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"Du hungerst noch immer?" Zur poetischen Funktion des Hungerns an ausgewählten Beispielen

Masterarbeit 2013 82 Seiten

Leseprobe

2.1 Knut Hamsun Hunger

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 1 Walter Schnackenberg Hunger, Tuschezeichnung 1949

Das Buch Hunger handelt von einem jungen Mann, dessen Namen wir nie erfahren. Er zieht besitzlos, mittellos und streckenweise obdachlos durch die Stadt Kristiania, auf der Suche nach Möglichkeiten, an Geld zu kommen.[1] Er ist Schriftsteller und hofft, mit einer Veröffentlichung den großen Durchbruch zu erlangen. Innerhalb der geschilderten drei Monate wird jedoch nur ein Mal ein Text von ihm bei einer Zeitungsredaktion angenommen. Da er nicht einmal genug Geld besitzt, um sich etwas zu essen zu leisten, verkümmert er zusehends und kann sich immer weniger auf seine Schreibarbeit konzentrieren. Die Tuschezeichnung verbildlicht seine Lage: Er lässt sich kaum noch als Mensch identifizieren. Gleichwohl hungert er nicht gezwungenermaßen. Er trägt selbst die Schuld an seiner Situation, da er entweder seinen Mitmenschen vormacht, dass es ihm gut gehe und er gar nicht so arm sei, oder weil er freiwillig hungert in dem Glauben, Essen würde seine Geistestätigkeit negativ beeinflussen. Freunde hat er keine und das Treffen mit einem Mädchen endet im Desaster. Nachdem er fast völlig wahnsinnig geworden ist, heuert er auf einem Schiff nach England an und verschwindet aus der Stadt.

Die autobiografischen Züge des Buches sind offensichtlich: der Inhalt liest sich wie ein komprimierter Apograf von Hamsuns eigenem Lebensverlauf von 1879 bis zu der Veröffentlichung des Romans Sult, zu Deutsch Hunger, im Jahre 1890. Auch die Eigenschaften des Protagonisten erinnern stark an Hamsuns Persönlichkeit.[2] Trotz der Nähe zu Hamsuns eigenen Erfahrungen unterliegt dem Text ein höchst konstruiertes, fiktives System, das organisiert ist durch das zentrale Thema, das Hungern. Hinweise zu möglichen Funktionen des Hungerns im Text gibt die Forschung bereits. Zum Beispiel merkt Heinrich Detering an, dass „[d]er physisch konkrete Hunger [...] der Katalysator einer Entwicklung [ist], die ein nie gesehenes Menschenbild hervorbringt.“[3] Pottbergers hält den Hunger für das Motiv, um die psychischen Extremzustände zu begründen, denen sich Hamsun in seiner Literatur mehr widmen wollte.[4] Der Hunger hat nach Ansicht der beiden Forscher folglich die Aufgabe, die Regungen des unbewussten Seelenlebens, deren Darstellung Hamsuns programmatisches Ziel war[5], zu erzeugen und zugleich zu begründen. In diesen beiden Punkten stimme ich ihnen zu und werde in den Abschnitten zur Figurenkonzeption im Detail darauf eingehen, für welche psychischen Regungen das Hungern verantwortlich ist. Dennoch ist die Deutung der Wissenschaftler noch zu einseitig, denn sie übersehen, dass das Hungern nicht nur auf der Ebene der Figurenkonzeption Einfluss nimmt. Es steuert auch die Erzähltechnik und ist Träger gesellschaftskritischer Aussagen sowie die Plattform für Überlegungen hinsichtlich der Stellung von Künstler und Kunst. Das werde ich im Folgenden mithilfe der Raumsemantik in Hunger nachweisen.

2.1.1 Figurenkonzeption

Die Raumstruktur in Hunger ist geprägt von einer Zwei-Welten-Konstellation.[6] Die Welt, in der die anonyme Hauptfigur agiert, steht abseits der Welt aller anderen Figuren im Buch. Seine Außenseiterposition ist Resultat seines Hungerns, durch das er sich automatisch von den Regeln und Ritualen der Essenden abgrenzt. Sie wird unterlegt zum einen durch den Hinweis, dass er ein Fremder in der Stadt ist und zum anderen durch die Tatsache, dass er größtenteils allein ist. Neben der Unterteilung in innen und außen ist das Verhältnis zwischen der Welt der Essenden und der Welt des Hungernden gekennzeichnet durch die oppositionellen räumlichen Merkmale fern – nah, oben – unten und unbegrenzt – begrenzt. In den folgenden Abschnitten werde ich zeigen, wie diese räumlichen Koordinaten den Protagonisten gegenüber den anderen Figuren des Textes charakterisieren.

2.1.1.1 Gespaltene Persönlichkeit

In diesem Abschnitt steht das räumliche Verhältnis ‚innen‘ und ‚außen‘ im Fokus. Wie bereits erwähnt, ist Hungern das Mittel, mit dem sich der anonyme Protagonist von der Welt der Essenden entfernt. Jedoch sucht er auch oft nach Nahrung und hungert nicht ausschließlich freiwillig. Deshalb ist es zuerst wichtig, darauf einzugehen, inwiefern sich der Protagonist insgesamt von dem Regel- und Normsystem der Welt der Essenden abgrenzt. Des Weiteren werde ich analysieren, zu welchen Reaktionen der Grenzübertritt auf Seiten der Essenden führt und welches Verhaltensmuster die Lücke zur Welt der Essenden bei der hungernden Hauptfigur auslöst.

Die Tatsache, dass die anonyme Hauptfigur tagelang hungert und lieber arbeitet, widerspricht den Werten der Welt der Essenden, in denen Arbeiten und Essen zusammengehören. Die Verknüpfung zwischen Essen und Belohnung nach getaner Arbeit, eine schon in der Bibel angedeutete Verbindung[7], wird im Text zum Beispiel in der Situation aufgegriffen, als der Protagonist zwei Mal an Bauarbeitern vorbeigeht. Beim ersten Mal arbeiten sie, beim zweiten Mal genießen sie ihr wohlverdientes Pausenbrot (KH, S. 89).[8] Eine nach dem Verständnis der Welt der Essenden logische und vernünftige Entscheidung, Essen nach einer Zeit der Anstrengung zu sich zu nehmen, hat in der Welt des Hungernden keine Relevanz. Ebenso spielen die Regeln der Essenden für ihn keine Rolle, wenn er doch einmal etwas konsumiert. Das demonstriert sein Essverhalten, genauer gesagt die Orte und Zeiten seiner Nahrungsaufnahme, die Art und Weise, wie er isst, sowie die Speisen, die er wählt. Er isst unregelmäßig und an dunklen, abgelegenen, versteckähnlichen Orten (KH, S. 132, 160). Der Außenseiter entzieht sich damit der Mahlzeit als einer ritualisierten und gemeinschaftsstiftenden Sozialsituation, die zuvorderst durch Ort und Zeit des Essens und die Mitessenden geprägt ist.[9] Er verschlingt sein Beefsteak wie ein Kannibale und „zerrte an dem Fleisch wie ein Menschenfresser“ (KH, S. 133). Er kommt sogar auf die Idee, seinen Zeigefinger abzubeißen, oder er nagt von einem Knochen das rohe Fleisch ab (KH, S. 160). Die Beispiele evozieren die Bilder des Barbaren und des Kannibalen, um zu betonen, dass die Hauptfigur das gesellschaftlich Akzeptable überschreitet beziehungsweise zu einem Stadium vorzivilisatorischen Verhaltens regrediert.

Der Verzicht auf Nahrung gepaart mit dem antikulturellen, verwilderten Essverhalten, wenn die Hauptfigur – selten genug – etwas zu sich nimmt, ist der Auftakt zu einer Lebensführung, die sich insgesamt den Erklärungsmodellen seines Umfeldes entzieht. Die Außenseiterposition steht dem Protagonisten nicht nur aufgrund des Hungerns zu. Sein gesamtes Verhalten ist für die Welt der Essenden unbegreiflich. Beispielhaft dafür ist das Verhalten von Ylajali, als er ihr seine ‚wahre‘ Geschichte erzählt. Sie ist erschüttert und sagt ihm die für ihn verletzenden Wort ins Gesicht: „Nein wirklich, Sie sind wahnsinnig.“ (KH, S. 177). Weder Armut noch Trunkenheit können sein Verhalten noch rechtfertigen, rationale Erklärungsmuster, die ein Ursache-Wirkung-Prinzip freilegen, reichen nicht mehr aus. Auch die Bemerkung eines Arztes, der ihn eigentlich kannte, zeugt eindrücklich davon, wie wenig Verständnis die Hauptfigur noch erntet. Als er sich mitten auf der Straße martert und sich selbst fragt, was er machen soll, wirft der Arzt ein: „Sie sollten darum bitten, sich einsperren zu lassen.“ (KH, S. 106). Die Hauptfigur bedauert: „Nicht einmal er erfasste meinen Zustand, ein Mann, den ich kannte und dessen Hand ich gedrückt hatte.“ (KH, S. 106). Durch sein irrationales Verhalten, das nicht mit den Werten der Welt der Essenden übereinstimmt, bleibt für ihn nur noch das Prädikat eines Wahnsinnigen, der aus der Gesellschaft entfernt werden sollte. Die ‚normale‘ Lebensführung der anderen Figuren definiert sich über „materielles, erdgebundenes Interesse, rationelle Lebensführung, kleinbürgerliches Dasein usw.“[10]

Der Graben, der sich hinsichtlich des gegenseitigen Verständnisses zwischen der Welt der Essenden und der des Hungernden auftut, erklärt, warum die Hauptfigur selbst als eine gespaltene Persönlichkeit auftritt. Zum Beispiel führt er fortwährend Selbstgespräche, ermahnt, bestraft und lobt sich dabei, gibt sich selbst Anweisungen und Rückmeldungen zu seinem Verhalten. Dabei kommt er im Anschluss an die Situationen, in denen seine Gedanken und sein Betragen jeglicher rationalen Nachvollziehbarkeit entbehren, selbst zu dem Ergebnis, dass er wahnsinnig sein muss (KH, S. 79, 82, 139, 189). Dass er sich selbst als ‚wahnsinnig‘, ‚verrückt‘ oder ‚idiotisch‘ einstuft, verweist darauf, dass sich der Hungernde, der die Grenze der Welt der Essenden überschritten hat, immer noch mit deren Werten und Normen misst. Er, der einst in der normgebenden Welt der Essenden sozialisiert wurde, ist nicht imstande, das einst verinnerlichte Regelsystem gänzlich auszurangieren. Hierin offenbart sich die fundamentale Abhängigkeit des Hungernden von der Welt der Essenden. Denn nicht nur aufgrund der Forderungen seines Körpers nach Nahrungsaufnahme muss er sich jener Welt unweigerlich wieder annähern, auch sein Bewusstsein birgt noch eine Instanz, die jenen Regeln sehr nahe steht.

Da der Protagonist noch den Maßstab der Welt der Essenden in der Beurteilung seines Verhaltens anlegt, empfindet er das Irrationale seiner Persönlichkeit wie eine abgespaltene Entität. Immer wieder fühlt er sich selbst gegenüber fremd (KH, S. 17, 27f.) und wird in der Folge schizophren (KH, S. 80, 92, 97 etc.). Die innere Spaltung der Hauptfigur kommt besonders in den Momenten des Essens zum Tragen, in denen sich beide Seiten einen erbitterten Kampf liefern. Die Ich-Anteile, die von der Welt der Essenden geprägt sind, sehnen sich nach etwas zu Essen. Doch sie verzweifeln an dem Versuch, Nahrung im Magen zu behalten, die von der anderen, der irrationalen Seite ausgeworfen wird: Ich „ballte die Fäuste und verhärtete mich, stampfte aufs Pflaster und würgte wütend wieder runter, was rauf wollte“ (KH, S. 134). Der Ekel funktioniert hier als „Alarmsignal einer Individualität [hier der unverstandenen, irrationalen Identität – A.D.], die ihre Grenzen von Auflösung bedroht sieht.“[11] Denn alles aus der anderen, rational strukturierten Welt ist unsicher und feindlich und wird deshalb ausgespien. Die irrationale Individualität der Hauptfigur rückversichert sich so seiner Form und Grenzen.[12] Um sich gegen das Feindliche und Fremde zu wehren, übermannt der Ekel und Brechreiz den Protagonisten sogar, wenn er seinen eigenen Speichel als Ersatz für Nahrung herunterschluckt (KH, S. 111).

Aus der ersten näheren Textbetrachtung lässt sich zusammenfassend schließen, dass die Welt des Hungernden, die sich außerhalb der Welt der Essenden positioniert, geknüpft ist an die Merkmale ‚unverstanden‘, ‚wahnsinnig‘ und ‚irrational‘. Diese Wesensmerkmale kommen am stärksten in seinem (Nicht-)Essverhalten zum Ausdruck, durchziehen aber sein gesamtes Benehmen. Zudem konnte festgestellt werden, dass ihm nicht nur die anderen Figuren die ablehnende Rückmeldung geben, dass er wahnsinnig sei. Er selbst hält sich für wahnsinnig, weil in ihm noch die Persönlichkeit steckt, die einst in der Welt der Essenden sozialisiert wurde und immer noch diesen Regeln und Werten folgen möchte. Das irrationale Ich, das die Welt der Essenden verlassen hat, begehrt gegen die aus jener Welt stammende Seite seiner Persönlichkeit auf, indem es die wichtigsten Symbole ihres Regelsystems, die Nahrungsmittel, abstößt. Der Hungernde ist damit auch gekennzeichnet durch eine innere Spaltung.

2.1.1.2 Abwertung körperlicher Begierden

Wie im letzten Abschnitt deutlich geworden ist, begegnet die Welt der Essenden der Welt des Hungernden vor allem mit Unverständnis. Andersherum betrachtet, tritt der Hungernde der Welt, die er verlassen hat, in erster Linie mit Geringschätzung entgegen. Dieser Abschnitt blickt näher auf die räumliche Positionierung des Hungernden und der Essenden in ein ‚oben‘ und ‚unten‘. Ich werde erläutern, welche Eigenschaften der Hauptfigur mit der räumlichen Zuordnung ‚oben‘ korrelieren beziehungsweise welche dadurch erst ausgelöst werden. Dazu argumentiere ich zuerst, dass nicht nur das Essen, sondern die Befriedigung sämtlicher körperlicher Begierden dem Sündenbeil des moralischen Gewissens des Protagonisten zum Opfer fällt.

Aus der Perspektive des Protagonisten ist die Triebhaftigkeit die größte Sünde gegen die Rechtschaffenheit. Im Gegensatz zu den anderen Figuren im Text ist das Netz seiner Moralauffassung jedoch so eng gestrickt, dass es sogar die Nahrungsaufnahme in seinen Maschen festhält, wie die folgenden Beispiele bezeugen. Er findet seinen Appetit, den er infolge des Hungerns hat, „abscheulich[]“ (KH, S. 157) und „unverschämt“ (KH, S. 159) und wertet ihn als „eine innere gierige Esslust, die ständig schlimmer wurde“ ab (KH, S. 157). Appetit ist für ihn damit etwas Maßloses, das die Grenzen des Anstandes weit überschreitet. Dem­ent­sprechend beschwert er sich am Hafen lauthals über eine Kuchenfrau, deren Tisch „sündhaft voll ist mit Leckereien“, wodurch sich der Essensgeruch über den ganzen Kai verbreitet (KH, S. 92). Sein Protest zeugt davon, dass für ihn reichliches und verlockendes Essen viele Untugenden, wie zum Beispiel Gier, Maßlosigkeit, Lust, Selbstbereicherung usw., bündelt. Alle Versuche, an Geld für Essen zu kommen, sind in der Folge besonders sündhaft. Beim Bäcker traut er sich zum Beispiel nicht um einen Bissen Brot zu bitten und ermahnt sich mit dem Ausruf „Pfui!“ (KH, S. 105), als ob er etwas Unartiges oder Unreines gedacht hätte. Aufgrund der Lasterhaftigkeit des Essens widern ihn zudem die Menschen an, die sich dem Essen hingeben. Beim Anblick einer Frau beim Fleischer zum Beispiel, deren letzter Zahn für ihn aussieht wie ein Finger, der gierig nach Wurst greift, vergeht ihm der Appetit und er fühlt Brechreiz, obwohl er zuvor noch starken Hunger verspürte (KH, S. 9). Dasselbe wiederholt sich, als er einen alten Mann beobachtet, wie seine „alten Finger, die aussahen wie zehn runzlige Krallen, eklig die fetten Stullen [umklammerten]“ (KH, S. 37). Ihn packt wieder der Brechreiz und er geht schnell vorbei.

Da die Befriedigung des Nahrungsbedürfnisses für ihn einer Sünde gleichkommt, ist sie topografisch gesprochen ‚unten‘ angesiedelt, während die Triebabwehr hoch ‚oben‘ steht, in Gottesnähe. Diese Einteilung wird vor allem durch den metaphorischen Einsatz der Schwerkraft deutlich. Wenn der Protagonist die Wirtin und die Wachtmeister abwertend Tiere nennt, also Geschöpfe, die einfach ihren Trieben nachgehen (KH, S. 218, 222), erhebt er sich über sie und fühlt sich ihnen gegenüber „leicht wie eine Feder“ (KH, S. 222). Durch seine Leichtigkeit steigt er bildlich nach oben. Als er jedoch zur Beschaffung von Essen fälschlich herausgegebenes Wechselgeld angenommen hat, liegt ihm diese Summe im Nachhinein „schwer in der Tasche“ (KH, S, 146). Die subjektiv als Sünde wahrgenommene Tat zieht ihn nach unten. Durch das Hungern hingegen, das ihm schließlich einen leichten Magen beschert[13], bewahrt sich der Protagonist davor, sich „durch Speise und Trank [zu – A.D.] richten“ (KH, S. 54) und kann sich von den Menschen abgrenzen, die er für minderwertig hält.

Aus der Tatsache, dass er den Trieb a priori, den Hunger, überwinden will, spricht seine generelle Ablehnung des Körperlichen.[14] Seine moralischen Werte sind ihm wichtiger als körperliche Bedürfnisse und so redet er sich ein, dass Gott schon für ihn sorge und er sich nicht mit Gedanken darüber belasten müsse, „was ich essen soll, was ich trinken soll und in was ich diesen elenden Madensack, meinen irdischen Leib genannt, kleiden soll“ (KH, S. 24). Der Glaube, dass die Gottesnähe die Existenz sichere, wird jedoch in der Realität fortwährend erschüttert, denn in der Extremsituation des langen Hungerns zeigt sich, dass das Befolgen seiner hohen moralischen Ansprüche nicht sein Überleben gewährleistet. Deshalb will er die Barriere seines Gewissens eigentlich durchbrechen und versichert sich immer wieder, dass er in seinem Zustand kein Heiliger mehr bleiben kann und dass ihm nun jedes Mittel recht sein sollte, um an Geld zu gelangen, selbst wenn er dafür einen Bettler bestehlen müsste (KH, S. 99, 102, 121, 122). Im Gegensatz zu diesen Selbstaufforderungen reißt seine große Angst vor dem moralischen Verfall nicht ab. Er wird das Gefühl nicht los, dass er nun innerlich verfaule und es nur eine Frage der Zeit sei, bis er eine arge Sünde begehe (KH, S. 54, 57, 121). Diese innere Zerrissenheit zwischen den eigenen moralischen Ansprüchen und den Bedürfnissen seines Körpers führt vor Augen, dass er sich in einer Gefangenschaft zwischen dem Willen seines Körpers und dem seines Geistes befindet. Der Körper diktiert ihm, etwas zu essen, während sein Kopf ihm die Abstinenz vorschreibt.

In dem Konflikt zwischen den beiden Seiten kommt es zu Auseinandersetzungen, deren Austragungsort der Körper ist.[15] Sein vom Willen zur Rechtschaffenheit geleiteter Geist traktiert seinen Körper, weil dieser ihn dazu nötigt, den niederen Bedürfnissen nachzugeben. Er bestraft seinen Leib durch vermehrtes Laufen trotz Schmerzen und Erschöpfung, nachdem er versucht hat das rohe Fleisch eines Knochens zu essen (KH, S. 163). Besonders brutal ist er gegen sich selbst, wenn er für die Nahrungsbeschaffung sogar ‚Sünden‘ begehen will. So maßregelt er sich zum Beispiel rückwirkend für den lasterhaften Gedanken, einen Redakteur um eine Krone zu bitten. Er jagt sich dafür durch die Straßen, obwohl er völlig ausgezehrt ist: „Und um mich so richtig zu quälen, stand ich wieder auf und zwang mich, aufgerichtet zu bleiben, und lachte mich aus und weidete mich an meiner eigenen Verkommenheit.“ (KH, S. 98). Aufgrund seines Hasses gegen seinen Körper rammt er ein anderes Mal die Stirn gegen Laternen, die Fingernägel in seinen Handrücken und die Zähne in die Zunge (KH, S. 106) oder er würgt sich selbst (KH, S. 155). Der Körper seinerseits schlägt zurück und versetzt dem Protagonisten „kleine feine Stiche“ (KH, S. 85). Der Hunger nagt in seinem ganzen Oberkörper und zieht sich als Schmerz bis in Rücken und Schultern (KH, S. 72). Dieser Konflikt weist darauf hin, dass die Hauptfigur ein rundum abhängiger Mensch ist, der vollkommen von seinen körperlichen und geistigen Zwängen gesteuert wird. Nicht Gott legt ihm negative Konsequenzen der Entbehrung auf, er selbst zwingt sich in die Selbstkasteiung.

In diesem Abschnitt konnte aufgezeigt werden, dass die mit der Welt des Hungernden assoziierte räumliche Position ‚oben‘ in Verbindung mit der Abwertung irdischer, leiblicher Genüsse steht. Der hohe moralische Anspruch, dem ‚unten‘ zu entfliehen, äußert sich in der Ablehnung von Essen. Er ruft wiederum den Hass gegen den eigenen Körper hervor, der nicht ohne Nahrung auskommt. Der Wunsch des Geistes nach Gottesnähe ist über den selbstgewählten Weg des Hungerns nicht realisierbar, da dieser mit dem Bedürfnis des Körpers nach Nahrung nicht vereinbar ist. Das Regulationssystem zwischen ‚höheren‘ und ‚niederen‘ Begehren ist das Gewissen, das körperfeindliche, masochistische Maßnahmen initiiert, wenn die Hauptfigur abzusinken droht. Dass es sich hier um eine säkularisierte Selbstkasteiung handelt, wie am Ende festgestellt wurde, betont vor allem eines: Hunger erzählt von einem fastenden Mann, der sich jedoch nicht für Gott opfert, sondern für sein eigenes Selbstwertgefühl.

2.1.1.3 Zwischen Lüge und Selbstbetrug

Dass die Negierung des Regel- und Wertesystems der Essenden für den Hungernden vor allem Selbsterhöhung bedeutet, konnte im letzten Abschnitt schon angedeutet werden. In diesem Teil der Figurenanalyse soll der Drang nach Selbstaufwertung noch weiter verfolgt werden. Ich werde erläutern, dass der Protagonist sich selbst vormacht, dass er der Welt der Essenden fern steht, während er den Vertretern der Welt der Essenden vorgaukelt, ihrem Werte- und Regelsystem nahe zu sein. Dieses Schwanken der Welt des Hungernden zwischen Nähe und Ferne zur Welt der Essenden, so behaupte ich, hebt hervor, wie sehr die Hauptfigur nach Anerkennung sucht beziehungsweise Angst vor Ablehnung hat und wie sehr sie glaubt, durch Selbstinszenierung Anerkennung zu generieren.

Der Protagonist ist der Meinung, dass er durch den Verzicht auf die Befriedigung körperlicher Bedürfnisse, durch den er fern der geltenden Norm steht, etwas Besonderes darstellt. Dabei betreibt er jedoch nichts anderes als Selbsttäuschung, denn er deutet seine Not in Tugend um. Als sich seine Gedanken zum Beispiel um das Essen drehen – er träumt von einem „Tablett voller dicker Butterbrote [...], einem verlockenden Beefsteak [...], jeder Menge Brot“ (KH, S. 49) – schüttelt er diese Phantasien ab, indem er behauptet: „Ich vertrug kein Essen, ich war nicht so geartet; das war eine Besonderheit an mir, eine Eigentümlichkeit.“ (KH, S. 49). Ein weiterer Beweismoment für die Umdeutung ist die Szene, in der er die Karte der Dampfküche studiert. Er zuckt dabei „auffällig mit den Schultern, als ob Pökelfleisch und Speck keine Kost für mich wäre“ (KH, S. 53). Eigentlich will er aber etwas essen, sucht er sich doch stets etwas zum darauf kauen und daran lutschen: Holzspäne (KH, S. 85), alte Apfelsinenschalen (KH, S. 101), seine Jackentasche (KH, S. 159), einen Stein (KH, S. 104) oder seinen Finger (KH, S. 128). Ihm fehlt das Geld für Nahrungsmittel und er schafft sich in dieser Misslage Abhilfe, indem er sich selbst einredet, dass der Nahrungsverzicht nicht Folge seiner Armut, sondern seiner Eigenart sei.[16] Im vorherigen Abschnitt ‚Abwertung körperlicher Begierden‘ wurde zudem schon deutlich, wie er den Nahrungsverzicht als Teil seiner hohen Moral betrachtet, das Hungern also als Signum seiner Heiligkeit versteht. Das Prinzip der Selbstaufwertung durch Umdeutung gilt neben dem Nahrungs- auch für den Sexualtrieb. Der Hungernde fühlt sich beispielsweise glücklich und erfrischt, nachdem er eine Straßendirne abgewiesen und ihr dazu noch eine Lektion verpasst hat. Er hat vorgegeben, Pastor zu sein, und zu ihr gesagt: „Gehe hin und sündige nicht mehr.“ (KH, S. 125). An den Mädchen, die sich „weit geöffnet“ von jedem angrabschen und besteigen ließen, läuft er vorbei, dabei wütend ausspuckend und erfüllt von Verachtung (KH, S. 123). Er hält sich für gesegnet, also für etwas Besonderes und Besseres, weil er im Gegensatz zu ihnen reinen Pfades wandeln kann (KH, S. 123). Genau wie beim Nahrungstrieb ist es jedoch nicht die innere Überzeugung, die ihn zu der Ablehnung sexueller Hingabe leitet, sondern die Umstände zwingen ihn dazu. Sein durch das lange Hungern ausgedörrter, körperlicher Zustand ist dafür verantwortlich, dass er sich nicht mehr für Frauen interessiert (KH, S. 124). Im Grunde würde er gern unartig sein, denn es kränkt ihn, dass Ylajali ihn für so übertrieben artig hält (KH, S. 174). Auch in weiteren Situationen ärgert er sich darüber, dass er an dem Treiben der jungen, sich paarenden Menschen nicht teilnehmen kann, weil er kein Geld hat und seine „hoffnungslos leeren Taschen“ ihn entmutigten, eine Frau anzusprechen (KH, S. 119; siehe auch S. 122). Die Entfernung von den Interessen und Werten der anderen retuschiert nur seinen Neid, denn in Wahrheit will er sich auch gehen lassen können.

Er versichert sich, dass er jemand Besonderes, Höherwertiges und Heiligeres ist, indem er sich selbst einredet, dem Regelsystem der Welt der Essenden fern zu stehen. Der Welt der Essenden macht er seine Besonderheit hingegen damit glaubhaft, dass er Nähe zu ihrem Werte- und Regelsystem vorgibt. Um nicht den Verdacht zu erwecken, arm zu sein, lügt die Hauptfigur das gesamte narrative Geschehen hindurch. Er täuscht den anderen Figuren andauernd vor, dass alles mit ihm ‚in Ordnung‘ sei, indem er zum Beispiel beim Besuch des Pastors das Dienstmädchen anschwindelt, dass er nur einen Spaziergang machen wollte, denn die Bewegung „tue so gut nach dem Essen“ (KH, S. 100). Er begründet seinen Besuch also mit einem für satte Menschen typischem Verhalten. Eine Mahlzeit hat er in diesem Moment jedoch schon seit Tagen nicht mehr gehabt. Beim Metzger, den er um einen Knochen bittet, behauptet er, dass dieser für seinen Hund bestimmt sei (KH, S. 159), obwohl er ihn für sich selbst will. Als er für eine Nacht im Gefängnis inhaftiert wird, mimt er einen Journalisten, der sein Geld im Café verprasst und seine Schlüssel verloren hat (KH, S. 84). Er bedient sich also der Statussymbole der Welt der Essenden, um von ihr anerkannt zu werden. Dadurch verspielt er am nächsten Morgen sogar die Chance auf eine Essensmarke. Er verlässt die Wache lieber „mit millionärischer Haltung“ (KH, S. 85) und erträgt den quälenden Hungerschmerz weiterhin, anstatt seine Lüge zuzugeben und sich bei den Bedürftigen einzureihen. Er traut sich nicht einmal einen Redakteur um eine Krone zu bitten und will „[l]ieber Hungers sterben“ (KH, S. 97). Selbst im Tod will er nicht zu den Armen zählen und plant eine Inszenierung seines Ablebens, damit er doch noch als etwas Besonderes anerkannt wird (KH, S. 102).

Infolge der Selbstinszenierung vor den Vertretern der Welt der Essenden und der Selbsttäuschung vor sich selbst, schwankt er zwischen Bestätigung und Ablehnung der Normen der Welt der Essenden. In räumlichen Kategorien ausgedrückt, oszilliert er somit zwischen Ferne und Nähe zu der Welt, die er mit dem Akt des Hungerns eigentlich negiert.[17] Aus dieser unsteten Position sprechen seine tief verwurzelte Angst vor sozialer Ablehnung sowie seine starke Sehnsucht nach sozialer Anerkennung. Diese benötigt er besonders stark, da er selbst weder von seinen Fähigkeiten noch seinem Wert als Person überzeugt zu sein scheint. Deshalb treibt es ihn immer wieder in die Stadt, er sucht den Kontakt und die Öffentlichkeit. Gleichzeitig läuft er aber mit gesenktem Kopf durch die Straßen, um nicht erkannt zu werden (KH, S. 21, 110). Der Drang nach Anerkennung hält ihn in einem Kreislauf gefangen: Zu seiner eigenen Rettung müsste er den Mitmenschen seine Notsituation ehrlich vortragen. Er wünscht sich sogar selbst, dass er jegliche Scham abstreifen könnte und jemandem die Wahrheit über seine schlechte Lage erzählen könnte (KH, S. 60). Doch dadurch würde er genau die Ablehnung erfahren, vor der er sich fürchtet. Um nicht völlig im Gefühl der Wertlosigkeit zu versinken, leugnet er seine Armut auch vor sich selbst. Doch solange er sowohl sich als auch seine Mitmenschen belügt, bleibt er unfähig, Maßnahmen zur Verbesserung seiner Lage zu ergreifen. Stattdessen verschlimmert er seine Lage immer wieder durch unüberlegte Taten, wie zum Beispiel das Verschenken von Geld und all seiner Habseligkeiten (KH, S. 12, 21, 41, 62, 74, 133, 146, 218).

Da der Hungernde versucht, sich an die Regeln und Werte der Welt der Essenden anzunähern, werden seine Abgrenzungsbestrebungen als Selbsttäuschung entlarvt, sein Rückzug in die Welt des Hungerns infrage gestellt. Warum er jedoch bis zum Schluss nicht in der Lage ist, seine Situation zu ändern, wird im folgenden, letzten Abschnitt Thema sein.

2.1.1.4 Hoher Selbstanspruch

Die soeben aufgeworfene Frage, warum der Hungernde keine nachhaltigen Schritte gegen seine schlechte Situation einleitet, werde ich im Folgenden unter Rückgriff auf eine weitere räumliche Eigenschaft der Welt des Hungerns beantworten: die Unbegrenztheit. Der Protagonist giert nach dem Gefühl beziehungsweise dem Zustand der Unbegrenztheit und verrät so seinen übersteigerten Leistungsanspruch. Aufgrund seiner hohen Ambitionen kann er sich nicht in die Welt der Essenden eingliedern, sondern hält trotz körperlicher Gebrechen an seiner Geringschätzung körperlicher Triebe, allen voran des Hungers, fest. Zuvorderst ist aber zu beweisen, warum die Welt des Hungernden das räumliche Merkmal ‚unbegrenzt‘ trägt.

Nach Ansicht des Protagonisten schränken die in der Welt der Essenden wichtigen Bedürfnisse des Körpers die Geistesfähigkeit ein, während sich in der Welt des Hungerns diese Schranken öffnen. Das Bedürfnis nach Essen und auch das nach Schlaf und Ruhe unterbricht immer wieder die Arbeit. Deshalb bedeutet die Ordnung der Welt der Essenden für die anonyme Hauptfigur nichts weiter als die Beschränkung geistiger Tätigkeit. Würde er sich zur Ruhe legen, ginge er das Risiko ein, seine kreative Phase, die Heimsuchung seiner Gedanken durch den „Geist“ (KH, S. 185, 188), zu verpassen. Denn „keiner kann den Tag und die Stunde nennen, wann der Geist über einen kommt“; das kann auch mitten in der Nacht sein (KH, S. 188).[18] Zu der zeitlichen Komponente tritt noch das Problem der Konzentration hinzu. Auch wenn ihm eine Mahlzeit Kraft für seine Arbeit gäbe, überwiegt für ihn die Tatsache, dass ein voller Magen seine Konzentrationsfähigkeit schmälert: Zum Beispiel fühlt er sich nach einem Weißbrot und einem Stück Käse zwar größeren Anstrengungen gewachsen und will nun nicht mehr nur einen Artikel verfassen, sondern gleich eine ganze Abhandlung über die philosophische Erkenntnis (KH, S. 14). Doch all das Essen hat ihn auch „in hohem Maße erregt“, sodass er nun launische Einfälle hat, die ihn vom Arbeiten ablenken (KH, S. 16). Außerdem ist er gereizt, stört sich an allem und kann sich nicht mehr konzentrieren (KH, S. 23). An anderer Stelle regt ihn das Essen sogar zu Phantasien an und versetzt ihn in Wahnzustände (KH, S. 38, 129). Das Hungern ist als Gegenpart zum Essen der Weg zur Aufhebung dieser Beschränkungen, auf dem er wertvolle Zeit einsparen kann und seine geistige Produktivität angespornt wird. Deshalb hat er selbst zu der Zeit, als er noch Geld besaß, oftmals vergessen Essen zu gehen beziehungsweise sich etwas zu kaufen. Er verwendete jede Minute auf die Schreibarbeit (KH, S. 183).

Der Wunsch nach Unbegrenztheit, den er mit dem Hungern zu erfüllen sucht, offenbart den hohen bis hin zum unrealistischen Leistungsanspruch. Wenn er etwas zu Papier bringt, will er nicht ruhen, bis er fertig ist (KH, S. 10) und glaubt, nur gut zu arbeiten, wenn er ununterbrochen schreibt und dabei eine Seite nach der anderen füllt (KH, S. 34, 216). Seine Arbeiten sollen sofort und ohne Überarbeitung gut sein. Er erwartet von seinen Schreibprodukten außerdem, dass er erstens davon genügend verdient (KH, S. 10), dass er zweitens den Redakteuren damit beweisen kann, welch ein Talent er ist (KH, S. 185), und dass er drittens von allen Menschen dafür Anerkennung erhält (KH, S. 202). Die Idee zu seinen Texten soll ihm bestenfalls ganz mühelos in den Sinn kommen, so wie er auch voraussetzt, dass ihm ein begnadeter Textabschnitt einfach so von der Hand geht (KH, S. 34f.). Diese Selbstansprüche hinterfragt er nicht einmal, als sich körperliche Gebrechen einstellen. Er verkennt, dass das Hungern seinerseits ebenso Grenzen vorgibt. Da diese jedoch rein körperlicher Natur sind, spielen sie für die Hauptfigur zunächst eine untergeordnete Rolle. Zu Beginn ignoriert er die Signale seines Körpers, wie sein abgemagertes und ausgezehrtes Aussehen oder seinen Haarausfall (KH, S. 105, 128). Doch selbst als er die körperlichen Warnsignale der Nahrungsabstinenz – neben dem Haarausfall dann auch Nervosität und Kopfschmerzen – wahrnimmt, schuftet er weiter so hart an seiner Arbeit, dass er sich kaum Zeit für das Essen gönnt (KH, S, 116). Diese Körper-Geist-Dichotomie, die mit der Annahme einhergeht, die Überwindung des Körperlichen rege den Geist an, ist bekannt aus der Philosophie.[19] Jedoch wird sie hier revidiert, weil das Hungern die geistigen Leistungsgrenzen der Hauptfigur immer weiter senkt und damit die Idee der geistigen Grenzenlosigkeit durch Überwindung körperlicher Schranken zur Utopie erklärt wird. Während sein Gehirn nach kurzer Hungerzeit noch voll ist (KH, S. 10) und er die zahlreichen Gedanken gar nicht so schnell aufschreiben kann, wie sie ihm in den Sinn kommen (KH, S. 39), hat er nach längerem Hungern den Eindruck „als rinne mir gleichsam mein Hirn sachte aus dem Kopf und mache mich leer“ (KH, S. 24). Nach der Überschreitung der Grenzen der Essenden stößt der anonyme Protagonist demnach viel schneller an seine Leistungsgrenzen; er kann seinen eigenen Ansprüchen noch weniger gerecht werden und hält sich infolgedessen nur noch für einen „armselige[n] Stümper“ (KH, S. 117), der „zum Schreiben nichts taugte“ (KH, S. 118). Aufgrund seiner körperlichen Schwächung ist er letztlich nicht mehr in der Lage, irgendeinen Text zu Papier zu bringen und nicht einmal mehr fähig, eine einfache Krämerrechnung zu bewältigen. (KH, S. 189). Er wird völlig arbeitsunfähig und kann nichts weiter tun, außer zu hungern (KH, S. 101). Er gibt das Hungern dennoch nicht auf, weil er gefangen ist in einem Leistungsanspruch, der ganz klar die menschlichen Fähigkeiten übersteigt. Er fordert von sich selbst das menschlich Unmögliche und will selbst im Tod nicht einknicken, sondern stehend sterben (KH, S. 219). Auch am Textende, als er alles verloren hat und sich mit dem Anheuern auf einem Schiff sogar von der Dichtkunst verabschiedet, bleibt doch eins: sein Leistungsanspruch. Er beteuert dem Kapitän, obwohl er „feucht vor Fieber und Ermattung“ (KH, S. 230) ist: „Ich kann zwei Wachen hintereinander übernehmen [...]. Das tut mir gut, und ich stehe es schon durch.“ (KH, S. 230). Er kann seinen Leistungsanspruch nicht ablegen.

Im Laufe des Textes, so haben die Beobachtungen in diesem Abschnitt gezeigt, wird die Welt des Hungerns, von der sich die Hauptfigur eigentlich Unabhängigkeit von sämtlichen in der Welt der Essenden herrschenden Einschränkungen verspricht, ebenfalls als begrenzt enttarnt. Der Hungernde, der jedoch beharrlich an seiner Auffassung festhält, wird dadurch zum Opfer seiner eigenen, irrationalen Arbeitsmoral. Diese ist der Antriebsmotor dafür, dass er sich überhaupt erst für das Hungern entscheidet. Sie ist deshalb auch verantwortlich für alle in den vorherigen Abschnitten herausgefilterten Begleiterscheinungen des Hungerns, wie die innere Spaltung, die masochistischen Neigungen oder die ständigen Lügen gegenüber sich selbst und all seinen Mitmenschen. Dass er am Ende nicht mehr in der Lage ist, einen Text nach seinem Anspruch zu schreiben, dass ihn sein Umfeld nicht, wie erhofft, umjubelt, sondern als wahnsinnig ablehnt, dass er zuletzt sogar selbst an seinem Verstand zweifelt, dass er gar nicht so rechtschaffend ist, wie er sich vormacht, all das zeugt davon, dass die Welt des Hungerns einzig auf einer Illusion aufgebaut ist. Die räumlichen Eigenschaften, wie außen, oben, fern und unbegrenzt, die Distinktion, moralisches Rückgrat, Selbstaufwertung und hohe Schaffenskraft versprechen, sind demzufolge nur Wunschvorstellungen.

2.1.2 Der Einfluss des Hungerns auf formaler Ebene

Wie in der Figurenanalyse deutlich wurde, hängen alle spezifischen Charakteristika des Protagonisten mit dem Hungern zusammen. Das heißt, dass die Figurenkonzeption auf dem Ereignis beziehungsweise dem Sujet des Textes aufgebaut ist. Doch nicht nur für die charakterlichen Besonderheiten der Hauptfigur ist das Hungern die Basis, sondern auch für die formalen Eigenarten des Textes. Den Zusammenhang zwischen der Textkonzeption und dem Motiv des Hungerns hat schon 1989 Fritz Paul angedeutet.[20] Er vertrat die Ansicht, dass in Hunger dieses traditionelle Motiv zum Einsatz kommt, es aber so verändert ist, dass es zur Strukturierung des Textes und damit zur Umsetzung neuer narrativer Verfahren verwendet werden kann. Auf welche narrativen Formen das Motiv des Hungerns Einfluss nimmt, möchte ich im Folgenden erläutern.

Hunger ist ein moderner Roman, der durch neue Erzähltechniken die Konventionen des Romans Ende des 19. Jahrhunderts überwirft.[21] So wie Hamsun seinen Protagonisten das Regel- und Wertesystem der normgebenden Welt überschreiten lässt, war der Autor selbst bestrebt, sich von geltenden Regeln zu befreien. Das Überschreiten gegebener Normen, das inhaltlich im Ereignis des Hungerns realisiert wird, war offensichtlich ebenso der Leitgedanke bei der formalen Konzeption. Das lässt sich zuerst an der Zeitstruktur nachvollziehen. Der Text negiert das Prinzip der historischen Zeit, ein traditionelles Merkmal des Romans des 19. Jahrhunderts. Die Phasen, in denen der Protagonist ausreichend zu essen hat, werden in zwei, drei Sätzen zusammengerafft, obwohl sie oft mehrere Wochen umfassen. Demgegenüber beträgt die erzählte Zeit der Hungerphasen lediglich ein paar Tage, wenngleich ihre Erzählzeit weit ausgedehnt ist. Paul Auster versteht diese Negierung dahingehend, dass mit der Abkehr von der historischen Zeit die individuelle, subjektive Wahrnehmung betont werden soll.[22] In Anlehnung an Austers Meinung ist die Dehnung der Hungerphasen also ein Indiz dafür, dass für den Protagonisten die Lebensphasen bedeutsam sind, in denen er sich von der Welt der Essenden abgrenzt. Auf formaler Ebene spiegelt sich damit die isolierte Situation des Protagonisten wider.

Das narrative Geschehen ist in vier in sich geschlossene Stücke eingeteilt. Sie wirken jeweils wie eine variierte Wiederholung voneinander.[23] Aufgrund des repetitiven Charakters musste sich Hamsun sogar den Vorwurf der Monotonie gefallen lassen.[24] Der Eindruck der Handlungsarmut entsteht, weil die Handlungsstruktur nicht nach der klassischen Spannungskurve mit Klimax verläuft.[25] Hamsun kreiert in Hunger keine Spannungskurve, sondern ein Spannungskontinuum. Dieses kommt dadurch zustande, dass die vier Stücke des Textes jeweils nach dem unausweichlichen Kreislauf des Hungerns konstruiert sind, bei dem zuallererst ein Hungergefühl entsteht, der Hungrige sich daraufhin auf die Suche nach Nahrung begibt und zuletzt isst, bis sich sein Sättigungsgefühl einstellt. Vier Mal wiederholt sich dementsprechend folgender Ablauf: Zuerst verspürt die Hauptfigur Hunger, sowohl nach Essen als auch im übertragenen Sinne nach Anerkennung. Dann ergreift er Maßnahmen, um diesen Hunger zu befriedigen. Er arbeitet hart, um Geld für Mahlzeiten zu verdienen beziehungsweise um Ruhm zu ernten. Die Stufe der Nahrungsaufnahme und Sättigung wird aber hinausgezögert bis zum Ende eines jeden Stückes. Zunächst bleibt seine Suche nach Mitteln zur Befriedigung seines physiologischen und sozialen Hungers vergebens, sodass sich seine Lage zusehends verschlechtert. Erst am Schluss eines jeden Stückes rettet ihn eine zufällige Begebenheit, durch die er an Essen gelangt und soziale Zugehörigkeit erfährt. So wird der Leser mit der Aussicht auf Verbesserung der Lage der Hauptfigur in den nächsten Abschnitt geschickt. Der Protagonist ist in diesem Kreislauf des Hungers gefangen. Der Leser ist es auch, denn ihn hält die Frage, ob der anonyme Hungernde vielleicht doch seiner schlechten Situation entkommen kann, dauerhaft auf Spannung. Die Negation der klassischen Spannungskurve in der Handlungsstruktur ist damit Folge der inhaltlichen Thematik – das Hungern.

Neben der Zeit- und der Handlungsstruktur prägt das Ereignis des Hungerns auch die Erzählperspektive. Der Text ist nach den Prinzipien des Bewusstseinsstroms gestaltet. Mit diesem auf die Moderne vorausweisenden ästhetischen Verfahren wendet sich Hamsun ebenso von vormodernen Traditionen ab. Der Bewusstseinsstrom, in dem allein die Sinneseindrücke, Gefühle und Gedanken des Ich-Erzählers wiedergegeben werden, läuft aber nicht typischerweise monologisch ab. Wie auch Jörg Pottbeckers feststellt, wird der Bewusstseinsstrom in Hunger in eine Ich-Du-Kommunikation verwandelt.[26] Die Rollen, in die Ich und Du in ihrem Dialog jeweils schlüpfen, sind eine „spielerische (und zugleich tragische) Nachahmung von gesellschaftlich normierter Kommunikation, quasi zwischen Außenseiter und Establishment“.[27] Das irrationale Du erhält Anweisungen und Verhaltensregeln vom rationalen Ich und wird von diesem Ich als etwas Feindliches und Bedrohliches angesehen.[28] Das Du ist die Welt des Hungernden, das gegen die Welt der Essenden aufbegehrt und dafür vom Ich, das nach Essen verlangt, ermahnt wird. Der Transfer der inneren Spaltung auf die formale Ebene durch eine dialogische Struktur des Bewusstseinsstroms stellt die Entfremdung des Hungernden von der Welt dar, in der er sozialisiert wurde. Gleichzeitig unterstreicht sie die Entfremdung des Hungernden von sich selbst, da sein in der Welt der Essenden sozialisiertes Selbst immer wieder den Anspruch auf Existenz erhebt. Die Erzählperspektive ist damit genau auf die in der Figurencharakterisierung besprochenen Konsequenzen des Hungerns abgestimmt.

Die Tragweite der Funktionen des Hungerns konnte in diesem Abschnitt bis in die Erzähltechnik zurückverfolgt werden. Das formale Textkonzept ist auf das Sujet des Textes, das Hungern, ausgerichtet. Die Thematik des Hungerns fällt nicht zufällig mit der Anwendung moderner Erzähltechniken zusammen, sie ist ihr Auslöser. Die Überschreitung geltender Gattungsnormen erfolgt in Hunger durch die zeitliche Raffung der Essensphasen gegenüber der Dehnung der Hungerphasen, durch die kreislaufartige Handlungsstruktur und durch den dialogischen Bewusstseinsstrom.

2.1.3 Das gesellschaftskritische Potenzial des Motivs Hungern

Bisher habe ich textinterne Elemente, wie die Figurendarstellung oder die Erzähltechnik, danach untersucht, inwiefern sie durch das Sujet des Textes, das Hungern, geformt sind. Nun will ich überprüfen, ob Informationen des Textes, die auf textexterne Sachverhalte Bezug nehmen, ebenfalls mit dem Thema Hungern in Verbindung stehen. Ich behaupte, dass das Hungern das Vehikel zur Vermittlung einer ablehnenden Haltung des Autors zu zeitgenössischen Bedingungen beziehungsweise Strömungen ist. Jedoch ist Hunger kein typisch sozialkritischer Roman. Zwar bedient sich Hamsun mit dem Sujet ‚Hungern‘ eines Motivs par excellence des Naturalismus, doch in Hunger wird es aus seiner ehemaligen Funktion der Vermittlung einer naturalistisch fundierten Gesellschaftskritik herausgelöst. Der Text ist keineswegs ein kritisches Manifest gegen Verelendung und Einsamkeit in der Großstadt. Dazu fehlt dem Buch eine Vorgeschichte, familiäre Hintergründe – die Hauptfigur hat nicht einmal einen Namen – sowie Begründungen für den psychischen Zustand des Hungernden. Hunger führt das Leiden der Hauptfigur nur vor, analysiert es aber nicht und gibt auch keinen Aufruf zur (politischen) Veränderung.[29] Darüber hinaus wird die Schuld für das Fehlen finanzieller Mittel zur Beschaffung von Nahrung der Hauptfigur selbst zugesprochen beziehungsweise hungert sie sogar freiwillig.[30] Von den Hungerschilderungen geht entsprechend keine Gesellschaftskritik im Sinne der Beanstandung politischer und sozialer Missstände aus.

Versteht man Gesellschaftskritik jedoch als eine Reaktion auf zeitgenössische Gegebenheiten, die vom Autor als nachteilig für seine Literaturproduktion empfunden wurden, so hat der Text gewiss eine gesellschaftskritische Komponente. Diese ergibt sich sogar erst durch die Abkehr vom sozialkritischen Roman. In ihm wurde der Hunger noch als Motiv verwendet, um ein positivistisches Ursache-Wirkungs-Modell zwischen gesellschaftlichen Bedingungen und individuellem Leid aufzuzeigen. Hamsun knüpft mit seinem Buch einerseits an das naturalistische Motiv an und, so bewertet es Paul, verleiht seinem Text damit den Anschein positivistischer Glaubhaftigkeit.[31] Andererseits ergründet er nicht die Ursachen, die zum Hunger führen, sondern die Auswirkungen, die der Hunger herbeiführt.[32] Mithilfe der Auswirkungen des Nahrungsverzichts zeichnet er ein so gestörtes Bild einer Persönlichkeit, dass sie sich nicht erklären lässt. Obgleich der Leser alle Gedanken der Hauptfigur kennt, kann er ihn dennoch nicht begreifen, weil er das psychologisch Nachvollziehbare überschreitet.[33] Nicht einmal psychische Krankheiten reichen zur Beschreibung aus.[34] Hamsuns Kritik richtet sich folglich gegen „den pauschalen Anspruch einer wissenschaftlich untermauerten literarischen Objektivität“ sowie „gegen jene Lebensansichten, die versuchten, den Menschen als völlig rationale und erklärbare Wesenheit darzustellen [...]“.[35] Er erteilt dem Positivismus und dessen Grundauffassung, alles auf objektive Tatsachen oder ein Ursache-Wirkungsmodell herunterbrechen zu können, eine Absage. Auch die positivistische Herangehensweise an Literatur, die darauf ausgerichtet war, Texte zu erklären, anstatt sie auszulegen, durchkreuzt er.[36]

In seiner Abkehr vom sozialkritischen Roman mit positivistischer Erklärbarkeit steckt neben der Kritik gleichzeitig der Aufruf zur Neuausrichtung der Literatur. Sie soll sich mehr mit der Psychologie des Menschen und seinen irrationalen Tendenzen beschäftigen.[37] Denn Hamsun wollte eine Literatur, die mehr von individuellen Fällen und weniger von Typen erzählt, die „das ganze unbewusste Seelenleben“ ergründet.[38] Das hielt er auch in seinem Literaturprogramm ‚vom unbewussten Seelenleben‘ fest, das er zeitlich parallel zu Hunger verfasste. Mit seinen Texten wollte sich Hamsun nicht der Wissenschaft als der „einzig totale[n] Macht der Zeit“ beugen.[39] Sein Ziel war es, mithilfe poetischer Texte zu demonstrieren, dass der Mensch – so beschreibt es Daniel Kehlmann – „komplexer ist und rätselhafter, als die guten Absichten, die Aufklärer und die Kämpfer für eine bessere Welt es sich vorstellen können“.[40]

Die Funktionalisierung des Hungerns hat in diesem Abschnitt eine neue Dimension erhalten. Das Hungern ist der Stoff, mit dem der Autor seine gesellschaftskritischen Anmerkungen transportiert. Diese gelten jedoch nicht, wie angesichts des Sujets des Textes zu erwarten wäre, den sozialen und politischen Zuständen, die zur schlimmen Situation des Protagonisten führen. Stattdessen zielt die Kritik auf das Verfahren ab, bestimmte menschliche Zustände auf gesellschaftliche Faktoren zurückzuführen. Indem Hamsun das Hungern zum Motor schier unbegreiflicher Bewusstseinsregungen utilisiert, bringt er die Wissenschaft an seinem Buch zum Scheitern.

[...]


[1] Hamsun bezeichnete Hunger in Abgrenzung an die Gattung ‚Roman‘ als ‚Buch‘. Vgl. Hamsun 1890 zit. nach Uecker 1999: Anmerkungen, S. 15.

[2] Z.B. aß auch Hamsun wenig (vgl. Kolloen 2011: Hamsun, S. 33), neigte zu blasphemischen Schimpfausbrüchen und Stimmungsschwankungen (vgl. ebd., S. 36); auch ihn plagten Selbstzweifel wegen der Angst, nicht originell genug zu sein (vgl. ebd., S. 27), gleichzeitig war er überheblich, hatte den Drang seine finanzielle Potenz zur Schau zu stellen (vgl. ebd., S. 70), wollte Abstand zum Volk wahren (vgl. ebd., S. 24) und wurde seiner fehlenden Manieren und seines übersteigerten Selbstbewusstseins wegen von seinem Umfeld abgelehnt (vgl. ebd., S. 31). Des Weiteren war Hamsun wie seine Figur getrieben von seiner Arbeitswut, seinem Ehrgeiz und dem Wunsch, berühmt zu werden und es allen zu beweisen; dafür schrieb er Tag und Nacht, obwohl er fror, hungerte und sich im Winter nicht einmal Licht zum Schreiben leisten konnte (vgl. ebd., S. 40, 51). Hamsuns Status als Alleingänger erinnert ebenso an den Protagonisten, der Autor hatte v.a. zu Beginn seiner Schriftstellerkarriere keinen Anschluss zur Dichterszene (vgl. ebd., S. 28) und interessierte sich kaum für Frauen und Sexualität (vgl. ebd., S. 38). Auch bestimmte Ereignisse im Buch scheinen von Hamsuns Lebenslauf inspiriert: Er verbrachte selbst als Obdachloser eine Nacht in der Polizeizelle in Kristiania (vgl. ebd., S. 46), er reiste herum, auf der oftmals vergeblichen Suche nach einem Redakteur, der ihn veröffentlichen würde (vgl. ebd., S. 30), er schrieb Zeitungsartikel, um sich über Wasser zu halten, seine Leidenschaft galt aber der Dichtkunst (vgl. ebd., S. 39), er verprasste sofort alles, wenn er einmal Geld in die Hände bekam (vgl. ebd., S. 30), er verpfändete all sein Hab und Gut (vgl. ebd., S. 30), machte Schulden, hing aber immer noch am „Bettlerstolz“ (ebd., S. 61). Außerdem ging er, so wie sein Protagonist am Ende des Buches, an Bord eines Schiffes, um Kristiania zu entfliehen. Zwei Mal trieb es den Autor nach Amerika, 1882 und 1886 (vgl. ebd., S. 33, 51).

[3] Detering 1999: Subjektzerfall und Vernunftkritik, S. 48.

[4] Vgl. Pottbeckers 2008: Stumme Sprache, S. 136.

[5] Vgl. Hamsun 1890 zit. nach Uecker: 1999: Anmerkungen, S. 21.

[6] Die Teilung in zwei Welten haben bereits andere Literaturwissenschaftler, wie z.B. Masát, festgestellt. Er rekonstruiert die Teilung jedoch nicht mithilfe der Raumsemantik des Textes und führt sie auch nicht auf den grenzüberschreitenden Akt des Hungerns zurück, sondern auf die gegensätzlichen Wesensmerkmale der Hauptfigur und den anderen Figuren. Vgl. Masát 1983: Handlungs- und Wertstrukturen, S. 324.

[7] Aus einem Brief des Apostels Paulus stammt der bekannte Satz: ‚Wer nicht arbeiten will, soll auch nicht essen.‘ Im Umkehrschluss lässt sich aus dieser Aussage die Auffassung deduzieren, dass derjenige, der arbeitet, sich wohlverdient dem Essen widmen kann.

[8] Im weiteren Verlauf der Arbeit werde ich die Zitate aus den Primärtexten direkt hinter dem Zitat in Klammern angeben. KH steht als Abkürzung für Knut Hamsuns Hunger, FK für Franz Kafkas Ein Hungerkünstler.

[9] Wie sehr er keine Regelmäßigkeit in seiner Nahrungsaufnahme pflegt, wird besonders deutlich, als er eines späten Nachmittags sein starkes Hungergefühl darauf zurückführt, dass er wohl noch nicht gefrühstückt habe. Jedoch hätte dazwischen schon das Mittagessen und wahrscheinlich das Abendessen gelegen. Er benutzt also die Begriffe zur zeitlichen Einteilung der Mahlzeiten aus der Welt der Essenden, sie sind aber nichts als leere Hülsen. Zur Definition von Mahlzeiten als Sozialsituationen vgl. Wierlacher 1987: Vom Essen in der deutschen Literatur, S. 53.

[10] Masát 1983: Handlungs- und Wertstrukturen, S. 323.

[11] Raulff 1982: Chemie des Ekels, S. 242.

[12] Vgl. ebd.

[13] Laut Heckmann sei der Magen das Gravitationszentrum des Körpers, was zur Folge hat, dass der Mensch Gewicht und Schwerkraft dort am stärksten spüre (vgl. Heckmann 1993: Weisheit des Magens, S. 404). Deshalb wäre ein voller Magen besonders unverträglich mit dem Wunsch nach dem Gefühl erhabener Leichtigkeit.

[14] Die Verachtung des eigenen Körpers wird nicht nur implizit in der Ablehnung von Essen, sondern auch explizit deutlich, z.B. wenn der Protagonist erklärt: „[...] ich hasse meinen ganzen ausgemergelten Körper, und mich schaudert, ihn zu tragen, ihn um mich zu fühlen“ (KH, S. 153).

[15] Dass der Körper der Austragungsort innerer Konflikte ist, obwohl in ihm nicht die Ursache liegt, ist typisch für seelische Störungen, wie Starobinski in Anlehnung an Freud erklärt. Da der Körper sowohl Triebquelle als auch Ort und Mittel zur Befriedigung von Trieben ist, wird er zum Austragungsort, wenn das Triebziel, die Befriedung un dadurch die Aufhebung des Reizzustandes der Triebquelle, nicht erreicht wird. Der Masochismus ist ein typisches Phänomen dieser Wendung der Triebe gegen die eigene Person. Vgl. Starobinski 1987: Kleine Geschichte des Körpergefühls, S. 23-26.

[16] Auch Pottbeckers weist darauf hin, dass die Fassade, die der Protagonist nach Außen aufrecht erhält, um seine Bedürftigkeit zu verbergen, auch im Inneren aufrecht steht, da er sich in einer zunehmenden Selbsttäuschung ergeht. Vgl. Pottbeckers 2008: Stumme Sprache, S. 153f.

[17] Pottbeckers macht darauf aufmerksam, dass das ambivalente Strukturprinzip, das sich „in der Bewegung zwischen Nähe und Distanz, die der Protagonist zu sich und anderen aufbaut“, prägend ist für Hamsuns frühen Romane. Pottbeckers 2008: Stumme Sprache, S. 132.

[18] Der Begriff des Geistes kann sowohl auf einen literarischen Geist anspielen als auch auf den Heiligen Geist des christlichen Glaubens. In beiden Fällen lässt sich die Rhetorik aber als Satire auf das Fasten verstehen, das zu geistiger oder zu geistlicher Einsicht führen soll. Denn diesen Zweck erfüllt die Selbstkasteiung in Hunger keineswegs. Vielmehr verstellt sie der Hauptfigur den Weg zur Einsicht und Weiterentwicklung sowie zur Annäherung zu Gott.

[19] Schon Philosophen, wie Platon, Thoreau oder Thomas von Aquin, schwärmten von der geistigen Anregungskraft des Nahrungsverzichts (vgl. Heckmann 1993: Weisheit des Magens, S. 403). Sie waren sich einig: „Fresserei verhindere die Gedankentätigkeit“ (ebd., S. 406). Deshalb versuchten Philosophen und Gelehrte die Notwendigkeit der Nahrungsaufnahme zu ignorieren und aßen nur, um den lästigen Hunger, der nicht ewig aufschiebbar ist, zu stillen. Möglich ist aber auch, dass Hamsun mit seiner offensichtlichen Verarbeitung der Körper-Geist-Dichotomie gar nicht auf die Philosophie anspielt. Seine eigenen Hungererfahrungen könnten schon Inspiration genug gewesen sein. Denn in Studien konnte herausgefunden werden, dass kurzweiliges Hungern tatsächlich zum Gefühl von Leichtigkeit und einem Zustand geistiger Angeregtheit führt, also als angenehm erlebt wird. Erst längeres Hungern hat viele negative Auswirkungen auf Körper, Psyche und Verhalten. Hungernde sind dann unter anderem schneller reizbar, emotional instabiler, ihre Aufmerksamkeit und Aufnahmefähigkeit sind eingeschränkt, jedoch kommt es zu keiner Minderung der Intelligenz (vgl. Gniech 1995: Essen und Psyche, S. 21ff.).

[20] Paul bezieht sich neben dem Hunger auch auf das Motiv der Großstadt und des Künstlers. Vgl. Paul 1989: Zur Veränderung traditioneller Motive, S. 171, 184.

[21] Vgl. Kehlmann 2009: Nachwort, S. 231; vgl. Auster 2000: Kunst des Hungers, S. 8.

[22] Vgl. Auster 2000: Kunst des Hungers, S. 8.

[23] Auch Fechner-Smarsly 1991: Wiederkehr der Zeichen, S. 77-93 hat sich mit dem repetitiven Charakter des Buches auseinandergesetzt.

[24] Z.B. schrieb der bekannte zeitgenössische Schriftsteller und Literaturkritiker Georg Brandes in einem Brief an Hamsun, dass das Buch Hunger monoton und langweilig sei. Vgl. Brandes 1890 zit. nach Uecker 1999: Hamsun zwischen Ästhetik und Politik, S. 15.

[25] Vgl. Detering 1999: Subjektzerfall und Vernunftkritik, S. 48.

[26] Vgl. Pottbeckers 2008: Stumme Sprache, S. 151-156.

[27] Ebd., S. 141.

[28] Diese Rollenverteilung evoziert, darauf weist Pottbeckers außerdem hin, die freudianische Autorität des Über-Ichs. Vgl. ebd., S. 153ff.

[29] Vgl. Kehlmann 2009: Nachwort, S. 231; vgl. Auster 2000: Kunst des Hungers, S. 8f.; vgl. Pottbeckers 2008: Stumme Sprache, S. 125.

[30] Vgl. Kehlmann 2009: Nachwort, S. 234f.; vgl. Bien 1990: Werke und Wirkungen, S. 24ff; vgl. Auster 2000: Kunst des Hungers, S. 9. Paul betont, dass allein der Stolz und die Verletzlichkeit des Protagonisten verantwortlich gemacht wird für seine Situation. Der Staat wird im Text sogar entlastet, da ein staatliches Auffangnetz zur Sprache kommt, durch das Obdachlose Essensmarken erhalten. Vgl. Paul 1989: Zur Veränderung traditioneller Motive, S. 183.

[31] Vgl. Paul 1989: Zur Veränderung traditioneller Motive, S. 183.

[32] Vgl. Bien 1990: Werke und Wirkungen, S. 23.

[33] Vgl. Kehlmann 2009: Nachwort, S. 233.

[34] Dass die Erklärungsmuster psychischer Krankheiten nicht ausreichen, um die Hauptfigur zu charakterisieren, wird vor allem daran deutlich, dass sein Verhalten Symptome mehrerer Krankheiten zusammenführt und nicht eindeutig kategorisierbar ist. Z.B. zeigt der Protagonist Symptome des Krankheitsbildes der Magersucht und der bipolaren Störung, die zur Entstehungszeit des Buches in der Medizin besondere Aufmerksamkeit erhielten (vgl. Assion/Vollmoeller (Hgg.) 2006: Handbuch bipolare Störungen, S. 22f.: Um 1850 wurde das Krankheitsbild der bipolaren Störung, nur unter anderen Namen, neu aufgegriffen; vgl. Vandereycken/van Deth/Meermann 2003: Kulturgeschichte der Ess-Störungen, S. 27, 92: Die Anorexia nervosa wurde als medizinischer Fachbegriff zwischen 1860 und 1870 eingeführt.) Beispiele für Parallelen zur bipolaren Störung: Die Hauptfigur pendelt zwischen depressiven Phasen, in denen er seiner Existenz überdrüssig ist und sich wertlos fühlt, und manischen Anfällen, in denen er gereizt ist, sich schnell ablenken lässt und ein übersteigertes Selbstwertgefühl hat. Diese Phasen werden auch unterbrochen von symptomfreien Abschnitten (Symptome vgl. Assion/Vollmoeller (Hgg.) 2006: Handbuch bipolare Störungen, S. 59-62). Beispiele für Parallelen zur Magersucht: Die Hauptfigur ist zäh, hat einen starken Willen und perfektionistischen Ehrgeiz, ist nur mangelhaft fähig zu zukunftsorientiertem Denken, verdrängt seinen wahren körperlichen Zustand, hat einen starken Bewegungsdrang und große Sehnsucht nach sozialer Anerkennung. Wie Magersüchtige hält er Essen gemäß dem eigenen Regelsystem für eine Sünde. Bei Verstoß gegen das eigene, strenge Regelsystem werden Gegenmaßnahmen eingeleitet, z.B. noch weniger Essen, Erbrechen oder sich selbst Schmerzen zufügen (Symptome vgl. Simchen 2010: Essstörungen und Persönlichkeit, S. 39, 69-71).

[35] Erstes Zitat: Pottbeckers 2008: Stumme Sprache, S. 122; zweites Zitat: ebd., S. 125.

[36] Vgl. Jahraus 2004: Literaturtheorie, S. 225.

[37] Vgl. Pottbeckers 2008: Stumme Sprache, S. 124. Pottbeckers betont hier, dass Hamsun aber keine Abschaffung der naturalistisch-realistischen Literatur forderte, sondern diese mit der ‚psychologischen‘ Literatur Seite an Seite existieren sollte.

[38] Hamsun 1890 zit. nach Uecker 1999: Anmerkungen, S. 21.

[39] Hamsun 1890 zit. nach Pottbeckers 2008: Stumme Sprache, S. 127.

[40] Kehlmann 2009: Nachwort, S. 233.

Details

Seiten
82
Erscheinungsform
Erstausgabe
Jahr
2013
ISBN (eBook)
9783956847806
Dateigröße
1.1 MB
Sprache
Deutsch
Institution / Hochschule
Technische Universität Dresden
Erscheinungsdatum
2015 (Februar)
Note
1,3
Schlagworte
Hungerkünstler Franz Kafka "Ein Hungerkünstler" Knut Hamsun "Hunger" Magersucht Hungern als Motiv

Autor

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Titel: "Du hungerst noch immer?" Zur poetischen Funktion des Hungerns an ausgewählten Beispielen