmacht und so Boden bietet für die metaphysischen Räume, die sich unserer Erkenntnis entziehen und nur durch Mutmaßungen erfassbar werden. Aus diesem Grund passt die Motivik des Sterbens in den Rahmen des Fantastischen, innerhalb dessen sie experimentell rezipiert werden kann. Auch die „natürliche Vermischung“ von Diesseits und Jenseits innerhalb der Märchen ist ideal für die Beschäftigung mit der Thematik.[17]

Das Auftauchen magischer Wesen, fiktiver Charaktere und ungewöhnlicher Ereigniszustände wird innerhalb der Geschichten des Genres der Fantastik als vollwertige Möglichkeit von Seiten des Rezipienten akzeptiert. Dennoch bietet sich eine sichere, da theoretische, bzw. in der Realität nicht als zu erwartende, Lebenswelt, die Raum gibt, sich versuchsweise mit unerwarteten Situationen auseinanderzusetzen. Der Leser kann damit rechnen, dass ein Protagonist, der vor eine zunächst unlösbar scheinende Aufgabe gestellt oder mit einem erschütternden Ereignis konfrontiert wird, gleichzeitig magisches Werkzeug oder personelle Hilfe erhält, mit dem er im Stande ist, seine eigene Lebenslage an die neue Situation anzupassen.

Neben einem Unterhaltungswert der Geschichten bieten diese demnach Gelegenheit, sich eingehend mit Problemen zu befassen, die in ihrer Komplexität schwer zu thematisieren sind. Vor allem im pädagogischen und therapeutischen Bereich finden sie für Kinder und Jugendliche Anwendung.

2.1 … das Märchen und seine Funktion

Märchen werden Kindern schon seit Generationen als Gute-Nacht-Geschichten und zur unterhaltenden Kurzweil vorgelesen oder als illustrierte Bücher zum eigenen Entdecken vorgelegt. Oftmals erhält man dabei den Eindruck, die Erzählungen seien ausschließlich für Kinder gedacht, was daraus resultiert, dass die Brüder Grimm ihre Sammlung „Kinder- und Hausmärchen nannten und sie zum bürgerlichen Erziehungsbuch machten“[18], so wie die Zeichner in den zugehörigen Bildern die Helden „meist als kleine Kinder darstellten und damit die Vorstellungen vom Märchen bis heute geprägt haben.“[19]

Die Bedeutung des Wortes in seinem historischen Kontext gibt Aufschluss darüber, dass die Geschichten ursprünglich nicht für Kinder konzipiert waren, denn es handelt sich um „eine Diminutivbildung zum Substantiv mære, was seinerseits 'Nachricht von einer geschehenen Sache', 'Botschaft' bedeutet.“[20] Es wurde dem Rezipienten also etwas Erfahrenes übermittelt, in damaliger Zeit zumeist durch mündliche Übertragung. Da es sich nicht selten um „Klatsch und Tratsch" handelte, erlangte das Märchen bald eine negative Konnotation, die es als Lügengeschichte abstufte.[21] Das lag nicht zuletzt an den wunderbaren Inhalten, die in der rationalen Realität kaum Zuspruch oder das Bedürfnis nach Wahrheitsgehalt fanden. Erst in der Romantik trat ein neuerlicher Wandel ein, der die Bedeutung des Märchens wiederum umformte, ihm ein größeres Gewicht einräumte und positiv behaftet war.[22] Allerdings änderte sich damit auch die Zielgruppe, die ja bislang auf jene Erwachsene ausgelegt war, die sich die Botschaften beim Arbeiten gegenseitig erzählten. Kinder waren zu dieser Zeit eher zufällige Zuhörer, da sie sich oftmals in der näheren Umgebung der Erwachsenen aufhielten und dadurch die Gespräche mitbekamen.[23]

Nach dem Literaturwissenschaftlicher Max Lüthi

„werden für das ‚eigentliche Zaubermärchen‘ die folgenden Merkmale genannt: Ausgliederung in mehrere Episoden, die das Märchen bloßen Kurzphantasien […] voraus hat, klarer Bau, der es von der unbeschränkten Freiheit des Kunstmärchens abhebt, der Charakter des Künstlich-Fiktiven, der das Märchen von Berichten über Gesehenes, Gehörtes, Erlebtes und Geglaubtes trennt, die Leichtigkeit, das Spielerische, das ihm im Gegensatz zu den verwandten Gattungen Sage, Legende, Mythus [sic] eignet, die im Vergleich mit Fabeln und Exempeln unbedeutende Rolle des belehrenden Elements, und das Miteinander von Wirklichkeit und Nichtwirklichkeit, welches das Märchen von erfundenen Erzählungen mit realistischem oder pseudorealistischen Anspruch wie Novellen, Romanen, science fictions […] unterscheidet.“[24]

Erst mit den Grimms erlangten die Märchen den Anspruch kindgerechter zu werden, da besonders Wilhelm sich um die Umformung zu kunstvollen, aber gleichzeitig zur Erziehung brauchbaren Werken bemühte. Er wurde damit nicht nur der Kritik gerecht, die an vorigen Ausgaben geübt wurde, sondern kreierte ebenso „den unverwechselbaren Stil des Grimmschen Buchmärchens“[25], der bis heute bekannt ist. Schon damals wurden die Inhalte zur Vermittlung moralischer Werte an Kinder weitergegeben, die sich mit den Märchenhelden identifizieren konnten und auf fantasievolle Art lernten, zwischen „richtig“ und „falsch“, bzw. „gut“ und „böse“ zu unterscheiden.[26] Kinder erproben sich und ihre Umwelt, früher wie heute, durch den Einsatz von Fantasie und das gedankliche Durchspielen bestimmter Situationen oder Ereignisse. Vor allem Märchen bieten hierfür ausreichend Raum, regen zu Tagträumen und kreativen Gedanken an und helfen dem Heranwachsenden, sich in solchen experimentell zu erfahren. Fördernd dafür sind die einfache, volkstümliche Sprache, die gradlinige Handlung und die Eindimensionalität der Figuren, die das Lesen und Verstehen leichter gestalten. Das Wunderbare und der vorkommende Zauber sind weitere Faktoren, die solche Geschichten gerade für Kinder attraktiv machen.

Ein weiterer Aspekt, der nicht vernachlässigt werden darf, ist die ehrliche Ansprache bestimmter Thematiken, deren Ernsthaftigkeit und Bedeutung den Eltern oft nicht bekannt oder nahezu unangenehm zu besprechen sind. Es handelt sich um existentielle Fragen, die Erwachsene leicht als unwichtig abstufen oder nicht intensiv genug erörtern, da sie die inneren Konflikte der Kinder nicht in ihrer Tiefe begreifen oder nachvollziehen können. Das Märchen bietet dafür nicht nur ernsten und direkten Umgang, sondern auch passende Lösungsansätze, die von den jungen Lesern leicht aufgenommen und für das eigene Empfinden adaptiert werden können.[27]

Gerade weil sie sich mit den Problemen des Erwachsen-Werdens beschäftigen, sind Märchen nicht nur für die Entwicklung der Jüngeren, sondern auch für den Jugendlichen in der Phase der Pubertät von großer Bedeutung:

„Das Märchen ist eine der bedeutungsvollsten literarischen Gattungen, die wir haben. Sie zu pflegen und lebendig zu erhalten, ist eine der wichtigsten Aufgaben von Schule, Universität und Öffentlichkeit.“[28]

Die Nähe zur Lebenswelt der Schüler, die aber gleichzeitig in eine fantastische Umgebung eingebettet ist, bietet Freiraum für Kreativität und die Entdeckung eigener Ansichten in einer der Altersgruppe entsprechenden und anziehenden Welt. Im Gespräch mit Freunden oder Klassenkameraden werden Meinungen gebildet und ausgetauscht, Moralvorstellungen besprochen und eigene Ansätze erarbeitet. Auch die Form der literarischen Gattung kann im Schulunterricht begründet ihren Platz finden, um losgelöst von der elterlichen Fürsorge eigenständige Gedankengänge zu entwickeln. Durch die allgemeinverständlichen Strukturen kann der Lernende diese erfassbar herausarbeiten und in eigenen Texten umsetzen, die gleichzeitig bewusst oder unbewusst behandelte Probleme enthalten. Das gegenseitige Vorlesen lässt nicht nur die eigentliche Vermittlung der Märchen erfahren, sondern fördert die Gemeinschaft und das emotionale Erleben von Literatur innerhalb der Klassengemeinschaft. Da neben den eindeutigen Inhalten auch tiefsinnigere, verborgene Themen enthalten sind, kann man das Märchen durchaus in höheren Stufen zum Einsatz bringen. Der tiefenpsychologische Zugang und das Spiel mit den Motiven fördert gerade in der Pubertät die Selbstfindung, ohne dabei aufdringlich oder richtungsweisend zu wirken. Die Moralvorstellungen können mit forderndem Anspruch besprochen und bearbeitet werden, indem sie zum Beispiel mit zuvor vorgestellten Positionen aus der Philosophie verglichen und verknüpft werden. Nicht zuletzt ist die kulturelle Identität von Interesse, historische und soziokulturelle Unterrichtsthemen finden ihren Platz in der Märchendidaktik, vertiefen nicht nur das Wissen um die Gattung Märchen an sich, sondern auch die literarisch initiierte Bewältigung von Entwicklungsproblemen innerhalb einer Gemeinschaft aus Rezipienten oder allein durch Reflexion der Handlung.[29]

Von besonderer Bedeutung sind ebenso philosophische oder ethische Ansätze, die aus dem Märchen extrahiert werden können. Da es sich um ein für den Leser sicheres Umfeld handelt, wird durch die Rezeption der Geschichten die Möglichkeit geboten, schwierige Themen anzusprechen, die einer speziellen Empfindsamkeit bedürfen. Gerade in der Zeit der Adoleszenz, die von Zweifeln, Meinungsbildung und Selbstfindung gekennzeichnet ist und den Umgang mit Religion oder den metaphysischen Fragen beinhaltet, spielt das Thema Tod eine Rolle. Unerheblich, ob die Jugendlichen selbst mit dieser Thematik in Berührung gekommen sind (z.B. durch den Verlust von Verwandten, bzw. Bekannten) oder sich einfach Gedanken über die diesseitige und jenseitige Ordnung der Welt machen, ist es wichtig, eine sichere Atmosphäre für die gedankliche Auseinandersetzung zu bieten. Auch hier findet das Märchen Anwendung. Die Frage, was der Tod eigentlich ist, beschäftigt aber nicht nur Jugendliche, sondern Menschen in allen Altersstufen, Kulturen und Religionen, wenn auch die Zugänge und Sichtweisen sehr unterschiedliche sind. So gibt es Kulturen, die den Tod als lebenslangen Begleiter und Schutzperson ansehen, während bei uns eher die Ansicht vertreten wird, dass der Tod eine Feindfigur bildet, deren Antreffen so gut wie möglich zu vermeiden ist.

Doch natürlich gibt es auch innerhalb der Kulturen und Religionen sehr heterogene Auffassungen über die Todesmotivik.

2.2 … der Tod – Versuch einer Definition

Den Tod zu definieren, ist eine unlösbare Aufgabe. Niemand kann Wissen oder Erfahrung diesbezüglich vorweisen und so kann man folglich nur mutmaßen, was mit dem Begriff tatsächlich gemeint ist. Dennoch finden sich zahlreiche Ansätze, die versuchen, sich dem Todesverständnis anzunähern, zumindest von der Seite der Lebenden aus.

Der wohl offensichtlichste und allgemein bekannte Versuch einer Definition stammt aus der Medizin, die sich schon seit ihrer Entstehung mit der Grenze zwischen Leben und Tod beschäftigen muss. Einer weitverbreiteten Ansicht in Deutschland nach ist ein Mensch genau dann verstorben,

„wenn über den irreversiblen Verlust seiner Bewusstseinsfähigkeit und der Fähigkeit zur Integration und zentralen Steuerung seiner Körperfunktionen hinaus zentrale Körperfunktionen selbst irreversibel ausgefallen sind. […] Der Mensch ist erst dann tot, wenn der Blutkreislauf in seinem Körper irreversibel zusammengebrochen ist.“[30]

Diese Begriffsbestimmung wurde durch Fachkundige festgelegt, um einen Zeitpunkt konstatieren zu können, ab dem eine Person als nicht mehr lebendig gilt. Aber die zugehörigen Kriterien sind umstritten, denn angenommen, das ausgefallene Herz-Kreislauf-System wird durch eine Maschine ersetzt, ist der Mensch per definitionem nicht tot, obwohl die Körperfunktionen künstlich aufrecht erhalten werden müssen. Denn laut der Festlegung ist es „gleichgültig ob sie vom Stammhirn oder einer Maschine gesteuert werden.“[31] Eine Aussage über ein eventuelles Restbewusstsein, das nur durch die erloschene Fähigkeit der Kommunikation nicht mehr mitgeteilt werden kann, wird nicht getroffen. Nach dieser Definition kann ein Mensch nicht sterben, solange er durch Apparate am Leben gehalten werden kann. Das Abstellen der Maschinen käme demnach theoretisch einem Mord gleich, da der Patient durch eine bewusste Handlung aus dem Leben genommen wird, die meistens nicht auf seiner eigenen Entscheidung beruht.[32]

Auch andere Versuche, eine naturwissenschaftliche Begriffsbestimmung zu finden, bleiben umstritten. Sei es nun das Hirntodkriterium oder der unwiderrufliche Ausfall bestimmter Körperfunktionen. Man verfügt über zu wenig Wissen über die inneren Vorgänge vom Bewusstsein, um hier eine eindeutige Grenze aufstellen zu können. Vom Gesetzgeber wird der Hirntod als Todeseintritt angesehen. Das ist der Zeitpunkt, wenn keine Hirnströme mehr zu verzeichnen sind, sowie Großhirn und Hirnstamm endgültig ihre Funktion verloren haben.[33]

Wo die Naturwissenschaft keine Lösung findet, helfen Religion und Mythen, dem Menschen Antworten zu liefern. Natürlich handelt es sich hierbei wiederum nur um Spekulationen, da man keine Beweise für die geäußerten Vermutungen erbringen kann. Dennoch erlangen diese große Bedeutung für das Leben und die Vorbereitung auf das Ende desselben. Für viele Menschen ist die Vorbereitung auf eine Existenz nach dem Sterben des Körpers ein zentraler Lebensinhalt, der je nach Glaubensrichtung Richtlinien und Regeln nach sich zieht. Somit gewinnt die Vorstellung vom Sterben und einem eventuellen Dasein nach dem Tod eine herausragende Bedeutung, die einen nicht geringen Einfluss auf ein glückliches Leben nimmt.

In der „Deutschen Mythologie“ von Jacob Grimm finden sich die verschiedenen Auffassungen der Todesmythen aus unterschiedlichen Glaubensrichtungen und Zeiten. Hier wird darauf hingewiesen, dass der Tod zunächst als Bote einer Gottheit begriffen wurde, der nicht selbst tötet, sondern die Verstorbenen aus ihrer irdischen Hülle abholt, um sie zu ihrem nächsten Bestimmungsort (zumeist eine Form der Unterwelt) zu bringen. Im Judentum wie im Christentum wurden die Seelen von Engeln geleitet und dorthin zurückgebracht, woher sie auch auf die Erde gesandt wurden. Im heidnischen Glauben werden sie in das Haus der Hel[34] geführt, aus dem sie nicht mehr fortgelassen werden. Aber auch Hel tötet nicht selbst, sondern empfängt die Verstorbenen nur in ihrem Heim. Ebenso ist der nordische Odin kein mordender Gott, er schickt seine Walküren, um gefallene Krieger nach Walhalla bringen zu lassen, wo diese in endlosem Gelage ihre Siege feiern. Die Walküren sind nicht nur Todesbotinnen, sondern gleichzeitig eine Art von Schutzengeln, die über das Leben der Helden wachen und sie erst nach ihrem Sterben in die heiligen Hallen führen. In anderen Mythen kündigt sich die Personifikation des Ablebens durch Vorzeichen, wie zum Beispiel das Läuten einer Glocke, an oder wird durch unglückliche Menschen selbst herbeigerufen. Die durchaus positive oder neutrale Vorstellung des Todes wird erst durch ein negatives Bild ersetzt, als die Götter der Unterwelten weiter in den Hintergrund rückten und den Moment des Sterbens zu einer eigenständigen Wesenheit heranreifen ließen. Dadurch wird der Tod zu einem unerbittlichen Feind, der die Menschen durch Verschlagenheit in seinen Machtbereich bringt und wie Gefangene in sein Reich führt. Vom Boten wird er zu einem Sensenmann umfunktioniert, der die Verstorbenen „wie Strohhalme erntet“ und somit an Individualität verliert.[35] Die Seelen der Menschen werden nicht mehr menschlich behandelt, sondern als Massenware in die jeweiligen Nachwelten befördert. Bemerkenswert ist, dass die Existenz in keiner dieser Vorstellungen mit dem Tod beendet wird. Diese körperlosen Seelen oder Geister erlangen eine neue Daseinsstufe, auf der sie weiterexistieren, gleich, ob es sich um eine wertneutrale Unterwelt oder ein himmlisches Paradies handelt. Ein Grund für die konstante Nennung einer Jenseitigkeit wäre die Intention von Mythen und Religionen, Antworten zu liefern, die den Menschen Hoffnung und Trost spenden. Mit einer unwiderruflichen Auslöschung der Existenz würde dieser Zweck nicht erfüllt und das Leben der betreffenden Personen durch den zuvor erwähnten Einfluss negativ belastet. Auch die Vorstellung, eine höherwertige Daseinsstufe durch ein "richtiges Leben" erreichen zu können, wäre mit einem solch atheistischen Ansatz verloren und würde die Sinnhaftigkeit moralischer Vorstellungen ad absurdum führen.

Die Philosophie beschäftigt sich zudem mit solchen Möglichkeiten, indem sie die gängigen Vorstellungen vertieft und vor allem hinterfragt. Sie versucht zu eruieren, inwieweit der Mensch Erfahrungen vom Sterben und vom Tod machen kann und ob diese überhaupt für ein glückliches Leben relevant sind. Nicht nur die Denker der Antike versuchten, die Thematik zu verinnerlichen: Die Beschäftigung mit dem Tod ist eine alte wie neue. Wie der bereits genannte Epikur waren zum Beispiel auch Ludwig Wittgenstein und Jean-Paul Sartre der Meinung, der Tod gehe den Menschen nichts oder nur bedingt etwas an, denn „Man [sic] erlebt ihn nicht“ und er ist „du dehors“ (draußen)[36], dem Leben gar nicht erst zugehörig. Wenn man von ihm nicht getroffen wird, kann man keine Erfahrungen von ihm haben, also nicht wissen, um was es sich eigentlich handelt. Wird man von ihm getroffen, ist man zugleich aus dem Feld der vermittelbaren Erfahrung herausgelöst worden, so dass von einer solchen gar nicht gesprochen werden kann.

Man unterscheidet verschiedene Arten des Sterbens, zum Beispiel den natürlichen Tod, die Selbsttötung und die Tötung, die wiederum unterteilt werden kann in Unfall und Mord (das Gesetz unterteilt noch in Mord und Totschlag).

1. Beim natürlichen Tod handelt es sich, wie schon zuvor beschrieben, um das Sterben als dem Leben zugehöriges Schicksal, das ab einem bestimmten Alter oder durch Krankheit eintritt. Durch moderne Medizin und neue Technologien kann der Zeitpunkt des natürlichen Todes verändert, bzw. durch den Einsatz von Maschinen sogar verhindert werden.
2. Laut dem Verständnis des freiwilligen Todes, des „mors voluntaria“ entscheidet der Betroffene, sein Leben aus bestimmten Gründen zu beenden. Die Intention alleine garantiert aber nicht den Erfolg des Vorhabens, denn eine solche Absicht kann unterbrochen oder aufgehoben werden. Das Individuum befindet sich also nicht gewiss im Sterbeprozess, in dem es Erfahrungen vom Tod machen kann, sondern nur auf einem absichtlichen Weg dorthin.[37]
3. Der Mord schlussendlich ist die gewaltsame Art, das Leben eines Menschen zu beenden. Man vermutet immer eine böswillige Absicht[38] und begreift den Tod als etwas durchweg Negatives, das nicht gewünscht und dem Leben feindlich gesinnt ist. Bei Unfällen oder Tötungen wird ein Schuldiger gesucht, der für das Unglück gesetzlich oder ethisch zur Verantwortung gezogen werden kann.

Diese drei Zugänge zum menschlichen Sterben liefern weder eine Definition, noch wirkliches Wissen über den Tod selbst. Sie geben lediglich Aufschluss über die Empfindungen, die von den Hinterbliebenen geäußert werden können oder die Gründe für das Ableben einer Person. Der Tod bleibt unbegreiflich, unfassbar und dem auf Erfahrung begründeten Verständnis entzogen. Dennoch beschäftigt man sich intensiv mit der Thematik. Besonders in der modernen Literatur tritt der Tod so häufig auf wie nie zuvor. Ob es sich um das Sterben im Allgemeinen handelt oder dessen Personifikation in Form von fantastischen oder mystischen Wesen (Zombies, Geister, Vampire, Wiedergänger etc.) auftritt, er ist allgegenwärtig. Der Versuch dahinter liegt begründet in einer möglichen Banalisierung eines Problems, mit dem die Gesellschaft kaum umzugehen weiß. Fraglich bleibt, ob das der „richtige Weg“ ist, sich mit dem Ende des Lebens zu beschäftigen oder ob es nicht doch vernünftiger wäre, sich damit auseinanderzusetzen und reflektiert darüber nachzudenken wie zum Beispiel Martin Heidegger vorgeschlagen hat.[39]

2.3 … der Tod im Märchen

Märchen bieten die Möglichkeit, Gedanken über den Tod zuzulassen. In den meisten Geschichten wird der Leser nur am Rande mit dem Sterben der Nebenfiguren oder dem Scheintod der Helden konfrontiert, doch wird das Thema öfter angesprochen als auf den ersten Blick zugänglich. Auch findet man Geschichten, die das Todesmotiv zum Hauptinhalt haben und somit anschneiden, was für viele zu einem unangenehmen Konversationsgrund geworden ist.

„Die Einstellung zum Sterben und zum Tod hat sich im letzten Jahrhundert gewandelt. Das Sterben, was früher in der Öffentlichkeit stattfand, wird heute aus dem Gesichtsfeld verdrängt und verschwiegen.“[40]

Der Tod ist im Märchen keine Ursache für Schrecken oder Angst, die Figuren der Geschichten wundern sich nicht einmal über das Erscheinen des Herrschers über Leben und Tod. Er unterscheidet sich in seinem Aussehen und der Beschreibung kaum von den anderen Akteuren der jeweiligen Handlung. Im Gegensatz „scheint der Tod im Märchen eigenartig blaß [sic] und wenig eindrucksvoll.“[41] Es ist nicht ungewöhnlich, dass sich in Märchen jenseitige Wesen auf der Seite des Diesseits aufhalten, mit den Figuren interagieren oder ihnen Rat gebend zur Seite stehen; ob es sich nun um Personifikationen übernatürlicher Mächte, die Seelen ruheloser Verstorbener oder typische Zauberwesen handelt. Kennzeichnend für die Gattung an sich ist die stillschweigende Akzeptanz des Wunderbaren, das weder kommentiert, noch in sonst einer Art hervorgehoben wird, da es für die Handelnden gar keine Besonderheit darstellt.[42]

Im Märchen ist das Sterben etwas ganz Natürliches, das zur Lebenswelt dazugehört und mit den darin enthaltenen Menschen in direktem Zusammenhang stehen kann. Dennoch gibt es Beispiele für den Schrecken, der dadurch hervorgerufen wird, wenn dieses Ereignis oder die Vorstellung davon auf das eigene Lebensfeld übertragen wird, denn im Alltag unterdrückt man die Gedanken daran und tröstet sich damit, dass „man“ stirbt, aber nicht das Individuum selbst.[43] Im KHM Nr. 42 „Der Herr Gevatter“ nach der Ausgabe von 1857 wird der Held mit der Möglichkeit seines eigenen Ablebens konfrontiert und gerät daraufhin in Panik. Das zuvor bestehende vertraute Verhältnis zu seinem Paten wird zerrissen, als er diesen in seinem ihm eigenen Umfeld aufsucht, begreift, um wen es sich im Einzelnen handelt und sich dadurch selbst in direkter Gefahr empfindet.[44] Im KHM Nr. 44 „Der Gevatter Tod“ finden sich inhaltliche Parallelen, doch stirbt der Held gegen Ende, da er von seinem Ziehvater für den zuvor begangenen Betrug bestraft wird. Trotz gegebener Aussicht auf die Verlängerung des Lebens und die Möglichkeit, sich dem eigenen Tod zu entziehen, bricht nun der Gevatter sein Versprechen und beendet das Leben seines Patenkindes.[45] Bei Ludwig Bechstein lässt sich ebenso eine Variante des „Gevatter Tod“ finden, die gleichsam 1857, aber in dessen eigener Märchensammlung erschienen ist. Der Schluss ist inhaltlich dem der grimmschen Version gleich, aber durch einen abschließenden Kommentar ergänzt, der die Determination des Menschen in seinem natürlichen Schicksal kennzeichnet:

"In demselben Augenblick sank der Arzt um und war tot.

Wider den Tod kein Kraut gewachsen ist."[46]

Ein weiterer Unterschied in den Versionen der KHM ist die Position des Todes zum Sterbenden, denn in der Version von 1811 bedeutet das Stehen des Gevatters „zu Häupten“ des Krankenbettes das Überleben, während keine Heilung möglich ist, wenn sich der Tod „zu Füßen“ aufhält. Aber schon 1819 kehren sich die Standpunkte und ihre Bedeutungen ins Gegenteil. Es gibt Aufzeichnungen, in denen die Schlüsselwörter von Wilhelm Grimm durchgestrichen wurden. In den weiteren Fassungen bleibt es bei der ersten Konstellation von Heilung und Sterben.[47]

Die ständige Todesbedrohung, die sich auf das Leben auswirkt, ist auch in den Harry Potter-Romanen enthalten. Sie ist auf facettenreiche Weise in den Handlungsstrang, die gesamte fiktive Wirklichkeit und die Atmosphäre eingebunden, so dass die ganze Umwelt Harrys düster und gefährlich wirkt. Der Tod wird auf mehrere Weisen eingeflochten, sei es durch die „Death Eater“, den dunklen Lord selbst oder die Gefahren, denen sich die Helden immer wieder aussetzen müssen. Besonders im siebten Band steht die Thematik im Vordergrund, Harry muss sich mit seiner Sterblichkeit auseinandersetzen und zu dieser eine individuelle Position beziehen. Als Impulse werden ihm zahlreiche Hilfsmittel zur Verfügung gestellt, so zum Beispiel die „Tales of Beedle the Bard“.

Nicht nur, dass wir hier erneut die Referenz zu der Bedeutung von Märchen in der Selbstfindung und Bildung persönlicher Lebenseinstellungen finden, gleichbedeutend wird die Wichtigkeit der Auseinandersetzung mit dem Tod hervorgehoben. Auch im „Tale of the Three Brothers“ wird das Sterben als Personifikation dargestellt, doch anders als in den grimmschen Märchen wird hier schon die dunkle, mysteriöse Komponente betont. Der Tod wird beschrieben als „hooded figure“[48], der kein klares Aussehen zugeordnet werden kann. Die Charakteristika „He [sic] was angry, that he had been cheated out of three new victims“[49] und „But [sic] Death was cunning.“[50] beschreiben ihn als emotionale Persönlichkeit statt als neutrale Allmacht des Übernatürlichen.[51]

Selbst zu „The Tale of the Three Brothers“ gibt es eine historische, vergleichbare Variante, in der inhaltliche Parallelen zu finden sind. Geoffrey Chaucer schrieb ab 1387 „The Canterbury-Tales“, in denen auch „The Pardoner's Prologue and Tale“ enthalten ist. Der Tod wird in diesen bei seinem ersten Auftauchen zunächst als gewalttätiger Mörder dargestellt, den die drei Protagonisten aufsuchen und zur Rechenschaft ziehen wollen. Als es zu einem persönlichen Aufeinandertreffen kommt, formt sich das Bild des Gesuchten zu dem eines alten Mannes, der den Trunkenbolden freundlich begegnet und die positiven Komponenten des Sterbens aufzeigt. Er verweist sie auf den Ort, an dem sie den Tod finden können, warnt aber gleichzeitig davor, durch lasterhafte Gedanken und Intentionen möglicherweise selbst zu dessen Opfer zu werden.[52] Schon hier findet sich der Impuls, die Vorstellungen über das Lebensende zu überdenken und von einer anderen Seite zu betrachten; einer, die mehr auf ein gutes Leben als auf den Wunsch nach Überlistung des Todes ausgerichtet ist. Die gesamte Geschichte ist jedoch integriert in einen christlich-interpretativen Rahmen, der das zu erwartende Bild auf spezifische Weise verändert. Religiöse Komponenten tauchen bei den Märchen von „Beedle the Bard“ dagegen gar nicht auf, so dass auch die Andeutung eines Jenseits aus neutraler Perspektive betrachtet werden muss.

[...]


[1] Kant, 2009, S. 864

[2] Vgl. Smolny, 2010, S. 8-10

[3] Vgl. Rölleke, 2010, S. 82 – Im Jahr 1812 wurde die erste Auflage unter dem Namen „Kinder- und Hausmärchen“ veröffentlicht. Diese wurde aber zunehmend kritisiert, da die Märchen weder kindgerecht waren, noch eindeutig in die Sparte der Unterhaltungs-, bzw. Erziehungsliteratur einzusortieren war. Der Anspruch der Brüder Grimm, auch eine dokumentarische Perspektive einzubinden, ließ diese Auflage zu einem divergenten Werk werden, mit der die Rezipienten nicht umzugehen wussten.

[4] Vgl. Lange, 2012, S. 24

[5] Vgl. Beedle, 2008m S. 87-93 – Das Märchen ist innerhalb der Romane in eine weitere fiktive Realität eingebettet, die in den Harry Potter-Romanen als Märchenwelt bekannt ist.

[6] Beedle, 2008. S. 11 – Hier wird explizit erwähnt, dass es sich um Geschichten für Heranwachsende handelt, die ihnen als „popular bedtime readings“ vermittelt werden und nicht nur unterhalten, sondern auch zur Wertevermittlung bestimmter moralischer Vorstellungen beitragen sollen.

[7] Vgl. Rölleke, 2010 – Abkürzung KHM – Kinder- und Hausmärchen übernommen.

[8] Vgl. Beedle, 2008, S. xiii – Die Informationen beziehen sich auf eine Erzählung innerhalb der Harry Potter-Welt, da es Beedle den Barden in unserer Wirklichkeit nicht gegeben hat. Dennoch vermitteln die Paratexte Unmittelbarkeit und zudem das Gefühl, die Märchen beruhten wie die der Grimms auf echten historischen Quellen, die innerhalb der fiktiven Wirklichkeit zu finden sind.

[9] Vgl. Rölleke, 2010, S. 31-33

[10] Vgl. Harry Potter, 2007 – Figur der Hermine Granger, Schreibweise aus dem englischen Text entnommen.

[11] Vgl. Harry Potter, 2007, S. 106-107

[12] Harry Potter, 2007, S. 268

[13] Vgl. Macho, 1987, S. 26 – Wir können den Tod nicht erfahren und danach unsere Erfahrungen anderen mitteilen, denn entweder sind wir noch fähig, mit anderen zu sprechen, dann können wir nicht tot sein oder aber wir haben den Tod erfahren, sind dadurch aber nicht mehr fähig, ihn anderen zu erläutern. Das eine schließt das andere aus. Möglich sind höchstens Analogieverfahren, die sich aber auch nicht vom Tod anderer auf die eigene Lebenswelt übertragen lassen, da es keine analogen Erlebnisse innerhalb des Lebens geben kann. Der eigene Tod ist etwas individuelles, das sich nicht mit dem Sterben anderer vergleichen lässt.

[14] Zwierlein, 2007, S. 90 – Das Zitat stammt aus dem Brief Epikurs an Menoikeus.

[15] Vgl. Macho, 1987, S. 59 – „Die Kunst des Sterbens“ soll den Menschen auf sein Ende vorbereiten. Im Spätmittelalter handelte es sich um eine Textgattung von Schriften, die zumeist in christlichem Rahmen auf den Tod vorbereiten sollten.

[16] Vgl. Bassham, 2010, S. 240 – Martin Heidegger benennt die Beschäftigung mit der eigenen Sterblichkeit und die damit einhergehende Akzeptanz des Todes 'Authentizität'. Viele Menschen denken jedoch gar nicht mehr über ihren möglichen, respektive sicheren Tod nach und fühlen sich gerade in jungen Jahren als unbesiegbar und somit unsterblich. Die Konfrontation mit dem Tod wird dadurch jedoch als noch größeres Leid empfunden, da sie plötzlich und unerwartet kommt.

[17] Vgl. Lüthi, 2004, S. 2-3

[18] Lange, 2012, S. 5

[19] Lange, 2012, S. 5

[20] Rölleke, 2010, S. 11

[21] Vgl. Lange, 2012, S.8

[22] Lange, 2012, S. 8

[23] Lange, 2012, S. 21 – Eigentlich waren die Erzählungen nicht für Kinder gedacht, denn sie enthielten Themen, die eigens Probleme Heranwachsender ansprachen, die sich in der Entwicklungsstufe der Adoleszenz bewegten.

[24] Lüthi, 2004, S.3

[25] Rölleke, 2010, S. 86 – Natürlich verloren die Märchen damit den Anspruch auf originalgetreue Wiedergabe, wurden aber gleichzeitig zu kleinen Kunstwerken, die mit zahlreichen Redensarten und volkstümlicher Sprache versehen wurden, um zumindest den Anschein mündlicher Tradierung zu wahren.

[26] Vgl. Bettelheim, 2009, S. 15 – Es steht weniger die Bestrafung des Schurken im Vordergrund als vielmehr die Identifikation mit dem Helden, mit dem gemeinsam das Abenteuer und die gestellte Aufgabe bewältigt werden muss und der schlussendlich für seine Tugend und das richtige Handeln belohnt wird. Allerdings stellt sich hier die Frage, wie es um den Ausgang des Märchens bestellt ist, dessen Auflösung nicht in einem „Happy End“ erfolgt, sondern, wie im KHM 42 „Der Herr Gevatter“ und im KHM 44 „Der Gevatter Tod“ in einer angsterfüllten Flucht und sogar dem Tod des Helden. Hier erfolgt eine frühe Konfrontation mit der eigentlichen Sterblichkeit, die vom Kind in ihrer Tiefe bis zu einem bestimmten Alter nicht erfasst werden kann. Somit wird nur ein Hinweis auf den Tod an sich und seine Bedrohlichkeit gegeben, die unreflektiert stehen bleibt, es sei denn die Rezeption wird im Gespräch mit den Eltern vertieft. Unterbleibt die weiterführende Deutung, wird der Tod für das Kind vermutlich etwas Angst einflößendes, Negatives bleiben, das nicht zum Leben dazugehört, sondern es gefährdet.

[27] Vgl. Bettelheim, 2009, S. 17

[28] Lange, 2012, S. 26

[29] Vgl. Lange, 2012, S. 23-26

[30] Birnbacher, 2006, S. 253-254

[31] Birnbacher, 2006, S. 254

[32] Vgl. Smolny, 2010, S. 13/14 – „Seit dem 1. September 2009 gilt das neue Bundesgesetz über Patientenverfügungen. […] Die Patientenverfügung basiert auf einer freiwilligen Entscheidung des Verfassers.“

[33] Vgl. Smolny, 2010, S. 14

[34] Vgl. Bertelsmann, 1991, S. 361 – In der germanischen Mythologie ist Hel die Herrscherin der Unterwelt.

[35] Vgl. Grimm, 2007, S. 624-630

[36] Zwierlein, 2007, S. 90

[37] Macho, 1987, S. 47

[38] Macho, 1987, S. 47 – Häufig wird auch dann Mord vermutet, wenn eigentlich eine Krankheit als Todesursache festgestellt wurde. Die Hinterbliebenen können mit dem Verlust nicht umgehen und versuchen Erklärungen für das plötzliche Eintreten ihres Leids zu finden. Da es keine Informationen über Schicksal und Tod gibt, ist es am einfachsten die Schuld im irdischen Bereich, also bei anderen Personen, zu suchen.

[39] Bassham, 2010, S. 242/243 – „Heidegger hat nicht geraten, dass wir uns krankhaft mit dem Tod beschäftigen sollen, bis wir in Depression verfallen, sondern vielmehr, dass wir uns mit dem Tod und den damit verbundenen Einschränkungen arrangieren, damit wir mutig und jede verfügbare Möglichkeit nutzend in unsere verbleibende Zukunft schreiten können, wie vergänglich sie auch sein mag.“

[40] Wülfing, 1986, S. 24

[41] Heindrichs, 1991, S. 36

[42] Vgl. Lüthi, 2004, S. 7 – Das Ungewöhnliche wird als etwas Selbstverständliches in die Lebenswelt der Figuren eingebunden. Im Gegensatz dazu steht zum Beispiel die Sage, bei der das Auftreten außergewöhnlicher Ereignisse den Protagonisten in Aufregung versetzt, ihn erschreckt oder gespenstisch auf ihn wirkt.

[43] Vgl. Macho, 1987, S. 100 – Dadurch, dass der Tod verallgemeinert wird, dass „man“ stirbt und nicht „ich“, wird der Tod nivelliert. Sterben gehört zum Leben dazu, wird aber auf die anderen beschränkt und der Bezug auf das eigene Ich verdrängt.

[44] Vgl. KHM, 2013, S. 218 – „Dem Mann ward angst [sic] und er lief fort, und wer weiß was ihm der Herr Gevatter sonst angetan hätte.“

[45] Vgl. KHM, 2013, S. 222 – „Der Tod stellte sich als ob er seinen Wunsch erfüllen wollte, langte ein frisches großes Licht herbei: aber weil er sich rächen wollte versah er's beim Umstecken absichtlich, und das Stückchen fiel um und verlosch. Alsbald sank der Arzt zu Boden, und war nun selbst in die Hand des Todes geraten.“

[46] Bechstein, 2011, S. 83 – „Wider den Tod kein Kraut gewachsen ist.“ Das Zitat weist eigens auf die Allmacht des Todes hin, der trotz scheinbarer anfänglicher Überlistung nicht überwunden werden kann.

[47] Vgl. Heindrichs, 1991, S. 79-81

[48] Beedle, 2008, S. 89

[49] Beedle, 2008, S. 89

[50] Beedle, 2008, S. 89

[51] Beedle, 2008, S. 89

[52] Vgl. Chaucer, 2008, S. 379 – Das Zitat „Gott, der die Menschheit erlöste, rette und läutere euch.“ ist der Versuch der Todesfigur, die Meinung der Trunkenbolde zu revidieren. Auch in Harry Potter findet sich diese Situation im finalen Kampf zwischen Harry und Voldemort. Harry versucht, den dunklen Lord zur Reue zu überreden, um dessen Fokus vom Tod auf die Liebe, respektive das Leben umzulenken. Wie im „Pardoner's Tale“ ignoriert der Lord diesen weisen Ratschlag und wird dafür mit dem endgültigen Tod bestraft.

Details

Seiten
67
Erscheinungsform
Erstausgabe
Jahr
2013
ISBN (eBook)
9783956847295
Dateigröße
3.2 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v297585
Institution / Hochschule
Universität Koblenz-Landau
Note
1
Schlagworte
Germanistik Gevatter Tod Die drei Brüder Grimm Komparatistik Märchentext

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Titel: Harry Potter, die Grimms und der Tod: Zur Todesmotivik in alten und neuen Märchen