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Sprechakttheorie: Ein Überblick

Studienarbeit 2003 21 Seiten

Germanistik - Semiotik, Pragmatik, Semantik

Leseprobe

3. Wann ist ein Sprechakt ein Sprechakt?

Austin geht beispielsweise davon aus, dass „etwas sagen etwas tun heißen kann“, falls bestimmte Bedingungen erfüllt sind, die er „felicity conditions“ nennt. Diese beinhalten u.a. die Bedingung, dass der Kontext, in dem der Sprechakt stattfindet, stimmen muss und dass der Sprecher seine Äußerung ernst und aufrichtig äußert. Für Austin ist also klar, dass das Verstehen der Intention des Sprechers durch die Hörer für das Gelingen eines Sprechaktes kaum ausreicht.

Für Searle ist es unabdingbar, dass der Sprecher eine bestimmte Intention mit seiner Äußerung verfolgt. Vollzogen ist der Sprechakt nur dann, wenn der Hörer diese Intention erkennt.

Austin und Searle betrachten Sprecher und Hörer nur als Rollen in einem abstrakten „setting“. Für Searle ist die Äußerungssituation vollkommen überflüssig, da der Sprecher und der Hörer allwissende Figuren sind, die nicht auf Teilung ihres Wissens angewiesen sind. Austin sieht die Äußerungssituation nur als konventionalisiertes Handlungsschema und auch er betrachtet die Akteure als allwissend.

4. Sprechakttheorie nach Austin

4.1. performative und konstatierende Äußerungen

Einerseits gibt es beschreibende Sätze, die wahrheitsfähig sind, sich folglich als wahr oder unwahr herausstellen können. Sie werden als konstativ bezeichnet.

Bsp.

(1) Die Erde ist rund.

(2) Heute ist Montag

Andererseits gibt es Sätze, mit denen man Handlungen vollzieht, diese werden als performativ bezeichnet. Die sogenannten performativen Verben beschreiben nicht nur einen außersprachlichen Vorgang durch sprachliche Mittel, sondern in diesen Verben treffen Benennen und der Vollzug des Benannten zusammen. Diese Deklarativsätze werden nicht mehr dazu gebraucht um festzustellen, ob eine Aussage wahr oder falsch ist.

Bsp.

(3) Ich erkläre Dir den Krieg.

(4) Ich erhebe Einspruch.

Es ist nicht möglich den Wahrheitsgehalt dieser Sätze festzustellen.

Als Beispiele für performative Äußerungen nennt Austin eine Schiffstaufe, die Bitte um Entschuldigung oder jemandem einen Rat erteilen; Handlungen, deren Vollzug anders als verbal ausgeführt nicht möglich wären oder nicht denselben eindeutigen Effekt hätten. So würde es etwa keinen Sinn ergeben, wenn irgendjemand zur Schiffstaufe lediglich eine Flasche Sekt an das Schiff werfen würde, denn dieses gelingt nur in Verbindung mit dem passenden Ausspruch, z.B. „Ich taufe dieses Schiff auf den Namen ...“. Hier wird deutlich, dass das Gelingen einer performativen Äußerung von gewissen Bedingungen abhängt. Ist beispielsweise der Redner nicht in der Lage, einen derartigen Akt zu vollziehen, oder wird auf einen ungeeigneten Gegenstand bezug genommen, dann gelingt es ihm nicht, einfach durch Aussprache der Wendung den geplanten Akt zu vollziehen.

Der Aspekt der Unaufrichtigkeit spielt ebenfalls eine entscheidende Rolle. Wer etwa ein Versprechen vorträgt, ohne aber tatsächlich die Absicht zu haben, dieses Versprechen auch einzuhalten, missbraucht laut Austin die Formel „Ich verspreche...“.

Zusätzlich kann eine performative Äußerung misslingen, wenn derjenige, der sie geäußert hat, seine damit eingegangene Verpflichtung im Nachhinein bricht. Austin nennt diesen Punkt „Bruch der Verpflichtung“. Es ist nicht klar zwischen den Arten des Misslingens zu unterscheiden, weshalb es häufig zu Überschneidungen kommt.

Um konstative von performativen Verben zu unterscheiden, gibt es nach Austin verschiedene Überprüfungsmöglichkeiten:

a) Kann bei der Äußerung eine Einschätzung in wahr oder falsch vorgenommen werden? Falls ja, handelt es sich um konstative, andernfalls um performative Äußerungen.

b) Durch das Einfügen des Wortes „hiermit“ in die Präsens-Äußerung fällt die Unterscheidung in konstativ und performativ leichter.

Bsp.

(5) Hiermit erkläre ich Dich zum Klassensprecher.

(6) Hiermit gehe ich sonntags in die Kirche.

(7) Hiermit lese ich das Buch zuende.

Es lässt sich leicht feststellen, dass die letzten beiden Aussagen nicht performativ sind, da sie grammatikalisch und syntaktisch nicht mehr korrekt zu sein scheinen.

Im Zuge des Vergleiches konstatierender und performativer Äußerungen stellte Austin die Analogie fest, dass man niemals auch nur eine Äußerung vorbringen kann, ohne eine Sprachhandlung zu vollziehen. Notwendig sei eine Theorie dieser Sprachhandlungen, in der der Gegensatz von performativen und konstatierenden Äußerungen kaum erhalten bleiben kann.

4.2. Lokutionärer, illokutionärer und perlokutionärer Akt – die drei Ebenen des Sprechaktes

Jemand, der etwas sagt tut dreierlei, immer angenommen das Gesagte hat einen Sinn. Wer den Satz „ Hast du 20 Euro dabei?“ äußert, der tut erstens zunächst einmal nur dies: er äußert den Satz. Was er mit der Äußerung zweitens tut, hängt ganz von den Umständen ab, die immer verschieden sind. Richtet sich der Satz an einen Hörer, der dem Sprecher Geld schuldet, wird die Äußerung eine Aufforderung zur Rückzahlung sein. Drittens ist es möglich, dass der Sprecher, wieder je nach den Umständen, mit seiner Äußerung bewirkt, dass der Schuldner gleich zahlt.

Unter einem lokutionären Akt versteht Austin den gesamten Ablauf des Etwas-Sagens. Innerhalb dieses lokutionären Aktes werden verschiedene Teilaspekte unterschieden; diese Teilaspekte bezeichnet Austin als (a) den phonetischen Akt, (b) den phatischen Akt und (c) den rhetischen Akt.

Der phonetische Akt beschreibt den Akt der Artikulation von Geräuschen und Sprachgebilden, während der phatische Akt die Äußerung von Wörtern (Vokabeln) gemäß den grammatischen Konstruktionsregeln einer jeweiligen Sprache umschreibt. Bei einer Aneinanderreihung werden die unterschiedlichen Wörter mit einer bestimmten Intonation ausgesprochen bzw. geäußert.

Vervollständigt wird der lokutionäre Akt durch einen weiteren Teilaspekt: den rhetischen Akt. Hier wird durch das Endergebnis des phatischen Aktes bezug auf die Sachverhalte der Welt genommen. Beim rhetischen Akt wird festgelegt, über was der Sprecher spricht (reference) und was er darüber sagt (sense).Wenn reference und sense genau festgelegt werden können, so lässt sich auch die Bedeutung (meaning) des Gesagten genau erschließen.

In dem Satz Heinz spielt Fußball stellt der phonetische Akt demgemäss die Ausformulierung von Lauten dar, die sich hier in Form der verschiedenen Wörter Heinz, spielt und Fußball aufzeigen. Die grammatische Ordnung (Subjekt, Prädikat, Objekt), in die die einzelnen Wörter in diesem Beispielsatz gesetzt worden sind, repräsentiert der phatische Akt. Schließlich wird auch in diesem Satz mit Hilfe des rhetischen Aktes die Bedeutung deutlich: durch die grammatische Ordnung des phatischen Aktes ist festgelegt, worüber geredet wird. Heinz ist in diesem Satz der Referenzträger, über ihn wird gesagt, dass er Fußball spielt. Da reference und sense festgelegt sind, lässt sich also auch die Bedeutung des Gesagten erschließen, womit der lokutionäre Akt hier als vollständig angesehen werden kann.

Der illokutionäre Akt ist der wichtigste Teilakt von denen, die unter dem Begriff des Sprechaktes zusammengefasst sind. Der illukutionäre Akt gibt den Inhalt des in dem lokutionären Akt Gesagten zu verstehen. D.h., dass durch ihn eine Äußerung z.B. als Drohung oder als Ratschlag verstanden werden kann. Beschreibt man die Verhältnisse der einzelnen Teilakte zueinander, kann man sagen, dass der Äußerungsakt nicht ohne den illokutionären Akt stattfinden kann, bzw. vollzieht man gemeinsam mit dem illokutionären Akt immer auch den Akt der Äußerung, da Äußerungsakte aus aneinandergereihten Wörtern bestehen und der illokutionäre Akt dieses einschließt. Als Ausnahme wäre eine Reihe aneinandergereihter, jedoch keinen Sinn ergebenden Wörter zu sehen: diese geäußerten Wörter ohne Inhalt stehen dann zwar für einen Äußerungsakt, schließen den illokutionären jedoch nicht mit ein.

In demselben Verhältnis wie der Äußerungsakt steht der propositionale zum illokutionären Akt. Auch hier vollzieht man mit dem illokutionären automatisch auch den propositionalen Akt. Des Weiteren können verschiedene illokutionäre Akte auch den gleichen Inhalt eines propositionalen Aktes haben, wenn z.B. in einem Aussagesatz, einer Frage und einem Befehl die Prädikationen und die Referenzen dieselben sind.

Da der perlokutionäre Akt die Konsequenzen des illokutionären Aktes beschreibt, kann man sagen, dass perlokutionäre Akte mögliche Folgen aus dem illokutionären Akt sind, die jedoch nicht mit absoluter Sicherheit garantiert werden können. Dementsprechend ist das Verhältnis in diesem Fall nicht von solch bedingender Art wie in den vorherigen Beispielen.

Du schuldest mir fünfzig Euro ist ein illokutionärer Akt, da man durch das Gesagte (indem man etwas sagt), eine Handlung vollzieht. Du schuldest mir fünfzig Euro zeigt an, dass der Sprecher sein verliehenes Geld zurückverlangt, jemanden dazu auffordert, es ihm zu geben. Damit verbunden ist hier der Äußerungsakt: die einzelnen Wörter werden in dieser Aussage grammatisch korrekt und aneinandergereiht ausgesprochen, auch ein Sinn ist in dem Gesagten zu finden. Auch der propositionae Akt ist in diesem Satzbeispiel verwirklicht, da Referenz (Du) und Prädikation (schuldest mir fünfzig Euro) eindeutig festliegen. Der perlokutionäre Akt ist ebenfalls vorhanden, da Du schuldest mir fünfzig Euro die Intention hat, das verliehene Geld zurück zu bekommen. Diese Intention ist durchaus als die Konsequenz des illokutionären Aktes anzusehen. Auch Ich komme morgen wieder ist ein illokutionärer Akt, da ein Handlungswert (der des morgen-wiederkommens) vorhanden ist. Auch der Äußerungsakt ist in diesem Satz realisiert, da die Wörter in grammatisch korrekter Ordnung aneinandergereiht sind. Auch wenn in diesem Satz nicht aufzufinden ist, wohin der Sprecher morgen wieder kommen wird, ist es für den Adressaten im face-to-face- Gespräch verständlich. Des Weiteren wird in diesem Satz über Ich (Referenz) gesagt, dass es morgen wieder kommt (Prädikation), womit der propositionale Akt hier ebenfalls realisiert ist. Als Intention des Satzes ist zu erkennen, z.B., dass der andere morgen ebenfalls wiederkommen soll. Somit ist die Konsequenz, die charakteristisch für den perlokutionären Akt ist, verdeutlicht.

Hallo stellt einen Äußerungsakt, aber auch einen illokutionären Akt dar, da man mit Hallo eine Handlung vollzieht: die der Begrüßung. Auch der perlokutionäre Akt wird durch dieses einzige Wort verwirklicht, da man durch diese Äußerung ebenfalls eine kausale Wirkung beim Hörer hervorruft. Ein Hallo hat also, auch wenn es keinen vollständigen Satz darstellt, ebenfalls eine Folgewirkung. Einzig der propositionale Akt ist hier nicht realisiert. Ein Hallo legt höchstens indirekt fest, wovon die Rede ist (z.B. von einer Begrüßung), keinesfalls lässt sich jedoch eine Prädikation erkennen. Referenz und Prädikation sind hier als Voraussetzung für den propositionalen Akt demgemäss nicht vorhanden. Somit kann man sagen, dass z.B. ein Hallo, Aua oder Oje eine Ausnahme der Regel „Kein illokutionärer Akt ohne propositionalen Akt“ darstellen.

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Details

Seiten
21
Erscheinungsform
Erstausgabe
Jahr
2003
ISBN (eBook)
9783956848957
Dateigröße
15.2 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v297846
Institution / Hochschule
Universität Hamburg
Note
1,7
Schlagworte
Sprechakt Searle Austin Sprechaktklassifikation Grice Friedrich Ludwig Gottlob Frege

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